nicht mit sich selbst gerungen hat , kann auch nicht mit dem Genius ringen , ihn bannen , ihn zu Red ' und Antwort zwingen , ihm das Zauberwort ablocken wodurch er seinen Gebilden die Weihe ertheilt , und welches er nicht auf die erste Bitte und an den Ersten Besten verschwendet . Wer bestimmt ist die Weihe zu empfangen muß andre Wege gehen als die Talentvollen , die Begabten , welche bei ihrem ersten Erscheinen ein Paar Rosen um sich her streuen und dann mit leeren Händen weiter ziehen . Ihn muß eine Göttin , die einzige , die ewige Göttin alles Lebens und alles Seins , die Liebe , in ihre Arme nehmen und an ihrem Busen muß sie ihn groß ziehen und nähren mit zwei Quellen die ewig strömen : mit Schmerzen und mit Meditationen . - - Ich lebte bis zu meinem fünfzehnten Jahr unbändig , seelig und phantastisch dahin . Da trat eine vollständige Revolution ein . Mein Pflegevater und mein Beichtvater , Pater Melchior , verkündeten mir : ich sei für den geistlichen Stand bestimmt . Dabei kam es für mich zum ersten Mal klar und deutlich zur Sprache , daß meine geliebten und geehrten Pflegeltern eigentlich gar nicht mit mir verwandt waren . Ich weiß nicht welche von diesen beiden Nachrichten mich tiefer erschütterte . Nur das weiß ich , daß ich auf der Stelle in mir selbst sprach : Beides gilt mir nichts ! ich werde nicht Geistlicher und ich bleibe ihr Kind ! - Mit herzzerreißendem Schmerz stürzte ich zu meiner Pflegemutter . Ich schrie , ich weinte , ich schluchzte : ich sei ihr Sohn , ich wolle es bleiben ; sie solle nicht leiden daß man mich ihr raube ! und Geistlicher wolle ich nicht werden , sondern Musiker . Sie suchte mich zu beschwichtigen indem sie mit mir weinte und mit Liebkosungen mich tröstete : ich sei ihr Fidelis ; wenn nicht ihr Sohn .... doch immer und ewig ihr herzeigener Fidelis ! sie habe mich groß gezogen an ihrer Brust ! Gott habe ihren Sohn zu sich genommen und dafür mich in ihre Arme gelegt , und so viel Thränen habe sie geweint um seinen Tod und um mein Leben , daß etwas ebenso Heiliges als die Mutterliebe für mich daraus zusammengeschmolzen sei . » Nun so rette mich , Mutter , rette mich von dem geistlichen Stande ! « flehte ich . » Deine Mutter hat es so bestimmt , Fidelis ! « entgegnete sie sanft und traurig . Ich war wie wahnsinnig . » Was ist das für eine Mutter die mich erst ins Leben gestoßen hat und mich nun in den Tod .... in mehr als den Tod ! stoßen will . Ich weiß von keiner Mutter ! « schrie ich . Mein Pflegevater sprach mir mit Ernst zu ; Pater Melchior mit linder Güte . Ich ließ mir auch all ihre Ermahnungen und Tröstungen gefallen ; gingen sie aber auf den fraglichen Gegenstand über , so geberdete ich mich wie ein junges Pferd auf den Steppen der Ukraine , das eingefangen werden soll . Ich , lernen ? ich , studiren ? ich , ein heiliges Amt regelmäßig verwalten und es nie verlassen ? ich , im geistlichen Gehorsam meinen Obern mich unterwerfen ? thun , treiben , denken , lehren , wie sie gebieten ? - Nimmermehr ! Ich wollte in die Welt . » Ich will ja nichts Böses und nichts Verbotenes in der Welt thun ! - aber ich will und muß in die Welt , sagte ich so recht in kindischer Weise ; - und wenn mir das nicht erlaubt wird , so laufe ich heimlich fort . « Mein Entschluß schien so fest , daß man mir Ruhe gönnte . Allein nach kurzer Zeit kündigte Pater Melchior mir an ich solle ihn nach Prag begleiten , wo man mich zu sehen und zu sprechen