Platz zu finden ; sie vermied ihn beinahe auffallend , und es schien ihm , als wenn sie überhaupt kalt und fremd gegen ihn sei . Er kam also in die Nähe Elsheims und Albertinens und sah es nicht ohne Eifersucht , wie freundlich Charlotte mit dem neu angekommenen Sänger sprach . Dadurch verstimmt unterhielt er sich um so eifriger mit Albertinen , die ihn gern anzuhören schien . Elsheim war sehr vergnügt über die eingefangenen Virtuosen und sagte zu Emmrich : » Erst jetzt fällt es mir bei , wie wenig ich bei meinen leidenschaftlichen Theaterversuchen meiner guten Mutter und ihres Enthusiasmus für die Musik gedachte . Wie wird sie sich freuen , wenn sie wiederkommt , und wir ihr Konzerte geben , vielleicht gar Belmont und Constanze teilweise oder ganz aufführen können . Dann erst wird sie mit unserm Theaterbau ganz zufrieden sein . « Man machte schon allerhand Projekte , und Leonhard stand zwar gesättigt und gestärkt vom Tische auf ; dennoch fühlte er , daß er der Ruhe bedürfe , um im Schlaf , wo möglich , alles das zu vergessen , was er an diesem Tage erlebt hatte . Fünfter Abschnitt Die alte Baronesse war wieder eingetroffen und heiterer , als es der Sohn erwartet hatte . Sie hatte in der Residenz fröhliche Tage verlebt , und ihre Begleiter und Verwandten mußten dort auch ihre Klagen über die eingebildete Beleidigung aufgeben , da sie auf Erkundigung von allen Seiten vernahmen , daß Goethe ein vornehmer Mann und großer Dichter sei . Sie nahm es also mit Heiterkeit auf , als ihr Sohn ihr sagte , daß er auf morgen , zu ihrem Geburtstage , ein Lustspiel von Shakspeare aufführen würde . Emmrich hatte das Kostüm so angeordnet , daß es geschmackvoll war , ohne irgend auf Gelehrsamkeit oder Genauigkeit Anspruch zu machen . Er hatte sich schon früher ungefähr so geäußert : » Der Dichter hat diesmal nicht , wie so oft , die Szene nach Italien gelegt . Italien galt ihm und den Zeitgenossen auch nur für ein Land der Poesie und Abenteuer . Die vielen kleinen sich ungleichen Staaten dort , die Welt von Novellen , die die Engländer sehr genau kannten , die vielen Reisen dahin hatten ihnen Florenz , Mailand , Venedig und Verona , sowie andere Städte und ihre Namen , sehr geläufig gemacht . In diesem poetischen Scherz von Zufällen und Seltsamkeiten aber wollte der Dichter die Sache noch weiter ab in eine fast unbekannte Region verlegen . Wollten wir nun die Bücher nachschlagen , oder aus älteren Gemälden die Trachten jener Illyrier uns versinnlichen , so könnte man in Gefahr geraten , daß unser verliebter , feingebildeter Fürst unserem Auge als ein Spaßmacher oder komischer Charakter erschiene , dessen Anzug uns zum Lachen stimmte . Der dramatische Dichter , vorzüglich im Lustspiel , kann nur Kraft gewinnen und die Zuschauer täuschen und überzeugen , wenn er Anspielungen , Sitten und Gesinnungen aus seiner Zeit nimmt . Dies haben die Engländer , vorzüglich Shakespeare , immer beobachtet . Denn dem so ist , so könnte leicht die Poesie mit dem sogenannten Kostüm im Widerspruch stehen und in Krieg geraten . Es ist also besser , eine allgemeine poetische Kleidung anzunehmen , die auf alle jene Zeiten und Stücke paßt , die sich in einem dichterischen Elemente bewegen . « Man hatte also die hergebrachte ältere italienische Tracht angenommen Der Herzog ging in weißen Unterkleidern und in saffrangelbem seidenem Mantel ; Malvolio schwarz , Tobias mit einem roten Mantel , und Andreas ledergelb . Viola ohne Mantel , in einem kurzen , himmelblauen , unter den Knieen zusammenschlagenden Überrock , Krause , sowie den Aufschlag an den Schultern weiß , einen roten Gütel eng um die Hüften , in