wie er sagte , irgendwo Galerieinspektor werden wollte , um nicht mehr mit Menschen , sondern nur noch mit Sachen zu tun zu haben , zu trösten , und nahm sich gleich vor , Versöhnung zu stiften . Er erinnerte sich der Theorie , welche die alte Rektorin für ähnliche Fälle angeraten hatte , begann also damit , dem Herzoge , der jetzt gegen ihn in der gnädigsten Laune war , zu sagen , wie sehr Wilhelmi den Vorfall bedaure und sich seiner Hitze schäme . Der Herzog hatte grade den Brief des Oheims , welcher seine Ankunft nunmehr auf die nächsten Tage verkündigte , empfangen . Er war nachdenklich und in sich gekehrt . » Ich brauche ihn zwar nicht « , erwiderte er auf Hermanns vermittelnde Reden , » aber wenn er kein andres Unterkommen hat , so mag er immerhin einstweilen zurückkehren . « Hierauf sagte Hermann zu Wilhelmi , daß der Fürst nur ungern an die Übereilung denke , deren auch er sich schuldig wisse . Er wünsche nichts sehnlicher als die Wiederkehr des alten bewährten Dieners , ohne den er , wie er fühle , nicht bestehn könne . Über Wilhelmis Gesicht flog es , wie wenn die Sonne im Januar auf Eisfelder scheint , er rief : » Dann ist es freilich meine Pflicht , den Vorfall zu vergeben ! « Kurz , nachdem Hermann noch einige Male hin und her parlamentiert hatte , brachte er die Ausgleichung zustande . Die Szene hatte etwas Diplomatisches . Der Herzog kam , wie zufällig , begleitet von einigen Verwaltern , bis an die Grenze des Parks geritten , dort fand er Wilhelmi , der ebenso zufällig daherum spazierengegangen war . Der Herzog hob sich etwas im Sattel , grüßte den Verbannten und sagte in leichtem Tone , als ob nichts vorgefallen wäre : » Ah ! « - Wilhelmi , der gebückt und einigermaßen verlegen vor dem Herrn stand , erwiderte : » Ja ! « Der Herzog machte einen Gestus nach dem Schlosse zu und sagte : » Nun ? « worauf der andre sich von seinem Freunde in das Schloß führen ließ , und noch vor Abend große Päcke Korrespondenz erhielt , welche freilich inzwischen unerledigt geblieben waren . Hermann , der den Friedensstifter , Festordner , Vertrauten abgeben mußte , nebenbei noch Bräutigam war , und zu allem Überflusse die aufregendsten Entdeckungen gemacht hatte , hätte sich nur gleich zerteilen können , um allen den verschiedenartigen Anforderungen zu genügen . Man verlangte ihn hier , man verlangte ihn dort , man verlangte ihn allenthalben . Im stillen durfte er sich doch die Frage vorlegen , was denn aus allen diesen Dingen hätte werden sollen , wenn er nicht zufällig im rechten Augenblicke hergekommen wäre ? Wahrhaft unleidlich war ihm die Aufdringlichkeit des Amtmanns , der wie an seine Fersen gebannt zu sein schien . Die Bemerkungen dieses Menschen hatten alle etwas Gemeines und Höhnisches , er war der Sklav , der um die Schwächen der Herrschaft weiß , und in dieser Kunde sich dreist und behaglich fühlt . » Sie glauben nicht , mein gnädigster Herr « , sagte er , als er jenen am Abend vor dem Feste auf dem Turnierplätze fand , beschäftigt , die Anstalten noch einmal sorgfältig zu überschaun , » wie viele Verändrungen ein alter treuer Diener mit durchmachen muß , der so ein fünfzig Jahre nebenher gegangen ist . Der Herr Vater würden über diese Gerüste recht lachen und der Herr Großvater kreuzigten und segneten sich gewiß , hörten sie von dem vielen Gelde , was sie gekostet haben . Der Herr Großvater taten nichts , als sparen und schaben , Bäume pflanzen , Feld und Vieh in Ordnung halten . Wie oft erinnre ich mich , aus seinem Munde