wünsche . Abermaliger , heftiger Widerstand , der doch zulezt überwunden ward ! während dieses Kampfes bildete sich mein Entschluß fest aus die Flucht zu ergreifen , wenn mir keine andre Rettung übrig bliebe . Das machte mich ruhig , und ich fuhr mit Pater Melchior nach Prag , erwartungsvoll aber gewappnet . Dort geleitete er mich in ein ernstes stilles alterthümliches Gebäude , dessen Pforte sich uns geheimnißvoll öfnete ; dann über einen einsamen Hof , durch lange hallende öde Gänge , in ein düstres , unschönes Gemach : ich stand im Sprachzimmer eines Klosters . Ich fühlte mich einer Ohnmacht nah : die Luft war so beklommen .... die Wände so dunkel .... und das Gitter , das fürchterliche Gitter und der braune Vorhang hinter demselben erfüllten mich mit Vorstellungen von Kerker und Grab . » Wenn ich hier eingesperrt werden soll , so renne ich mit dem Kopf gegen die Mauer ! « sagte ich fassungslos zum frommen Pater Melchior , der sanft entgegnete : » Was fällt Dir ein , Fidelis ! Hier lebt Deine Mutter und sie wünscht Dich zu sehen . « Indem rauschten schleppende Gewänder jenseits des Gitters , der Vorhang wurde zurückgezogen , und eine Klosterfrau in der Ordenstracht der Karmeliterinnen stand mir gegenüber . » Hier ist Fidelis , « sagte der Pater . Sie neigte ihr Haupt zum Gruß , zum Dank , und er verließ das Sprachzimmer . So wie ich diese Frau sah flog meine Seele ihr entgegen und ich liebte sie . Ich stürzte wie zerschmettert am Sprachgitter nieder , ich rang die Hände , ich breitete meine Arme gegen die starren Eisenstäbe aus und stammelte schluchzend , athemlos : » O meine Mutter .... Du meine wahre , meine wirkliche Mutter - wie lieb ' ich Dich ! « Welch ein Antlitz schaute auf mich herab ! Sibylle , dies holde kleine Gemälde entzückt Sie und spricht Sie an wie ein verkörperter Sonnenstral . Nun stellen Sie sich vor daß dies himmlische Wesen durch ein Läuterungsfeuer nach dem andern hindurch gewandelt , nicht verzehrt sondern verklärt davon geworden ist , und endlich wie von einem andern Gestirn , und aus einem andern Licht auf uns herabschaut : so war sie . » Fidelis ! « sagte sie und immer wieder und wieder : » Fidelis ! « - und mit ihrem zarten Finger durch das Gitter schlüpfend berührte sie segnend meine Stirn , und zärtlich meine Wange , mein Haar ; und dann faltete sie ihre Hände , die aus den dunkelbraunen weiten Aermeln ihres Ordenskleides weiß heilig und rein wie Taubenflügel hervor leuchteten und sagte : » In Deine Hände , o Herr ! befehl ' ich ihn . « O Sibylle ! ganz unirdisch sah sie dazu aus ! solche Augen hat man nicht in der Welt ! solche Augen sind der Spiegel einer höheren - und höhere Gestalten wandeln stralend an ihnen vorüber , und ihr Wiederschein wirft noch eine Verklärung auf uns herab . Und diese Stirn ! sie mußte Kronen getragen haben , um durch die Wolken von Schmerz und den Schleier der Entsagung hindurch noch in solcher Majestät zu stralen . Ganz bewildert von extatischer Liebe rief ich : » O Mutter wer bist Du ? wo kommst Du her ? bist Du eine Heilige oder eine Königin ? « - - » Ich bin eine große Sünderin , sagte sie mit gelassener heiliger Demuth ; allein ich vertraue Dem , der in die Welt gekommen ist um die Sünder zu erretten und nicht die Gerechten - zu Dem ich flehe Tag und Nacht in heißen Gebeten , daß er eine Leuchte sei auf Deinem Pfade , Dich zu sich ziehe in Israels ewige Hütten , und die Versuchung und den