welchem ein feiner Degen hing . Ebenso trug sich ihr Bruder . Olivia anfangs in Schleiern und in tiefer Trauer , gegen das Ende des Stücks in rosafarbnem Atlas . Der festliche Tag war nun erschienen . Für die Mutter des Gutsherrn war wieder ein eigener Sessel vorn , ziemlich nahe an die Bühne , hingestellt , welche etwa nur um drei Fuß erhöht war . Die Dienstleute und Dorfbewohner waren wieder zugegen ; auch die Gerichtshalter und einige Justizpersonen , sowie verschiedene Beamte und Verwalter aus der Umgegend hatten sich eingefunden . Die Baronesse war anfangs überrascht , daß der Saal anders eingerichtet , und das Theater in die Länge verlegt war . Die Bühne selbst machte einen angenehmen und heitern Eindruck , und kündigte ersichtlich an , daß sie zu einer Festlichkeit bestimmt sei . Der obere Balcon oder Altan wurde von den freistehenden Säulen getragen , deren ionische Kapitäler zierlich vergoldet waren . Unten war die kleinere Innenbühne mit rotseidenem Vorhang verdeckt . Auch die Treppen waren mit farbigen Decken verkleidet , so daß die Bühne an sich selbst sein konnte , was man wollte . Und wo spielt denn diese erste Szene im Original ? Im Zimmer , Saal , Vorhof ? Die Bühne , um sich nicht zu oft in poetischen Werken zu widersprechen , müßte eben fast immer nichts als die Bühne sein wollen , ohne daß ihr der Zuschauer die Rechenschaft abforderte , welchen zufälligen Raum sie eben darstelle . So war es bei den früheren Engländern , eigentlich auch bei den Franzosen zu Corneilles und Molières Zeiten . Selbst im Holberg finden wir noch diese unbestimmte Allgemeinheit . Als sich die Zuschauer geordnet hatten , und die Ruhe hergestellt worden , vernahm man einen Tusch von Trompeten und Pauken . Er erscholl von dem obern Altan , wo man viele Musiker in heiterer und bunter Tracht versammelt sah . Eine allgemeine feierliche Stille folgte dem Trompetengeschmetter . Alsbald trat aus der Gruppe der fremde Sänger festlich geschmückt hervor und sprach einen Prolog , den Elsheim gedichtet hatte , in welchem der Mutter Glück gewünscht wurde , daß dies Spiel sie erheitern möge , und wie sie es ebenfalls nehmen dürfe , für was sie wolle , wie der Titel sage , daß sie aber nicht verkennen solle , wie sehr nächst ihrem Sohne alle Verwandte , Freunde , Bekannte und Untertanen sie liebten und verehrten . Nun trat im Schmuck seiner Rolle Elsheim vor , nebst der Tante , Charlotte , Albertine und Dorothea , und von der Musik begleitet sangen sie ein glückwünschendes Chor , bei dessen Schluß sie sich alle gegen die Baronesse verneigten . Die alte Frau war von dieser Aufmerksamkeit ebenso gerührt als erfreut . Hierauf zogen sich die Schauspieler zurück , und die Tante trat unten zur Tür des Saales herein , um ihren Sessel neben der Baronesse als Zuschauerin einzunehmen . Sodann führten die Musiker oben auf dem Balcon unter der Direktion des fremden Virtuosen die Ouvertüre zu Belmont und Constanze vortrefflich aus . Auch dies rührte die Mutter , daß der Sohn ihr Lieblingswerk zur Einleitung spielen ließ . Als die Symphonie zu Ende war , trat unten Elsheim auf , von Pagen begleitet , denen einige Musiker folgten . Auf verschiedenen Blase-Instrumenten trugen diese zart und lieblich die Introduktion zu der Arie des Belmont vor : » Hier werd ich sie nun sehen . « Diese Melodie phantasierte süß und sehnsüchtig eine geraume Zeit , wurde auf den Wunsch des Herzogs noch einmal wiederholt und dann plötzlich von seiner Ungeduld unterbrochen . In den kurzen Pausen der Musik war es von sehr guter Wirkung , daß oben ein Waldhorn der unten gespielten Melodie wie ein Echo antwortete . Als der