in die Anordnungen Anderer findet , denen er durch Länge der Zeit sein Vertrauen schenkte . Wir vereinigen uns stets dem allgemeinen Interesse gemäß ; denn der Marschall liebt den Glanz seines Hauses so sehr , als ich selbst . « Man hätte glauben können , der innigste Familienrath sei so eben von einer zärtlichen Gattin mit ihrem Gemahle gehalten , so glitt die kalte Seele der Marschallin über jede Erschütterung hinweg , bemüht , sie ihren Umgebungen so darzustellen , wie es ihr zweckmäßig erschien . Der Sohn war nicht in dem Falle , seine etwa abweichende Meinung zu äußern , und Louise begriff so Vieles auf diesem ihr fremd gewordenen Boden nicht , daß sie das eben Gehörte , was sie ganz anders empfunden hatte , auf die große Rechnung des Unverständlichen setzte . Nur der Marquis Souvré , der Alles verstand und Nichts zu schonen hatte , sah die Marschallin mit dem vollständig unverschämten Lächeln an , welches die große Welt sich statt des Faustschlages aufgehoben hat ; da nicht die Empfindung , nur die Aeußerung derselben sich verändert hat . Die Marschallin fühlte dies vollkommen ; aber schon war sie nicht mehr frei . Der gewandte Gegner hatte ihr das Netz übergeworfen , sie mußte sich eingestehen , daß sie ihn schonen müsse . Mit Widerwillen wandte sie sich von dieser Ueberzeugung - zugleich erhob sie sich , die Zeit des Beisammenseins war beendigt . - Mit welchen Gefühlen Leonin sich bald darauf in seinen Zimmern allein fand , wird uns schwer werden , auszusprechen ; denn in ihm selbst fanden sich eigentlich nur Andeutungen , und zu viel war auf ein Mal angeregt , um jetzt schon die Kraft bezeichnen zu können , welche die anderen besiegen , und die vorherrschende bleiben würde . Wenn wir ihn von der Absicht der Marschallin von Crecy geleitet denken , dürfen wir nicht übersehen , wie die Zeit in dem Augenblicke gerüstet war , diese stolze und ehrgeizige Frau zu unterstützen . Frankreich war in einem Rausche , der jedes Individuum , jeden Stand ergriffen hatte , und der Dünkel einer Naturberechtigung , eines absondernden Vorzuges war nicht aristokratisches Element allein . Die ganze Nation fühlte diesen Stolz , als französische Nation , und dies Gefühl war der Heerd , um den sich alle Kräfte , wie die Mitglieder einer Familie , sammelten und damals zuerst den unzerstörbaren Corporations-Geist entwickelten , durch den Frankreich so national erstarkte , dem Auslande so gebietend , fremdem Einflusse später so unzugänglich wurde . Und wer mußte nicht mit Antheil auf ein Volk sehen , das endlich unter den Flügeln seines jungen königlichen Adlers sich sammelte und , in einem Gefühle zusammengehalten , von keiner Parteiung mehr bis in das Herz der Familien zerrissen , sich Muth gewann , auf dem eignen Boden sein Bürgerrecht zu üben . Und dieser Boden war der Boden des schönsten Landes der Erde , das der Menschenhände nicht wartete , sich selbst ausstattend zu schmücken , und jeden seit Jahrhunderten in seinen Schooß niedergelegten Keim geistigen Lebens , treu bewahrt darbot , als es sich frei erklärte , seine Schätze zu sammeln und sie zur vollen Reife zu bringen . Denn gewiß würden wir nur unvollkommen die außerordentliche Periode in der Entwickelung Frankreichs , die unter Ludwig dem Vierzehnten fiel , betrachten können , ließen wir den ihr vorangegangenen Entwickelungen nicht ihr Recht , und fänden sich nicht in ihnen schon als Keime die Andeutungen der großartigen Erscheinungen , die uns später so imposant überraschen , und die , als nicht zur Reife gekommene geistige Bestrebungen , dem materiellen Uebergewichte früherer Zeiten weichen mußten . Wir dürfen den Blick nicht abwenden von dem rohen Kampfe unbezähmter Leidenschaften , der die Blätter der Geschichte mit seinen blutigen Bildern zu beflecken