ihre Formen ihr zu küssen gibt , das heißt , ihre Sprache , die ihr in die Seele spricht , wovon die Seele sich nährt , so ist es gewiß mit allen lebenden Kreaturen , die so weit sind , daß der Geist schon gelöst ist und selbst denken kann . - Alle Menschen erleiden dieselbe Berührung von der Natur , sie wissen ' s nur nicht , ich bin grade wie sie , nur der Unterschied ist , daß ich bewußt bin ; denn ich hab das Herz gehabt , dringend und mit leidenschaftlicher Liebe zu fragen , andre Menschen lesen ' s wohl als poetische Fabel , daß die Natur um Erlösung bitte , andre Menschen empfinden wohl eine Unheimlichkeit , wenn sie so in der lautlosen stillen Natur dastehen , es bedrängt ihr Herz , sie wissen weder den Geist zu wecken in sich , noch zu bezwingen , da gehen sie ihr fühllos aus dem Weg , ihr Inneres sagt ihnen wohl , hier geht was vor , du solltest dich dem hingeben , dann überkommt sie eine Angst , und sie ziehen sich wieder ins Gewohnheitsleben , wo eine Mahlzeit die andere verabschiedet , bis der Schlaf obendrauf sich einstellt , und dann ist der Tag und die Nacht herum ; und dafür hätte man gelebt ? - Nein , das ist nimmermehr wahr ! - der Gedanke hat mich schon lang verfolgt : » Warum lebst du doch ? « - besonders eben , wenn ich so manchmal bei Sonnenuntergang spazierenging - im Wald auf der Homburger Chaussee , da stand ich als still und fragte mich das , da hörte ich diese traurige Stille der Natur , da lag eine Scheidewand zwischen mir und ihr , da fühlt ich deutlich , daß ich nicht bis zu ihr drang ; da dacht ich , wenn ' s nicht eine lebendige nähere Beziehung gäb zu ihr , so würdest du das nicht so deutlich empfinden , du fühlst ja ordentlich in deiner Seele , wie sie traurig ist , also geht sie doch lebendig an dich heran , und du fühlst , daß sie einen Geist hat , der ihr allein angehört , und der sich mitteilen will , da faßt ich mir einmal ein Herz und wollte sprechen , da wußt ich nicht , sollt ich laut mit ihr sprechen wie mit den Menschen ; denn ans Küssen ihrer Form und so mit ihr sprechen , das war mir nicht deutlich , obschon gewiß ich es unbewußt im Kloster getan ; denn vom Kloster da kann ich Dir gar wunderliche Dinge sagen . - Ich dachte an einem Sonntagmorgen , als wir den Weg von Bürgel aus der Kirche zurückkamen , heut wollt ich am Nachmittag mir einen recht einsamen Platz suchen und wollt da mit ihr sprechen ganz laut , wie man mit den Menschen spricht , und es war mir ganz schauerlich , als ich aus einem großen Garten , wo wir zusammen mit andern waren , herausschlich und längs der Chaussee am Wald ging , dann den Bach verfolgte , der mir entgegengerauscht kam , und so kam ich an eine Stelle , wo Felssteine liegen , und der Bach teilt sich und muß Umwege machen und schäumt und braust , da blieb ich eine Weil stehen , das Brausen war mir grad so ein Seufzen , das lautete mir , als wär ' s von einem Kind , da redete ich auch zu ihr wie zu einem Kind . » Du ! - Liebchen - was fehlt Dir ? « - und als ich ' s ausgesagt hatte , da befiel mich ein Schauer , und ich war beschämt , wie wenn ich einen angeredet hätte , der weit über mir stehe , und da legt ich mich plötzlich nieder und versteckte mein Gesicht ins Gras , und im Anfang war ich ganz betäubt , daß ich gar nicht wußte , warum ich dahergekommen war , aber nach und nach besann ich mich , und nun , wo ich an der Erde lag mit verborgnem Gesicht , da war ich einmal zärtlich . Ach ! Ich sag Dir - tausend süße Dinge drängten sich aus meinem Seelenmund , ein Begehren , sie zu lieben , ich weiß nicht , wie ' s nachher gewesen ist , ich konnt ungern vom Platz aufstehen , aber da ward mir so heiß auf dem Kopf , und wie ich ihn aufhob , schien die Sonne so