Herzog mit seinem Gefolge abgegangen war , zog sich der rote Vorhang unten von der kleineren Bühne zurück , und man erblickte drinnen im beschränkten Rahmen ein Bild , das eine Aussicht auf Feld und See gab , klar und täuschend von Lampen erleuchtet , die seitwärts und unsichtbar in der Tiefe angebracht waren . Aus dieser inneren Bühne trat nun Viola mit dem Capitain des Schiffes die drei Stufen hinunter und sprach vom Lande , wo sie sich befanden ; die Art , wie sie nach dem jungen Fürsten fragte , von dem sie schon im voraus wußte , daß er noch unvermählt sei , ließ es merken , daß sie irgendeinen Plan auf ihn und seine Geliebte habe . Wie sie abgehen , zieht sich der Vorhang der kleineren Bühne wieder zu , und in irgendeinem Zimmer oder Saal treffen Tobias und die kleine Maria zusammen ; Andreas Fieberwange tritt zu ihnen , und die erste der komischen Szenen entwickelt sich . Daß Dorothea dieses schnippische und witzige Mädchen gut spielen würde , hatten alle erwartet ; aber die Mitspieler auf der Bühne und am meisten Elsheim erstaunten , mit welcher Haltung und sicherm Humor Mannlich und Graf Bitterfeld ihre komischen Charaktere anlegten und auszuführen verhießen . Wenn Andreas fragt : Was ist pourquoi ? so bedeutet das nicht , daß er ganz unwissend sei , denn er spricht späterhin einige Worte französisch ganz richtig , sondern er will nur sagen : Was meint ihr , weshalb sagt ihr jetzt noch pourquoi ? Alles dies wurde so herzlich albern und mit so süßer , bescheidener Anmaßung gespielt und gesprochen , daß sich Eslheim gestehen mußte , daß er erst jetzt , so ausgeführt , diese Person und ihre Späße ganz verstehe . Nun erschien Viola , höchst reizend , in ihrer männlichen Tracht . Sie wird zur Olivia als Liebesunterhändler gesendet . Dort im Hause tritt nun die kleine Maria auf , und neckt sich mit dem Narren des Hauses . Nach der Anweisung Emmrichs war dieser in lange , dicht anschließende Pantalons von streifigem Zeuge gekleidet ; ebenso bunt war sein Wams , über welches er einen ganz kurzen dünnen Mantel trug von gelber Farbe . Eine kleine , eng anschließende Kappe bedeckte seinen Kopf , doch ohne Schellen oder andere sonst gebräuchliche Abzeichen des privilegierten Lustigmachers . Um die Schulter hing eine kleine Trommel , fast wie man sie den Kindern schenkt ; um den Hals trug er an einer Schnur eine kleine Flöte oder ein Flageolet , und indem er eintrat , rührte er die Trommel und spielte mit der andern Hand eine Melodie auf seiner Pfeife . Nun erschien nach einer kleinen Szene Malvolio mit Olivien . Emmrich zeigte seine Kunst und Übung in der Darstellung dieses hochmütigen Murrkopfs und halb wahnsinnigen , von sich selbst berauschten Haushofmeisters . Über die unbedeutenden Worte : » Kammermädchen , das Fräulein ruft « , mit denen er abgeht , erhob sich ein lautes und allgemeines Gelächter , so komisch charakteristisch wußte er jedes , auch das Unscheinbare , vorzutragen . Viola , als naseweiser , übermütiger Page , bezauberte alle , und es erschien natürlich , daß sich Olivia in diese frische Keckheit , die mit so leuchtender Grazie umgossen war , vergaffen durfte . - Es machte sich gut , daß unmittelbar nach ihr Sebastian in ganz ähnlichen Kleidern auftrat , denn da keine Verwandlungen nötig waren , wurde das Stück in einem Zuge ohne Unterbrechung gespielt . Der junge Cadet war der verkleideten Schwester in Gesicht , Wuchs , Betragen und Stimme so ähnlich , daß eine Verwechselung beider gar nicht unnatürlich erschien . Man hatte wieder die innere Bühne geöffnet , und die frühere Aussicht auf Feld und Meer zeigte sich von neuem . Die kleine