scheint ; wir müssen mit jenem antheilvollen Staunen darauf merken , welches uns den Blick frei erhält für den Zusammenhang , in welchem auch dieser rohe Kampf seine Ordnung findet und das Individuum seiner Zeit dienstbar darstellt , als unterliegendes oder siegendes Mittel neuer Erkenntniß . - Wir sollten vielleicht mit eben so leidenschaftsloser Betrachtung diesen Zuständen folgen , als wir den großen Eruptionen der Natur gegenüber bleiben , welche ohne Zweifel analog sind mit den wilden , Bahn brechenden Kämpfen der Menschen , die wir eben so wenig in der organischen Entwickelung der geistigen Welt zu entbehren vermöchten . Und so dürfen wir mit mehr Antheil , als Unwillen auf die grauenhaften Bilder der Periode Frankreichs blicken , die wir eine vorbereitende der bedeutenden Zeit Ludwigs des Vierzehnten nennen dürfen ; und den Samen zu ihren glänzenden Früchten dort aufzufinden , das wird vermittelnd zwischen uns und die Bilder ihrer rohen Willkür , ihrer wilden Leidenschaftlichkeit treten ; denn diese gerade , werden wir finden , riefen , wenn auch scheinbar bloß zu ihrem Dienste , doch die Keime höherer geistiger Entwickelung ins Leben . Italien stand wie ein Baum , der zwei Mal in einem Jahre mit Blüte und Frucht geprangt , ermüdet von der überschwenglichen Leistung mit welken Zweigen , die keine neue Ernte verhießen , als vertraue er den Vorräthen , die er um sich angehäuft . - Frankreich lag diesem Ueberflusse zunächst , und alle seine Erfordernisse , sein Klima , die organische Gestaltung seiner Bewohner , ihr heißes Blut , ihre bewegliche Phantasie , vor Allem ihr erwachender Ehrgeiz - Alles machte sie zu Erben Italiens . Geschickt und mit treuem Eifer sehen wir die Geister Frankreichs sich erheben , den fremden Einfluß erfassend , um ihn für das Vaterland zu verarbeiten und den Boden zu reinigen für die neue Saat . Wie auch die Eruptionen der Massen noch dazwischen stürzen , sie zerstören den zart sich fortspinnenden Faden höherer Kultur nicht mehr , und mit vieler Klugheit werden zwei Mal Fürstinnen aus jenem reichen Lande auf Frankreichs Königsstuhl gerufen ; Beide aus dem Stamme der Medicäer , diesem Brennpunkt italienischer Größe und Bildung . Sie traten aus den glänzenden Hallen , wo die Götter der alten Welt ihre Heimath behalten , gestützt von dem Kultus ihrer unsterblichen Sänger , deren zauberische Stanzen aus den Sälen der Fürsten bis in die Hütten des Volkes erklangen ; das Blut , genährt von jedem Sinnenreiz , geneigt , die Anforderungen desselben auf jedem Boden zu erneuen . Denn dort in der Heimath der Kirche , welche die alten Götter verdrängte , schien nur der Name gewechselt zu sein , und in den Hallen des Vatikans , in ihren Himmel anstrebenden Domen , umschaart von Heiligen und deren bilderreichem Dienste , von dem berauschendsten Pomp aller Schätze der Erde unterstützt , unter Wonne athmenden Hymnen , in süßen Weiheduft gehüllt , suchte die christliche Kirche ein gleiches Recht über die Sinnenwelt zu erhalten , und mit ihren reichen Mitteln sich des materiellen Menschen zu bemächtigen , den Geist verflüchtigend , erstickt von den Mitteln , ihn zu verherrlichen . Katharina von Medicis war geschickt , jeden Fortschritt ihres Vaterlandes zu verbreiten , und an ihre Epoche in Frankreich hängen sich die erstaunenswerthesten Erscheinungen , die vielleicht zu voreilig mit ihrem persönlichen Einflusse bezeichnet werden , um ihr gerecht sein zu können ; da sie von der Zeit eben so fortgerissen ward , als sie der zeit den Einfluß überlassen mußte , der an ihrer Person haftete . - Wir dürfen den nicht stark nennen , der zufällig der Stärkste ist - eine Frau nicht so bezeichnen , die , von dem Vulkan eines materiellen Innern zum Sklaven gemacht , diesem eigentlich opfern mußte , ohne