kräftig , und nichts war mehr düster und traurig , alles lebendig , ich war in der Seele , als hab ich ein neu Leben empfangen , und die Wellen im Bach , die über die Steine sich teilten , schienen mir voller zu rieseln und lauter , und ich mußte alles so tief ansehen , und da lernt ich gleich ihre Formen fassen , ich sah sie viel kräftiger an , und ich hatte unter zwei Tannen gelegen , die ihre Äste noch bis am Erdboden hängen hatten , und guckte die feinen Nadeln an , wie sie so gleichmäßig gereiht waren , und wie sie die klebrigen Knospen so schützend in ihrer Mitte tragen . Da dacht ich , ist doch kein Gedanke so kräftig und so wahr wie dieser Baum , und ich hab noch nichts gehört von Menschen sagen , wo der Gedanke gleich schon seine Knospe der Zukunft in sich bewahrte ; und drum ist auch alles platt und kein Leben drin ; denn alles was lebendig ist , das muß die ganze Zukunft in sich tragen , sonst ist es nichts , und alles Tun der Menschen muß so sein , sonst ist ' s Sünde , und da dacht ich , wie ist es möglich , daß jede Handlung gleich den Keim der Zukunft in sich fasse ? Aber da wußt ich ' s gleich , nämlich jede Handlung muß den höchsten Zweck haben , und ein hoher Zweck ist ja doch die Knospe der Zukunft . O , ich wollt gleich die Welt regieren , und die Leute sollten sich verwundern , das hab ich in jenem ersten Moment gelernt von der Natur , wie ich das machen soll , und glaub nur , ich würde nie fehlgehen , im Anfang würde es viel Staub setzen , wenn ich gegen das alte Gemäuer anrennen ließ , wenn aber erst die Staubwolken sich gelegt hätten , dann um so schönerer hellerer Himmel . - Aber als ich am Boden lag , da mischten sich auch meine Tränen mit dem Erdreich , aber der Nacken tut mir so weh , ich kann nicht mehr schreiben , und ich wollt Dir doch noch so viel sagen ! - Es ist schon Morgen , die Sonn kommt schon , gute Nacht ! Montag Ich hab heut im Schlaf gedacht , ich bin doch recht glücklich , alles was ich Dir gestern aufgeschrieben hab , das war in meinem Buch mit folgenden ledernen Gedanken bezeichnet : Alle Form ist Buchstabe , wisse die Formen zusammenzusetzen , so hast du das Wort ( Kuß ) , und durch dieses den Sinn ( Gedanken ) Liebesnahrung des Geistes . - Nein , daraus würde wohl keiner klug werden ! - und auch keiner sich drum kümmern , so ein Gedanke , den man aufbewahrt , ist wie eine gedürrte Pflaume , ganz verhutzelt und verkohlt . Nein , es ist eine Unmöglichkeit , ein Buch zu machen aus dem , was mir durch den Kopf geht , es ist ungehobeltes Zeug , was sich sperrt , wenn ' s in Gedanken soll gefaßt werden . - Und kein Mensch kann ' s brauchen , selbst der Clemens würde fürchten , daß ich übergeschnappt sei , von Dir erwart ich , daß Du mich ungestört anhörst , es ist doch einmal nicht zu ändern , Ihr gebt Euch Mühe , meine Gedanken zu konzentrieren ( auf etwas fest richten soll das , glaub ich , heißen ) , das ist aber grad , was nie geschehen wird ; denn ich selbst kann ' s nicht erzwingen von mir , ich sag mir oft , nur jeden Tag eine halbe Stunde Geduld , so wirst du gewiß Herr über alles , was du lernen magst . - Aber wenn ich das denk , so schaudert ' s mich , als ob ich gesündigt hätt mit dem Gedanken . Gestern nahm mich die Großmama ins Gebet über meine vermöglichen Fähigkeiten , sie sagt , wer den Most nicht fassen kann in Gefäße , der kann ihn nicht bewahren , da hielt sie mich mit beiden Händen und sah mich so groß an , da versprach ich ihr alles , da sagte sie : » Lern doch Latein , « und ich versprach ' s ihr , aber gleich befiel mich eine frevelige Angst , und mir klopfte das Herz vor Ungeduld , daß sie mich loslassen solle , aber aus Ehrfurcht bleib ich vor ihr stehen , und wie