schönen Züge , die Du von ihm berichtest , bilden ein vollkommnes Ganze mit dem , was eine befreundete Erinnerung hinzubringt . Du hast wohl recht zu sagen , daß , wo der Boden mit Heldenblut getränkt wird , es in jeder Blume neu hervorsprieße , Deinem Helden gönne ich , daß Mars und Minerva ihm alles Glück zuwenden mögen , da er so schönem an Deiner Seite entrissen zu sein scheint . 17. Mai 1809 G. An Goethe 18. Mai Der Kronprinz von Bayern ist die angenehmste unbefangenste Jugend , ist so edler Natur , daß ihn Betrug nie verletzt , so wie den gehörnten Siegfried nie die Lanzenstiche verletzten . Er ist eine Blüte , auf welcher der Morgentau noch ruht , er schwimmt noch in seiner eignen Atmosphäre , das heißt : seine besten Kräfte sind noch in ihm . Wenn es so fort ginge und daß keine bösen Mächte seiner Meister würden ? - Wie gut hatten ' s doch jene Ritter , die von geneigten Feen mit kräftigen Talismanen versehen wurden , wenn sie zwischen feurigen Drachen und ungeschlachten Riesen nach dem tanzenden Wasser des Lebens oder nach goldnen Liebesäpfeln ausgesandt waren und eine in Marmor verwünschte Prinzessin , so rot wie Blut , so weiß wie Schnee , schön wie das ausgespannte Himmelszelt über dem Frühlingsgarten , als ihrer Erlösung Lohn ihnen zuteil wurde . - Jetzt ist die Aufgabe anders : die unbewachten Apfelbäume hängen ihre fruchtbeladenen Zweige über den Weg , und Liebchen lauscht hinter der Hecke , um den Ritter selbst zu fangen , und diesem allem soll er entgehen und sein Herz der Tugend weihen , die keine Jugend hat , sondern eine gräuliche Larve , so daß man vor ihr Reißaus nehmen möchte ; la belle et la bête , la bête ist die Tugend und la belle ist die Jugend , die sich von ihr soll fressen lassen ; da ist ' s denn kein Wunder , wenn die Jugend vor der Tugend Reißaus nimmt , und man kann ohne geheime parteiliche Wünsche nicht Zeuge von diesem Wettrennen sein . - Armer Kronprinz ! Ich bin ihm gut , weil er mit so schönem Willen hinübergeht zu meinen Tirolern , und wenn er auch nichts tut , als der Grausamkeit wehrt , ich verlasse mich auf ihn . Gestern bin ich zum erstenmal wieder eine Strecke weit ins Freie gelaufen , mit einem kapriziösen Liebhaber der Wissenschaften und Künste , mit einem sehr guten gehorsamen Kinde seiner eignen Launen , eine warme lebendige Natur , breit und schmal , wie Du ihn willst , dreht sich schwindellos über einem Abgrund herum , steigt mit Vergnügen auf die kahlen Spitzen der Alpen , um nach Belieben in den Ozean oder ins Mittelländische Meer zu speien , macht übrigens wenig Lärm . Wenn Du ihn je siehst und nach dieser Beschreibung erkennst , so ruf ihn nur Rumohr , ich vermute , er wird sich nach Dir umsehen . - Mit diesem also hat meine unbefangne Jugend gewagt , sich das Ziel einer anderthalb Stunden weiten Reise zu setzen , der Ort unserer Wallfahrt heißt Harlachingen , auf französisch Arlequin . Ein heißer Nachmittag , recht um melancholische Blicke in Brand zu stecken . Wir verlassen den grünen Teppich , schreiten über einen schmalen Balken auf die andere Seite des Ufers , wandern zwischen Weiden , Mühlen , Bächen weiter ; - wie nimmt sich da ein Bauer in roter Jacke aus , gelehnt an den hohen Stamm des edlen populus alba , dessen feine Äste mit kaum entsproßnen Blättern einen sanften grünen Schleier , gleichsam ein Frühlingsnetz niederspinnen , in welchem sich die tausend Käfer und sonstige Bestien fangen , scherzen und ganz lieblich haushalten . Jetzt ! Warum nicht ? - Da unter dem Baum ist genugsam Platz , seinen Gedanken Audienz zu geben , der launige Naturliebhaber läßt sich da nieder , das Dolce farniente summt ihm ein Wiegenliedchen in die Ohren , die Augenlider sinken , Rumohr schläft . Natur hält Wache , lispelt , flüstert , lallt , zwitschert . - Das tut ihm so gut ; träumend senkt er sein Haupt auf die Brust ; jetzt möcht ich dich fragen , Rumohr , was ich nie fragen mag , wenn du wach bist . Wie kommt ' s , daß du ein so großes Erbarmen hast und freundlich bist mit allen Tieren , und dich nicht kümmerst um das gewaltige Geschick jenes Bergvolks ? Vor wenig Wochen , wie das Eis brach und der Fluß überschwoll , da setztest Du alles dran , eine Katze aus der Wassersnot zu retten . Vorgestern hast du einen totgeschlagnen Hund , der am Wege lag , mit eignen Händen eine Grube gemacht und mit Erde bedeckt , obschon Du in seidnen Strümpfen warst und einen Klaque in Händen hattest . Heute morgen hast du mit Tränen geklagt , daß die Nachbarn ein Schwalbennest zerstörten trotz deinen Bitten und Einreden . Warum gefällt dir ' s nicht , deine Langeweile , deine melancholische Laune zu verkaufen um einen Stutzen , du bist so leicht und schlank wie eine Birke , du könntest Sätze tun über die Abgründe , von einem Fels zum andern , aber faul bist du und furchtbar krank an Neutralität . - Da steh ich allein auf der Wiese , Rumohr schnarcht , daß die Blumen erzittern , und ich denk an die Sturmglocke , deren Geläut so fürchterlich in den Ohren der Feinde erklingt , und auf deren Ruf alle mit Trommeln und Pfeifen ausziehen , ob auch die Stürme brausen , ob Nacht oder Tag , - und Rumohr , im Schatten eines jungbelaubten Baumes , eingewiegt von scherzenden Lüftchen und singenden Mückchen , schläft fest ; was geht den Edelmann das Schicksal derer an , denen keine Strapaze zu hart , kein Marsch zu weit ist , die nur fragen : » Wo ist der Feind ? - Dran , dran , für Gott , unsern lieben Kaiser und Vaterland ! ! « - Das muß ich Dir sagen , wenn ich je einen Kaiser , einen Landesherrn lieben könnte , so wär ' s im Augenblick , wo ein solches Volk im Enthusiasmus sein Blut für ihn verspritzt ; ja , dann wollt ich auch rufen : » Wer mir meinen Kaiser nehmen will , der muß mich erst totschlagen « , aber so sag ich mit dem Apostel : » Ein jeder ist geboren , König zu sein und Priester der eignen göttlichen Natur , wie Rumohr . « Die Isar ist ein wunderlicher Fluß . Pfeilschnell stürzen die jungen Quellen von den Bergklippen herab , sammeln sich unten im felsigen Bett in einen reißenden Strom . Wie ein schäumender Drache mit aufgesperrtem Rachen braust er hüben und drüben , über hervorragende Felsstücke verschlingend her , seine grünen , dunklen Wellen brechen sich tausendfach am Gestein , und schäumend jagen sie hinab , sie seufzen , sie lallen , sie stöhnen , sie brausen gewaltig . Die Möven fliegen zu Tausenden über den Wassersturz und netzen die Spitzen ihrer scharfen Flügel ; - und in so karger Gegend , schauderhaft anzusehen , ein schmaler Steg von zwei Brettern , eine Viertelstunde lang , schräg in die Länge des Flusses . - Nun , wir gingen , keine Gefahr ahnend , drüber hin , die Wellen brachen sich in schwindelnder Eile auf dem Wehr unter dem