, daß Gott vergessen , man sich nicht mehr bewußt sei , daß man die guten Tage Gott zu verdanken hätte , da werde man Übermut und Hochmut finden , alle verachte man , sich selbst mache man zu seinem Götzen ; aber man solle nur sehen , wie schwer diese Leute die kleinste Widerwärtigkeit nähmen , wie sie sich sträubten und ärgerten , wie sie sich gebärdeten , wenn nicht alles nach ihrem Kopfe ginge , wie sie zagten in schweren Nöten , wie durch diesen Wechsel ein mürrisches Wesen sich ansetze , ihr Friede beständig getrübt sei , im Glück durch Übermut , im Unglück durch Kleinmut , in der Jugend durch Hoffart , im Alter durch Jammersucht . Man klage immer mehr über die Welt und das mit Recht , denn je mehr man der Welt die Herrschaft einräume über sich , desto elender werde man , ein welkend Laub im Winde , das nie weiß , wenn der Fuß kömmt , der es zertrittet oder ob es eine Welle dahinnimmt . » Würde man die Welt überwinden und an Gott sein Leben knüpfen , dann würden die Klagen über die Welt verstummen , sie würde wieder unser Paradies werden . So ist manche kleine Hütte , ob welcher man Gottes Auge offen sieht , ein köstlicher , friedlicher Tempel , während so manches große Haus nur Elend herberget , und immer mehr Elend , je größer es wird ; in ihm ists Nacht , denn Gottes Liebe scheinet nicht hinein , und daß auch über ihm Gottes Auge wacht , daran sinnet niemand . Sie wälzen sich in Not und Sorgen , in Jammer und Klagen , in Streiten und Zanken , in Neid und Ungenügen dem Grabe zu . Elend war hier ihr Teil , was wird ihnen drüben werden ? Und doch wäre Gottes Hand auch ihnen nahe , aber sie öffnen ihre Augen nicht , und wehe dem , der sie ihnen öffnen wollte ; im Übermute der Welt würden auch sie jetzt noch nach Steinen greifen . Ihr Kinder aber , vergesset es nie und nimmer , euer himmlische Vater waltet über euch , nicht blindes Ungefähr ; was kömmt , kömmt aus seiner Hand , darum vergesset nimmer Dank und Demut , Geduld und Zuversicht zu euerem getreuen Gott und Vater , der im Himmel ist . « So kinderlehrete der Pfarrer auf freundliche Weise in wechselnder Rede und Gegenrede . Es heimelete Anne Mareili gar sehr , denn alles das hatte es schon gehört , wenn auch nicht mit gleichen Worten , und manches Wort tauchte ihm auf aus der wunderbaren Kammer der menschlichen Seele , in welcher so manches unbeachtet vergessen liegt , welches in entsprechenden Augenblicken wieder zutage trittet , manches Wort , welches der Pfarrer nicht aussprach ; auch die alte Zeit tauchte ihm auf , in der es als lustiges , wildes Mädchen das alles hörte mit großer Andacht , aber ohne inniges besonderes Verständnis , wo es die Worte des Pfarrers hielt wie Perlen und Edelsteine , an denen man große Freude hat , aber ehrerbietig sie beiseite legt und keinen besondern nähern Gebrauch von ihnen zu machen weiß . Und so geht es zumeist ; es geht mit der Lehre auch , wie es mit Korn und anderem Samen geht , welches eine Weile im Schoße der Erde ruhen muß , ehe es zu eigenem Leben erwacht , was gar schnell aufgeht , verdorret schnell wieder . Das Leben ist es , welches des Herren Worte ausbrütet in den Herzen der Menschen . So wars ihm anfangs , als sei die alte lustige Zeit wiedergekehrt , aber so war es ihm nicht lange . Die Worte schienen ihm einen ganz anderen Klang zu haben als ehedem , sie glitten ihm nicht mehr so süß und sanft ins Herz hinein , sie bebten alle Falten erschütternd im Herzen wider , und wie ein Echo tönte es ringsum : Ja so ists ; das Leben gab ihm der Worte Verständnis , das zweischneidige Zeugnis ihrer Wahrheit , das Leben machte auf einmal lebendig , was wohlbewahrt in dunkler Kammer gelegen . Ja , über ihrem Hause war