sie sah , daß meine Wangen so brennten , da sagt sie : » Geh hinaus , lieb ' s Mädele , in die Luft , und morgen wollen wir weiter sprechen . « - Gleich klettert ich aufs Dach von der Waschküch und erwischte so einen Akazienzweig und kletterte hinüber auf den Akazienbaum und hab ihn umhalst und wieder abgebeten , daß ich gesagt hab , ich wollt Latein lernen . Bettine An die Bettine Ich habe Deine Briefe erhalten , die Du seit meiner Abreise mir schreibst . Ich muß mich kalt machen , daß Dein Flammen mich nicht angreifen , doch such ich Dir nachzuempfinden , und meine Mühe ist nicht ganz umsonst - doch staun ich , wie gewaltig Dich alles ergreift , und daß dies alles nicht Deine Gesundheit aufreibt ; denn wie mir einleuchtet , so kannst Du unmöglich viel schlafen ? - Und dabei dies unruhige Leben , wo jeder Augenblick Dich aufs neue reizt - ich glaub selber , daß Du einen Dämon hast , der Dich wieder stärkt , wie könntest Du sonst alles fassen ? - Und Dein Herz , ist es nicht voll zum Überlaufen , der Gärtner , der Moritz , der Franzose , der Clemens und ich doch auch - und Deine frühen Wanderungen im Boskett , Du schläfst nicht aus , es wird nicht lange so fortdauern können - ich selbst fühl mich hier anders wie sonst . - Die Zukunft leuchtet mir nicht helle , und ich hab so große Lust nicht mehr am Lebendigen , an der Märchenwelt , die unsre Einbildung uns damals so üppig aufgehen ließ , daß sie die Wirklichkeit verschlang , doch wird sich ' s ändern , gewiß , wenn wir wieder zusammen sind , diesen Winter denk ich ernstlich mich zu überwinden , ich hab mir einen Plan gemacht zu einer Tragödie , die hohen spartanischen Frauen studiere ich jetzt . Wenn ich nicht heldenmütig sein kann und immer krank bin an Zagen und Zaudern , so will ich zum wenigsten meine Seele ganz mit jenem Heroismus erfüllen und meinen Geist mit jener Lebenskraft nähren , die jetzt mir so schmerzhaft oft mangelt und woher sich alles Melancholische doch wohl in mir erzeugt . - Doch fürchte nichts für mich , es sind nur Minuten , wo mich ' s überfällt wie starker Frost , doch Deinen frühlingsheißen Briefen widersteht er nicht . - Heut und gestern war ein Grünen und Blühen in mir - und ich lese sie gern wieder , dann bin ich immer wieder glücklicher gestimmt , ich danke Dir dafür . - Auch von Clemens sagst Du mir , was mich freute . - Lebe wohl ! - Dein Naturbrief besonders hat mir Freude gemacht , er ist wie das Zwitschern junger Vögel , die sich noch im Nest der Ätzung freuen - die die Mutter in Fülle ihnen gibt , sind sie erst flügge , dann werden vielleicht auch da Geistesgesetze herausfliegen , von der Natur gegründet für den Geist , der sie als göttlich zu fassen vermag , aber sie werden wohl nimmer im Buchstaben können gefaßt werden , zum wenigsten nicht in unserm Jahrhundert . - Ist denn das alles von Gedanken , was Du in Dein Buch aufgeschrieben , o verliere nichts . Hier sende ich Dir ein paar Lieder , lese sie , wie man Gedichte liest , ohne zu großen Affekt . Denk , daß der Reim auch die Stimmung leitet , und glaub nicht gleich , ich sei zu traurig . - Gedichte sind Balsam auf Unerfüllbares im Leben ; nach und nach verharscht es , und aus der Wunde , deren Blut den Seelenboden tränkte , hat der Geist schöne rote Blumen gezogen , die wieder einen Tag blühen , an dem es süß ist , der Erinnerung Duft aus ihnen zu saugen . Die » Pilger « hab ich vor acht Tagen geschrieben , auf das letzte : » Der Lethe-Fluß « , hatte Dein Emigrantenverkehr Einfluß ; ich weiß nicht wie . Ist St. Clair noch nicht zurückgekehrt ? War er bei Dir ? - Beilage Die Pilger Der eine Pilger Ich bin erkranket An Liebespein , Möcht nur genesen , Wolltst mein du sein . Dein liebreich Wesen , Dein Lippenrot Hält mich gefangen Bis an den Tod . Mein Aug ist trübe , Meine Jugend verdorrt , Muß Heilung suchen An heil ' gem Ort . Ich greif zum Stabe , Ich walle zum Meer , Es brausen die Winde , Es tobet das Meer . Die Vöglein fliegen so lustig voran , Sie suchen den Frühling Und treffen ihn an . Es hält mich die Liebe , Ich bliebe so gern , Doch ziehet mich Wehmut Zum Grabe des Herrn . Mich sehnet , o süße Geliebte , nach dir , Doch wähl ich das Grab mir Des Heilands dafür . Da knie ich nieder Voll bitterem Schmerz , Da kann ich dich lassen , Da bricht mir ' s Herz . Lebt wohl denn , ihr Augen , Voll freundlichem Schein , Mein Blick soll zum Himmel Gerichtet nur sein . Die Heilung ist bitter , Der Weg ist wohl weit , Doch greif ich zum Stabe Und ende mein Leid . Der andre Pilger Ich scheide froh vom Vaterland Und suche den geliebten Strand , Wo Jesus Christus wallte . Wo er in Demut angetan , Des Erdenlebens schwere Bahn Mit stillem Sinne wallte . Was ist die Herrlichkeit der Welt Und alles , was dem Sinn gefällt ? - Ich will ihm froh entsagen . Die ird ' sche Kette fällt von mir Und Jesu ! - Nur zu dir ! zu dir ! - Will ich mein Sehnen tragen . Die Märterkrone windet mir Und Seligkeit wohl für und für , Wenn ich vollendet habe . O süße Buße ! Himmlisch Leid ! In frommer Einfalt , Seligkeit , Ihr wohnt am heiligen Grabe . Lethe Du rollst , o Bach , mit stillem Stolz die Flut Und düstergrün umhüllen dich Gesträuche , In deiner Well erstirbt die Rosenglut , Die lieblich glänzt vom fernen Geisterreiche . Dir schmeichelt nicht die Gunst der Gegenwart Mit Blütenduft , mit Zephyrs kühlem Säuseln , Kein Glück , das in der Zukunft Schleier harrt , Wird deine Wog in holden Spielen kräuseln . Erbebend schaut es die Vergangenheit , Wann deine Flut der Schatten Heer umweben , Wie die Gebilde der entflohnen Zeit Zum öden Nichts auf deiner Well entschweben . Du wallest stolz ! - Des Helden Lorbeerkranz , Die Myrte durch Zytherens Hauch erzogen , Der Tugend Palm in des Olympos Glanz Verlieren sich in deinen düstern Wogen , Entführt durch sie , dahin , wo Zeit und Raum Verschwinden , wo in trüber Nebelferne Dein dumpfer Fall ertönt , dein weißer Schaum Im Chaos strahlt , statt lichtbegabter Sterne . Hinweg von dir ! - Die blütenreiche Luft , Der Zauber in Elysiums Gefilden Verführ mich nicht , der rosenfarbne Duft Mag sich umsonst an deinem Ufer bilden . Vergebens weht hier magisch süß ein Ton Zu mir herab aus seliger Geister Chören , Erschiene selbst Latones großer Sohn , Sein Phöbusauge wird mich nicht betören . Für Seligkeit , die ich noch nie genoß , Sollt ich in Lethe meine Lust versenken ? Und Schmerzen , die ich lang in mir verschloß , Für unbekannte Freuden hinzuschenken . Nein ! Jed ' Gefühl , zur Qual und auch zur Lust , Vom Hauch der Erdenluft in mich geboren , Die Leidenschaft bekämpft in meiner Brust - Den Siegerstolz ! - Ich geb ihn nie verloren . Es drückt das Herz , wenn eine fremde Macht Ihm Gottheit gibt , es sträubt sich dieser Würde , Mit höherem Stolz entsagt es dieser Pracht Und schmiegt sich liebend seiner Erdenbürde . Kann ich die Seligkeit auf jener Flur Nur durch den Tod von diesem Ich erringen , So leite fern von ihrer Zauberspur Mich die Erinnerung auf ihren zarten Schwingen . Ich trag im Busen mein Elysium , Und dieses blühe mir auf Blumenmatten Elysischer Gefild ! Ich bringe stumm Es sonst zum Styx , zu ungeweihten Schatten . Dich aber fleh ich an , Erinnerung ! O Göttin ! Die den Gram um Freuden tauschet Und wie ein Lilienduft mit leisem Schwung Durch die Verzweiflungsnacht zum Troste rauschet : Nimm deinen Wanderstab und schlage kühn Der stolzen Lethe Flut , daß ihre Wellen In nichts verdürstend , ewig