die Besorgniß äußerte , daß er , getrennt von ihr , wieder lau werden und seinen heiligen Vorsatz aufgeben könne , versicherte er , daß er uns nach der Schweiz folgen würde , wo er , ohne Aufsehn zu erregen , leichter noch als im Vaterlande dieß Verlangen seines eignen Herzens stillen könne . Diese Aeußerung war entscheidend , und wir begaben uns auf die Reise zu der alten , reichen , lebenssatten Tante , wie sie von meinem Bruder genannt wurde . Ich hatte unser Haus beinah niemals verlassen , meine Spaziergänge erstreckten sich nicht weiter , als bis in unsern Garten , dessen geschorene Hecken und regelmäßig abgetheilte Blumenbeete mir weiter keine Abwechselung gewährten , als daß ich die Blumen blühen und verblühen sah , und doch hatte ich selbst in diesem beschränkten Raume in der Unschuld meines Herzens unsägliche Freude genossen . Waren doch die Sommerlüfte warm und lind , glänzte doch der Himmel über mir , dufteten mir doch die Blumen entgegen , und meine Phantasie füllte die Gänge mit wandelnden Gestalten ; wache Träume der lieblichsten Art umfingen häufig meinen Geist in diesem Garten , und eine bunte Mährchenwelt umgaukelte mich . Die angetretene Reise nun entführte mich aus der engbeschränkten , bekannten Welt und zeigte mir zum ersten Male eine großartige Natur . Schon unsere vaterländischen Berge , unsere üppigen Thäler und rieselnden Bäche entzückten mein Herz , und ich dachte mit Beklemmung daran , daß ich von dieser herrlichen Welt scheiden sollte und wieder höchstens in einem beschränkten Garten würde verweilen dürfen . Aber als wir die Schweiz erreichten , war es , als ob mein Busen sich dehnte . Diese Seeen , diese Berge , diese Thäler weckten ein Gefühl des Lebens in mir , das mir bis dahin fremd gewesen ; ich fühlte , daß ich da sei um mein selbst Willen , und konnte mich nicht mehr als ein Wesen betrachten , welches für Andere dahin gegeben werden dürfe , und leise im Herzen regte sich mir der Verdacht , ob mein Bruder auch solche Opfer verdiene . Mein trunkenes Auge schweifte unersättlich über Berg und Thal , und meine Seele sog das reinste Entzücken in sich . Aber indem ich mit himmlischer Wonne das Leben fühlte , welches sich so glänzend und neu vor mir ausbreitete , versprach ich mir innerlich , leise , aber fest , eine Welt nicht zu verlassen , deren Zauber , sobald ich ihn kennen lernte , so mächtig auf mich wirkte . III Wir hatten Luzern erreicht , in dessen Nähe die Tante meiner Mutter ein herrlich gelegenes Landhaus bewohnte . Mit aufrichtiger Liebe wurden wir von der mehr als siebzigjährigen Frau empfangen , die das nahe Ende ihres einfachen , schönen Lebens mit Ruhe und Heiterkeit erwartete , und sich durch die Gegenwart naher Verwandten gestärkt fühlte ; aber dennoch ließ sich bald bemerken , daß ihre Hoffnung nicht vollkommen befriedigt war , und daß der beschränkte Geist meiner guten Mutter ihr die Unterhaltung nicht gewähren konnte , die sie in ihren einsamen Stunden durch das Beisammensein mit einer Verwandten erwartet hatte . Ihr wahrhaft frommer Sinn konnte eben so wenig damit zufrieden sein , daß ich schon vor meiner Geburt zum Opfer für einen Andern bestimmt war , und wenn sie die Ansichten meiner Mutter in dieser Hinsicht bekämpfte , so machte dieß deßhalb einen erschütternden Eindruck auf diese , weil sie keine frevelnde Freigeisterei bei ihrer Tante voraussetzen durfte , sondern sie in allen Handlungen ihres Lebens als fromme Katholikin verehren mußte . Meine große Jugend erregte die Theilnahme dieser vortrefflichen Frau , und indem sie für meine Bildung zu sorgen beschloß und mich