gehört zu haben : Wenn man alles hätte , müßte man noch etwas mehr zu bekommen suchen . Der Herr Sohn war denn schon anders , brachte Mosen und die Propheten wieder unter die Leute , in der Jugend hatte er ein empfindliches Herz , aber schön war es ; die Liebe brachte ihn nie in groß Leid , er wußte sich immer mit so guter Manier zu helfen . Nachmals , als die Kräfte schwanden , wollte der Selige Gold kochen , späterhin sahen wir Geister , und endlich wurden wir gar fromm und ließen uns von Rom einen Priester kommen , nicht so einen , der in der Sache jung geworden und auferzogen worden ist , nein , einen expreß sich selbst Verfertigthabenden , welche immer , gleich der eigengemachten Leinwand , die besten sein sollen . Nun sind denn endlich Seine Durchlaucht an das Regiment gekommen , da geht alles groß und staatisch zu , ich glaube , sie legen sich sogar mit ihren Orden zu Bette ; das habe ich nun so insgesamt mit angesehn , und was werde ich vielleicht noch alles erleben müssen ! « In diesem Geschwätze fuhr er fort , obgleich Hermann ihn durch dazwischengeworfne verdrießliche Fragen abzubringen versuchte . Endlich rief er : » Wenn ich nur einmal das Glück hätte , die ganze liebe Familie hier beisammen zu sehn ! « Worte , über die Hermann nachdenken mußte , und deren Sinn er nicht ergründen konnte . Man war nunmehr dicht vor dem Tage , um welchen man sich eine so bedeutende Mühe gegeben hatte . Es herrschte die größte Bewegung . Die gemeinschaftlichen Mittags- und Abendtafeln waren aufgegeben worden ; jeder aß , wie und wo er konnte . Schon war das Schloß von Besuch halb voll , denn mehrere vorsichtige Familien hatten es für ratsam gehalten , sich beizeiten in Besitz zu setzen , um nicht , mit der heranflutenden Masse vermischt , übel quartiert zu werden . Niemand konnte sich um diese Gäste bekümmern , und da sie ihrerseits es für unschicklich hielten , vor der Stunde des Festes öffentlich zu erscheinen , so verbrachten sie , in ihren Zimmern eingesperrt , in der Tat eine sehr unbequeme Gefangenschaft . Noch zur rechten Zeit vernahm Hermann , daß jene Gutsbesitzer , die es nicht verschmerzen konnten , uneingeladen geblieben zu sein , einen satirischen Streich auszuführen beabsichtigten , und zu dem Ende in der Stadt , wie in einem Feldlager , zahlreich versammelt wären . Er hielt sogleich mit Wilhelmi und dem Arzte einen Kriegsrat , in welchem anfangs mehrere ideelle und geistige Gegenoperationen zum Vorschlag kamen . Zuletzt aber sah man ein , daß hier die körperlichste Abwehr wohl die beste sein dürfte . Man beschloß daher , auf allen Straßen , die zum Turnierplatz führten , tüchtige Schlagbäume errichten zu lassen , und deren Bewachung sichern Männern mit gemeßner Unterweisung anzuvertraun . Eine augenblickliche Verlegenheit hatte sich erhoben , als Hermann die Liste der Eingeladnen durchging , und deren Zahl mit der Größe der Tribünen verglich , von denen die Standespersonen dem Feste zusehn sollten . Es zeigte sich , daß sie viel zu groß angelegt worden waren ; kamen auch alle Gäste , kaum ein Dritteil der Sitze konnten sie anfüllen . Der Gedanke , das Caroussel vor leeren Polstern stattfinden zu lassen , war nun gar zu unerträglich , man bestimmte sich daher zu einer freilich verzweifelten Auskunft . Die Herzogin sandte nämlich , nachdem vergeblich alle übrigen Mittel und Wege erwogen worden waren , in größter Eile nachträgliche Einladungen an sämtliche Honoratioren des Städtchens , deren Ehehälften und Töchter ab , um durch