obgleich ich wohl weiß , daß es nur genährt , nicht beschwichtigt wird durch die Aufregungen - o , laß mich versuchen , ob die Entsagung alles dessen , was ich bisher so glühend geliebt und gesucht , mir Befriedigung giebt . Die Unmöglichkeit ealmirt die wildesten Wünsche . An Klostermauern scheitert der äußere Reiz . Anfangs werd ' ich selig darüber sein ; dann wird eine Epoche der Verzweiflung kommen , wo meine unbändige Natur sich gegen den Zwang auflehnt ; endlich aber legen sich Kämpfe und Stürme , der Friede kommt , die Ruhe in Gott - « » Die Ruhe im Grabe ! « rief ich . » Mein geliebter Mario , « flehte sie , » gönne mir ein wenig , nur ein ganz wenig Ruhe diesseit des Grabes ! wenn Du wüßtest , Herz , wie müde ich bin - nicht des Lebens , nicht der Liebe - aber vom Leben und Lieben , so würdest Du mich selbst auf andern Weg führen . « » Du schlägst einen falschen ein , « sagte ich ; » denn Du willst all Deinen Pflichten treulos werden . Hast Du nicht vor Gott gelobt , in Noth und Tod bei mir auszuharren ? hast Du nicht die Kindheit Deines Sohnes zu bewachen und seine Jugend zu leiten ? hast Du nicht den Genius zu pflegen ? diese Gabe , himmlisch wie keine , - weil sie für Andere eine Stimme des Trostes , der Wahrheit , der Kraft wird . « » Ach , « unterbrach sie mich , » Du glaubst noch an meinen Genius , mein armer Mario ! und ich erreiche , was ich auch schaffen möge , nie das , was ich gewollt . Am letzten Schöpfungstage sah Gott , » daß es gut war « ; die Menschen sprechen : der Genius mache gottähnlich , denn aus dem Nichts bilde er Wunder und Welten ; so müßte ich denn doch auch sehen , » daß es gut ist « , und mich ruhen in diesem Bewußtsein . « » Faustine ! « rief ich , » vergiß nicht , daß der Dornenkranz untrennbar vom Strahlenkranz ist ; die tiefsten Schmerzen haben den höchsten Genius geboren ! wer auferstehen will , muß sich ans Kreuz schlagen lassen ! wer gen Himmel fahren will , muß die Höllenfahrt nicht scheuen . Mit welchem Recht willst Du bequem nur die Glanzseiten genießen ? « Diese und ähnliche Vorstellungen hatten den Erfolg , daß sie sich mit gewaltiger Kraft emporriß , und in einem Moment der sublimsten Inspiration den » Moses « schrieb , dies Gedicht , welches die brennende Farbenpracht und die mystische Tiefe des Orients gleichsam abkühlt und aufklärt in den Krystallfluten ihrer Andacht , Sehnsucht und Begeisterung . Ueber die Erhabenheit der Gedanken , über die Weltumfassung der Anschauungen , über den lyrischen Schwung der Darstellung - breitet die Melancholie ihrer Seele einen duftigen , bläulich dämmernden Hauch , wie er in Kirchen schwebt , halb Weihraucharom , halb gedämpftes Sonnenlicht . O sie hat mit einem glorreichen Schwanengesang von der Welt Abschied genommen ! So lange sie daran arbeitete , und bis sie das Manuscript zum Druck nach Deutschland schickte , war sie fast so lebendig , so angeregt , so frisch wie in ihrer besten Zeit . Nachdem es fort war , sank sie zusammen : der Erfolg war ihr gleichgültig . » Ich habe mich erschöpft , « sprach sie ; » Höheres kann ich nicht - Geringeres mag ich nicht leisten . Ich habe das Meine gethan ! nun ists genug für die Welt ! nun muß ich gehen , mein geliebter Mario , und wie die alten Anachoreten einzig mit Gott verkehren . Ich scheide nicht gleich einer büßenden Magdalene , ich glaube nicht , im Staub und in der Asche mit blutigen Kasteiungen das gutmachen zu müssen , was ich gefehlt habe . Ich will nur Aug und Seele unmittelbar in Anschauung Gottes versenken , statt , wie bisher , in seinen Werken und Geschöpfen ihn zu lieben und zu verherrlichen , und statt mich durch das Sichtbare an das Unsichtbare - durch das Vergängliche an das Ewige erinnern zu lassen . « Ich erinnerte sie an Bonaventura und an das Glück , worauf sie verzichte durch die Trennung von ihm . Mit einer Glut und Innigkeit , die mich vor dem Gedanken zittern machten , daß all diese Flammen unter dem Schleier lodern sollten , verlodern - oder verzehrend sich nach innen wenden ; rief sie : » Die Trennung von Dir überwiegt