überwiegend sei , deshalb sei er jetzt schon gekommen . Er erlaube sich , dem Grafen den Vorschlag zu thun , den Rest des Abends diesem Zwecke zu widmen , ein Souper und Karten bringen zu lassen und ihrem morgenden Zusammentreffen das Ansehen einer beim Spiel entstandenen Mishelligkeit zu geben . Der Graf nahm das Anerbieten an , behielt sich jedoch das Recht vor , die Gattung der Waffen und die Einrichtung des Zweikampfes zu bestimmen , und wählte Pistolen . Gotthard überließ ihm diese und jede andere nähere Bestimmung . Es ward Wein gebracht , Essen , ein Spieltisch und Karten ; dem Kellner deutete man an , daß man seiner vorläufig nicht bedürfe . Ungefähr eine Stunde lang blieben die vier Herren beisammen ; es herrschte eine eisige Höflichkeit . Endlich erhoben sich Gotthard und Otto , einen Wundarzt aufzusuchen , der zugleich des Erstern Zeuge sein mußte , da Kronberg St. Luce dazu aufgefordert . Sehr geschickt verbreiteten sie das flüchtige Gerücht eines Streites beim Ecarté . Jede Maßregel ward so getroffen , daß im Augenblick die Sache als ganz folgelos erschien , während ihr Ausgang zu einem bestimmten Schluß führen mußte . Als sie zurückkehrten , stand Kronberg auf und trat Gotthard entgegen . Herr Geheimrath ! sagte er , was auch morgen das Schicksal über uns entscheide , die Zartheit und Entschlossenheit , mit welcher Sie von der äußern Ehre der Mutter meiner Kinder eine Schmach , von dem Leben der Knaben einen tiefen Schmerz abwenden , verdient meinen achtungsvollen Dank . Obgleich es ein sehr schmerzendes Gefühl ist , das mir denselben auferlegt , gebieten mir Pflicht und Ehre , Ihrer Loyalität vor diesen Herren die vollkommenste Anerkennung auszusprechen . Gotthard dankte schweigend . Die beiden Freunde wollten einen nochmaligen Versuch der Versöhnung wagen , Kronberg wies sie stolz zurück , ergriff Viatti ' s Arm und verließ den Saal . Es war ausgemacht worden , sich am nächsten Morgen um sechs Uhr am dazu bestimmten Orte zu treffen ; die beiden Duellanten sollten von einer gegebenen Entfernung aus auf einander zu gehen und Jeder schießen , wann er wollte . Als Kronberg und der Marchese sich wandten , das Zimmer zu verlassen , stürzte St. Luce auf Gotthard zu und drückte ihn an seine Brust wie einen Sohn , dann folgte auch er den Andern ; als Secundant Kronbergs glaubte er nicht allein bei jenem verweilen zu dürfen . Und nun eine Bitte , sagte Gotthard zu Otto ; haben Sie die Güte , mich morgen während des Duells nicht einen Augenblick aus den Augen zu lassen , das Uebrige mag der Doctor Hollau besorgen , der Ihr Mitsecundant ist . Ich wünsche , daß Sie Annen sagten , daß ich gehandelt , wie Der mußte , der ihr Herz gekannt . - Ehe noch Otto ihm etwas zu erwidern vermochte , hatte er sein Schlafzimmer betreten und hinter sich abgeschlossen . Anna ' s fieberheiße Hand ruhte noch zwischen den beiden Leontinens , ihr feuchter , glühender Blick hing noch an den bereits geschlossenen Lippen der Erzählerin . Leontine hatte ihr Alles mitgetheilt , was sie durch Duguet über Kronbergs Bruch mit der Capacelli und dessen rasche Abreise erfahren . - Anna war tief erschüttert . Roderichs Rückkehr zu der eignen ursprünglich edeln Natur seines Wesens glich dem Morgentraume seiner ersten Neigung für sie ; und gerade in diesem sein Bild verklärenden Lichte , gerade in dieser Milderung der stets unterdrückten harten Anklage ihres Innern