in sich , um das zu wollen , was er gerne wollen möchte . Du wirst nun wohl sehen , daß es der Ort nicht thut , wenn man den rechten Sinn nicht mitbringt . Du stützest Dich auf die letzten traurigen Ereignisse , und behauptest , hier gehe alles Familienglück zu Grunde . Es sei , als walte ein finsterer Geist in unserm Umkreis , der bald auf diesen , bald auf jenen niederfalle . Ich kann solchen Aberglauben nicht billigen , lieber Sohn , Gottes Gnade läßt sich nicht bannen . Wer auf sie baut , der mag stehen , wo er will , er steht in seiner Hand . Es ist wahr , es kann einem manchmal erschrecken , wie sich das Mißgeschick einnistet , und Leid und Trübsal unsere Tisch- und Bettgenossen werden , man immer nur traurigen Gesichtern begegnet , und selbst die Kinder sich ängstlich umsehen , ob auch kein neues Unglück im Winkel laure ? Es ist so , lieber Sohn ! wir erfuhren es Alle , und erfahren es wohl noch . Allein jedes hat seine Zeit , und ich denke , wäre man herzhafter , ließe man sich nicht beugen , sähe man mehr auf Gott , es würde uns nicht so dunkel vor den Augen und so gepreßt ums Herz bleiben . Was hilft das aber Alles ! Du hast nun doch einmal Deinen Sinn auf Veränderung gestellt . Du hältst hier nicht aus . Ich kann nicht sagen , ob Du recht oder unrecht daran thust ? Wenn es erst so weit ist ; wenn man einmal ein Gefühl ausgesprochen , einen Widerwillen , eine Besorgniß mitgetheilt hat , dann freilich kommt der rechte Muth nicht wieder . Das Mißvergnügen ist ansteckend wie die Furchtsamkeit . Ich sagte vorhin , auch den Kindern werde es unheimlich hier . Gestern Abend mußte ich das wieder erfahren . Wenn die Scheu und Bangniß allein schon ein Uebel ist , so zieht sie immer noch neue herbei . Es hatte den ganzen Tag geregnet . Die große Stube ist kühl , und scheint die Sonne nicht , so machen es die alten Linden trübe und feucht darinnen . Kinder frieren leicht , wenn sie einmal nicht draußen im Freien sein können . Ich hatte gegen Abend Feuer ins Kamin machen lassen . So lange die Flamme hell brannte , war es eine Lust für die Kleinen . Wie sich aber das Holz verkohlte , und die Gluth matter und dunkler ward , dann die Dämmerung eintrat , da drängte sich der kleine Kreis enger zusammen . Sie erzählten einander Hexengeschichten und andern tollen Schwank . Annchen saß auf meinem Schooß im Winkel am Kamin . Sie hatte das Köpfchen an mich angelehnt , und sah zuweilen , mit den klugen Augen blinzelnd in die meinigen . Ich küßte sie , indem ich , von der Aehnlichkeit mit der Verstorbenen getroffen , leise sagte : » Ganz wie die Mutter ! « Der arme , kleine Georg hatte unterdessen sein Fußbänkchen dicht zu mir herangezogen , die Aermchen um meine Kniee geschlungen , das Gesicht hineingedrückt , als wolle er schlafen . Jetzt hörte ich ihn schluchzen , und da ich sanft seinen Kopf in die Höhe richte , bricht es wie ein Schrei aus dem kleinen , gepreßten Herzen : » Mutter ! Mutter kommt auch gar nicht wieder ! « Mir ging das durch die Seele , und vollends , als Annchen altklug versicherte : » Mutter ist todt , ja gewiß , sie ist todt ! « Georg sah entsetzt auf , seine Thränen stockten . Es war , als wolle er mir das Ja oder Nein auf den Lippen lesen . Ich hatte Mühe , ihm die Bedeutung von Annchens Aeußerung begreiflich zu machen . Er seufzte tief , kam