Fall von Dir abwende .... in die ich gestürzt bin . Ich lebe für dies Gebet und für dessen Erfüllung . « Ich verstand sie nicht recht ; allein ich hörte nichts als Musik , und mein Herz pochte vor Freuden daß sie für mich bete . » O meine Mutter ! sagte ich , Dein Gebet ist wie der Schild des Erzengels über mir : er beschirmt mich in allen Gefahren der Welt . « » Thörichtes Kind ! erwiderte sie , Du weißt nicht , was Du sprichst ! Du hast noch keine Vorstellung von den Gefahren , welche Dir drohen , grade Dir , mit Deiner .... ach , mit meiner Seele ! - und vor denen es keine Rettung giebt als Flucht - Flucht zu den Altären des Heils . Wende Dich zu ihnen , Fidelis , und ab von der Welt ! tritt in den Dienst der heiligen Kirche , weihe Dich den göttlichen Dingen und bringe Deine Seele dar im ununterbrochenen Opfer . « » Ich will auch meine Seele im Opfer darbringen , rief ich , sie soll nicht verloren gehen ! glaube mir , meine Mutter ! aber ich muß frei bleiben ! ich kann nicht studiren , kann nicht lernen und nicht lehren - ich mögte lieber sterben , als Priester werden . « » Thörichtes Kind ! « wiederholte sie kopfschüttelnd . » Ja ! rief ich in einem Paroxismus von Todesangst ; ich werde sterben wenn man mich gegen meinen Willen zum Priesterstande zwingt . Ich will in die Welt .... in die schöne freie weite herrliche Gotteswelt ! ich will mir mein Brot verdienen ! ich will so brav , so rechtschaffen , so fromm werden , daß Dein Herz , meine Mutter , keine Sorge um mich haben soll .... aber Priester kann ich nicht werden ! ich kann nicht ! ich kann nicht ! « » Niemand zwingt Dich zu Deinem Heil , Fidelis ! entgegnete sie resignirt und melancholisch . Du bist noch nicht reif zur Erkenntniß dessen was dem Menschen Noth thut : da wünschte ich daß Gott durch meine schwache Stimme Dich derselben entgegen führte . Aber Du willst sie nicht hören .... vielleicht kannst Du sie nicht hören .... Du bist noch so sehr jung ! - - Wir wollen warten , Fidelis ! die Gnade kommt zuweilen in einer Nacht , und ich bete daß Du derselben mögest würdig befunden werden . Der Herr sei mit Dir ! « fügte sie mit unaussprechlicher Zärtlichkeit in Blick und Ton hinzu , berührte wieder meine Stirn und verschwand hinter dem zusammenrauschenden Vorhang . Ich blieb noch eine Zeitlang allein in einem Mittelzustand von Betäubung und Berauschung ; dann erschien Pater Melchior , dem ich den Schluß meines Gesprächs mittheilte , welchen er seinerseits bestätigte ; - und noch am Abend desselben Tages saßen wir wieder auf dem Postwagen von Aussig . Ich - selig ! denn ich hatte meine Mutter gefunden und meine Unabhängigkeit gerettet . Schöner denn je kam mir die Erde vor , namenlos herrlich Prag , das mir aus lauter Kirchen und Palästen zu bestehen schien und das ich zu meinem Leid so schnell verlassen mußte . Und dies war doch nur Prag ! wie mußte erst Wien sein , unsre Kaiserstadt , wo Beethoven lebte ! oder gar London , wo Händel gelebt hatte und wo er sein Grabmal in der Westminster-Kirche zwischen Englands größesten und höchsten Männern hatte - er , ein deutscher Musiker ! - Tausend phantastische Bilder liefen mir durch den Kopf , und nur ein Gedanke stand unwandelbar fest in ihm : ich wollte tüchtig und groß werden ! meine Mutter sollte nicht umsonst für mich beten ! - - Mit rührender Liebe empfingen mich meine Pflegeltern , hörten meine Erzählung und den Ausspruch Pater Melchiors : » Wir