vom Hufe abstach . Dankmar sah eine Weile zu . Der junge Zeck grüßte flüchtig und eilte sich in der Arbeit , was er nur konnte . Der junge Ackermann hielt sich inzwischen in der Ferne auf dem Rasen und schien sich mit Bello ausgesöhnt zu haben . Kaum hatte sich Dankmar wieder nach ihm umgesehen , war auch die letzte Arbeit in der Schmiede verrichtet . Der Knecht bezahlte und eilte mit seinem Pferde davon . Der junge Zeck verschwand in dem innern kohlengeschwärzten Hause . Dankmar beschloß , sich dem blinden Alten vor seiner Abreise doch noch einmal zu empfehlen . So folgte er in die dunkle leere Werkstatt und sah eine kleine schmale Treppe , die oben in die Wohnung des Schmieds führte . Er trat behutsam auf . Die Nachwirkung des Eindrucks , den der Knabe in seiner Sanftmuth auf ihn gemacht hatte , ließ ihn leiser auftreten , als er sonst würde gegangen sein . Man hörte ihn nicht . Wie erstaunte er daher , als er unerwartet oben , eine Thürklinke niederdrückend und in ein niedriges Gemach eintretend , den blinden Zeck eben im Begriffe fand , einen ganzen Tisch voll flimmernder , hellblitzender Goldstücke einzustreichen ! Der taube Sohn stand gierig gaffend daneben und der Amerikaner wollte eben gehen .... Wer da ? rief der Blinde mit Heftigkeit , als er sich so plötzlich überrascht fand . Sein sonst so feines Gehör mußte ihn bei dem Fühlen und Tasten nach den schweren Goldstücken verlassen haben , sonst würde ihm wol schwerlich das wenn noch so stille Hinaufsteigen Dankmar ' s entgangen sein .... Beruhigt Euch ! sagte Dankmar . Ich wünsch ' Euch alles Glück , wenn Ihr in der Lotterie gewonnen oder eine Erbschaft gemacht habt . Ich wollt ' Euch nur sagen , daß ich aufbreche und wenn Ihr an den Fuhrmann Peters etwas zu bestellen habt - Nichts ! Nichts ! Was Peters ! Herr ! polterte der Blinde grob und unhöflich . Seit dem plötzlichen Reichthum schien er auch schon alle Fehler der Reichen bekommen zu haben . Sein Zorn erinnerte Dankmarn an die Bosheit , mit der er heimlich gestern den vorlauten Bello hatte niedertreten wollen . Der Alte hatte sein schon halb lose hängendes Schurzfell rasch abgebunden und es wie zum Schutz auf den Tisch so geschwind gebreitet , daß einige Goldstücke auf die Erde rollten . Der Blinde tastete , der Taube kroch nach den rollenden Friedrichsd ' oren mit der Gier einer Katze . Es war ein häßlicher , ängstlicher Anblick .... Dankmar hatte schon die Thür in der Hand und entfernte sich , den feinlächelnden Amerikaner flüchtig grüßend , mit den Worten : Ich sehe , daß ich störe . Genießt Euer Glück in Frieden ! Lebt wohl ! Damit kletterte er getrost die Hühnersteige wieder hinunter zu Bello und dem Knaben , der inzwischen draußen im Vorbau der Schmiede auf einen dreibeinigen Schemel sich niedergesetzt hatte und dem Hund , der sich ihm jetzt nach Entfernung der garstigen Magd , die hinten an einem Ziehbrunnen wusch , traulicher anschmiegte , nach seinem traurigen Schaden sahe .... Wetter ! sagte Dankmar aufgeregt zu dem Knaben , wenn ich gewußt hätte , daß dein Vater oben Geldgeschäfte mit dem impertinenten alten Schmied hat , würde ich mich wol gehütet haben , ihn zu stören .... Es ist eine Erbschaft , sagte der Knabe , die ihm der Vater aus Amerika mitbringt . Eine Erbschaft ! Und das so aus freier Hand , ohne gerichtliche Vermittlung ? Erbschaften sollen nur durch die Behörden gehen . Verstehst du etwas vom Recht ? Der Knabe