wenn es dachte , wie viele Menschen sich versündigten mit Klagen und Undankbarkeit und so glücklich sein könnten im Vergleich gegen Andere , wenn sie nur den Verstand hätten , es zu begreifen . Wenn sie nur einen Augenblick sich in andere Strümpfe denken könnten , so käme sie eine unendliche Dankbarkeit an . Es schauderte ihns , wenn es dachte , es sollte an seiner Freundin Platz nur eine Woche lang und ihr Mann sollte sein Mann sein . Da war doch dann Uli ein ganz Anderer , und wenn es schon zuweilen Vreneli dünkte , Uli sollte auf festern Füßen stehen , so war er doch ein Mann und nicht so ein Züttel , ein Fösel und Höseler . Erst wenn man mit eigenen Augen so recht in andrer Menschen Verhältnisse hineinsehe , begreife man , wie gut man es habe , wie gütig Gott sei , wie grob man sich versündige mit Unzufriedenheit , sehne sich heim und fühle sich erst glücklich , wenn man alles so finde , wie man es verlassen und zwar in aller Unzufriedenheit . Je mehr es so dachte , desto mehr trabte es vorwärts , es war ihm , als könnte ihm sein Heim gestohlen werden und wenn es hinkomme , sei nichts mehr da als eine Öde , das Haus verbrannt , die Kinder tot , Uli weg . Aber es ging Vreneli wie vielen Weibern , welche nicht viel vom Hause kommen , seine Schuhe fingen ihns an zu plagen . Die Hausgeschäfte werden in Holzschuhen oder sonst bequemen , großen Schuhen verrichtet , die bessern , eleganten Lederschuhe zieht man selten an ; sie trocknen wohl aus , und wenn dann zur Seltenheit weiter gegangen werden soll , vertragen sich die bequem gewordenen Füße schlecht mit den knappen , spröden Schuhen . Es gibt viele unangenehme Verhältnisse in der Welt , aber das Verhältnis zwischen einem weichen Fuß und spröden Schuh wo der eine zu breit ist , der andere zu eng , ist doch eins der allerunangenehmsten , besonders wenn soll gelaufen werden und zwar stundenweit . Es gibt Leute , welche kein Verhältnis begreifen und namentlich dieses Verhältnis nicht . Köchinnen und selbst Kammerzofen , vorzüglich aber Stall , und andere Untermägde befinden sich in diesem Falle . Wenn der Schuhherr kommt , das Maß zu nehmen , biegen sie die Zehen zusammen oder unter die Sohle , befehlen dazu : » Ganz klein , ganz klein , Sonntagsschuhe ! « , wahrscheinlich Betmaschinen , um sie zum Seufzen und Beten zu zwingen . Nun , da gehts dann eben wie bei allen unnatürlichen Verhältnissen ; solange man in denselben lebt , ist man sauübel , schrecklich unglücklich , man schreit nach Gott , und hat man genug geschrieen , platzen sie endlich . Ganz jämmerlich mußte Vreneli pilgern , wie wenn es Erbsen in den Schuhen hätte . Auf Wallfahrten büßt der Mensch halt seine Sünden . Ehedem wallfahrtete man nach heiligen Orten , Jerusalem , Loretto , Einsiedeln , mit Erbsen in den Schuhen oder gar rückwärts nach Rom . Heutzutage pilgern die Mädchen nach Tanzplätzen , stehen große Qualen aus dabei ; barfuß trifft man sie oft an , an Orten , wo sie meinen , es sehe sie niemand , oder rückwärts gehend von Wirtshäusern , vorwärts Buben lockend , bis sie plumps liegen in schmutzigem Loche . Nun , Vreneli pilgerte auf guten Wegen , aber auf solchen muß man oft leiden , was auf schlechten Wegen und noch mehr , und nicht böse werden darüber . Das ward Vreneli auch nicht , seufzte bloß zuweilen , ward in seinen Gedanken unterbrochen und dachte endlich wenig mehr als , es wollte , es wäre daheim . Es schämte sich seines hinkenden Ganges , sah so wenig als möglich auf , in der Hoffnung , wenn es sich um die Begegnenden nicht kümmere , kümmerten sie sich auch nicht um ihns , was jedenfalls ein sehr einseitiger Schloß ist . Da hielt neben ihm ein Wägelchen , von demselben herab kam eine Stimme : » Wieweit noch heute ? « Da zuckte Vreneli zusammen , sah auf , und auf dem Wägelchen saß Uli . Der lachte über Vrenelis Studieren , ob welchem es nicht wisse , wer an ihm vorbeikomme , und Vreneli war es eine höchst angenehme Überraschung , erstlich wegen den Füßen und zweitens wegen Uli . Wer einmal schlimme Füße in engen Schuhen gehabt hat und noch zwei lange Stunden wenigstens vor sich , der weiß , wie hell es plötzlich vor den Augen wird und wie eine Stimme von einem Fuhrwerke herab , welche aufsteigen heißt , ungefähr tönet wie eine Stimme aus dem Himmel . Wenn es dann noch gar die Stimme des Mannes ist , welcher seiner Frau ungeheißen und unerwartet entgegengefahren aus bloßer Liebe und Zärtlichkeit , ja dann fehlen alle Vergleichungen , um auszudrücken , wie die Stimme tönet im Herzen der angerufenen Frau . Vreneli konnte nicht satt werden , Uli Dank und Freude auszusprechen für seine Güte und daß er ihm seine Höllenqualen abgekürzt , Uli dagegen entschuldigte sich , daß er nicht weiter gekommen : Erstlich sei er aufgehalten worden , und zweitens habe er nicht gedacht , daß Vreneli so früh sich heimmachen werde , das Heimgehen falle manchmal Gotten erst ein , wenn es zu spät sei . Nun erzählte Vreneli , wie es ihm ergangen , wie es die Gesellschaft verlassen , ehe der Braten gekommen , und wie es den Rest des Nachmittags zugebracht . Es konnte sich nicht innig genug ausdrucken , wie zufrieden es geworden mit seinem Schicksal , Uli nicht sattsam genug zu Gemüte führen , wie sie Ursache hätten , Gott zu loben und zu preisen für seine Güte an ihnen . Wenn sie nur genügsam wären , so hätten sie mehr als genug , brauchten sich nicht so zu kümmern ums - tägliche Brot und hätten doch immer noch was übrig , dem Dürftigen zu helfen in seiner Not . Uli hatte die Not nicht selbst angesehen , hatte überhaupt nicht die Fertigkeit , sich in eine fremde Lage hineinzudenken , als ob es die eigene wäre , er nahm daher die Sache kaltblütiger und widerredete ; er war fast anzuhören wie ein alter Bauernaristokrat oder Dorfmagnat und stund doch so nahe in jeglicher Beziehung der Grenze , innerhalb welcher die Menschen wohnen , von denen er so über die Achsel hin sprach . Man müsse das nicht so nehmen , sagte er , das komme ihnen nicht halb so streng vor als andern Leuten , sie seien daran gewöhnt und kennten es nicht besser . Sei der Verdienst auch nicht groß , so hülfen sie mit Bettelei nach und Stehlen , und je mehr Kinder sie hätten , desto mehr trügen sie ein , wie die Bienenstöcke auch den meisten Honig hätten , in welchen die größten Schwärme wohnten . Übrigens müsse man sich hüten , ihnen alles zu glauben , zumeist sei es schon an der Hälfte zu viel . Betteln sei halt ihr Handwerk , je nötlicher sie zu tun wüßten , desto mehr trüge es ihnen ab , und je mehr sie gewahreten , daß man ihnen höre und glaube , desto dicker lögen sie , das sei halt nicht anders . Es gebe Leute , sie wüßten einem nicht bloß das Geld aus der Tasche , sondern fast die Augen aus dem Kopfe zu schwatzen ; wahrscheinlich gehöre das Mensch , bei welchem Vreneli so viel Mitleid und Rührung aufgelesen hatte , auch zu dieser Sorte . » Und was nicht zu vergessen , diese Leute haben gar viele Sorgen und Plagen nicht , welche wir haben . Haben sie gegessen , so sind sie fertig , legen sich schlafen , und wenn es wieder Zeit zum Essen ist , stehen sie auf , verlassen sich darauf , daß wieder was auf dem Tische sei . Unsereiner muß für alles sorgen , sorgen , wo er den Zins nehme , woher er Speise schaffe , am Ende noch großen Lohn , und tut er obendrein nicht jedem alles , woran er sonst noch denkt , muß er ein wüster Hund sein . Hat man endlich dieses alles