als etwas Unmögliches erschien . Der Barigell führte mit seinen Häschern die Gefangenen triumphierend in das Gefängnis , denn es fiel im Hause keinem mehr ein , die Banditen zu verweigern , da sie vollauf mit ihren sterbenden Gebietern zu tun hatten . Vittoria lebte völlig einsam und zurückgezogen , aber nicht als eine Gefangene im Kastell . Ihre Zimmer waren angenehm geschmückt , zwar nur mit einer Aussicht in den innern Hof , aber doch nicht unerfreulich . Der Gouverneur besuchte sie zuweilen , und zeigte ihr die größte Hochachtung , dessen Lieutenant Vitelli , ein jüngerer Mann mischte einige Zärtlichkeit , ja Leidenschaft in den Ausdruck seiner Verehrung , weil er von der Schönheit Vittorias , die er früher noch niemals gesehn hatte , bezaubert war . Sie verstand recht gut , daß diese Gefangennehmug , wie sie es mit allem Anstand doch war , sie vom Herzog trennen solle , damit nicht geschehe , was die Familie und auch die Medicäer fürchteten , daß er sich mit ihr vermähle , und so auf neue Erben viele von den Gütern der Bracciano übergehen möchten . Da sie aus dem ihr angedrohten Prozeß mit Triumph geschritten war , so überließ sie der Zeit , ihr künftiges Schicksal zu entwickeln . Sie war jetzt damit zufrieden , daß sie die Verlobte des Mannes war , den sie verehrte und liebte . Daß ihre Mutter , wie man ihr sagte , nicht wohl sei , betrübte sie innigst , da es ihr unmöglich war , sie zu pflegen und zu trösten . Sonst wies sie alle Besuche , die zuweilen die Erlaubnis des Governadors erhielten , zurück ; denn da sie den Herzog Bracciano nicht sehen sollte , er auch keinen Versuch machte , bei ihr einzudringen ; so wollte sie kein anderes menschliches Angesicht schauen , außer ihre Wächter und die alten Freunde ihrer Kindheit , Guido und Ursula , welche sie mit sich genommen hatte . Bracciano hatte dem Papst und dem Medicäer versprechen müssen , jetzt seine Verbindung mit Vittorien aufzugeben . Unter dieser Bedingung hatte man die Anklage fallenlassen , die Gerüchte unterdrückt , keine andre Zeugen verhört , und Vittoria selbst auf anständige Weise bewacht . Bracciano sah ein , daß , wenn er nicht nachgäbe , und zum allgemeinen Ärgernis unmittelbar nach des Gatten Tode sich mit der Witwe vermählte , der verletzte Papst unerbittlich , seine Familie unversöhnlich sein und er alle Gunst des Volkes verlieren würde . Alles , was boshafte Feinde gegen die Accoromboni aufbringen konnten , erhielt dann eine große Wahrscheinlichkeit , und da nur die äußere Tatsache erschien und die innersten geistigen Ursachen , das moralische Getriebe verborgen bleiben mußten : so setzten sich beide dem allgemeinen Abscheu aus , und es entstand dann die Frage , ob der Herzog , trotz seiner Stellung , mächtig genug sei , der Kabale gegenüber Vittorien vor Schande , Einkerkerung , vielleicht gar schimpflichem Tod zu schützen , ja ob er nicht selbst , überwältigt , den Sturz teilen würde . So waren es denn doch die Umstände welchen diese beiden starken Naturen nachgeben mußten . Sie beugten nur ungern den stolzen Nacken , aber das Schicksal , das sie selbst herbeigerufen hatten , bezwang sie dennoch . In dieser ruhigen , fast anmutigen Einsamkeit war alle Bitterkeit aus dem Gemüt Vittorias verschwunden . Sie erlebte jetzt den Zustand , in welchem auch der starke Geist sich nicht ungern einer unbedingten Passivität hingibt . Dies ist kein Verzagen , Sichaufgeben , oder ohnmächtiges Verzweifeln , sondern die Seele taucht sich willig , wie in einen