Sinne des gewöhnlichen Sprachgebrauchs , uns lang würde , erscheint die Zeit uns nie länger , als wenn in einen bestimmten Abschnitt derselben vielerlei , eigentlich nicht bedeutende , aber wechselnde Ereignisse sich zusammen drängen . Ist heute denn schon wieder Sonntag ? fragen wir nach einer in gemüthlicher Einförmigkeit vorüber geschlichenen Woche , und im entgegengesetzten Falle : sind es denn wirklich erst acht Tage , daß wir die Reise antraten ? Den ganzen Tag über hatte es Richard nicht gelingen wollen , nur zu einem unbelauschten Worte mit Helenen zu gelangen ; er fand sie sowohl als ihre Mutter fortwährend von Glück wünschenden Herrn und Damen umringt ; denn die Nachricht von der glücklichen Ankunft des Fürsten hatte schnell wie ein Lauffeuer sich verbreitet ; wirkliche Theilnahme , Etikette oder Neubegier , zogen die Besuchenden schaarenweis herbei , und nur aus der Ferne konnte Helena ihren Freund in ihren Augen lesen lassen , wie glücklich sie heute sich fühle . Auch bei der Mittagstafel , auf welche Richard sein Hoffen zuletzt gestellt hatte , ging es ihm nicht besser ; der Fürst sah von der großen Anzahl der Eingeladenen sich dermaßen umlagert , daß er kaum Zeit zu einem Händedruck und ein paar freundlichen Worten für seinen Pflegesohn übrig behielt . An einem solchen festlichen Tage den gewohnten Platz Helenen gegenüber an der Tafel behaupten zu wollen , wäre übrigens , in Richards Verhältnissen , eben so unschicklich als schwer durchzuführen gewesen ; und so blieb denn für dieses Mal ihm nichts weiter übrig als geduldiges Entsagen , und Hoffnung auf eine günstigere Zukunft . Doch viele Tage schwanden , ohne die mindeste Aussicht zur Erfüllung dieser Hoffnung zu gewähren . Richard sah in nie befriedigter Erwartung sie vorüber gehen . Sein Verhältniß zu Helenen blieb zwar unverändert , sie schenkte ihm jede Stunde , die sie dem mit der Anwesenheit ihres Vaters verbundenen geräuschvolleren Leben abmüßigen konnte . Heitrer , schöner , liebender als je , war sie seine Freundin , seine Beratherin , die innigste Vertraute seiner Gedanken ; aber sie blieb auch dem Vorsatze getreu , jeden Versuch das Gespräch auf Gegenstände zu lenken , die sie unerwähnt lassen wollte , zu vereiteln . Er sah , er fühlte , daß er die Schranken nicht überschreiten dürfe , die sie einmal für allemal ihm gestellt hatte , und ergab sich , zum Theil durch Gewohnheit bezwungen , endlich gelassen darein . Mittlerweile nahmen dringende , nicht aufzuschiebende Geschäfte , Besuche , Feste aller Art , die Zeit des Fürsten fortwährend dermaßen in Anspruch , daß er nur höchst selten eine Stunde für die Seinigen übrig behielt . Richard erhielt täglich neue Beweise seiner fortgesetzten väterlichen Fürsorge ; doch für die Aufklärung so manches ihm dunkel Gebliebnen , die er mit Recht erwarten zu dürfen glaubte , für die Befreiung von quälenden ihm unwiderstehlich sich aufdringenden Zweifeln , nach welcher er mit ungeduldiger Sehnsucht verlangte , wollte wochenlang kein günstiger Augenblick sich finden lassen . Richard benutzte jede dazu sich bietende Gelegenheit , dem Fürsten den Wunsch darnach vorzutragen , wurde aber immer , zuweilen mit gebietendem Ernste , meist aber mild und freundlich , zurück und auf eine nahe günstigere Zukunft hingewiesen . Ich errathe , was Du willst ; doch warum quälst Du Dich vor der Zeit mit unnützen Sorgen ? beruhige Dich , vertraue mir , und wenn Du mich unruhig werden siehst , so will ich Dir erlauben es ebenfalls zu werden . So sprach der Fürst sehr heiter und gelassen etwa vierzehn Tage vor dem , zu jener entsetzlichen Revue angesetzten Tage . Beleja Tserkoff ! Yakubowitsch ! flüsterte Richard mit bebender Stimme ihm leise zu . Andreas sah mit durchdringendem Blicke lange und forschend ihn an . Du willst es wohl darauf anlegen , hundert Jahre alt zu werden ? denn kluge Kinder leben nicht lange , sagt man ; daß aber solch ein alter Knabe wie Du sich noch mit dem Popanz einschüchtern lassen will , heißt doch die Sache etwas zu weit treiben ; erwiederte der Fürst , ein wenig gezwungen scherzend , aber doch freundlich . Von nun an glaubte Richard das Absichtliche in des Fürsten Betragen sich nicht mehr verhehlen zu können ; er sah wie so manche , der vertraulicheren Mittheilung günstige Stunde nicht nur unbenutzt vorüber gelassen , sondern sogar jede Gelegenheit dazu vermieden ward , und litt darüber mehr , als in Worten sich ausdrücken läßt . Des Fürsten Betragen ließ übrigens keine Abänderung seiner Gesinnung persönlich gegen ihn befürchten ; es schien im Gegentheil , als ob Andreas durch Verdoppelung der Beweise seiner väterlichen Liebe für das , nur in diesem einzigen Punkte ihm entzogene Vertrauen , ihn zu entschädigen wünsche ; gerade dies aber war es , was ihn in Verzweiflung setzte . Und Graf Stephan war noch immer an das Lager der peinlich langsam hinscheidenden Gattin gefesselt , und jetzt wirklich geistig unfähig , an irgend etwas andrem in der Welt Antheil zu nehmen ! Endlich wurde Richard eines Abends zum Fürsten gerufen ; erwartungsvoll trat er ins Zimmer , und sah Mr. Mitchels gemeine Figur , in breiter Aufgeblasenheit und tiefer Demuth über die ihm widerfahrene Ehre , hinter einem großen Tische etablirt , der mit Proben neu erfundner Fabrikate bedeckt war ; mit Modellen , Zeichnungen von Ackergeräth , Eisenbahnen , Tunnels , Dampf- und Spinnmaschinen und ähnlichen Wundern unsrer erfindungsreichen Zeit . How do you do ? krächzte die widerliche Erscheinung ihm entgegen . Es war als führe ein Dolchstich ihm in die Brust , er glaubte auf das bitterste sich verhöhnt , wandte sich , wollte zur Thüre , am liebsten zum Leben hinaus , wußte aber in der Verwirrung selbst nicht was er wollte , fühlte von zwei ihn umschlingenden Armen sich gehalten , und sah dicht vor sich die geliebten Züge , die freundlichen Augen des ihn umfangenden Fürsten , fast bittend ihn anlächeln . Das war nicht meine Absicht , gewiß das war sie nicht ! sprach Andreas , indem er ihn fester an sich drückte , ehe er ihn los ließ und nur Mitchels starr auf ihn gerichteter Blick verhinderte ihn , sich unter Thränen der Reue an die Vaterbrust zu werfen , wie er als Kind so oft gethan . Gewöhne das verwünschte Gerührtsein Dir ab , es steckt an wie der Schnupfen ; flüsterte der Fürst ihm zu , hustete ein wenig , griff deshalb nach seinem Taschentuche , und näherte mit Richard sich dem Tische , auf welchem Mitchel seine Raritäten ausgebreitet hatte . Wie konntest Du dem Zufalle überlassen , ob es ihm belieben würde , mir die höchst schätzbare Bekanntschaft Deines Landsmannes zuzuführen oder nicht ? Verdient diese Vernachlässigung nicht einige Strafe ? sprach Fürst Andreas mit seiner gewohnten verbindlichen Art gegen an Rang ihm untergeordnete Fremde , und laut genug , daß Mitchel es hören konnte . Wäre mein Kammerdiener nicht so glücklich gewesen , Herrn Mitchel im Zeitungsklubb anzutreffen , und nicht so gescheit gleich einzusehen , welchen unschätzbaren Werth seine Bekanntschaft für mich haben müsse , ich hätte sie vielleicht zeitlebens entbehrt : fuhr er auf die nämliche Weise fort . In der That , Herr Mitchel ist für mich eine wahre Fundgrube von Allem , was mich erfreut und interessirt . Ich bitte , lassen Sie uns