Zwischenszene , in welcher dieser Vorhang sich wieder zuzog , diente dazu , Tische und Stühle während des Gespräches hinter diesen zu stellen , und auf diese Sessel setzten sich Tobias und Andreas sogleich , indem sie die drei Stufen hinaufstiegen , und waren nun mit dem Narren , der zu ihnen trat , wie in einem behaglichen Zimmer . Diese Hauptszene der tobenden Verwirrung wurde mit außerdordentlichem Humor durchgeführt . Das tolle Lied , welches der Narr singt , hatte der Virtuos für die schöne Stimme des Verwalters gesetzt , und es machte wieder einen guten Effekt , wenn in den Pausen zwei Waldhörner oben auf dem Balcon die Melodie wie ein Echo nachtönen ließen . Als aber der schreiende Kanon von den drei Toren mit brüllenden Stimmen gesungen wurde , fiel von Zeit zu Zeit die vollständige Musik oben auf dem Balcon ein und vermehrte so den Lärm , wunderlich von der Trommel und Pfeife des Narren begleitet und erhöht . Drauf Malvolio , feierlich die drei Stufen hinanschreitend und die Lärmer scheltend , die ihn aber verhöhnen . Wieder wird ihm entgegengesungen , und die Tollheit steigert sich immer mehr , bis Malvolio wütend und gekränkt die aberwitzige Gesellschaft verläßt , über welche sein erhabener Zorn und seine falsche Majestät nichts vermögen . Es war sehr lächerlich , mit welcher Feierlichkeit in unterdrückter Wut dieser Malvolio die drei Stufen hinabschritt und sich noch einmal nur mit halbem Blicke umsah , bis sein Profil , das in seinem steifen Ernst Verachtung ausdrücken sollte , vorn im Seiteneingang verschwand . Dieser Szene tollen Übermuts und wilden Lärmens folgt die zart poetische zwischen dem Herzog und der verliebten Viola , die in zweideutigen Worten , die der Fürst nicht faßt , diesem ihre Liebe bekennt . Die Vergänglichkeit der Schönheit wird in wenigen Worten beklagt , und wie Viola die schnell schwindende Rosenblüte der Jungfrauen bestätigt , schien sie bei den Worten : So sind sie auch . Ach ! muß ihr Los so sein , Zu sterben grad im herrlichsten Gedeihn ! ihre Tränen nicht zurückhalten können . Den mutwilligsten Kontrast bildet jetzt der Narr , der eben erst seinen Kumpanen verrückte Liedchen gesungen hat , indem er nun im Gegenteil mit schöner Stimme dem sehnsuchtkranken Herzoge ein rührendes Gedicht vorträgt . Der Verwalter Lenz hatte sich selbst dieses Gedicht komponiert , der fremde Virtuos verwarf aber diese Arbeit und setzte eine neue einfache , aber ergreifende Melodie zu diesem einzig schönen Klaggesange . Man hörte gleichsam den Sänger weinen ; der bedeutsame Rhythmus , der eigentlich schon für das feine Ohr und die gebildete Stimme die Melodie ausspricht , war im Wesentlichen beibehalten , und der tiefsinnige Amphimacer - - , in dem sich die ersten Verse bewegen , ließ den nahe liegenden Anapästen in : » Laß mich frei « ergreifend wechseln , und gerade wirkte der Rhythmus dadurch so außerordentlich , daß weder Amphimacer , noch Anapäst zu steif und regelrecht im Takt festgehalten wurden , sondern die biegsame Stimme sich wie zwischen beiden in den süßesten Klagetönen schwärmend durchschmiegte . Und dann der Übergang in Jamben und Spondeen : » Mit Rosmarin « - » Treu hält es « war wie einer , der aus Tränen und Schluchzen sich zur Resignation oder erzwungenen Heiterkeit erheben will und in diesem Aufschwung nur noch tieferen Schmerz ausdrückt . In der zweiten Strophe , die nach derselben Melodie gesungen wurde , ließ der verständige Lenz nach Anweisung des Komponisten die Stimme mehr wie etwas ermüdet sinken , und am Schluß zog er die Töne und Verse verhallend so ineinander , als wenn ihm keine Sprache und kein Wort in der Erschöpfung