erquickenden Schlaf , in ein behagliches Vergessen unter , um wieder neue Kräfte für andre , vielleicht nahe Stürme zu sammeln . Nur einmal war ihr Zorn in seiner ganzen Stärke wieder aufgewacht . Der älteste Bruder , Ottavio , hatte sich , mit Erlaubnis des Gouverneurs , bei ihr melden lassen , und dringend ein Gespräch verlangt . Sie war nicht zufrieden damit , ihn kurz abzuweisen , sondern schickte ihm noch ein Billet , voll Bitterkeit durch den Diener , in welchem sie ihm von neuem seine Schlechtigkeit vorwarf . Man sagte ihr , daß er mit sehr bekümmerten Mienen sich entfernt habe . Zweites Kapitel Ganz Rom war in der heftigsten Bewegung . Der Adel , der das , was geschehn war , für Verletzung aller seiner Rechte , für Beschimpfung und gewalttätigen Mord erklärte , rottete sich in den Häusern , Straßen und auf den Plätzen zusammen ; auch die Feindseligsten versöhnten sich und schwuren Rache und Vergeltung . Die Bürger verschlossen sich in ihren Häusern , weil sie einen gewaltsamen Ausbruch fürchteten . Die Regierung war ungewiß , was sie tun sollte , der Barigell war mit seiner Mannschaft allenthalben auf Wacht . Es fehlte dem Adel nur ein Haupt , um die verschiedenen schwankenden Entschlüsse auszuführen , und zu diesem schwang sich durch Wut und ungebändigte Wildheit Luigi Orsini auf . Die alten Barone und Grafen , selbst der Geistlichen viele , billigten die Rache , von welcher alle durchglüht waren , wenn jene auch selber keinen tätigen Anteil nehmen wollten . Luigi war derjenige , welcher sich mit Recht von allen am meisten gekränkt fühlen konnte . Schon am folgenden Tage war Raimund , sein Bruder , so wie sein Schwager Savelli , an den Wunden gestorben sie wurden zugleich mit dem jungen Rusticucci mit großem Pomp und vielem Tumult und unter Geschrei und heftigen Reden beerdiget . Im Palast des Luigi hatten sich nach dem Begräbnis alle jungen Adlichen von den verschiedenen Familien versammelt . Die junge Gattin Luigis flehte umsonst . » Du hast es mir so feierlich versprochen « , sagte sie , » dich aller jener gewaltsamen Taten , aller jener Wildheit völlig zu entwöhnen , die deinen Namen so berüchtigt gemacht haben : ich habe deinem heiligen Wort vertraut und mein Schicksal an das deinige geknüpft ; und nun sollen jene schadenfrohen Prophezeiungen meiner Feindinnen dennoch in Erfüllung gehn , daß du deinen grausamen Sinn niemals ändern könntest ? Ich beschwöre dich , bleibe dieser abscheulichen Unternehmung fern , verweile bei mir , rate deinen jungen ungestümen Freunden ab , denn deine Stimme gilt alles bei ihnen . Wohin soll dieser Aufruhr führen ? Und wenn du fällst ? Wenn jene siegen und die Regierung dich bannt , oder gefangensetzt , oder gar - « » Wie ! « schrie er im wildesten Zorn , » dulden sollten wir es , wir Fürsten und Barone , daß diese gemeinen , elenden , feigen Söldlinge uns so ungestraft mordeten ? Uns wie das Vieh hinschlachteten ? Und wenn ich in Stücke gerissen werde , wenn Papst und Kardinäle und Rom untergehn , so müssen wir uns rächen . Dahin sollte es kommen , daß wir die Sklaven von Häschern würden ? Und wir die Hände in den Schoß legen ? O du bist keine Savelli , du bist das hochherzige Weib nicht , für das ich dich erkannt habe , wenn du mir im Ernst eine solche Niederträchtigkeit anraten kannst ? Und wo ist die Gefahr ? Du wirst sehn , wie leicht , wie schnell dies Gesindel von uns zertrümmert wird . « Er verließ sie und sein Gemüt jauchzte . Er mochte wohl nur eine Gelegenheit , einen Vorwand