es trübe und finster , und drinnen fehlte der Friede und das Genügen und jedem Herzen Dank und Demut und Zuversicht ; denn ihrem Hause fehlte Gott , an sein Walten dachte niemand , ihm dankte niemand , auf ihn hoffte niemand ; wenn schon Lippen beteten , stumm blieben doch die Herzen , jedes Leben war los von Gott , und jeder führte es nach seinem Sinn und in eigener , eingebildeter Machtvollkommenheit . Wenn ein reicher Segen Scheuer und Spycher füllte , so dankte man nicht Gott , sondern aß und trank um so reichlicher an den Sichelten und tat um so wüster , und wenn das Wetter Verderben drohte , so grollte man mit dem Wetter , aber um besseres bat man den Herrn des Wetters nicht ; was dieses eintrage , jenes schade , so rechnete man , aber was der Herr zu diesem sage und zu jenem , so frug man nicht ; eines war des Andern Feind , jedes lauerte auf seinen Vorteil und des Anderen Schwäche , zwischen den selbstsüchtigen Herzen mittelte Gott nimmer , darum war daheim ein so düster und unheimlich Sein . Das hatte Anne Mareili schon lange gefühlt , aber so klar war es ihm nicht geworden , so klar war es ihm nie geworden , wie es selbst trotz der eigenen Unheimlichkeit erfasset sei und untertänig ihrem bösen Hausgeiste . War doch Gott ihm kein Trost , suchte es doch im Gebete den Frieden nicht , hatte doch all sein Glauben wenig Einfluß auf seine Stimmungen , suchte sein Auge in keiner Schickung Gott , war ja auch sein Leben eigentlich los von Gott , wenn es auch weder ungläubig noch lasterhaft war . War es aber nicht deswegen so in Ängsten , ein ratlos Laub im Winde , meinte sich abhängig von alten Launen alleine und dachte nicht daran , daß auch es Gottes Kind sei und jedes Haar auf seinem Haupte in dessen Schutz und daß in einem festen Entschluß , in Gottes Namen gefaßt , die beste Abwehr sei für unbegrenzte Angst ? Aber so ists , schön Predigen ist nicht schwer und viel Glauben auch nicht , aber den Glauben zum Leben werden zu lassen und die Predigt zu einer Brücke vom alten Wort ins junge Leben , das ist schwer . Zumeist hat es der Mensch wie ein kluger Kaufmann , alles wohl sortiert , hier eins apart und dort das andere für sich , in einem Krummen ist der Glaube , in einem andern sind die Ansichten , in einem dritten die Grundsätze , in einem vierten die Gefühle , das Leben aber hat er in den Fingern , und wenn er seinen Kunden wägen tut Rosinen und Weinbeeren , Mandeln und Kaffee , so frägt er weder nach Ansichten noch nach Grundsätzen , sondern wiegt eben , wie es ihm in den Fingern ist . Schlägt der Kaffee ab , so wiegt er wie der frommste Christ , denn viel Absetzen so schnell als möglich ist sein größter Vorteil ; schlagen die Weinbeeren auf , so kleben sie ihm an den Fingern und er wiegt wie ein emanzipierter ( das sind eben die schlimmsten ) Jude , denn je weniger er heute gibt , desto mehr löst er aus den andern morgen . So aber wie ein wohlassortierter Jude soll es der Christ nicht haben , er soll eins sein , das heißt nicht alles durcheinander , einem Knäuel gleich , in welchem es hinten und vornen gleich strub ist , wie es in mancher Schreiberei aussieht und in manchem oberkeitlichen und sonstigen Haushalt , sondern einem schönen Baume gleich , wo aus lebendig gewordenem Kerne die festen Wurzeln sprossen , schlank der Stamm gen Himmel strebt , schattenreich und weit die Äste sich ausbreiten . Der Glaube ist das Wurzelgeflecht im christlichen Herzen , entsprossen dem lebendig gewordenen Worte , der Stamm ist des Lebens Wuchs , das den Himmel sucht , die Äste die einzelnen Verrichtungen , welche das Leben fordert . Dieses Einswerden in sich ist auch das Einswerden mit Gott , unser Ziel auf Erden , zu welchem