war an einen bejahrten Mann verheirathet , der in Berlin als Arzt eine bedeutende Stellung einnahm . Dort hatte Jenny sie kennen gelernt und ein unbedingtes Vertrauen zu ihr gefaßt , das durch den hohen sittlichen Werth jener Frau vollkommen gerechtfertigt wurde . Fast jeden Sommer pflegte die Geheimräthin in Baden zu leben , wo sie eine Besitzung hatte , während ihr Mann seinem fürstlichen Herrn auf dessen Reisen folgte , und die Aussicht , Jenny zu treffen , hatte sie um so mehr bestimmt , auch in diesem Jahre ihren Lieblingsort wieder zu besuchen . Leider aber war sie diesmal unpaß in Baden angelangt , und eine große Reizbarkeit der Nerven nöthigte sie , sich für ' s Erste der Gesellschaft fern zu halten und sich allein auf Jenny zu beschränken , die mit Freude ihre Zeit zwischen der Geheimräthin und den Ihrigen theilte . Willig ließ man sie darin gewähren ; nur Graf Walter konnte sein Mißvergnügen über Jenny ' s häufige Abwesenheit nicht verbergen und äußerte eines Abends gegen den Vater , wie er sich die Abwesenheit einer so liebenswürdigen Tochter nicht gefallen lassen würde . Clara lachte darüber und der Vater bemerkte : Sie werden auch uneigennützig werden , mein Freund , wenn Sie das Glück empfunden haben werden , das man in der Zufriedenheit seiner Kinder genießt . Uebrigens muß man auch der armen Leidenden die kleine Zerstreuung gönnen , die meiner Tochter Gesellschaft ihr gewährt . Aber heute bleibt Fräulein Jenny doch ungewöhnlich lange dort , sagte Walter , als man Anstalten machte , sich für den Abend zu trennen , ohne Jenny ' s Rückkehr zu erwarten . Meine Tochter hat den Wagen erst nach elf Uhr bestellt . Die Geheimräthin leidet an Schlaflosigkeit und Jenny wollte versuchen , ob es ihr nicht gelänge , sie durch leises , gleichmäßiges Vorlesen oder auf irgend eine andere Weise in Schlaf zu wiegen . Ich wünsche der liebenswürdigen Frau und Euch eine gute Nacht . Mit den Worten entfernte sich der Vater ; auch Clara und William zogen sich zurück und ließen Walter allein . Es war ihm zu früh , sich zur Ruhe zu begeben . Er ging hinab ins Freie , um noch eine Stunde der Kühlung zu genießen , denn er fühlte sich mismüthig , unruhig und in großer Spannung . Ihm war , als stehe er am Vorabende einer neuen Epoche seines Lebens , als erwarte er etwas , oder als müsse ihm heute irgend ein besonderes Ereigniß begegnen . Und wenn er sich fragte , was ihn so bewege , worauf er so sehnsüchtig harre : dann mußte er sich bekennen , daß er es selbst nicht wisse . Vergebens versuchte er diesen Zustand zu bekämpfen , und um endlich , wie er glaubte , eine körperliche Erregtheit durch Ermüdung abzustumpfen , ging er rastlos und schnell vorwärts . So befand er sich nach kurzer Zeit am Ausgange der Lichtenthaler Allee , in der Nähe des Hauses , in welchem Frau von Meining wohnte . Die Meiersche Equipage hielt vor ihrer Thüre . Die Fenster der Geheimräthin waren matt beleuchtet . Zerstreut blieb Walter eine Weile stehen , sah zu den Fenstern empor und schickte sich dann plötzlich zur Rückkehr an . Kaum aber hatte er ein paar hundert Schritte gemacht , als er sich auf eine der Bänke warf , die sich in der Allee befinden , und in ein tiefes Hinträumen versank , aus dem ihn dennoch der Fußtritt jedes Vorübergehenden emporschreckte . Allmälig wurde die Allee einsamer . Die Uhr des Nonnenklosters in der Stadt schlug zwölf . Bald darauf