erwartet haben , um seine Wut , die immerdar in ihm brannte , entzügeln zu können . Nun ward die versammelte Menge nach verschiedenen Palästen und Straßen gesendet und plötzlich stürzten die Jünglinge von verschiedenen Punkten , mit Schwert , Dolch und Schießgewehr bewaffnet , auf Plätze und Gassen hinaus . Orsini lief zuerst auf die Wacht zu , die der Barigell um sich versammelt hatte . Toben , Schreien , das Knallen der Gewehre , die Wehklage der Fallenden , alles erregte den zitternden Bürgern , die aus ihren sichern Häusern der Metzelei zusahen , Schauder und Entsetzen . Mancher der Edlen fiel , aber diese Hauptwacht war vernichtet ; der Barigell , als er seine Leute fallen sah , entfloh mit wenigen Lebenden , die sich nach verschiedenen Richtungen zerstreuten . Aus andern Straßen strömten dem blutberonnenen Luigi fliehende Häscher und ihre Verfolger entgegen . Alle diese Sbirren wurden überwältigt und grausam , schnell , unter Hohngelächter massakriert . » Welche Freude « , rief Luigi im Taumel zu seinen Begleitern , » welche Lust muß das vor zehn Jahren in Paris gewesen sein , als man auf diese Weise die Bartholomäusnacht feierte , als jedermann auf diese verdammten Hugenotten loshieb und stach , und von dem verruchten ketzerischen Blut heiß übergossen wurde ! « Wo sich nur ein Häscher zeigte , wurde er diesseit und jenseit der Tiber niedergemacht : es war keine Straße , die nicht vom Blute des Mordes befleckt wurde . Mancher Wandernde , der nicht in seinem Hause geblieben war , ward niedergestoßen , weil sich die Wütenden auf Frage und Antwort nicht einließen , und ihn für einen verkleideten Feind annahmen . Wo sich die Parteien der Rasenden begegneten , drückten sie einander die Hände , umarmten sich und frohlockten über ihr gelungenes Werk . - Allenthalben lagen Leichen , oder Sterbende , die sich in ihren Schmerzen krümmten und die klaffenden Wunden zu decken suchten . Aber nirgend war Mitleid . Bracciano sah aus seinem hohen Gemach vieles von diesem Unheil und hatte es den Seinigen streng verboten , aus dem Hause zu gehn , und an diesem Mordfeste teilzunehmen . Als Luigi schon die ganze Stadt durchraset hatte und von allen seinen Begleitern getrennt war , sah er noch einen Häscher in ein kleines Haus hineinspringen , um sich dort zu verbergen . Die Wohnung war ihm nicht unbekannt und er sprang dem Fliehenden nach . Dieser rann durch das Vorgemach und stürzte sich in eins der innern Zimmer : Luigi ihm nach mit dem geschwungenen Dolch . Unter ein Ruhebett wollte der Zitternde sich verkriechen , doch hatte ihn der Wütende schon ereilt , und stieß ihm den Dolch in die Brust . Ein Blutstrom , ein kurzes Röcheln , und er war verschieden . Nun erhob er den Blick und sah vor sich auf dem Ruhebette ein Wesen sitzen , das ihn entsetzte , sowenig er Furcht und Grauen kannte . Es war ein Weib , das ihm wie ein Gespenst erschien . Ein schwarzer Blick aus dem tief eingefallenen Auge fuhr stechend in das seine , die Wangen aschgrau und eingesunken , das greise lange Haar ungekämmt und ohne Ordnung über die Brust hängend , Nacken und Arme vermagert . » Um des Himmels willen « , schrie Luigi , und schlug die Hände zusammen ; » erst jetzt erkenne ich Euch , Ihr seid Donna Julia ! « » Und warum nicht ? « antwortete sie mit heiserer Stimme : » irgend was muß der Mensch sein , und ich habe diese mühselige Rolle übernommen . « » Ihr Ärmste ! « rief Luigi innigst bewegt , » - also so weit ist es mit Euch gekommen ? Wo ist nun Euer