nochmals den Plan des Tunnel vornehmen , und - doch vorher noch ein Wort mit Dir , Richard : setzte er hinzu , indem er mit diesem ein wenig seitwärts trat . Du weißt , der Braune mit den weißen Füßen , der Dir so wohl gefiel ? sprach er halblaut : Du findest ihn morgen in Deinem Stalle , ich habe ihn hineinführen lassen . Keinen weitläuftigen Dank ; daß ich weiß , daß ich Dir eine Freude damit mache , ist mir genug ; obgleich Du ihn für jetzt noch nicht sobald nöthig haben wirst , als wir es meinten , denn der Kaiser hat die Revue wieder abbestellt . Die Revue ? Die Revue ? rief Richard heftig . Nun ja , die Revue bei Beleja Tserkoff , die nächsten . Dienstag über acht Tage gehalten werden sollte . Sie ist ganz aufgegeben , wird wahrscheinlich nie Statt haben , in diesem Jahre wenigstens gewiß nicht ; antwortete der Fürst und setzte gleich darauf im gleichgültigsten Tone von der Welt hinzu : jetzt , Herr Mitchel , sind wir ganz zu Ihren Diensten . Vater ! o mein Gott ! ist es möglich , rief Richard außer sich , wie verwildert vor freudigem Erstaunen . Ob Du ein Kind bist ! über ein neues Spielzeug , über ein artiges Pferd so in Entzückung zu gerathen ! lächelte der Fürst , indem er Richards ungestümen Freudenbezeigungen sich zu entziehen suchte . Glückliches Alter ! nicht wahr , Herr Mitchel ? wer das auch noch so könnte ! Noch ehe der Fürst diese Worte vollends ausgesprochen , war Richard schon zur Thüre hinaus , zu Helenen . Er fand sie in ihrem , nur ihm und ihren nächsten Freunden zugänglichen Arbeitszimmerchen , in welches sie sich Abends unter irgend einem Vorwande zurückzog , so oft sie schicklicher Weise es konnte , um von der betäubenden Nichtigkeit des Lebens in der großen Welt sich zu erholen . Fröhlich trat sie ihm entgegen , ohne über seinen stürmischen Eintritt zu erschrecken , und rief , sich ein wenig wendend : siehst Du , Alte ? Hatte ich nicht Recht , als ich Dir im Voraus sagte , daß die Freude über meines Vaters Geschenk ihn noch heute Abend zu uns führen würde ? Und zu seinem nicht geringen Verdrusse mußte jetzt Richard aus der dämmrigsten Ecke des nur von einer einzigen Lampe schwach erhellten Kabinets die gebeugte , eisgraue Gestalt der Amme sich entwickeln sehen , an die er seit langer Zeit eben so wenig gedacht hatte , als meine geneigten Leser es gethan haben mögen ; denn die gute Frau hatte in den letzten Jahren , wenn gleich nicht geistig , doch körperlich sehr gealtert , und verließ jetzt nur sehr selten das ihrer Thätigkeit besonders angewiesene Revier in den innern Gemächern der Fürstin Eudoxia . Schick sie fort ! o schick sie fort ! bat Richard in englischer Sprache , welche Frau Elisabeth nicht verstand , die indessen mit durch die Jahre wahrlich nicht verminderter Redseligkeit , in Freudensbezeugungen über das lang entbehrte Wiedersehen ihres Lieblings sich ergoß . Helena , wie konntest Du mir so etwas anthun ! denn Du erwartetest mich doch ! o schick sie fort ! Erlaube meinem übervollen Herzen nur ein einzigesmal sich vor Dir zu ergießen ; Du siehst ja , mir ist wie dem Galeerensclaven , dem nach unendlich peinvoller Zeit die Ketten abfielen . Warum willst Du der armen Elisabeth es nicht gönnen , Dich zu sehen , den sie so lieb hat ! sie kommt so selten aus ihrem Zimmer ; erwiederte Helena in der nämlichen Sprache , und wandte sich dann an die Amme . Nicht wahr , Mütterchen , Du hast auch Richards neues Pferd gesehn ? Ob ich es gesehn ! war die Antwort : hieß Fürst Andreas mich nicht expreß ans Fenster rufen , als er im Hofe es sich vorführen ließ ? Das schöne Thier , mit den netten zierlichen Füßen , wie tanzte