deßhalb mehr an sich zog , bemerkte sie mit Schrecken eine völlig verwahrloste Erziehung , und auf die Vorwürfe , welche sie meiner Mutter darüber machte , glaubte diese genügend mit der Frage antworten zu können , von welchem Nutzen mir weltliche Kenntnisse bei meinem künftigen Aufenthalte im Kloster sein könnten , und ob sie nicht im Gegentheil dazu dienen würden , in mir eine Sehnsucht nach der Welt zu erregen , die ich bestimmt sei zu verlassen . Die Tante suchte ihr die Gefahr auseinander zu setzen , die darin liege , wenn ein so lebhafter , feuriger Geist als der meine gar keine Nahrung erhielte und alle Hülfsquellen in der künftigen Einsamkeit nur in sich suchen müsse , worauf meine Mutter auf Beichte und Gebet als die sichersten Stützen der Seele hindeutete . Die Tante gab bald jeden Streit über diesen Gegenstand auf und benutzte ihre Ueberlegenheit des Geistes , um für mich , ohne weiter zu fragen , Lehrer in allen nöthigen Wissenschaften anzunehmen , und da sie mich zugleich zu allen frommen Uebungen anhielt , die die Kirche vorschreibt , so konnte meine Mutter keinen Grund finden , sich einer Einrichtung zu widersetzen , von der die Tante behauptete , daß sie ihr eine erheiternde Beschäftigung im Alter gewähre . Für mich begann in dieser Zeit ein so glückseliges Leben , daß vielleicht durch die Trunkenheit , in der mein Geist sich befand , alle Fähigkeiten meiner Seele erhöht wurden und so die Bewunderung meiner guten Tante erregten . Meine Mutter konnte mich hier nicht auf das Haus beschränken , denn die Herrin desselben begünstigte den Umgang mit Personen meines Alters , die in unserer Nähe lebten , und die anständige Freiheit der Sitten in der Schweiz erlaubten es uns , auf den nahen Bergen umher zu schweifen , und mit den reinen Lüften sog ich die Kräfte des Lebens in mich ; mein Geist erstarkte wie meine Glieder , meine Wangen rötheten sich , meine Augen leuchteten in der Fülle des Glücks und der Gesundheit . Die Zaubergärten der Poesie erschlossen sich um diese Zeit meinem Geiste und übten eine nie geahnete Gewalt auf meine Seele . Meine Mutter bemerkte mit Unruhe die Verwandlung , die mit mir vorging und die sie eine traurige Verweltlichung nannte ; die Tante war in demselben Grade darüber erfreut . Schon ehe wir in der Schweiz angekommen waren , hatte sich zwischen meiner Großtante und einem alten Franzosen ein freundliches Verhältniß gebildet , welches oft Beiden zum Trost gereicht hatte , der Tante in ihrer Einsamkeit und dem Franzosen in manchen Leiden der Gegenwart . Herr Blainville , so nannte sich der alte Mann , hatte Frankreich verlassen müssen , weil sein vorurtheilsfreier Geist die Anzeichen der herannahenden Stürme erkannte . Seine Stellung in der Nähe seines Monarchen hatte ihn vermocht , diesen auf seine gefährliche Lage aufmerksam zu machen und ihm die Möglichkeit des Unglücks zu zeigen , welches bald furchtbar hereinbrechen sollte . Anfangs verlacht wurde er bald angefeindet und als ein Anhänger verhaßter Systeme verdächtig gemacht , und er sah seine Freiheit um seiner treuen Anhänglichkeit Willen bedroht . Der entgegengesetzten Partei war er ebenfalls verdächtig , weil er seinem Könige ergeben war , und so war er zu gleicher Zeit der Verfolgung des Hofes und dem Hasse des Volkes ausgesetzt , und hatte kaum noch Zeit , durch eine eilige Flucht einer Verhaftung zu entgehen , die sein Leben in Gefahr bringen konnte . Bei dieser unvorbereiteten Flucht konnte er nur sehr geringe Hülfsmittel mit sich nehmen , und er mußte mit seinem Vermögen einen Sohn und eine Tochter in Frankreich zurücklassen , für