zitternden Steg . Außer daß die Bretter mit meiner Leichtigkeit hin- und herschwankten und Rumohrs Fuß zweimal durchbrach , waren wir schon ziemlich weit gekommen , ein dicker Bürger mit der Verdienstmedaille auf der Brust kam von der andern Seite , keiner hatte den andern bemerkt , aneinander vorbeizukommen war nicht , einer mußte umdrehen . Rumohr sagt : » Wir müssen erst erfahren , für was er die Medaille hat , darauf soll ' s ankommen , wer umkehrt . « Wahrhaftig ich fürchtete mich , mir war schon schwindlig , hätten wir umkehren müssen , so war ich voran , während die losen Bretter unter meinen Füßen schwankten . Wir erkundigten uns ehrerbietigst nach der Ursache seines Verdienstes : - er hatte einen Dieb gefangen . Rumohr sagte : » Dies Verdienst weiß ich nicht zu schätzen , denn ich bin kein Dieb , also bitt ich umzukehren « , der verwunderte dicke Mann ließ sich mit Rumohrs Beihilfe umkehren und machte den Weg zurück . Unter einem Kastanienbaum ließ ich mich nieder , träumend grub ich mit einem Reis in die Erde . Rumohr jagt mit Stock und Hut die Maikäfer auseinander , die wie viele Flintenkugeln uns umschwirrten beim Nachhausegehen in der Dämmerung . - Nah an der Stadt auf einem grünen Platz am Ufer steht die Statue des heiligen Johann von Nepomuk , der Wassergott ; vier Laternen werfen einen frommen Glanz auf ihn , die Leute knien da nacheinander hin , verrichten ihr Gebet , stört keiner den andern , gehen ab und zu . Die Mondsichel stand oben ; - in der Ferne hörten wir Pauken und Trompeten , Signal der Freude über die Rückkunft des Königs ; er war geflohen vor einer Handvoll waghalsiger Tiroler , die wollten ihn gefangen haben , warum ließ er sich nicht fangen , da war er mitten unter Helden , keine bessere Gesellschaft für einen König ; umsonst wär ' s nicht gewesen , der Jubel würde nicht gering gewesen sein , von Angesicht zu Angesicht hätte er vielleicht bessere Geschäfte gemacht , er ist gut , der König , der muß sich auch fügen ins eiserne Geschick der falschen Politik . - Die Stadt war illuminiert , als wir hineinkamen , und mein Herz war bei dem allen schwer , sehr schwer , wollte gern mit jenen Felssteinen in die Tiefe hinabrollen , denn weil ich alles geschehen lassen muß . Heut haben wir den 18. Mai , die Bäume blühen , was wird noch alles vorgehen , bis die Früchte reifen . Vorgestern glühte der Himmel über jenen Alpen , nicht vom Feuer der untertauchenden Sonne , nein , vom Mordbrand ; da kamen sie in den Flammen um , die Mütter mit den Säuglingen , hier lag alles im schweigenden Frieden der Nacht , und der Tau tränkte die Kräuter , und dort verkohlte die Flamme den mit Heldenblut getränkten Boden . Ich stand die halbe Nacht auf dem Turm im Hofgarten und betrachtete den roten Schein und wußte nicht , was ich davon denken sollte , und konnte nicht beten , weil es doch nichts hilft , und weil ein göttlich Geschick größer ist als alle Not , und allen Jammer aufwiegt . - Ach , wenn sehnsüchtiger Jammer beten ist , warum hat dann Gott mein heißes Gebet nicht erhört ? - Warum hat er mir nicht einen Führer geschickt , der mich die Wege hinübergeleitet hätte ? - Ich zittere zwar vor Furcht und Schrecken über allen Greuel , den man nimmer ahnen könnte , wenn er nicht geschehen wär , aber die Stimme aus meinem Herzen hinüber zu ihnen übertäubt alles . Das Schloß der blinden Tannenberge