es , wie brüstete es sich als es meine junge Gebieterin trug ! Aber das sage ich Dir , Richard , in Beleja Tserkoff muß sie es wieder reiten , Du mußt es ihr leihen . Dich , Helena , Dich hat es getragen ? rief Richard entzückt . Weißt Du nicht mehr welche muthige Reiterin ich bin ? erwiederte sie : übrigens ist das Pferd fromm wie ein Lamm , und doch voll Muth und Feuer ; Dir gönne ich es , sonst Niemand auf der Welt . Und wie sie sich darauf ausnimmt ! wie hingehaucht , so schlank , so leicht ; nahm die Amme wieder das Wort : so etwas , Richard , hast Du nie gesehn . Wie die kleinen Händchen den Zügel fassen ! wie sie das Pferd zu regieren weiß , wie sie es tummelt ! und wie das kluge Thier jedem ihrer Winke sich fügt und unter ihr einher tanzt , schnell , gewandt , behend wie ein Sonnenstrahl , oder vielmehr wie ein Blitz . Das muß der Kaiser , die Kaiserin , der ganze Hof , meinetwegen die ganze Welt muß das sehn ! Weder die Welt , noch der Hof wird dieses wundervollen Schauspiels sich erfreuen , denn es giebt diesmal bei Beleja Tserkoff weder Revue noch Fêten , der Kaiser hat diesen Mittag alles wieder abbestellt , fiel Helena der in ihrem Lobe sich verjüngenden Amme lachend ein . Die Alte brach in bittre Klagen darüber aus , und Richard benutzte diesen Augenblick , um nochmals um nur eine ungestörte Viertelstunde mit Helena anzuhalten , doch abermals vergebens . Du siehst mich so glücklich ! wahrlich , nur Erfreuliches solltest Du heute von mir vernehmen , keine Frage sollte Dich belästigen , warum darf ich Dir nicht mittheilen , was mein ganzes Herz so freudig bewegt , warum Dir nicht zeigen , welche zentnerschwere Last ihm abgenommen ward ? bat er . Ich freue mich mit Dir , ohne den Grund dazu erfahren zu wollen ; erwiederte Helena freundlich aber fest , und Richard fühlte zum erstenmale durch den kalten Ernst , mit welchem diese wenigen Worte ausgesprochen wurden , sich verletzt . Unfähig , den Mißmuth gänzlich zu unterdrücken , der in ihm sich mächtig zu regen begann , eilte er sich zu entfernen , um Helenen zu verbergen , wie schwer es ihm falle den Zwang zu ertragen , der gerade in dem Augenblicke , wo er ihrer Theilnahme am bedürftigsten war , den Mund ihm verschloß . Wie immer , wenn das äußere Leben ihn drückte , führte sein Herz ihn zu seinem Freunde Stephan , obgleich er wenig Hoffnung hatte , bis zu ihm selbst durchzudringen . Diesmal fand er den Vorhof und die untern Räume des Hotels wunderbar verödet ; überall herrschte die ungestörteste Stille , keine lebende Seele ließ sich blicken , sogar der Portier hatte seinen gewohnten Platz verlassen . Unheimlich schaudernd , mit unhörbar leisem Schritte stieg Richard die breite Treppe hinan , ging durch die lange Reihe von Zimmern und Sälen , alle standen offen , alle waren öde und leer , bis er in die Nähe des zu dem Appartement der Gräfin gehörenden Vorsaals gelangte . Hier weiter zu gehen wagte er nicht ; Weihrauchdüfte quollen durch die verschlossene Thüre ihm entgegen , ein seltsam dumpfes Geräusch , wie unterdrücktes Weinen und Schluchzen vieler Stimmen wurde hörbar , er glaubte dazwischen den tiefen murmelnden Ton leise betender Priester zu unterscheiden , und fühlte von bangen Vorahnungen sich ergriffen . Jetzt flogen die Flügelthüren auf : er sah die ganze hier versammelte Dienerschaft des Grafen dicht zusammen gedrängt den weiten Vorsaal erfüllen . In Thränen , leise jammernd und schluchzend , lagen sie Alle auf den Knieen , tief gebeugt berührten ihre Häupter den Boden . Eine leichengleiche Gestalt wurde sorgsam zwischen den Weinenden hindurch getragen , Graf Stephan ; bis zum