Wahl und ohne Plan - und wenn die schrankenlose Willkür , mit der sie die Zustände ihrer Zeit verbrauchte , auf ein Uebergewicht in ihr zu deuten scheint , so vernichtet die kleinliche Geringheit ihrer Absichten doch stets jedes Prädikat der Größe , und wir müssen einsehen , wie die Begebenheiten außer ihr daherschritten und sich bloß an sie anhingen , weil sie den Höhenpunkt einnahm , um den der Kampf kreiste . Aber dieser Standpunkt machte , daß sie die mitgeführten Schätze fremder Bildung , fremden Geistes um sich weiter verbreiten konnte , und bloß sich selbst den lang gewohnten , reich geschmückten Heimathsboden schaffend , ward sie ein Sammelpunkt neuer , glanzreicher Entwickelung für tausend ihr entgegen blühende Kräfte , die , angeregt , nicht überschattet werden konnten von dem schnöden Dienste , den ihre geringe sinnliche Natur ihnen widmete . Im Gegentheil gewinnt das Begonnene in Heinrich dem Vierten , in Sully ' s weiser Hand schon sichereren Boden ; die augenblickliche Ruhe läßt das Gesammelte schon überschauen als französisches Eigenthum . Maria von Medicis erscheint endlich in einem Augenblicke als Regentin , wo diese Anklänge bedroht sind . Die Stürme , die sie weder aufhalten , noch lenken kann , und die diese höheren Blüten zu knicken drohn , finden in ihr noch Schutz und Anregung , und sie erscheint in ihrem kleinlichen , inkonsequenten Walten , als habe sie das Schicksal bestimmt , diesen einen Punkt zu hegen , bis ihr Alles abgenommen würde , um in die große Hand Richelieu ' s über zu gehen , der zuerst zu gesammter Handhabung sich kräftig zeigte . In wie fern Richelieu sich des Planes , eine unbeschränkte Monarchie zu stiften , bewußt war , der seiner klugen Regierung jetzt nothwendig untergelegt werden muß , möchte eben so schwer , als erfolglos zu ergründen sein . Indem sein stolzer und befähigter Geist ihn an der Seite Ludwigs des Dreizehnten zum wirklichen Regenten Frankreichs machte , mußten die nothwendigen Anforderungen dieses Karakters ihm die Unterdrückung der übermüthigen Großen des Landes , welche immer ein Familien-Oberhaupt an ihre Spitze lockten , um dahinter ihre anarchischen Absichten zu verbergen , zu einer fast persönlichen Befriedigung machen , wenn nicht zugleich anzunehmen wäre , daß sein großes Genie , sein heller und der Zeit voraneilender Geist in dieser Unterdrückung das Mittel erkannt habe , Frankreich zu bürgerlicher Ruhe und den König zum absolutesten Herrschen zu führen . Unbezweifelt hat das Getriebe , das er mit starker Hand zu lenken wußte , die ersten sicheren Resultate erzielt , und Ludwig der Eilfte , der den Kampf mit der Anarchie und mit dem aristokratischen Uebermuthe seiner großen Vasallen so rastlos verfolgte , würde mit Neid auf die Ernte dieses großen Staatsmannes geblickt haben , der die Erfüllung der Idee erlebte , der er mit allen seinen Bestrebungen nachjagte , ohne die Zustände bewältigen zu können . Dessen ungeachtet erschreckten noch die Waffenklänge des Bürgerkrieges die Knabenjahre Ludwigs des Vierzehnten - bei erwachendem Bewußtsein mußten er und seine Mutter vor den Erfolgen der Fronde flüchten , und zu dieser Schmach noch jeden Mangel hinzugefügt sehen , den der schnelle Aufbruch des Hofes mehr als ein Mal veranlaßte . Aber schon war so viel anderweitiges Interesse im Volke erweckt , daß es den dämonischen Anforderungen eines Bürgerkrieges nur ungern Gehör gab , ihn nicht mehr zu seinen gewinnreichen Erwerben zählte , sondern darin eine lästige Störung seines heranblühenden Wohlstandes sah , und daher den Adel nur lau unterstützte , der , hierdurch geschwächt , den klugen Machinationen Mazarin ' s nachgeben mußte , und endlich den Frieden herbeiführte , der zuerst nach so langen Stürmen das erschöpfte Land erquickte . Diese Ruhe , die ein wirkliches Bedürfniß war , und die nicht durch Traktate , Geißeln und das Recht des Stärkeren erhalten ward , sondern sich schützte durch dieselben Mittel , die das Bedürfniß hatten entstehen lassen - sie mußte nothwendig das Gesammtleben Frankreichs zum Bewußtsein und zur Anschauung erheben , und den Bildungspunkt namhaft bezeichnen , der damit hervortrat . Ludwig der Vierzehnte war der vollkommenste Repräsentant dieser Periode ; er war das nothwendige Erzeugniß derselben und so innig mit ihr verbunden , daß jeder Franzose ihn als sein Banner erkennen mußte - als die lebendig gewordene Idee einer Entwickelung , der sich jedes Bewußtsein entgegen drängte . Es kann daher von diesem Standpunkte aus , weder von seinen Tugenden , noch von seinen Fehlern , nach dem gewöhnlichen Maaßstabe der Berechtigung , die Rede sein . - Beide waren die Erscheinung der Zeit - er stand weder über , noch unter ihr - er dankte ihr Alles , aber er gab ihr auch Alles , was sie eben forderte , wenn auch nicht mit dem Bewußtsein ihres Bedürfnisses , sondern weil er an sich selbst einen neuen Zustand herzustellen trachtete , der jedoch eben derjenige war , dessen Frankreich bedurfte . Von der Natur selbst zu einem vollkommenen Franzosen gebildet , besaß er die herrliche Gabe , seine Fähigkeiten hervortreten zu lassen , sich ihrer mit Takt und Gefühl bei allen vorkommenden Gelegenheiten zu bedienen . Wenn schon das gewöhnliche Leben die tiefsten und bedeutendsten Seelenkräfte dieser Fähigkeit beraubt , in Nachtheil stellt gegen den glücklichen Gebieter geringer Mittel , die ihm jeden Augenblick dienstbar sind , so ist der Einfluß solcher Gabe auf einem Throne , bei bedeutenden und nationalen Kräften eines Herrschers , ganz der zauberhaften Wirkung gemäß , durch die wir Ludwig den Vierzehnten die Höhe der Gunst ersteigen sehen . Sie erbaute ihm aus dem Enthusiasmus seines Volkes einen Thron , auf den ganz Europa staunend hinblickte , und der den Gedanken der Weltbeherrschung , in solchem Fundamente begründet , zu einem erhabenen Fluge des Geistes machte , den wir als Menschen , ohne nationelle Beschränkung , mit Liebe und Bewunderung betrachten müssen . Diese unläugbare Befähigung Ludwigs des Vierzehnten machte es ihm aber auch nur möglich , sich aus dem Schlamme zu erheben , den die Erziehung um seine Füße spülte , und wir müssen , wenn wir das kräftige Emporarbeiten Frankreichs aus dem Elende des Bürgerkrieges verfolgen , dem jungen Könige das Recht eines eben so rüstigen Streiters zugestehen ; denn seine Arbeit ehrte ihn nicht minder . Der Ueberdruß , ja der Abscheu , den die Nation gegen die Gewalt roher Willkür und Gesetzlosigkeit zu empfinden begann , entwickelte sich in ihrem Könige zu dem Schranken-System einer Etikette , die ihm dasselbe Bedürfniß befriedigte , eben das einer unangreiflichen , gesicherten Stellung , um zum Genusse seiner persönlichen Vorzüge auf dem erhabenen Standpunkte seiner Geburt , gelangen zu können . Welchen Ausartungen dieses System im Verlaufe seiner Dauer auch unterworfen war , zu welcher , einer späteren Entwickelung lächerlich erscheinenden , Karrikatur es herabgesunken dastehen muß , wir dürfen seine Entstehung nicht gering achten , den Geist nicht verkennen , der es erschuf . Es hatte einen tiefen psychologischen Grund , der ohne alle Frage das höhere geistige Fluidum der Nation entwickelte , und den beispiellos hohen Rang bestimmen half , den Frankreich in diesem Zeitlauf in Europa einnahm , seinen Einfluß über Alles erstreckend , was um den Preis einer feineren Sitte rang ; denn es lag darin die Fessel der Rohheit . Der despotische Zwang , den diese Formen über jede Willkür ausübten , ward ein Bollwerk , hinter welchem die Anstürmenden in dem glänzendsten Kultus zauberhafter , neuer