Glück ? Wo die Bewunderer , die hier in diesem Zimmer Eure und Eurer Tochter Gedichte lobpriesen ? Nicht wahr , die Vermählung mit diesem Peretti ist herrlich ausgegangen ? Eure Klugheit hat Wunder ausgerichtet ! Ist das die stolze , herrische Donna , die es damals wagte , mir so herbe Worte zu sagen ? Die poetischen Werke Eures Übermutes haben wenig gefruchtet . « » Eines Eurer schönen Werke « , antwortete sie , » habt Ihr mir hier überreicht « - sie wies auf den Leichnam - » und Euer Ende ist auch noch nicht gekommen - aber es wird - glaubt mir - die Stunde wird kommen , wo Euer Weib sich die Haare ausrauft , daß sie die Eurige ist : im dumpfen , engen , finstern Kerker werdet Ihr schmachvoll verscheiden , und Stadt und Land werden ein Jubelgeschrei anstimmen , daß der Bösewicht endlich sich seinen verdienten Lohn selbst herbeigeholt hat . « - Mit Schauder verließ Luigi die Prophetin , indem er noch einmal das Zimmer musterte , in welchem er früher mit der hohen Jungfrau als Freund und Feind gewesen war , wo er noch zuletzt , als er zuerst Peretti erblickte , jene Zornworte ausstieß , die doch , sosehr die Familie Accoromboni gesunken war , sich nicht erfüllt hatten . - Die Regierung Roms war in der größten Verlegenheit . Der alte Papst , von Natur ein weicher Mann , und ebenso schwach , hatte alle Fassung verloren . Ihn gereuten die Befehle , die er gegeben hatte , denn er hatte diesen Aufstand nicht erwartet , der noch gefährlicher werden konnte . Dazu ängstigten ihn Schadenfrohe , wie der Kardinal Farnese , der seine Befürchtung aussprach , ganz Rom könne in eine allgemeine Empörung ausbrechen , und den Papst wie die Regierung zur Flucht zwingen , wenn sie sich nicht in Tod und Verderben begeben wollten , denn alle Bürger , auch die Landleute drohten , die Partei des Adels zu ergreifen . Montalto , Ferdinand der Medicäer und Karl Borromäus waren im einsamen Zimmer versammelt , um diese Begebenheit zu besprechen . » Es ist keine Hülfe « , sagte Montalto , » der Heilige Vater ist allzu schwach , er hat keine Kraft , den übermütigen Adel zu bändigen . Er beweint den Befehl , den er kürzlich dem Oberhaupt der Sbirren gegeben hat . « » Ja wohl « , sagte Fernando , » und er schmäht unsre Regierung , den Governador , den er doch so innig liebt und sich und uns alle , denn soeben hat er das Todesurteil für die wenigen Sbirren unterschrieben , die sich in seinen Palast geflüchtet haben , und er läßt sie als Empörer und Rebellen hinrichten , die sich gegen ihn und die Stadt eigenmächtig aufgelehnt haben . Wie muß nun der Übermut jener zügellosen Adelsjugend , dieses rohen Volkes wachsen , wenn ihnen der Souverain , vor dem sie zittern müßten , öffentlich so schimpfliche Abbitte tut , indem er diejenigen seiner Diener schmählich aufopfert , die nichts getan haben , als seinen Befehlen Folge leisten . « » Es ist nichts mehr darüber zu sprechen « , fügte Borromäus hinzu : » der Barigell , ein braver mutiger Mann , hat sich nach der Grenze gerettet . Man hat schon hingesendet , um ihn ausliefern zu lassen , und ein peinlicher Prozeß soll ihn wegen Veruntreuung von Geldern , wegen einer geheimen Verbindung mit einem andern Obristen , einem gewissen Antonio in Subiaco , und Verrat und Einverständnis mit Banditen gemacht werden . Ihm wird auch der Kopf abgeschlagen , wegen veralteter undeutlicher Klagepunkte , weil man es nicht wagt , den Verständigen wegen des letzten Unglücks zur Rede zu stellen . So wird diesem jungen Volk geschmeichelt