ihre Gegenwart die dünnen Reihen des Adels zu verstärken . Aber auch dies würde noch nicht genug verschlagen haben , wenn nicht glücklicherweise ein Regiment , welches sich auf dem Marsche befand , in der Stadt eingerückt wäre , um dort auf einige Tage haltzumachen . Kaum wurde bei demselben die Mär von dem Feste ruchtbar , als das ganze Offizierskorps , den Chef an der Spitze , sich auf den Weg machte , und der Herzogin Visite abstattete , worauf es denn auch in corpore seine Einladung empfing . Nun senkte sich die Nacht zur Erde nieder , aber im Schlosse und um dasselbe blieben gewiß gegen hundert Menschen wach . Die Köche sotten und brieten an ihren Feuern , die Tafeldecker ordneten die Speisetische , die Bedienten rannten mit dem Silberzeuge treppauf und treppab , der Haushofmeister bereitete die Dislokation der Gäste vor , und schrieb Nummern an alle Stubentüren . Bei Laternenschein behingen die Tapezierer die Brüstungen der Tribünen mit Teppichen , und vollendeten den Aufputz der Pavillone , in welchen die Kavaliere vor dem Beginne des Festspiels verweilen sollten . Von weitem klang das Hämmern der Zimmerleute , welche die Schlagbäume fertigten , wodurch man die Feier des Tages vor roher Unbill zu schützen gedachte . Auch die fürstlichen Personen genossen wenig Ruhe , insbesondre tat die Herzogin kein Auge zu . Hermann war bei seinem Oheim , der noch vor Abend angekommen , und in der Stadt abgetreten war . Den Inhalt ihrer Gespräche und die denkwürdigen Dinge des nächsten Tages werden wir in den folgenden Kapiteln berichten . Neuntes Kapitel Der Oheim fuhr erschreckt zurück , als ihm Hermann seine Verlobung ankündigte und Zustimmung begehrte . » Das geht nun und nimmer an ! « rief er . » Jetzt also verstehe ich den Brief des armen Kindes , worin sie ängstlich bittet , sie um jeden Preis zurückzunehmen . « Hermann bat vergebens um eine Erklärung dieses Versagens . » Bin ich Ihnen denn so schlimm abgeschildert , lieber Oheim ? « fragte er . » Auch Ihre Briefe waren immer so kalt , und die Tante empfing mich , wie einen Fremden . Weshalb stoßen mich meine Verwandten zurück , da ich so herzlich wünsche , mich ihrem Kreise anzuschließen ? « - » Du gehst deinen Weg , und wir gehn den unsrigen « , versetzte der Oheim . » Ich bitte Sie , entziehn Sie mir die Hoffnung auf Cornelien nicht ganz ! « rief Hermann . » Lassen Sie mich um sie dienen , prüfen Sie mich , lernen Sie mich kennen ! Diese Bitte dürften Sie auch dem Schlechtesten nicht abschlagen . « » Wir wollen vermeiden , uns zu erhitzen « , sagte der Oheim . » Cornelie ist mir von einem alten Freunde , dessen Fleiße ich einen großen Teil meines Vermögens zu danken habe , hinterlassen , sie ist meine Mündel , meine Pflegetochter , ich habe die Pflicht , für ihr Bestes zu sorgen . Ist sie volljährig , so mag sie nach Gefallen über sich entscheiden . « » Volljährig ! « sagte Hermann mit einigem Eifer . » Sie ist jetzt grade sechzehn geworden . « » Oder seid ihr einig « , fuhr der Oheim kaltblütig fort , » so tut , was euch die Gesetze erlauben . Es ist vernünftig , daß man das Glück junger Leute nicht einzig von dem Ja oder Nein der Väter und Vormünder abhängig gemacht hat , denn auch die Alten können sich irren . Klagt also gegen mich , gebt der Behörde eure Gründe an , ich werde die meinigen beibringen , wir wollen es auf den Spruch des Richters ankommen lassen , und du sollst es dann an der Ausstattung nicht merken , daß meine Einwilligung ergänzt worden ist . « Hermann verwarf mit