hörte er das Rollen von Rädern , er fuhr auf und blickte nach der Gegend , woher der Ton zu kommen schien . Aber täuschte er sich nicht ? Ein weißes Kleid schimmerte glänzend aus der Dunkelheit empor . er eilte der Gestalt entgegen , sein Herz schlug hörbar - Jenny stand vor ihm . Sie hier , Graf Walter ? sagte sie überrascht , doch freundlich , und legte ihren Arm in den des Grafen , der ihn ihr schweigend bot . Wer es nicht empfunden hat , wie viel Vertrauen in der Art liegen kann , mit dem eine Frau sich auf den Arm eines Mannes lehnt , der wird nicht begreifen , wie Walter sich so glücklich fühlte , als Jenny ' s Arm jetzt in dem seinen ruhte . Denn es gibt gewiß nichts Gleichgültigeres , als die Sitte , einer fremden Dame den Arm zu bieten , und doch fast nichts Süßeres , als wenn diese gleichgültige Sitte unter Personen zur traulichen Gewohnheit wird , die es noch selbst nicht wissen , wie nahe sie schon zu einander gehören . Was unverstanden wie eine dunkle Ahnung in Walter geschlummert hatte , das fühlte er plötzlich als unwiderstehliche Wahrheit . Er hatte Jenny immer schon geliebt und jetzt , da sie freundlich und doch sorglos , als müsse es so sein , seinen Schutz und seine Stütze annahm , jetzt ging die Sonne der Liebe siegreich in seinem Bewußtsein auf und er fragte sich : Warum erst jetzt ? Schweigend legten sie eine Strecke des Weges zurück , denn Walter vermochte nicht zu sprechen vor freudiger Bewegung , und Jenny fühlte sich so geborgen unter dem Schutze dieses Mannes , so zufrieden in dem Gedanken an die Erleichterung , die sie ihrer Freundin verschafft hatte , daß sie sich willig jener weichen Ruhe überließ , zu der die schöne Sommernacht verführerisch einlud . Allmälig aber wurde ihr Walter ' s Schweigen peinlich . Es war als ob seine Stimmung sich ihr mittheilte , sie fühlte sich beklommen , geängstigt , und um nur eine Veränderung in diese Lage zu bringen , sagte sie : Es war so schwül in den Zimmern der Frau von Meining , daß ich dringend die Nothwendigkeit fühlte , mich abzukühlen , und deshalb mit unserm alten Diener den Fußweg einschlug . Die Nacht ist heut ' so schön . O , unaussprechlich schön ! wiederholte Walter und die frühere Stille trat wieder ein . Jenny ' s Unruhe stieg dadurch von Minute zu Minute . Sie bildete sich endlich ein , um sich Walter ' s Schweigen und ihre Unruhe zu erklären , ihrem Vater sei irgend ein Unglück begegnet und man habe ihr Walter entgegengeschickt , sie davon in Kenntniß zu setzen . Wie ging es meinem Vater , als Sie ihn verließen ? fragte sie besorgt . Er war wohl und munter , und hatte sich zur Ruhe begeben , ehe ich fortging , antwortete der Graf , und Jenny , als sie in diesem Augenblick ihre Wohnung erreichten , machte ihren Arm aus dem des Grafen los und sank aufathmend auf den Sitz vor ihrer Thüre nieder . Sie hätte weinen mögen , so gepreßt war ihr das Herz . Sie wollte aufstehen und noch in das Zimmer ihres Vaters gehen , um sich zu überzeugen , daß er wohl sei , und war doch so beklommen und so bang bewegt , daß sie kein Glied zu rühren vermochte . Dem Grafen mußte es eben so ergehen , er setzte sich schweigend zu ihr nieder . Es war still um sie her ; nur das Rauschen der Blätter , das leise Rieseln des Oelbaches tönten an ihr Ohr . Balsamisch drang der Duft des frisch gemähten Grases von den Wiesen empor und Jenny ' s Seele fand Ruhe und Frieden in dieser