und allen Patrioten sowie dem Auslande unsre Schwäche aufgedeckt . Und werden denn diese grausamen Sühnopfer jene Unbändigen zufriedenstellen ? Ich glaube es nicht . Man weist ihnen ja selber die Bahn an , auf welcher sie immer mehr und mehr fordern können . Ich fürchte noch Schlimmeres . « - Vittoria saß indessen ruhig in ihrem behaglichen Gefängnis . Sie hatte , von dicken Mauern beschützt , selbst nichts vom Tumult in den Straßen , keinen Laut des wilden Geschreis , nichts von dem Gewehrfeuer vernommen . Während dieses Aufruhrs , indessen der Gouverneur , und Vitelli , dessen Stellvertreter , im stillen Anstalten trafen , das Kastell zu verteidigen , falls die Wütigen in ihrer Frechheit einen Angriff wagen sollten , schrieb und dichtete sie in ihrem stillen Zimmer . - - Ist mir nicht sein Andenken , dachte sie , ein Paradies und Himmelreich ? Er sinnt hierher , und ich sehe und höre ihn immer dar , denn seine Gedanken klingen in meinem Herzen wider . Und bin ich nicht glücklich ? Meine Feinde verstummt , ihre Angriffe zurückgeschlagen , meine Kerkermeister fein , artig , gefällig : jeder erlaubte Wunsch wird mir erfüllt , sowie ich ihn ausgesprochen habe . - Wie glücklich , ärmster Tasso , bin ich , wenn ich mein Schicksal an dem deinigen messe ! Zweimal hat dich dein böser Dämon zurückgejagt , nach dem verhaßten Ferrara . Alle Warnungsstimmen hörtest du nicht , das leise Flüstern deines Genius ward überschrieen von deiner Leidenschaft . Nun schmachtest du , Edelster , in dumpfer , finstrer , enger Zelle , preisgegeben den hämischen Launen deiner Wächter . Wenn du sinnst und dichtest , bist du vom Geheul der Wahnsinnigen betäubt , die in deiner Nähe hausen . Du , ein Tor , ein Wahnwitziger ! Im Narrenhause festgehalten ! Und die frech Blödsinnigen , die Aberwitzigen draußen in Freiheit , dich belachend , über dich spottend , wenn sie dem Kerker vorübergehn , höhnisch und mitleidig die Achseln zuckend . - Und jener schwatzende Malespina gibt verstümmelt sein Werk heraus , um dem Armen den letzten Trost zu rauben , eigenmächtig , ungefragt , und sendet es mir , das schöne und in diesem Zustand so traurige Werk , dem Götterbildnis ähnlich , dem Haupt und Arme fehlen - und der Schwätzer schreibt mir , daß es doch besser so getan sei , als wenn das Gedicht ganz verlorengehe ; sein Herzog habe ihn zu der Herausgabe gedrängt . Bianca habe es auch so herzlich gewünscht . Mit Heeresmacht sollten die Guten ausrücken , um all die Tyrannei , die Aberweisheit , die schlecht verhehlte Schadenfreude , um alles dies Gewürm zu zertreten und zu zerstören . Jetzt trat Vitelli , der Lieutenant , herein . Er erzählte Vittorien , nachdem die Ruhe scheinbar wiederhergestellt war , vom Tumult und Morde . » Jetzt hat der Heilige Vater « , beschloß er , » alle Faktionen durch die Opfer besänftigt , die er den Empörern gebracht hat . « » O Luigi ! « rief Vittoria aus , » dieser böse Geist , dieser Entsetzliche ist mir bekannt , und der Himmel wird es mir gewähren , daß ich sein Antlitz niemals wieder erblicke . In ihm ist Wut und Roheit verkörpert , und sein Wesen ist um so furchtbarer , weil er auch mit höflichem Gleißen den feinen Mann , den Galanten spielen kann . Wenn er am freundlichsten lacht , sinnt er auf das Abscheulichste . « » Ihr eifert zu sehr , schöne Frau « , antwortete Vitelli , » dieser Luigi wird wohl , wie es bei den meisten Menschen der Fall ist , zu seinen Taten mehr durch die äußern Umstände , als durch seine innere Bosheit