Christi Fußstapfen führen , aber wohlverstanden nicht diesseits , sondern erst jenseits . Weit kommoder als dies ists freilich , wenn man annimmt unser Fleisch sei unser Gott , und was das wolle , sei recht ; da ist die Einheit rasch da , aber es ist die Einheit , welche bereits in der Maus und in der Katze , im Hunde und im Hasen ist . Kommod ists wieder , wenn man unser Fleisch für einen dürren Ast erklärt , der nichts mehr zu bedeuten hätte , also den Glauben oder den Geist nichts anginge , so daß was allfällig noch mit ihm vorginge , ehe er völlig zu Staube würde , sie nicht im mindesten zu verantworten hätten . Das ist den Worten nach zwei , aber dem Wesen nach eins ; es führt beides zu der Einheit , welche im Tiere ist , aus welchem wir uns emporwinden , aber nicht in Gott , zu welchem wir emporsteigen sollen . Gar Manche aber auch meinen , der aufgespeicherte Same sei das Ackerfeld selbst , und denken nicht , daß was im Spycher wächst , Auswuchs oder Würmer sind . Was im Spycher ist , muß man , während es gesund ist , mahlen , dann gibt es gesundes Brot , wird zu Fleisch und Blut in gesunden Körpern , oder man muß es eben wieder aufgehen lassen in des Lebens Ackerfeld zu neuer Frucht , zur Frucht , die bis in den Himmel reicht . Es sproßte in Anne Mareili , wie nach einem fruchtbaren Gewitterregen , wenn im Westen durchs Gewölk die Sonne bricht , während im Osten der wunderbare Gnadenbogen sich wölbet . Es war auch ein Durchbruch . Aber wenn es sproßt , so streckt der Stamm seine Äste doch noch nicht bis in den Himmel hinein , und eben den Sprößlingen ist der Reif am gefährlichsten . Als der letzte Gesang vorübergerauscht , der Pfarrer den Segen gesprochen , der Sigrist die Türe geöffnet , ging Anne Mareili ungern aus dem kühlen , friedlichen Hause hinaus ins heiße , staubige Leben ; es fühlte eben in sich Leben wogen , Gefühle kreisen , der heiligen Stunde hätte es so gerne abgewartet innerhalb den stillen , heiligen Mauern . Wer aber sein Leben draußen hat , nicht drinnen , wer sein Gehör anstrengen muß , seine Sinne zusammenhalten , die , wie ein Trupp wilder Buben , sich nicht gerne stille halten an einem Orte , der mag wohl kaum warten , bis der Pfarrer schweigt , der Sigrist ds Loch aufmacht für die ungezogenen Buben , die hinausfahren , ehe er es noch recht offen hat . Anne Mareili mußte mit den Anderen hinaus und trappete ins Dorf hinein , ohne daß es durch etwas gezogen ward , ohne daß es wußte , wohin es wollte ; innerlich war seine Seele gekehrt . Aber seiner selbst war es nicht lange ; erst rief ihm die Krämerin , kramen sollte es , dann riefen ihm zwei Gefährtinnen , eine Halbe zahlen sollte es , dann kam die Wirtin und rief , dGeiger seien da und tränken nur noch einen Schoppen , die Halunken meinten , sie könnten keinen Zug tun , wenn sie nicht den Kragen voll hätten , sie sollten doch ja nicht weiter , im Augenblick ginge es an . So umarfelte die Welt das Meitschi von allen Seiten , zog es dem Strudel wieder zu , an dessen Enden es sich gewiegt hatte ; es ging hinein , es wußte nicht anderswohin , hatte keine Ausrede bei der Hand , und wer weiß , ob die Wirtin nicht etwas für ihns wußte , Aber stille war es , die Welt überwältigte sein Sinnen nicht , die äußern Eindrücke überfluteten es nicht , der Wein ersäufte es nicht , die Geigen übertönten es nicht , und als die andern Mädchen hinaufgingen , um zu sehen , ob Schreiß da sei , sagte es : Etwas Grechts sei nicht da , öppe es paar Buben , die nicht drei Mäß Krüsch hoch seien und die tanzen müßten , wenn niemand anders da sei , wenn es ihnen nicht gehen solle wie Heustüffeln in den Erdäpfeln , die , sie möchten springen wie sie wollten , doch