deren Schicksal er unaufhörlich fürchtete , und je deutlicher sich in den fortschreitenden Begebenheiten der Zeit erkennen ließ , daß er nur zu richtig die Uebel seines Vaterlandes voraus gesehen hatte , um so heftiger wurde seine Unruhe , und sein Herz wurde von den quälendsten Sorgen um das Schicksal seiner Kinder zerrissen , denn seine Phantasie spiegelte ihm die furchtbarsten Ereignisse vor . Es konnte seiner bejahrten Freundin nicht gelingen , ihn zu beruhigen . Eine furchtbare Revolution , pflegte er oft , wenn sie ihm Trost einsprechen wollte , zu sagen , bricht über mein unglückliches Vaterland herein , und ich weiß wohl , daß diese in der Zukunft für Frankreich , ja für ganz Europa die heilsamsten Früchte tragen kann , aber in der Gegenwart , wo alle Leidenschaften aufgeregt sind , wird sie wüthen wie ein furchtbarer Orkan , der zwar auch die Luft reiniget , aber Wehe dem , der ihm nicht ausweichen kann . Endlich kam er eines Morgens mit triumphirender Miene in unser Haus , von einem jungen Manne begleitet , welchen meine würdige Großtante mit herzlicher Freude als den jungen Blainville begrüßte . Sie wünschte dem Vater aufrichtig Glück , daß durch die Ankunft des so heiß ersehnten Sohnes die Unruhe seines Herzens beendigt sei , und fragte den jungen Mann mit Theilnahme nach seiner Schwester . Er berichtete mit Kummer , daß es ihm unmöglich geworden sei , für die Schwester und sich Pässe zu erhalten , daß er gezwungen gewesen , sich ohne Paß über die Grenze zu schleichen , welches er nicht habe bewerkstelligen können , ohne Gefahren sich auszusetzen , denen ein junges Mädchen unmöglich könne preisgegeben werden ; er habe also in Paris , wo sie verborgen und in Sicherheit leben könne , auf ' s Beste für sie gesorgt , und da er selbst bald zurück müsse , so hoffe er dann vielleicht Mittel zu finden , auch sie dem Vater zuzuführen . Der junge Blainville schien durch meinen Anblick überrascht , und es war nicht zu verkennen , daß er sich vom ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an mit Innigkeit mir zuwendete ; sein Vater schien seine Neigung durch seinen Beifall zu unterstützen , meine Großtante wirkte ihr nicht entgegen , und meine Mutter schien sie Anfangs nicht zu bemerken . Wer jemals die Süßigkeit der Momente empfunden hat , wenn zwei junge Herzen sich gegeneinander öffnen , um sich zu vereinigen , der wird es begreifen , daß es mir schien , als ob die Sonne nur in dem Herzen ruhte , deren glänzende Strahlen Alles um mich her beleuchteten und verschönten . Der alte würdige Blainville streichelte oft meine glühenden Wangen und nannte mich sein Kind , seine zweite Tochter , den Trost seines Alters . Ich begriff nicht , warum diese Schmeichelworte mir Thränen entlockten , und doch war ich so selig in diesen Thränen . Meine Großtante und der alte Blainville hatten jetzt häufig lange Unterredungen mit einander , die ihre vertrauliche Freundschaft noch zu befestigen schienen , aber ich bemerkte , daß nach solchen Unterredungen die Tante oft besorgte Blicke auf meine Mutter richtete ; endlich schien diese sich an die Gefühle ihrer Jugend zu erinnern , und sie begann die Gefahr , die ihren Plänen drohte , zu ahnen . Sie bereute nun das ihrer Tante gegebene Versprechen , mich nicht aus ihrer Nähe entfernen zu wollen , und wußte nicht , wie sie dieß erfüllen und doch zugleich ihrem Gelübde treu bleiben sollte . Endlich glaubte sie durch Aufrichtigkeit gegen Alle einem drohenden Uebel begegnen zu können . Sie ergriff also die erste schickliche Gelegenheit , um in des alten , wie des jungen Blainvilles Gegenwart zu