zu mir herauf , und sagte mir leise ins Ohr : » Darf ich denn nicht mehr in unser Haus gehen ? Ich möchte doch so gern ! « Er brachte das Letzte nur unter vielen Thränen stockend heraus . » Vater , « flüsterte ich eben so leise , » hat den Schlüssel mitgenommen . Du weißt ja , die Thüren sind verschlossen , wir können sie nicht aufmachen . « » Wir können sie nicht aufmachen ? « wiederholte er , das Köpfchen nachdenkend in die Höhe richtend . » Und Mutter auch nicht , wenn sie wiederkommt ? « setzte er hinzu . Ich küßte ihn , mit der Bitte , nur bis dahin Geduld zu haben . Allein er wiederholte bittend : » aber ich möchte doch so gern , so gern in unser Haus gehen ! komm doch , komm ! « bis ich ihn zuletzt ermahnen mußte , artig und folgsam zu sein . Annchen gab hier , wie immer , ihr Wort dazu , und drohte mit dem schwarzen Manne , wenn er noch länger weinen würde . Im nämlichen Augenblick stieß der Wind ein Fenster auf , die Kammerthür gegenüber sprang aus dem Schloß , der Wind fuhr heulend durchs Zimmer , die ältern Kinder flüchteten sich ängstlich ans Kamin . Franz stieß mit dem Fuß die Gluth zusammen , warf frisches Holz hinein , und als dieses prasselnd aufflackerte und der Schein den nächsten Umkreis erhellte , sagte er , es sei was Schwarzes durch die Stube gegangen . Die Kleinen fingen nun laut an zu schreien . Ich schalt ihn thöricht , rief die Magd , hieß sie Licht bringen , und suchte in der Zwischenzeit die erschrockenen Kinder zu beruhigen . Allein auch ich sollte ein wenig außer Fassung gerathen , als wirklich eine Figur auf mich zuschritt , und ich erst nach einer Weile den halb verwirrten , unglücklichen Caplan erkannte , der von der Gartenseite durch die Kammer hereingekommen war . Bei dem ersten Laut seiner Stimme zitterte Georg so heftig , daß ich , alle Gastlichkeit bei Seite lassend , zuerst das Kind entfernen , und es der Obhut seines alten Dieners einstweilen überlassen mußte . Als ich zurückkam , war der unstäte Tavanelli schon wieder verschwunden . Ich war nahe daran , ihn für einen Spuck zu halten , hätte mich Franz nicht versichert , er sei wirklich hier gewesen , habe mir und Georg finster nachgesehen , und mit Unwillen ausgerufen : » So hassen , so fliehen sie mich Alle ! Ich meinte es gut ! Sie verstehen es nicht besser ! « Worauf er nach der Thüre eilte , und im Hinausgehen , ohne sich umzusehen , hinzufügte : » Sagt der Großmutter , ich würde wiederkommen , ich müßte sie sprechen ! « Mir machte das Letztere angst und bange . Der ganze Abend war mir verdorben . Bei jedem Windstoße , bei dem Rascheln der Blätter an den Scheiben , bei dem Knarren der Thüre , fuhr ich in die Höhe , und glaubte , jetzt komme er ganz gewiß . Doch eine Stunde nach der andern verging , ohne daß er weiter etwas von sich hören ließ . Ich wachte die ganze Nacht , aus Furcht , Georg könne aufs Neue durch ungestümes Pochen oder Anrufen des wüsten Menschen gestört werden . Der arme Kleine ist durch all die erschütternden Auftritte so erregt , so gespannt , daß er wie im Fieber bis zum Morgen unruhig träumt . Ich war nur froh , daß gegen Mittag das Wetter hell ward , und ich mit ihm drüben im Schloßgarten umhergehen konnte . Er sprang ganz munter vor mir her , und war so freudig , daß mir das Herz wehe that ; er mochte glauben , heute werde die Mutter