überstanden und gemeint , man sei mit jedem fertig , so kömmt einem unerwartet was zwischendrein , ob welchem man aus der Haut fahren möchte . « » Mein Gott , was ist , hat es einem Kinde was gegeben ? « frug Vreneli erschreckt . » Das nicht , « sagte Uli , » sie sind alle wohl , haben nur nicht viel nach dir geweint ( ein schlechter Beruhigungsgrund ) , aber da kam einer wegen der Kuh , welche ich letzthin verkauft , sagt mir wüst , droht mir mit einem Prozeß , oder ich soll die Kuh zurücknehmen , Kosten zahlen und der Teufel weiß was alles . Ich habe ihn unsauber vom Hause weggejagt , aber die Sache ist mir doch nicht am rechten Ort . Geht er zu einem Agenten , so habe ich einen Handel am Halse , und wie recht ich auch habe , so weiß man wohl , wie es geht , wenn mal die Hagle die Finger darin haben . « » Was klagt er , was ist ? « frug Vreneli . Nun trug Uli die Geschichte vor , soviel er aus des Mannlis Gestürm hätte klug werden können , wie er sagte . Er selbst trug aber auch nicht zu der Verdeutlichung der Geschichte bei , denn es war einer von den zahllosen Händeln , welche sittlich und christlich schlecht sind , wo bloß das formelle Recht in Frage gestellt werden konnte , welches in der Schweiz nach Ordnung verzwickt werden kann , da bei den engen Grenzen der Kantone , wo täglich hinüber und herüber gehandelt wird , gezankt werden kann , nach welchen Gesetzen der Handel geschlossen worden oder nach welchen er entschieden werden solle . Vreneli begriff die Sachlage alsbald und sagte : » Aber Uli , wie kannst du so handeln ! Wie oft habe ich dir doch angehalten , du möchtest ehrlich sein und niemand anführen ( betrügen soll man ja nicht sagen ) , auch den fremdesten Menschen nicht ! Das bringt nicht Segen , macht einen schlechten Namen , und wie wenig oder nichts trägt es dir ab ! « » Oh , « sagte Uli , » es machte mir wenigstens zehn Taler Unterschied , und zehn Taler sind nicht zu verachten , besonders wenn man sie so nötig hat wie ich , zehn Taler findet man nicht auf der Gasse . « » Aber Uli , was sind zehn Taler , wenn du nun allgemeinverbrüllet wirst , wie du einen angeschmiert ! « » He , « sagte Uli , » es macht jeder , was er kann . Warum ist er ein Narr und glaubt mir ? Ich bin nicht der Erste und werde nicht der Letzte sein , der zu lösen sucht , so viel er kann , da , gegen wird wohl kein vernünftiger Mensch viel haben können . « » He ja , « sagte Vreneli , » das ist so ; rühmst du den Handel in einem Wirtshause , so wird dir jedermann beipflichten , sagen , gerade so müsse man es machen , und jeder wird zu er , zählen wissen , wie er diesen oder jenen noch zehnmal ärger angeschmiert , und der sei froh gewesen , sich stillzuhalten und zu schweigen , denn machen hätte er nichts können und das Auslachen gefürchtet . Kömmt dann der Handel vor Gericht und verlierst du ihn , so wird es allgemein heißen , es geschehe dir ganz recht , man hätte dir das vorher sagen können . Man hätte aber nicht geglaubt , daß du so schlecht seiest , vor so einem müsse man sich in acht nehmen ; werdest aber das Geld nötig haben , es hätte ihnen schon lange geschienen , es gehe nicht am besten . So werden sie reden , Uli , darum mach aus , ich bitte dich um Gottswillen ; leide Schaden , er wird nicht groß sein , und wie groß er ist , weißt du . Wie groß er aber werden kann , wenn du prozedierst , das weißt du nicht und davor graut mir . « » Ho , « sagte Uli , » gesagt ist nicht , daß es einen Handel gebe , er wird sich wohl bedenken , ehe er angreift . Dumm wäre es ja von mir , wenn ich gleich nachsagen wollte , was man mir vorsagt , dafür bin ich doch endlich nicht auf der Welt . Aber das Gescheuteste wäre , man würde von solchen