erklären , daß sie mein Leben dem Heiland geweiht und mich deßhalb für das Kloster bestimmt habe , und von ihrer gütigen Tante hoffe , daß sie mir erlauben würde , bald mein Probejahr anzutreten . Wie ein Donnerschlag wirkte diese Erklärung auf den jungen Blainville . Ich sah ihn erbleichen und hielt meine strömenden Thränen nicht zurück , der alte Blainville sah verlegen auf die Tante , die einen etwas zornigen Blick auf die Nichte richtete ; aber diese blickte triumphirend , wie nach einem gewonnenen Siege , umher . Die schöne Ruhe war aus unserm Kreise gewichen , aber dennoch war nicht erreicht worden , was meine Mutter im frommen Eifer für ihre Kirche und aus blinder Liebe für meinen Bruder wollte . Ich suchte die Einsamkeit , aber nicht bloß um meinen Thränen Luft zu machen , sondern um mich auch in dem Vorsatze zu bestärken , mich nicht für meinen Bruder opfern zu lassen . Ich entwarf manche Pläne , wie ich mich dem alten Herrn Blainville anvertrauen und seinen Rath benutzen wollte , aber wenn ich mit ihm zusammentraf , konnte ich den Muth nicht dazu finden . Der junge Blainville hatte bald meine einsamen Spaziergänge entdeckt , und eine Erklärung , die vielleicht ohne die Aeußerungen meiner Mutter unsere Schüchternheit noch lange zurückgehalten hätte , vereinigte nun auf das Festeste unsere Herzen ; wir gelobten uns mit allem Ungestüm der Jugendliebe ewige Treue , und hofften von der Zeit , von der Güte meiner Großtante , von dem Einflusse des alten Blainville unser Glück ; aber freilich konnten wir es uns nicht verhehlen , daß dieser niemals einem Plane seine Zustimmung geben würde , der offenbar das Recht einer Mutter verletzt hätte ; von dieser Mutter aber konnten wir weder durch Bitten , noch durch Thränen etwas zu gewinnen hoffen , da das vermeinte Seelenheil eines geliebten Sohnes ihr wichtiger war , als das irdische Glück einer wenig geliebten Tochter , und so schlossen sich alle unsere Unterredungen mit hoffnungslosen Thränen , und nur Eins ward jedes Mal von Neuem beschlossen , in unserer Liebe ohne Wanken auszuharren . Ich hatte dem jungen Blainville meine Vermuthung anvertraut , daß mein Bruder durch eigennützige Absichten bei seinem Handeln geleitet würde , und daß er die Bekehrung selbst , auf die meine Mutter so inbrünstig hoffte , nur vorspiegele , um mich in ' s Kloster zu verstoßen und so auch noch das kleine Erbe zu behalten , welches mein Vater mir ausgesetzt hatte , und wir beklagten um so schmerzlicher die Blindheit der Mutter , die mich diesem Bruder opfern wollte , als unvermuthet er selbst erschien und seine Ankunft uns zum Trost gereichte , was wir am Wenigsten erwartet hätten . Als die erste Freude der Bewillkommnung vorüber war , erschrak meine Mutter , ihren Sohn so verändert zu finden ; die Blüte der Jugend war von seinen Wangen schon abgestreift , seine Gestalt zusammengesunken , obgleich er kaum zwei und zwanzig Jahre alt war , und er schob die Schuld der traurigen Veränderung , die mit ihm vorgegangen war , auf den vielen Kummer , den ihm sein Vormund verursache , der , wie er behauptete , seine Neigung zur katholischen Religion entdeckt habe . Er trieb die Heuchelei so weit , daß wenig fehlte , und meine Mutter hätte ihn für einen Märtyrer des Glaubens gehalten . Der alte Blainville , der die Welt besser kannte , als sie , vertraute der Tante nach wenigen Tagen , daß ihm der junge Mann ein leidenschaftlicher Spieler zu sein schiene . Es ließ sich bald erkennen , daß mein Bruder neue Summen von meiner Mutter zu erhalten wünschte , und daß diese so bedeutend sein mußten , daß sie ihre Kräfte