schüttelte den Kopf . Dankmar bemerkte mit Wohlgefallen die langen seidnen Wimpern des braunen Auges , die der kleine Amerikaner niederschlug , ohne eine gewisse Pfiffigkeit und Schlauheit verbergen zu können , die hinter seiner Scheu verborgen lag . Ihr wißt von unserm Amtswesen und unsrer Federfuchserei nicht viel ? sagte Dankmar , um sich von dem unangenehmen Eindruck , den ihm der oben erlebte Augenblick hinterlassen , zu zerstreuen . Doch , Herr , antwortete der Knabe und stemmte den einen Fuß wie spielend rückwärts an ein zerbrochenes Rad ; doch ! doch ! Der Vater hat sich freilich gestern nach dem Schmied und seiner Schwester erkundigt und sich nachschlagen lassen , was man auf dem Amt von ihnen weiß und da er fand , daß es die Richtigen sind , denen er das Geld zu bringen hat , so hat er ' s ihnen nun wol oben gegeben . Es war uns schwer genug . Um den Leuten Freude zu machen , wechselte er das Papier in pures blankes Gold . Die Schwester des Schmieds ? wiederholte Dankmar , erfreut durch die ermuthigte und gesammelte Antwort und den gutmüthigen Zug des Vaters . Also eine Schwester hat der Schmied ? Er ist blind , sein Sohn taub , was muß da wol die Schwester für ein Gebrechen haben ? Das Alter , hör ' ich ; sagte der Knabe lächelnd . Das Alter ! .... wiederholte Dankmar . Die Antwort gefiel ihm . Er schaute ganz betroffen auf , vergrößerte die Augen und hätte fast Brav , mein Junge ! gesagt . Der Knabe aber , seine angenehme Erregung übersehend , fuhr harmlos fort : Sie sollte erst in die Schmiede kommen , daß wir ihr hier ihren Antheil auch auszahlten und das schwere Geld loswürden . Aber sie soll seit Jahren ein Gelübde gethan haben , nicht weit vor die Thür zu gehen und so müssen wir ihr ' s nun wol selbst bringen ..... In diesem Augenblick rief vom Innern der Schmiede her eine starke sonore Stimme : Selmar ! Dem nun aufspringenden Knaben trat sein Vater entgegen . Wie dieser Dankmarn erblickte , sagte er freundlich : Sie waren sehr rücksichtsvoll , mein Herr ! Wie rasch Sie sich entfernten ! Ja , ja ! Der Blinde oben ist außer sich , daß Sie uns da so plötzlich überrascht haben . Diese Leute wollen um jeden Preis etwas besitzen , es aber um ' s Himmelswillen Niemanden sehen lassen . Er kann schon sicher sein , sagte Dankmar , daß ich weder , was ich sah , noch was mir mein kleiner Freund Selmar erzählte , ausplaudern werde ..... Dankmar benutzte die Gelegenheit , zu bemerken , daß er endlich den Namen des jungen Ackermann erobert hätte . » Freund Selmar ! « » Ausplaudern ! « Diese Worte schienen einen Eindruck auf den Vater zu machen . Er warf einen eigenen verlegenen Blick auf sein Kind . Selmar faßte ihn unterm Arm . Beide schickten sich an die Schmiede zu verlassen . Sie kommen aus Amerika ! sagte Dankmar , sich anschließend und die fortdauernde Verlegenheit des Vaters nicht bemerkend . Sind die Amerikaner denn auch so wunderlich in Geiz , Habsucht und Verstellung und unsern andern versteckten europäischen Lastern ? Ackermann antwortete im Gehen lächelnd : Der Amerikaner trägt gern offen zur Schau , was er besitzt , prahlt auch wol ein wenig .... aber die schnöde Furcht des Besitzes ist selten . Findet sich dies Laster , so ist es aus Europa mit hinübergebracht . Wie bei Morton ? Nicht wahr ? sagte Selmar . Dem Vater schien Selmar fast mit Dankmarn schon zu vertraut geworden . Er blickte Dankmarn wiederholt an und schien sich zu überlegen , ob sein Sohn gut gethan hätte , sich dem jungen Fremden schon so weit zu vertrauen , daß er von einem gewissen Morton sprach ..... Morton ? wiederholte er und schwieg . Die Stimmung , die durch diesen wiederholten Namen und das plötzliche Stillschweigen des Vaters zwischen allen Dreien entstand , löste der junge Zeck , den Dankmar jetzt erst hinter ihnen bemerkte . Dahin wohnt die Tante ! sagte er und zeigte dem Walde zu . Er sah dabei Dankmarn stutzig an und schien fragen zu wollen , ob dieser zu der Partie gehören dürfe ..... Alle Vier waren aber schon auf dem Wege und der Fußsteig von hier nach dem Walde zu gehörte zuletzt Jedem . Dankmar , der sich nicht irre machen ließ , gab wol die Frage nach dem Geizhalse Morton auf , bemerkte aber , zu Ackermann gewandt und innerhalb der Grenze erlaubter Neugier : Sie sind in Deutschland geboren ? Vielleicht schon früh ausgewandert ? Vor einigen zwanzig Jahren ! sagte der Fremde und blickte sich nach Selmar um , der sich eben von ihm getrennt hatte . Diese Trennung galt Bello , auf den der Knabe sich schon soviel Einfluß zutraute , daß er diesen von dem Unmuth beruhigte , der ihn wieder beim Anblick des jungen Zeck befiel . Ich habe mich in der Union drüben viel herumgetummelt , sagte dieser sogenannte Ackermann , bis ich endlich am Missouriflusse in dem Städtchen Columbia mich niederließ . Mein Weib , das ich aus Deutschland mitgeführt hatte , starb vor noch nicht lange und hinterließ mir da den spät gebornen Jungen . He Selmar ! Selmar ! Laß doch dem Thierchen seine Freude ! Der Junge ängstigt sich .. Sie wissen wol , in Amerika bellen die Hunde nicht .. Der taube Zeck öffnete ein Stacket , durch das man erst zu einer Wiese und dann zum frisch sie anwehenden Walde gelangte . Er blieb , als Selmar und sein Vater passirt waren , stehen und machte eine hämische Miene , indem er in der den Tauben eigenen leisen Art , aber dummdreist , zu Dankmarn sprach : Wir gehen aufs Jägerhaus ! Dankmar achtete nicht . Aber auch Ackermann schien Dankmar ' s weitere Begleitung nicht vorauszusetzen und blieb stehen , wie wenn man sich empfehlen wollte .... Selmar aber hatte den lahmen Bello aufgegriffen und ihn mit den Worten : Armes Thierchen , das Laufen wird dir schwer ; ich trage dich ! an die Brust gedrückt und war ohne Rücksicht auf den Vater und den Fremden schon ein Stückchen Weges weiter gegangen . Kinder und Thiere bringen die Menschen zusammen ! dachte Dankmar und schritt über die Wiese getrost mit zum Wald hinüber . Vater , sagte Selmar sich umwendend , so mächtig wie unser Büffelforst ist ein deutscher Wald doch nicht ! Das wollt ' ich meinen , Junge ! antwortete der Vater , der sich in Dankmar ' s Begleitung nun ergab . Hast du das Stacket bemerkt ? Kein Jagdgesetz hegt unsern Urwald ein ! Wohl Vater .... aber .. Aber ? Lieblicher ist der deutsche Wald ! Was lieblicher ! Sieh , bei uns unter den riesenhohen Bäumen mit dem rothen Holze und den ellenlangen Nadeln , wer kann da lustwandeln ? Überall Stämme , deren Wurzeln hoch aus der Erde herausstehen und quer über Das hinweglaufen , was ungefähr wie ein Weg aussieht und doch keiner ist ! Dazwischen ganze Bäume , die während der Überschwemmung des Missouri ausgerissen wurden und hoch in den Zweigen der andern stecken blieben , wo sie jeden Augenblick niederstürzen können ; der fürchterlichen Steine garnicht zu gedenken , die von uraltem Moos zerfressen