Entrüstung diesen Vorschlag . » Niemals « , rief er , » werde ich ein Mädchen , welches ich liebe , in Zwiespalt mit ihrer Dankbarkeit versetzen ! Cornelie weiß , was sie Ihnen schuldig ist , und ich bin der Sohn Ihres Bruders . Können wir nicht in Geduld und Harren Ihre Weigerung auflösen , so wollen wir lieber unglücklich sein . « » Das ist die Jugend « , sagte der Oheim . » Ein wahres Trübsal , daß viele Menschen meinen , das Leben lasse sich auf Empfindungen , Zartsinn und Gefälligkeiten erbaun , denn aus dieser hohen Stimmung entspringen in der Regel grade die gemeinsten Folgen . Man muß mit Verstand zu rechnen wissen , und von sich und andern nie eine andre Maxime erwarten , als die , daß erlaubt sei , was nicht verboten wurde . Dann legt man zu seinem Geschicke einen tüchtigen Grundstein , und das Schöne und Gute findet sich wohl obendrein hinzu . In entgegengesetzter Richtung handeln , heißt an Blütenzweige Zentnergewichte hängen . Du siehst , ich kann auch in meinem Fache zum Dichter werden , wenigstens war dieses , wie mich dünkt , ein passendes Gleichnis . « Hermann war an das Fenster getreten , um seine Aufregung zu verbergen . Der Oheim stand eine Zeitlang schweigend am Tische , dann ging er zu ihm , legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit dem gutmütigen Tone , der diesem Manne trotz seiner Kälte eigen sein konnte : » Du dauerst mich , armer Narr . Aber sieh ; über gewisse Dinge , Verhältnisse und Konjunkturen habe ich nun einmal meine ganz bestimmte Meinung , von der ich nicht ablassen kann , da meine sechzig Jahre sie mir immer bestätigten . So wenig ich meinen Sohn Ferdinand Soldat werden lasse , so wenig ich Cornelien an einen Seefahrer verheiraten würde , so wenig bekommst du sie mit meinem Willen . Die Sünden der Väter sind eine Last für die unschuldigen Kinder ; es ist schlimm , aber wer kann es ändern ? « » Entdecken Sie mir denn , was Sie von mir , von meinen Eltern wissen ! « rief Hermann . » Was für Gespenster der Vergangenheit schleichen um mich her ? Was bedeuteten die Tränen meiner Mutter ? die Seufzer meines Vaters ? Was sollen die Bilder , Inschriften und Erinnrungsdenkmale , die mich in den Zimmern des Herzogs wie gefährliche Zauberzeichen anstarrten ? Reden Sie , ich will alles erfahren . « » Frage deine Brieftasche « , versetzte der Oheim . » Den Willen meines Bruders habe ich vollstreckt , etwas Weitres fordre nicht von mir . Den Inhalt fremder Geheimbücher verrät kein rechtlicher Kaufmann . « Er brachte das Gespräch auf einen andern Gegenstand , und fragte Hermann , wann das Fest vorbei sein werde , da er gleich nachher den Herzog zu sprechen wünsche , indem seine Zeit gemessen sei . Jener sagte ihm darauf das Nötige , und eröffnete ihm , daß er von der Herzogin den Auftrag empfangen habe , ihn ebenfalls einzuladen . Er beschwor ihn , dieser freundlichen Frau mit Freundlichkeit zu begegnen . » Wüßten Sie « , rief er , » was für Menschen diese , die Sie angreifen wollen , trotz aller ihrer Schwächen und Vorurteile sind . Sie würden in Ihrem grausamen Beginnen wankend werden . « » Grausam ! « versetzte der Oheim einigermaßen empfindlich . » Du gehst mit den Worten nicht eben genau um . Ich will ihnen ja einen Vergleich vorschlagen , und einen billigen . Wir wollen miteinander teilen ; sie bleiben dann noch immer reich genug . Ich erzeige ihnen die Ehre , selbst zu kommen , da sie meinen Sachwalter verführt haben . Wie kann man nachgebender , gefälliger sein ? « » Soviel ich von diesem