warten auf die Vocation . « » Da wird gewartet bis in die Ewigkeit ! « flüsterte ich ins Ohr der Pflegemutter und zog sie hinaus um sie mit Fragen über meine Mutter zu bestürmen - zwischen denen mir denn auch einfiel , daß ich gleichfalls einen Vater haben müsse , und wer und was und wo der sei ? Auf die ersten Fragen entgegnete meine Pflegemutter nur Liebes , Gutes , Schönes - aber stets ganz unbestimmt ; auf die letzten sehr bestimmt , fast hart , wie ich sie nie gehört : » Von dem weiß ich nichts , und Niemand weiß von ihm ! - Armes Kind , Du lebst durch seine Sünde . « Einen furchtbaren Eindruck machten mir diese Worte und dieser Ton auf den Lippen meiner guten zärtlichen Pflegemutter . » O ! rief ich , was hab ' ich für ein verfluchtes Dasein ! der Vater sündhaft und unbekannt , die Mutter im Kloster büßend ! könnt ' ich doch lieber sterben als solchen Gram und solche Schmach mit mir herumtragen ! « .... - - » Sprich nicht so , Fidelis ! unterbrach sie mich liebevoll . Wie Du geboren bist - dafür hast Du nicht Rechenschaft abzulegen . Wie Du lebst - dafür , mein Kind ! Sind Andre schwach gewesen , so nimm es Dir zur Warnung und sei um desto stärker ; sind sie gefallen , so hüte Dich zu straucheln ; haben sie gesündigt , so bleibe Du gottgefällig und gottgetreu . « Wie Morgenthau nach einer versengenden schwülen Sommernacht fielen diese guten klaren Worte in mein Herz und beschwichtigten die Extasen welche dasselbe neben meiner Mutter und bei dem Gedanken an sie durchzitterten . Ich legte meine beiden Hände auf ihre Schultern , sah dankbar in ihre unaussprechlich guten Augen und sagte : » Mutter ! Du bist meine Mutter , Du verstehst , Du tröstest , Du belehrst mich , Du weißt wie mir zu Muth ist ! sie weiß es gar nicht , die betende büßende Heilige hinter ihrem Kerkergitter - aber .... ich liebe sie doch ! « » Liebe sie , Fidelis , ich gönne es ihr und Dir ! « sagte meine Pflegemutter . Mit grenzenlosem Eifer gab ich mich fortan dem Studium und der praktischen Uebung der Musik hin . Sie war meine Vocation und in jeder Weise wollt ' ich mich für sie ausbilden . Da ich mir durch sie nicht blos den zukünftigen Ruhm - sondern für näherliegende Zeiten auch Unterhalt und Fortkommen verschaffen mußte , so versuchte ich Unterricht zu geben - und auch das gelang . Mein Pflegevater war karg mit Lob ; aber er mußte mich loben . Mein Talent begann sich zu emancipiren , selbständig zu werden . So jung ich war hatte ich doch schon einen unwandelbaren Entschluß gefaßt und eine bestimmte Richtung ergriffen : das ist die Basis aller Selbständigkeit . Mein rastloser Fleiß und meine geliebten Arbeiten brachten mich über die unruhvolle Epoche des Eintritts in die Jünglingsjahre hinweg . All die drängenden gährenden Kräfte brauchte ich als Sporn für meinen Eifer , als Stärkung für meinen Willen . Wie im Sturm ward ich vorwärts getrieben . Mit Pater Melchior hatte ich häufige , lange Gespräche an denen ich aufrichtige Freude hatte , sobald sie sich nicht meinem in Frage stehenden geistlichen Beruf zuwendeten , was immer seltner geschah . Ich war nicht blos religiös , sondern durch und durch gläubig . Mit inbrünstiger Andacht hing ich an den Lehren der Kirche , und sie selbst , diese heilige Kirche war für mich den Einsamen , den Ausgestoßenen , so recht die heimatliche Freistätte auf Erden in deren Schooß ich die Gemeinschaft mit allem Geliebten fand . Mein Herz faßte all