Dingen den Weibern nichts sagen , sie verstehen nichts davon , meinen es doch und haken es gewöhnlich mit allen andern Menschen , nur nicht mit dem Manne . « » Rede doch nicht so ! « sagte Vreneli , » es tut mir sonst weh , und ich verdiene es gewißlich nicht . Mit wem wollte ich es halten als mit dir , denn wen habe ich auf der Welt als dich Wenn es dir gut geht , geht es mir gut , und geht es dir übel , wer muß zuerst aushalten als ich ? Aber ich bitte dich , sei doch nicht wie die andern Menschen mit ihrem Gestürm von Mit , halten und nicht Mithalten , das hat mich schon oft fast die Wände aufgetrieben . Der hält es mit mir und der hält es nicht mit mir , hört man alle Tage , und wenn ich es höre , möchte ich allemal beten : Vater , vergib ihnen , sie wissen nicht , was sie tun . Wer einem Menschen , der über Vater und Mutter schimpft , über die Meisterleute flucht , die Obrigkeit lästert , schimpfen , fluchen , lästern hilft , ihm den Zorn noch heißer anbläst , den Kopf noch größer macht , von dem heißt es : Das ist ein braver Mensch , hat Verstand , der hält mit mir ; oh , wenn die Leute alle so wären , dann wäre es noch zu leben in der Welt ! Wenn ich aber einem verirrten Kinde , einer erbosten Magd , einem Taugenichts zuspreche in wahren Treu , en , weil ich Erbarmen mit ihnen habe und mit unverblendeten Augen den Ungrund ihres Geschreis sehe und den Ausgang , wenn sie so fortfahren , so schreien sie , ich sei wider sie , halte es mit den Andern , begehren schrecklich auf gegen mich , und großen Verdruß habe ich von meinem Zuspruch . So haben es die Menschen mit dem Mithalten . Wer akkurat ins gleiche Horn bläst , in welches sie blasen , und akkurat in der gleichen Tonart , in welcher sie blasen , von dem sagen sie der sei ein Guter , halte es mit ihnen , und wer das nicht tut , sondern redet der Sache gemäß , über den erzürnen sie sich , schimpfen ; nach einigen Tagen und einigen Jahren sehen sie , wer es eigentlich gut mit ihnen gemeint , das heißt es mit ihnen gehalten . Denn mit einem halten , meine ich , heiße nicht mit einem dumm tun , ihn noch dümmer machen , sondern seinen Vorteil im Auge haben , oder wie es heißt im Eid : Schaden wenden , Nutzen fördern . Nun , lieber Uli , halte ich es fort und fort , in Freud und Leid , in gesunden und kranken Tagen mit dir , wie ich es dir verheißen habe , des sollst du überzeugt sein , aber ich möchte eben auch Schaden wenden und Nutzen fördern , und wo meine Augen anders sehen als deine , da sage ich es dir , und das nimm mir ja nicht übel , vier Augen sehen ja , wie das Sprüchwort sagt , mehr als zwei , und deswegen auch wird der liebe Gott den Ehestand eingesetzt haben . « » Oh , « meinte Uli , » wegen selbem wird es ihm wohl nicht gewesen sein . Ich weiß eigentlich wohl , daß du es gut meinst , aber gut Meinen und Verstehen sind zwei , und nebendem regieren die Weiber gerne ; jedes will den bessern Daumen haben von wegen der Ehre , und die größte Kunst ist das , Meister sein und alles zwängen und doch die Gute sein und vor den Leuten als eine Demutsvolle gelten . « » Sei nicht böse , « sagte Vreneli , » laß deinen Verdruß mich nicht entgelten , ich meine es so gut . Es ist schlimm , wo über die Meisterschaft geredet wird , denn da ist Streit . Ich meine , das Beste solle immer geschehen , da solle man nicht fragen , welche von den vier Augen , welche Gott zusammengefügt , es gesehen , sondern eben alles prüfen und das Beste erwählen . Und mit dem Verstehen ists so , wie unser Heiland sagt : oft begreift ein Unmündiger , was den Weisen der Welt verborgen bleibt . So weiß sicher oft ein dumm Weib besser , was schlicht und recht ist , als so ein Kabinettskopf und