getrieben . Was die schlechten Menschen tun , darf man nicht immer ihrem Charakter zuschreiben . Wir sind einmal so in unsrer Schwachheit , daß wir vieles nicht unterlassen oder vermeiden können , wenn wir auch wollen . So , was jetzt der Heilige Vater und der verehrte Gouverneur haben tun müssen ; sie beweinen den Schlag , zu welchem sie notgedrungen die Hand erheben . - Lebt wohl , der Papst hat mich rufen lassen . « » Mann ! « rief Vittoria geängstigt - » nach allem , was Ihr mir eben erzählt habt , nach diesen kürzlich verübten Greueln , werdet Ihr Euch doch nicht in den Straßen von Rom sehen lassen wollen ? Laßt Euch warnen , Freund . Nein , Ihr geht heute nicht aus , der Papst wird Eure Entschuldigung annehmen , und der Gouverneur sollte es Euch verbieten , heute einen Fuß aus dem Kastell zu setzen . « Vitelli lächelte und sagte : » Weiberfurcht ! « » So seid ihr Männer « , antwortete sie , » alle seid ihr so ; - als wenn wir Frauen nur Wesen der Furcht und Bildnisse der Angst wären ! Es gibt ein Zagen , das ebenso weise , als männlich ist : Tollkühnheit und Leichtsinn muß man nicht mit dem Namen Mut stempeln wollen . Bleibt heute in Euern Zimmern , wenn ich nicht Todesangst um Euch erdulden soll : denn ich sehe einen schwarzen , tückischen Geist hinter Euch stehn , welcher grinset und hohnlacht . « - » Glücklich « , antwortete der junge Mann , » daß Ihr so warmen Anteil an meinem Schicksale nehmt . « » O keine Phrasen ! « rief sie aus ; » zu dergleichen ist die Zeit allzu ernst . Wenn ich mir Euer sanftes Antlitz , Euer edles weiches Wesen diesem Luigi und seinen wilden Genossen gegenüber denke ! Bleibt , mein Freund , wir wollen lesen und musizieren , Ihr habt dies Befreite Jerusalem , wie wir es nun einmal besitzen , noch nicht zu Ende gelesen . Seid nicht halsstarrig aus einer mißverstandenen Männlichkeit . « Vitelli lächelte wieder , küßte ihr zärtlich die Hand und hüpfte zur Tür . » Auf Wiedersehn ! « rief er zurück . » Sie können nicht ernsthaft sein , diese Männer « , sagte Vittoria zu sich : » uns gegenüber soll immer Liebe und Zärtlichkeit gespielt werden , auch in Momenten , wo es völlig unziemlich ist . Auch das gehört zu den Drangsalen von uns armen Weibern , daß wir keinen echten , unbestochenen Freund unter den Männern finden können . Diese scheinbare Vergötterung , in demselben Augenblick , wo sie uns geringe achten . So dieser sanfte , liebenswürdige Vitelli . Für den Posten , der ihm von Vater und Großvater anvertraut ist , müßte er etwas mehr von einem Helden haben . Es gäbe keinen männlichen , echten Freund , so sagte ich eben ? - o du guter , getreuer Caporale , wie muß ich bei dir abbitten ! « - Vitelli fuhr zum Papst , um dessen Befehle zu empfangen . Man wollte , da die Stadt wieder ruhig war , gegen die Banditen auf dem Lande , die ganze Städte eingeäschert hatten , mit Strenge verfahren . Nur war es bedenklich , daß nach diesem Tumulte kein Barigell und Häscher in den Provinzen sich wollte gebrauchen lassen : in der Stadt waren sie für diesen Augenblick alle vertilgt , und es war zu fürchten , daß sich neue zu diesem gefahrvollen Dienst schwerlich würden anwerben lassen . Man ratschlagte , ob nicht Banditen , denen man unbedingte Amnestie gewährte , am besten zu gebrauchen wären , um die Ruhe einigermaßen wiederherzustellen . Doch erschien dieser Versuch auch wieder allzu mißlich , weil sich dadurch die Regierung völlig in ihre Hände lieferte . Im äußersten Falle mußte man sich auf die bewaffneten