feierlichen Stille , der sie sich mit Wonne hingab . Da tauchte plötzlich ein lichter Schein am nördlichen Horizonte auf , hell und immer heller , so daß der ganze Himmel davon durchleuchtet und verklärt schien , während ein Lichtmeer den Ursprung der herrlichen Erscheinung bezeichnete . Einzelne Strahlen schossen blitzschnell gegen den Zenith empor , im wechselnden Farbenspiel und mit ganz überirdischer Pracht ; dann verschwammen sie wieder in dem Lichtmeere und neue , ebenso glänzende Flammenstreifen tauchten daraus hervor . Es war das schönste Nordlicht , das man seit lange gesehen hatte und bewundernd hingen Jenny ' s Blicke an dem erhabenen Anblick . Ihre Hände falteten sich unwillkürlich und mit bebender Stimme sagte sie : Und sie sprechen von Offenbarung ! Als ob es eine göttlichere , unwiderstehlichere geben könnte , als diese . Wer sollte nicht glauben an Den , der in solchen Zeichen zu uns spricht ? Das ist Gott ! Das ist der Gott , den ich anbete , und der keines Mittlers , keiner sinnverwirrenden Lehren von Kreuz und Blut und Tod bedarf , um uns fühlen zu lassen , daß sein die Macht und Er die Liebe ist . Thränen der Begeisterung flossen aus ihren Augen . Kein Gedanke , als die anbetende Verehrung , die tiefste Demuth vor Gott war in ihrer Seele , als Walter mit einem Ausruf von Entzücken sich vor Jenny niederwarf und ihre gefalteten Hände an seine glühenden Lippen preßte . Erschreckt und unangenehm durch diese leidenschaftliche Berührung in ihrer Andacht gestört , stand Jenny auf und sagte mit einem Tone des Vorwurfs : Entweihen Sie die Stunde nicht . Knien Sie nicht vor dem Geschöpf , wenn der Schöpfer selbst Sie einer solchen Offenbarung würdigt ! Und sie schritt rasch in das Haus , an dessen Thüre ihr Diener ihres Eintritts wartete . Bestürzt sah Walter ihr nach . Sein Herz hatte voll grenzenloser Liebe verlangt , sich in dieser feierlichen Stunde der Geliebten für immer zu eigen zu geben , und im Uebermaß des Gefühls war er vor sie niedergesunken . Wie sie in dem Phänomen , so betete er in ihr die Macht des Schöpfers an , und kalt und tadelnd hatte sie ihn von sich gestoßen . Er warf es sich vor , wie ein blöder Träumer vor Jenny gestanden zu haben , statt von ihr wie ein Mann ihre Hand und ihr Wort zu fordern . Jetzt , sagte er sich , jetzt könnte sie mein sein . Ich könnte meine Lippen auf die ihren drücken , den Schlag ihres Herzens an dem meinen fühlen , wissen , daß sie mein ist für immer - daß sie mich liebt .... Walter hielt inne . Daß sie ihn liebte , dafür hatte er keinen , gar keinen Beweis , und doch glaubte er an ihre Liebe . Eine Liebe wie die seine konnte nicht unerwidert bleiben , sie mußte Gegenliebe finden . Diese Hoffnung gab ihm Muth ; und voll Vertrauen auf einen glücklichen Ausgang wollte er am nächsten Morgen Jenny seine Liebe gestehen und von ihrem Vater die Hand seiner Tochter fordern . Doch nur zu oft vernichtet der Morgen die Hoffnungen des vorigen Tages . Als Walter das Zimmer betrat , in dem man sich zu versammeln pflegte , sah er an den verstörten Zügen der beiden Damen , daß ihre Ruhe erschüttert , ein unangenehmes Ereigniß hereingebrochen sein müsse . Clara schien geweint zu haben und schüttelte traurig das Haupt , als Herr Meier tröstend sagte : Sie sollten froh sein , mein Kind , daß dies Verhältniß nun endlich zu einer Entscheidung gekommen ist . An den augenblicklichen