kommen . Er sah mich öfter so recht listig forschend an , als ahnde er irgend eine heimliche Ueberraschung . Armes , armes Kind ! um was haben Dich nicht die Menschen gebracht ! Er merkte dann wohl , daß es mit seinen Erwartungen nichts sei . Er ward still , und schlich endlich müde neben mir her . Zuletzt kletterte er noch an dem Fenstergesims hinan , klammerte sich mit beiden Händen an das Kreuzholz , und bemühte sich augenscheinlich , durch die Spalte der geschlossenen Läden in das Innere des Hauses hineinzusehen . Ich ließ ihn thun , was er wollte . Nach einer Weile drehte er das Köpfchen seitwärts zu mir herum , indem er , mit weinerlichem Verziehen der Lippen , sagte : » Hier hat Mutter geschlafen und ich auch ! Schläft Mutter wieder hier , wenn sie kommt ? « Ich nickte bejahend , ohne etwas erwiedern zu können . Thränen traten mir in die Augen . Mein Gott ! was wird aus dem Knaben werden , wenn er es endlich erfährt , daß ihm die Mutter verloren ist ! Könnte er noch hier unter Bekannten bleiben , allein ich fürchte , der Präsident wird ihn abholen , sobald er in seinem neuen Aufenthaltsorte eingerichtet ist . Dann sterben wohl alle die Erinnerungen ; und das liebe , weiche , sehnsüchtige Kind wird ganz ein anderer Mensch , als es geworden wäre , wenn alles natürlich und glücklich blieb . Siehst Du , lieber Sohn ! aus ähnlichen Gründen habe ich solche Scheu vor der ruhelosen Sucht , an sich und seinem Geschick zu ändern . Was man erst viel hin- und herrückt , das wird wackeligt . Es steht zuletzt nirgend recht fest . Und vollends Kinder ! Sie gewöhnen sich wohl , aber einmal aus ihrem Gange herausgerissen , neigen sie sich hierhin und dorthin . Der frische , gerade , natürliche Wuchs der Seele , der bleibt es doch nicht . Du weißt , was ich sagen will . Bedenke , was Du thust ! Ich wollte hier schließen . Aber ich habe Dir noch etwas zu erzählen , was gewiß recht sonderbar ist . Es betrifft den Caplan . Glücklicherweise hatte er nicht Wort gehalten . Meine Angst war vergeblich . Bis jetzt hörte ich nichts weiter von ihm . Nun ich mich sicher glaubte , fiel mir doch ein , daß es kindisch gewesen , ihm so auszuweichen . Vielleicht hatte er mir wirklich etwas zu sagen . Der Präsident konnte ihn geschickt , mit irgend einer Bestellung an mich beauftragt haben ; meine Eile , die erschrockene Hast , mit der ich Georg entfernte , verdroß ihn wohl deshalb doppelt , und aus gerechter Empfindlichkeit blieb er lieber ganz weg , als sich einem ähnlichen Empfange auszusetzen . Mein Gewissen sprach mich nicht ganz frei von Vorwürfen . Ich fragte mich ernstlich , weshalb ich denn eigentlich seinen Anblick so scheute ? Es kam denn am Ende doch nur auf unheimliches Grauen , auf geheimen Widerwillen heraus , den man sich niemals gegen einen Menschen in dem Maße erlauben sollte . Mein strenges Examen gab mir den Muth , im Hause nachzufragen , ob Herr Tavanelli nicht wieder hier gewesen , oder vielleicht noch drüben im Schlosse sei ? Die Arbeiter kamen vom Feld , als ich diese Erkundigungen einzog . Sie hörten es , und versetzten lachend , noch vor Sonnenaufgang hätten sie ihn mit großen Schritten neben der tollen Landstreicherin , der einäugigen Marthe , über die Kalkhöhen der Thalheide zuschreiten sehen . Die tiefe , dunkle Schlucht versteckte sie bald darauf , allein