Einkleidung den Hof ihres Königs gewahrten - ein zur höchsten Poesie erhobenes Wunder fremder , blendender Schaubilder , dem näher zu treten , bald die Sehnsucht und der Ehrgeiz Aller ward , und das zu erreichen , eben dieses Bollwerk nur einer bestimmten Auswahl gestattete ; und diesen Auserwählten wieder nur , indem sie sich selbst bezwangen und mit gefesselten Trieben nicht sich , sondern der Zauberformel jener Etikette gehorchten , in welcher Alle vor dem Nymbus dieses Thrones eingefangen lagen . Wie der Gegensatz zu diesem despotischen Sittengemälde sich auch finden mußte , welchen empörenden Entartungen in der Religion , Moral und Sittlichkeit wir auch zur selben Zeit begegnen mögen - der Impuls zu einer gesellschaftlichen Existenz , wie sie keine Zeit ihr ähnlich darzustellen vermag , mit allen Versuchen , eine höhere Gesittung über alle Verhältnisse des Lebens zu verbreiten , gehört als unbestreitbares Verdienst dieser Epoche an . Sie erregte eine Bewegung , deren Einfluß wir noch jetzt nachzuweisen vermögen , wenn auch durch die frei gewordene Herrschaft des gebildeten Geistes losgesprochen von dem Zwange des Gesetzes , welches festzuhalten , nachdem es leer geworden seiner früheren Bedeutung , zu der mit Recht gering geachteten und bespöttelten Karrikatur eines Ceremoniels oder absondernden Schutzes herab gesunken ist , der keinen Grund mehr findet in vorhandener Rohheit . Zu jener Zeit aber machten sie den Hof , als Anhang des Königs , als den Zauberkreis , in dem er seinen wunderbaren Ritus übte , zu einem wahrhaft unerreichbaren Standpunkte , und noch war es die Zeit - ja sie erwachte erst - wo das Volk sich von seinen Souverainen imponiren zu lassen wünschte , und die Absonderung , die fast an göttliche Unterscheidung grenzte , mit einer Art von Stolz mehr unterstützte , als verringerte . Die Mittel zu großen Ergebnissen boten sich dem herrschenden Oberhaupte in allen Beziehungen dar , und unter den Händen Colbert ' s entwickelten die reichen Kräfte des strebenden Landes fröhlich ihre hundertfältigen Adern und athmeten Lebensfülle und spendeten den segensvollen Reichthum , der immer wieder den großen Kreislauf belebender Thätigkeit erneuerte , den der Glanz des Thrones sowol , als sein politisch zu behauptendes Ansehn erforderte . Wenn die Meinungen über diese Zeit oft bis zum Anbeten ihrer Erscheinungen , oft bis zum Herabwürdigen unter den geringsten Standpunkt geschichtlicher Momente gewechselt haben , dürfte Beides eine Berechtigung nachweisen können , wenn wir bloß die materiellen Fakta ohne ihren geistigen Zusammenhang gelten lassen wollen . Denn wir sehen allerdings in demselben Rahmen , der Ludwig ' s Lebensperiode umschließt , einen Höhenpunkt glänzender Erfolge , wie er uns hinreißen muß , und am Ende derselben einen Schrecken erregenden Verfall , der ohne Zweifel die Keime der großen Erschütterung nachweisen ließe , die den Urenkel des Platzes verlustig machte , auf dessen unbestrittenem Besitz Ludwig der Vierzehnte seine Dynastie unzerstörbar begründet glaubte . - Aber wir dürfen bei dieser niederschlagenden Betrachtung nicht übersehn , daß das Volk in dieser ersten glänzenden Epoche dennoch ein Pfand empfangen , welches den Werth dieser Zeit unbestreitbar macht - ein Pfand , mit welchem es wuchern konnte , das zu zerstören nicht mehr in der Willkür seines Herrschers lag - und daß dessen ausartenden persönlichen Neigungen , die wir mit dem Verfalle der Zeit bezeichnen , doch in ihrer jugendlichen Entstehung Schritt hielten mit den Bedürfnissen seines Volkes , und über alle Zweige menschlichen Wissens den Zauber der Ermunterung , der Förderung und der Anerkennung verbreitet hatten . So müssen wir seiner ausartenden Eroberungssucht sicher den Vorwurf machen , das Land erschöpft