Schmerz darf man nicht denken , wo eine lange und hoffentlich bessere Zukunft gewonnen werden soll . Um nicht zu stören , verließ der Graf das Zimmer und ging zu William , den er schreibend fand . Von ihm erfuhr er , wie vor einer Stunde ein Brief Eduard ' s an ihn angekommen sei , der diese allgemeine Aufregung verursacht hatte . Er schrieb ihm : Mein Freund , mache Dich gefaßt , eine Mittheilung zu hören , die , obgleich erwünscht in ihren Folgen , doch für den Augenblick ihr Betrübendes hat . Ferdinand ist bei mir , aber er ist krank und sehr zu beklagen . Vorgestern in der Nacht schellte man an meiner Thüre . Man öffnete und kam , mich zu wecken , weil ein Kranker nach mir begehre . Gleich darauf trat der Fremde bei mir ein und ich fragte , wohin man mich verlange , wer erkrankt sei ? Ich selbst bin krank zum Sterben und ich wollte , ich wäre todt , antwortete der Unbekannte . Ich sah ihn prüfend an . Eine verfallene Gestalt , verfallene Züge und wenig , fast ergrautes Haar - obgleich der Mann so alt nicht schein , um diesen gänzlichen Verfall zu rechtfertigen . Sie kennen mich nicht mehr , oder wollen Sie mich nicht kennen ? fragte er höhnisch . Aber ich hatte ihn bereits erkannt , trotz der fast unglaublichen Veränderung in seinem Aeußern . Es war Ferdinand . Ich nöthigte ihn , sich niederzusetzen . Ich fragte nach seiner Frau . Nennen Sie das Weib nicht ! rief er und sein Gesicht zuckte krampfhaft . Mit dem Wenigen , das man mir als Almosen hinwarf , vermochte sie sich nicht zu begnügen . Ihre Vorwürfe , ihre Ansprüche brachten mich zur Verzweiflung . Ich war krank , ein Fieber nahm mir die Besinnung und diesen Zeitpunkt benutzte sie , mir Alles zu rauben , was ich noch besaß , und mich zu verlassen . Ich hatte ja nichts mehr zu verschenken , zu verschwenden ! sagte er , und wieder flog das krankhafte Zittern durch seine Züge . Ich sah , daß seine körperliche Erschöpfung aufs Höchste gestiegen war , und redete ihm zu , die Nacht bei mir zu bleiben , zu ruhen ; wir könnten das Nöthige dann am Morgen überlegen . Er betrachtete mich mit einem Mißtrauen , das mich befremdete , da er mich doch aufgesucht hatte , und sagte : Wollen Sie erst von der Familie Horn Verhaltungsbefehle holen ? Nun wußte ich , wie ihm beizukommen war . Es gelang mir , ihn zu beruhigen . Ich ließ eine Mahlzeit auftragen , denn er bedurfte dringend einer Erquickung . Mit gieriger Hast griff er nach den Speisen und brach dann , als er sich gesättigt hatte , in ein lautes Weinen aus . So komme ich in meine Heimath zurück ! rief er und fing darauf an , mir zu erzählen , wie er seit gestern fast keine Nahrung zu sich genommen , den Postwagen nicht verlassen hätte , aus Scheu , hier in der Nähe seiner Vaterstadt Bekannten zu begegnen . Auch hatte ich kaum , wovon eine Mahlzeit zu bezahlen , sagte er . Sie hat mir Alles genommen , ehe sie mich verließ . Als ich zum Bewußtsein erwachte , war ich allein , ein Bettler . Seit Monden war unser Credit erschöpft , Niemand wollte uns mehr borgen . Ich erfuhr , daß sie einem Russen gefolgt war , der ihr lange nachgestellt hatte und ihr glänzendere Aussichten versprach , als sie bei mir erwarten konnte . Ein Ring , den ich nie abgelegt und den ich jetzt verkaufte , bot mir die Mittel , sie zu verfolgen - doch bald sah ich die Thorheit dieses Unternehmens ein . Ich mag sie nicht wiedersehen . Eine unbezwingliche Sehnsucht