nicht voraufkämen . So blieb es sitzen , und alsbald war die Wirtin bei ihm und stärkte ihns , daß es nur standhaft bleibe , einen Brävern bekäme es nicht , sie wisse es , und vom Kellerjoggi wisse sie Sachen , wenn sie bewiesen wären , so wäre der wohl alt genug . Sie wollte lieber eine lebendige Kröte zum Manne und noch dazu eine geschundene , als so einen alten Kellermoloch . Mehr konnte die Wirtin nicht sagen , andere Gäste nahmen sie in Anspruch . Anne Mareili zahlte , ging ; was es gehört , ging ihm über Geigen und Tanzen . Mehr und mehr festigte sich in ihm der Entschluß , der Heirat mit dem Kellerjoggi , wenn sie wieder auf das Tapet kommen sollte , sich ernstlich zu widersetzen , wars doch keine Not , sondern nur Zwang , den Eltern an sich selbst nichts geholfen , sondern nur den Reichtum der Brüder vermehrt , die deshalb um nichts besser mit ihm gewesen wären . Wollten sie ihm Resli nicht lassen , in Gottes Namen , darein wollte es sich fügen , und doch zog es ihns immer inniger nach einem Hause , wo Friede sei und Genügen , Gott Hebel und Sonne , wo mit Gott begonnen ward der Tag und mit ihm geschlossen . Da , düechte es ihns , wäre ihm wohl , wäre ihm , als wenn es käme unter ein sicher Obdach aus finsterem Walde , in welchem Räuber ihm nachgestellt , wilde Tiere gebrüllt , giftige Schlangen durchs Gras gekrochen ; da wollte es beten und gehorchen alle Tage seines Lebens , keine Unantwort mehr geben , keine saure Miene machen nimmermehr . Und es gaukelten vor seinen Augen die lieblichsten Bilder , wie es dort schaltete und waltete , ein treu Söhnisweib war und der Eltern wartete , wie es ein lieb Weibchen war , mit dem Manne freundlich tat und er mit ihm , wie es alles anstellte und gerühmt ward von allen Leuten . So verschwammen ihm immer mehr Himmel und Erde und beide waren eins . Reslis Haus ward sein Himmel und im Himmel schien ihm Reslis Haus , und so wanderte es langsam , gedankenvoll dahin , bis rohes , wildes Bellen ihns weckte ; es war ihr roter Mutz , der alle Vorübergehenden neckte . Ach , wie viele Himmel gibt es nicht , aus denen ein roter Mutz mit Bellen uns verjagen , ja manchmal eine einfache Katze , braucht nicht dreifarbig zu sein , mit Miauen uns verjagen kann . Dort stand es lange und schaute ihr Haus und rechnete zusammen , was alles darin sei , wie man es haben könnte , wie man es hätte und wie das Guthaben nicht abhänge vom Garbenstock , nicht vom Heustock , nicht vom Schmutzhafen , nicht vom Geldseckel , und wie es ihnen nicht übel ginge , wenn alles dies verbrennen täte , indem sie es böser nicht hätten , vielleicht besser , denn man käme wahrscheinlich der Wanzen los . Aber was am meisten schmerze , was einem Haus und Bett verleide , dieses verbrenne das Feuer nicht , wasche das Wasser nicht weg , dieses sitze an einem Orte , wo irdisches Feuer nicht brennt , wohin Wasser nicht reicht , und triebe man es auch mit Spritzen von allen Seiten . Aber daß es eben hier geboren worden , hatte das nicht auch Gott gewollt , und wenn es eines Spittlers Tochter gewesen , in Schmutz und Hudeln , hätte es Resli je angesehen ? Sollte es murren , undankbar sein ? Nein , das wollte es nicht , wollte anerkennen und dankbar sein , wollte Resli entsagen , wenn es sein müßte , aber wollte den Kellerjoggi nicht um kein Lieb , keinen Preis . Zu der Brüder Hung sei es nicht geboren , es stehe nirgends in der Gschrift , daß das Gottes Wille sei . Die Sonne senkte sich , und Anne Mareili ging heim , ziemlich ruhig , was auch der Vater heimbringen möchte , denn nur solange man nicht gefaßt zu sein meint , währt die Angst ; ob man dann aber auch wirklich gefaßt sei , wenn man auch gefaßt zu sein glaubt , das ist