überall umherliegen und die ganze Ordnung so einer friedlichen Baumgruppe stören . Sieh nur , Vater , wie die Sonne so heiter durch das Hellgrün der Buchen schimmert ! Bei uns dringt die Sonne garnicht durch oder fällt nur von oben so geheimnißvoll herab , daß man sich nach dem Felde hinaussehnt , wo sie frei scheint . Und auch dort , gesteh ' s nur , Vater , was hat man als die unabsehbar große Prairie , die wie ein grünes Meer ist , endlos , unheimlich und recht melancholisch ! Da sehen Sie es , sagte Ackermann nach dieser gewandten Schilderung , die Dankmarn überraschte und fast erschrecken ließ , daß er den gebildeten Knaben ohne Weiteres mit Du angeredet hatte ; da sehen Sie ' s , Selmar hat es darauf angelegt mich hier zu behalten . Wie gefiel ihm nicht das abscheuliche London , das garstige Hamburg ! Gestern auf dem Schloßberge oben bekam er Gefühle , wie ein junger , unter Klosterruinen erzogener Siegwart ! Ein Amerikaner ! Ein praktischer Verstandesmensch ! Schäme dich ! Selmar lachte . Er hatte es schlau angefangen . Erst den Vater durch ein Lob Amerika ' s gewonnen und dann doch seine Meinung gesagt . Dankmar hörte schweigend zu . Er lächelte mit Wohlgefallen und Überraschung . Die gebildeten Äußerungen des Knaben , der freundliche Scherz des geistreichen , plötzlich so fein und unterrichtet sich ausdrückenden Vaters erfreute ihn innigst . Der Träumer trifft dich , Vater , sagte jetzt Selmar , ließ den unruhig zappelnden Bello wieder laufen und hüpfte zu Ackermann heran , ihn zärtlich umfangend . Wie so mich ? Er trifft dich , Vater ! Besinne dich nur auf Gestern ! Erst wolltest du nicht hinauf auf ' s Schloß , weil du wol dachtest , da fallen mir all ' die schönen Mährchen und Geschichten ein , mit denen du und die Mutter mich in der langen trüben Regenzeit in Columbia unterhieltest ! Weißt du noch die Sagen vom Kynast , vom Falkenstein , vom Kyffhäuser und vom Drachenfels ? Immer zanktest du , wenn die Mutter von diesen Geschichten anfing , und sagtest : Laß das dumme europäische Zeug ! Wenn aber die Mutter doch erzählte und nicht recht weiter konnte oder eine Sage nicht mehr recht im Zusammenhange wußte , fielst du ein und erzähltest mehr als sie . Ja , ja ! Aber oben ..... was ist oben auf dem Schlosse gewesen ? Verstell ' dich nicht ! Wie du oben an dem Schlosse warst ... rührte dich Alles , der kleine Pavillon im Garten , die Grotte , die kleinen Wasserfälle , die du , um nur spotten zu können , kleine Fingerhut-Niagaras nanntest ; Und mit der alten Beschließerin und dem weißhaarigen Gärtner , mit dem besonders , hast du gesprochen , als wenn sie Kuno und Kunigunde hießen und seit tausend Jahren da wohnten .... Brigitte , heißt die Alte , Kind ! Das ist ein ganz romantischer Name ! Aber du irrst , mein Junge , die thaten mir ' s nicht an . Jedes dritte Wort war ein Bibelvers . Das können wir in Philadelphia auch haben . Ja ! Das war ' s , was mich ergriff , Kind , die Erinnerung an Philadelphia ..... O du entkommst mir nicht ! sagte der liebliche Knabe , immer zärtlich und dem Vater so treu ins Auge blickend , daß im Vaterauge wirklich eine Thräne der Rührung quoll ; gestern hast du beim Anblick des Schlosses oben eher an die Hängematte eines Negers gedacht , als bei den beiden alten Leuten , die es hüten , an Philadelphia ! Junge , was soll der Herr da von deinem Geschmack denken ? Das alte Rococo-Möbel .. im Commodenstyl ! Wie kann