trieb mich hieher . Ich will hier sterben , wo ich geboren und jung gewesen bin . Erschöpft fiel er in den Sopha zurück , und da ich absichtlich schwieg , schlief er bald ein , obgleich er heftig fieberte . Seitdem hat sich unverkennbar ein nervöses Fieber heraus gebildet und die Krankheit ist im Steigen . Er hat nur wenige klare Augenblicke , in seinen Phantasien aber spricht er mit dem tiefsten Haß von seiner Mutter , der er sein Unglück zuzuschreiben scheint . Wenn nicht besondere Zufälle dazwischen treten , hoffe ich auf seine Herstellung . Indessen halte ich es für rathsam , den Eltern die Anwesenheit Ferdinand ' s zu verbergen , bis er körperlich und geistig im Stande ist , ein Wiedersehen mit ihnen zu ertragen . Jetzt , da die Trennung von seiner Frau erfolgt ist , wird es uns ein Leichtes sein , ihn allmälig seinen Eltern und seinen früheren bürgerlichen Verhältnissen wieder zu geben . Beruhige Deine Frau deshalb und sage ihr , daß es ihm an der Pflege und Sorgfalt , die sein Zustand erfordert , nicht fehlen soll . Ich bürge dafür und hoffe , Dir bald tröstlichere Nachrichten geben zu können . Mit der Entschlossenheit , die William ' s ganzes Wesen charakterisirte , erklärte er gleich nach Lesung dieses Briefes sich bereit , nach Clara ' s Vaterstadt zu reisen , um nicht Eduard allein die Sorge für den Unglücklichen aufzubürden , und unter strömenden Thränen beschwor ihn seine Frau , sie mit zu nehmen , es ihr zu vergönnen , daß sie selbst die Pflege des Bruders übernehmen und seine Rückkehr in das väterliche Haus einleiten könne . Auch dazu war William geneigt , nur die Unmöglichkeit , mit den Kindern eine so schleunige Reise zu machen , wie sie hier erforderlich war , schien ihren Wünschen ein Hinderniß in den Weg zu legen , bis Jenny mit ihres Vaters Zustimmung sich erbot , die Kinder unter ihre Obhut zu nehmen und mit sich nach Hause zu bringen . So ward es beschlossen , noch an demselben Nachmittage abzureisen , und in trauriger Stimmung sah Clara der Stunde entgegen , in der sie zum ersten Mal sich von den Lieblingen ihres Herzens trennen sollte , während William und Jenny ihr Muth zusprachen und das Nöthige besorgten . Natürlich mußten Walter ' s persönliche Wünsche vor diesen Ereignissen in den Hintergrund treten . Jenny schien des vorigen Abends vergessen zu haben . Sie war eifrig um Clara bemüht und gönnte sich nicht eher Ruhe , bis sie die Freundin wohlversorgt auf dem Wege in die Heimath wußte . Dann ließ sie die Kinder in ihre Zimmer bringen , richtete sie dort gehörig ein und traf endlich zur Theestunde mit dem Grafen und ihrem Vater zusammen . Jetzt erst fühlte sie , wie sich seit gestern ihr Verhältniß zu Walter geändert hatte . Sie wußte nun , daß er sie liebte , und obgleich er ihr sehr werth war , war ihr seine Liebe nicht willkommen . Sie konnte den rechten Ton für die Unterhaltung nicht finden , wurde zerstreut , dann verdrießlich , daß sie sich so wenig zu beherrschen wisse , und entfernte sich unter dem Vorwande , Frau von Meining ihren Besuch zugesagt zu haben . Walter , dem Jenny ' s befangenes Wesen , ihre Zurückhaltung nicht entgangen war , glaubte sie durch sein leidenschaftliches Betragen verletzt und benutzte ihre Abwesenheit dazu , ihrem Vater seine Bitte um Jenny ' s Hand auszusprechen , um sich dann auch gegen sie zu erklären und in seiner Liebe eine Entschuldigung für den Ungestüm