eine andere Frage . Von weitem schon kam ihm ihr Mutz entgegen und ränggelete mit dem Schwanz , so weit es ihm möglich war , denn wenn er schon ein wüster Hund war , so war er doch dankbar . Still wars sonst ums Haus , bloß die Enten schnaderten in der Mistgülle und die Schafe blökten zum offenen Gatter hinaus ; die Jungfrauen aber waren , wie die Mutter richtig gesagt , noch weit von heim , werden wahrscheinlich auch in irgend einer Mistgülle geschnadert haben . Die Schweine grunzten gewaltig , als es bei ihnen vorbeiging ; sie wußten auch , wer es war , und als es in die Stube trat , berzete auch die Mutter im Nebenstübli , durch das Raxen der Türe aus ihren Träumen gestört . Es ist meist so , daß wo der Bauer ein Raxer ist , da raxet und gyret alles ; da raxet das Tennstor , die Wagenräder , die Stuben- , die Gänterlistüre , ja selbst der Hosensack . » Bist dus ? « fragte die Mutter und zog die Kappe wieder zweg , » was ist für Zeit ? Es wird Zeit sein zum Feuern , geh und mach zweg ; es muß zweggmacht sein für die Säu , u für us geyhts de grad i eym , u was de nit da ist , cha hingernache luege . « Anne Mareili , ein getreuer Adjutant , jedoch ohne galonierte Hosen ( die Obersten sollen galonierte Schnäuze kriegen nächstens , an Geflemmten wolle man den Effekt probieren , heißt es ) , fütterte die Schweine an der Mutter Statt . Wie es eben dran war , den Trog zu putzen , kam der Vater daher , tat die Türe auf zum Stall , und wie Anne Mareili das Herz klopfte , während der Vater die Schweine besah , aber nicht wegen den eigentlichen Schweinen , sondern wegen Kellerjoggi , das begreift niemand , als wem einmal an Vaters Lippen ein Urteil gehangen hat , das , wie eine Kartätsche in den Leib , schlagen konnte in das Lebensglück . » Die tun nicht bös « , sagte er ; » am kalten Märit können wir zwei vorab den Burgdorf-Metzgern geben , öppe eim , der Geld hat ; wenn wir die andern ausmästen bis Lichtmeß , so wiegt jede drei und einen halben Zentner , und wennd morn mitwillst düruf , so mach , daß du vor den Fünfen zweg bist . « Man sagt bald , es sei einem gewesen , als ob Feuer durch einen durchgefahren oder als ob man einen mit Wasser beschüttet hätte über und über , aber wie es Anne Mareili war , das konnte es nicht sagen . Es wußte nicht , tanzte es mit dem Säutrog oder fuhr es mit samt dem Haus durch die Luft , und ehe es begriff und antworten konnte , war der Vater fort und gab den Rossen zu fressen , brummend über die Liederlichkeit des jungen Volkes , das um sechs Uhr noch nicht heim sei , nicht ausgehudelt habe , wohl , denen wolle er . Er dachte halt nicht daran , daß jeder meinte , der Meister , weil er so früh ausgegangen , werde auch spät heimkommen , darnach sich richtete und verrechnete , so gut der Meister sich selbst verrechnet hatte . Der war auch ausgegangen , um zufällig den Kellerjoggi anzutreffen , und traf denselben richtig auch an , aber nicht wie er gehofft hatte . Derselbe tat gar kaltblütig , weder verblüfft noch zornig , brachte es ihm schön , als er hineinkam , sagte bloß im Vorbeigehen , er sei letzthin nicht gekommen , er hätte öppis Rückeweh gehabt , aber die andere Woche werde es sich wohl geben , wenn er öppe Zeit hätte . Der Dorngrütbauer nahm das hin und sagte bloß , er wisse nicht , was es gebe , könne nichts versprechen , es gebe manchmal etwas ungsinnet . Darauf sprach er von gleichgültigen Dingen . Wie er den Schoppen aus hatte , brach er auf , gäb wie man ihn bleiben hieß . Er müsse gehen noch etwas schauen , sagte er , wenn es einem an etwas gelegen sei , so müsse man gehen , während es noch Zeit sei , mit dem Warten habe man schon manches versäumt , dann sei man reuig und es