gegen ihn mußte die Verzweifelnde sich ihn mit fast unumstößlicher Gewißheit als den Mörder des Geliebten denken . Das Duell , von dem sie überzeugt war , es finde statt , glich in ihren Augen keinem Zweikampf , denn sie blieb dessen Ausgangs gewiß . - Das zwiefach Dämonische der Empfindung übermannte sie . Laut aufschluchzend barg sie ihr Haupt tiefer in die verhüllenden Kissen ; o wie gern hätte sie in kühler Erde es gebettet ! Auch Leontinens Elasticität schien gebrochen . Sie kniete am Bette der Freundin , die sie fortwährend mit angststierem Auge bewachte . Sie wußte selbst nicht , was sie so Entsetzliches fürchtete . Zwischen den Fingern knitterte sie ein kleines Zettelchen von Viatti ' s Hand , das man ihr heimlich aus dem Gasthof zugeschickt ; es sollte sie beruhigen und athmete doch nur die tiefste Empörung gegen Annen aus , die erst vor Kurzem ihrem Gatten das Mitwissen um einen inhaltschweren Brief mit frecher Großartigkeit abgeleugnet und jetzt vor dem Unglückseligen auf eine Weise entlarvt sei , die nur seinen Tod zu wünschen lasse . - Kronberg mußte ihm also unbedingtes Vertrauen geschenkt haben . O hätte Leontine aus dieser engen Schlucht der Pein nur einen einzigen Moment in Viatti ' s Herz schauen können ! Sie fürchtete mit verwirrender Sorge die Feuerbrände des Mistrauens , der wüthenden Eifersucht seiner ewig in sich arbeitenden und stets von außen unbeschäftigten Natur , deren Einfluß in diesem Augenblick Kronbergs Seele allein beherrschte ! Doch wo ihn auffinden ? - Das ganz Hülflose der Lage beider Frauen war schaudererregend . Und , seufzte sie - fortredend aus den sich innerlich jagenden Gedanken heraus - wenn es nun anders käme ? O , es ist ja nur ein anderes Entsetzliche , dich daran erinnern zu müssen , daß auch Gotthards Kugel treffen kann ! Aber das Grausenhafte bleibt sich immer gleich . - Nun , vielleicht , vielleicht trifft sie ihn nicht zum Tode ; er ist besonnen . - Anna , jetzt , erst in diesem Augenblick , verstehe ich Jean Carlo ' s sich an den Glauben klammernden Trost ganz . In solchem Abgrund Wahnwitz erweckender Pein , die eine Menschennatur aus allen ihren Fugen reißt und sie zum Spielball der innern Höllengeister macht , beut nur allein die Kirche den schwachen Hoffnungsstrahl , der , ach ! so klein , dennoch , unserer ewigen Lampe gleich , das nächste Dunkel hellt . O Anna ! was hilft mir all mein Geist - trügerisch oder nicht - laß mir den einen kleinen Dämmerschein , an den ich mich mit aller Kraft des Gemüthes anklammern möchte , den Gedanken an die Fürbitte ! Ja bitten , bitten für den Beklagenswerthen , der den Tod gibt und sein eignes ganzes Leben hindurch an der furchtbaren Erinnerung stirbt . O könnte ich ' s mit ihm abbüßen ! Der Mensch hat ja in solchem Jammer nichts , das er ergreifen kann , als den Kelch des Glaubens und das Kreuz der Buße ! Leontinens Haupt sank auf Annens Decke , sie weinte laut . Anna richtete sich fast geisterhaft auf . Du zweifelst , um wessen Tod wir zu klagen haben ? rief sie mit einer grauenerregenden Mischung von Qual und innig zärtlichklagender Lust . O , irre dich nicht ! Gotthard ist vor Allem Mensch . Für Kronberg bete , daß ihm Gott vergebe , gegen seine innere Ueberzeugung zu handeln , weil es ihm die Scheinehre gebeut ; bete für ihn , so lange du lebst , ich fürchte , ich vermag es nicht . - Großer Gott , ist es denn möglich ! Du glaubst , ich