Hand . Alfred that , als bemerke er es nicht . Es war ihm unmöglich , einen Mann traulich zu begrüßen , den er nicht in seinem Hause zu sehen wünschte . Ruhberg brachte ihm Nachrichten aus der Heimat und sprach von den Angelegenheiten auf Reichenbach ' s Gütern , soweit sie die kirchlichen Verhältnisse betrafen . Dann rückte er endlich mit der Bitte hervor , daß Alfred , der mannichfache Bekanntschaften unter den Räthen der verschiedenen Ministerien besaß , seinen Einfluß zu Gunsten Ruhberg ' s verwenden solle , um dessen Bestätigung als Domherr zu erlangen , die noch zweifelhaft schien . Die Behörden standen an , die auf ihn gefallene Wahl gutzuheißen , da seine hierarchischen Tendenzen nur zu sehr bekannt waren . Alfred nahm seine Bitte kühl auf und sagte , da Ruhberg dringender wurde : Sie verkennen einerseits meinen Einfluß , mein Herr Kaplan , andererseits mich selbst . Ersterer reicht nicht so weit , als Sie glauben , und ich kann ihn nicht unbedenklich für Jemand anwenden , dessen Grundsätze und Ansichten den meinigen so sehr entgegen sind , als die Ihren . Im Uebrigen , Herr Caplan , denken Sie von meiner christlich vergebenden Gesinnung besser als ich selbst , denn ich habe weder vergessen noch kann ich vergeben , was Sie gegen mich verschuldet haben . Der Kaplan erbleichte und ein Blick , scharf wie der Stachel einer Schlange , schoß aus seinen Augen auf Alfred , aber keine Muskel seines Gesichtes bewegte sich . Ich weiß nicht , wovon Sie sprechen , Herr von Reichenbach ! sagte er . Ich bin mir bewußt , Sie wegen des kleinen Streites in Rosenthal um Vergebung gebeten zu haben , und was die Milde betrifft , er betonte das Wort scharf , die Sie an meinem Vorgänger so hoch geschätzt haben , und die Sie in gewissen Fällen vielleicht selbst bedürfen könnten , so sollen Sie mich so mild als Ihren verstorbenen Freund , den Domherrn , finden . Mit der kirchlichen Würde soll mir die christliche Milde kommen , wie ich hoffe . Es ist schwer in untergeordneter Stellung sich frei und richtig zu entwickeln , das Amt giebt Kraft und Einsicht mit dem Beistand Gottes . Ich bedarf Ihrer Milde nicht , sagte Alfred stolz , und ich habe Ihnen keine Milde angedeihen zu lassen , nach der Beleidigung , die Sie , und wie ich erkundet habe , Sie allein mir mit der gehässigen Zeitungsanzeige zugefügt haben , deren Sie sich wohl erinnern werden . Damit ist Alles zwischen uns gesagt . Er schritt hinaus , ließ Ruhberg stehen und ging seine Frau aufzusuchen , der er verbot , den Kaplan bei sich oder außer ihrem Hause zu empfangen und zu sprechen . XVIII Langsam und drückend schwer gingen die Tage an Therese vorüber . Sie hatte gleich nach des Bruders Erkranken ihre Pflegetochter von sich entfernen , sie zu Frau von Barnfeld schicken wollen , aber Agnes hatte es mit Bestimmtheit verweigert , sich von ihr zu trennen . Sie erklärte , daß Nichts sie vermögen würde , die Freundin , der sie so viel frohe Stunden verdanke , der sie von Herzen ergeben sei , zu verlassen , nun da diese in Angst und Sorgen sei , und Therese hatte sich in ihre Ansicht gefügt . Mit verständiger Thätigkeit und großem Geschick übernahm Agnes alle häuslichen Geschäfte , die sonst der ältern Freundin oblagen . Sie sorgte für Alles , wußte für Alles Rath , was Julian irgend bedürfen konnte , so daß Therese sich mit ruhiger Zuversicht