und mit Schulden belastet , und , gegen jedes moralische Prinzip anstoßend , sein persönliches Ansehn herabgesetzt zu haben . Aber das Volk hatte Früchte geerndtet , die es in seinen Erfolgen nicht allein damals an die Spitze der Kriegskunst stellte , sondern an deren Nachahmungen sich noch die nachhaltigsten Einrichtungen aller Nachbarländer knüpfen lassen . Wenn wir eben so vor den Bauwerken dieser Zeit , vor den zügellosen Ausstattungen aller königlichen Besitzungen und der ihnen anhängenden Bedürfnisse - vor ihren Festen , ihren Beschäftigungen und ihrem zahllosen unbeschäftigten Dienertrosse stehen , und bloß bedenken wollen , wie dadurch der Schatz erschöpft werden mußte , und dem betäubten Gewissen die Wege geöffnet zu Erpressungen und Bedrückungen des Volkes , die wir mit Unwillen endlich auch verfolgt sehen : so werden wir doch dadurch immer nicht die Wirkungen annulliren können , die in diesem üppigen Leben des Genusses den Segen aller künstlerischen und wissenschaftlichen Erscheinungen entwickelten , und sie zu einer Ausbreitung und Wichtigkeit erhoben , welche dem versinkenden Leben Italiens eine neue Heimat , dem übrigen Europa eine Brücke zu bis dahin zu entfernt liegenden Schätzen baute . Gewiß müssen wir zugestehn , daß Ludwig der Vierzehnte nicht die Kraft hatte , an der Spitze seiner Nation zu bleiben , daß er ihr nur ein Mittel war , das anfänglich nicht größer zu sein brauchte , als er war , daß ihn seine Erfolge , nachdem sie ihn weit überholt hatten , auf einem geringen Standpunkte zurück bleiben ließen , und im Stillestehn ihn seiner Zeit entfremdeten und feindlich gegenüber stellten , geschützt noch von dem monarchischen System welches zu mächtig war , um Widerstand zu finden . Der hierarchische Despotismus erkannte wachsam den Augenblick , wo Ludwig sich von seinem Volke trennte , um ihn , sich ihn als Beute sichernd , jeder freieren Anschauung zu entziehn , die ihn fähig gemacht hätte , den hochherzigen Aufschwung religiöser Entwicklung verstehen zu können , der damals aufs Neue vergeblich die Schwingen einer freieren Erkenntniß regte , und dessen unvollkommene , in vielfachen Ausartungen kreisende Erscheinungen vielleicht die ewigen Erschütterungen Frankreichs zu erklären vermöchten , das , von dem Triebe freier religiöser Entwickelung verjagt , in den materiellsten Freiheitswünschen die gestörte Entwickelung zu befriedigen suchte . - Die Zeit , in der Leonin den vaterländischen Boden betrat , war der Höhenpunkt jener früheren Periode , der so schnell , so überraschend erreicht war , daß der Schwindel zu erklären ist , mit dem man die Grenzen eines so begonnenen Zustandes nicht glaubte übersehen zu können , und die ausschweifendsten Eingebungen der Phantasie überall anzuknüpfen , ein Recht zu haben meinte . Der Aachner Friede war geschlossen - Ludwig hatte die Lorbeeren zweier glorreichen Feldzüge gesammelt , die Aufmerksamkeit Europa ' s geweckt und Erfolge errungen , die so das Maaß zu überschreiten schienen , daß es ihm leicht ward , beim Abschluß des Friedens mit anscheinender Großmuth den Theil der Eroberung zurück zu geben , der von seinen bestürzten Gegnern mit der vollen Besorgniß gefordert wurde , die so schnelle , so siegreiche Fortschritte - für das Europäische Gleichgewicht , welches zu zerstören , in seine Hand gegeben schien , nothwendig einflößen mußten . Auch machte der Abschluß dieses Friedens , der einen Theil der gemachten Eroberungen wieder aufgab , keinen ungünstigen Eindruck auf die Nation . Schon sah sie sich als den reichen Mann an , der dem übrigen Europa Almosen geben könnte ; schon kam ihr kein Zweifel , daß sie besitzen könnte , was sie besitzen wollte ; und gerade so erschien ihr der junge König in einem neuen Nimbus - dem der Großmuth und der