haben sie verräterisch abgebrennt ; Schwatz , Greise , Kinder , Heiligtümer ; ach , was soll ich Dir schreiben , was ich nimmermehr selbst wissen möchte , und doch haben die Bayern selbst jubelnd sich dessen gerühmt , so was muß man tragen lernen mit kaltem Blut und muß denken , daß Unsterblichkeit ein ewiger Lohn ist , der alles Geschick überbietet . - Der König fuhr , da wir eben in die Stadt kamen , durch die erleuchteten Straßen , das Volk jauchzte , und Freudentränen rollten über die Wangen der harten Nation ; ich warf ihm auch Kußhände zu , und ich gönn ihm , daß er geliebt ist . - Adieu , hab Dein treues Kind lieb , sag ihm bald ein paar Worte . Bettine An Goethe Am 22. Mai Heute morgen zu meiner Überraschung erhielt ich Deinen Brief . Ich war gar nicht mehr gefaßt darauf , schon die ganze Zeit schreibe ich meine Blätter als ein verzweifelter Liebhaber , der sie dem Sturmwind preisgibt , ob der sie etwa hintrage zu dem Freund , in den mein krankes Herz Vertrauen hat . So hat mich denn mein guter Genius nicht verlassen ! Er durchsauset die Lüfte auf einem schlechten Postklepper , und am Morgen einer Nacht voll weinender Träume erblick ich erwachend das blaue Kuvert auf meiner grünen Decke . So tretet denn , ihr steilen Berge , ihr schroffen Felswände , ihr kecken , racheglühenden Schützen , ihr verwüsteten Tale und rauchenden Wohnungen bescheiden zurück in den Hintergrund und überlaßt mich einer ungemessenen Freude , die elektrische Kette , die den Funken von Ihm bis zu mir leitet , zu berühren , und unzähligemal nehm ich ihn in mich auf , Schlag auf Schlag , diesen Funken der Lust . - Ein großes Herz , hoch über den Schrecken der Zeit , neigt sich herab zu meinem Herzen . Wie der silberne Faden sich niederschlängelt ins Tal zwischen hinabgrünenden Matten und blühenden Büschen ( denn wir haben ja Mai ) , sich unten sammelt und im Spiegel mir mein Bild zeigt , so leiten Deine freundlichen Worte hinab zu mir das schöne Bewußtsein , aufbewahrt zu sein im Heiligtum Deiner Erinnerungen , Deiner Gefühle ; so wag ich ' s zu glauben , da dieser Glaube mir den Frieden gibt . - O , lieber Freund , während Du Dich abwendest vor dem Unheil trüber Zeit , in einsamer Höhe Geschicke bildest und mit scharfen Sinnen sie lenkest , daß sie ihrem Glück nicht entgehen , denn sicher ist dies schöne Buch , welches Du Dir zum Trost über alles Traurige erfindest , ein Schatz köstlicher Genüsse , wo Du in feinen Organisationen und großen Anlagen der Charaktere Stimmungen einleitest und Gefühle , die beseligen , wo Du mit freundlichem Hauch die Blume des Glücks erweckst und in geheimnisvoll glühenden Farben erblühen machst , was unser Geist entbehrt . - Ja , Goethe , während diesem hat es sich ganz anders in mir gestaltet . - Du erinnerst Dich wohl noch , daß die Gegend , das Klima meiner Gedanken und Empfindungen , heiter waren , ein freundlicher Spielplatz , wo sich bunte Schmetterlinge zu Herden über Blumen schaukelten , und wie Dein Kind spielte unter ihnen , so leichtsinnig wie sie selber , und Dich , den einzigen Priester dieser schönen Natur , mutwillig umjauchzte , manchmal auch tiefbewegt allen Reiz beglückter Liebe in sich sammelnd zu Deinen Füßen in Begeisterung überströmte . Jetzt ist es anders in mir , düstere Hallen , die prophetische Monumente gewaltiger Todeshelden umschließen , sind der