ausschließlich der Pflege des Bruders widmen durfte . Dabei schien das junge Mädchen sich recht in ihrem Elemente zu fühlen und trotz wirklicher Sorge um den Präsidenten und mancher körperlichen Anstrengung ihren ruhigen , klaren Sinn zu behalten . Das machte sie Therese immer werther und ward für Eva unschätzbar , die alle Fassung verloren hatte . Schon am frühesten Morgen kam sie zu den Freundinnen und verließ sie so spät als möglich . Wie Agnes wünschte sie helfen und nützen zu können , aber die gänzliche Unkenntniß aller häuslichen und wirthschaftlichen Fertigkeiten hinderte sie daran . Doppelt betrübt durch die Unthätigkeit , zu der sie sich verdammt fühlte , saß sie tagelang mit verweinten , halbgeschlossenen Augen da . Sie war ein wahres Bild des Kummers , und Therese sowohl als Agnes und Theophil empfanden inniges Mitleid mit ihr . Konnte man irgend eine Beschäftigung für sie ermitteln , die sich auf Julian bezog , dann belebte sie sich plötzlich ; war die kleine Arbeit beendet , so sank sie in die frühere Abspannung zurück . Sie machte den rührenden Eindruck eines kranken Kindes und wie ein solches ward sie von Agnes mit unwandelbarer Güte und Nachsicht behandelt , die , obgleich bedeutend jünger als Eva , jetzt wie ihre Beschützerin auftrat . Theophil entging die große Tüchtigkeit des jungen Mädchens nicht und er wußte ihr die Erleichterung Dank , welche sie Theresen verschaffte . Unablässig für diese besorgt und vorsorgend , dachte er dennoch daran , auch Agnes Beweise seiner Theilnahme und Achtung zu geben , die sich von Tag zu Tag für sie steigerten . Durch Agnes erfuhr er zu jeder Stunde , wie es um Julian stehe , wie Theresen ' s Stimmung sei , denn diese selbst war nur für Augenblicke sichtbar . Tag und Nacht an Julian ' s Lager beschäftigt , schien sie fast übermenschliche Kraft in sich zu finden , um dem Bruder nie zu fehlen , wenn für kurze Zeit die Nebel des Fiebers von ihm wichen und er seine Umgebung erkannte . Am Neujahrsmorgen hatte sie einen Brief von Theophil ' s Mutter erhalten , die ihr in den wärmsten Ausdrücken für die Güte dankte , welche sie dem leidenden und jetzt genesenen Sohne bewiesen habe . Ein Brief von Theophil war beigelegt , in welchem er sich erfreut über die Rückkehr der Gesundheit und voll Sehnsucht nach einem Glücke aussprach , das er einst vielleicht von der Hand seiner treuen Pflegerin zu erhalten hoffen dürfe . Die zärtliche Mutter beschwor Therese , ihrem Sohne das Glück , das er nicht näher bezeichnet , das sie aber leicht errathen hatte , nicht zu versagen . Sie schilderte ihr die tiefe Verehrung ihres Sohnes für sie , sie rühmte mit mütterlichem Stolz die Vorzüge des Sohnes und hieß im Voraus Therese als die geliebteste Tochter willkommen . Der Brief , so wenig ihn Theophil selbst gutgeheißen haben würde , hätte er eine Ahnung von seinem Inhalte gehabt , rührte Therese sehr . Es gab sich eine große Güte darin kund und es that ihr leid , die Hoffnungen nicht erfüllen zu können , welche man auf sie baute . Sie begriff die Nothwendigkeit , Theophil nicht länger in Zweifel über seine Aussichten zu lassen , aber die Angst um den Bruder drängte jeden andern Gedanken in den Hintergrund und die erste Woche des neuen Jahres war bereits vorüber , ohne daß sich eine Besserung in dem Zustande des Kranken gezeigt hätte . Der entscheidende einundzwanzigste