der Trauer noch übrig oder möglich wäre . - Dieses schöne Gedicht , das Schlegel so meisterhaft und einfach übersetzt hat , sang Lenz ohne alle Begleitung , nur am Beginn und in den Pausen klang oben auf dem Balcon eine einsame Flöte nach , und ganz fern und unsichtbar ein gedämpftes Waldhorn . Die Rührung war so stark , daß alle Zuschauer weinten , und es war wie notwendig , daß der Narr durch etwas Spaß diese starke Wirkung wieder störte und den Hörer zerstreute , auch um auf den schönen Schluß der Szene mit Viola und dem Fürsten wieder hinüberzuleiten . Wie schön sprach Albertine die berühmte Stelle von der liebenden , im Gram aufgelöseten Schwester ! Und als nun der Herzog fragt : » Starb deine Schwester denn an ihrer Liebe ? « - war sie wie verwirrt und fast in eigner Rührung gefangen , ihr fällt der ertrunkene Bruder ein , und wieder beinahe weinend sagt sie nach einer kleinen Pause : » Ich bin , was aus des Vaters Haus von Töchtern und auch von Brüdern blieb « - und geht , sich selbst gewaltsam aufraffend , mit scheinbarer Heiterkeit zu Olivien . Elsheim , als er vom Theater zurücktrat , war erstaunt , den Professor Emmrich , der gleich wieder als Malvolio auftreten sollte , in der tiefsten Rührung und in Tränen zu finden . » Noch nie « , sagte er , » habe ich die Kunst dieses Werkes , das Überirdische dieser Szene , die ganz in Poesie , Sehnsucht und Mutwillen getaucht ist , so empfunden wie heut . Gelingt eine Darstellung eines so großen Kunstwerks nur irgend , so fördert sie Schönheiten deutlicher an das Licht , die außerdem auch dem Kenner von halbem Nebel verdeckt bleiben . Ich kann mich kaum zu meiner Hauptszene sammeln . « - Er mußte sich Gewalt antun , denn Maria war schon zu Andreas , Fabian und Tobias getreten ; der Brief wurde hingeworfen , und die Männer versteckten sich . Schon beim Abgang des Herzogs war die innere kleine Bühne wieder geöffnet ; zu dieser stiegen die Lauscher empor . Die letzte Hinterwand der kleineren Bühne war grün , wie Gesträuch und Baum ; hier standen sie von den freien Säulen verdeckt , und noch mehr von einzelnem Gebüsch und dünnen Bäumchen , die sie selbst fast unvermerkt hinter den Säulen hervorziehen konnten . Durch diese Einrichtung war es nicht nur möglich , daß sie gesehen wurden , sooft ihr Stichwort es erforderte , sondern es tat auch eine sehr komische Wirkung , wenn die zornigen und lauernden Gesichter auf Augenblicke sich zeigten und dann wieder hinter dem Grün verschwanden , indessen etwas tiefer unten , aber ihnen nahe , Malvolio gestikulierte und keinen Argwohn hegte , daß man ihn in dieser Nähe beobachtete . In dieser Szene mußte Emmrich seine Meisterschaft zeigen . Den Übermut und die verrückte Eitelkeit des ältlichen Mannes , die bis an die Grenze des Unmöglichen gesteigert wird , wußte er so natürlich darzustellen , der zunehmende Aberwitz mit und nach dem Lesen des Briefes war so überzeugend , daß alle Zuschauer sich getäuscht dem behaglichsten Lachen überlassen konnten . Jetzt trat die Leidenschaft der schönen Olivia mehr heraus Andreas selbst wird eifersüchtig und läßt sich von dem hänselnden Tobias bereden , dem jungen Cesario eine alberne Ausforderung zu senden . So löst ein Scherz den andern ab , wenn der vorige seinem Verblühen nahe ist , und das Lustspiel bleibt immer neu und frisch . Nun kommt Malvolio als beglückter Liebender in seiner neuen Tracht . Seine Vertraulichkeit , sein Abspringen von grimassierter Freundlichkeit und lachenden Liebesmienen zu grobem Ernst und Stolz , seine Anspielungen auf den Brief , sein Übermut nachher gegen Tobias lassen ihn jetzt als ganz wahnwitzig