in dem alten Stadtleben ! Diese Empfindungen , diese Erinnerungen meines Traumlebens müssen erst ganz abgestorben sein , ehe ich offen und frei mit Euch sprechen kann über das Wie und Warum . Denk Dir eine Schäferhütte mit einer Wiese umher mit duftendem Grün , ein Muster einfachen Glückes , die Lämmer hatten da ihre poetische Trift , - die niederregnenden Blüten versprachen Früchte ! - Und nein ! Du hast geirrt , es war da keine Wiese , es war nur ein Traum hinter einem grünen Bettvorhang ! - Ich reib die Augen , ich frag , ist ' s möglich ? - Es war doch alles so wahr in jener Heimat , daß ich mich in dies Erwachen nicht finden kann , und nun weiß ich nicht , ob ich nicht jetzt eben erst in die Traumpforte trete und entschieden ist , ob ich jetzt träume oder früher geträumt hab , bis dahin werd ich an Deine Sophie nicht schreiben . - Ach Clemens ! Das deucht Dich wunderlich , eigensinnig vielleicht , und widersprechend Deiner Bitte , Deiner Sehnsucht ! - Aber Dein letzter Brief führt ja da schon wieder ein Minchen R-bach auf , die Du einst liebtest , von der ich nichts weiß ! - Und war das kein Traum von Dir ? - Und nun führst Du den Traum fort , so wie Du sie kommen siehst , gehest Du wieder auf Deinen Traum ein ; Du gehst an ihr vorbei , tust im Traum , als ob Du sie nicht kennst , schleichst Dich dann an sie heran , um ihr Vorwürfe ins Herz zu schleudern , die sie verdient , wie Du meinst , und zuletzt wachst Du auf mit der Satisfaktion , Deiner früheren Geliebten eine Röte und dann eine Totenblässe abgejagt zu haben . Du erzählst mir Deinen Traum , wie Du eben im Begriff stehst , mich in einen neuen Traum mit hineinzureißen ; - was soll ich mich willkürlich brauchen lassen , da ich wirklich bin , in Geschichten , die unwirklich sind ? - Wollte ich mich da gleich bereit finden lassen , Du könntest nach geraumer Zeit , aus diesem Traumleben erwachend , mir Vorwürfe machen , Illusionen in Dir genährt zu haben , die dann zu nichts zerfallen ! - Du sagst jetzt schon , Du liebtest sie nicht mehr wie sonst ! - Du sagst , daß sie selbst Dich einmal verworfen habe . Ach , was kann mich denn abhalten , Dir zu dienen als die Gefahr , die Du dabei läufst ! War ich nicht manchmal schon die kleine Rettungsinsel , wenn alles rund um Dich her überschwemmt war ? - Soll ich mich nun auch überschwemmen lassen ? Daß Du nicht weißt , wohin Du den Fuß setzen sollst , wenn die Flut über Dich gestürzt kommt ? Wenn Ihr beide Euch wirklich wach glaubt , so entschuldigt mich , daß ich so traumversunken bin und mich nicht zu Euch hinüberträumen kann ! - Und entschuldigt es , daß dies alles eine Sorge ist um Dich , die mich im Traum gepackt hat . Weiter weiß ich Dir nichts zu sagen , als daß ich müde und schläfrig bin . Gestern waren wir auf der Gerbermühle , die Günderode mit mir , welch himmlischer Aufenthalt ; warum kann man ' s versäumen , wenn man die Sonne so untergehen sah , daß man sich wieder auf dem Platz einfindet , um sie am Morgen wieder zu empfangen ! - Adieu doch ! - Bettine An Bettine Du hast nun wohl meinen letzten Brief , der mit dem Deinigen sich gekreuzt hat , und ich hoffe , er hat Dir einen ruhigen , ja glücklichen Eindruck gemacht , damit die Verwirrungen der Sprachen wie in Babylon nicht den Fortbau unseres Glückes hindern . Was hat Dein Brief mir und der armen Sophie für eine Angst gemacht , ich begreife Dich nicht ! - Hab ich Dir nicht mehrmals gesagt , daß von Dir meine Zukunft abhänge , daß es Dein Wille ist , ja Deine Neigung , die mich bewegt zu allem , die mich lenkt ! - Und ich sage Dir nun , daß ich Sophien nie heiraten werde , wenn Du sie nicht liebhaben kannst , das