gegen Mittag sei die Magd unten aus der Mühle herauf gekommen , und die habe erzählt : Als sie frühe ihre Ziegen über den Steg am Bache , den Buchen und Erlen entlang trieb , da fand sie ganz zufällig den bunten Plunder der alten Trödlerin auf dem Rasen verstreut . Ein aufgerissenes Packet lag daneben . Sie betrachtete einen Augenblick die fremden Dinge , und wie sie so Eins und das Andere in die Hand nimmt , findet sie auch noch ein beschriebenes Papier , in welchem etwas eingewickelt war . Sie macht es auf , ein goldener Ring lag darin . Mein Gott ! denkt das Mädchen , wer läßt hier so etwas liegen ? Gewissenhaft eilt sie damit zur Mühle . Der Müller ist gerade beschäftigt , die Schaufeln zu stellen . Die Frau nimmt ihr den Fund ab , besieht den Ring von allen Seiten , kann aber von dem Geschriebenen auf dem Blättchen nichts lesen . Sie verschließt gleichwohl beides , und heißt das Mädchen nur wieder gehen . Als diese , ganz in Gedanken , zurückkehrt , und sich nach ihren Ziegen umsieht , bemerkt sie zwischen den Bäumen auf der Höhe etwas Schwarzes , das sich eilig durch das Dickicht windet , zugleich lacht Jemand hell auf , und kreischt mit Hohn : » Sei kein Narr , Caspar ! eine Mutter findest Du nicht alle Tage ! « Es sei die alte Marthe gewesen , versicherte das Mädchen , sie habe sie wohl erkannt an dem hellen Ton . Da sie solche aber anrufen wollte , verlor sie sich schnell immer weiter zwischen den Bergen . Nicht lange darauf stand der Caplan vor der Mühle . Er klopfte ängstlich an die Thüre , sah todtenblaß aus und zitterte in heftigem Fieberfrost . Die Müllerin ließ ihn sogleich ein . Er konnte nicht ein Wort hervorbringen , sank matt und krank auf einen Schemel , und liegt noch krank , wie im Fieber rasend . » Ei ! « sagte ich , als ich das hörte , » da muß ich gleich hin , und sorgen , daß dem Unglücklichen geholfen wird . « » Was wollen Sie denn noch lange helfen , Madame ? « antwortete mir der alte Klaus . » Der ist reif . Lassen Sie ihn immer das Bad ausbaden . Hat er es doch nicht besser gewollt . « Ich verwies ihm die unbilligen Worte . Aber er schüttelte den Kopf und sagte so viel , um mich in dem lang gehegten Verdacht zu bestärken , daß ein Brief des Caplan , vielleicht durch Klaus bestellt , den Präsidenten an jenem Unglücksabend hierher berief . Nichts desto weniger hielt ich es doch für meine Pflicht , dem ganz Verlassenen beizustehen . Ich fuhr daher sogleich nach der Mühle . Allein , lieber Sohn , was ich dort hören und sehen mußte , überstieg weit meine Erwartung . Anfangs war es nur der Kranke , der uns Sorge machte . Was der in den Fieberphantasien sprach , durfte man eben nicht sonderlich achten . Doch nun , als gegen Abend die rohe Stimme der herantobenden Marthe sich vernehmen ließ , die Verwilderte , mit ihren aufgerafften Lumpen im Arm , ungestüm in die Stube trat , mit stotternder Zunge nach dem vermißten Ringe und nach Tavanelli forschte ; ihn bald Sohn , bald verwünschte Teufelsbrut nannte - ach ! lieber Franz , Du kennst Deine Mutter , Du wirst Dir einbilden , wie mich solch ' widriger Auftritt ängstigte . Ich saß erst ganz still in einem Winkel , an das Krankenbett gedrückt , ohne Muth zu haben , der Frechen den Eintritt zu verwehren . Doch , wie sie die Thüre endlich halb erstürmte , den armen Schlummernden laut