jede andere ! Dich nicht zu sehen , nicht mit Dir die Gedanken auszutauschen , nicht vor Dir die Seele hinzubreiten , nicht für Dich Sonnen , Sterne und Flammen funkeln zu lassen , nicht in dem Liebesglanz Deiner Augen das Herz zu baden - Mario ! Mario ! das ist ein wahnsinniger Schmerz , den ich nicht überwinden könnte , wenn ich nicht glaubte , ein Opfer bringen zu müssen . « » Aber Du opferst mich ! « rief ich . » Nicht Dich , nicht mich ! .... sondern uns , « sagte sie . Sie hielt nach ihrer anmuthigen Art meinen Kopf zwischen ihren Händen , und sah mich an mit ihrem seltsam zauberhaften Blick , dem kein Mann widerstehen konnte . Er glitt in die Seele wie ein langsamer Blitz , so intensiv zerschmelzend und versengend . Ich hatte ihr oft gesagt , sie brauche nicht für einen dereinstigen Platz im Himmel zu sorgen , sondern nur den heiligen Petrus mit diesem Blick anzuschauen , er werde ihr alsbald die Pforte öffnen . Mich überfiel die unermeßliche Größe des drohenden Verlustes , und ich sprach mit harter Bitterkeit : » Und was willst Du denn eigentlich werden ? Soeur grise etwa ? und Deine Nerven beben beim Anblick einer Verstümmelung , und die Luft eines Krankenzimmers macht Dich ohnmächtig ! - Oder Ursulinerin , die kleinen Kindern das Buchstabiren und das Einmaleins beibringt ? .... und Du wirst ungeduldig , wenn Deine raschen Worte und Gedanken nicht schnell genug Verständniß und Antwort finden ! « Sanft und demüthig antwortete sie : » Nein , Herz , die irdische Geschäftigkeit war nie mein Gebiet . Du hast ganz Recht : darin bin ich ungeschickt . Ich bedarf eines ganz abgeschiedenen und beschaulichen Lebens , heilige Bücher lesen , Psalmen dichten , die Orgel spielen , viel , viel beten ! ich finde , was ich brauche .... bei den Vive sepolte . « - Die Vive sepolte ! schon der Name macht schaudern ! - Ich besuchte den Pater Gerolamo , und that ihm einen Eid , daß er die Beichte nicht verletze , indem er mit mir von Faustinens innerstem Seelenzustande spreche . Ich sagte ihm genau Alles , wie sie sich über ihr Vorhaben gegen mich äußerte , und er versicherte , daß sie gerade so auch zu ihm rede , und sich durch die Einwürfe nicht stören lasse , welche er ihr anfangs gemacht . » Es ist eine Vocation , Signor , « sprach er gelassen und überzeugt . Faustine war in ihrem Entschluß so fest und sicher , daß ihre Ruhe zuweilen auf mich überging , und mich ihr Glück , wie sie es nun einmal begriff , hoffen ließ , ganz fern , ganz leise . Daß das meine in Trümmer ging , bekümmerte mich am wenigsten , und ich zürnte ihr nicht , weil sie nicht darauf Rücksicht nahm . Ich sagte mir , ich hätte auf wundersame Schicksale gefaßt sein müssen von dem Augenblicke an , wo ich Faustine in mein Leben verwebt ; denn unbeseligt und unverwundet bleibe Keiner in dem Verkehr mit solchem Wesen ; - Gott habe für außerordentliche Geschöpfe außerordentliche Prüfungen und Entwickelungen aufgespart , und Faustine , die sich nie in vaporöser Religionsschwärmerei verloren , möge wirklich im Gefühl der Unzulänglichkeit menschlichen Glückes , prophetisch eine bessere Zukunft für sich wahrnehmen . In Augenblicken der Exaltation wiederholte ich mir , ein Herz wie das ihre könne an keinem Menschenherzen Genüge haben , und nur von Gott , dem Herzen des Alls , verstanden , gewürdigt , erfüllt werden . O ich sann mir erhabene Tröstungen auf und - gab meine Einwilligung . Der Papst lös ' te unsere Ehe , und ertheilte Faustine die Dispensation , ohne Noviziat den Schleier bei den Vive sepolte in Rom nehmen zu dürfen . Sie schritt der Erfüllung ihres Schicksals entgegen , zuversichtlich , hoffnungsreich . Sie ging , wie Moses , einsam auf die Höhe des Nebo , um hinüber zu sehen in das ersehnte Canaan . Kein Wort , keine Sylbe von den Verzweiflungen des Abschieds und der letzten Trennung ! Es giebt Geister , die dem Magus überlegen sind und ihn tödten , wenn er sie hervorruft ! - - Ich war Zeuge ihrer Einkleidung . Bis zum letzten Moment wollt ' ich sie sehen ! kein profanes Auge sollte länger als das meine auf ihr