überstiegen , denn sein Mißmuth ließ sich eben so wenig , als ihre Thränen verhehlen . Da der alte Blainville die Verhältnisse meiner Familie kannte , so gab er seinem Sohne einen Rath , der unser Glück herbeiführte . In Folge dieses Rathes nämlich suchte der junge Blainville sich meinem Bruder zu nähern , er bot ihm die Hülfe , welche die Mutter nicht gewähren konnte , und übernahm es zugleich , mich zu verpflichten , auf mein kleines Erbe Verzicht zu leisten , wenn er die Mutter dazu bestimmen könne , in unsere Verbindung zu willigen . Mit welchem frohen Erstaunen wurde mein Herz erfüllt , als mein Bruder sich mir nun liebreich näherte und den frommen Wahn der Mutter beklagte , der ohne Schonung meine Jugend opfern wollte ; er segnete den Gedanken , der ihn zu rechter Zeit herbeigeführt hätte , um ein solches Unglück zu verhindern . Mir klangen diese Worte in seinem Munde so fremd , daß ich ihn Anfangs mit Mißtrauen betrachtete ; er lächelte und sagte : wirst Du denn niemals Zutrauen zu mir gewinnen , meine gute Schwester ? Ich beförderte den Plan der Mutter , weil ich glaubte , ein geistliches Leben sei Dein wahrer Beruf , Deine eigene Wahl ; da mich aber Blainville , der mehr Vertrauen zu mir hat , als Du , eines Besseren belehrt hat , so werde ich die Mutter noch heute bestimmen , Eure Hände in einander zu fügen . Da ich keine Kenntniß davon hatte , durch welche Mittel Blainville meinen Bruder bestimmt hatte , unser Glück zu befördern , so warf ich mich mit Thränen der Reue in seine Arme ; ich gestand ihm die nachtheiligen Gedanken , die ich über ihn genährt hatte ; ich bat ihn dieser innerlichen Beleidigung wegen um Verzeihung ; ich überhäufte ihn mit Dank und Liebe , und war unendlich beglückt , als er mir großmüthig verzieh und sich meine Liebe gefallen ließ . Ich fürchtete nur noch , er würde die Mutter nicht bestimmen können . Laß das meine Sorge sein , erwiederte er mit einem beinah verächtlichen Lächeln . Er verließ mich , um die Mutter sogleich zu sprechen . Mein Herz pochte , als ich in ihrem Zimmer Beide laut und heftig sprechen hörte , und ich erfuhr nachher , daß mein Bruder erklärt habe , er könne es nicht ertragen , daß ich um einer Einbildung Willen geopfert würde , denn um seinen Uebertritt zur katholischen Kirche zu erreichen , dazu bedürfe es dieses Opfers nicht , und mein Gebet für ihn würde eben so kräftig wirken , wenn ich auch keine Nonne , sondern Blainvilles Gattin würde . Er sei entschlossen , so bald er mündig geworden , zu der katholischen Kirche überzutreten , wenn meine Mutter ihre Einwilligung zu meiner Verbindung geben wolle , würde aber diese verweigert , so werde er einen feierlichen Eid leisten , als Protestant zu sterben . Diese Drohung wirkte , wie sie sollte , und bestimmte meine Mutter , sogleich den lang genährten Plan aufzugeben , und sie trat an der Hand des Bruders in den Saal , um mir dessen große Liebe , die nur mein Glück wolle , zu verkündigen . Sie ermahnte mich , die oft begangene Sünde zu bereuen , daß ich diesen edeln Bruder des Eigennutzes beschuldigt habe , denn wäre er eigennützig , schloß sie ihre Rede , so würde er mich nicht bestimmt haben , Dich zu verheirathen , was ihn nöthigt , Dir Dein Erbe auszuzahlen , welches ihm geblieben wäre , wenn Du den geistlichen Stand erwählt hättest . Mein Bruder ließ es geschehen , daß ich ihm meine Reue noch ein Mal bezeigte , ja er duldete es , daß ich seine Hände dankbar küßte , die , wie ich wähnte , mich dem Leben zurück gaben . Noch denselben Abend wurde ich mit dem jungen Blainville verlobt , und in wenigen Tagen sollte unsere