Haufen , auf die Soldaten und selbst die wenigen Schweizer , sowie auf die Freiwilligen verlassen , die bei dringender Gefahr aufgerufen wurden . Der Papst sagte endlich dem geliebten Vitelli Lebewohl . Er trat an das Fenster , um ihm nachzusehn . Vitelli bestieg seinen kleinen offenen Wagen , und grüßte noch einmal ehrerbietig zum Palast hinauf . Indem trat über den Platz Luigi Orsini mit seinem abscheulichen Begleiter , dem Grafen Pignatello , auf das Fuhrwerk zu . Dieser Pignatello trug wieder ein solches schwarzes Wams und den Federhut , wie ihn früher Pepoli im Gebirge gesehen hatte . Seit einiger Zeit war er Orsinis Herzensfreund geworden , und ließ sich von diesem zu den verruchtesten Diensten gebrauchen . Vitelli wurde blaß , als er des Luigi ansichtig wurde , doch befahl er seinem Stallmeister , diesen beiden sorglos aber schnell vorüberzufahren . In demselben Augenblick aber schrie Orsini : » Halt ! « und griff in den Zügel , so daß das Pferd stillstand . Zugleich erschallte ein Schuß , und Vitelli stürzte , von dem Pistol des Pignatello getroffen , zurück , daß das Haupt über den kleinen Wagen hing . » Dein Vater « , schrie Orsini , » ist der Schurke , der den verruchten Rat gegeben hat , den Adel von niederträchtigen Häschern ermorden zu lassen : nimm dies zum Lohn . « - Sie entfernten sich , langsamen Schrittes , noch trotzig zum Palast hinaufdräuend . - Der Stallmeister führte bestürzt den Leichnam seines Herrn in den Palast des Papstes zurück . Der Papst , als er die verruchte Tat sah , war einem seiner Cameriere , der hinter ihm stand , in die Arme gestürzt . - Dieser Anblick hatte ihn zu plötzlich überrascht , und ihn mit Entsetzen erfüllt . So weit war es gediehen ? So wenig hatte seine zu nachgiebige Milde auf diese verhärteten Herzen gewirkt ? Es war natürlich , daß diese Untat ganz Rom von neuem aufregte . Dieser Mord erschreckte selbst die Freunde Orsinis , viele seiner Partei fielen von ihm ab , und schalten mit lauter Stimme und öffentlich diesen Frevel . Als Luigi dies gewahr ward , wie die Mehrzahl der Empörer sich von ihm wendete , konnte er selber sein Schicksal sich voraussagen . Dies entmutigte ihn aber nicht , sondern er lachte laut und rief den Braven , die ihm treu geblieben waren , zu : » Nun beginne ich also ein Leben , das ich mir eigentlich seit lange gewünscht habe . Wie Piccolomini , wie Sciarra führe ich nun offenen Krieg mit meinem Vaterlande . Man wird mir meine Häuser und Güter nehmen , man wird den Bann über mich sprechen und mein Todesurteil , wenn ich mich wieder im römischen Gebiet betreffen lasse . Immerhin ! meine Gattin sende ich nach Venedig und folge ihr künftig vielleicht nach . Bis dahin sind wir freie Männer in Wald und Gebirge , quartieren uns ein , ohne anzufragen : die Reben des Weinbergs , das Wild der Jäger , die Weiber in den Kastellen , alles ist unser , und Schwert , Dolch und Feuer unsre Brüder ! « - So verließ er mit so viel Geld und Juwelen , als er eilig zusammenraffen konnte , die Stadt . - Als der Papst sich wieder erholt , und die Regenten des Staates berufen hatte , ward beschlossen , daß Luigi Orsini als Meuter , Rebell und Meuchelmörder auf ewige Zeit aus dem Gebiet des Römischen Staates und aller Provinzen verbannt sein sollte ; ein Preis ward außerdem auf seinen Kopf gesetzt , und ein großer Lohn dem verheißen , der ihn tot oder lebendig herbeischaffen würde . - Man rechnete hierbei auf die Banditen und seine Raubgesellen selbst . Als Vittoria die