Handel weiß « , sagte Hermann , » ist er der ungereimteste , der sich denken läßt . Sie , der Bürgerliche , werfen dem Edelmann den Flecken seiner Abstammung vor , und wollen aus diesem Grunde , Sie , ihn von Haus und Hof treiben . Ein solcher Erwerb , den nur der Widersinn mir zuwerfen könnte , würde mir Grauen verursachen . « » Gib mir die schönen Güter , das andre will ich tragen « , erwiderte der Oheim . » Habe ich die Rechte gemacht ? Bin ich schuld an den Verwicklungen der Zeit ? Glaubst du , daß ich mich wie ein Geier auf die Beute stürze ? Kommt es zum Prozeß , und verliere ich ihn , so werde ich an dem Tage , wo ich es erfahre , nicht um ein Haarbreit unzufriedner sein , denn ich weiß recht wohl , daß mit den Reichtümern auch die Sorgen wachsen , und daß man nur bis auf einen gewissen Punkt besitzt . Darüber hinaus hat man eigentlich nichts mehr von dem Seinigen . Aber eine günstige Gelegenheit von der Hand schlagen , zu einem Glücke , welches uns gleichsam zugeworfen wird , sagen : Geh , ich mag dich nicht , das würde ich weder vor mir , noch vor meiner Familie , noch vor den vielen Menschen , die von mir leben , verantworten können . Auch ist es endlich einmal Zeit , daß eine beßre Ordnung in der Welt gestiftet wird . Das Herz blutet einem , wenn man sieht , wie sie mit dem Ihrigen wirtschaften . So erfuhr ich im Vorüberfahren , daß der Herzog einen herrlichen Kalkbruch , der ihm jährlich die sicherste Rente abwerfen würde , aus bloßem Eigensinne nicht aufbrechen läßt . Weil sie nie etwas zu erringen brauchten , so denken sie auch nicht an das Vermehren , kaum an das Bewahren . Man spricht so viel von der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes , und wenn sie sich einmal an einem deutlichen Beispiele zeigt , so ist des Verwunderns kein Ende . Du weißt es nicht , denn du bist noch zu jung , wie uns andre dieses bevorzugte Geschlecht drückte , peinigte , verdrängte , wie es sein Gift in das Innerste unsrer Häuser spritzte ! Ja , mir kann groß zumute werden , wenn ich an manches , was vorgefallen ist , mich erinnere , und nun bedenke , daß ich es bin , der das Messer in der Hand hat , um ... « Seine Augen blitzten , die hagre Gestalt wurde länger , seine Gebärde hatte etwas Erhabnes . Doch besann er sich , vollendete den Satz nicht , und fuhr in gleichgültigem Tone fort : » Es ist noch nicht so gar lange her , daß wir nur mit dem Beisatze : Bürgercanaille , genannt wurden , wenngleich das jetzt schon wie veraltet klingt . Wir Mittelleute haben ein unbeschreiblich kurzes Gedächtnis für unsre Kränkungen , und halten alle Gefahr der Wiederkehr für so entlegen , wie die Sündflut , oder den Untergang der Welt durch Feuer , obschon manche Zeichen dahin deuten , daß man an tausend Ecken und Orten mittelbarer-oder auch unmittelbarerweise versucht , die Zeit der Junker , ihrer gnädigen Öhme und Basen zurückzuführen . Was mich betrifft , ich will mich wenigstens an meinem Platze bestreben , die alten Feudaltürme und Burgverließe zu sprengen . « » Vergessen Sie nur nicht « , sagte Hermann , » daß man , wenn man die Hand an dergleichen altes Gemäuer legt , leicht Vipern und Nattern mit aufstört , oder giftige Schwaden entbinden hilft , die einem gefährlich , ja tödlich werden können . « » Das ist mir zu hoch , und ich verstehe es nicht « , erwiderte der Oheim . » Wir haben aber die Nacht zum Tage gemacht , laß uns wenigstens noch etwas schlafen . Ich möchte sonst morgen bei eurer Lustbarkeit , die mir ohnehin Langeweile