den Zweigen , bis Alles nickte , alles zu schlafen schien , die Blätter , die Sträucher . Die Würmer nagten nicht im Holz , die Frösche schrieen nicht mehr . O da wär ' s mir auch lieb gewesen , so einzuschlafen , und da kam es - « » Du wachtest auf . « » So denk ich , muß Einem sein , der vom Blitz getroffen ward . Ich wachte nicht , ich schlief nicht ; ich konnte mich nicht regen , ich war aber auch nicht gebunden . Als wie ein Quell , der durchbricht , war es ; so sickerte , pulste und strömte es durch die Adern mir ; o nun fühlte ich , nun sah ich , was ich nicht aussprechen kann . « Agnes senkte erröthend die Augen . » Es war etwas gesprengt wie ein Eisenband , das um die Brust mir gelegen ; wie auf einen hohen Thurm war ich gehoben und sah weit umher die Wege , Felder , Städte , die Pfade , wo ich gegangen , die Mauern fielen , die Berge sanken vor meinem Blicke . « Da war mir unaussprechlich wohl und weh . Es war eine andere Luft , ein anderes Wehen , so rein durchströmte es mich . Wie gern hätte ich mich da oben gehalten in der Herrlichkeit ; selbst die Thorheit , die ich hinter mir sah , war nur wie ein leiser Schattenstreif , der in Nichts verschwindet , wenn die Sonne zur Mittagshöhe steigt . Ich hätte fliegen mögen ; aber dann war ich plötzlich von der schönen luftigen Höhe versunken , tief , tief unten . Lag wieder angeschmiedet , angelöthet an den Felsblock ; wie schwer waren die Glieder , ringsum Nacht , Wüste , Grauen . Die Raubvögel reckten wieder ihre Hälse . Was jagte , was tobte , was tanzte um mich ! Ein Zug , der kein Ende nehmen wollte . Alle meine Thorheiten , aller Schabernack , den ich im Muthwillen verübt , ach den ich längst vergessen hatte , jeder eitle Wunsch , jeder dumme Spaß schoß vor mir auf , ein seelenloser Kobold , der seine Künste zeigen wollte . Da gingen ein Paar Stelzen mit weißen Betttüchern und verfolgten ein armes Weib , das vor ihnen floh . Sie stürzte auf mich zu , sie rief um Hülfe . Ach ich war es ja selbst , der sie jagte . Da summte eine Bremse um mich , immer weiter und immer größer , jetzt ward ' s ein Kalb , das ich geneckt und gequält , jetzt ein Pferd , das athemlos um mich galoppirte . Das arme Thier , es keuchte , gern hätte ich ' s gehalten ; aber ein Paar Sporen schlugen blutig tief in seine Weichen . Es waren meine Sporen ; ich hatte es zu Tode geritten aus Uebermuth . Da flogen bunte Mützen durch die Luft , Faugebälle der Kobolde ; ich konnte sie nicht bunt genug haben , nicht oft genug wechseln . Hupp , hupp , da tanzten ein Paar Locken ! Der Adelheid Marwitz ihre , die konnt ich nun gar erst nicht aus den Augen kriegen . Und dann Wirbel und Wirbel . Ach die Weisen , an denen ich mich sonst nicht satt hören konnte , summten und summten ohne Aufhören , daß ich wünschte , die Wölfe möchten nur wieder heulen , damit das wüste , dumpfe Einerlei fort wäre . Da galoppirte ich hinter dem Ritter Lindenberg , und der helle Angstschweiß stand mir auf der Stirn ; nun sah , nun wußte ich ja , wie schlecht das war , und doch mußte ich ihnen nach und immer nach , und sie lachten mich aus , und nun konnte ich mich wieder nicht rühren , und oben glänzte die Morgensonne auf die lichte Thurmhöhe , wo ich gewesen , und ich reckte meine Arme verlangend hin ; aber eine Stimme rief : » Was willst Du hier ? Dein höchster Wunsch ist da ! « Und vor mir faltete sich ' s aus , was erst aussah , wie eine Binsenmatte , dann ward es bunt , weit , Bänder und Puffen , die Pluderhosen des Krämers . Als führe ein Wind hinein , blähten sie sich , sie wurden wie ein Baum , wie ein Thurm bis zu den Wolken , ein scheußliches Gespenst , und heraus rutschte es , eins , zwei , drei , wieder and ' re Hosen , kleine , große , o zehn , hundert , tausend und sie faßten sich an und tanzten um mich im Reigen . Immer enger , immer enger . Ich meinte , vor ' m Staube zu ersticken , bis ich aus der gepreßten Kehle um Hülfe schrie . Da rief die Stimme : » Was willst Du Hülfe vor dem , was Deine Wonne ist ! Ging doch Dein Sinnen und Trachten nur nach dem Eitlen . Wer schaalem Witz und hohlem Spaß sein Lebelang nachläuft , der kann in unsrer Luft nicht athmen . Der Staub , den die Sohlen der Tänzer aufwirbeln , ist Dein Aether . Zum Ländler wurde ja Deinem Ohre der Chorgesang der Engel ! « Der Kranke athmete schwer auf , und die Lippen bewegten sich , ohne Töne vorzubringen . Agnes faltete die Hände über ihm zu einem stummen Gebet . Als lauschte er mit Wohlgefallen den Tönen , die noch über ihre Lippen kamen , winkte er ihr zu . Er hatte die Sprache wieder gewonnen : » So sah ich Dich da in Deinem Kämmerlein , so hast Du für mich gebetet . Du warst aus Deinem Bett gehuscht , über der Schwester Bett beugtest Du Dich , ob sie schliefe , dann warfst Du Dich vor das Betpult ; durch die zerbrochene Fensterscheibe wehte der Wind und lüftete das Tüchlein an Deiner Schulter - « Sie wollte ihm die Hand vor den Mund halten : » Heilige Mutter Gottes - « » Die sah es auch und lächelte . Sie war es , die Dich geweckt . Ich allein , Agnes , o wer hätte mein Gebet gehört ! Die heiligen Schutzpatrone , die den andern sündigen Menschen helfen , wandten mir den Rücken . Da hätte ich gelegen , bis mein Blut erstarrt war , bis die Wölfe - ich wäre ja ohne Heiligung , ohne Erkenntniß aus der Nacht hinübergegangen in die Ewigkeit . Die Liebe nur that es , die nicht gerechnet und nicht gefragt . Du schwebtest , ein Engel mit dem Palmenzweig , durch den Spuk . Du winktest , da betete ich zuerst , da wichen die häßlichen Bilder , Du reichtest mir die Hand , da löste es sich , athmete ich wieder , da hob ich mich auf , da - « Er hörte wieder nicht , was sie in ihrer Herzensangst sprach , daß er nicht lästern solle , daß die Heiligen allein den Hans Jürgen und den Ruprecht durch die Wildniß zu ihm geleitet , daß er gesund werden würde , wenn - . Seine Pulse schlugen so laut , seine Stirn brannte . » Der Wagen steht angespannt . Ich hör die Rosse stampfen , « flüsterte sie , » Hans Jürgen wartet auch . « » Worauf ? « fuhr der Fieberkranke auf . » Daß der Blitz Niederschlag in die trockene Wüste ? O Agnes , ich allein kann ' s nicht , Du mußt mir helfen . « » Ich nicht , lieber Hans Jochem , bete zur Jungfrau Maria . Die wird Dir helfen . « » Mir ! Mir ist geholfen . Ich trank aus dem vollen Becher der Gnade . Aber die Andern , die noch dürsten , für die laß ' uns beten , für die Armen im Sande , und sie wissen nicht , was ihnen fehlt ; denke doch , sie Alle denken nichts ! Hans Jürgen nicht der Vater nicht - die Mutter nicht ! In das Leben hinein , wie der Maulwurf - Und sie fühlen nicht den Durst , das ist das Entsetzlichste ! « » Der Herr wird ihnen schon zu trinken geben . « » Wo ist der , der an den Fels schlägt ! - Ich stand auf dem Felsen , Agnes , « sprach er leise , sie mit krampfhaftem Druck an sich