zu finden , mit dem er sie gestern erschreckt hatte . So oft der Vater auch in gleicher Lage gewesen war , so sehr überraschte ihn Walters Antrag . Er fragte , ob der Graf die Liebe seiner Tochter besitze ? Ich glaube mit Zuversicht , daß mir ihre Freundschaft und Achtung gewiß ist , ich hoffe , ihre Liebe zu erwerben , antwortete Walter . Und ist Ihre Familie von dem Schritte unterrichtet , den Sie thun wollen , lieber Walter ? Nein , aber Sie wissen , daß ich unabhängig und Herr meiner Handlungen bin . Indem Sie mir diese Erklärung geben , sagte Herr Meier , gestehen Sie mir zu , daß Sie die Meinung der Ihrigen gegen sich haben würden . Das fürchte ich selbst , und ich wünschte , ich könnte Ihre Werbung ungeschehen machen . Ich weiß nicht , ob Jenny Sie liebt , noch wenigstens ist sie , wie ich hoffe , frei genug , eine Trennung von Ihnen zu ertragen ; darum folgen Sie meinem Rathe , Herr Graf , benutzen Sie William ' s Abreise , uns gleichfalls zu verlassen , und geben Sie einen Wunsch auf , dessen Erfüllung Ihnen und uns leicht Kummer machen könnte . So verweigern Sie mir Jenny ' s Hand ? fragte Walter erbleichend und setzte mit einem Ton , dem man den gekränkten Stolz anhörte , hinzu : Darauf war ich nicht vorbereitet . Ruhig nahm der Vater des Grafen Hand und zog ihn zu dem Sitze nieder , von dem er aufgestanden war . Verstehen Sie mich nicht falsch , sagte er . Ich glaube Ihnen durch mein Betragen gegen Sie , gezeigt zu haben , daß ich Sie achte , Sie für einen edlen Menschen halte . Sie selbst wissen , daß Ihre Stellung in der Welt den Ansprüchen des ehrgeizigsten Vaters genügen müßte . Aber die gräflich Walter ' sche Familie könnte vielleicht die Tochter eines Juden nicht der Ehre würdig erachten , welche Sie ihr mit Ihrer Wahl erzeigen . Davor möchte ich mein Kind bewahren und Sie vor der schweren Pflicht , Ihre Frau gegen die Vorurtheile Ihrer Familie und Ihrer Standesgenossen zu schützen . Und glauben Sie , daß mir dazu der Wille oder die Kraft fehlt ? fragte Walter . Glauben Sie , daß Jenny ' s persönlicher Werth nicht die Einwendungen besiegen würde , die mein Onkel gegen diese Verbindung machen könnte ? Er ist der Einzige , dessen Meinung mir Etwas bedeutet , dessen Ansichten ich schonen möchte , und er wird den Schritt billigen , wenn er Jenny kennt und meine Liebe für sie . Ich war glücklich , seit ich denken kann , ich habe Alles , was das Leben schön macht , nur eine Gattin fehlt mir , mein Glück zu theilen . Da führt ein günstiges Geschick mir Jenny zu . Ich liebe sie , ich möchte Ihrer Hand mein höchstes Gut verdanken , und Sie verweigern es mir , weil Sie mich von Vorurtheilen nicht frei glauben , die man in unsrer Zeit kaum noch der Unbildung verzeiht . Wollte Gott , es wäre so ! sagte der Vater ernst , dann sollte mir kein Gatte willkommener für Jenny sein , als Sie ; Keinem würde ich meine Tochter mit größerer Zuversicht vertrauen als Ihnen . Diese Erklärung muß Ihnen für meine volle Achtung bürgen . Bei den Worten reichte er dem Grafen seine Hand , der sie herzlich drückte . Was aber nun Ihren Antrag und Ihr Verhältniß zu Jenny betrifft , darin folgen Sie mir . Es gilt das Giück meiner Tochter und das Ihre . Trauen Sie mir , der ich die Welt und die Menschen länger kenne , als Sie . Ich betrachte Sie für frei von jeder Verpflichtung gegen uns . Uebereilen Sie nichts . Lassen Sie sich Zeit , die