ruhen ! - die schönen Locken fielen - der Schleier sank über die holde Gestalt , das begeisterte Antlitz , die glühende Brust - die Sonne meines Lebens versank in Wolken ! - - - Und wenn nur ihr eine neue Aurora gedämmert hätte ! aber nein , nein , und tausendmal nein ! .... Denn sie ist todt , Gräfin , Sie wissen es ja , vor fünf Monaten ist sie gestorben , kaum anderthalb Jahr nach ihrer Einkleidung . Der Beichtvater ihres Klosters schrieb mir , sie sei an kurzer Krankheit gottselig verschieden , und der Bischof des Klosters , ein Cardinal in Rom , den ich wohl kannte , schrieb dasselbe , und viel Lobpreisungen ihrer Demuth , ihrer Milde , ihrer Frömmigkeit dazu . Das sollte mich trösten , meinten sie ; mich trösten dafür , daß sie - o nicht an jener kurzen Krankheit , - sondern am langen Gram , an der bittern Enttäuschung , vielleicht an der zernagenden Reue gestorben ist . Denn die Ueberzeugung ist unerschütterlich in mir : zum dritten Stadium des Klosterlebens , das sie einst mir beschrieb , ist sie nicht gelangt ; das zweite hat sie aufgerieben . Sie hat sich die Flügel im Käfig wund geschlagen , und ist daran verblutet . Sie hat zu spät eingesehen , daß unser Leben , wie das des Moses , nichts ist , als der Hinblick nach dem verheißenen Canaan ; sie hat ihre gloriose Natur in dumpfer Trostlosigkeit zu Ende gehen lassen , und ihren Irrthum mit dem Tode gebüßt ! - Ruhe Dir , Du ruheloses Herz ! Von mir hab ' ich nichts zu sagen . Sie werden fühlen , daß seit meiner Trennung von ihr die Sonne mir kälter ist , die Nacht länger , mein Auge trüber , meine Bewegung schwerer , mein Gedanke langsamer ; daß mir die jubelnde Freude am Leben , an der Natur , an der Kunst erstorben ist , weil sie es nicht mehr durchgeistet ; daß mir zu Muth ist , als könne mein Herz seine bei ihr gelernten Pendelschwingungen nicht ausschwingen . Jetzt ruft mich der kürzlich erfolgte Tod meines herrlichen Vaters nach Deutschland . Ja , todt ist der Mann , den ich am meisten verehrt habe , todt das Weib , das ich einzig geliebt habe ! aber der Gegenstand meiner süßesten Hoffnungen lebt , blickt mit Faustinens Auge , spricht mit ihrer Stimme , liebt mit ihrer Glut , ist ihr Vermächtniß .... und mein einziges Kind . « Mario schwieg , und faltete die Hände um Bonaventuras Haupt , der längst auf seinem Schooß eingeschlafen war . Zwei Thränen rollten langsam über sein stolzes , undurchdringliches Antlitz , das jetzt , im Mondlicht , noch bleicher als gewöhnlich war . Ich liebe Männer , denen nicht der Gram , nicht der Schmerz , sondern Freude und Rührung eine Thräne erpreßt . Wir schüttelten die Hände . Dann stand Mario auf , nahm Bonaventura auf den Arm und ging ans Ufer zu einer der Gondeln , die dort immer stationiren . Leises Plätschern im Wasser verkündete , daß er fortfuhr . Ich habe ihn nicht wiedergesehen , denn in derselben Nacht verließen wir Venedig - aber gehört , daß ihm im Herbst sein Posten in Neapel angewiesen worden sei . Damals sagte ich zu meinem Gefährten : » Frauen wie Faustine sind der Racheengel unseres Geschlechtes , welche die Vorsehung zuweilen , aber selten auf die Erde schickt , und denen die Allerbesten unter Euch verfallen ; denn nur die Allerbesten unter Euch sind zu dem bereit , wozu die meisten Frauen bereit sind : ein Herz für ein Herz , ein Leben für ein Leben , eine ganze Existenz für eine ganze Existenz zu geben , und sie wähnen , diesen Tausch bei solchen Frauen zu finden , deren glutvolle Unersättlichkeit eine Bürgschaft unerschöpflichen Gefühls zu geben scheint . Ein so strahlendes Wesen , meinen sie , müsse ein verklärtes sein ; aber mit nichten ! eine solche feingeistige Vampyrnatur verbrennt und verbraucht - zuerst den Andern , dann sich selbst . Die mittelmäßigen Männer hüten sich vor ihnen ; sie , die ewig Bedürftigen , wollen immer haben ; die Bessern unter Euch wollen auch geben . Nehmt Euch vor den Faustinen in Acht ! Es ist nicht mit ihnen auf gleichem Fuß zu leben ! Es ist immer die Geschichte vom Gott und der Semele - Nein ! nicht vom Gott - vom Dämon .