Tag nahte heran , und mit ihm die tödtliche Spannung , in der man solche Ereignisse erwartet . In der Befürchtung der traurigsten Möglichkeit gewann es Therese über sich , mit Theophil zu sprechen . Sie fürchtete den Tod des Bruders und der Gedanke , irgend eine naheliegende Pflicht erfüllen zu müssen , nachdem sie den Bruder verloren haben würde , kam ihr hart an . Sie suchte also Theophil in einem freien Augenblicke auf , dem sie im Wohnzimmer begegnete . In dem lebhaften Wunsche , sobald als möglich zu Julian zurückzukehren , fand sie die Kraft , ohne alle Vorbereitung gerade zum Ziele zu gehen ; alle die kleinlichen Rücksichten verschwanden vor der Größe des Kummers , der von allen Seiten auf sie einstürmte . Sie haben von mir noch Antwort auf eine Frage zu erwarten , guter Theophil , sagte sie , die ich Ihnen längst hätte geben müssen . Sie haben meine Hand begehrt , aber ich kann die Ihre nicht werden . Ich bin nicht frei , wie ich es Ihnen schon früher gesagt habe , wie Sie selbst es jetzt wissen . - Da sie an Theophil ' s Zügen sah , welch schmerzlichen Eindruck ihre Worte auf ihn machten , und da sie fühlte , daß die Weise , in der sie zu ihm gesprochen , ihn kalt und herzlos dünken müsse , wünschte sie zu begütigen , so weit es in ihrer Macht stand . Sie sagte ihm , daß sie schwankend gewesen sei , was ihr zu thun obliege , daß sie in festem Vertrauen auf seine Großmuth , in der Gewißheit seiner Liebe daran gedacht hätte , seine Frau zu werden , und daß nur die Unmöglichkeit sie davon abgehalten , weil sie ihm nur ihre Hand , nicht ihr Herz zu geben habe . Glauben Sie mir , Theophil , sagte sie , es kann , es darf nicht sein . Meine Vergangenheit ist ausgefüllt mit dem Bilde , mit der unwandelbarsten Hingebung an das Andenken eines Mannes , der nie der Meine sein wird - Und die Zukunft ? fragte Theophil bittend . Sagte ich Ihnen nicht , daß diese Liebe unwandelbar sei ? Sie wird auch meine Zukunft ausfüllen , wie sie hoffnungslos mein ganzes Leben in sich faßte . Es ist ein Geschick und ich klage nicht darüber ; denn eine große Liebe , selbst wenn sie unglücklich ist , ist ein Glück . Therese , sagte Theophil , ich muß grausam Ihre Wunden berühren , wie der treue Arzt , der zu helfen wünscht . Welches Loos erwarten Sie für sich ? Sie meinen , welch ein Loos ich erwarte , ergänzte Therese , wenn es im unerforschlichen Rathe einer höhern Macht beschlossen ist , daß ich meinen Bruder verliere ? - Ihre Stimme ging in Thränen unter , als sie dem Gedanken , den sie seit Wochen in verschwiegener Brust gehegt , zum Erstenmale Worte gab . Es war ihr , als würde das gefürchtete entsetzliche Ereigniß dadurch schon jetzt zur Gewißheit erhoben , als trete es von diesem Augenblicke an in die Reihe der unumstößlichen Thatsachen , und ihr schauderte vor der Gewalt des Wortes . Doch überwand sie sich und sagte : Ich werde leben in Erinnerungen großer Liebe , in der Freude , von den edelsten Herzen geliebt worden zu sein . Für Sie , Theophil , vermag ich nichts , kann ich nichts sein , denn mir fehlt die Jugend , ein neues Leben zu beginnen . Glauben Sie mir das . Er hörte sie schweigend an , wie man ein Urtheil anhört , dessen Schwere man empfindet und das man für unumstößlich hält . Vergebens erwartete sie irgend ein Wort von ihm , das ihr verkündete , er zürne ihr nicht . Er hatte den