Ansicht Ihres Onkels zu hören , prüfen Sie selbst die Meinung des Kreises , dem Sie angehören , und wenn Sie dann Ihren Wunsch noch hegen , wenn Jenny damit einverstanden ist , will ich von Herzen einen Bund segnen , der in Bezug auf Sie schon jetzt meine vollkommenste Zustimmung hat . Sind Sie damit zufrieden ? fragte er . Muß ich nicht ? antwortete der Graf , der sich nur ungern in den Gedanken fand , sein Ziel so weit hinausgeschoben zu sehen , obgleich er fühlte , daß der Vater seiner Denkart nach nicht anders handeln konnte , und ihn deshalb nur um so höher schätzte . Aber nur mit Widerstreben verstand er sich dazu , sich gegen Jenny nicht zu erklären , bis er seinen Onkel von seiner Absicht in Kenntniß gesetzt und dessen Antwort erhalten haben würde , und er verließ den Greis , um seinem Onkel schreiben zu gehen . Auch Herr Meier zog sich zurück , um Eduard seinerseits von dem Geschehenen zu benachrichtigen . Er machte ihn auf die glänzenden Verhältnisse , auf den trefflichen Charakter Walter ' s aufmerksam und sagte : Dennoch widerstrebt meine innere Ueberzeugung dieser Verbindung fast eben so sehr , als einst der mit Reinhard , mit dem Unterschiede , daß jetzt meine Besorgniß den Verhältnissen gilt , während sie bei Reinhard den Charakter des Mannes betraf . Niemand ist so gleichgültig gegen das Urtheil der Menschen , daß Lob oder Tadel seiner Umgebung ihn kalt ließe , und es könnte für Jenny ' s Glück eine harte Probe werden , wenn sie es erleben müßte , Walter ' s Entschluß von seinen Standesgenossen getadelt und ihn dadurch verletzt zu sehen . Ihre erste Verlobung brachte sie in geistiger Beziehung in einen traurigen Conflikt , diese könnte sie in ein schwer zu überwindendes Mißverhältniß zu den äußern Umständen versetzen , und sie leicht ebenso unglücklich machen , als jene . Wie ich Jenny beurtheile , fühlt sie das selbst und hat Scheu vor Walter ' s unverkennbarer Neigung , weil sie sich nicht den Muth zutraut , seiner Liebe und seiner Werbung zu widerstehen . Bei Walter ' s persönlichen Eigenschaften und seiner Stellung in der Welt würde das vielleicht jedem Mädchen schwer , da keines von Eitelkeit frei und Walter ganz der Mann ist , Liebe und Zutrauen zu erwecken . Doch bin ich überzeugt , daß diese Heirath früher oder später zu Stande kommt , und theile Dir diese Nachricht mit als Etwas , das ich nicht gern sehe , aber nicht zu hindern vermag . Deinen Ansichten dürfte das Verhältniß willkommen sein . Gott gebe , daß meine Besorgniß mich trüge und Jenny so glücklich werde , als sie es verdient . In seiner Ansicht von Jenny ' s Scheu vor der Bewerbung Walter ' s und ihrem Mißtrauen gegen sich selbst hatte ihr Vater sich wirklich nicht getäuscht . Jenny war zu sehr an Huldigungen gewöhnt und nicht mehr jung genug , um in jeder Annäherung eines Mannes Liebe zu erblicken . Gerade deshalb hatte sie sich in ihrem Verhältniß zu Walter , in seiner Gesellschaft um so behaglicher und freier gefühlt , als sie mit Sicherheit glaubte , hier keinen andern Ansprüchen zu begegnen , als denen , welche man einem geachteten Freunde willig zugesteht . Jetzt war ihr plötzlich die Ueberzeugung des Gegentheils geworden und mit ihr das Bewußtsein , daß sie durch Walter ' s Liebe manchem neuen Kampfe ausgesetzt werden könnte : sei es , daß er ihre Hand verlange , oder aus Rücksicht auf seine weltliche Stellung darauf verzichte . Verstimmt