uns das an deutsche Sagen erinnern ! Erzähltest du nicht von der alten Geschichte des Hauses Hohenberg ? Und von den Grafen Bury , die mit ihm verwandt sein sollten ? Und dir gefiel auch das alte Möbel mit seinem geschnörkelten Eisengitter , den vergoldeten Namenszügen und den wunderlichen Fratzen über den Fenstern ! Und wie du erst hineintratest in den Hof .. oben war bunte fröhliche Gesellschaft , .. da schautest du in die Fenster so nachdenklich , so feierlich , als wolltest du dir schon die Stelle aussuchen , wo du deine Bücher hinstellen könntest , hier die deutschen , da die englischen und französischen , und wie du hinaufblicktest auf die Krone , die über dem Giebel des Portales schwebte , da dachtest du dir gewiß : da setz ' ich meinen durchbrochenen Himmelsglobus hin und betrachte mir von seinem Innern aus in schönen Winternächten die Sterne . Wenn keine Krähen drin nisten ! sagte Ackermann und fuhr nach einer Weile fort : Du bist ein Phantast ! Man sieht , daß du von deutschen Ältern stammst und deutsche Ältern ihre eigne Heimathssehnsucht in dich hineingeseufzt haben . Im Gegentheil ! Ich habe Mitleid mit Denen , die sich da oben hinpflanzten und Einsiedler sein wollten . Reuige Menschen zogen oft in die Wüste , aber sie nahmen keinen Spiegel mit , der dazu dienen sollte , sich doch immer noch selbst nicht zu vergessen . Thaten sie es , wie Timon der Menschenhasser , so wollten sie im Spiegel nur ihren Verfall , ihr Elend erblicken . Der Ort da oben kommt mir wie ein Spiegel vor , in dem eine Büßerin beschaut , wie sie bei aller Reue sich doch noch immer schön ausnimmt .... Die Bewohnerin des Schlosses , sagte Dankmar , war die Fürstin Amanda von Hohenberg . Ich weiß es , bemerkte Ackermann ernst und mit auffallender Bestimmtheit . Sie wurde fromm , fuhr Dankmar fort , als sie sich unglücklich fühlte und keine irdische Rettung mehr kannte . Ihr Gatte trug einen berühmten Namen ohne Würde . Er verschleuderte sein Vermögen . Die Arme ließ nichts zurück , als ein gesegnetes Andenken und einen Sohn , der , wenn ich nicht sehr irre , gelernt hat , irdische Auszeichnungen entbehren . Dankmar sprach diese Worte mit fester und doch bewegter Stimme . Er hatte eine so tiefe Achtung vor seinem Reisebegleiter in der Blouse gewonnen , daß er glaubte , hier für ihn einstehen zu müssen , wo seiner unglücklichen Mutter vorgeworfen wurde , sie hätte mit ihrer Frömmigkeit es doch wol nur auf die hergebrachte weibliche Eitelkeit , wenn auch in andrer Form , abgesehen gehabt und es wäre ihre Reue von Selbstzufriedenheit begleitet gewesen . Ackermann wandte sich auf diese Worte plötzlich , blieb einen Augenblick stehen und sah Dankmarn mit fragendem Ernste an . Kennen Sie den Prinzen Egon ? sagte er , hochroth erglühend . Ich kenne ihn ! erwiderte Dankmar mit einer Erregung , die ihm gleichfalls in die Wangen stieg . Ich verbürge mich für ihn ; setzte er entschieden hinzu . Es kennt ihn hier Niemand , sagte Ackermann , es kannte ihn in der Residenz Niemand , er lebte in Paris ; und Sie ... kennen ihn ? Ich kenne ihn ! erwiderte Dankmar bestimmt und war fast entschlossen abzubrechen und umzukehren . Ackermann schwieg , betroffen , wie es schien und seine Anklage bereuend . Er wandte sich wie in tiefes Nachdenken verfallen , zu dem jungen Zeck , der mit schwerem plumpem Gang voranschritt und einmal über das Andere für sich über das Glück seines Vaters und seiner