erscheinen . Selbst Oliviens Reden enttäuschen ihn nicht als ihr Gemahl , als künftiger Herrscher legt er alles , so unmöglich dies scheint , zu seinem Vorteil aus . Die safrangelben Strümpfe zu der übrigens schwarzen Tracht vollenden das Bild . Die Kniegürtel , kreuzweis gebunden , waren nicht so , wie wir es wohl auf dem Kupferstich in der Shakespearegalerie sehen können , wo der Törichte Bänder oberhalb des Knies so auf dem Schenkel trägt , wie sich wohl ehemals die Jockeys zeigten ; sondern ein Kniegürtel mit Gold auf blauem Grunde hing fast vorn über das Schienbein so steif und fest in Form eines wirklichen Kreuzes herab , daß durch diese Affektation die Erscheinung des Mannes noch abenteuerlicher wurde . Mit seiner Einsperrung geht seine eigentliche Rolle , seine Tätigkeit zu Ende . Nun erfolgt aber das ergötzliche Duell und die Gefangennehmung Antonios . Im Kleide des Pfarrers nahm sich der Narr wieder sehr gut aus , vorzüglich weil Lenz die Gabe besaß , den vorgeblichen Geistlichen mit ganz veränderter Stimme zu sprechen und dann plötzlich in jenen Ton zurückzufallen , den er als Narr angenommen hatte . Gegen das Ende des Stücks erschien nun Olivia in dem roten seidenen Prachtkleide ; alles entwickelte sich , auch der mißhandelte Malvolio trat noch einmal im Schmuck der gelben Strümpfe auf , und das Ganze schloß zur allgemeinen Zufriedenheit . Als alle abgegangen waren , hielt der Narr eine Art von Epilog ; er sang nämlich jenes launige Lied , spielte auf der Trommel und pfiff dazu , indem er auch einige komische Tänzersprünge nach jeder Strophe anbrachte , nach der Anweisung , die ihm Emmrich gegeben , um ganz dem Dichter , seiner Art und Weise zu seiner Zeit zu genügen . Elsheim , Olivia und Albertine hatten sich in ihren Theaterkleidern sogleich in das Parterre begeben , um der alten , sehr zufriedenen Baronesse ihre Glückwünsche zu ihrem Geburtstage darzubringen ; auch Mannlich war den Damen gefolgt , um sich mit der gnädigen Frau wieder auszusöhnen , die ihn auch sehr freundlich empfing . Jetzt zogen sich auf dem Theater jene Vorhänge zurück , welche die Treppen bedeckten , und man sah alle Stufen mit Kindern besetzt , welche Genien vorstellen sollten . Alle hatten Blumenkränze und bunte Girlanden in den Händen und so schwebten sie herab , stellten sich vorn auf die Bühne und bildeten mit den Blumen den Namenszug der Baronesse . Die größeren standen auf den Stufen und trugen auf den Händen und Schultern die kleineren Kinder . Jetzt sprangen diese von den Schultern herunter , die andern verließen die Stufen , die innere kleine Bühne war plötzlich frei , und auf einem Altar prangte das wohlgetroffene Bildnis der Besitzerin des Schlosses . Genien umhängten das Portrait mit grünen und farbigen Laub- und Blumen-Gewinden . Ein glückwünschender Chor ließ sich bei einer sanften Musik vernehmen . Indem alle noch mit gespannter Aufmerksamkeit auf dieses unerwartete Schauspiel hinblickten , öffnete sich der Vorhang des höheren Balcons , den man zugezogen hatte , und dort zeigte sich im glänzendsten Transparent der Name der Besitzerin , und Rosen , Sterne und Blumengeflechte , bewegten sich kreisend im buntesten und hellsten chinesischen Feuer um die Namenszüge . Auch hier standen Genien , und diese verschiedenen Kindergruppen auf der obern und untern inneren Bühne , sowie die Gestalten auf den Stufen seitwärts bildeten einen anmutigen Anblick , da sie zierlich und mit Geschmack geordnet waren . Eine sanfte Musik erklang , die verschiedenen Vorhänge wurden wieder zugezogen , und das ganze Schauspiel war beendigt und beschlossen . Elsheim fühlte sich dem Professor