Mittelpunkt meiner schweren Ahnungen ; der weiche Mondesstrahl , der goldnen Birke Duft dringen da nicht ein , aber wohl Träume , die mir das Herz zerreißen , die mir im Kopf glühen , daß alle Adern pochen . Ich liege an der Erde am verödeten Ort und muß die Namen ausrufen dieser Helden , deren schauerliches Geschick mich verwundet ; ich seh ihre Häupter mit Siegeslorbeern geschmückt , stolz und mächtig unter dem Beil niederrollen auf das Schafott . Ach Gott , ach Gott ! welch lauter Schrei der Verzweiflung durchfährt mich bei diesen einbilderischen Träumen . Warum muß ich verzagen , da noch nichts verloren ist ? - Ich hab ein Fieber , so glüht mir der Kopf . Auf dem tonnenförmigen Gipfel des Kofels , Speckbachers Horst , der schlaflos , keiner Speise bedürfend , mit besserer Hoffnung beflügelt , leicht wie ein Vogel schwebt über dem Augenblick , da es Zeit ist . Auf dem Brenner , wo Hofers unwandelbarer Gleichmut die Geschicke lenkt , die Totenopfer der Treue anordnet . Am Berge Isel , wo der Kapuziner den weißen Stecken in der Hand , alles erratend und vorbeugend , sich allen voranwagend , an der Spitze des Landvolks , siegbewußt über die Saaten niederjagt ins Tal . Da seh ich auch mich unter diesen , die kurze grün und weiße Standarte schwingend , weit voran auf steilstem Gipfel , und der Sieg brennt mir in den Gliedern , und da kommt der böse Traum und haut mit geschwungener Axt mir die feste Hand ab , die niederstürzt mitsamt der Fahne in den Abgrund , dann ist alles so öde und stumm , die Finsternis bricht ein und alles verschwunden , nur ich allein auf der Felswand ohne Fahne , ohne Hand , verzeih ' s , daß ich so rase , aber so ist ' s. Heute morgen noch mein letzter Traum , da trat einer zu mir auf dem Schlachtfeld , sanft von Gesicht , von gemessenem Wesen , als wär es Hofer ; der sagte mitten unter Leichen stehend zu mir : Die starben alle mit großer Freudigkeit . In demselben Augenblick erwachte ich unter Tränen , da lag Dein Brief auf dem Bett . Ach , vereine Dich doch mit mir , Ihrer zu gedenken , die da hinstürzen ohne Namen , kindliche Herzen ohne Fehl , lustig geschmückt wie zur Hochzeit mit goldnen Sträußern , die Mützen geziert mit Schwungfedern der Auerhähne und mit Gemsbärten , das Zeichen tollkühner Schützen . Ja ! Gedenke ihrer ; es ist des Dichters Ruhm , daß er den Helden die Unsterblichkeit sichere ! 6. Juni Gestern , da ich Dir geschrieben hatte , da war die Sonne schon im Untergehen , da ging ich noch hinaus , wo man die Alpen sieht , was soll ich anders tun ? Es ist mein täglicher Weg , da begegne ich oft einem , der auch nach den Tiroler Alpen späht . An jenem späten Abend , ich glaub es war in der Mitte Mai , wo Schwatz abbrannte , da war er mit auf dem Turm , da konnte er sich gar nicht fassen , er rang die Hände und jammerte leise : » O Schwatz ! O liebes Vaterland ! « - Gestern war er wieder da und ergoß mit Freudebrausen den ganzen Schatz seiner Neuigkeiten vor mir . Wenn ' s demnach wahr ist , so haben die Tiroler am Herz-Jesu-Fest ( den Datum wußte er nicht ) den Feind überwältigt und ganz Tirol zum zweitenmal befreit . Ich kann nicht erzählen , was er alles vorbrachte , Du würdest es so wenig verstehen wie ich ; Speckbachers Witz hat durch eine Batterie von Baumstämmen , als ob es Kanonen wären und durch zusammengebundne Flintenläufe den Knall nachahmend , den