Verbindung gefeiert werden . Wir waren beide viel zu entzückt und zu sehr mit unserm Glück beschäftigt , als daß wir uns über die Art gegen einander erklärt hätten , wie mein Bruder unser Wohlthäter geworden war ; nur lächelte mein Verlobter , wenn ich die Liebe und Großmuth dieses Bruders pries . Befremdend war es mir daher , als nach wenigen Tagen der alte Blainville mich in sein Kabinet führte und mich bat , eine Schrift zu unterzeichnen , worin ich auf jede Erbschaft meines Vaters zum Vortheil meines Bruders Verzicht leistete , mit der Bewilligung meines künftigen Gemahls und meines Schwiegervaters . Dieser versicherte mir , meines Bruders Verhältnisse machten dieß durchaus nothwendig , auch wollte er mir sogleich die Summe ersetzen . Ich zögerte nicht zu unterschreiben , aber die Täuschung war geendigt , ich wußte nun , daß nicht Liebe für mich meinen Bruder bewogen hatte , mein Glück zu befördern , und ich hörte es ohne Kummer , wie mein Schwiegervater hinzufügte , daß meines Bruders schleunige Abreise so nöthig sei , daß er nicht Zeuge meiner Verbindung mit seinem Sohne würde sein können , da diese um eine Woche hätte aufgeschoben werden müssen , weil der Geistliche krank geworden sei , der , wie er und meine Großtante wünschten , den Segen über unsere Verbindung sprechen sollte . In der That reiste mein Bruder nach zwei Tagen ab , nachdem er die Summe von Blainville erhalten , die ihm dieser zugesichert hatte . Mein Schwiegervater liebte seinen Sohn auf das Zärtlichste ; er wollte nur sein Glück , und da er sah , daß dieß Glück ohne eine Verbindung mit mir nicht denkbar war , so that er Alles , um sie herbei zu führen ; aber da er mächtige Feinde in Frankreich hatte , da ihm dort noch eine Tochter lebte , um derent Willen er selbst oder der Sohn dahin zurückkehren mußte , so war Vorsicht für ihn um so nöthiger , weil er , um seine Feinde zu täuschen , das Gerücht hatte verbreiten lassen , er sei gestorben . Er hatte also selbst einen Aufschub meiner Verbindung mit seinem Sohne veranlaßt , um meinen ungeduldigen Bruder zu entfernen , dem er seinen wahren Namen nicht anvertrauen wollte , der doch in diesem feierlichen Augenblicke genannt werden mußte . Meine Mutter , deren Verschwiegenheit er nicht vertraute , war nicht zu fürchten , denn sie selbst hatte erklärt , ihr Gefühl erlaube ihr nicht , bei meiner Trauung gegenwärtig zu sein ; da es ihre liebste Hoffnung gewesen sei , mich als eine Braut Christi zu sehen , so könne sie mich zwar segnen , aber jede irdische Verbindung nur beweinen . Zu meinem Befremden bestritt Niemand diesen Vorsatz , und als ich mit Thränen meine Mutter bewegen wollte , ihren Entschluß zu ändern , führte mich meine Großtante hinweg und sagte : Laß Deine Mutter bei ihrem Entschlusse , es ist für Alle der beste , den sie hätte fassen können . Der feierliche Tag war erschienen ; die Trauung sollte in der Kirche eines nahen Dorfes stattfinden ; meine Großtante begleitete mich dahin , Blainville kam in Begleitung seines Vaters und des Kammerdieners , den ich ihn immer wie einen Freund hatte behandeln sehen ; dieß waren die Zeugen , die gegenwärtig sein sollten . Meine Großtante sagte mir auf dem kurzen Wege : Ich habe Dich nicht lange allein sprechen können in diesen Tagen , weil ich nicht die Aufmerksamkeit Deiner Mutter erregen wollte , und so bleibt mir nun keine Zeit , Dich gehörig vorzubereiten , und ich muß Dich nur bitten , nicht überrascht zu sein , wenn der Geistliche , der Euch verbindet , nicht den Namen Blainville ausspricht , den Dein künftiger Gemahl und Dein Schwiegervater hier nur