Unkenntlichen durch langen Schmerz entstellt , lag er in den Armen seiner Diener ; selbst einem Sterbenden ähnlich wankte Walter neben seinem geliebten Herrn einher , zu entkräftet , um einen Theil der Last auf sich nehmen zu können . Todt ! todt ! rief Richard , und eilte auf die entseelte Gestalt des seit vielen Wochen entbehrten Freundes zu . Ruhe ! Ruhe ! gebot der ihn zurückhaltende , ihm wohlbekannte Hausarzt : noch lebt er , aber ein einziger unvorsichtiger Hauch kann den schwachen Lebensfunken auf immer verlöschen . Blicken Sie dorthin , die Gräfin ist so eben verschieden , und gönnen Sie ihrem armen Freunde den todtenähnlichen Schlummer , die starre Gefühlslosigkeit , durch welche die immer gütige Natur über diesen fürchterlichen Augenblick ihm hinaushilft . Stephan hatte muthig bis zum letzten Hauche der Sterbenden ausgehalten ; seine zitternde Hand hatte die Augen zugedrückt , welche bis dahin die Sonne seines Lebens gewesen , und erst nachdem er dieses vollbracht , war er zusammen gesunken . Die Dienerschaft war als Zeuge des letzten , zum Übergange in die Ewigkeit sie einweihenden Sacraments , an das Sterbebette ihrer Herrin berufen worden ; die treuen Seelen hatten jede zu laute Äußerung ihres Schmerzes , aus Schonung für ihren Gebieter , bis dahin unterdrückt ; doch jetzt , da sie auch ihn anscheinend entseelt durch ihre Reihen tragen sahen , glaubten sie sich doppelt verwaist , und brachen in lautes herzzerreißendes Jammergeschrei aus . Richard warf einen Blick über die zum Boden gebeugten Häupter der Knieenden hinweg in das Sterbezimmer , dessen weit geöffnete Thüren die in schmerzloser Ruhe still da liegende Hülle der Freundin ihm zeigten , die als rührendes Beispiel duldender Ergebung ihm stets vorgeleuchtet , deren milde Rede , deren sanftes Auge , einst auch ihm Trost und Hoffnung in das Herz gesprochen . Der Tod hatte jede Spur der jetzt überstandenen herben Leiden vertilgt , die Anmuth in ihren Zügen war wieder erblüht , die in glücklichen Jugendtagen als eine der lieblichsten Erscheinungen sie bezeichnete . Das vom hellen Scheine hoher geweihter Kerzen beleuchtete Sterbezimmer , war ein heiliger Tempel geworden ; umgeben von Priestern in ihrem reichen , im Glanze der Kerzen hell schimmernden Ornate , schien ihr Lager , vor Kurzem noch der Zeuge unsäglichen Leidens , jetzt zum Altar umgewandelt , auf welchem sie selbst als das rührendste Bild einer schlummernden Heiligen ruhte . Ein Strahl belebenden Trostes dämmerte bei diesem Anblicke in Richards weherfülltem Gemüthe auf ; das Grab nebst seinem düstern Grauen vergessend , sah er hier nur den Eingang zum Hafen ewiger Ruhe , und sank weinend aber hoffend neben den laut jammernden Dienern auf die Kniee . Still nachdenkend saß Richard in der Frühe des folgenden Morgens in seinem Zimmer allein , den widerstrebendsten Empfindungen hingegeben . Freude , Trauer , Mißmuth , Hoffnung und Sorge durchwogten sein Gemüth ; er hatte den größten Theil der Nacht am Bette seines noch immer in bewußtlosem Schlummer hinbrütenden Freundes durchwacht , und suchte jetzt für die Obliegenheiten des Tages sich vorzubereiten , und seine Gedanken , wie seine ziemlich erschöpften Kräfte zu sammeln . Das unangenehme Knarren seiner Thüre fiel ihm verdrießlich auf ; er ging sie zuzumachen , und sah ein paar unheimliche , glühende Augen durch die Spalte derselben ins Zimmer hinein starren , als wollten sie sich vergewissern , daß er sich allein in demselben befinde . Richard stutzte einen Augenblick bei dieser Entdeckung , und schnell wie der Blitz sprang ein in einen Mantel gehüllter Mann ins Zimmer hinein , verschloß von innen die Thüre , ließ aber den Schlüssel darauf stecken , und trat dann hastig auf ihn zu . Mit bleichem verzerrtem Gesicht , himmelan sich sträubendem Haar , Wuth entbrannten Augen , die weißen verbissenen Zähne grausig fletschendem Munde , stand der Entsetzliche dicht neben ihm , und Richard glaubte schaudernd in dem unheimlichen Gaste einen der Haft entsprungenen Wahnsinnigen vor sich zu haben . Verloren ! verrathen , Du , ich , wir Alle ! stöhnte dieser mit hohler , kaum verständlicher Stimme , und sank am ganzen Leibe konvulsivisch erbebend , in den ihm zunächst stehenden Sessel . Jetzt erst konnte Richard den Grauen erregenden Besuch schärfer in ' s Auge fassen . Es war Mathias Apostol , Bruder des Sergius . Nie hatte Richard mit diesem in näherer Verbindung gestanden als der , welche der unselige Bund , zu dem sie beide gehörten , unumgänglich erforderte ; nie hatten sie mehr als jene stereotyp gewordenen Redensarten mit einander gewechselt , wie der gesellige Verkehr überall sie herbeiführt . Das finster Abstoßende , das in Apostols ganzer Persönlichkeit sich aussprach , hatte Richarden immer von dem ältern Bruder zurück geschreckt , während er von dem mittheilend lustigen Humor des jüngern , Sergius , wenn gleich stets widerwillig , zuweilen sich hinreißen ließ . Mathias blieb eine Weile , ohne ein Wort aufbringen zu können , mit hoch aufarbeitender , schwer nach Luft ringender Brust , in seinem Sessel liegen , während Richard in der Meinung , er sei plötzlich erkrankt , ihm die Weste aufknöpfte und alles nur Ersinnliche anwandte , um dem Leidenden Erleichterung zu verschaffen . Mathias ließ sich das Alles gefallen ; nur wenn Richard Meine machte die Schelle zu ziehen , um seinen Diener zur Hülfe herbei zu rufen , hielt er mit riesig starker Faust beim Arme ihn fest . Alles ist verloren ! rief Mathias endlich , sobald er nur einigermaßen wieder zu Athem gekommen war , und sprang mit der Geberde wildester Verzweiflung von seinem Sitze auf . Richard starrte voll Entsetzen ihn an . Setze Dir selbst das Alles säuberlich zusammen : fuhr Mathias höhnisch lachend fort : Seit mehreren Wochen ist mein Bruder abwesend , und noch immer ist kein Wort bis zu uns gelangt , das Nachricht von ihm brächte ; gestern wird plötzlich , ohne einen Grund dafür anzugeben , die Revue bei Beleja Tserkoff abgesagt , wir vernehmen aus sicherer Hand , daß die Anstalten zu einer längst projectirten Reise des Kaisers Hals über Kopf beschleunigt werden . Wohin geht die Reise ? Zur Flucht ! zur Flucht ! Alles ist klar wie der Tag , blind müßte man sein , es nicht einzusehen . Die Verschwörung ist entdeckt ! Feile Verräther finden sich überall ; Sergius , mein Bruder , ist gefangen , ist todt ! brüllte er , zerraufte sein Haar , warf sich auf den Boden hin , und verbarg , heulend wie ein wildes Thier , sein Gesicht in die Kissen des Diwans . Ein Ausweg bleibt uns , sprach er , sich wieder vom Boden aufraffend : ein einziger , uns zu retten , den gemordeten Bruder zu rächen . Sie sind zu feig gleich thätig einzuschreiten , sie wollen jene Reise erst abwarten , um sicherer zu gehen . Sicher ! rief er wieder auflachend , sicher ! o ja , ich bereite Euch die Bahn zur ewigen Ruhe , wartet nur , dort seid ihr sicher genug . Ich komme Euch zuvor , bevor Ihr den Muth habt , den Schlag fallen zu lassen , der uns zerschmettern soll . Ich , ich allein , wartet , wartet nur , ein günstiger Moment , ein einziger , und es ist vollbracht . Mein Auge trügt nie , meine Hand trifft immer das Ziel . Es giebt eine Waffe , fing er nach einer Pause scheinbar in ruhigerem Tone wieder