ihre süßen und tiefsinnigen Mysterien , ihre Wunder , ihre Opfer , ihre Gnadenmittel mit Liebe auf , und weil ich mich in Liebe ihnen hingab , so erquickten sie mich unsäglich und bildeten mir eine Himmelsleiter auf der ich schüchtern und selig heilige Boten wandeln sah , die mein armes dürftiges strebendes Wesen mit dem Allerreinsten und Allerhöchsten in eine ebenso geheimnißvolle als gewisse Verbindung brachten . Aber Priester wollte ich nicht werden . Ich fühlte mich dazu nicht stark , nicht selbstlos genug . Er - unter dessen Gebeten das Sacrament des Altars sich vollzieht ; er - in dessen Ohr Tausende von Sündebeladenen , von Gramgebeugten das Elend und die Aengste ihrer Seelen durch die Beichte ausschütten ; er - der über alle Trauer- und Freudenfeste unsers Lebens Worte des Heils und des Segens ruft und selbst ein Fremdling bleibt in den Wonnen und Schmerzen zu denen er weiht ; er muß sich durch Gott selbst zu seinem erhabenen Amt berufen fühlen - und dieser Ruf war nicht an mich ergangen . Das Alles erklärte ich dem Pater Melchior öfters mit dem Ton warmer Ueberzeugung und Wahrhaftigkeit , und ich durchdrang ihn dermaßen mit meiner Unerschütterlichkeit , daß er mir unaufgefodert die Zusage gab : er selbst wolle meine Mutter zu bewegen suchen ihren frommen Wünschen für mich eine andre Richtung zu geben . So wurde ich siebzehn Jahr alt , als ich wieder mit Pater Melchior nach Prag berufen wurde . Mit gefaßter ernster Sammlung ging ich diesem Wiedersehen entgegen . Zu jedem Opfer der Liebe war ich entschlossen - nur nicht zu dem Einen . So stand ich vor ihr . Wieder erfüllte mich ihre Erscheinung mit wunderbarem Entzücken . Ich meinte sie schwebe auf Wolken ; ich meinte in einer Glorie von Engeln ruhe ihr Haupt ; - so ätherisch sah sie aus ! - Es zog mich zu ihren Füßen nieder . Sie blickte mich lange an , traurig , zärtlich , stumm . » Das waren zwei schwere Jahre ! sprach sie endlich mit bebender Stimme . Fidelis , hast Du denn nie mein Angstgebet gehört ? « » Ja , meine Mutter , und es hat mich stark gemacht ! Du willst mein Heil .... laß es mich finden auf meinem Wege . « In diesem Sinn hatten wir ein langes Gespräch , das uns Beide heftig erschütterte ohne den einen Theil zur Ueberzeugung des Andern hinüber zu ziehen . Ihre schwärmerische Seele war eine Opferflamme : und um so heißer wallte sie empor , als sie Buße dafür that , daß der Altar ihres Herzens nicht immer dem Höchsten geweiht gewesen war . Die klösterliche Abgeschiedenheit , ihre Einsamkeit mit traurigen Erinnerungen voll Reue und Leid , das ewig wache Liebesbedürfniß einer zärtlichen Seele , das heiße Verlangen zur innersten Versöhnung mit Gott und ihrem Gewissen zu gelangen , das eben so heiße ihr Kind gerettet zu sehen vor den , wie es ihr schien , unwiderstehlichen Verlockungen - dies Alles ungestört durch lange Jahre mit Thränen , Gebeten , Buß- und Andachtsübungen genährt , hatte meine Mutter in jene tiefe religiöse Schwärmerei versetzt , in welcher Wesen wie sie vielleicht einzig und allein ihre Befriedigung finden können , weil sie zu schwach für den Kampf mit der Versuchung - und zu rein sind um ihr ohne Verzweiflung zu unterliegen . Für solche Wesen ist mit tiefsinniger Kenntniß des Menschenherzens die Freistatt des Klosters geöfnet , und diese Kenntniß ist es eben , welche unsrer Kirche den Stempel einer ganz göttlichen Liebe aufprägt , denn man kann den Menschen nicht kennen