hätte schon verlernt , Gotthards Herz zu durchschauen ? Du glaubst , er - werde je auf den Vater meiner Kinder zielen ? Hast du denn nie ihn verstanden , nie dieses Mannes Charakter erkannt ? Er stirbt für mich , wie er für mich gelebt . Er ist der Beneidenswerthe , der Freie , der das einfach Rechte darf ! Sie sank zurück in ihre Kissen und eine tiefe Erschöpfung hielt sie lange von jeder Aeußerung zurück , bis sie wieder irgend ein Gedankenbild , ein Glockenschlag aufschreckte . Sophie schlich still hinaus zu August und Duguet , die im Vorgemach trostlos bekümmert und gebeugt nebeneinander am Kamin saßen . Und das sehen ! sagte Duguet . Das Haus , das uns genährt , dem wir gedient dreiundzwanzig Jahre hindurch - das Haus zusammenbrechen sehen über der lieben Kinder Haupt , die in ihrer Sicherheit und Unschuld nichts ahnen ! Jeden Moment können Graf Egon oder Joseph kommen und der Leiche ihres Vaters begegnen ! Wenn ich nur wüßte , wohin sie gefahren ! seufzte August . Sophie trat zwischen die Beiden . Meine armen Freunde , sagte sie , mir ist nicht gut , ich bin von all dem Elend übersättigt , das ich auf der Welt gesehen ; das Warten auf neues Unglück halte ich nicht mehr aus . Mein Gott ! fuhr sie fort und sank wie zerbrochen auf einen Stuhl , mit auf den Knien gefalteten Händen , ich habe zu viel davon mit durchlebt , erst die Revolution und die Marquise d ' Alvigni , und die jungen Grafen , die ersten Kinder , die ich auferzogen - und deren Vater , dessen Kopf unter der Guillotine fiel . Dann meinen armen Marc , die lange bange Sorge um meine kleine Leontine . Nun das Herz meiner liebsten Herrschaft , meines Herzblatts ! Siehst du , Duguet , es ist zuviel für so ein Paar alte Schultern . Er faßte erschrocken ihre Hand . Du bist krank , Sophie ! Nimm deine Tropfen , thue mir ' s zur Liebe ! Auch August drang auf sie ein . Nenni , nenni ! sagte sie mit ihrem Lütticher , scharfen Dialekt , es hat nichts auf sich . Ein armer treuer Hund stirbt auch zu seines Herrn Füßen . Mais , j ' en ai assez ! Ich kann nur Euch Beiden gute Nacht sagen . Sie reichte jedem eine Hand . Und mit plötzlich concentrirter Sorge überflog ihr Auge nochmals das Zimmer , ob auch nichts Nöthiges zu thun ; da erreichte Leontinens Ruf ihr Ohr . J ' y vais , j ' y vais , Madame ! sagte sie , indem sie von der Thür aus noch einmal , zum letzten Mal , auf ihre beiden Freunde zurückschaute . Ich weiß , meiner Treu , nicht , wie mir ist , murmelte August , es ist mir so bitterwunderlich um ' s Herz . Zum Teufel ! ich habe doch so allerlei mitgemacht , Schlachten , Plünderung , Brand , und diese dumme Geschichte - Duguet weinte still vor sich hin . Allons , allons , vous pleurez ? rief der alte Soldat . Mais fi donc ! qu ' est ce bête de pleurer pour ça ! Ihm selbst liefen zwei helle Thränen die Backen herunter . Morgens um fünf Uhr trat Gotthard , völlig angekleidet , in Otto ' s Zimmer , den er auch fertig fand . Die gewöhnlichen Vorkehrungen wurden getroffen , auf den Fall der Flucht , der schweren Verwundung u.s.f. Gotthard blieb ruhig am Tisch sitzen und ließ den Freund gewähren . Seit ihrer frühesten Studentenzeit hatten Beide , mit gar andern Interessen und Arbeiten überhäuft , sich nie um ein Duell gekümmert , fast neugierig sah er ihm zu . Halb sechs erinnerte er Otto , es sei Zeit . Sie gingen gelassen , wie zu einem ernsten Geschäft . Man hatte Kronbergs