Rechtsfresser in all seiner gestudierten Weisheit . « » Ho , « sagte Uli , » das kann zuweilen der Fall sein zur Seltenheit , daß eine Frau noch schlauer ist als der schlimmste Rechtsagent , welcher dem Teufel von dem Karren gefallen ist , aber für so eine wirst du dich nicht ausgeben wollen ? « » Nein , das nicht , « sagte Vreneli , » aber du willst nicht verstehen , was ich meine , und das geht mir zu Herzen . Ich will nichts mehr sagen als : prozediere nicht , das ist des Teufels ärgster Lockvogel , wer mal anbeißt , den faßt er beim Ohr . « » Und lieb wäre es mir auch , « sagte Uli , » du würdest mir keine Stündelerin , sonst gut Nacht Friede und Hausen . Uha , Kohli ! Sollte was füttern , unterdessen können wir eine Flasche trinken , dir wirds auch recht sein , da du so frühe vom Mahl gegangen , « sagte Uli . » Wie du willst , « sagte Vreneli , um nicht zu widersprechen . Es verlangte ihns nach seinen Kindern , schon mehr als zwölf Stunden hatte es sie nicht gesehen und dies noch nie erlebt . Es war sogenannter Tanzsonntag , das heißt ein Sonntag , wo so gleichsam von Obrigkeits wegen getanzt werden muß . Es besteht nämlich im Kanton Bern ein Gesetz , welches im Jahr sechs Sonntage bestimmt , an welchen allenthalben getanzt werden darf . Das junge Volk legt dies nun oft so aus , als ob wirklich getanzt werden müsse . Diese Auslegung haben schon viele Wirte und noch mehr Väter erfahren . Die Auslegungskunst ist eine ganz eigentümliche . Nun gibt es viele Jungens und Mädchen , welche in Kritik und Auslegungskunst noch viel stärker sind als Strauß und es noch weiter treiben , so daß selbst die Allerstraußigsten ( um einen allgemein gewordenen Ausdruck zu brauchen ) in ihrer Schule noch entschiedene Fortschritte machen könnten . Das Wirtshaus war sehr angefüllt , das stampfte und trampelte , als ob da eine Trittmühle für viele hundert Personen angelegt sei . Es war das Wirtshaus , in welchem Ulis Freund wirtschaftete ; dies war Vreneli noch unangenehmer als das Stampfen und Trampeln , welches alle Augenblicke das Zusammenbrechen des hölzernen Hauses befürchten ließ . Sie konnten sich kaum durchdrängen , doch sobald der Wirt sie bemerkte , machte er ihnen mit seinem kolossalen Buckel stattlich Raum und verhalf ihnen zu gutem Platz . Es war schade , daß er nicht ein päpslicher Schweizer geworden , er hätte zu nichts besser getaugt , als an großen Kirchenfesten in Rom Platz zu machen für die rotgestrümpften Herrn Kardinäle . Vreneli war lange nie an einem solchen Sonntage in einem Wirtshause gewesen , um so schärfer ließ es in dem ihm neu gewordenen Gewimmel seine Augen schweifen . Es kam ihm erst vor , als sei es entweder selbst verrückt oder es sei in ein Tollhaus geraten . Es sah da halbbatzige Knechtlein , noch wohlfeilere Mägde , Lehrbuben , sogenannte Bauernsöhne , deren Väter mehr schuldig waren , als der Hofwert war , die seit Jahren unbezahlten Zinse nicht gerechnet , Handwerksbursche , an denen es durch die Woche keinen ganzen Schuh gesehen , ja Bettelpack , welches es oft vor seiner Türe gehabt , durcheinanderwimmeln , in glitzerndem Staate , aufgeschwollen von Hochmut , Trotz und tierischer Lust , vollgefressen und -gesoffen zum Verspritzen , tun , als wäre nicht bloß die ganze Welt die ihre , sondern als hätten sie , wenn sie diese Welt verklopft oder verkegelt hätten , noch sieben siebenmal größere Welten zum Verklopfen und Verkegeln . Es war ihm wie einem , der einen Trupp Flöhe betrachtet durch ein Vergrößerungsglas und sie ihm vorkommen wie langhärige Elefanten . Es waren ganz ungeheuer andere Leute , als es in der Woche gesehen , ein einzig Stück schien die Stube zu füllen . Es duckte und drückte sich bestmöglichst