gemacht durch diese Gedanken , langte sie , während Walter die Unterredung mit ihrem Vater hatte , bei Frau von Meining an , die in Jenny ' s beweglichem Gesicht die Spuren einer innern Unruhe leicht bemerkte . Sie fragte um die Ursache derselben , obgleich Jenny anfangs die Thatsache leugnete , und erst nach freundlichem Bitten und Dringen von Seiten der Geheimräthin sagte Jene : Ich habe die Entdeckung gemacht , die Liebe eines Mannes zu besitzen , an die ich nie gedacht habe , und das ist mir unangenehm . Die Geheimräthin sah sie verwundert an , lächelte dann und meinte : Das heißt , Du bemitleidest ihn , weil Du diese Liebe nicht erwiderst und er Dir nicht gefällt . Das kommt wohl vor im Leben und sollte Dir nicht so neu sein , Dich so sehr zu verstimmen . Im Gegentheil , antwortete Jenny , er ist mir lieb und werth , und gerade darum thut es mir so wehe . Jenny , sagte die Geheimräthin plötzlich ernsthaft geworden , ich will kein Vertrauen erzwingen , wenn Du nicht geneigt bist , es mir zu gewähren . Nur das Eine sage mir , mich zu beruhigen : Ist der Mann , der Dich liebt , verheirathet , oder sonst in einer Weise gebunden , die Deine Unruhe erregt ? Nur die Eine Frage beantworte mir . Nein , nein ! rief Jenny , über den feierlichen Ernst ihrer Freundin lächelnd , Er ist frei und unumschränkter Herr seines Willens ; ich zweifle nicht , daß er mir seine Hand anträgt , aber das ist es , was ich fürchte und was mein Vater ungern sehen wird . So ist er arm und seine Stellung der Deinen all zu ungleich ? fragte Frau von Meining . Kennst Du meinen Vater und mich so wenig , entgegnete Jenny im Tone des Vorwurfs , zu glauben , daß dergleichen uns irren könnte ? Nein , im Gegentheil , es ist Graf Walter , der mich liebt , und dessen Liebe ich befürchte . Walter ! rief die Geheimräthin erfreut und setzte dann hinzu : Du bist unwahr gegen Dich oder mich . Walter ' s Liebe kann Dir nicht unwillkommen sein , denn gleichgültig ist er Dir nicht . Das habe ich auch nicht behauptet , antwortete Jenny . Aber ich habe durch meine Verlobung mit Reinhard so viel gelitten , mich so an das ruhige Glück gewöhnt , welches ich jetzt genieße , daß ich vor dem Gedanken zittere , neuen Stürmen ausgesetzt zu sein . Ich habe in der Liebe meines Vaters und meiner Brüder - denn auch Joseph ist mir ein Bruder - in der Kunst mir eine Welt geschaffen , in der ich Freude finde und sie den Andern bereite . Nenne es Feigheit oder Selbstsucht , wie Du willst , ich mag aus diesem sichern Hafen mich nicht aufs Neue in das Meer des Lebens wagen . Ich will nicht heirathen . Und wenn Dein Vater stirbt ? Dann leben mir die Brüder ... , Die wahrscheinlich Deinen Entschluß nicht theilen , fiel ihr die Geheimräthin ins Wort , die sich verheirathen würden , wenn Du Dich Ihnen durch einen vernünftigen Entschluß entzögest und so ihr und Dein Bestes fördertest . Wie viel hundert Mal hast Du mir über die hohe Ansicht gesprochen , die Du von der Ehe hegst ! Wie erhaben hast Du mir Walter ' s Idee davon geschildert , als Du mir neulich von der Unterhaltung erzähltest , die Du über diesen Gegenstand mit ihm gehabt hast . Also Gleichnisse zeichnen kannst Du , aber im Leben sie durch Dich zu verwirklichen , stehst Du an ! Sie war ganz erhitzt durch den Eifer , mit dem sie gesprochen hatte , lehnte sich in ihren Sessel zurück und sagte lächelnd , da Jenny nachdenkend schwieg