ist auch ihre feste Entschließung , und sie opfert mehr dabei auf als ich , denn sie liebt mich mehr als ich sie liebe , sie hat keine Bettine , ich habe eine , die ich ewig mehr lieben werde als alle Menschen ! Es ist mir ewig leid , daß ich darüber an andre geschrieben habe . Man scheint alle Glocken bei einer Sache angezogen zu haben , die gar nicht der Mühe wert ist ; was hat man Dir über uns gesagt ? - Sag es aufrichtig . Dabei sitzt Du in Frankfurt zwischen trostlosen Wänden und weißt Dir keinen Rat ! Hast Du denn gar kein Vertrauen mehr zu mir ? - O liebes Herz , sei ruhig ! Glaube an mich und verirre Dich nicht ! Auch der Traum hat seine Ansprüche an die unverkümmerte Wahrheit ; das zu schöne Leben ist ja Traum , und wenn Du erst mit uns beiden vereint bist , dann ist mein Leben zu schön , und dann träumen wir alle drei glücklich , und Du wirst ' s doch nicht scheuen , im Traum Deinen Bruder glücklich zu fühlen , glücklich zu machen ! - Jetzt erst merke ich , wie ich von den Leuten verschieden bin , denn meine Idee , mich mit Sophie zu vereinigen , ist mir eine der einfachsten meines ganzen Lebens ; ich kann Dich versichern , zu Dir aus meiner Stube in die Deine zu gehen war mir immer wichtiger und mit mehr Sorge verknüpft ; Deine Angst aber ist nicht in der Ordnung . Du solltest mich so lieben , daß alles , was ich mit Gleichmut und Ruhe tue , das heißt : daß alles , was ich eigentlich tue , Dir gar keine Sorge machen könnte . Schau mir in die Augen , mein Kind , mein treues , gutes Kind , und störe Dich nicht , was an meiner Seite vor sich geht ; es geht uns beide nichts an , wir müssen unser Sein , unser Denken miteinander , nicht mit der Welt vermengen , sonst gibt es Schmerzen . So wie Du allerlei Übles ahnest , so ahne ich Gutes , oder doch vielmehr ganz ordentliche ruhige Begebenheiten und erschrecke nur darüber , wie Dich etwas so ganz Gewöhnliches in Sorgen setzen kann ! - Ich sage Dir daher nur noch einmal , Sophie wird nicht mein Weib , wenn Du sie nicht lieben kannst , aber Du wirst sie lieben , das ist gar nicht anders möglich , sie wird Deinetwegen expreß nach Trages kommen , sie hat eine Begierde nach Dir wie noch nie nach einem Menschen . So oft ich ihr einen solchen Sorgenbrief wie den letzten Deinigen bringe , wird sie immer sehr gerührt und betrübt , aber wenige Minuten drauf wird sie wieder froh und viel mutiger als vorher , sie fühlt sich so viel , viel besser als man von ihr denkt , und freut sich inniglich darauf , unsre Liebe zu gewinnen . Ich versichere Dich , ich werde so glücklich mit ihr sein , als man es dans ces pays bas auf dieser Erde sein kann , und das Schönste bei dem allen ist , daß wir uns gar nicht störend sein werden , daß das Schwere , Plumpe der gewöhnlichen Ehe uns nicht berühren soll ; wir werden leben , wie es Schneeflocken zusammenschneit , und wie die zerrinnen , wenn ein neuer Frühling kommen sollte , so werden auch wir zerrinnen , wenn wir nicht beisammen bleiben sollten usw. Mache mich nicht unglücklich , liebes Kind , sei nicht traurig um mich , ich schwöre Dir , so wahr als Gott und unsere Liebe lebt , es ist da nichts , was Dich mit Recht betrüben kann ! Vertraue mir ganz , aber verstelle Dich nicht , als seist Du ruhig , wenn Du es nicht bist . Ach , aber welcher göttliche Beweis von Deiner großen Liebe zu mir wäre es , wenn Du mit aller Innigkeit so recht aus ganzer Seele mir vertrautest ! Wenn Du wirklich ruhig würdest und zu Dir sprächst : der Clemens kann nichts tun , was mich betrübt , er wird mein Glück nur vermehren , nur befestigen können ; in diesem Vertrauen will ich auf die Zukunft mich freuen . Liebes Kind , blicke um Dich auf die Herrlichkeit Gottes in der Natur und in der Kunst und in unserer Liebe , liebes Kind , lasse Dich keine Sorge einnehmen . Ein tüchtiger Mensch kann nicht unglücklich werden , ich fühle , ich kann es nicht , denn ich bemerke mich nicht mehr , so klein bin ich gegen Natur , Kunst und die Liebe , und so auch tue Du . Es wäre sehr betrübt , wenn Dich dieser Brief gar nicht ein bißchen trösten sollte , er geht mir so recht von Herzen ! - Gunda schreibt mir aus Frankfurt , Du seist sehr krank gewesen aus Liebe und Sorge zu mir , deswegen hättest Du mir nicht geschrieben , Du seist so krank gewesen , daß die ganze Familie um Dich besorgt gewesen sei ! Mein Kind , ist das wahr ? - Und Du hättest es mir verschwiegen ? - Das kränkt mich , das ist gewiß ein Schreckenberger von der Gundel ! Liebes Kind , nehme Dich zusammen , sei lustig und vergnügt , ich schwöre Dir , es ist auch nicht für zwei Pfennige Elend auf der Erde , und ich hab gar nicht nötig , besorgter oder vergnügter als sonst zu sein ; denn es wird ewig beim Alten bleiben ; die Natur strengt sich nicht an , natürlicher zu sein , Gott hat bis dato noch keine Ursache gefunden , göttlicher zu werden , der Mensch ist so menschlich als genug , und der Clemens ist und bleibt halt der Clemens , und wenn ich sechstausend Weiber nehme , so werde ich immer nach wie vor der Clemens sein . Ich würde auf die letzten Nachrichten von Euch gleich zu Dir gekommen sein , wenn mich nicht folgendes abhielt : erstens kann Sophie nicht eher nach Trages reisen als in ungefähr vierzehn Tagen , und ich kann sie doch nicht allein hinreisen lassen ; zweitens will ich meine Büste von Tieck für Dich modellieren lassen und der konnte noch nicht anfangen , weil ein großer Bacchus , den er macht , umgefallen und zerbrochen ist , so daß er ihn erst von neuem machen mußte . Diese Büste ist das überraschende Geschenk , was ich Dir versprochen habe , es wird Dir große Freude machen ; er gießt einen nicht ab , wie Franz und Toni abgegossen wurden , er modelliert einen aus freier Hand ! - Ich will nun doch nicht eher von hier gehen , bis ich Dir mein Wort gehalten habe ! - Savigny schrieb mir heut , er habe einen Brief von Arnim an mich , ich aber habe den Brief noch nicht , auf den ich unendlich ungeduldig bin ; er hat ihn Christian gegeben , ihn mir zu schicken , und der ist ein kommst du heut nicht , so kommst du morgen ! - Eben erhalte ich zu meinem haarzubergerichtenden Erstaunen beiliegenden verwirrten Brief der Großmutter ! Ich weiß nicht , was er bedeuten soll . Es muß ihr von hier aus , wo vom Schuster bis zum Herzog alles von mir und der Mereau spricht , manches Unwahre erzählt worden sein ; - sie spricht mir auch von Dir ! - O sei um Gotteswillen nicht betrübt über mich , wolltest Du denn , daß ich nie heiraten sollte ? - Liebe Bettine , wenn Du es verlangst , so will ich das einzige Weib , was mich als Gattin glücklich machen kann , verlassen und will ein Einsiedler werden ! Sei doch ruhig und setze mich nicht in Angst . Ich weiß mir nicht zu raten und zu helfen , wenn Dir es nicht wohl wird . - Heut hab ich ein Liedchen an Arnim gemacht und eine schöne Melodie dazu , ich weiß noch nicht , wo er jetzt wohnt , drum schicke ich es Dir allein , da er noch wohl in Deinem Herzen wohnt . Mädchen ! Wenn Du meine Freunde so lieben kannst , warum wehrst Du Dich so gegen meine Freundin ? - Wunderlich ist ' s , daß alle Leute , welche die Mereau kennen , sich ebenso wunderlich gegen unsere Verbindung wehren ; wie Ihr auf sie zürnt , so zürnen sie auf mich . Ja , zieht und zerrt nur , wir lieben uns , und Ihr müßt Euch einst noch freuen daran ! Dies Liedchen ist das beste , was ich gemacht habe , mir ist es recht wie dem Jäger ! Der Jäger an den Hirten ! Durch den Wald mit raschen Schritten Trage ich die Laute hin , Freude singt , was Leid gelitten , Schweres Herz hat leichten Sinn ! Durch die Büsche muß ich dringen Nieder zu dem Felsenborn , Und es schlingen sich mit Klingen In die Saiten Ros ' und Dorn . In der Wildnis wild Gewässer Breche ich mir kühne Bahn , Klimm ich aufwärts in die Schlösser , Schaun sie mich befreundet an . Weil ich alles Leben ehre , Scheuen mich die Geister nicht , Und ich spring durch ihre Chöre Wie ein irrend Zauberlicht . Haus ' ich nächtlich in Kapellen , Stört sich kein Gespenst an mir , Weil sich Wandrer gern gesellen , Denn auch ich bin nicht von hier . Geister reichen mir den Becher , Reichen mir die kalte Hand , Denn ich bin ein guter Zecher , Scheue nicht den glühen Rand . Die Sirene in den Wogen Hätt sie mich im Wasserschloß , Gäbe , den sie hingezogen , Gern den Fischer wieder los . Aber ich muß fort nach Thule , Suchen auf des Meeres Grund Einen Becher , meine Buhle Trinkt sich nur aus ihm gesund . Wo die Schätze sind begraben , Weiß ich längst , Geduld ! Geduld ! Alle Schätze werd ich haben , Zu bezahlen meine Schuld . Während ich dies Lied gesungen , Nahet sich des Waldes Rand , Aus des Laubes Dämmerungen Trete ich ins offne Land . Aus den Eichen zu den Myrten , Aus der Laube in das Zelt Hat der Jäger sich dem Hirten , Flöte sich dem Horn gesellt . Daß du leicht die Lämmer hütest , Zähme ich des Wolfes Wut , Weil du fromm die Hände bietest , Werd ich deines Herdes Glut . Und willst du die Arme schlingen Um ein Liebchen zwei und zwei , Will ich dir den Baum bald zwingen , Daß er eine Laube sei . Du kannst Kränze schlingen , singen , Schnitzen , spitzen Pfeile süß , Ich kann ringen , klingen , schwingen Schlank und blank den Jägerspieß . Gib die Pfeile , nimm den Bogen , Ich bin Ernst , und Du bist Scherz , Hab die Sehne ich gezogen , Du gezielt - so trifft ' s ins Herz . Schreib , mein Kind , sei ruhig , Heiopopeio , in drei Wochen küssen wir uns . Clemens Weimar , 23. Juli 1803 Liebe Bettine ! Gestern abend war ich bei Sophien , sie war ungewöhnlich schwermütig , auch ich war nicht vergnügt , der Gedanke an Deine zärtliche Angst um mich versetzt uns beide oft in solche Trauer ; wenn ich ihr dann erzähle , wie ich Dich über alles liebe , wie ich Dich so vortrefflich halte , so wächst ihre Sehnsucht nach Dir unendlich und mit dieser ihr Mut . In dieser Idee Deiner Liebe gewiß würdig zu sein , Dir nah zu sein , Deine geliebte Freundin zu werden , von Dir vieles zu erlangen , was sie bis jetzt umsonst auf Erden gesucht hat , ergriff sie eine innerliche himmlische Heiterkeit , sie ward ruhig , und ihr Anblick gab mir eine eigne Seligkeit . Heute morgen schickte sie mir beiliegenden Brief an Dich , den sie noch spät in der Nacht in jener hoffnungsvollen liebenden Begeisterung geschrieben hat ; ich zweifle nicht , Du vortreffliches , geliebtes Herz , daß Du die Seele dieses Briefes ehren wirst , daß Du ihr aufrichtig , ohne Delikatesse , ohne alle Resignation antworten wirst ; Wahrheit sage auch ihr , sage alles , was Du empfindest , sie kann alles ertragen um meinetwillen , und sei recht ruhig und zufrieden ; wenn Du sie kennen wirst und sie keineswegs lieben kannst , so wird sie nie mein Weib . Ich muß noch an Savigny schreiben ; drum lebe wohl ; ich bitte Dich herzlich , schreibe mir öfter , aber ums Himmelswillen lauter Wahrheit ! - mein , Dein , Sophiens Glück hängt davon ab . Heute hat Tieck meine Büste für Dich angefangen . Clemens An Clemens Was uns nah ist , lieben wir