genug machen wird , die Augen nicht offenhalten können . « Zehntes Kapitel Als der Oheim sich andern Tages ankleidete , bemerkte Hermann , daß ein schwarzer Flor um den Arm lag . » Wen betrauern Sie ? « fragte er bestürzt . » Meine Frau « , versetzte der Oheim ruhig . » Ihr altes Übel hat sie gleich nach deiner Abreise ergriffen und dieses Mal doch überwältiget . Leider war ich zu entfernt , als ich die Nachricht bekam , um noch zur rechten Zeit zur Bestattung eintreffen zu können , ich habe diese Sorge andern überlassen müssen . « » Großer Gott ! « rief Hermann , » und davon sagen Sie mir erst jetzt etwas ? « » Warum denn früher ? Du hast sie nur wenige Wochen gekannt , wie kannst du ein Interesse an ihr haben ? Leere Beileidsbezeugungen sind mir zuwider . Sie ist schlafen gegangen ein paar Stunden eher , als ich , das ist alles . Mein Platz an ihrer Seite wird mir nicht entstehn . Nun geh nur voran , ich will noch etwas in meinen Papieren lesen ; es möchte dir ohnehin bei deinen Gönnern und Beschützern schaden , wenn du in meiner Gesellschaft erschienest . « Hermann ging , ganz verwirrt über diesen Mann , von dessen Fassung er nicht wußte , ob er sie für Wirkung der Gefühllosigkeit oder der Seelenstärke halten sollte . Auf dem Platze vor dem Schlosse kam ihm Wilhelmi entgegen , und rief : » Wo bleibst du ? Die Neidharte sind überwunden , unsre Wächter haben sich tapfer gehalten . « Er erfuhr von dem Freunde , daß sich auf einem der Wege , die sowohl zum Schlosse als zum Turnierplatze führten , ein abenteuerlicher Zug gezeigt habe . Große Schlittenkufen , auf Räder gesetzt , rollten , von schellenbehangnen Pferden gezogen und von Harlekinen gefahren , daher . In diesen Gefähren saßen maskierte Gestalten , deren Aufputz eine Mischung aller möglichen Kostüme war . Sie begehrten am Schlagbaume Einlaß , und hielten dazu eine Rede in Knittelversen , deren Sinn ungefähr dahin ging , daß , wo man Anno dann und dann Turnier spiele , Gäste , die im Sommer Schlittenfahrt hielten , gewiß willkommen seien . Wilhelmi hatte in der Nähe gelauscht , alles verstanden , und auch leicht die Stimme eines der mißgünstigen Gutsbesitzer erkannt . Der Wächter nahm sich bei diesem satirischen Anfalle ganz vortrefflich . Er tat gar nicht , als ob er den Spruch höre , ließ den Balken des Schlagbaums im Schlosse , und drehte den Schlittenfahrern schweigend den Rücken zu . Auf solche Weise wird die Wirkung jedes Hohns am sichersten vereitelt . Nachdem die Schlittenfahrer noch einige Male ihre Xenie wiederholt hatten , ohne etwas auszurichten , kehrten sie , da sie doch nicht gradezu Gewalt brauchen wollten , um , und versuchten , einen weiten Umweg machend , auf einem andern Punkte einzudringen . Aber auch hier fanden sie einen Schlagbaum und einen Wächter , der dem ersten glich . Es half nichts ; sie mußten abziehn und sich in ihrer lächerlichen Verkleidung , hin und wieder von mutwilligen Buben beschrien , durch die Feldmark zerstreun . Wilhelmi zog Hermann nach dem großen Zimmer des Herzogs , welches im Schlosse nur der Audienzsaal hieß , weil der Fürst darin die vornehmeren Besuche zu empfangen pflegte . Sie fanden ihn , umgeben von dem ganzen Hausstaate , beschäftigt , die Glückwünsche der Versammlung entgegenzunehmen . Er trug seine goldbestickte Generalsuniform , war überaus freundlich , und sagte zu Hermann , als dieser sich ihm mit schicklichen Worten näherte , scherzend : » Nun , heute werden wir wohl auch unsre Stallmeisterkünste genugsam zeigen ; nicht wahr ? « Doch dann sich besinnend , und ehe noch Hermann sagen konnte , daß er dem Feste nur als bescheidner Zeuge beizuwohnen wünsche , maß er unsern Freund von oben bis unten mit den Augen , und flüsterte dann : » Ah so ! « - Hierauf gab er ihm huldvoll die Hand , und würde gewiß den Kuß darauf geduldet haben , wenn Hermann einen solchen beabsichtigt hätte . Er rief ihn , Wilhelmi und den Arzt in einen Winkel , und sagte dort zu dem Hypochondristen vor diesen Zeugen : » Ich gedenke auch Ihnen in den nächsten Tagen ein Beispiel zu geben , daß ich nicht an Vorurteilen hafte , und vernünftige Neuerungen geschehen lassen kann . Nur muß alles im Wege der Reform vor sich gehn , und nicht auf tumultuarische Weise . « - Wilhelmi nahm Hermann nach diesem Erlasse beiseite und sagte : » Er ist doch durch die Entdeckung der alten Rüstungen rein toll geworden . Wie wenig gehört dazu , um in beschränkten Köpfen das bißchen Vernunft gären zu so machen ! « - » Ei laß ihn , Lieber ! « versetzte Hermann . » Er sieht heute gar zu stattlich aus , und ist ein beneidenswerter Mann ! « Unbeschreiblich reizend war nämlich die Herzogin anzuschaun . Sie hatte mit feinem Sinne einen Putz gewählt , der , obgleich fremdartig und phantastisch , sich doch zu der modernen Kleidung ihres Gemahls harmonisch verhielt . Denn sie wußte wohl , daß dieser nicht zu bewegen sein würde , anders als in seiner eigentlichen Kleidung zu erscheinen . Als Hermann zu ihr trat , sagte sie ihm leise und angelegentlich : » Wir werden Sie nach diesen unruhvollen Tagen noch einige Zeit in der Stille und Einsamkeit hier behalten ? Nicht ? « Man wiederholte in diesem vertrauten Kreise die Ordnung des Tages , wie sie beobachtet werden sollte . Die Einladungen waren auf die Mittagsstunde gestellt worden . Auf dem Georginenplatze , den aber jetzt Schneebälle , Lilien und Maienrosen schmückten , hatte man ein geräumiges Gartenzelt errichtet , unter dem sich die Gesellschaft versammeln sollte . Das Lesekabinett war mit seinen anstoßenden Räumen gleichfalls geöffnet worden , damit für jeden Platz und Freiheit bleibe . Eine Seitenverwandte des Hauses , die man Gräfin Theophilie nannte , sollte die Honneurs machen , bis die fürstlichen Personen eintreten würden . Man hatte sie zu diesem Zwecke ausdrücklich kommen lassen . Herzog und Herzogin wollten erst sichtbar werden , wenn alles versammelt wäre . Nach den Bewillkommnungen sollte ein Herold zu Pferde vor dem Zelte erscheinen und das ritterliche Spiel ankündigen . Man hatte die ungefähre Dauer des letzteren berechnet und die Tafelstunde danach auf vier Uhr nachmittags festgesetzt . Gespeist sollte im Ahnensaale werden , wo ein Hufeisen für vierhundert Personen gedeckt war . Um sechs Uhr sollte das Mahl zu Ende sein , und jeder nach Belieben sich umtun dürfen . Als heitre Zwischenunterhaltung waren für diesen Zeitpunkt die Ergötzlichkeiten der Leute , das Scheibenschießen , der Hahnenschlag , das Klettern , und was sonst noch daran gereiht war , bestimmt . Im Ahnensaale war unterdessen aufzuräumen , zu erleuchten und alles für den Ball herzurichten , der dort Schlag acht Uhr beginnen sollte . Jeder der Anwesenden hatte seinen Auftrag ; was um so nötiger war , da man , um auch den Leuten möglichst viel Vergnügen zu gönnen , nur den unentbehrlichsten Teil der Hausdienerschaft zur Aufwartung beibehalten und den übrigen erlaubt hatte , an den Volkslustbarkeiten teilzunehmen . Man hatte deshalb von den umliegenden Gütern sich eine Menge fremder