Tante in sich hinein lachte . Die für die Letztere bestimmten Goldstücke mußte Ackermann in der weiten Brusttasche tragen , denn mit stierer Neugier und einem gewissen vertraulichen Zublinzeln zu dieser Stelle schien der Taube sagen zu wollen : Nicht wahr , da steckt das Geld für die Tante ? Nur zu Dankmarn wandte er sich dann wieder mit mistrauischer Furcht und betrachtete ihn noch ängstlicher als gestern schon , wo er sich als Eigenthümer des an ihrer Schmiede verlorenen Schreines zu erkennen gegeben hatte ... Selmar blieb bei Dankmarn zurück . Es scheint , sagte Dankmar , als wenn ihr Beide , du und dein strenger Vater , im Streite wäret , wo ihr künftig leben solltet , hier oder wieder drüben , jenseit des Meeres ..... Das eben ist es ! sagte der Knabe . Der Vater muß eine üble Meinung von Europa haben . Ich hörte es an der heftigen Anklage gegen die frömmelnde Fürstin Amanda ... Er war gestern anders .... Sonderbar .. Kannte er sie ? Die Fürstin Amanda ? sagte der Knabe erstaunend . Ich glaube : nein ! Ist der Vater reich , so sollte er diese Besitzung kaufen ...... Sie ist zu haben . Ja zu haben ! rief der Knabe lachend und schüttelte den Kopf , als glaubte er , dazu gehörten Millionen . Dann fuhr er fort : Nein , nein ! Der Vater kämpft mit sich , was er mehr lieben soll , die alte oder die neue Welt . Erst zog es ihn mit so großer Gewalt nach Europa zurück , er traf alle Einrichtungen , nie wieder zu kommen , ließ Haus und Hof in getreuen Händen , die , im Fall er nicht wiederkäme , ihm dafür den baaren Betrag einer ansehnlichen Kaufsumme schicken wollen und nun gefällt ihm ja das alte Heimathland nicht mehr ! Jede Gegend , die er von früher sieht , erweckt ihm traurige Erinnerungen und während er so rüstig , so gesund und sonst so heiter ist , ruft er hier überall aus : Ich bin alt geworden , alt ! ... und blickt dabei so wehmüthig gen Himmel , ... daß ich weinen möchte ! Selmar weinte ... Armes Kind ! sagte Dankmar , den Knaben tröstend . Und dir geht es umgekehrt ? Dir gefällt die Heimath deiner Mutter . Dich kann ein Land nicht befriedigen , wo wie in Missouri noch Sklaven dem Boden seine Erzeugnisse abgewinnen . Dich reizt das Gewühl unserer Städte , die bunte Mannigfaltigkeit unserer Bestrebungen , die Verschiedenheit der Sprachen , der Luxus , die Pracht der Lebensweise , die schönen Krieger in glänzenden Uniformen - nicht so ? Selmar wurde über und über roth und lachte plötzlich . Ei bewahre ! sagte er endlich ganz verschämt . Doch ! doch ! fuhr Dankmar fort . Das ist ' s , was dich fesselt ! Für ein so schönes Schauspiel , wie bei uns eine Heerschau der buntgeschmückten Krieger in funkelnden Waffen und bei kriegerischen Klängen , giebst du noch Amerika ' s ganze Freiheit hin , alles das , was ohne Zweifel die wahre Fessel ist , die den Vater an Amerika kettet ; denn aus seinen Äußerungen über das Schloß dort oben seh ' ich , daß er die Wahrheit und das Licht der Vernunft liebt . O gewiß , Wahrheit und Vernunft liebt der Vater ! sagte Selmar mit leuchtenden Augen . Dann fuhr er fort : Glaubt nur nicht , daß ich kein Herz für die Größe der Union habe und die freie Staatsform , in der wir leben , geringschätze . Indessen - Warum stockst du ? Ich will es auch nur aufrichtig sagen , fuhr Selmar mit herzlicher Innigkeit fort . An dieser Lust , die ich empfinde , Europa und Deutschland zu sehen , ist die Mutter Schuld . Sie schläft drüben