schüchtern fliehn , Elysiums Strand nicht spottend mehr umschwellen . Die Schatten jauchzen dann , im Götterglanz Der Tugend Traum entfaltend , wie der Fehler Bürde , Wo Lethe floß ; umschwebt vom ewigen Tanz Der Anmutschwestern , in ihrer Selbstheit Würde . Der Kuß im Traum Es hat ein Kuß mir Leben eingehaucht , Gestillet meines Busens tiefes Schmachten , Komm Dunkelheit , mich traulich zu umnachten , Daß neue Wonne meine Lippe saugt . In Träume war solch Leben eingetaucht , Drum leb ich ewig , Träume zu betrachten , Kann aller andern Freuden Glanz verachten , Weil mir die Nacht so süßen Balsam haucht . Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen , Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen , Und mich verzehren diese heißen Gluten . Drum birg dich Tag , dem Leuchten ird ' scher Sonnen , Hüll dich in Nacht , sie stillet dein Verlangen Und heilt den Schmerz , wie Lethes kühle Fluten . An die Günderode Schon zehn Tage bist Du fort , alle Tag kommt der Jud mit dem leeren Sack , ich ließ ihn heut den Sack um und um kehren , weil ich dacht , es müsse sich Dein Brief drin finden , den ich so sicher erwartete , aber es war nichts herausgefallen als Brotkrümel und kein Krümelchen Deiner Feder für mich - wonach ich gar nicht so hungrig bin , wenn ich nur weiß , daß alles noch beim alten ist , und daß Du gesund bist . - Weißt Du mir nichts zu schreiben , so such mir aus meinen Briefen meine Religionsprinzipien zusammen , ich hab noch allerlei Nachgedanken berauschender Quellen der Natur hervorströmen , und mir deucht , ich sollte sie auch noch zu schöpfen versuchen . - Bei der Großmama ist ewiger Besuch , heute spazierte man zu siebzehn Fürstlichkeiten im Garten auf und ab , die Großmama zum Bewundern , in Anmut und Würde alle überstrahlend , Isenburg , Reuß , Erbach und etliche hessische Durchlauchten und nebenbei noch der Herzog von Gotha , der schon längere Zeit täglich Brot ist im Haus , nämlich alle Mittag um drei Uhr kommt er herausgefahren und läßt sich von mir die Depeschen vorlesen und Journale , dann geht er in den Garten , wo er Bohnen gepflanzt hat , die muß ich ihm begießen helfen . Die Großmama spricht von seinem Genie , mir gefällt , daß er mit mir umgeht wie mit einem Kind , er nennt mich Du ! Frägt mich nie nach was anderm , als was ich mit Ja oder Nein beantworten kann , weiter hab ich ihm nichts gesagt bis jetzt - im Garten läßt er mich in der Sonnenhitze den Regenschirm tragen , und er trägt die Gießkanne , letzt war er so matt , daß er sie hinstellen mußte , ich sagte , er solle den Parapluie tragen , ich wolle die Gießkanne nehmen , er meinte , die sei wohl zu schwer für mich , als er aber sah , daß ich sie mit ausgestrecktem Arm weitab durch die Luft trug , um mein Kleid nicht naß zu machen , so nennt er mich seitdem die starke Magd . - Seine roten Haare , die einen verzweiflungsvollen Schwung haben wie ein schweres Ährenfeld , das der Hagel verwüstet hat , und sein blasses Angesicht geben ihm in der Abenddämmerung das Ansehen von einem Geist ; ich hab mich vor ihm gefürchtet , wie er mich abends durchs Boskett begleitete . Die Großmama hatte alle Fürstlichkeiten an der Wagentüre begrüßt und dagegen protestiert , daß sie unter das Dach ihrer Grillenhütte kommen , sie wollten aber absolut in die Grillenhütte herein , und so ward diese bald zu eng . - Im Garten machte der Herzog selbst eine Weinkaltschale mit Pfirsich ; denn er panscht gern , ich mußte dazu alles herbeiholen in die Geisblattlaube , da er mich nun immer starke Magd nannte , so passierte ich bei der hohen Gesellschaft für ein so seltnes Monstrum ; zuletzt sagte er noch : » Geh an unsern Bohnenstangen und sorge , daß die breitfüßigen und