anschrie , ihren Ring von ihm forderte , da faßte ich mir ein Herz , nahm sie beim Arm und führte sie hinaus , indem ich ihr leise zuflüsterte , mir zu folgen , ich wollte ihr alles Verlorne wieder zustellen . Sie sah mich ungewiß an , that aber , was ich ihr sagte . Als die Müllerin das Päckchen aus dem Schranke herausnahm , griff Marthe mit häßlicher , thierischer Gier darnach , ihr schiefliegendes Auge blitzte hell . » Da ! « rief sie , mir den Ring und das Blatt hinhaltend , » lesen Sie , lesen Sie ! Er will es nicht glauben . Aber , es ist , so wahr Gott lebt , wahr ! Sein Vater hat mir die Ehe versprochen . Hier steht es , und den Ring gab er mir , da ich seine - - « Sie lachte hell auf . Ich schlug beschämt die Augen nieder , ohne ihr zu widersprechen . Ich glaubte , sie fasele . Aber , lieber Franz , sie sprach wahr . Sie ließ nicht ab , ich mußte die betrügerische Verschreibung lesen . Es war Tavanelli ' s Vater , der sie verführt und verlassen hatte . Gott weiß , durch welche Künste sie dem Caplan seinen weltlichen Namen entlockte , unter dem sein Vater vor fünf und zwanzig Jahren als Geschäftsführer in einem großen Handelshause unserer Residenz lebte . Er verschwand dann mit einemmale , kehrte nach seinem Vaterlande , dem Voralbergischen zurück , wo er heirathete , und dem Bedaurungswerthen ein Dasein gab , dessen bloße Möglichkeit zu denken , Marthens wildem Sinn tausend Flüche entlockte . Dies und noch viel mehr , was meine Feder nicht aufzeichnen kann , vertraute sie mir auf eine rohe , stürmische Weise . In ihrer Brust stritten Haß und Liebe für den Sohn des Treulosen . Sie gestand unter lautem Lachen , daß sie nicht von ihm lassen könne , daß sie ihm , seit sie die Entdeckung gemacht , zu der die große Aehnlichkeit mit dem unvergeßlichen Geliebten ihr den Weg gezeigt , auf Tritt und Schritt folge , und seine Flucht sie heute vor Tagesanbruch durch die Berge gejagt habe . Auf meine Versicherung , daß er ernstlich , vielleicht gefährlich krank sei , ward sie stille . Ihre harten Züge milderten sich , ihr Auge hatte fast einen rührenden Ausdruck . Sie setzte sich auf die Schwelle der Thüre , welche zu dem Caplan führte . Ich bewachte sie sorgsam , bis der Arzt kam . Sie that nichts , als von Zeit zu Zeit den Ring besehen , ihn an den Finger stecken , wieder abziehen , in das Blatt wickeln , und beides im Busen verbergen , bis sie nach einer Weile dasselbe Spiel wieder von Neuem anfing . Zuletzt schlief sie ein . Ich war froh , als unser guter Doctor kam . Dem habe ich nun Beide übergeben . Er wird Sorge tragen , daß der Caplan zum Prior in unser Kloster , und Marthe in eine Verpflegungsanstalt gebracht wird . O Franz , Franz ! mir schaudert vor dem , was dem übertretenen Gebote folgt . Ich kann den Anblick der elend gewordenen Frau nicht vergessen ! So tief , so ganz tief mußte sie sinken ! Ach ! sie war doch auch einmal ein schuldloses , frohes Mädchen , und gewiß auch ein gutes Kind , von dem die Mutter Freude und Segen erwartete . Wie oft mag das Lächeln dieses verzerrten Mundes Entzücken in dem Herzen der Mutter geweckt haben ! Und jetzt - Eins ist mir nachher erst eingefallen . Tavanilli klagte in seiner Phantasie oft und ängstlich über eine Gestorbene . Wer kann sie sein ? Ich finde sie nicht in meinen Gedanken . Siehst Du , was es