Emmrich und den übrigen Freunden verpflichtet , daß sie , die Festlichkeit auf diese Weise ergänzend , ihn selbst mit diesem anmutigen Schauspiel überrascht hatten , denn Emmrich hatte die Kinder heimlich eingeübt und alles ohne des Barons Mitwissen veranstaltet . Die Baronesse war so vergnügt und zufrieden , wie sie es seit Jahren nicht gewesen war , und wie der Mensch in der Regel in solcher Stimmung auch am liebenswürdigsten ist , so zeigte sich die alte Dame an diesem frohen Abend so einnehmend , wie der Sohn sie fast noch niemals gesehen hatte . Da die Aufführung dieser Komödie , die so ganz außerhalb der Linie hergebrachter Forderungen und Gewöhnungen liegt , so außerordentlich gut gelungen war , so beschloß man , sich recht bald diesen Genuß zu erneuern . Elsheim , der Emmrich im Garten antraf , sagte zu diesem : » Ich kann noch von meinem Erstaunen darüber nicht zurückkommen , mit welcher Vortrefflichkeit Mannlich und der Graf ihre Rollen gespielt haben . Ich bekenne , Sie hatten recht , Professor , ob ich gleich die Richtigkeit Ihrer Ansicht , der Anweisung , die Sie den beiden Herren gaben , nichtsdestoweniger mehr und mehr bezweifeln möchte . « Emmrich lachte , dann sagte er : » Ich wundere mich dennoch , Freund , daß Sie mich und meine Absicht nicht gleich verstanden haben . Die beiden Männer waren nur dadurch gute Komödianten , daß sie einmal Gelegenheit hatten , sich selbst , ohne es zu wissen und zu wollen , ganz darzustellen . Sie sind selbst so , wie sie jetzt gespielt haben , was sie aber niemals eingestehen werden ja selbst nicht einmal erfahren dürfen , wenn es ein andermal wieder gelingen soll . Glauben Sie mir , könnte man mit den wirklichen Komödianten zuweilen ein ähnliches Experiment machen so würden wir uns zuzeiten vortrefflicher komischer Darstellungen zu erfreuen haben . Wie mancher bewunderte tragische Held würde einen Zettel in der Sommernacht von Shakespeare meisterhaft geben , wenn man ihm insinuieren dürfte : Vortrefflichster ! erobern Sie durch Ihre Talente diesem so lange verkannten Manne seine Würde wieder . Er ist ja ein großes , ja einziges Talent , wofür ihn seine Genossen , die Bürgersleute , auch anerkennen . Die Probe , die er als Tyrann deklamiert , ist ja ein vortreffliches Gedicht und muß nun ebenso , etwa wie Sie schon sonst den Macbeth oder Otto von Wittelsbach gespielt haben , deklamiert und gespielt werden . Der schadenfrohe Puck , ein bösartiger Kobold , heftet diesem Manne nachher einen Eselskopf an . Soll dies etwas beweisen ? Soll der schlechte Spaß , wodurch man von je die größten Männer verunglimpft hat , ein kritisches Urteil enthalten ? Die zarte Titania beweist es ja , daß sie trotz dieser Entstellung seinen hohen Wert wohl zu schätzen weiß . Nachher wird sein herrliches großes Spiel vom Fürsten und den Aristokraten verlacht und bitter getadelt . Ist es nicht unbegreiflich , daß hier noch niemals ein feiner Sinn die wahre Meinung des großen Dichters geahndet oder gewittert hat ? Diese Lysander und Demetrius , die Hochmütigen , die sich soeben im Walde noch wie Toren und Rasende betragen haben , diese haben wohl viel Ehre mitzusprechen ? Daß solche Junker und Despoten den hohen Kunstwert eines Zettels nicht verstehen , ist eben sein größtes Lob . Verschließen diese doch in der Regel gegen alles Herrliche Auge und Ohr . - Zweifeln Sie dennoch , daß , wenn sich der Held so bearbeiten ließe , und er diese Überzeugung in sich aufnähme , er diesen Zettel nicht viel besser und ergötzlicher , als seinen Macbeth und Otto spielen würde ? « Elsheim sagte : » Ja , ich gestehe , ich habe den Schalk in Ihnen nicht