krummbeinigen Spaziergänger sie nicht umtreten ! « Ich holte mir die Schawell und setzte mich mitten ins Bohnenfeld , wo ich nicht mehr bemerkt wurde , es war mir eine Labung ; denn ich war betäubt und müde , alles kann ich ertragen , nur nicht das Brausen der Menschenreden , die kein Feuer , keinen Zweck haben und immer in der Luft herumgreifen und nichts fragen und nichts anregen ; besser wär ' s , schweigen . Bis das Ton wird , was unendlichen Vorteil bringen mag , da kann noch viel Wasser dem Main hinunterfließen . Am Abend ging alles ins Boskett , die Musik zu hören , es war mit bunten Lampen erleuchtet , die Orangerie auf der Terrasse am Main jetzt in ihrem schönsten Flor , ach , ich war so müde und betäubt - was ich geträumt habe weiß ich nicht mehr , es war schön ; denn ich wachte auf , wie trunken von Behagen , aber doch so schwindlig , daß sich die starke Magd an der Hand vom Herzog nach Haus führen ließ , er fuhr in die Stadt , er rief mir noch aus dem Wagen zu : » Leg dich zu Bett , starke Magd , du siehst ganz blaß aus ! « - 17ten St. Clair war heute hier , zwischen zehn und ein Uhr , ich lag noch zu Bett , ich hatte die Großmama um Erlaubnis fragen lassen auszuschlafen , weil mich am Abend der Duft der Orangerie ganz betäubt hatte , er wartete auf mich hinter der Pappelwand . - Es gibt Weh , darüber muß man verstummen ; die Seele möchte sich mit begraben , um es nicht mehr empfinden zu müssen , daß solcher Jammer sich über einem Haupte sammeln könne , und wie konnte es auch ? - O ich frage ! und da ist die Antwort : weil keine heilende Liebe mehr da ist , die Erlösung könnte gewähren . Oh , werden wir ' s endlich inne werden , daß alle Jammergeschicke unser eignes Geschick sind ? - Daß alle von der Liebe geheilt müssen werden , um uns selber zu heilen . Aber wir sind uns der eignen Krankheit nicht mehr bewußt , nicht der erstarrten Sinne ; daß das Krankheit ist , das fühlen wir nicht - und daß wir so wahnsinnig sind und mehr noch als jener , dessen Geistesflamme seinem Vaterland aufleuchten sollte - daß die erlöschen muß im trüben Regenbach zusammengelaufner Alltäglichkeit , der langweilig dahinsickert . - Hat doch die Natur allem den Geist der Heilung eingeboren , aber wir sind so verstandlos , daß selbst der harte Stein für uns ihn in sich entbinden lässet , aber wir nicht - nein , wir können nicht heilen , wir lassen den Geist der Heilung nicht in uns entbinden , und das ist unser Wahnsinn . Gewiß ist mir doch bei diesem Hölderlin , als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluten ihn überströmt haben , und zwar die Sprache , in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überflutend und diese darin ertränkend ; und als die Strömungen verlaufen sich hatten , da waren die Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertötet . - Und St. Clair sagt : ja , so ist ' s - und er sagt noch : aber ihm zuhören , sei grade , als wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche ; denn er brause immer in Hymnen dahin , die abbrechen , wie wenn der Wind sich dreht - und dann ergreife ihn wie ein tieferes Wissen , wobei einem die Idee , daß er wahnsinnig sei , ganz verschwinde , und daß sich anhöre , was er über die Verse und über die Sprache sage , wie wenn er nah dran sei , das göttliche Geheimnis der Sprache zu erleuchten , und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel , und dann ermatte er in der Verwirrung und meine , es werde ihm nicht gelingen , begreiflich sich zu machen ; und die Sprache bilde alles Denken ; denn sie sei größer wie der Menschengeist , der sei ein Sklave nur der Sprache , und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommne , als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe . Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch , das fühle sich in der Sprache , sie werfe das Netz über den Geist , in dem gefangen er das Göttliche aussprechen müsse , und solange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht vom Rhythmus fortgerissen werde , so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit ; denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen , an dem kein tieferer Geist Gefallen haben könne , sondern das sei Poesie : daß eben der Geist nur sich rhythmisch ausdrücken könne , daß nur im Rhythmus seine Sprache liege , während das Poesielose auch geistlos , mithin unrhythmisch sei - und ob es denn der Mühe lohne , mit so sprachgeistarmen Worten Gefühle in Reime zwingen zu wollen , wo nichts mehr übrigbleibe als das mühselig gesuchte Kunststück zu reimen , das dem Geist die Kehle zuschnüre . Nur der Geist sei Poesie , der das Geheimnis eines ihm eingebornen Rhythmus in sich trage , und nur mit diesem Rhythmus könne er lebendig und sichtbar werden ; denn dieser sei seine Seele , aber die Gedichte seien lauter Schemen , keine Geister mit Seelen . - Es gebe höhere Gesetze für die Poesie , jede Gefühlsregung entwickle sich nach neuen Gesetzen , die sich nicht anwenden lassen auf andre ; denn alles Wahre sei prophetisch und überströme seine Zeit mit Licht , und der Poesie allein sei anheimgegeben , dies Licht zu verbreiten , drum müsse der Geist und könne nur durch sie hervorgehen . Geist gehe nur durch Begeistrung hervor . - Nur allein dem füge sich der Rhythmus , in dem der Geist lebendig werde ! - wieder : - Wer erzogen werde zur Poesie in göttlichem Sinn , der müsse den Geist des Höchsten für gesetzlos anerkennen über sich und müsse das Gesetz ihm preisgeben ; nicht wie ich will , sondern wie du willst ! - und so müsse er sich kein Gesetz bauen ; denn die Poesie werde sich nimmer einzwängen lassen , sondern der Versbau werde ewig ein leeres Haus bleiben , in dem nur Poltergeister sich aufhalten . Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue , könne er die Poesie als Gott nicht fassen . - Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt , der Geist müsse sich in dieser bewegen und nicht ihr in den Weg treten , Gesetz , was der Mensch dem Göttlichen anbilden wolle , ertöte die Ideengestalt , und so könne das Göttliche sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bilden . Der Leib sei die Poesie , die Ideengestalt , und dieser , sei er ergriffen vom Tragischen , werde tödlich faktisch ; denn das Göttliche ströme den Mord aus Worten , die Ideengestalt , die der Leib sei der Poesie , die morde - so sei aber ein Tragisches , was Leben ausströme in der Ideengestalt - ( Poesie ) ; denn alles sei tragisch . - Denn das Leben im Wort ( im Leib ) sei Auferstehung ( lebendig faktisch ) , die bloß aus dem Gemordeten hervorgehe . - Der Tod sei der Ursprung des Lebendigen . Die Poesie gefangennehmen wollen im Gesetz , das sei nur , damit der Geist sich schaukle , an zwei Seilen sich haltend , und gebe die Anschauung , als ob er fliege . Aber ein Adler , der seinen Flug nicht abmesse - obschon die eifersüchtige Sonne ihn niederdrücke - mit geheim arbeitender Seele im höchsten Bewußtsein dem Bewußtsein ausweiche und so die heilige , lebende Möglichkeit des Geistes erhalte , in dem brüte der Geist sich selber aus und fliege - vom heiligen Rhythmus hingerissen oft , dann getragen , dann geschwungen sich auf und ab in heiligem Wahnsinn , dem Göttlichen hingegeben ; denn innerlich sei dies eine nur : die Bewegung zur Sonne , die halte am Rhythmus sich fest . - Dann sagte er am andern Tag wieder : es seien zwei Kunstgestalten oder zu berechnende