wenn man ihn trotz seiner Sünden , seiner Fehler , seiner Schwächen nicht liebt . Ihre Kirche , Sibylle , belehrt den Menschen , die unsre liebt ihn . Ihre Kirche stellt ihn auf seine Füße , giebt ihm die Bibel die Tausende nicht lesen und Zehntausende nicht verstehen , und spricht : nun mache deinen Weg . Die unsre behält ihn an der Hand sorgsam warnend und beschirmend , tröstend und erquickend , durch das Bewußtsein der Gemeinschaft ihn rettend von dem trostlosen Verzagen , das für Manchen aus dem Gefühl seiner Vereinzelung und Nichtigkeit quillt . - - Aber eben weil jenes Bewußtsein damals so lebendig in mir war , konnte ich mich nicht auf den Standpunkt meiner Mutter stellen . Mir war die Welt ein Tempel , und rein aber frei und ohne Priesteramt wollte ich in ihm dienen . » Fidelis ! sagte meine Mutter , unsre erste Liebe ist Gott und unsre letzte Liebe ist auch Gott - allein .... die Liebe für die Götzen liegt zwischen beiden . Ich hatte mich früh dem Herrn gewidmet , war im Kloster erzogen und wollte den Schleier nehmen . Da riefen mich weltliche Feste ins Haus meiner Eltern . Den Vater ängstigte mein früher Entschluß ; ob er wolüberlegt sei sollte sich erproben bei den Freuden und Feierlichkeiten , die zur Vermälung meiner beiden Brüder statt fanden . Dieser Glanz , dieser Jubel , dieser Reichthum , diese Schönheit , diese Weltherrlichkeit betäubten mich . Ihre trügerischen Wellen von Goldschaum und Blumenstaub schlugen über mein bethörtes Herz und mein besinnungsloses Haupt zusammen . Es giebt immer Menschen welche unsre Schwäche zu benutzen wissen . Der Versucher fehlte auch mir nicht .... und meine Schwäche nicht ihm ! - Er war gefesselt durch unzerreißbare Bande .... und meine Seele , von der Liebe zu Gott zur Anbetung des Götzen hingerissen - ward vergiftet ! - Sieh , Fidelis ! so bist Du geboren ! - und daß ich es Dir sage und vor Deinem unschuldigen Auge mich mit unabwaschbarer Schmach bedecke , geschieht um Dir ein Beispiel zu geben , welche unwiderstehliche Bethörung in dem Anhauch des üppigen Weltlebens liegt , weil es zu keiner höheren Richtung Deines Wesens als zu Deinen Sinnen und Deiner Eitelkeit spricht . Die priesterlichen Gelübde sind Helm , Panzer und Schild gegen sie : der Gehorsam giebt dem übermüthigen Sinn die heilsame Demuth ; die Armuth erhält den Leib in Nüchternheit und Abhärtung ; die Keuschheit giebt ihm eine heilige Kraft - denn , wer sich selbst bei dem Reiz der Sinne überwinden kann , der kann die ganze Welt überwinden , und die Engel dienen ihm , mein Sohn . « Langsam glitt sie hinter dem Gitter auf ihre Knie und hob die Hände gefaltet zu mir empor . » Meine Mutter ! entgegnete ich feierlich , steh ' auf . Ich will Dir die Gelübde thun in denen Du eine Rüstung meiner Seele zu ihrem ewigen Heil erblickst . Ich gelobe Gehorsam gegen göttliche Gebote ; Armuth .... und wenn ich von den Schätzen der Könige umgeben wäre ; und Keuschheit . Ich gelobe es Dir feierlich vor dem Angesicht Gottes ! .... aber Priester werd ' ich nicht ! ich muß frei sein . Mit einem Lächeln voll seliger Beruhigung entgegnete sie : » Wen der Herr so weit geführt hat , den führt er auch noch einen Schritt weiter in das Tabernakel hinein ! - Sei gesegnet , Fidelis ! und nimm und trage dies zum Gedächtniß dieser Stunde . « Den Goldreif hieß sie mich an- und nie ablegen . » Der Karfunkel ist Dein Herz und der Saphir ist mein Auge ; es wacht darüber ! sprach