in amerikanischer Erde ! Aber ihre Seele , wenn es Gott gestattet , daß sie zuweilen noch auf Erden weilen darf , würde am glücklichsten sich fühlen , dürfte sie hier weilen unter den deutschen Eichen . Sie umschwebt uns gewiß überall , wo wir weilen werden und zögen wir in die Wildnisse Asiens . Aber das reinste und schönste Opfer , das man ihr bringen kann , wäre das , wenn wir da lebten , wo ihr Geist auch die Andern noch umschweben kann , die sie hier liebte und verließ , als sie nach Amerika zog ..... Dankmar empfand diese schlicht vorgetragenen , tief empfundenen Worte in ihrer ganzen Wahrheit . Er sah im Geist die Mutter dieses Knaben sich trennen von denen , die ihr hier nächst dem Gatten das Liebste waren und mit halbgebrochenem Herzen in das ferne Land dem noch jetzt schönen , edlen Manne folgen , der da vor ihm herschritt mit eben ergrauendem Haare , noch stolz und männlich ! Er konnte nachfühlen , wie hier ein Kinderherz früh getheilt war zwischen dem , was den Vater beglückte und dem , was die Sehnsucht der Mutter war . Vielleicht lebten hier noch viele Menschen , denen Selmar die Züge der frühvollendeten Mutter zurückrufen sollte ; vielleicht sollte dieser Knabe ihnen Ersatz für Das werden , was sie an ihr selbst verloren ..... Um der wehmüthigen Stimmung Selmar ' s keine neue Nahrung zu geben , lenkte Dankmar das Gespräch darauf hinüber , daß er sagte : Ich kann mir denken , was die gute Mutter von Europa Alles mag erzählt haben und wie das früh in deinem Kopf gezündet hat . Hättest du in New-York gelebt , würde das Geräusch einer großen Weltstadt auch nicht den Drang nach der Ferne so mächtig in dir haben aufkommen lassen ; aber eine solche kleine Niederlassung am Missouri , unter Urwäldern und Prairien ! Da mag es melancholisch genug sein und ich kann mir denken , die Sagen vom Kynast und Drachenfels , die dir in der trüben Regenzeit erzählt wurden , kamen nicht vom Vater - Nein ! fiel der Knabe ein , die kamen von der Mutter , der guten Mutter . Sie war nur Liebe und Güte . Wie hieß sie ? sagte Dankmar und dachte dabei nur an ihren Vornamen ... Der Knabe erröthete , fast erschreckend . Er that , als hätte er die Frage überhört und machte sich mit den Sträuchern am Wege zu schaffen , von denen er einen kleinen Zweig abbrach . Dankmar nahm das Nichtbeantworten seiner Frage für zufällig . Nur daß der Knabe zum Vater hinsprang und er allein blieb , wie Einer , der nicht zu den Andern gehörte und sich doch wol nur als einen Aufdringling betrachten müsse , war ihm peinlich . Er blieb stehen und hätte die Fremden vielleicht ohne Abschied gehen lassen , wenn sich nicht Ackermann umgewandt und auf ein kleines Haus in einem grünen Thalgrunde , der abwärts vom Walde nun in die Tiefe ging , aber rings vom Walde noch eingeschlossen blieb , gezeigt hätte mit den Worten : Da ist das Jägerhaus ! Offenbar wollte er sagen : Sie begleiten uns doch ? Aber Dankmar fühlte etwas , was ihm zuflüsterte : Das Geschäft dieses Mannes im Jägerhause ist wol so eigner Art , daß du nur ein unwillkommener Zeuge sein würdest . Er sagte daher kürzer und fast schroffer , als er wollte : Entschuldigen Sie meine Begleitung ! Ich konnte dem lockenden Walde nicht widerstehen . Damit lüftete er den Hut und nickte dem Knaben , der nachdenklich und wie eingewurzelt stand , ein freundliches Adieu ! zu . Auch Ackermann schien betroffen , wandte sich aber ... Lästig war das