innig im Leben , was uns näher ist , können wir nicht genug lieben ! Wer liebend auf seinem Weg weiter geht bis ans Ende , der hat die Wallfahrt nach seiner Heimat recht als ein Kind mit aller Andacht vollendet und kommt auch als Kind an das End seines Lebens ! - Wie weise , wie ernst müssen diese Kinder nicht sein ! Wie groß , wie herrlich , und doch sieht ihnen ihre Größe niemand an . Sie treten lächelnd in den Kreis , und wenn sie scheiden , treten sie lächelnd wieder ab , dies ist Sonnenschein im Leben , Ihr aber seid gerührt über die lächelnde Einfalt und schauert über das geheime Geistige darin ; das sind kühle Wolken , erquickender Regenschauer im Leben . - Der lächelnde Mund kömmt näher , er küßt Euch die Tränen von den Wangen , dies ist Regen und Sonnenschein zugleich , eine Art Aprilwetter , das man Laune nennt und auf welches gemeinlich der herrliche Regenbogen erfolgt , der Friedensbote von Gott gesandt , der die Weltanschauung in ein freudiges Licht stellt und Milde nach dem Sturm verkündet . So geht es auch mir . Oft hängt die Träne auf der lächelnden Lippe , und der Friede sieht aus den Augen , von denen die Träne eben hinabrollte . Wenn nun aber der lächelnde Mund nicht gleich bereit ist , die Träne zu empfangen , das heißt , wenn der Regenbogen nicht gleich erscheinen will , so entsteht daraus die Trauer , die Dich ängstigt , und die Du mir für diesmal vergeben mußt , weil ich Dir mit Wahrheit den Beweis geben kann von meiner Liebe zu Dir , daß mir nichts mehr weh tun wird , was Du auch unternimmst , daß ich alles um Deinetwillen lieben werde , was Du Dir aus voller warmer Seele aneignest ; ich weiß ja , daß Du meinen Anteil an Deinem Glück nicht verschmähest , mehr begehre ich nicht . Sieh , ich denke oft , ehe man eine Hand umwendet , ist es anders mit des Menschen Gedanken und Träumen und Entschlüssen . Also mag auch noch vieles geschehen , wovon jetzt unser Herz nichts ahnt , und was es traurig machen würde , wenn es das jetzt schon wüßte ; denn wenn wir nur bemerken wollen , wie oft kein Pulsschlag , kein Wink mehr von Dingen da sind , von denen wir uns nie zu trennen glaubten . Es ist eigentlich entsetzlich ! - Man darf nicht viel dran denken , denn sonst erscheint einem das Leben wie ein alter Mann , der eine kindische Neuigkeit mit wichtiger Miene uns hinterbringt , um uns etwas weiszumachen , und dem wir auf die Spur gekommen sind und nun nichts mehr glauben wollen , und wenn wir denn immerfort denken und grübeln wollen , so werden wir am Ende wie spukende Geister und spazieren ewig unter unsern alten Ruinen herum , indessen die übrigen sich schon neue Gebäude aufgeführt haben . Freilich , wenn freundliche Jäger sich gerne in solche Schlösser verlieren , sich nicht vor dem geistigen Druck der geistigen Hand fürchten , unerschrocken den glühenden Becher kredenzen , mitwandlen in stiller Mondnacht über Flur , Berg und Tal und Strom , leise durch die Flut rauschen . - O blieb es ihm immer so kühl bis ans Herz wie dem Fischer ! O könnte er doch immer aus Thulens Becher trinken , trinken bis zum Hinsinken , wo er begraben liegt . Clemens , Dein Lied hat mich erfreut - es gibt eine Zeit im Jahr , wo die Bäume so festlich rauschen , geschmückt mit ihrem Laub , als ob sie den Bräutigam erwarten , und wenn wir wissen wollen , was denn die eigentliche Macht ihrer Schönheit ist , so ist ' s immer ihre eigne Gestalt ! So ist ' s mit Deinem Lied , vielleicht auch mit Deinem Charakter , mit allem , was aus Dir hervorgehen wird noch ! - Es ist , als ob es die Vorbereitung einer festlichen Zeit sei , und wenn wir uns näher ihm vertrauen , so ist es immer wieder es selbst ! Du bist es selbst , das Glück , auf das Du Dich so festlich vorbereitest , das Glück , dem Du Dich anvertraust . Soeben habe ich Sophiens Brief erhalten , er ist zu freundlich gegen mich . Wirklich , ich verdiene es nicht . Sie sollte mich schelten , daß ich die ganze Zeit so mürrisch gegen sie war , und nun unterwirft sie sich meinem Urteil ! - Was soll ich darauf sagen ? - Clemens , was ist dies Verehren , was sich auf nichts reimen will in mir ? - Ihr kommt mir vor wie einer , der den heiligen Geist erwartet , und weil da grade eine Taube sich zu Euerm Fenster gewöhnt , so empfangt Ihr sie mit großer Begeistrung ! Und doch Deine Begeistrung hat mehr heiligen Geist in sich als die Taube , die nur ein paar Futterkörnchen sucht . In wenig Tagen schreib ich an Sophie ; daß die Post mir auf dem Nacken sitzt , merkst Du am kurzen Atem meines Briefs . Wir gehen in wenig Tagen nach Schlangenbad ; verzögre Deine Reise , bis wir zurückkommen , denn hier bleiben kann ich nicht , schon der Gedanke an andre Luft sagt mir , ich soll gehen . Apropos von der Großmama , die schon mit Deinem Vorhaben uns benachrichtigte , noch ehe die Propheten und Vorläufer Deinen neuen Glauben verkündet hatten , die also aus dem Urborn geschöpft haben muß , nämlich aus Handbrieflein von Weimar . - Daß ich krank gewesen , ist auch wahr , ich habe Dir nichts davon gesagt , weil ich Dir erst schrieb , als ich schon wieder besser war und Dir keinen unnützen Schrecken einjagen wollte . Ich möchte Dir gern noch viel Liebes sagen und meiner Treue Dich versichern , sowie auch Sophie , aber wirklich , die Zeit will nicht warten . Adieu , ich umarme Euch tausendmal . Bettine Liebe Bettine ! Deinen unendlich liebevollen , seelenvollen Brief habe ich heute morgen im Bette erhalten , er hat mich aufgeweckt , und ich habe ihn gebetet . Sei zufrieden , mein Kind , es hat sich alles so gewendet , wie Du es wünschtest , Sophie wird mein Weib nicht , aber meine liebe , sehr liebe Freundin . Sie selbst hat freiwillig nach reifer Überlegung dieser Verbindung entsagt , aber sie kann nicht leben ohne mich , und sie ist entschlossen , nach Marburg zu ziehen , um meine und Savignys Gesellschaft zu genießen . Ich habe ihr heute morgen sogleich Deinen Brief geschickt , und die beiliegenden Zeilen schickte sie mir mit zurück , Du glaubst nicht , wie sie Dich und mich liebt , und wie wir auf Erden ihr Alles sein werden . Liebe kann ich nicht für sie empfinden , aber ein Vertrauen , eine Neigung , die nahe an Liebe grenzt . - Der Dichter Tieck war vor kurzem hier , er hat mich so lieb gewonnen , daß wir Tag und Nacht beisammen waren , ach , er ist ein recht vortrefflicher Mann , er hat mir seinen Dornenstock , den ihm Hardenberg ( Novalis ) geschnitten , geschenkt , und ich gab ihm dafür die kleine Vorstecknadel von Dir , ich habe ihm viel von Dir erzählt , er liebt Dich herzlich , und ich habe ihm versprochen , Dich um ein Kleidchen für sein vierjähriges Kind zu bitten , der Gedanke machte ihm unsägliche Freude . Sein ganzes Wesen hat eine große Gewalt über alle Menschen , wie auch Arnims Wesen eine solche Macht übt . Die beiden lieben sich wechselseitig von Herzen . Du glaubst nicht , wie mich die Liebe dieses Mannes gestärkt und aufrichtig gemacht hat . - Meine Büste wird in wenigen Tagen fertig , und dann reise ich ohngefähr von heut in zehn Tagen nach Marburg und von da nach Schlangenbad zu Dir , um Dir vieles zu erzählen ; daß ich nach Schlangenbad komme , ja von allem rede kein Wort . Freust Du Dich dann nicht auf die Büste ? - Überlege es recht , welches Opfer Sophie gebracht hat für Dich , für mich , ach ihre Güte ist