an , während Richard vor ihm stand , noch immer unschlüssig , ob Wahnsinn oder Überzeugung aus dem Furchtbaren spreche : eine Waffe , fuhr Mathias fort , ohne Knall , ohne verrathendes Aufblitzen ; gleich dem leisen unhörbaren Pfeile des Wilden , führt sie die Kugel zum Ziel . Du , Du bist der Einzige , der dem Befehle entgegen zu handeln wagt , welcher ihren Besitz hoch verpönt ; ich habe diese Waffe in Deinen Händen gesehen , nun fordere ich sie von Dir , und Du hast nicht das Recht sie mir vorzuenthalten . Du bist mein Bruder durch jenen heiligen Schwur , der uns beide zur Rettung unsers Vaterlandes verbindet ; gehorche dem Gebote des Bundes . Richard besaß wirklich eine kleine , aber auserlesene Sammlung seltner Waffen , die aus seiner frühesten Jugendzeit herstammte , wo er , halb ein Knabe noch , mit ungemeinem Eifer sie zusammen brachte , theils durch Tausch mit Freunden seines Alters , doch mehr noch durch Geschenke , welche von allen Seiten dem Lieblinge des ganzen Hauses zuströmten . Das zuletzt erhaltne war der reich verzierte Türkendolch , welchen Eugen , bei Richards Eintritt in die Kaserne , diesem verehrt hatte . Seitdem hatte die Lust sich mit solchen Spielereien ernstlich zu beschäftigen bei ihm sehr abgenommen ; die Waffen wurden an der Wand eines an sein Zimmer anstoßenden Kabinets zur glänzenden Trophäe auf das geschmackvollste geordnet ; sein Blick weilte zwar oft und gern auf denselben , doch nur als auf einem sehr werthen Andenken früherer Tage . Diese Trophäe , von welcher eine vom Fürsten Isidor einst zufällig erhaltne Windbüchse den Mittelpunkt bildete , welche aber theils wegen der geringen Zierlichkeit ihrer Form , theils wegen des auf ihr ruhenden Verbotes , von anderen glänzenderen Waffen fast ganz verdeckt wurde , war gerade der offen stehenden Thüre des Kabinets gegenüber angebracht , und Mathias brauchte nur die Augen aufzuschlagen , um sie zu bemerken . Doch würde er in seinem leidenschaftlichen Zustande sie vielleicht fortwährend übersehen haben , hätte nicht die Eile , mit welcher Richard jetzt jene Thüre schließen wollte , seine Aufmerksamkeit dorthin gewendet . Den Gegenstand den er forderte entdecken , und mit einem gewaltigen Sprunge Richarden zuvorzukommen suchen , war das Werk eines Augenblickes ; doch gelang es dennoch dem behenderen Richard , seinen Zweck zu erreichen . Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die nun fest verschlossene Thüre und gelobte mit einem hohen theuern Eide , jenes gefährliche Werkzeug niedern Meuchelmordes nur mit seinem Leben sich entreißen zu lassen . Mathias , unter Fluchen und wüthenden Beschuldigungen der Untreue gegen den Bund , warf sich über ihn her , um seinen Widerstand zu bewältigen ; ein Ringen entstand , bei welchem nur Richards große persönliche Gewandtheit es ihm möglich machte , der ihm überlegenen , durch wahnsinnige Wuth noch gesteigerten Körperkraft seines Gegners nicht gleich zu erliegen . Daß ein anfangs gemäßigt leises , dann immer lauter werdendes Klopfen an der äußern Thüre , unter diesen Umständen von den Kämpfenden nicht vernommen werden konnte , war natürlich ; doch dieses Pochen ging allmälig in laut donnernde Versuche über , die schon krachende Thüre gewaltsam zu erbrechen ; Mathias hielt einen Augenblick mit Ringen ein , und Richard gewann dadurch Zeit sie zu öffnen . Plagt Euch alle beide der Teufel ? was treibt ihr hier in aller Frühe für ein Specktakel , ungezogene Buben , wißt Ihr nichts Besseres zu thun ? rief lachend Sergius . In Lebensgröße , ganz unbeschädigt stand er vor ihnen ; Mathias schrie laut auf , und stürzte ihm in die