Pistolen mit Doppelläufen gewählt . Für den Nothfall steckte Otto ein zweites Paar ein . Den Arzt und Wagen sollten sie wie zufällig am Thore treffen . Nach wenigen Minuten erschienen auch Kronberg , Viatti und St. Luce ; die beiden Letzten ruhig , wie eines solchen Auftritts lange gewohnt ; Kronberg , aufgeregter , als zu vermuthen bei so einem trefflichen Schützen und so gewandten Mann . Er sah glühend roth aus und in einer Weise bewegt , die weder zu seiner Ritterlichkeit , noch zu seiner Selbstbeherrschung paßten . Es flog Otto durch den Kopf , er sei doch krank . Gotthard wurde bleich . Beide Herren grüßten einander ; das Feld ward gemessen . Während der Zeit schaute Gotthard noch einmal über die weite Fläche der Gegend hin ; die ersten , noch goldenen Strahlen der Sonne lagen auf den nächsten Baumgipfeln , der zum Duell gewählte Platz noch im Schatten , von ihnen unberührt , aber hell . Die Secundanten gaben das Zeichen , die Herren traten an ihre Plätze . Otto wandte , wie er ' s versprochen , kein Auge von Gotthard ; der junge Arzt sah zum Rechten . Beide spannten den Hahn ihrer Pistolen und schritten langsam aufeinander zu . Gotthard hob den Arm , hielt sein Pistol gespannt , völlig ruhig ; keine Muskel des Arms , kein Zug des Gesichts zuckte . Jetzt pfiff Kronbergs Kugel , sie streifte Gotthards linke Schulter , dieser hielt ruhig sein Pistol in unveränderter Lage und schritt weiter . Kronberg schrie auf und sank zusammen . Halt ! Halt ! riefen die Secundanten . Athemlos , aber fest wie eine Mauer , stand Gotthard . Er ist todt ! rief der Arzt . St. Luce und Viatti suchten ihn vom Boden aufzuheben . Unmöglich , unmöglich , meine Herren ! rief mit Donnerstimme Otto ; Geheimerath Gotthard hat nicht geschossen ! Die Kugeln sind beide in den Läufen ! Mit voller Besonnenheit riß er ihm das Pistol aus der Hand und setzte den Hahn in Ruhe . Endlich begriff Gotthard , der den Tod von Kronbergs zweitem Schuß erwartete , was geschehen ; auch er stürzte auf Kronberg los . Sie rissen seinen Rock , seine Weste auf , der Arzt holte seine Instrumente . Entsetzlich ! schrie Gotthard und fiel mit gerungenen Händen auf den Leichnam nieder . Dem Grafen war eine Ader am Herzen zersprungen ; er war todt . Langsam und feierlich zogen zwei Leichenzüge durch die sonst so stillen , heute von einer gaffenden Volksmasse gedrängt erfüllten Gassen Brandenburgs . Seltsam ! auf den schmucklosen Sarg der armen Sophie , die sich am Vorabende des Duells krank gelegt und nicht wieder aufgestanden war , flossen die meisten , vielleicht die zärtlichsten Thränen . August und Duguet waren Beide trostlos . Welcher von Beiden ist denn der Mann ? fragte ein altes Hökerweib . Aber auch Kronberg ward tief und aufrichtig beweint . Das seltsame Geschick , das ihn betroffen , hatte die allgemeine Aufmerksamkeit auf den fremden Grafen gezogen , der eigens von Wien gekommen schien , um in Brandenburg zu sterben . Das Geheimniß des Zweikampfs war im ersten Schrecken vergessen , die Sache selbst verstellt , umgewandelt , widerrufen worden . Manche erzählten , der Graf sei auf einer Spazierfahrt plötzlich todt in die Arme seiner Gemahlin gesunken , Andere , er habe wegen ihr sich mit einem ihm ganz Fremden geschossen . Viele Versionen des beklagenswerthen - und doch für Einen glücklichen Ereignisses durchzogen die Stadt . Otto und Viatti hatten Annen die Trauerpost überbracht . In einem ernsten Gespräch unterwegs war es dem Ersten gelungen , Viatti die unselige Verflechtung der Umstände mitzutheilen und sein Urtheil über Annen zu berichtigen ; doch blieb ein seltsamer Stachel in des jungen Mannes Brust . Es war Gotthard , der ihn gerettet in Bern , Gotthard , der , schuldig oder nicht , seines Oheims Tod herbeigegeführt , Gotthard , dessen frühere Dazwischenkunft seine Vereinigung mit seiner Gemahlin und durch dieselbe sein Lossagen von jeder Theilnahme der nie ganz endenden Freiheitsversuche Neapels veranlaßt hatte . Gotthard blieb der Dämon seines Lebens , wie er der seines dahingeschiedenen Oheims gewesen . Die Freunde geleiteten Annen und ihre Söhne der Leiche ihres Gatten und Vaters zu , die St. Luce mit unerschütterlicher Treue bewachte , und die Kinder wußten nur , daß er in einem Streite sich erhitzt , dann in der Morgenkühle vom Schlag getroffen sei ; sie begegneten dem Trauerwagen und schlossen sich ihm an . Anna hatte den Muth , die Leiche gleich zu sehen . Es war ein furchtbarer Augenblick ! zu dunkel in seinen geistigen Tiefen , zu unergründlich an wechselnder Pein , zu niederschmetternd im Gefühl der Ohnmacht menschlicher Natur , als daß man ihn beschreiben könnte . Gotthard floh nicht , aber er zeigte sich nicht ; ernst und trübe blieb er in dem kleinen Orte zurück , um abzuwarten , ob eine Klage gegen ihn sich erhöbe . Der junge Arzt nahm ihn in seine Wohnung auf . Geierspergs kamen Beide zur Bestattung , Viatti hatte ihnen einen Courier gesandt . Alles glitt zurück in die alte hergebrachte Form , in die Trauerflöre , in den Pomp einer fast fürstlichen Bestattung . Als die letzten Töne des Trauermarsches verklungen und all dieser entsetzliche Schmuck des Todes verschwunden war , mit welchem wir zuletzt die Kleinheit und Erbärmlichkeit alles äußern Erlebens so schroff und grell durch den Gegensatz des der Leiche Bleibenden bezeichnen , wollten Geierspergs Annen nach Berlin mitnehmen . Sie schlug es ab , übergab ihnen aber , nach des Vaters Willen , Egon , der seine Vorstudien in Berlin beginnen sollte . Sie selbst blieb mit Joseph , der in der Ritterakademie aufgenommen war , zurück . Nach Wien zog sie nichts . St. Luce versprach noch , einige Monate bei ihr zu verweilen . Otto gedachte heim . Anna ! sagte er , als er am Vorabend seiner Abreise vor die in tiefe Witwentrauer gehüllte Freundin trat , die ernst und still seiner harrte , ich bringe dir Gotthards Abschiedsgruß . Er ist nach Berlin zurück . - Obschon es mir gelungen ist , im ersten Augenblick der Gefahr deines Freundes Hand als rein vom Blute deines Gatten zu zeigen , werden doch deine Knaben späterhin gewiß , wie so manche Andere , erfahren , daß eine Ausforderung , ein Zweikampf stattgefunden , und - die Welt wird ihnen das Warum nicht schenken . Deshalb meint Gotthard , er dürfe dich jetzt noch nicht aufsuchen ; aber er wünscht dir zu schreiben . - Was mich selbst betrifft , Anna ! - er sprach mit sichtlicher Selbstüberwindung - so rufen mich Pflicht und Dankbarkeit zurück in meine erworbene Heimat , zu meinen Studien , zu meinem Weib und Kind . Und du bedarfst deines Freundes nicht mehr ; ein Anderer darf dir näher treten ; der Freund deiner ersten Jugend weicht zurück . Lieber Otto ! erwiderte Anna , ich danke dir viel , am meisten aber , daß dein mit meiner ganzen Kinderzeit so eng und fest verwachsenes Bild in so ganz