Kopf in die Hand gestützt und blickte starr zur Erde nieder , bis der Eintritt des Dieners , der Therese in das Krankenzimmer zurückzurufen kam , ihn aus seinen Gedanken aufstörte . Sie trat an Theophil und bot ihm die Hand . Können Sie mir nicht vergeben , Theophil ? fragte sie . Ich mache Ihnen Kummer und sähe Sie doch so gern , so gern recht glücklich . Sie wollte fort , aber er preßte ihre Hand an seine Lippen , hielt sie zurück und sagte : Wollen Sie mir eine Gunst gewähren ? Ich bitte darum als Zeichen Ihres Vertrauens , ich fordere sie , als ein Recht der heiligsten Freundschaft . Lassen Sie mich in Ihrer Nähe bleiben , bis ich beruhigter über Sie von Ihnen gehen kann . Bis Julian Sie wieder beschützt , lassen Sie mich statt seiner , so gut ich es vermag , Ihnen zur Seite stehen . Ich gehe , sobald Sie meiner nicht mehr bedürfen . Darf ich bleiben , Therese ? Sie antwortete nicht , denn ihre ganze Seele war schon bei dem Bruder , aber der feste , stumme Druck der Hand , mit dem sie Theophil ' s Rechte erfaßte , gab ihm die Gewißheit , daß seine Bitte erhört sei , und daß er bleiben dürfe . XIX In des Kranken Zimmer angelangt , fand sie diesen in wilden Fieberphantasien . Der Arzt wurde geholt , neue Verordnungen wurden gemacht und Eva sah an der ängstlichen Eilfertigkeit , mit der sie vollzogen wurden , an dem schnellen und doch leisen Umhergehen der Frauen , daß die Gefahr von Stunde zu Stunde wachse . Völlig fassungslos , lag sie auf dem Sopha und hüllte das Gesicht in die Kissen , als Agnes zurückkam und nun , da alles Nöthige geschehen war , sich neben sie setzte . Sie versuchte Eva zu ermuthigen , erzählte ihr von andern Krankheitsfällen , die hoffnungslos geschienen und doch einen glücklichen Ausgang gehabt hatten , aber Eva beachtete es nicht . Du gutes Mädchen , sagte sie , sich emporrichtend , Du weißt ja nicht , wie mir zu Muthe ist . Ich war ein Kind bis jetzt . Ich kannte vom Leben nichts als die Freuden , man hatte mich absichtlich in Sorglosigkeit erhalten . Nun hat mich die Liebe aus meinem Paradiese erweckt , und statt der blühenden Blumen , von denen ich geträumt , finde ich welke Kränze , ein geliebtes Grab damit zu schmücken . Eva ! bat Agnes , fasse Dich doch , nimm Deinen Muth , Deine Liebe für Therese zu Hilfe . Was soll sie denken , wenn sie Dich so außer Dir findet ? Muß sie nicht glauben , der Arzt habe uns jede Hoffnung genommen ? Hat er das gethan ? fragte Eva . Sage es mir ! o ich weiß , daß es so ist , und dann sterbe ich auch . Ich möchte neben Julian begraben werden . Sie hielt inne , dann bat sie : Agnes ! wenn ich todt bin , laß mich nicht von fremden Händen berühren , kleide Du mich an , ganz schlicht , ganz weiß , wie Julian mich gern sah , und das goldene Kettchen mit dem Flacon , das laß mich auch im Grabe behalten , es war Julian ' s letztes Geschenk . Sie vertiefte sich immer mehr in den Anordnungen für den Fall ihres Todes und beweinte diesen bald eben so herzlich und aufrichtig , als sie vorher Julian beweint hatte . Dann sank sie wieder in die Kissen zurück , und schlummerte eben auch wie ein Kind , vom Weinen ermüdet , ein . Es war der Abend , der dem einundzwanzigsten Tage voranging . Die zehnte Stunde war vorüber , Eva ' s Wagen lange vor der Thüre , sie abzuholen , aber Agnes konnte sich nicht entschließen , sie zu stören . Seit vielen