ziehend . » Du mußt mich nicht verrathen . Ich sah hinter mich in die Wüstenei . Ach , das sah gräßlich aus . Die schaukelten sich wie die Halme im Winde ; die krochen hin und her , wie die Ameisen ; die wirbelten und tanzten wie die Wassermücken im Sonnenstrahl . Alle wie die Thiere , die nach der Atzung wittern , den Kopf zur Erde und Keiner , Keiner die Augen nach der Sonne . « Das arme Mädchen und der Fieberkranke allein ! Sie drückte ihm sanft seinen aufgerichteten Leib an die Kissen . Seine Hände glühten nicht so als sein Auge . » Wir wollen für sie beten , Hans Jochem , gleich zum lieben Gott . Die Heiligen werden es uns wohl verzeihen - « » Wir sind die Erwählten ! - Wenn wir mit einander beten , öffnet sich das Himmelsthor . « » Mutter Gottes , verzeih ihm die Sünde ! « » Die lächelt herab auf uns , daß wir - « Die Ruhe schien einen Augenblick auf sein Gesicht zurückzukehren . - » Du und ich , wir gehören zu einander und haben uns nicht gefunden . Das geht wohl so in der Wüste . Der Staub verwirrt auch die Erwählten . Nun erst , da wir hinaus sind , da ist ' s zu spät , meinst Du . Nein , Agnes ! Wenn Du im Chor zu Spandow auf den Knieen liegst , lieg ' ich auch auf den Knieen - wo - wo doch ? - O Du wirst von mir hören ! - Was von mir hören ! Du wirst deutlich hören mich beten , siehst mich knieen , die Mauern zwischen uns sinken . Wir sehen uns Beide an , wie die seligen Märtyrer auf den Bildern mit süßen Liebesblicken - « » Ach Himmels-Königin ! Hans Jochem , das ist arge Sünde - « » Sünde ! « rief er mit dem zufriedenen Lächeln eines Irren . » Uns kann sie nicht mehr berühren . Wir sind Erwählte , berufen , die Andern zu retten . - Sie schwimmen im Meer , das ist das Leere - sieh , sieh die wenigen Wasserbläschen , die sich herausringen , o Gott , das sind die Gedanken ; fischen wir - Netze hinein - eine Angel mit süßem Köder - Agnes , sieh , wie schwer ich ziehe - hilf mir - nun - nun - « Was ihr nicht gelungen , wirkte die Erschöpfung . Er sank ohnmächtig zurück . » Agnes ! « rief der Mutter Stimme . » Agnes ! « wiederholte Hans Jürgen . Sie riß sich los ; aber wandte sich wieder um , und zitternd hauchte sie einen Kuß auf die Stirn des Ohnmächtigen . » Mutter Gottes sieh es nicht ! - Mutter Gottes , verzeihe ihm und mir die Sünde ! « Achtzehntes Kapitel . Unterricht im Denken . Wenn die großen Wagenräder sich durch den tiefen Sand mühsam Bahn brachen , und Kaspar abgesprungen , und bald den Falben , bald den Schecken klopfte und Scherznamen ihnen in ' s Ohr rief , ritt Hans Jürgen neben dem Wagen , und neigte seinen Kopf zur Muhme . Schien ' s ihm doch bisweilen , wenn sie sprach , Agnes wäre um zehn Jahre gewachsen , und war doch kaum fünfzehn Jahre alt . Sie hatte anfangs viel geweint , und das war Hans Jürgen ganz recht , denn ihm war gar nicht zu Muth , daß er mit einem hätte freundlich sprechen sollen . Nachdem sie aber die Thränen getrocknet , sprach sie so vernünftig , das macht wohl die Weihe , dachte er , die wirkt schon zum voraus . Da hatte sie ihm gesagt , daß ihr der Abschied wohl schwer geworden , von ihrer lieben Mutter und lieben Schwester und allen ihren lieben Blutsfreunden , nun aber sei es überwunden , und da sei sie recht herzlich froh , denn nun könne sie erst recht für sie Alle leben . Das verstand Hans Jürgen Anfangs nicht , denn was konnte sie denn , im Kloster eingesperrt , für die in Hohen-Ziatz thun , bis sie ' s ihm erklärte , daß sie für ihr Seelenheil beten werde , Tag für Tag . » Ja , es mag schon gut sein , « sagte er , » so einer aus der Sippschaft geistlich wird , und für uns betet , denn wir draußen auf dem Lande haben doch nicht Zeit . « Agnes meinte , dazu müsse jeder die Zeit finden . Hans Jürgen aber zählte ihr auf , was Einer wie er , zu thun habe , von wenn die Sonne aufgeht , bis sie untergeht , und wenn er ' s verrichten thäte , wie die Edelfrau es wolle , dann könne er bei Tage gar nicht dazu kommen , an den lieben Gott zu denken , und des Nachts sei er zu müde . Das sei auch des Dechanten Meinung , daß man den Geistlichen das überlassen müsse ; wozu wären sie auch sonst da ? Und von dem Ueberschuß der guten Thaten der Heiligen könne mancher ehrliche Mann selig werden . Dazu mußte nun Agnes wohl schweigen , wenn sie keine Ketzerin sein wollte , und die Vorstellung , daß sie selbst eine Heilige werden , durch ihre guten Thaten ihre Verwandten dereinst selig machen könne , mochte sogar für ihre Einbildungskraft etwas Lockendes haben . Aber ganz wollte es ihr doch nicht zu Sinn , und ihre künftige Würde erlaubte ihr schon ein wenig zu predigen . Wozu wären denn die Kanzeln und die Predigermönche und Pfarrer , wenn die Heiligen mit ihren Werken allein es thäten ? Und da kam ihr zu Sinn , was der Verwundete zuletzt gesprochen von dem wüsten Leben und der Gedankenlosigkeit . Nun gab sich das gute Kind rechte Mühe , ihren Vetter auf Gedanken zu bringen , und zwar auf gute ; aber aus seinen Antworten sah man , daß er wenigstens zu einem Heiligen nicht viel Anlage hatte . » Das ist schon ganz recht , Agnes , was Du sagst von der Geschichte neulich , und ich hab ' s mir schon selbst gesagt , daß es unrecht war . Nun aber hat ' s der liebe Gott so gefügt , wie ' s sein mußte . Hans Jochem brach ein Bein , und ich mußte nach den Hosen . Also hat ' s der liebe Gott allein und für sich gemacht , daß wir keine Sünde begangen haben , siehst Du , der macht es doch gewiß zum besten , und besser als ich und Hans Jochem es vorher bedacht hätten . Freilich der Hans Jochem hätte nicht das Bein gebrochen , aber Du sagst ja selbst , das wär ' zu seinem Heil , und darum soll er Gott preisen . Warum soll ich Gott denn nicht auch preisen , und das könnte ich doch nicht , wenn ich ' s vorher bedacht , da müßt ich mich ja selbst preisen . Denk drum , ' s ist am besten , man läßt ' s gehen , wie es geht . « Es ward Agnes Bredow recht schwer , ihren Vetter eines Bessern zu belehren , weil es überall schwer ist , zu lehren wo man selbst nicht recht Bescheid weiß . Während sie lange hin und her stritten , ob jeder Mensch selbst denken müsse , und was und wann und wie weit ? schienen sie sich darin zu nähern , daß man ' s in jungen Jahren noch nicht nöthig hätte , wer nicht geistlich werden wollte ; aber daß es gut sei , wenn man älter würde , das mußte auch Hans Jürgen zugeben . Da schlug er sich plötzlich auf die Lende : » Aber Blitz noch mal Agnes , Dein Vater denkt ja auch nicht . Meinst Du , daß er nicht in den Himmel kommt ? Er ist doch ein so guter Christ wie einer . « Agnes besann sich : » Weißt Du was ? Für den denkt die Mutter . Das mag wohl so eingerichtet sein vom lieben Gott , wenn zwei verheirathet sind , so hilft Einer dem Andern aus , und dem Einen wird angerechnet , was der Andre Gutes thut . « » Aber was er Böses thut , muß der Andere auch mittragen ? « Agnes nahm sich vor , ihren Beichtvater darüber zu fragen . » Wenn Einer nun aber allein stehen bleibt , und wird nicht geistlich , der hat es recht schwer , « sagte Hans Jürgen . » Freilich , « und dem armen Mädchen kam ihr Ohm Peter Melchior in den Sinn . » Ach Gott , Hans Jürgen , nimm Dich in Acht , daß Du so einer nicht wirst . Was muß da von den Werken der Heiligen drauf gehen , um den selig zu machen ! « Sie faltete unter ' m Mantel ihre kleinen Hände , und nahm sich vor , wo sie eine Stunde sich absparen könne , für Peter Melchior zu beten , den sie doch gar nicht leiden konnte . » Bewahre mich der liebe Himmel vor ' ner Sünde , aber ich denke so eben was , « fuhr Hans Jürgen plötzlich aus sichtlichem Nachdenken auf . » Siehst Du , Vetter , nun fängst Du auch schon an , das ist gut . « » Ach nein , Agnes , das ist nur so gedacht . Der Peter Melchior , und wie der ist , das wissen wir Alle . Der Dechant ! Hast Du nicht auch gehört , wenn Deine Mutter sagt , der Teufel steckt in ihm ? Der hat nun kein Weib , wer soll für den beten , daß er selig wird . Und alt genug ist er . « Das machte Agnes genug Kopfbrechen . Daß der Dechant nicht so sei , wie er sein sollte , konnte sie nicht leugnen . Sie meinte der liebe Gott werde vielleicht ein Nachsehens mit ihm haben , weil er für Andere soviel Gutes und Erbauliches spräche , wenn er selbst dafür nichts Gutes und Erbauliches thäte . Hans Jürgen schüttelte den Kopf : » Wer anders spricht als er thut , das gerade ist schlecht , Agnes , das laß ich mir nicht nehmen und wenn ' s der Bischof , ja , wenn ' s der Papst selber wäre ! « Sie meinte nun , weil er ein Domherr wäre , so beteten und dächten die anderen Domherrn für ihn , und da übertrüge es wohl auch einer auf den Andern . Hans Jürgen aber meinte , es wären ihrer doch gar zu viele , die es nicht verdienten , und wenn zwei Geistliche immer zu sorgen hätten , daß sie das gut machten , was der dritte schlecht gemacht , wo bliebe ihnen da Zeit für sich und die übrigen Menschen zu beten ? Agnes senkte ihr Köpfchen ; sie konnte auch das nicht ableugnen . In welchem Hause , auf dem Lande und in den Städten , ward nicht damals gegen die Geistlichkeit geschimpft , und den Kindern selbst konnte man ' s nicht verschweigen , was sie für schlechte Streiche machten . » Hans , Du mußt Heirathen , das ist das Beste . « » Ich , Agnes , ich heirathe nicht . « » Ja , ja , Du mußt ' ne gute Frau haben , die für Dich denkt , wie Mutter für den Vater . « » Nein , nun nicht , das ist nun vorbei , Agnes . « » Ich sage ja nicht jetzt ; wenn Du so alt bist , Hans Jürgen . Geistlich wirst Du nicht werden . Hans Jochem geht in ' s Kloster , und Eva ist Dir gut ; ich weiß es . « » Sprich doch nicht so dummes Zeug , Agnes . Ich hab ' s auch mal so gedacht , das ist nun aber nichts . Ja , wie der Herr von Lindenberg mich nach Berlin mitnehmen wollte , und dem Kurfürsten vorstellen , da konnte was aus mir werden , da hatte ich so meine Gedanken . Nun hat ' s der liebe Gott anders gemacht . « » Hat er ' s nicht gut gemacht , Hans Jürgen ? Du hast nun ein rein Gewissen ; Und hörtest Du nicht , was sie munkelten , daß der Herr von Lindenberg in Berlin in Ungelegenheiten gekommen wäre . Die Schulzenfrau wußte nur nicht recht was . Ist ' s nicht der Herr von Lindenberg , so ist ' s ein Anderer . Der Herr von Rochow auf Plessow ist gar nicht übel . Wenn wir ihn recht bitten , nimmt