in einer Ecke , und doch fürchtete es , gequetscht und erdrückt , ja durch den Luftzug der aufgerissenen Mäuler durch einen der aufgesperrten Schlünde in einen unterirdischen Schlauch gewirbelt zu wer , den , so trampelten und himmelsappermenteten sie im ganzen Hause herum . Als es sich ein bißchen gefaßt , da rief es das Bild , welches es heute ins Gemüt gefaßt , hervor , und es war ihm , als hätte es eines Rätsels Lösung , als stelle das Bild sich in den Hintergrund dieser Herrlichkeit , und was im Vordergrund so groß und himmelsappermenterlich sei , werde nach und nach dem Hintergrunde zugedrängt , werde kleiner , dürftiger , erbärmlicher , jämmerlicher , zu einem Stübchen voll halbnackter , gramselnder , hungriger Kinder , zu einem Stübchen voll Elend und Not , ohne Kleider , ohne Brot . Diese Wandlung der Gegenwart in die Zukunft , dieses Zusammenschrumpfen einiger Jahre in einen Augenblick , diese Art von Vision oder Gesicht , lebendig in der Phantasie , hatte Vreneli selbst der Gegenwart entrückt , so daß ihm entging , wie Uli mit dem Wirte , welcher der vielen Leute ungeachtet Zeit machte , um neben Uli abzusitzen , in ein Gespräch geriet und ihm den Kuhhandel vortrug . Erst als der Wirt mit seiner mächtigen Stimme sagte : » Sei nur ruhig , laß den anlaufen , zeige ihm den Meister , du kannst nicht verlieren ; du hast recht , ja , wenn dies nicht erlaubt wäre , wer wollte handeln , das käme mir sauber heraus « usw. Vreneli erschrak sehr , es hätte , weiß kein Mensch was , gegeben , sie wären nicht hier eingekehrt . Es sagte : » Ich habe immer gehört , ein magerer Vergleich sei besser als ein fetter Prozeß , die Sache wirft nicht viel ab , und was ein Prozeß kosten kann , weiß man nicht . Mich dünkt , wenn du es gut mit Uli meintest , so würdest du zu Uli sagen : Vergleicht euch , wenn du auch viel oder wenig leiden mußt , so ists doch besser als prozessieren . « » Das verstehst du nicht , Fraueli , « sagte der Wirt , » das ist Männersache ; darin habt ihr gar nicht zu reden , am besten ists , man sage euch nichts davon . Schweine mästen und kochen , Kaffee trinken und alle Jahre ein Kind haben , das ist eure Sache und damit punktum . Du mußt das machen wie ich , « sagte er zu Uli , » meine Frau ist mir lieb und wert , warum nicht ; was man nicht ändern kann , darin muß man sich schicken , aber was über die Haushaltung aus geht , von meinem Geschäft , gebe ich nicht Bericht . Warum ? Darum : sie versteht es nicht und würde doch meinen , sie müsse das Maul in alles hängen , und was trüg das ab ? « Vreneli wurde böse und spitzig . » Es meine « , sagte es , » wenn man hülfe das Geld verdienen , so habe man auch das Recht , ein Wort dazu zu sagen , wie es solle gebraucht werden . Es liefe mancher Lump weniger in der Welt herum , wenn er zu rechter Zeit auf seine Frau gehört hätte . Auf den Männern , welche ihren Weibern nicht alles sagen dürften , halte es nicht viel , gewöhnlich stecke was Verdächtiges dahinter , etwas , was besser wäre , sie täten es nicht . « » Ist das gestichelt oder sonst getrümpft ? « frug der Wirt . » Nimm es , wie du willst , « antwortete Vreneli , » so viel kann ich dir bloß sagen , es ist mir Ernst damit ! « » Du hast eine handliche Frau , Uli , die wäre mir nur zu böse , « sagte der Wirt , » die mußt du nicht Meister werden lassen , sonst bleibt die Kirche nicht mitten im Dorfe . Ein wenig böse schadet nicht , gerade so wie ein Haushund ; wenn der nicht bellen kann und im Notfall beißen , so ist nichts mit ihm , aber Bettlerpack und Fremde muß er anbellen und beißen , nicht den Meister , da muß er wedeln mit dem Schwanze und kusch machen . « Da wurde der Wirt abgerufen , sonst hätte er