nütze doch nichts . Das ging dem Kellerjoggi hinein ; er drehte die Rede lang um und um und dachte : Ist das ghaue oder gstoche ? Er wird einen nur glustig machen wollen , meinte er endlich , aber er ist am Lätzen ; wenn die Katzen Mäuse fangen wollen , so müssen sie der Sache wohl abpassen . Aber zu listig kann man manchmal auch sein , und Abpassen und Verpassen ist einander nahe verwandt . Anne Mareili konnte vor Freuden der Mutter den erhaltenen Bericht fast nicht sagen , setzte aber doch hinzu : » Mutter , gehe du mit dem Vater ; du bist so lang nie von Hause weg gewesen und noch gar nie dort oben . « Die Mutter hatte es ungern , daß der Vater das Meitschi auserlesen , und zürnte es , wie es so geht , auch an der Tochter , die sich dessen nichts vermochte . » Wenn er mich wollte « , sagte sie , » so hätte er es mir anerboten ; aber ich weiß wohl , er schätzt mich nichts und schämt sich meiner , und wenn er mir jetzt schon zehn Batzen geben wollte , daß ich mitgehen sollte , er könnte mir küderlen . « Das wäre zu probieren gewesen ; aber was der Bauer einmal wollte , daran war wenig mehr zu ändern , und an diesem gar nichts . Die Mutter hatte allerdings recht , er schämte sich ihrer , sie war ihm zu ungattlich und redete ihm nie recht . Gab sie ihm recht , so war es ihm nicht recht , widerredete sie ihm , so ward er erst böse . Sie hatte es bös treffen . Seine hübsche Tochter hatte er viel lieber neben sich ; er hatte eine gewisse Meinung mit ihr , die sich in ihrem Grunde nicht viel von der Meinung unterschied , die man mit einem schönen Roß hat oder einer aparti stolzen Kuh und daß man lieber mit einem Engländer ausfährt als mit einer Mähre , welche halb von den Mäusen gefressen ist . Er schmunzelte allemal , wenn einer sein Meitschi wohlgefällig ansah . Gäll , hättischs , dachte er ; er empfand so eine Art Galgenfreude , wenn er sein Meitschi wie ein Stück Speck dem Mannevolk einen ganzen Tag lang durchs Maul ziehen und bei jedem denken konnte : Der nähms auch , aber ohä ! Ganz anders hat es ein alter Käusi , wenn er eine schöne junge Frau neben sich hat . Jeder freundliche Blick , den sie erhält , geht ihm wie ein Stich durchs Herz ; was haben die zusammen , denkt er allemal , wenn die einander nicht kennten , sie hätten sich nicht so angesehen , da muß etwas sein . So kriegt er lauter Stiche ins Herz , daß wenn dasselbe nicht wäre wie altes Händscheleder , dasselbe ganz verlöchert würde . Geht er aber ohne sie , so stechen ihn seine eigenen Gedanken , und alle Augenblicke muß er denken : Was macht sie jetzt ? Wen sieht sie jetzt ? Wer ist wohl bei ihr , der Tüfels Täsche ? So wird er gestochen , er mag mit ihr fahren oder sie daheim sitzen lassen ; geschieht ihm aber recht , ist Strafe für den Glust . Anne Mareili freute sich gar unbeschreiblich , je unverhoffter und wie ausgemacht sein Glück , wie ein Engelein aus dem Himmel , ihm vor den Füßen stund . Es hürschete in der Küche herum , daß die Mutter es daraus schicken mußte ; es kehrte in seinem Stübchen das Oberste zu unterst , und als es den Schaden umsah , hatte es lauter alte Rustig für morgen zweggelegt und alles , was es wollte , wieder in den Schaft getan . Es wollte nicht gäuggelhaft erscheinen , sondern so recht ehrbar und anständig , wie es sich ziemt . Das ist aber für ein Meitschi ein schwer Ersinnen , wenn es dieses nicht von Jugend auf seiner Mutter absehen kann . Es ist wohl nicht bald etwas so schwer , besonders wenn es ersinnet werden muß und nicht angewohnt ist , als sich immer so zu kleiden , daß weder etwas Nachlässiges noch etwas Narrochtiges zum Vorschein kommt , daß jedermann sagen muß : » Das kömmt doch tusigs brav daher , geng wie us