ihrer Sicherheit wegen führen ; in ruhiger Stunde wirst Du alles Nöthige von Beiden selbst erfahren , ich kann Dich nur daran erinnern , daß Du den Mann liebst und nicht den Namen , auch daß Niemand eine Täuschung beabsichtigt hat und in der gegenwärtigen schlimmen Zeit manche Vorsicht nöthig wird . Es kränkt mich , daß Du in diesem wichtigen Augenblicke durch andere Gedanken zerstreut wirst , da Du nur fromme haben solltest ; aber doch konnte ich Dich nicht ganz unvorbereitet lassen . Ich hatte mich noch nicht von meinem Erstaunen erholt , als unser Wagen vor dem Eingange des Kirchhofes hielt , der die kleine Kirche umgab . Mein Verlobter wartete hier auf mich und führte mich zur Kirche ; mein Gemüth war wunderbar bewegt , das kleine Gefolge , die beinah heimliche Trauung , die Ungewißheit über den Namen meines künftigen Gemahls , Alles versetzte mich in eine so ängstliche Spannung , daß ich das Feierliche der Handlung kaum empfinden konnte und vor Allem darauf lauschte , welchen Namen der alte , ehrwürdige Geistliche aussprechen würde , um den Mann , der ihn führte , mit mir zu verbinden , und überrascht zuckte ich zusammen , als er ihn unter dem Namen Graf Evremont fragte , ob er mich zur Gefährtin seines Lebens wähle . IV Bis hieher hatte der Graf mit Spannung zwar , aber doch mit ruhiger Aufmerksamkeit gelesen , der Name Evremont aber traf wie ein Blitzstrahl seinen Geist , die Blätter entfielen seiner Hand , und die Erzählung des General Clairmont gewann in diesem Augenblicke ein furchtbares Licht . Er sah seinen unglücklichen Freund auf dem Schaffot ; er erblickte seine Gemahlin im Gedränge des Volks ; er sah sie die weißen Arme erheben , sah den wahnsinnigen Ausdruck des Gesichts , er hörte innerlich ihren lauten durchdringenden Schrei und verhüllte , vor entsetzlichem Schmerze laut weinend , sein Gesicht , und , so wunderbar ist des Menschen Gemüth , in diesem ungeheuern Schmerze beklemmte doch zugleich die Beschämung seine Seele , sich seine Gemahlin so tief erniedrigt , vermischt mit dem Volke , als die Wittwe eines Hingerichteten zu denken . Er bedurfte eines langen Kampfes mit sich selber , ehe er so viel Fassung gewann , daß er die Blätter wieder ergreifen und diese unglückliche Geschichte weiter verfolgen konnte . Die Erinnerung , mit welcher Pein seine Gemahlin ihn erwarten würde , gab ihm endlich den Muth dazu , und er kehrte zu dem Inhalte der verhängnißvollen Blätter zurück und las , wie die Gräfin den Fortgang ihrer Geschichte folgendermaßen berichtete : Mein Schwiegervater führte mich als die Gemahlin seines Sohnes in sein Haus und benutzte die erste ruhige Stunde , mir die Nothwendigkeit zu zeigen , seinen Namen zu verschweigen . Er hatte beschlossen , seinen Sohn keiner Gefahr mehr auszusetzen , sondern , sobald es sich thun ließe , selbst nach Frankreich zurückzukehren , um seine Tochter und sein Vermögen in Sicherheit zu bringen , und er glaubte , er würde diesen Plan um so gefahrloser ausführen können , wenn Niemand seinen Tod bezweifelte . Ob ich gleich sehr jung war , sah ich die Wichtigkeit des Geheimnisses doch ein und begriff die Nothwendigkeit , alle unsicheren Zeugen bei meiner Trauung zu entfernen . Der alte Geistliche , welcher uns eingesegnet hatte , war der Beichtvater und Freund meines Schwiegervaters , also war auch auf dessen Verschwiegenheit zu zählen . Ich war dem Herzen meiner Mutter niemals theuer gewesen , aber seit meiner Verheirathung behandelte sie mich völlig wie eine Fremde und richtete jeden zärtlichen , liebevollen Gedanken ohne Hehl auf meinen Bruder , dessen Mündigkeit sie