wahrscheinlich er , fahren , daß Vreneli wirklich zu den Haushunden gehöre , welche bellen und beißen können . Auf dem Heimwege versuchte Vreneli noch einige Male , den Kuhhandel zur Sprache zu bringen , aber Uli gab uneinläßlichen Bescheid , sagte endlich : » Hast nicht gehört , was der Wirt gesagt hat ? Man solle den Weibern über solche Sachen nicht Bericht geben , sie verstünden sich nicht darauf . « » Verstehst du dich denn darauf ? « fragte Vreneli ; » du weißt von den Gesetzen und dem Prozedieren gerade so viel als das Kind , welches wir heute getauft , und darum dünkt mich , du solltest dich nicht damit abgeben wollen . « » Darum , weil ich und du davon gleich viel verstehen , « antwortete Uli böse , » kann ich nicht bei dir zu Rate gehen , sondern muß zu jemand gehen , der mehr von der Sache weiß als ich und du , und damit punktum , wie der Wirt sagte . « Dieser Schluß des Tages jammerte Vreneli sehr . Es hatte an diesem Tage so viel erlebt , erfahren , gedacht , es war gleichsam von den allezeit strömenden göttlichen Offenbarungen umflossen gewesen ; wie ein schöner Abendstern hatte ihm Ulis Entgegenkommen geleuchtet , und nun zum Ende Ulis Erkalten , Abwenden zu Andern , Zuwenden einer Klippe , an welcher schon das Dasein von Millionen zerschellte . Es weinte bitterlich , weil Uli den Glauben an es ganz verloren hatte und öffentlich ihm gleichsam abschwur . Jedermann hat einen Glauben , es kömmt eben nur darauf an , was , und hauptsächlich , an wen er glaubt . Der Glaube ist abhängig von der Richtung des Gemütes ; ein Sprichwort sagt , man glaube , was man gern habe oder was einem in den Kram diene . Man glaubt den Personen , welche reden , was einem in den Kram dient oder was man sonst gerne hört . Wer hat nicht schon Katzen gesehen , wie gerne sie am Kopfe sich krauen lassen , wie behaglich es ihnen wird , wenn jemand ihnen mit Manier den Balg streicht , wie sie sich auf die Seite legen , alle Viere von sich strecken , jetzt das Bein , jetzt ein anderes aufheben , daß man ihnen auch da krauen solle , daß es auch hier dem Balg wohltäte , wenn er gestrichen würde mit Manier . Wer hat nun nicht auch schon erfahren , daß es so viele Menschen akkurat haben wie die Katzen , manierlich Krauen und Streichen lieben und nicht zufrieden werden , bis man ihnen den Balg an allen vier Beinen gestrichen . Wer nun dieses Streichen und Krauen , welches sich begreiflich nach dem Balge richten muß ( ein Winterbalg mag mehr er , tragen als ein Sommerbalg , so wie auch Stubenkatzen und Feldkatzen anders zu traktieren sind ) , wohl versteht , der findet Glauben . Tausende erheben sich nicht über diesen Glauben ; an alles und an alle dagegen glauben sie nicht , wer oder was ihnen nicht wohl macht , nicht ihre Behaglichkeit vermehrt , was sie beißt oder juckt . Mit Abscheu und Hohn wenden sie sich davon ab , werfen gewaltig , wie Buben mit Steinen , mit Aberglauben , Pfaffen , Jesuiten und altväterischem Gedampe usw. um sich . Dieser Glaube wurde durch den Teufel schon im Paradiese eingeführt , als er der Eva den Balg strich . Er verträgt aber keine gewisse Erkenntnis , das hat Eva alsbald erfahren ; aber bis auf den heutigen Tag sind Millionen nicht klug geworden , haben die Erfahrung von der Eva nicht geerbt , sondern bloß den Balg , der sich gerne streicheln läßt , und die Lust an allem , was wohl macht und behaglich sein läßt . Zum rechten Glauben bedarf es schon rechter Leute , daß heißt ganz anderer als solcher , welchen es nur um das Behagen des Balges zu tun ist . Der rechte Glaube geht vom Unbehagen aus , nicht vom Behagen , nicht vom Gefühle des Wohlseins , sondern vom Gefühl der Armut und des Wehs , will nicht behaglich den