eme Druckli use , nüt zviel , nüt zwenig . « Gäb wie leicht ein Bändeli zviel , eins zu wenig , etwas Schmutziges oder etwas Glariges , etwas Zerrissenes oder Überflüssiges , so ist alle Mühe und Arbeit umsonst und man wird Schlärpli oder Gäuggel tituliert , und diese Titel werden weit häufiger ausgeteilt , als man glaubt , und an Mädchen , die sich das nicht träumen ließen . Es ist aber auch wirklich schön , ein himmelschreiend seiden Fürtuch und kuderige Strümpfe dazu , oder ein schöner weißer Lampihut mit Federn oder Lätschen vom Tüfel und ein blau oder weiß Band daran , das man mit keinem Stecklein anrühren möchte , oder schöne schwarzseidene à jour-Handschuhe bis an die halbe Hand , hinten an den Fingern goldene Ringe und vornendran Klauen wie ein Habch , oder eine goldene ( wenigstens gelbe ) Kette um den Hals und Dreck hinter den Ohren , oder á jour-Strümpfe und verkniepete Schuhe und gwunderige Ferseren . Es ist wirklich eine strenge Sache für ein Meitschi , eben recht in allem zu sein , zu machen , daß alles nicht bloß zusammen , sondern auch zu Zeit und Ort paßt , daß es nicht zum Nachtmahl geht zum Beispiel wie ein Pfau , der zHimmel fliegen will , oder im Winter wie ein Sommervogel und schön himmelblau und schnadelig im Gesichte . Aber am allerschwersten mag es doch sein , sich recht zu kleiden , wenn man auf die Gschaui reitet ; wenn je , so paßt hier ein alt Sprichwort : Zu wenig und zu viel verhöhnt alle Spiel . Eine alte Frau sieht scharf , sieht , was hinter den Ohren ist oder hier oder dort , was man nicht sehen soll , und eine alte Frau ist oft wunderlich , und wenns der einen recht wäre , ist es der andern nicht . Anne Mareili hatte einen natürlichen Sinn für das Rechte und die nicht zu kaufende Gabe der Nettigkeit ; es stund ihm alles wohl , es strahlte so gleichsam aus den Kleidern heraus , und doch sah man gar nicht , daß es angewendet , daß es gedacht : Helf , was helfen mag ! Es war meist alles so , daß man meinte , es müsse so sein und nicht anders , es hätte gleichsam gerade so von selbst sich verstanden . Was ihm aber die Sache sehr erschwerte , war , daß es nicht kaufen konnte was es wollte , sondern daß ihm sehr viel Kleider kramsweise zukamen , bald vom Vater , bald von der Mutter ; manchmal war es dabei , manchmal nicht , und weder der Vater noch die Mutter hatten je von Geschmack gehört , sie wußten nur , was steych und was wohl schmöck , und meinten , was sie schön düech , sei schön , und schön düechte sie , was himmelschreiend war oder was wohlfeil war und doch , wie sie sagten , in die Augen schien . So krameten sie manchmal , daß es Anne Mareili das Wasser in die Augen trieb , während es schön danken mußte . Und was sie gekramet , das mußte es auch tragen , sie zürnten es sonst an ihm . Das Dümmste mußte es einige Male tragen , daß die Eltern es sahen . Das tat es denn auch etwa als Gotte an einem Nebenausort oder in der Nähe herum , wo es wohl bekannt war , oder in der Familie , wenn es an irgend ein Mahl mußte . Hatten sie es so gesehen , so vergaßen sie es und es konnte sich desselben wie , der entledigen auf beliebige Weise . Man kann sich daher denken , daß die Wahl Mühe kostete , besonders da die Toilette eines Bernermädchens da anfängt , wo eine vornehme Dame noch gar nicht daran denkt , beim Hemde nämlich ; das Hemd bildet eine der köstlichsten Zierden . Ich weiß nicht , wie Königinnen Hemder tragen ; selbst von der Viktoria ihrem , von der sonst allerlei in den Zeitungen stand , habe ich nie etwas gesehen oder gehört , aber ich bin überzeugt , sie würde es kaum merken , dem Stoffe nach , wenn man ihr eins von einer Berner Bauerntochter leihen würde , eins nämlich , wo Ärmel