unbeschreiblich groß , ich schwöre Dir , sie wird Dir eine teuerste Freundin werden . Lebe wohl , sei gesund , pudle Dich hübsch , bald bin ich bei Dir . Aber um Gotteswillen schreibe noch einmal hierher , gleich von Schlangenbad . Schicke den Brief an die Mereau . Clemens Freitag , den 4. August . Lieber Clemens ! Nur ein Wort , ich bin in Schlangenbad und habe soeben Deinen Brief bekommen , ich kann Dir nur erzählen , daß ich morgen ausführlich schreiben will , wenn der Genuß , auf die Höhen zu steigen und in die Ferne zu spähen , mich dazu kommen läßt . Sophie ist wunderbar , daß sie mich so gern sehen will , ich weiß nicht , was ich von mir denken soll , daß ich bis jetzt noch gar nicht daran gedacht hab . Bettine Grüße sie von Herzen und sag ihr , ich hoffe mein Möglichstes von unserer Zusammenkunft , aber so bald wird ' s nicht sein können , da wir sechs Wochen hier bleiben ! Clemens Du bist artig , und Sophie ist fein , Ihr wollt Euren Brautkranz von mir geflochten haben , darum ist es , daß Ihr ihn wieder aufbündelt und mir alle aufgelösten Blumen in den Schoß schüttet ! - Geschwind Wasser her , daß sie mir frisch bleiben , und dort auf der Wiese breche ich noch viele dazu , und alle Ihr kleinen Geschlechter , die Ihr die Augen noch nicht dem Licht öffnet , seid zum Reigen im Hochzeitskranz gebeten . Ihr sollt an Euern feinen Stielen nicken auf der Braut ihrem Köpfchen und Ja sagen , wenn allenfalls die Braut zagt , denn ! - Es ist wahr - ich würde ja auch gar sehr zagen - wenn ein wonneträumender Trunkener vor mir stände und wollt mich fragen : Willst du mich glücklich machen ? - Und : » Nein ! « würde ich da sagen viel eher , aber nicht : » Ja « , und der Pfarrer würde sich wundern ; und weiter würd ich sagen : » Seh , wie du fertig wirst , wenn du durchaus und mit Gewalt dein Glück dir willst bequem einrichten , damit es sich bei dir niederlasse ! « - Euch sag ich , meine teuren Freunde , denn die seid Ihr mir jetzt , was ich nicht verdeutschen kann , was aber tief in meiner Seele liegt . Grad vor meinem Fenster steht ein Rosenstrauch mit unzähligen Rosenfamilien , heut morgen vom Tau ganz schwer lagerten die langen schwanken Äste beinah am Boden , ich nahm einen Zweig ins Aug , auf den grad die Sonne blitzte , und dachte , das soll die Sophie sein , und wie ich hinunterkam , war ' s eine freudige Rosenmutter mit drei Knöspchen dicht ihr am Busen ! - Ich hab sie nicht abgebrochen , ich will sehen , wie sie emporkommen . Ach ! Ein Knöspchen ist grad wie ein Wickelkindchen ! - Ach , auch sie verlangen , daß man die Lippe zusammenziehe und ein Schnütchen mache und sie küsse ! - Sie wollen tändlen , sie lächlen und wollen angelacht sein , und die Lust , wie ein Vögelchen , hüpft in ihren Zweigen ! Ich war ja auf der Reise hierher sehr vergnügt ! - Auf dem Bock saß ich , und die Neugierde , was es denn alles gäb in der Welt , ließ mich die ganze Nacht nicht schlafen ! - Was hab ich gesehen ? - Ganz stille Landstraßen mit Bäumen besetzt , die wie besessen an uns vorbeirennten ! - Durch Dörfer . Die kleinen Häuser sind ja auch Knospen , sie umhüllen in seinen Windeln ein Geschlecht , es könnte edel blühen ; aber ihm fehlt die Luft , die reine , balsamische des Geistes . Ach , wann wird der herabträufeln und von welchem Himmel ? - Er ist höher als der Nachthimmel voll unzähliger Sterne , der über meinem Haupte schwankte ! - Die Sterne strahlen gegen Morgen viel heller und freudiger , und doch sahen sie ihrem Untergang entgegen ! Alles wird schöner , wenn es sich bald verändert ; und wird das wohl im Tode auch so sein ? Die Wolken erröteten endlich ganz freudig - und die Sterne ? - Wo