sehnsüchtig herbeiwünschte , denn sie zweifelte nicht , daß er dann sein Versprechen erfüllen und seine Seele , wie sie es nannte , in Sicherheit bringen würde . Mich kränkte diese unverdiente Kälte , und dieß war der einzige Kummer , der damals wie ein Schatten zuweilen den hellen Glanz meines Glückes verdunkelte . Ich empfand es eine kurze Zeit , wie glücklich der Mensch sein kann , um bald mit desto heftigerem Schmerz zu erfahren , welch furchtbares Leid das menschliche Herz zu ertragen vermag . Mein Schwiegervater liebte mich zärtlich und äußerte oft , wenn ein Franzose Frankreich vergessen könne , so würde er sich hier , umgeben von unserer Liebe , vollkommen glücklich fühlen , besonders wenn er die Tochter erst mit uns vereinigt habe ; aber ach ! geliebte Kinder , seufzte er dann , der Himmel gewährt kein reines Glück , wir sind doch immer aus unserm Vaterlande verbannt . Der Sohn suchte ihn in solchen Stunden mit der Möglichkeit der Rückkehr zu trösten . Es wird die Zeit einmal kommen , erwiederte er dann wohl , Frankreich wird feine Kinder wieder zu sich rufen , aber ich werde diese Zeit nicht mehr erleben . Unser stilles Glück wurde durch den Tod meiner trefflichen Großtante getrübt ; sie endigte nach einer Krankheit von wenigen Stunden wie im sanften Schlummer ein wahrhaft frommes Leben . Gleich bei unserer Ankunft hatte sie meine Mutter für ihre einzige Erbin erklärt und , wie sie es versprochen hatte , ihr Testament diesem Zwecke gemäß eingerichtet . Später , als die treffliche Frau die ungerechte Vorliebe meiner Mutter für meinen Bruder bemerkte , wollte sie zu meinem Vortheile eine Aenderung treffen , die jedoch immer verschoben wurde , und so geschah es , daß der Tod sie überraschte und die frühere Anordnung in Kraft blieb . Ich beweinte die geliebte Frau , die mir mehr Mutterliebe erwiesen hatte , als die Mutter , die mich geboren hatte ; aber das zärtliche Flehen meines Gemahls schmeichelte meinen Kummer hinweg , er erinnerte mich an die Pflichten gegen ihn , gegen seinen Vater , und ach ! an das Pfand unserer Zärtlichkeit , das noch unter meinem Herzen ruhte und dem sich meine Seele mit dunkler , ahnungsvoller Liebe zuneigte . Meine Mutter meldete meinem Bruder den Tod der Tante und forderte ihn auf , zu kommen und ihr bei den nun eingetretenen Geschäften beizustehen . Wie wir es erwartet hatten , folgte er bereitwillig diesem Rufe , um für meine Mutter die Erbschaft in Empfang zu nehmen , und diese erstaunte , als dieß Geschäft nach einigen Wochen beendigt war , den Nachlaß ihrer Tante so gering zu finden , daß sie nicht auf das ihr von meinem Vater ausgesetzte Einkommen , wie es ihr Vorsatz war , zu Gunsten meines Bruders Verzicht leisten konnte . Nachdem mein Bruder die Geschäfte meiner Mutter geordnet hatte , verließ er uns , um ein Jahr in Paris zuzubringen , und dann nach seiner Rückkehr wollte er sein Vermögen aus den Händen seines Vormundes empfangen und , wie meine Mutter hoffte , den lang genährten Vorsatz ausführen , sich in den Schooß der katholischen Kirche aufnehmen zu lassen . Wir alle sahen ihn mit Vergnügen nach dem Lande seiner Sehnsucht abreisen , denn Paris war ihm der Mittelpunkt der Welt , das Ziel seiner glühenden Wünsche , und er hatte es bis jetzt nicht erreichen können , weil ihm sein Vormund standhaft die Mittel dazu verweigerte . Wenige Wochen nach der Abreise meines Bruders wurde unser aller Glück erhöht , denn der Himmel schenkte mir einen Sohn , den der Großvater mit dankbaren Thränen gen Himmel hob , der Vater mit trunkenem Entzücken betrachtete und den ich , in selige Freude verloren