Feind betrogen , gleich drauf die Brücke bei Hall dreimal gestürmt und den Feind mitsamt den Kanonen zurückgetrieben , die Kinder dicht hinterdrein ; wo der Staub aufwirbelte , schnitten sie mit ihren Messern die Kugeln aus und brachten sie den Schützen . Der Hauptsieg war am Berg Isel , dem Kapuziner ist der Bart weggebrennt . Die namhaften Helden sind alle noch vollzählig . Handbillett haben sie vom Kaiser mit großen Verheißungen aus der Fülle seines Herzens . Wenn ' s auch nicht alles wahr wird , meinte mein Tiroler , so war ' s doch wieder ein Freudentag fürs Vaterland , der aller Aufopferung wert ist . Vom Kronprinz hab ich kein Gedicht ; ein einziges , was er am Tag vor seinem Auszug in den Krieg machte , an Heimat und die Geliebte , zeigte mir der alte getreue Pantalon , er will ' s unter keiner Bedingung abschreiben . Eine junge Muse der Schauspielkunst besitzt deren mehrere , der alte Bopp hat ihr auf meine Bitte drum angelegen , sie suchte danach unter den Theaterlumpen und fand sie nicht , sonst hätten sie zu Diensten gestanden , meinte sie , der Kronprinz würde ihr andere machen . Gold und Perlen hab ich nicht , der einzige Schatz , nach dem ich gewiß allein greifen würde bei einer Feuersbrunst , sind Deine Briefe , Deine schönen Lieder , die Du mit eigner Hand geschrieben , sie sind verwahrt in der roten Sammettasche , die liegt nachts unter meinem Kopfkissen , darin ist auch noch der Veilchenstrauß , den Du mir in der Gesellschaft bei Wieland , so verborgen zustecktest , wo Dein Blick wie ein Sperber über allen Blicken kreiste , daß keiner wagte aufzusehen . - Die junge Muse gibt es auf , die Opfer , die der Kronprinz ihr in Dichterperlen gereiht zu Füßen legte , unter dem Wust von falschem Schmuck und Flitterstaat wiederzufinden , und doch waren sie im Zauberhauch der Mondnächte bei dem Lied der Nachtigall erfunden , Silb um Silbe ; Klang um Klang aufgereiht . Wer Silb um Silbe die nicht liebt , nicht diesen Schlingen sich gefangen gibt , der mag von Himmelskräften auch nicht wissen , wie zärtlich die von Reim zu Reim sich küssen . Deine Mutter werde ich nicht vergessen , und sollt ich auch mitten im Kriegsgetümmel untergehen , so würde ich gewiß noch im letzten Moment die Erde küssen zu ihrem Andenken . Was ich Dir noch Merkwürdiges zu berichten habe , ist schon aufgeschrieben , im nächsten Brief wirst Du es finden , dieser wird schon zu dick , und ich schäme mich , daß ich Dir nichts Wichtiges zu schreiben habe und doch nicht abbrechen kann . Geschwätz ! - ich weiß ja , wie ' s ging in Weimar , da sagt ich auch nichts Gescheutes , und doch hörtest Du gern zu . Vom Stadion weiß ich gar nichts , da muß ich kurzen Prozeß machen und ihn verschmerzen , wer weiß , ob ich ihn je wieder seh . Jacobi ist zart wie eine Psyche , zu früh geweckt , rührend ; wär es möglich , so könnte man von ihm lernen , aber die Unmöglichkeit ist ein eigner Dämon , der listig alles zu vereiteln weiß , zu was man sich berechtigt fühlt ; so mein ich immer , wenn ich Jacobi von Gelehrten und Philosophen umgeben seh , ihm wär besser , er sei allein mit mir . Ich bin überzeugt , meine unbefangnen Fragen , um von ihm zu lernen , würden ihm mehr Lebenswärme erregen , als jene alle , die vor ihm etwas zu sein als notwendig erachten . Mitteilung ist sein höchster Genuß ; er appelliert in allem an seine Frühlingszeit , jede frisch aufgeblühte Rose erinnert ihn lebhaft an jene , die ihm zum Genuß einst blühten , und indem er sanft durch die Haine wandelt , erzählt er , wie einst Freunde Arm in Arm sich mit ihm umschlungen in köstlichen Gesprächen , die spät in die laue Sommernacht währten , und da weiß er noch von jedem Baum in Pempelfort , von der Laube am Wasser , auf dem die Schwäne kreisten , von welcher Seite der Mond hereinstrahlte auf reinlichem Kies , wo die Bachstelzchen stolzierten ; das alles spricht sich aus ihm hervor , wie der Ton einer einsamen Flöte , sie deutet an : der Geist weilt noch hier ; in ihren friedlichen Melodien aber spricht sich die Sehnsucht zum Unendlichen aus . Seine höchst edle Gestalt ist gebrechlich , es ist , als ob die Hülle leicht zusammensinken könne , um den Geist in die Freiheit zu entlassen . Neulich fuhr ich mit ihm , den beiden Schwestern und dem Grafen Westerhold nach dem Staremberger See . Wir aßen zu Mittag in einem angenehmen Garten , alles war mit Blumen und blühenden Sträuchern übersäet , und da ich zur Unterhaltung der gelehrten Gesellschaft nichts beitragen konnte , so sammelte ich deren so viel , als mein Strohhut faßte . Im Schiff , auf dem wir bei herannahendem Abend wohl anderthalb Stunden fahren mußten , um das jenseitige Ufer wieder zu erreichen , machte ich einen Kranz . Die untergehende Sonne rötete die weißen Spitzen der Alpenkette , und Jacobi hatte seine Freude dran , er deployierte alle Grazie seiner Jugend , Du selbst hast mir einmal erzählt , daß er als Student nicht wenig eitel auf sein schönes Bein gewesen , und daß er in Leipzig mit Dir in einen Tuchladen gegangen , das Bein auf den Ladentisch gelegt , und dort die neuen Beinkleidermuster drauf probiert , bloß um das Bein der sehr artigen Frau im Laden zu zeigen ; - in dieser Laune schien er mir zu sein ; nachlässig hatte er sein Bein ausgestreckt , betrachtete es wohlgefällig , strich mit der Hand drüber , dann wenige Worte über den herrlichen Abend flüsternd , beugte er sich zu mir herab , da ich am Boden saß und den Schoß voll Blumen hatte , wo ich die besten auslas zum Kranz , und so besprachen wir uns einsilbig , aber zierlich und mit Genuß in Gebärden und Worten , und ich wußte es ihm begreiflich zu machen , daß ich ihn liebenswürdig finde , als auf einmal Tante Lenens vorsorgende Bosheitspflege der feinen Gefühlskoketterie einen bösen Streich spielte ; ich schäme mich noch , wenn ich dran denke ; sie holte eine weiße langgestrickte wollne Zipfelmütze aus ihrer Schürzentasche , schob sie ineinander und zog sie dem Jacobi weit über die Ohren , weil die Abendluft beginne rauh zu werden , grade in dem Augenblick als ich ihm sagte : » Heute versteh ich ' s recht , daß Sie schön sind « , und er mir zum Dank die Rose in die Brust steckte , die ich ihm gegeben hatte . Jacobi wehrte sich gegen die Nachtmütze , Tante Lene behauptete den Sieg , ich mochte nicht wieder aufwärts sehen , so beschämt war ich . - » Sie sind recht kokett « , sagte der Graf Westerhold , ich flocht still an meinem Kranz , da aber Tante Lene und Lotte einstimmend mir gute Lehren gaben , sprang ich plötzlich auf und trappelte so , daß der Kahn heftig schwankte , » um Gotteswillen wir fallen ! « schrie alles , » ja , ja ! « rief ich , » wenn Sie noch ein Wort weiter sagen über Dinge , die Sie nicht verstehen . « Ich