erkannt . « » Einige Wahrheit « , fuhr der Professor fort , » ist aber auch außerdem in dieser Übertreibung . Denn selbst gute komische Schauspieler in Deutschland , und wie viel mehr in England , verfehlen es darin , daß sie zuviel tun . Sie meinen , sie müssen sich zu dem Toren , den sie abschildern sollen , allzu tief hinablassen . Sie grimassieren , sie kleiden sich zu einem Scheusal um , sie verstellen ihre Stimme und grunzen und näseln nun etwas daher , indem sie jedes Wort hervorheben , den nächsten Spaß durch Augenwinken und Körperverdrehungen ankündigen , daß in ihrem Bilde kaum die Menschheit wiederzuerkennen ist . Ich habe über keinen Schauspieler noch so , wie über unsern großen Schröder , lachen können , und wie ließ er auch durch die lächerlichste Figur sein edles Individuum durchschimmern und erreichte das Höchste , ebenso wie in seinem tragischen Spiel , immer mit wenigen Mitteln . Freilich ist das Lachen viel verschiedener und mannigfaltiger , als das Weinen der Menschen . Im Lachen verrät sich oft in der Gesellschaft der Gemeine und Rohe , der sich lange mit Glück maskieren konnte . Ich bin schon oft melancholisch geworden wenn ein ganzes Schauspielhaus kein Ende des Gelächters finden konnte . Es gibt viele Menschen , besonders in den höhern Ständen , die nur über den Menschen lachen können und mögen , den sie zugleich verachten . Für solche hat Shakespeare weder geschrieben , noch Schröder gespielt . Aber wie gern geben sich so viele Schauspieler mit Freuden hin , bis unter die tiefste Staffel des Menschlichen hinabzusteigen , um dieses für den Gebildeten trostlose Gelächter zu erregen . « » Sehr wahr « , sagte Elsheim . » Diese Empfindungsweise hängt noch mit einer andern sonderbaren Eitelkeit unserer Tage zusammen , die ich fast an jedem Menschen , selbst gebildeten , wahrgenommen habe . Man gibt diesem und jenem ausgezeichneten Talente gern zu , daß es komische Sachen , Charaktere und Lustspiele gut zu lesen und vorzutragen verstehe , aber nicht so in Ansehung des Ernsthaften , Schönen , Rührenden und Tragischen . Selbst über Sie , Freund , habe ich oft dergleichen Urteile gehört . Die meisten , wenn Sie eine Tragödie , oder die poetischen Szenen unsers Goethe oder Schiller lesen , meinen im stillen , unser Freund tut zu wenig , ist zu natürlich , bleibt allzusehr in dem Ton der Konversation und dergleichen mehr . Je stümperhafter , heulender und singender ein solcher diese Gedichte vorträgt , um so schärfer tadelt er Sie . « » Weil , wie unser Mannlich « , antwortete der Professor , » die Leute glauben , der sogenannte Ernst , und was sie Empfindung nennen , müsse den Mund voll nehmen und gleich damit anfangen , sich von der Natur und Wahrheit loszureißen . « Man ging zur Gesellschaft , und es ward beschlossen , noch an diesem Abend die heitere Vorstellung zu wiederholen . Da die Baronesse mit dem Inhalt schon bekannt war , ward sie von dieser zweiten Aufführung noch mehr , als von der ersten , ergötzt . Es waren diesmal weniger Zuschauer zugegen , und auch dieser Umstand trug zur Heiterkeit der alten Dame bei , weil sie sich das erste Mal etwas befangen und bedrängt gefühlt hatte , auch damals in Angst stand , es möchte wieder irgendeine Ungezogenheit vorfallen , die der freigeistige Sohn etwa billigen möchte . Da man nun weder Prolog noch Epilog hatte , so wurden zwei Ruhepunkte im Stücke angebracht , um beim Anfang und in den beiden Pausen einige Musikstücke aufzuführen , welche die Baronesse vorzüglich liebte . Emmrich behauptete zwar , daß das Stück darunter leide , weil diese flüchtige , leichte Handlung auch dadurch hinreiße , daß