Nächten hatte der Schlummer ihre Augen geflohen , sie bedurfte der Ruhe , und auch Therese meinte , es würde besser sein , sie ruhig auf dem Sopha schlafen zu lassen , als sie zur Heimkehr zu erwecken , da leicht die Nacht wieder ohne Schlaf vergehen und die Einsamkeit ihr qualvoll sein möchte . Man verdunkelte die Lampe und Agnes zog sich in die Stube zurück , die dem Krankenzimmer zunächst lag , um auf den ersten Wink Theresen ' s zur Hand zu sein , falls man irgend einen Auftrag auszuführen hätte . Vergebens ermahnte Therese sie , sich zur Ruhe zu begeben , sie blieb beharrlich bei der Bitte , die Freundin möge sie ihr Theil zu des Kranken Pflege beitragen lassen . Ein Nähzeug in der Hand , vollständig angekleidet , saß sie da , als , lange nach Mitternacht , Theophil in das Zimmer trat , von dem Klingeln der Hausglocke auf die Vermuthung gebracht , daß irgend ein neues bedrohliches Ereigniß vorgefallen sei . Ueberrascht blieb er in der Thüre stehen , als er das junge Mädchen erblickte . Sie legte den Finger an die Lippen , zum Zeichen , daß er leise auftreten möge . Sie sah sehr schön aus . Der Schein der Lampe fiel auf ihr reiches schwarzes Haar , und der Ausdruck von ruhigem Verstand gab ihr eine auffallende Aehnlichkeit mit der Madonna della Sedia . Sie sind noch wach ? fragte Theophil leise , als er an sie herantrat . Ermüden Sie denn nicht ? Den ganzen Tag hindurch sehe ich Sie rastlos beschäftigt ; wird das Nachtwachen für Sie nicht zu anstrengend sein ? Sie sind noch so jung ! Haben Sie mich das wol gefragt , als der gute Präsident mich auf die Maskerade geführt hat , von der wir auch erst sehr lange nach Mitternacht aufgebrochen sind ? Die Jugend ist die Zeit der Freude , meinte Theophil , mag sie genießen , so viel sie kann . Zum Leiden findet sich immer später noch Raum im Leben , und es bleibt nicht aus . Grade darum , wendete Agnes ein , muß man uns schon in der Jugend unsern Antheil an den Leiden nicht nehmen , wir lernen sonst ja nicht , sie zu ertragen , wie wir sollen . Sehen Sie , wie unglücklich jetzt die arme Eva ist , daß sie nirgend helfen , nirgend nützen kann ! Ich habe in diesen Tagen es meiner Mutter innerlich schon oft gedankt , daß sie nie schwächliches Mitleid mit mir gehabt und mich gelehrt hat , auch in schweren Stunden Muth und Kraft zu behalten . Ich hoffe das Beste für Julian und ich wollte nur , ich könnte Therese und Ihnen Allen etwas von meiner Zuversicht geben , denn auch Sie , Theophil , sind gänzlich niedergeschlagen seit heute Nachmittag . Haben Sie denn alle Hoffnung verloren ? Alle Hoffnung verloren ! wiederholte er träumerisch und sagte dann , als er das Erschrecken von Agnes bemerkte : Verzeihen Sie , Liebe ! ich war nicht bei Ihren Worten , ich dachte nicht an Julian , ich sprach von mir . Sie schwieg und sah lange in sein trauriges Gesicht , wie er so vor sich niederblickte . Je länger sie ihn aber ansah , desto schwerer ward ihr das Herz . Eine ungekannte Angst und Unruhe wurden in ihr wach . Sie wußte nicht , ob sie Theophil liebe , ihn bedauere , oder ob sie ihm zürne und sich beklage . Das Herz klopfte ihr schwer in der Brust , sie fühlte sich so beklommen und traurig , daß ihr die Thränen in die Augen traten , und , sich zu Theophil wendend , sagte sie , als wolle sie ihre Thränen damit entschuldigen : Es thut mir sehr leid , daß