klaren lichten Zügen mir bleibt - zu meinem Trost ! - Kehre denn zu Vrenely zurück , sie wird sich um dich bangen . Ja , das wird sie , sagte er , trübe vor sich hinblickend ; denn ich habe ihr seit dem Unglück nicht wieder geschrieben , ich vergaß sie , mich , Alles , um dich ! und um ihn , setzte er hinzu , den du liebst . Den ich liebe ! - Anna erröthete heiß , dann kehrte sie den Kopf mit einer edeln , fast königlich stolzen Wendung ihm zu . Ja , Otto ! ich liebe ihn ! Ich werde ihn lieben , so lange ich lebe , aber - Sei recht glücklich , Anna ! sagte er gepreßt . Er wandte sich , um zu gehen . Sie ergriff leise seine Hand und zog ihn neben sich nieder auf das Sopha , dann sah sie ihn still mit ihren großen veilchenblauen Augen an und hielt ihn so einen kurzen Augenblick . Erinnerst du dich noch deutlich unserer ersten Jugend ? des dunkeln Hauses und der engen in stumpfen Winkeln ausbiegenden schiefen Gasse , in der gar nichts eine helle Farbe hatte ? - Als unser Herz , Anna ! als unser fröhlich schlagendes Herz ! - Weißt du noch , fuhr sie fort , wie wir oft Sonntag Nachmittags Stunden lang hinübersahen in des so nahen Nachbars blindgebrannte Fensterscheiben , ganz überzeugt , es müsse irgend etwas da geschehen , und du erzähltest mir lauter Märchenanfänge - Otto hatte sich zurückgelehnt in die Ecke , er hielt ihre Hand noch , aber sein Auge sah nur das damalige Kind , nicht sie . Drüben , sagte er langsam , wohnte der Mann , der die Electrisirmaschine hatte . Wir fingen der Tante alten schwarzen Kater ein und electrisirten erst ihn , dann die Thürklinke , die den Hausknecht die Treppe herabwarf , als er den Kater suchte . - Wie hieß doch nur Euer Hund , dessen Gebell ich nachmachte , damit du herunterkommen solltest , um ihm die Hausthür zu öffnen ? Maus , sagte Anna und lachte . Ein gar närrischer Name für einen Hund . Der Vater hatte ihn lieb , es war ein alter steifer Spitz . Ich seh ' ihn noch ! Und wie die Mutter böse wurde , wenn ich ihn Sonntags herausließ - Ja , er lief mit bis zur Kirche . Ach , Otto ! es ist , glaube ich , in der Welt nirgend mehr solch ein Sonntag ! Und Beide entwarfen sich das Bild eines Sonntags der kleinen Stadt , wie ihn nur die Jugend kennt , mit all seiner Poesie und all seinen Einschränkungen , seinen Freuden und seinem Sonnenglanz , den die enge Bürgerhaushaltung widerstrahlt - nichts hatten sie vergessen . Siehst du , Otto ! fuhr sie fort , wäre ich in der engen , grauen Straße geblieben , vielleicht wäre ich glücklich und frei , aber so ! - Freilich , nun bist du eine Gräfin . Aber was schadet das ? Ich bin eine arme , in einen andern Boden versetzte Pflanze , sagte sie träumerisch-wach , die im Heimatsgrunde nicht zur Blüte kam . Ich habe nicht fest anwurzeln können in der fremden Erde , so kunstvoll sie des Gärtners Hand um mich her gelockert und gehäuft . Ich habe mich immer gefürchtet vor meinen eigenen Verhältnissen , ich habe mich fremd gewußt , nicht gefühlt unter allen diesen Fürsten und Grafen , deren Wesen mir nie imponirte , deren Interessen mir oft eben so flach und erbärmlich vorkamen , wie die meiner ersten Umgebung . In meinem Vaterhause hatte mich die oft rohe Hand der Armuth , der Kleinlichkeit , der beklemmenden Sorgen kleinbürgerlicher Verhältnisse eingeängstet bis zum Hinüberflüchten in die mir neue , fernliegende große Welt ; aber die in stille Winkel verkrochene , unter grauer Alterthümlichkeit fortblühende Poesie jener Lebensmorgendämmerung ließ meine Seele nicht los . Unablässig zog sie mir nach , rief mir das Herz zurück zu sich , daß es mir hätte zerspringen mögen in der Brust . Mein ganzes Leben hindurch hat mir eine goldene , helle Mittelstraße des Geistes geahnt , eine freie Entwicklung höchster , ungekränkter Menschlichkeit . Als junges Mädchen , als Frau sogar , habe ich sie bald hier , bald dort geträumt ; jetzt träumen sie Millionen mit mir , die sie , leider ! eben so wenig finden werden wie ich , obschon Alle sie suchen . Otto drückte die liebe Hand , die er noch in der seinen hielt . So viel , so offen hatte Anna nie über sich gesprochen . Das waren meine Träume , Otto ! fuhr sie fort , das war meine Vergangenheit . Nun hat mich das Leben plötzlich von beiden abgeschnitten und mich in eine grelle , helle Gegenwart geschleudert ; Kronberg ist todt , die Gräfin Kronberg steht nun an seiner Stelle . Sie ist ihren beiden Söhnen einen makellosen Ruf und die Möglichkeit , sie unbegrenzt zu lieben , schuldig . Der Vater schläft den langen Todesschlaf , die Mutter muß für ihre Kinder wachen . - O , glaube mir , Otto ! sie sollen sich menschlichschön und frei entwickeln , jeden Vorzug ihres Geschicks und jede Gunst des Zufalls genießen , aber keine einzige der meistens diese Gunst , diese Vorzüge begleitenden , oft sie bedingenden Fesseln soll mir die frischen , schönen Knabenseelen drücken oder beengen . Sie sollen keine Schwächlinge , keine Charakter- oder Geisteskrüppel werden . Weder Viatti , noch Geiersperg sollen jemals einen entschiedenen Einfluß auf deren Lebensrichtung erhalten . - Es ist hart , denn jetzt kann und darf ich mein Geschick nicht an das meines Freundes schließen . Anna ! schrie Otto auf , ist das dein Ernst , wagst du schon jetzt dich zu entscheiden ? Und warum nicht jetzt ? Heute , morgen , über ' s Jahr , ist das ein Anderes ? Er wird auch jetzt mich verstehen . Otto , wer im Augenblicke des Zweikampfs den Muth hatte , mit dem Mörder des Geliebten fortleben zu wollen , um der Kinder willen , hat auch den , eine Trennung zu tragen , die nur eine äußere ist , nie eine innere werden kann ! Otto seufzte schwer . Du bist so jung und das Leben ist so entsetzlich lang ! Sie aber schüttelte den schönen Kopf und legte die Hand auf ihr bang schlagendes Herz . Und doch , traue mir ! Vom Nebenzimmer herüber tönte Leontinens leise Stimme , sie sang ein Lied , das Otto liebte . Einen Augenblick horchte er wehmüthig ihren Tönen , dann ging er hinein , auf lange Abschied von ihr zu nehmen . Lied . O nur kein Wort , kaum ein Gedanke ! Es spielt im Rosenkelch die Luft , Es träumt der Schmetterling im Duft , Der Abendhauch im matten Glanze ; Es winkt verschwiegen dir die Ranke , Lockt in den Zauber dich hinein - O nur kein Wort , kaum ein Gedanke ! - Da bricht ein Strahl die Wunderstille ! Wie all-lebendig Wald und Welt ! Nun spricht dein Herz , nun ruft das Feld ; Es schwirrt und summt um jede Pflanze ; Der Glutmoment warf ab die Hülle , Aufblitzt der grelle Sonnenschein ! - Wo blieben Zauber , Traum und Stille ? In Basel waren die Ferien zu Ende . Vrenely hatte zehn Mal die Nachbarn getäuscht mit der Versicherung : es gehe ihrem Manne gar wohl , er sei auf dem Rückwege . Aber nun ward ihr das Herz allzuschwer , so schwer , als zöge es sie unter die Erde . Hatte sie den lauten Tag