versetzte der Prälat : » so sey es drum . Gib mir die Brille , und zünde mir im Nebengemach die Lampe an . Du weißt wohl , setzte er leiser hinzu , daß ich an dem verdammten krausen Geschrifft lange studiren muß mit meinen blöden Augen , und ich kanns nicht leiden , daß der wilde Laffe davon Zeuge sey . Unterhalte ihn indessen , wenn Du Dich vor ihm nicht fürchtest ; und suche ihn zu begütigen , damit der Teufel Ruhe halte , der in ihm rumort . « - Fiorilla versprach ihm , ihr Möglichstes zu thun , und der Prälat schlich zum Nebengemach , sich an die beschwerliche Arbeit zu machen . Dagobert hatte sich in einen Sessel geworfen , und starrte erwartungsvoll zur Decke empor . Fiorilla machte sich allerlei in der Stube zu schaffen , näherte sich dem Schweigenden , entfernte sich wieder von ihm , hustete , sprach mit dem Sittich , und da alle die kleinen Mittel nicht verfingen , die sonst wohl der Männer Aufmerksamkeit rege machen , trat sie auf ' s Neue zu dem Jüngling und klopfte ihm leise auf die Schulter . Dagobert tauchte aus der Fluth seiner Gedanken auf , und sah verwundert in das Auge des lieblichen Mädchens , in welchem sich weder Leichtfertigkeit , noch stille Sehnsucht , wohl aber die freundlichste Theilnahme aussprach . » Warum so verloren ? « redete Fiorilla sanft und wohlthuend den Vetter an : » Was kann Euch so sehr betrüben und kränken ? Euer Vater ist ja nicht gestorben , da er selber Urkund von sich gibt , und andrer Schmerz belastet Euch nicht ! « - » Ihr habt Recht , Mühmchen ; « entgegnete Dagobert leicht : » für heute ist Ungewißheit mein Einziger . « - » Wir Frauen möchten so gerne jede Plage von der Brust des Mannes nehmen , « fuhr Fiorilla fort : » Wie lohnt ihr mir , wenn ich diese Frauenpflicht an Euch übe ? wenn ich vielleicht einen Augenblick Eures Lebens in die Farbe der Rosen tauche ? « - » Versucht ' s ! « sprach Dagobert : » Wählt gleich den jetzigen Augenblick , in dem ich der Erheiterung bedarf . « - » So entrunzelt Eure Stirne ! Dem Manne , der liebt , und sich der heftigsten Gegenliebe erfreut , ziemt der düstre Unmuth nicht . « - » Gutes Mühmchen ! Ihr wißt um meine seltsame Liebschaft ; es ist wahr . Was soll diese aber hier ? Ihr Gedächtniß könnte meinen Unmuth mehren . « - » Nicht so finster ! « äußerte Fiorilla , neckend drohend : » Der Liebende hört ja doch sonst mit voller Seele den Werth seines Liebchens von fremden Zungen preisen . Machtet Ihr hier eine Ausnahme ? Ich glaube nicht . So wißt denn , daß ich Euch belobe ob der Wahl , die Ihr getroffen . « - » Ihr ? « fragte Dagobert befremdet : » Wie könnt ihr wissen ? « - » Erinnert Ihr Euch noch jener Nacht , in der Ihr , des Bedürfnisses voll , eine Vertraute Eurer kleinen Geheimnisse zu haben , unter mein Fenster kamt , und mir mit überströmender Freude erzähltet , Euer Lieb von Frankfurt befinde sich zu Costnitz , ... Ihr hättet sie gesehen ... gesprochen ? ... « - » Recht wohl entsinne ich mich des Abends , von dem Ihr sprecht ; denn kaum der Wochen dreie sind seitdem verstrichen ; wie aber jene Kunde sich mit dem Beginn Eurer Rede reimt ..... « - » Das begreift ihr nicht ? Kurzsichtiger ! Ihr kennt die Wißbegier der Frauen nicht . Diejenige zu schauen , deren Reize Euch unempfindlich gemacht hatten gegen meine Freundlichkeit , ließ ich mich die Mühe nicht verdrießen , das holde Judenkind aufzusuchen . Bald entdeckte ich dessen Aufenthalt . Der Vorwand , italienisch Geld gegen deutsche Münze umzutauschen , führte mich beim Vater ein ; meine Jugend und Schmeichelei machte mich der Tochter angenehm , - das Vorgeben : ich sey noch , was ich einst war , - ihre Glaubensverwandte - machte dem Vater meinen öftern Besuch bei der einsamen Tochter wünschenswerth ; und mein offnes Bekenntniß von meinem Übertritt und meinen ziemlich nahen Beziehungen zu Euch , gewann mir das unumschränkte Vertrauen Esthers ! « - » Ists möglich ? « rief Dagobert : » und ich ahnte nicht ? .... « - » Warum kamt Ihr nicht mehr in Ben Davids Haus ? « fragte Fiorilla : » Oft schlich ich mich von hier weg , um Euch an Esthers Seite zu erwarten . Oft harrte ich auf einen abermaligen Abendbesuch unter meinem Kammerfenster , um Euch von dem Gesagten in Kenntniß zu setzen . Esther und ich , wir harrten umsonst . Grausamer ! wer wollte kalt an solchem Schatze vorübergehen , und seiner nicht begehren , nicht um ihn sich bewerben ? Welch eine Fülle von Reizen , die ich neidisch bewundre , aber auch welch ein Reichthum von Tugenden , liegt in diesem Wundermädchen verborgen ! Ihr kennt die Blüthe nicht , nach welcher Euer Auge lüstern sah , von welcher sich jedoch die Hand scheu entfernte . Das Vorurtheil ist in Euer Herz eingewachsen , wie sich der stumpfe Splitter öfters in der Wunde vernarbt . Ihr liebt in dem reizenden Geschöpfe sein Geschlecht ; Ihr haßt in ihm sein Volk . Welch unendliche Liebe fühlt Esther für Euch ! wie lohnt Ihr dieselbe durch schroffes Verschmähen ! Ich habe des Mädchens Leidenschaft durchschaut ; ich bewundere schaudernd den Abgrund dieser stammenden Neigung , wie sie nur die glühende Sonne des Mittags erzeugt . Esther gleicht dem lodernden Brande ; Ihr der abreisenden Eisklippe . Esther könnte Jahrelang für Euch sterben ... Ihr wagt es nicht nur einen Augenblick für sie zu leben ! « - Erschüttert schwieg Dagobert , als Fiorilla geendet hatte . » Eure Gleichnisse sind übel gewählt ; « begann er kurz darauf , mit so viel Gleichmuth , als ihm zu Gebote stand : » Und dennoch - ein seltner Fall - treffend in ihrer übeln Auswahl . Sie sprechen das richtigste Urtheil . Brand und Eis sollen nimmer sich verbinden . Der Augenblick , der sie vereint , ist zugleich der Augenblick des Todes für Beide . Müht Euch darum nicht , gutes Mühmchen . Und wäre auch endlich - was ich behaupte - die sittsame , züchtige Esther nicht die Flamme aus der Nachbarschaft der Wüste , und ich , Dagobert Frosch , nicht der eiskalte Sumpfbewohner , den mein Name verkündet , sondern wir beide ganz gewöhnliche Menschen von gemäßigter und gegenseitiger Leidenschaft ; - dennoch würde nichts aus Eurer Ehestiftung . Mich fordert der Altar , wie ihr wohl wißt , holde Freundin . « - » Müßt Ihr denn , einem blinden Wahne gehorchend , zwei Herzen brechen ? « eiferte Fiorilla : » Gibt es nicht Lande , wo man vom thörichten Gelübde Eurer Mutter nichts weiß ? Flieht dorthin . Esther , ich schwör ' s Euch zu , wird nach kurzem Widerstande folgen , ohne Kampf die Lehre lassen , die ihr Herz nicht liebt ; zu dem Glauben sich bekennen , der ihr jetzt schon theuer , weil es der Eurige ist . Eure Wissenschaft , und adlich Gewerbe sichert den Wohlstand Eurer Hütte . Wagt es glücklich zu seyn , entflieht der Welt , um ihre Freuden ungestört zu genießen . Bedürft ihr des Beistands , des Raths ? wählt mich . Durch Überredung , That und Anschlag fördre ich Euern Zweck . Esther wird glücklich , Euer Herz versteinert nicht unter dem Scapulier , und ein blühend Geschlecht wird Euren Freisinn , Euren Muth segnen und verehren . « » Und rechnet Ihr für Nichts die Verwünschungen eines glaubenseifrigen , betrognen Vaters , mit welchen belastet Esther fliehen würde ? für Nichts den Fluch des Meinigen ? Das Urtheil der Welt , den Bann der Kirche , unser eignes streng richtendes Gewissen , und endlich den entsetzlichen Augenblick des Wiedersehens dort oben , wenn meine Mutter mir entgegenkommen und mich fragen wird : Sohn ! wie hast Du mein Gelübde geheiligt ? Es ist nicht gelöset , und doch nicht erfüllt worden ! - Ich danke Euch , Fiorilla , für Eure angebotne Hülfe , allein , Gott sey Dank ; der Helfer ist in meiner eignen Brust . Laßt die Sache beruhen , und uns lieber geduldigen Gemüths vernehmen , was der Ohm , den ich kommen höre , mir zu verkündigen haben wird . « Wirklich trat auch der Prälat gewichtigen Schritts aus dem Seitengemach , Lampe und Brief in der Hand . Sein Antlitz zeugte von einer gerade nicht unbedeutenden Bewegung , und auch der Gang war nicht so sicher , wie wohl sonst . - » Redet , um der ewigen Barmherzigkeit willen ! « - rief ihm Dagobert entgegen , der alsobald über die Besorgniß für den Vater das so eben abgehandelte Gespräch vergessen hatte : » Martert mich nicht . Was ist geschehen ? « - » Der Herr hat es noch wohl gemacht ; « erwiederte Hieronymus , kläglich auf die Ruhebank sinkend : » der Bruder lebt , und wird bald vollends genesen seyn , aber ein Unfall hat ihn betroffen , wie er sich nur in den