Sie unglücklich sind , lieber Theophil ! Erstaunt und überrascht blickte er das junge Mädchen an , nahm ihre Hand und rief : Muß ich denn auch Sie betrüben , gutes , liebes Kind ! Er behielt ihre Hand in der seinen , alles Blut drängte sich Agnes nach dem Herzen , sie fing heftig zu zittern an und Theophil fragte ängstlich : Um Gottes willen , was fehlt Ihnen ? Sie sind krank , liebe Agnes ! wollen Sie , daß ich Jemand rufe ? Sie haben sich doch wol zu sehr angestrengt ? Nein , nein ! sagte sie , mir ist schon besser . Sie stand auf , wollte lächeln , aber sie war so bleich geworden , daß Theophil besorgt seinen Arm um sie legte . Da neigte sich ihr schönes Haupt auf seine Schulter und leise weinend ruhte sie an seiner Brust . Er fühlte das Schlagen ihres Herzens , es herrschte tiefe Stille umher . Agnes war so jung und schön . Er hatte eben noch trauernd an Therese gedacht und doch empfand er plötzlich eine ihm selbst befremdliche Neigung für das junge Mädchen . Fast ohne es zu wollen , drückte er sie an sein Herz , und ein leiser Kuß berührte ihre Stirne , als Therese in angstvoller Hast mit den Worten eintrat : Schnell einen Arzt , mein Bruder stirbt . Ohne Agnes und Theophil zu beachten , eilte sie an das Krankenbett zurück , wo bald , von Teophil gerufen , der Arzt erschien . Das Uebel hatte seinen höchsten Grad erreicht , nach furchtbarer Erregung trat ein plötzliches Ermatten ein ; immer leiser wurden die Athemzüge des Kranken , immer schwächer das Schlagen seiner Pulse . Lautlos saß die Schwester an des Bruders Bette ; das einförmige Ticken der Uhr ward ihr zur qualvollsten Marter . In Todesangst zählte sie die Sekunden , denn jede konnte die letzte für den Bruder sein . Sie wagte die Augen nicht von seinem Gesichte zu entfernen , damit ihr kein Aufschlag der seinen verloren gehe , damit sein letzter Blick auf sie falle . Theophil war bei ihr , der Arzt hielt die Hand des Präsidenten , um die Pulsschläge zu beobachten . Plötzlich ließ er sie los , gab Theophil ein Zeichen , dieser trat leise an Therese heran und , getroffen von der Veränderung in des Bruders Zügen , sank sie , Theophil von sich weisend , vor Julian nieder und drückte ihre Lippen fest auf seine starre , eisigkalte Hand . Vergebens waren die Bestrebungen des Arztes und Theophil ' s , sie von dem Bette zu entfernen . Sie bat , sie flehte , man möge sie allein lassen , nur allein könne sie Ruhe und Kraft finden , und man fügte sich ihrem Willen . Der Arzt fuhr nach Hause , Theophil zog sich in sein Zimmer zurück , Eva schlummerte ruhig fort und Agnes saß weinend in der Nebenstube , betäubt durch bas Leiden , das sie umgab , und verwirrt von der eigenen stürmischen Erregung . Die tiefste Stille folgte der angstvollen Unruhe , die während der letzten Stunden geherrscht . Von Zeit zu Zeit schlich Agnes an die Thüre des Zimmers , um nach Therese zu sehen . Die Unglückliche kniete regungslos auf derselben Stelle , wie eine Figur auf einem Grabmale anzuschauen . Es schien , als habe das Leben auch sie verlassen , und doch zerriß der herbste Schmerz ihre Seele . Stunde auf Stunde schwand dahin , plötzlich war es ihr , als höre sie leise Athemzüge . Sie richtete sich empor , Niemand war im Zimmer . Verwirrt , entsetzt blickte sie umher . Der Ton wiederholte sich . Sie stand auf , neigte ihr Haupt an des Bruders Lippen , sie