ist , wenn man einem unbequemen Begegniß in der Welt aus dem Wege gehen will . Hätte ich gestern Georg gezeigt , wie man sich überwinden und bezwingen müsse , um Andern nicht wehe zu thun , ich hätte Tavanelli gehört , all das Störende wäre wohl unterblieben , und mich ängstigten weder Vorwürfe noch geheime Sorge um die Todte , von der ich nichts weiß , von der ich mehr zu erfahren , peinlich zittre . Komm bald , lieber Sohn ; Du siehst , es geht hier Alles wunderlich durcheinander , ohne Deine Gegenwart . Heinrich an Hugo Endlich ein Brief ! Ich athme auf . Du hältst Dich noch einigermaßen im Gleichgewicht , Du wirst nicht umschlagen ! Die kleine Liebelei konnte Dich berühren , doch nicht erschüttern . Was sollte Dir auch der Roman ? Das ist nicht Deine Welt , Hugo ! Glaube nur , Dein weitstrebender Sinn überfliegt die Phantasie einer Frau . Jede wird sich in Dir verrechnen , Du eine jede überschätzen , und sie dann fallen lassen . Dies Geschlecht tändelt nur mit dem Namen Freundschaft , um der Liebe desto freiern Spielraum zu verschaffen . Die steten Bebungen kleinlicher Gefühle dulden keinen ruhigen Widerschein der Idee . Es ist vergebens , die weibliche Brust faßt das colossale Bild des Universums niemals . Deshalb , Hugo ! ängstige Dich nicht , daß der Rausch verflog , und Du etwas nüchtern um Dich siehst . Die Täuschung hält bei Dir nicht lange an , Du greifst zu weit aus , um nicht das lose Gespinnst sentimentaler Träume über kurz oder lang zu zerreißen . Deine schöne , freigeisterische Amazone , Hugo ! ist doch nur ein leidenschaftlich bewegtes Weib , von weit mehr keckem Trotz , als starkem Muth . Am Ende bereuen Alle , was sie unvorsichtig wollten und kraftlos halb vollbrachten . Laß sie , wie sie ist . Kümmere Dich nicht darum , daß Du sie Dir anders dachtest . Es war ein Irrthum . Wer wird um ein Nichts trauern ! Man belacht sich bald , wenn man nur erst über sich hinaus ist . Und auf dem Wege bist Du . Ich gestehe Dir , daß ich Deine Versöhnung mit Emma wünsche . So gewisse , lose Bande kannst Du brauchen , um einigermaßen im Gleichgewicht zu bleiben . Im Allgemeinen ist die Ehe ein Unding für Dich . Aber die bescheidene Frau , die nichts will , als nur nicht gerade einer Andern nachstehen , die in allem Uebrigen zurücktritt , Dich verehrt und willig gewähren läßt , die kannst Du leiten . Sie wird Dir überall folgen , ohne Dich zu hindern . Und wenn dabei auch nichts anders herauskommt , als daß Dir selbst klarer bewußt wird , indem Du Deinen Willen auf einen Andern übertrügst . Schüler , Hugo ! machen erst Meister . Auch ist man dem Rufe immer etwas schuldig . Du kannst nicht wohl aus einem Bündniß heraustreten , dem die verjährte Meinung Heiligkeit beilegt . Stößt man erst die Welt vor den Kopf , so entstehen tausend und tausend andere Köpfe , die Arme und Beine , und Füße und Hände kriegen , und den Weg durch sie hin unbeschreiblich unbequem machen . Entschließe Dich daher schnell . Mache Deinen Frieden mit Emma . Im Grunde verlangst Du selbst darnach . Es wird Dir eben nicht schwer werden . Herrschest Du doch immer noch in dem allzu abhängigen Herzen . Deine Ueberredung bringt die Mutter ohne Weiteres zum Schweigen , daran ist kein Zweifel . Und was will denn diese hoch und stark gesinnte Mutter anders , als ihr einziges Kind in seinen