Mäßigkeit . Auch lag , dies Gefühl zu unterstützen , ganz in der ungemeinen Begabtheit des jungen Königs , der damals noch den vollendeten Stolz besaß , der die Eitelkeit entweder nicht aufkommen läßt oder sie noch nicht besitzt . Sein Volk , sein Hof mochte seine Siege anstaunen , anbeten , er verhielt sich zu ihnen mit der gleichmäßigen Ruhe , die audeutete , daß er über ihnen stände , und die größten Erfolge eben nur Ausströmungen seiner selbst wären , die ihn nicht zu überraschen vermöchten . Er haßte und unterdrückte jede rohe Schmeichelei , und die Hofleute mußten eine Mimik für ihre Anbetung studiren , die sich wie der Schauer der Andacht anließ , um seine stolze Zurückweisung nicht zu erfahren . Es war in dieser vollen Blütenzeit seiner Existenz noch so viel Wahrheit in ihm , daß er sich ohne Selbstbetrug des Eindruckes erfreuen durfte , den er hervorrief ; und seine ganze Natur war durch die Aehnlichkeit und Uebereinstimmung , die seine eigne Entwicklung mit der seines Volkes hatte , so bedeutend verstärkt und erhöht , daß jeder Erfolg ihm zu einem ungemeinen Selbstgefühle verhelfen mußte . Er war in Wahrheit ein großer Mann - er war es durch seine Zeit , wie durch sein schönes Naturell , das ihr genug that . Später hatte das Feldlager mit dem Glanz eines Hoflagers gewechselt , dessen an Zauber und Wunder grenzende Ausstattungen einen taumelartigen Zustand erregten , den industriellen Geist aufs höchste belebten - Künstler , Dichter und Gelehrte schufen , und eine Hingebung aller Kräfte des Geistes und des Vermögens veranlaßten , die ein Gelingen herbeiführte , das in seiner überraschenden Wirkung den jungen König als ein übernatürliches Wesen erscheinen ließ , da seine Neigung , seine Andeutungen oder Befehle dies Alles ins Leben riefen . Und diesem Zustande der Dinge nahte sich jetzt Leonin - diesem vergötterten Monarchen sollte er in kurzem vorgestellt werden , und zwar nicht , um ihn unter dem Gesichtspunkte zu betrachten , wie wir es jetzt thun , sondern unter dem , wie man ihn damals ansehen mußte , beschränkt von der Gegenwart und ihrem beengenden Einflusse , als eine sichtbare Gottheit , als eine Alles besiegende Autorität - als den Inbegriff aller Vollkommenheiten . Es war die natürliche Folge dieser Ansicht , daß Alle , die des Glückes theilhaftig wurden , seine Nähe zu erreichen , seine Worte zu hören , sich selbst dadurch zu größeren Ansprüchen berechtigt hielten , und als Geschöpfe seines Winkes , doch sich erhoben fühlten über die Masse , die diesen Vorzug nicht theilen durfte . - Die Majorennitäts-Erklärung des jungen Grafen war vorüber , und unaufgefordert strömten die höchsten Personen zusammen , ihre Glückwünsche zu diesem Akte darzubringen . Das Hotel Soubise konnte die Zahl der Gäste kaum fassen , und die Marschallin hatte nicht umsonst auf den Antheil des Königs gerechnet . Nur im Vorbeigehen fragte derselbe beim Lever seinen Bruder , ob er von dem Feste seines lieben Marschalls von Crecy gehört habe , und dies war hinreichend , damit Monsieur zur bestimmten Stunde in dem Hotel Soubise auf zwei Minuten erschien - und der Name Ludwig von Orleans prangte an der Spitze von Unterschriften , die fast alle erlauchte Namen Frankreichs enthielten . Denn das Land versammelte die lebenden Repräsentanten derselben an dem Hofe - und Ludwigs Wunsch , sie dort zu sehn , war der Magnet , dem Niemand sich entziehen konnte . Der Marschall war versöhnt mit den schlauen Einrichtungen einer Gemahlin , die endlich seine unvollkommenen Wünsche , die er nie ins Dasein zu rufen vermocht hätte , in die Erreichung ihrer eignen mit einzuschließen wußte . Der Glanz seines Hauses trat auf eine imponirende Weise hervor , und dem Herzen des Vaters ward in der schmeichelhaften Anerkennung des Sohnes das