wagte ihrem Ohre nicht zu trauen , das Glück dünkte sie unmöglich . Zitternd in der Furcht , sich getäuscht zu haben , blickte sie starr auf ihn hin , da schlug dieser mühsam die Augen auf und Therese mußte sich gewaltsam zwingen , nicht durch ein unzeitiges Zeichen ihrer Freude den Kranken zu erschrecken . Sie eilte zu Agnes . Es war schon heller Tag . Schnell wurde der Arzt abermals herbeigerufen , Julian lebte . Ein Starrkrampf , der selbst den erfahrenen Arzt getäuscht hatte , war die Krisis gewesen . Nach vielen Tagen zum Erstenmal erkannte Julian seine Umgebung wieder . Er reichte Therese die Hand , er nannte ihren Namen . Sie erlag fast ihrer Freude , der Umschwung war zu gewaltig gewesen ; sie mußte einen Augenblick den Bruder verlassen , um sich von den Eindrücken der letzten Stunden zu erholen . Kaum aber saß sie in ihrer Stube , als Alfred bei ihr eintrat . Ganz früh am Morgen hatte Theophil zu ihm geschickt , ihm den Tod des Präsidenten zu melden , und noch war die freudige Botschaft der Besserung nicht zu ihm gelangt , als er herbeigeeilt war , Therese zu sehen . Aller Schmerz der letzten Tage , alle Freude dieser Stunde bestürmten sie aufs Neue , als sie Alfred ' s ansichtig ward , in dessen Antlitz die Trauer um den Freund sich unverkennbar aussprach . Zagend ging er der Geliebten entgegen , aber mit dem Ausruf : Er lebt , Alfred ! er lebt ! warf sie sich an seine Brust und weinte ihre Freudenthränen aus befreitem Herzen . Lange hielt er sie umschlungen , und sie entzog sich ihm nicht ; sie duldete und erwiderte seine Küsse , bis sie sich losriß , um zu dem Bruder zurückzukehren . Indeß war Eva erwacht , der Schlaf hatte sie erquickt , die Freude that das Uebrige . Sie umarmte Agnes , Theophil , Alfred , sie schenkte der Dienerschaft , was sie von Geld und Schmuck an sich hatte , und erklärte dann , mit einem raschen Blick in den Spiegel , nun werde sie nach Hause fahren , um ihren Anzug in Ordnung zu bringen . Ein neues Leben schien wie für Julian , so auch für alle Andern angebrochen zu sein . Zwar war der Erstere wieder in die Nacht der Bewußtlosigkeit zurückgesunken , dennoch erklärte der Arzt die Gefahr für beseitigt , und versprach mit Zuversicht fortschreitende Genesung . XX Ohne Theresen ' s Erlaubniß erhalten zu haben , kehrte Alfred mehrmals im Laufe des Tages zurück . Sie schien sich deß zu freuen , obgleich sie ihn nur ganz flüchtig dabei sah , es erquickte sie , ihn in ihrer Nähe zu wissen . Als er spät am Abend nochmals wiederkam , fand er den Arzt bei ihr , der sie und Agnes dringend bat , nun endlich an sich selbst zu denken , sich die Ruhe zu gönnen , deren besonders Therese bedürftig war . Alfred vereinigte seine Bitten mit denen des Doctors und machte den Vorschlag , Frau Berent als Stellvertreterin zu holen , die mehrmals während der Krankheit des Präsidenten ihre Dienste angeboten hatte . Ihre Tochter war hergestellt , der Mann durch Julian ' s Vermittelung zur Einwilligung in die Scheidung bewogen , die Frau wünschte lebhaft sich dem Präsidenten dankbar bezeigen zu können , und diese zuverlässige , erfahrene Frau bei dem Bruder zu wissen , beruhigte Therese . Alfred selbst übernahm es also sie zu holen . Auf dem Wege zu ihr sprach er bei Sophie ein , um auch ihr , wie er verheißen hatte , noch einmal Nachricht von Julian zu bringen . Was sie gelitten , in der tödtlichen Qual der dauernden Ungewißheit , wer vermöchte das zu beschreiben ? Täglich und immer flehender hatte sie Alfred beschworen , ihr den ersehnten Anblick des Geliebten zu verschaffen , und immer hatte er es für unausführbar erklärt , immer sie auf eine andere Zeit vertröstet . Jetzt , als sie von seinem Auftrag hörte , eine Krankenwärterin für die nächste Nacht zu holen , schien plötzlich ein Gedanke in ihr aufzutauchen . Und wenn die Frau , die Sie holen wollen , behindert ist , fragte sie , was thun Sie dann ? Dann werde ich den Doctor oder sonst Jemand um eine andere zuverlässige Wärterin fragen , entgegnete Alfred , denn Therese muß ruhen , wenn sie nicht unterliegen soll . Jetzt ist es Zeit ! rief Sophie , jetzt oder niemals kann ich ihn wiedersehen ! Ich beschwöre Sie , Alfred , lassen Sie mich bei ihm wachen . Sagen Sie , die Frau sei krank , sagen Sie , was Sie für Recht halten , und lassen Sie mich ihre Stelle vertreten . Unmöglich ! sagte Alfred . Wenn Therese , wenn Julian Sie erkennten , wie peinlich müßte es für die Erstere , wie nachtheilig für den Letztern sein . Das ist unmöglich , theure Sophie ! Es soll mich Niemand erkennen , Alfred , versicherte sie , Sie selbst nicht . Trauen Sie so viel meiner alten Gewohnheit , meiner Kunst , die ich zum Letztenmal , zu meiner letzten eigenen Befriedigung üben will . Aber Sie werden es nicht ertragen . Julian ist sehr verändert , Ihre Bewegung wird Sie verrathen . Und stürbe ich des martervollsten Todes und wankte das Weltall um mich her , kein Wort , keine Bewegung soll ihm verrathen , daß ich es bin , die neben ihm wacht . Bester , theuerster Freund , rief sie , vertrauen Sie mir , vertrauen Sie meiner Liebe . Alfred ! ein Frauenherz bricht eher , als es dem Geliebten ein Leid zufügt . Können Sie Ihrem Freunde , können Sie seiner Schwester eine Pflegerin schaffen , die treuer , liebender über ihn wachte , als ich ? Sie wissen , mein Frieden hängt daran , ihn noch einmal zu sehen . Seien Sie barmherzig , Alfred ! wer weiß , ob noch einmal der Zufall sich mir so günstig bezeigt . Erfüllen Sie meine Bitte , Sie müssen , Sie werden es thun ! Es sei ! - sagte Alfred , ich wage es im Glauben an die Kraft weiblicher Liebe . Kleiden Sie sich an . In einer Stunde komme ich , Sie zu holen . Sie sprach kein Wort , sondern schlug nur die Hände zusammen und hob sie gen Himmel empor , wie um zu danken für die Erhörung eines heißen Gebetes . Alfred sah die ausdrucksvolle Geberde mit Rührung . Nun Muth und Kraft , Sophie ! sagte er , und verließ sie , um sich vorher noch in seine Wohnung zu verfügen , wo er eine Besorgung hatte . Als er die Treppe seines Hauses hinaufstieg , schlich eine große , in einen dunkeln Mantel gehüllte Figur an ihm vorüber . Schon seit einigen Tagen war es ihm vorgekommen , als folge ihm dieselbe in gemessener Entfernung , wenn er Abends durch die Straßen ging ; er hatte es aber nicht sonderlich beachtet . Nun , da der Schein des Gaslichtes auf den Träger des dunkeln Mantels fiel , erkannte Alfred den Kaplan , der durch eine Seitenthüre nach dem Theile des Hauses ging , in welchem die Zimmer Carolinen ' s lagen . In der ersten Aufwallung des Zornes wollte er ihm nacheilen , ihn zurückhalten ; ein anderer Gedanke schien ihm aber zu kommen , und er ließ den Kaplan ungehindert seinen Weg verfolgen , der