er Dich auch mit und stellt Dich vor . Du mußt nur was auf Dich geben , und den Kopf nicht immer so in den Schultern tragen , und dann auch nicht so die Zähne ziehen , wenn Du Einen schief ansiehst , den Du nicht magst . Ja ein bischen freundlicher könntest Du schon werden . Du bist doch manchmal ein Bär . Vielleicht bringen sie Dich bei der kurfürstlichen Jagd an , da brauchst Du nicht zu denken . « » Beim Kurfürsten ! Lieber will ich Ziegel streichen . Bin ein freier Mann , eines Edelmanns Sohn . O pfui ! Der Deinen Vater hat lassen in ' s Gefängniß schmeißen , dem ich dienen ! Und wär ' s auch nicht Eva ' s Vater , er ist - « » Hans Jürgen , er kommt schon wieder frei . Vater hat gewiß nichts verbrochen . « » Was thut ' s ! Der Kurfürst hat ihn in ' s Gefängnis schmeißen lassen , ja , das hat er . Das vergeß ich nimmer . Ist mein Feind . Und seine Reiter , die ! Wär ' s nach mir gangen , der Wenzel , der Konrad , o sie Alle , und die aus dem Dorf , wir hätten ihnen wollen Mores lehren , so wahr ich Hans Jürgen bin ! « » Gott sei uns gnädig , das hätte Blut gesetzt ! « » Wozu hat man denn Blut im Leibe ? Blut soll ' s auch noch setzen . Wenn die Herren im Lande es ruhig hinnehmen , wenn die Sippschaft im Havellande nicht aufsteht , ich stehe auf . Ich schnüre mein Bündel ich ziehe fort , wo ' s Krieg giebt , zu den Pommern oder zu den Polen , mir gleich . Reiter werden sie überall brauchen ; wenn es nur gegen den Kurfürsten losgeht ! « Daß Hans Jürgen , wenn er sich zum Kriege werben lasse gegen den Kurfürsten , auch gegen sein eigen Land kriegen müsse , fiel Agnes als nichts Unrechtes auf . Daß er Einem absage , dem er Feind war , däuchte ihr ganz in der Ordnung , daß er so ihres Vaters und der Ehre seiner und ihrer Familie sich annehme , sogar lobenswerth . Aber Alles miteinandergenommen , schien es ihr doch nicht recht , wenn sie sich auch nicht Rechenschaft geben konnte , warum , und sie bat ihn , daß er sich gedulden möge . Das wollte ihm nicht recht in den Sinn , und sie wußte nicht recht , wie sie es ihm zu Sinne bringen sollte . So blieben sie beide eine Weile schweigend neben einander , bis sie sich plötzlich erinnerte , wie unter dem vorigen Kurfürsten Einer vom Adel gerichtet worden , der mit den Fremden in ' s Land gefallen war , und es hatte ihm nichts geholfen , daß er vorher einen Absagebrief geschickt . Hans Jürgen mußte zugeben , daß das eigentlich eben so schlimm wäre , wenn er darum gerichtet würde , als wenn er auf den Stegreif ausgeritten und gefangen worden . » Das mag schon recht sein , aber wie soll sich denn Einer helfen , wenn ihm Unrecht geschieht . Denn Recht muß doch Recht bleiben , und der Kurfürst hat uns Unrecht gethan . Drum muß doch Einer sein , der dem Kurfürsten wieder Unrecht anthut . « Das schien auch der kleinen künftigen Heiligen ganz richtig , aber sie zerbrachen sich beide den Kopf , wie das in der Welt zu machen wäre . » Weißt Du was ? « sagte sie . » Wenn Du mich nach Spandow gebracht , dann reite nach Friesack zum alten Herrn Bodo . Der ist klug , der wird ' s Dir sagen . « Hans Jürgen kraute sich hinter den Ohren . Ganz recht war ihm das auch nicht , denn was er that , hätte er lieber für sich allein gethan , aber er mußte seiner Muhme Recht geben , als ihr jetzt einfiel , daß er ja der ganzen Familie Schaden dadurch thun könne , wenn er die Sache auf sich allein nähme . Sie alle ginge es doch auch an , als wie ihn , und sie würden schon darüber zu Rathe sitzen . » Kaspar , was pfeifst Du ? « fragte er . » Das ist nur ' ne alte Geschichte , Junker , die mir einfiel , von den Mäusen und von der Katze . Die Mäuse saßen doch auch zu Rath , wie sie ' s anfingen , daß die Katze nicht so ran schliche und unversehens eine beim Wickel kriegte , und mit ihr abführe . Da hatte Eine , die war klüger als die anderen , den Einfall , man solle der Katze ' ne Schelle an den Schwanz binden , dann hört man sie schon von fern . Der Rath war auch ganz gut , aber es fehlte nur was . Keine Maus war da zu kriegen , daß sie der Katze die Schelle anband . Und da dachte ich denn , ' s geht manchmal so , wenn sie zu Rathe sitzen . Der Rath ist ganz gut , aber es fehlt was . Hui ! Seht mal da . « Er zeigte mit der Peitsche in die Luft . Eine Schaar von den großen Seeraben flog über die Kiefern , in ihren Schnäbeln und Krallen noch zappelnde Thiere . » Das war ein großer Barsch , der hat auch nicht gedacht , daß ihn ein Stößer aus Norwegen fressen thun würde . Die Fische haben gewiß auch zu Rath gesessen , als die großen Vögel zuerst kamen und in die Weiher stießen , denn wenn sie auch stumm scheinen , unter sich sprechen sie , wir hören ' s nur nicht . Aber es fand sich kein Fisch , der den Raben die Klingel um den Hals hängen wollte . - Wetter noch mal , der Große , der so schwer hinterher fliegt , schaut , der schleppt ' nen kleinen Hasen . « » ' S ist ein schweres Unglück für die Thiere im Walde , daß die Sturmvögel aus dem Eislande kommen mußten , « sagte Hans Jürgen . » Das glaubt nur ja nicht , Junker ! - Wenn die nicht da wären , so sind andere da . Nur für unsere Habichte ist ' s schlimm , weil die ihnen in ' s Handwerk greifen . Ist doch jedwed Vieh da , daß ein ander Vieh kommt , das größer ist und stärker , und packt es und Eins frißt das Andere , und wenn ' s den Magen voll hat , wird ' s wieder gefressen , und so geht ' s Reih um . « Hans Jürgen machte den Einwand , die größten Thiere in Luft , Erd ' und Wasser bleiben doch übrig . » Die schießt der Jäger todt , oder ich weiß nicht , wie er den Wallfisch fangen thut . « » Der Jäger ist aber ein Mensch . « » Freilich , nun ja . Seht Junker , ich mein ' es als wie wir gemeine Leute uns denken . Und da meine ich geht ' s allebenso wie beim Vieh ! Einer sitzt auf ' s Andern Schulter , und drückt ihn . Auf dem Chorendejungen sitzt der Bacchant , auf dem Bacchanten der Präfect , auf dem Präfecten der Ephorus , oder wie sie ' s nennen thun , und auf dem , ich weiß nicht wer , und das ist allebenso bei den Großen , wie bei den Kindern . Auf dem Bauer sitzt der Edelmann , auf dem Edelmann der Kurfürst , auf dem Kurfürsten der Kaiser und auf dem Kaiser der Papst . Und auf dem , denk ' ich mir so , der liebe Gott . Nun sagen sie : Recht muß immer Recht bleiben . Nun ja , meinethalben , aber wer schafft denn nun dem Kücken das Recht , wenn der Stößer es holt ? « » Du hast ja eben gesagt , Kaspar , das der liebe Gott über dem Papst ist , also er ist über Allen , und der wird ihnen das Recht schaffen , « sagte Agnes . » Nun ja , da hab ' ich auch nichts gegen , und der liebe Gott wird ' s wohl am besten wissen , warum der Storch den Frosch frißt , und der Bauer den Rücken halten muß , wenn der Edelmann prügelt , und der Ritter auf ' s Hochgericht muß , wenn der Kurfürst ihn köpfen läßt , das muß nun so sein , weil ' s nicht