Mordtat erfuhr , war sie kaum verwundert und nicht erschrocken , weil ihr voraussehender Geist ihr dieses Ende gesagt hatte . Sie weinte mit dem Gouverneur , der plötzlich ein trostloses Geschick auf sich hereinbrechen sah . Drittes Kapitel Mit allen seinen Gesellen , Vornehmen und Geringen , begab sich der Graf Luigi Orsini in die freie Landschaft , um dem Staate , dem er sich empört hatte , so vielen Schaden zuzufügen , als in seiner Gewalt stand . Man vernahm bald die Klagen über Beschädigungen , die er an den Städten und Landbewohnern ausübte . Auch rüstete er ein Schiff aus , um die See zu beunruhigen und die Fahrzeuge , welche nach Rom segelten , aufzufangen . Auch warb er neue Banden , und verstärkte sich durch Galeerensklaven , die teils ihre Strafzeit überstanden , teils sich empört und mit Gewalt befreit hatten . Der nächste nach Luigi im Kommondo der Banden war der Graf Pignatello , der grausame Mörder des Vitelli , sowie der Graf Ubaldi aus Arezzo , ebenfalls ein verwegner Mensch , der auf unwürdige Art sein Vermögen verschwendet hatte und jetzt in Verzweiflung und leichtsinniger Frechheit keine Rücksicht der Menschlichkeit mehr anerkannte . Ein besserer Mensch war durch Verarmung und traurige Schicksale in die Gesellschaft dieser Verworfenen geraten , der Graf Francesco Montomellino . Er war von mittleren Jahren , wohlgebaut , stark und sein Wesen hatte den Ausdruck eines edlen Mannes . Auch ihn hatte Unglück und Verzweiflung , aber nicht Bosheit diesen Banden und einem Luigi zugeführt . Es war eine von den Erscheinungen in der menschlichen Natur , welche öfter wiederkehrt , daß Orsini sich mit Vertrauen , ja Liebe , an diesen besseren Mann anschloß , der ihm so unähnlich war , den er mehr achten mußte , als sich selber : Graf Montomellino war ihm bald so unentbehrlich , daß er keine Stunde ohne ihn leben konnte und er in dessen Gesellschaft sogar seine Gattin und alle früheren Freunde , die ihm nicht gefolgt waren , vergaß . Unter den Galeerensklaven hatte sich auch jener junge Camillo Mattei , der Neffe des alten Priesters Vinzenz in Tivoli , eingefunden . Er wagte es nicht , nachdem er seine Strafzeit überstanden , nach Rom zu seinen Eltern zurückzukehren , da ihn Schande und Schmach bedeckte , und er nicht hoffen konnte , auf irgendeine Weise in seine frühere Stellung zurückzukehren . Ein glühender Haß gegen die Familie Accoromboni war in ihm entbrannt , so wie gegen alle Vornehmen , und da er wußte , wie sehr die stolze Vittoria den Luigi Orsini verabscheute , so hatte er sich diesem und seinen Freibeutern am liebsten angeschlossen . Von Marcello hatte man nur wenig erfahren können . Das Gerücht sagte , daß er sich beim Heere des Piccolomini befinde welches bald in den florentinischen , bald in den neapolitanischen Staaten umstreifte und oft wieder die Grenzen des römischen Gebietes beunruhigte . Als Flaminio sich in Rom wieder nach seiner Mutter umsah , um ihr Hülfe zu bringen , war sie ohne Spur verschwunden , und jede Forschung und Nachfrage vergeblich . In der Verwirrung ihres Geistes hatte sich die unglückselige Matrone scheu und tief bekümmert von allen Menschen zurückgezogen . Sie zürnte sich und aller Welt , den Menschen wie dem Himmel , weil sie sich nicht still ergeben und fügen konnte , sondern ihr Gefühl ihr zurief , daß in ihrem Unglück ihr vom Schicksal das herbste Unrecht zugefügt sei . So ließ sie auch oft ihren liebevollen Sohn Flaminio abweisen , und wollte ihn nicht sprechen , weil sie über