sie . Und dies Bildchen zeigt mich Dir wie ich war vor achtzehn Jahren , ehe ich verlassen hatte meine erste Liebe . O Fidelis ! verlasse Du die Deine nicht . « Und abermals rauschte der Vorhang zusammen , und abermals kehrt ' ich aufgewühlt in den Grundtiefen meiner Seele zu meinen Pflegeltern zurück . Aber nun war es aus und vorbei . Nun hatte ich Alles gethan was ich für die Wünsche meiner Mutter thun konnte ; ferneren Bitten und Eindringen , deren Andeutung in manchem ihrer Worte lag , fühlte ich mich nicht gewachsen . Ich wollte fort - und ich ging fort ! ich floh , heimlich , ohne Abschied ! ich konnte nicht diese Herzzerreißungen des Abschieds ertragen . Ich fühlte unbestimmt das Bedürfniß mich zu sammeln und nicht zu zerfließen . Daß ich mir würde mein Brot verdienen können , davon war ich so fest überzeugt wie von meinem Leben . Nach England wollte ich über Hamburg . Dies Alles schrieb ich in einem zärtlichen dankbaren Brief an die Pflegeltern , versprach ihnen Nachricht und Wiedersehen , steckte meine 27 ersparten Gulden zu mir , packte mein Ränzelchen und ging in einer stillen Juliusnacht über die Berge meiner Heimat nach Sachsen hinaus . Da gab es Krieg und Krieg , Beängstigungen und Hofnungen . Ich nahm Theil daran , aber nur oberflächlich . Andre Gedanken bewegten sich zu mächtig in mir . Man widerrieth mir nach Hamburg zu gehen : da wären die Franzosen , aber keine Schiffe für England . Ich ging nach Lübeck in der Hofnung eine Ueberfahrt nach Kopenhagen zu finden , und mir dort weiter zu helfen . In Lübeck las ich am Tage meiner Ankunft in den Zeitungsanzeigen , in Holstein auf dem Lande werde ein Musiklehrer gesucht ; wer dazu Neigung habe solle sich melden bei dem Cantor der Marienkirche . Das kam mir vor wie eine Weisung ruhigere Zeiten abzuwarten . Ich meldete mich - - und so kam ich hieher . « Mit fieberhafter Bewegung , bald abgebrochen , bald bei einzelnen Momenten verweilend , hatte Fidelis gesprochen ; Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn und seine Lippen zitterten ; der Doppelausdruck seines Gesichts , die geistige Kraft und die Macht der Leidenschaft , war noch nie so lebendig mir entgegen getreten . Hinter seiner äußern Ruhe und schüchternen Zurückgezogenheit mogte es , wie hinter dem Nonnenschleier seiner schönen zärtlichschwärmerischen Mutter , nicht so gelassen zugegangen sein , als man es nach der ewigen Selbstbeherrschung glauben durfte , mit der er sich selbst im Zügel zu halten gewohnt war . Wol hatte ich ihn in der letzten Zeit von jenen Orkanen des Gefühls durchstürmt gesehen unter denen das Herz wie der Frühling nach Wiedergeburt ringt . Doch so wie heute sah ich ihn nie ! Er lag am Boden , der Titane war gefesselt , überwunden und zerbrochen . Meine elende Seele erschrack vor ihm und vor seiner fürchterlichen Liebe , die gleichsam mit Gott um seine Seele rang . Also auch er , dieser Mensch von Stahl und Gold , war nicht unerschütterlich , harrte nicht aus bei dem Einen , kämpfte nur so lange es eben ging - und ergab sich dann ! - Und wem ? - Mir ! - Einem Weibe das die Verwirklichung einer Chimäre suchte , und gänzlich unfähig war seine Liebe in gleichem Maß zu erwidern . Er schwieg und ich schwieg auch . Ich dachte an meine Verblendung neben ihm in Venedig ein Bild meiner Phantasie , einen Otbert zu lieben ! - ich dachte daran wie mein Herz seitdem so morsch , so hohl in diesen Enttäuschungen geworden