vollste Genügen . Wie sollen wir aber den innern Zustand dieses Sohnes schildern , der seit seinem Eintritt in dies Haus fast nicht zur Besinnung gekommen war ? Seit seiner Abwesenheit hatten sich alle Zustände so gesteigert - sein eignes Bewußtsein , sein Auge sich so dafür entwickelt , daß es ihm schien , er käme in eine vorher gar nicht gekannte Welt . Es war , als ob das Unglück aus den Kreisen der Menschen verschwunden sei . Jeder Tag schien ein Fest , das Allen gehörte . Witz , Laune , Leichtsinn und Heiterkeit durchdrang die Menge von der höchsten bis zur niedrigsten Klasse . Es war keine Zeit für irgend ein tiefer liegendes Gefühl , und der Rausch , der über Alle seine Zauberruthe schwang , hieß Ludwig - Versailles - Frankreichs Ruhm ! - Es trat ein Stolz , ein Selbstgefühl bei jedem Individuum hervor , das aber gerade so entwickelnd wirkte ; denn Niemand wollte nachbleiben , Alle strebten , rangen und erreichten in irgend einer Beziehung Etwas . Aber mitfliegen mußte man ; das galt mehr wie das Leben ; das galt , sich als Franzose zeigen ! Und in diesen rauschenden Massen , durfte sich Leonin eingestehn , als der Erbe eines so bedeutenden Namens und Ranges bemerkt zu werden , zu Ansprüchen erhoben zu sein , die mit dem edelsten Neide verfolgt wurden , mit dem Neide , dem Göttersitze des Königs nah ' und persönlich dienstbar sein zu können . Diese Tage mit ihren Anforderungen hatten eine Menge schlummernder Eigenschaften in ihm hervorgerufen . So ins Auge gefaßt von der hohen Aristokratie des Landes , fühlte er plötzlich den vollsten Trieb des Ehrgeizes , sich ihnen in allen Punkten gleich zu stellen und jede Unsicherheit des Betragens abzuwerfen , die einen Zweifel über die Befähigung zu dem hohen Standpunkte seiner Geburt aufkommen lassen könnte . Er wollte nichts sein , als eine neue Zierde dieses glänzenden Hofes . Man sollte dieses anerkennen müssen , und er hätte bei schärferem Nachdenken sich selbst in den Erscheinungen nicht wieder erkannt , die dieser Einfluß hervorrief ; denn er ward nun erst Franzose und rechtfertigte vollkommen den Zustand jener wunderbaren Zeit . Nur , wenn er in tiefer Nacht sein einsames Schlafgemach betrat , die Diener entlassen hatte , und lautlose Stille ihn umfing , blieb er wie ein Träumender stehen . Wo war Fennimor ' s Gatte , wo war der einsiedlerische Schloßherr von Ste . Roche und die patriarchalischen Vorstellungen , die alle seine Wünsche umschlossen hatten ? - Ob er sich diese Fragen wahrhaft beantwortete ? Wir fürchten , nein ! Aber noch war er innig überzeugt , was jetzt geschehe , was er thue und treibe , es sei nur die Brücke zu ihr zurück . Noch fühlte er ihre Schönheit , ihren Werth ; noch brauchte er nicht an seine Pflichten gegen sie zu denken . Aber schon gab es auf dem ganzen Schauplatze seiner jetzigen Existenz keinen Punkt , wo er sich ihrer erinnern konnte , ohne den stechenden Schmerz zu fühlen , der uns belehrt , daß wir in gefahrvollen Widerspruch gerathen sind , und Pflichten sich drohend berühren , denen wir gleiche Heiligkeit zugestanden . Er verschob selbst den Moment einer Eröffnung gegen seine Mutter , theils aus Scheu und Unentschlossenheit , theils weil er glaubte , erst diesen öffentlichen Pflichten genug thun zu müssen . Er ahnte nicht , wie seine Mutter Alles in ihm sah und vorher gewußt , und wie fest sie beschlossen hatte , ihm eine solche Erklärung unmöglich zu machen , bis die Verhältnisse ihn so umsponnen hätten , daß er sie ihr nicht mehr zu machen wagen würde . Sie hinderte es daher nicht durch die leiseste Bemerkung , wenn sie erfuhr , wie Boten mit Briefen und Gepäck den Weg nach Ste . Roche nahmen ; denn dies Alles , wie es auch dort Ansprüche und Neigung unterhalten , und gefährliche Gedanken in Leonin nähren mußte ,