Arme , während Richard die Windbüchse von der Wand riß , und sie zertrümmerte . Daß die Fehde zwischen ihm und seinem Gegner jetzt beendet war , versteht sich von selbst . Übrigens hielt Sergius es eben nicht für nothwendig die Gründe anzugeben , die ihn bewogen hatten , sowohl seine Brüder als die Häupter des Bundes so lange Zeit ohne ein einziges Zeichen seines Daseins zu lassen . Er erzählte nur ganz in der Kürze , daß er , nach seiner am gestrigen Abend spät erfolgten Ankunft , sich sogleich zum Fürsten Andreas begeben , bei welchem er bis tief in die Nacht hinein verweilte , und dann reisemüde die Ruhe suchte . Ungeachtet er , eben so wenig als seine Brüder , mit Richard jemals in näherem Umgange gestanden , hatte dennoch ein übrigens nicht bedeutender Auftrag des Fürsten , bei seinem nächsten Ausgange am folgenden Morgen ihn zu demselben geführt , und so war er denn glücklicher Weise , ein ächter deus ex machina , in jene tragikomische Scene zur Beendigung derselben hinein gefallen . Der Auftrag des Fürsten an Richard bestand hauptsächlich in der Versicherung , daß ganz gleichgültige , unbedeutende Ursachen , hauptsächlich der Überdruß davon so unablässig sprechen zu hören , den Kaiser bewogen , jene Revue aufzugeben . Übrigens setzte Sergius noch hinzu , daß er die feste Überzeugung mitgebracht habe , daß Niemand weder in noch außerhalb Petersburg an Verrath denke , und Alles so ruhig sei , als es unter solchen Umständen nur immer möglich wäre . Die sorgsamste Pflege hatte in physischer Hinsicht die Gesundheit des unglücklichen Grafen Stephan zwar einigermaßen wieder hergestellt , doch sein von so vielen schnell auf einander folgenden Schlägen hart getroffnes Gemüth konnte nicht wieder genesen . Vergebens mühete Richard sich in Versuchen ab , ihn wieder dem wirklichen Leben zuzuführen , er war für die wichtigsten Angelegenheiten desselben völlig gefühllos geworden . Seine geistige Kraft war abgestumpft , sein Gefühl für alles außer seinem unwiederbringlichen Verluste war ertödtet , und Vaterlandsliebe , die ihm früher die Brust mit glühender Begeisterung erfüllte , war ihm jetzt nur ein leerer Klang , ohne Sinn und Bedeutung . Das sonst für alles Große , Gute und Schöne so warme Herz , lag kalt und erstorben ihm in der Brust , ohne Hoffnung , wie ohne Wunsch , weder Freude noch Leid konnten es wieder wecken . Er verlangte mit dem äußern Leben weiter keine Gemeinschaft zu haben , seine Seele war bei den Todten . Und doch , und zwar in der allerwiderwärtigsten Gestalt , drängte dieses Leben , das ihn anekelte , in den eng abgeschlossenen Kreis seiner Gedanken und Gefühle sich ein . Habsüchtige entfernte Verwandte , welche jetzt einige Hoffnung gewonnen hatten , den Kinderlosen einst zu beerben , meinten dadurch sich jetzt schon berechtigt , in die Verwaltung seiner Angelegenheiten und seines Vermögens eingreifen zu dürfen . Sie machten sogar schon einige Anstalten den schwermüthigen Vetter , den sie gern für blödsinnig ausgegeben hätten , für ' s erste wenigstens unter Vormundschaft zu stellen , und quälten und verfolgten ihn auf das widerwärtigste mit ihren endlosen Zumuthungen . Schon waren sie nahe daran , den ganz Muthlosen durch Überdruß zur Erfüllung von allem was sie verlangten zu bewegen ; doch Fürst Andreas oft erprobte Freundschaft erhob sich jetzt in lobenswerther Thätigkeit zu seinem Schutze . Von seinem treuen Walter begleitet , ging Graf Stephan auf Zureden seines edlen Freundes nach Italien , um unter einem milderen Himmel , entfernt von allem was allzu herbe Erinnerungen in ihm aufregen mußte , einstweilen unter fremdem Namen , ein