Rechten ungekränkt , frei und würdig bewahrt wissen . Ich gestehe Dir , diese Frau scheint mir unter denen , die Du nennst , die Bedeutendere . Ist ihr Weg auch ein ziemlich alltäglicher , so ist er doch scharf und bestimmt gezeichnet . Sie kann sich nie um einen Schritt verirren , und erreicht sie ihr Ziel nicht , so kommt es ihr gleichwohl nicht aus den Augen . Sie wird Deiner Wiedervereinigung mit Emma nicht hinderlich sein , sobald sie nur die Nebenbuhlerin entfernt weiß . Daß diese sich entfernen ließ , daß sie Dich aufgab , daß der Schrecken sie von dem dreisten Fluge zurück auf die Erde schleudern konnte , daß sie sich da winselnd krümmte - weg , Hugo ! Weg von dem charakterlosen Wesen , das zu der kühnen Luftfahrt alles , nur keine Schwingen mitbrachte ! Eine Besorgniß anderer Art , die mich an die Wiederherstellung Deiner frühern Verhältnisse denken läßt , ist die äußere Unabhängigkeit . Du weißt , lieber Hugo ! wie sehr ich Anfangs gegen die Vorschläge des Comthur war , wie es mich ärgerte , daß man Dich durch eine veränderte Stellung erhöhen zu können glaubte , wie kindisch mir all der verwickelte Rechtskram dünkte , und was ich von solchen Institutionen halte , an welchen Ruhe und Glück eines Menschen scheitern müssen . Du wirst nicht glauben , daß ich der zufälligen Form mehr einräume , als sie werth ist . Gleichwohl giebt es gewisse Bedingungen zu einem würdigen Dasein , die nicht aus der Acht zu lassen sind . Der Oheim lebt noch , Hugo ! denke daran , Du wurdest sein Erbe , weil er es wollte . Er könnte es auch einmal anders wollen . Die Trennung von Emma , die gänzliche Störung des kaum Begründeten , muß ihn sehr verletzen . Es ist ein zäher , hartnäckiger Sinn in ihm , wie Du ihn mir früher schildertest . Nimm Dich in Acht , erbittere ihn nicht . - Die militärischen Reminiscenzen , und was damit zusammenhängt , erschrecken mich aus diesem Grunde besonders . Was willst Du auch damit ? das sind wohl Anklänge aus Deinem alten Rittersitz ! Ich dachte den Wust hättest Du hinter Dir ! Muß ich Dich noch auf so rohem Pfade treffen , da hellere Bahnen vor Dir offen liegen ? Gehe in Dich , Hugo ! und schreibe mir bald an Emma ' s Seite , daß Du ruhig , weise , und Dir selbst zurückgegeben bist . Sophie an den Comthur Erlaubt es Ihre Gesundheit , lieber Freund ! so bitte ich Sie , kommen Sie heute noch auf eine Stunde zu mir . Es ist sehr nothwendig , daß ich Sie spreche . Antwort Das Podagra hält mich wieder einmal gefangen , beste Sophie ! Ich bediene mich , selbst für diese Paar Worte , einer fremden Hand . Scheuen Sie sich aber deshalb nicht , mir Alles zu schreiben , was Sie der Mittheilung werth halten . Das Auge Ihres alten Freundes ist so wenig stumpf , wie seine Seele . Haben Sie Nachricht aus Italien ? Von Sophie Desselben Tages . Ja , ich habe Nachricht ; aber nicht aus Italien . Sie sind nicht bis dahin gekommen ! - Lieber Freund ! was brauche ich noch weiter hinzuzusetzen . Sie ahndeten es immer ! Das arme Herz ist gebrochen ! Alle Schmerzen , alle Klagen blieben in ihm verschlossen . Wie hätte die innere Qual es nicht zerdrückt ! Ich weiß nicht , sollen wir es ein Unglück nennen , daß es so schnell mit ihr endete ? Das Leben wird dem Einsamen sehr lang ? und die Gewohnheit ist nichts als eine einschläfernde Begleiterin ! Der Arzt , zu