zur Ruhe gebracht , so kam die Nacht mit ihren noch lautern Träumen , das Elend schrie sie gewaltsam wach - und dann war er nicht da . Sie lief an ' s Fenster , riß es auf , gewiß , er mußte unten sein , sie hatte wol im Schlaf das Rollen des Wagens überhört , aber - da war nichts als Dunkel , und Herbstwinde sausten über die Baumwipfel und krachten , und schüttelten an Thür und Laden . Die Nacht schaute mit tausend schwarzen Augen durch die geöffneten Fenster in das schwach erhellte Zimmer , in dem sie schlafend und wachend immerfort wartete auf ihn . Es hatten schon viele Studenten angefragt , ob der Professor nichts habe hören lassen ; die Collegia waren angeschlagen , die andern Vorlesungen begonnen . Manchmal war ihr , als rückten all die fernen Berge ganz eng zusammen , als würfen sie alle ihre rollenden , stürzenden Bergwasser , all ihre Lavinen und ihre Stürme ihr auf ' s Herz , als wanke der Fels unter ihrem Fuß , ja als könne ihr armer Kopf wol ganz irre werden , wenn ihr der eine Gedanke einfalle , den sie noch nicht dachte , nur ahnte , und den sie immer fortschob mit Gewalt , wenn er ihr näher treten wollte . Und nah lag er ihr , das fühlte sie wohl , entsetzlich nahe ! Nicht einmal beten konnte sie mehr , die Angst verwirrte sie und zerstreute sie ; sie faltete dem kleinen Mädchen die noch willen- und bewußtlos herumgreifenden Händchen und blickte gen Himmel . Es war eben so gut wie ein Gebet . Endlich hatte sie beschlossen , ihm nachzureisen ; denn sonst sterbe ich , sagte sie traurig vor sich hin , wenn ich nicht weiß von ihm , und das ist doch das Allerschlimmste . Sie rüstete sich , packte ein ; es war nun Abend ; der Herbstsonnenschein lag roth und brennend auf der altergrauen Stadt , sie sah ganz jung und rosig davon aus , das machte Vrenely Muth . Sie setzte sich mit dem Kinde auf das schon fertig gepackte Köfferchen und blickte über die Wiege weg in den wieder Tag und Leben verheißenden Strahl - da umfaßten sie plötzlich von hinten zwei kräftige Arme und drückten sie an ein warmes , treues Herz . Gott im Himmel ! er war ' s und hatte sie überschlichen . Bleich , verkümmert , mager war er . Sie fragte nichts , schalt nicht , warf ihm nichts vor ; sie zog ihn an den Tisch auf ' s Sopha , daß er bequem ausruhe , dann lief sie , Alles herbeizuholen , was den Ermüdeten erquicken konnte . Die letzten Stunden hatte er zu Fuß gemacht , um auf Richtwegen früher anzukommen . Bei jedem , was sie brachte , fiel sie ihm um den Hals , drückte ihn an ' s Herz und eilte , noch mehr zu bringen . Zuletzt rückte sie ihm die Wiege noch bequem zurecht , daß er die Kleine immer sehen könne , und setzte sich still zu seinen Füßen auf einen Schemel . Er nahm das schlafende Kind und küßte es wach . Du siehst aus , wie der heilige Joseph ! sagte sie lachend ; all ' ihre Munterkeit war erwacht . Erst als er lange geruht , gegessen , getrunken hatte , legte sie ihr Köpfchen auf seine Schulter , sah ihn mit den glänzenden schwarzen Augen innig zärtlich an und sagte : Du hast wol viel gelitten ? Ueber sich sagte sie gar nichts . Otto spielte mit ihren langen Flechten und erzählte . Sie schreckte zurück auf dem Schemel , faltete entsetzt die Hände ; so halb zurückgelehnt , starrte sie ihn an und lauschte ihm jedes Wort von den Lippen . Gott , das war ' s ! ächzte sie und ihre Thränen ließen ihr kein Wort weiter . Als er geendet , weinte sie