erneute garstige Bellen des Hundes , der seinen Namen » Bello « von der Schönheit seines Äußern weit weniger , als vom Bellen verdiente . Während Dankmar ihn zur Ruhe bedeutete , gingen die Wanderer schon weiter , ohne sich anfangs nach ihm umzublicken . Nur Selmar , als sie im Grunde waren , that es noch zuweilen , aber wie verstohlen . Dankmar ' s Augen waren scharf genug , noch einige Zeit zu verfolgen , wie traurig dabei des Knaben Miene schien und daß beide stumm nebeneinandergingen . Warum folgst du nicht ? schienen ihre Augen sagen zu wollen und Dankmar sagte sich selbst : Warum folgst du nicht ? ..... Der Weg , der zum Jägerhause führte , erstreckte sich ziemlich lang am Rande des Waldes und der Wiese hin , die rings vom Walde eingeschlossen war und zu abschüssig ging , als daß man quer über sie hätte hinwegschreiten können . Dankmar stand an einem alten Eichenbaum und sahe , die Arme verschränkend , dem Amerikaner und seinem Sohne nach . Was zieht mich euch Beiden nach , sagte er sich , dir du strenger Mann und dir du holder Knabe ! Ist es die wunderbare ferne Welt , aus der ihr wiederkehrt und die vielleicht auch einst nur das Land sein wird , wo meine Träume reifen können ? Warum trennen wir uns , da wir uns kaum begrüßten ? Warum kann ich nicht gleich tief in deine Seele und dein ganzes Leben greifen , tüchtiger Mann , der du gewiß von deinen eigenen verzweifelten Stunden her Timon den Menschenhasser kennst und den Spiegel kennst , in dem er sich selbst anredete und die Menschen verfluchte ? Warum hab ' ich nun kein Zeichen , das dir gleich gesagt hätte : Ich fühle Ehrfurcht vor deinem Antlitz , deinem Auge , deinem leise angegrauten Haar ! Wenn ich dich selbst nicht lieben könnte , so lieb ' ich dich in deinem Sohn ! Ich weiß es schon , du Kräftiger , daß in dir Gedanken leben , die höher hinaufweisen als die gewöhnlichen Wegweiser unserer grauen Theorie ! Du hast nachgedacht , du hast gefühlt , gelebt , geliebt ! Ich weiß schon Alles ..... Ein Weib folgte dir und vergaß ihre Thränen in deinen Umarmungen und dies Kind ist das Unterpfand dieses Schmerzes , das Denkmal einer Liebe , die sich noch im Tode bewährte ... und die du selber ehrst , sonst würdest du nicht dies Europa wiedersehen wollen , dies Land , das dich doch sicher - denn du heißest schwerlich so , wie du dich nennst ! - von seinem Herzen stieß ! Wo kann ich dir wieder begegnen , edler Mann ? Wo mich an deiner starken Hand führen ? Nie also , nirgends mehr ? Das wäre so verloren ! Und warum verloren ? Weil du die Menschen vielleicht hassest wie Timon ? Nein ! Weil du mich für einen gedankenlosen Dieb deiner Zeit hältst , der nichts kann , als fremde Menschen belästigen und zwecklos ausfragen ! Ich mißfiel dir ; du kennst mich nicht ! Warum ist nun kein Wort möglich , das mit einem Hauche sagt : Hier ist auch ein Mensch , ringend , wie du einst gerungen hast , ein Mensch ohne Ehrgeiz für sich , aber voll Ehrgeiz für das Allgemeine ! Das Allgemeine ? Ja das Allgemeine ! Das nicht Einen , nein Tausende , Hunderttausende Gleichgesinnter braucht ! Sind wir beide gleichgesinnt ? Warum erkennen wir uns nicht ? Die Freimaurer erkennen sich ! Gerechter Gott , und was drückt das aus : ein Freimaurer ! Wenig genug , wenn man Lessings Geständnisse liest . Und doch grüßen sie sich geheim , wie mit einem Gruße in der Wildniß ! Man ist mit diesem Gruße nicht mehr dunkel über sich , man hat