Menschen erbitten müssen , deren Dienste immer nicht so zuverlässig erschienen , als die der eignen , vollkommen regelrechten Livree . Wilhelmi übernahm es , den Wagenzug vom Gartenzelte nach dem Turnierplatze zu ordnen , der Arzt wollte für Aufrechthaltung des Ballreglements Sorge tragen ; was Küche und Keller betraf , so konnte man sich in dieser Hinsicht auf den Haushofmeister verlassen , der ein sehr sichrer , gewandter Mann war . Hermann endlich hatte sich das im stillen wirkende Amt des Ordners bei dem Festspiele selbst erbeten . Unter diesen Besprechungen war es Mittag geworden , und man konnte die Gäste erwarten . Verlangend sahen Herzog , Herzogin und die bei ihnen im Audienzsaal Verbliebenen nach der Allee vor den Toren des Schlosses , in welche sämtliche Wege , die zu demselben führten , einmündeten . Nichts erschien , nur die Stäubchen wehten im Sonnenscheine . Die roten und gelben Fahnen mit den Wappen des Herzogs , auf den Spitzen der Pavillone , flatterten über den Stauden des Parks , Trompeten und Pauken ließen sich von dort hin und wieder in ungeduldigen Fanfaren hören , am Gartenzelte harrten der Haushofmeister und die Dienerschaft mit den bereiteten Erfrischungen , aber kein Wagen , kein Reiter , kein Fußgänger wollte erscheinen , Straße , Hof und Park waren wie ausgestorben . Nachdem man so länger als eine Stunde vergebens gewartet und alle Möglichkeiten in Vermutungen über den Grund dieses auffallenden Zögerns erschöpft hatte , sah man plötzlich einen bunten Jockei atemlos und bestürzt auf den Hof gelaufen kommen . » Zu Hülfe ! « rief der Knabe , » wir können nicht hinein ! Auch ich habe mich nur mit genauer Not so durchgeschlichen . « Auf der Stelle stieg Hermann zu Pferde , und ritt dem Knaben nach , der den Weg einschlug , auf welchem die meisten der Besuchenden kommen mußten . Dieser Weg lief zwischen hohen Erdwänden hin , und war , etwa eine kleine halbe Stunde vom Schlosse , durch einen der Schlagbäume gesperrt worden . An letzterem nahm nun Hermann das lächerlichste Schauspiel wahr . Jenseits des Schlagbaums hielt eine unabsehliche Reihe von Wagen und Reitern , von denen die vordersten mit heftigen Reden die Erhebung des Balkens begehrten ; diesseits stand der Wächter , unbeweglich , ungerührt , und drehte der ganzen Gesellschaft den Rücken zu . Bald hatte Hermann die Erklärung dieses Auftritts vernommen . Der Wächter hielt sich streng an seine Instruktion , welche ihm verbot , Leute von fremdartigem Ansehn durchzulassen . Er meinte , die Worte des Befehls auch auf den Zug der Eingeladnen anwenden zu müssen , von denen die meisten in ungewöhnlichem Anzuge erschienen . Vergebens waren alle Deutungen und Bedeutungen gewesen , der Wächter schwieg und behielt den Schlüssel in der Tasche . Da nun der Weg , wie wir ihn beschrieben haben , durchaus keine Umgehung gestattete , und der Wächter einigen Bedienten , die unter dem Balken durchkriechen wollten , um im Schlosse das Hindernis zu verkündigen , mit unzweideutiger Gebärde seinen Spieß vorhielt , so sah sich der ganze Reigen eine geraume Zeit lang in der seltsamsten Lage , und wie im Zustande des Banns vor einem verzauberten Kastell , bis es jenem gewandten Knaben glückte , vorbeizuschlüpfen . Verdrießlich über die Dummheit des Wächters , entriß Hermann ihm den Schlüssel , machte am Schlage des vordersten Wagens den Damen schickliche Entschuldigungen und erbat sich einige berittne Diener , die er sofort nach den andern Schlagbäumen abfertigte . Wirklich war