dem ich in der Eile schickte , bringt Ihnen diese Zeilen . Er wird Alles ergänzen , was Sie darin vermissen könnten . Ich gestehe , ich bin in einiger Verwirrung . Der Tod überrascht auch da , wo er laut genug anrückte . Der Riß vom Leben war hier freilich geschehen , aber das sinnliche Band verbirgt uns diesen gern noch eine Weile . Und dann die Mutter ! die Mutter ! O mein Gott , was senkt sie Alles in dies eine Grab ! Von ihr nicht ein Wort ! nicht eine Silbe ! Sie ist bei den Nonnen in dem Waldkloster , unweit Freiburg geblieben , Emma starb in den heiligen Mauern . Der dortige Abt hat unserm Nachbar , dem Prior der Premonstratenser , den Todtesfall berichtet , mit dem Bedeuten , mich davon in Kenntniß zu setzen . Es ist ein trockener Bericht , den ich Ihnen erspare . Schon einige Zeit vorher hatte Tavanelli hier und da dunkle Winke von dem früh beendeten Geschick der Gräfin gegeben . Man erzählte sich davon , doch glaubte Niemand dem unstäten , herumstreichenden Flüchtling , der überall war , nirgends verweilte und eben so verworren als vermessen redete . Gleichwohl scheint er in einer Art Verkehr mit den Reisenden gestanden zu haben . Es ist sogar wahrscheinlich , daß ihn die Oberhofmeisterin in Aufträgen versandte . Vielleicht folgte er ihr auch nur in seiner Verzweiflung , da er hier nicht auszuhalten vermochte . Der Zustand , in welchem er sich darauf wieder zeigte , die Vorgänge in der Mühle , die wilden Phantasien , denen er fast erlag , deuteten auf gewaltsame Erschütterungen des Gemüths , die jede seiner Aeußerungen verdächtig machen . Die Tannenhäuserin sagte mir zuerst davon , auch daß er Hugo im Walde getroffen , als dieser mit dem Gewehr auf dem Rücken den Forst durchstrich ; erschrocken sei er erst geflohen , dem Grafen jedoch später in den Weg getreten und den Hut abziehend , stotterte er hastig und furchtsam unverständliche Worte vom Tode der Gräfin . Hugo , von unaussprechlichem Schmerz ergriffen , stierte dem wahnsinnigen Tavanelli unbeweglich nach , als dieser schnell wie der Blitz davon eilte . Todtenblaß , sagte mir die Frau , sei der Graf zu ihr eingetreten , habe ihr den Vorgang erzählt , sogleich aber hinzugesetzt : Er wisse wohl , was von Faseleien eines kranken Menschen zu halten sei , doch gestehe er , könne er des gehabten Schreckens noch nicht Herr werden . Es ist hierdurch so viel gewonnen , daß die Wahrheit ihn nicht ganz unvorbereitet trifft . Doch wird sie ihn gewaltig fassen . Es ist unmöglich , daß seine jetzige Freiheit ihm nicht die Qual solcher Träume gäbe , in denen man fliegt und fliegt , und plötzlich fällt und erwacht . Ich weiß nicht , wie er mit sich selber steht ? Was er sich sagen , wie er sich beruhigen wird ? Der erste Augenblick wird schrecklich sein ! Doch die Nothwendigkeit , vor sich zu bestehen , leihet dem Willen sehr vieler Menschen so beruhigende Gründe , daß die Phantasie blaß und das Gefühl stumm wird . Auch heilen die Schmerzen des Gewissens am schnellsten , weil sie die unbequemsten sind . Wer weiß , regen sich selbst diese Schmerzen in ihm ! Die Umstände müssen Vieles auf sich nehmen , was die verzärtelte Brust nicht tragen kann . Der Schreck macht bald genug mattem Bedauern Platz . Nein , ich will nicht bitter sein ! Gewiß nicht ! Doch sonderbar genug , verletzt mich dieser Tod mehr , als