sei , daß es wol noch sich nach Liebe sehnen , aber nicht mehr sie empfinden , ja nicht einmal die seine begreifen könne . Ich hielt in diesen wenigen Secunden Gericht über mich - aber in dem Augenblick wo ich den Stab hätte brechen sollen warf ich mich in Todesangst in die aufschwellende Flut des Gefühls und dachte : Vielleicht trägt sie mich dennoch an ein lieblicheres Gestade ! leiden ist nichts ; - lieben ist Alles ! - » Nun weiter , Fidelis ! « sprach ich sanft und nahm seine Hand . » Es giebt nichts weiter , entgegnete er . Jezt wäre nur noch von den Resultaten meiner jugendlichen Entschlüsse und Bestrebungen zu reden , und die sind dürftig genug . Ich bin allerdings ein ziemlich tüchtiger Musiker , aber sehr fern von der früher geträumten Größe . Und was die Freiheit betrift von der ich mein höchstes Heil erwartete : so habe ich erkannt , daß ich derselben nicht fähig war . Eine Liebe - die unsinnigste und zugleich die göttlichste , hat mich unfrei gemacht ! Sie war verboten .... aber zugleich durch eine solche Kluft von Unmöglichkeiten von mir getrennt , daß diese mich sicher machten . Wie auf den schwindelnden Brückenstegen des Hochgebirges fühlte ich mich : Hält dich der wankende Steg über dem Abgrund - wolan ! so zeugt das von Muth , Macht und Glück ; trägt er dich nicht , so geht deine Schuld vielleicht in dem Sturz unter ! - Aber weil ich mich von dieser Liebe umstrickt fühlte , so hatte ich keine feste Zuversicht zu mir selbst . Ich mißtraute mir und meinen Leistungen . Ich glaubte in ihnen allen die Fessel wahrzunehmen , die mich zu Zeiten dermaßen band , daß Kunst und Genie mir Puppenspiel und Fratze schienen , und ein Wort , ein Blick der Liebe - Wahrheit und Heil ! Ich glaubte sie trügen den eisernen Reif , der sich zu Zeiten um meine Stirn und Brust schmiedete und sie unzugänglich für den labenden Anhauch aus einer höheren Welt , unempfindlich für die frischen Lüfte aus geistigen Regionen machte . Die stolze Jugendfreude an mir selbst , an der Welt und dem Leben ging mir unter , und ohne diese Freudigkeit - welche den tiefen Melancholien jeder schöpferischen Richtung die Waage halten muß - ist es schwer , wol gar unmöglich Ausgezeichnetes zu leisten . Meine Liebe machte mich schüchtern , und der Genius will auf einem sichern Boden die Grundlage seines Tempels gründen . In ein Meer von Verworrenheit und Wirrsal , von Anziehungs- und Abstoßungskraft , von Selbstbeherrschung und Erschlaffung , von Feigheit und Tollkühnheit bin ich durch sie gerathen , und tausendmal hab ' ich gedacht : Wer doch den Rath seiner Mutter befolgt und sich aus diesem Wellenstrudel zu dem Crucifix auf der Felsenklippe gerettet hätte ! - Aber nichts da ! Unüberwindlich lockte mich die Lorelei .... nur sie ! Dieselbe Allmacht welche bewirkte daß sie mich unangetastet in ihrer Zauberwelt hielt , machte auch daß ich mich von ihr nicht losreißen konnte . Durch lange Jahre der Trennung herrschte sie ! in den bittersten Erkenntnißschmerzen meiner Thorheit und Nichtigkeit herrschte sie ! über meinem künstlerischen Thun und Treiben herrschte sie ! über meine Entschlüsse , meine Richtung , meine Gedanken , meine Seele herrscht sie dermaßen , daß keine Vernunft , noch Kraft , noch Uebung stark genug waren - um ihr in meinem Herzen stumm zu huldigen und sie stumm darin zu begraben . Dies ist das » Weiter « wonach Sie fragen . « Immer wenn Fidelis schwieg erschrack ich . Jezt