schwankte weiter , » haben Sie Ruh , es wird mir schwindlig « . - Westerhold wollte mich anrühren , aber da schwankte ich so , daß er sich nicht vom Platz getraute , der Schiffer lachte und half schwanken , ich hatte mich vor Jacobi gestellt , um ihn nicht in der fatalen Mütze zu sehen , jetzt , wo ich sie alle in der Gewalt hatte , wendete ich mich nach ihm , nahm die Mütze beim Zipfel und schwenkte sie weit hinaus in die Wellen ; » da hat der Wind die Mütze weggeweht « , sagte ich , ich drückte ihm meinen Kranz auf den Kopf , der ihm wirklich schön stand , Lene wollt es nicht leiden , die frischen Blätter könnten ihm schaden . Lasse ihn mir doch , sagte Jacobi sanft , ich legte die Hand über den Kranz . » Jacobi « , sagte ich : » Ihre feinen Züge leuchten im gebrochnen Licht dieser schönen Blätter wie die des verklärten Plato . Sie sind schön , und es bedarf nur eines Kranzes , den Sie so wohl verdienen , um Sie würdig der Unsterblichkeit darzustellen « ; ich war vor Zorn begeistert , und Jacobi freute sich ; ich setzte mich neben ihn an die Erde und hielt seine Hand , die er mir auch ließ , keiner sagte etwas , sie wendeten sich alle ab , um die Aussicht zu betrachten , und sprachen unter sich , da lachte ich ihn heimlich an . Da wir ans Ufer kamen , nahm ich ihm den Kranz ab und reichte ihm den Hut . - Das war meine kleine Liebesgeschichte jenes schönen Tages , ohne welche der Tag nicht schön gewesen sein würde ; nun hängt der Kranz verwelkt an meinem Spiegel , ich bin seitdem nicht wieder hingegangen , denn ich fürchte mich vor Helenen , die aus beleidigter Würde ganz stumm war und mir nicht Adieu sagte ; so mag denn Jacobi freundlich meiner gedenken , wenn ich ihn nicht wieder sehen sollte , dieser Abschied kann ihm keinen unangenehmen Eindruck in der Erinnerung lassen , und mir ist es grade recht , denn ich möchte doch nicht Kunst genug besitzen , den vielen Fallstricken und bösen Auslegungen zu entgehen , die jetzt wahrscheinlich im Gang sein mögen . Adieu , nun hab ich Dir auf alle Artikel Deines lieben Briefes geantwortet und Dir mein ganzes Herz ausgeschüttet . Versicherungen meiner Liebe gebe ich Dir nicht mehr , die sind in jedem Gedanken , im Bedürfnis , Dir alles ans Herz zu legen , hinlänglich beurkundet . 7. Juni Bettine An Goethe 16. Juni Gott lasse mir den einzigen Wunsch gedeihen , Dich wieder zu sehen , und zögere nicht allzulang . Soeben vernehme ich , daß jemand von meiner Bekanntschaft nach Weimar geht . Das bläst die Asche von der Glut , mich hält ' s , daß ich von hier aus die Tiroler Berge sehen kann , sonst nichts . Es martert mich alle Tage , nicht zu wissen , was dort vorgeht ; ich käme mir vor wie ein feiger Freund , wenn ich mich dem Einfluß , den die Nähe des bedrängten Landes auf mich hat , entziehen wollte ; wahrhaftig , wenn ich abends von meinem Schneckenturm die Sonne dort untergehen sehe , da muß ich immer mit ihr . Wir haben schon seit Wochen schlecht Wetter . Nebel und Gewölk , Wind und Regen und schmerzliche Botschaft wird indessen durch Dein Andenken wie durch einen Sonnenstrahl erhellt . - Beinah vier Wochen hab ich nicht geschrieben , aber ich hab Dich diese ganze Zeit über bedacht , mit Gedanken , Wort und Werken , und nun will ich ' s gleich auseinandersetzen : es ist auf der hiesigen Galerie ein Bild von Albrecht Dürer , in seinem achtundzwanzigsten