verwahrlosten deutschen Landen begeben kann . In der Dämmerung sich nach Hause wendend , begegnete ihm ein Freihart in Pudelmütze und Wolfspelz , und schaut ihm mit blutroth gefärbtem Angesichte keck und unverschämt unter das herabgekrampte Piret . Dein Vater fährt zurück . « Der Wütherich , dem die leere Straße Muth zulegt , fragt ihn höhnisch : » Kauf mir ein Menschenleben ab , Schöff ! « - Und da nun der Bruder ihn zurückstößt , und den Mund öffnet , um nach Hülfe zu schreien , so fühlt er bereits das Messer des Wehrwolfs unter seinen Rippen sitzen , und sinkt dahin . » Gute Nacht , alter Frosch ! « ruft ihm noch der häßliche Mörder in ' s Ohr : » Dein Fröschlein kommt nach ! « und packt den Verwundeten an , um ihn an den Rand des Grabens zu schleifen , und wahrscheinlich kopfüber in der Hirsche Revier hinabzustürzen . Da nahen aber glücklicherweise Leute ; um seines Werks wenigstens sicher zu seyn , führt der Verfluchte noch einen Stoß gegen die Brust des armen Diether ' s. Der Stahl prallt jedoch zum Heil von der Halskette desselben ab , und der Bluthund entflieht . Die Wunde wurde , von wenig Bedeutung zu seyn , erkannt , und wie gesagt , Dein Vater ist auf dem Wege zur vollen Besserung . » Abscheuliches Verbrechen ! « riefen Dagobert und Fiorilla entsetzt aus . » Nun ist aber dennoch auf sothanem Schmerzenlager « - fuhr der Prälat fort - » der Gedanke in dem Bruder erwacht : es möchte denn doch vielleicht der Herr einst schnell über ihn gebieten , und da es löblich ist , in solchem Alter und solcher Befürchtung noch einmal sein Geschlecht um sich zu versammeln , und sich mit denjenigen zu versöhnen , mit denen ein unbilliger Haß uns entzweit hat , so verlangt der wackre Diether , ich solle mich in Deiner und Wallradens Gesellschaft zu ihm begeben , um das Fest seiner Heilung in seinem Hause feierlich zu begehen . Wallrade soll bei dieser Gelegenheit wieder in alle Kindesrechte und den Arm des Vaters aufgenommen werden . « » Daran thut mein allzuguter Vater gerecht und wohl ; « erwiederte Dagobert : » obschon die Schwester diese Liebe nicht verdient , und auch nicht zu würdigen vermag . Was beschließt Ihr aber hierauf , mein hochwürdiger Ohm und Herr ? « » Hm ! « sprach Monsignore nach zweifelhaftem Kopfschütteln : » Ich meine , daß es vollkommen hinreichen wird , wenn ich hier zu Costnitz in meiner stillen Kammer dem Herrn für das meinem Bruder wiederfahrne Heil danke , und zu Ehren unsrer lieben Frauen , die durch ihre Fürbitte des Mörders Stoß fehl gehen ließ , einige Messen lese . Wallraden werde ich jedoch zu der Aussöhnung bewegen , und überlassen es Dir gerne , die Schwester nach dem Vaterhause zu geleiten , und wohlbehalten wieder anher zu führen . « » Mit nichten ; « äußerte Dagobert aufstehend und kalt : » Wallrade bedarf meines Geleits nicht . Einer ihrer zahlreichen Freier wird dieser süßen Pflicht sich leicht unterziehen , wenn nicht kaiserliche Majestät selbst ihren Reisestallmeister machen will . Euch überlasse ich es , Ohm , die Liebenswürdige vorzubereiten . Unstreitig wißt Ihr ihren jetzigen Aufenthalt besser denn ich , der nur dann und wann von müßigen Stadtzungen Gerüchte und Vermuthungen hört , die gar nicht zur Ehre unsers Stammes gereichen . Gerne werde ich auch Wallraden den Vorzug im Vaterhause einräumen , und daher einzurichten suchen , daß ich an dem Tage ankomme , an welchem sie geht . Schließlich danke ich Euch demüthigst für Eure gehabte Mühe , und werde dieselbe gegen meinen Vater zu rühmen wissen , da es Euch ohnedies widerstrebt tiefer in das verhaßte deutsche Geburtsland vorzudringen . Gute Nacht , würdiger Herr ! « Der Prälat sah betroffen , beschämt und staunend dem Neffen nach , der - wie er endlich zu begreifen begann , - unter dem Schimmer jugendlichen Leichtsinns einen stechenden Ernst barg , welcher einem verweichlichten Gemüthe um so empfindlicher wehe that . Fiorilla leuchtete dem Scheidenden bis zu des Hauses Pforte . Daselbst ergriff sie seine Hand , sah ihn mit weinenden Augen an , und sagte : » Ihr habt heute durch Eure feste Redlichkeit vermocht , daß ich vor mir selbst erröthete . Könnt Ihr mir vergeben , wozu ich Euch verleiten wollte ? « - » Von ganzem Herzen ! « erwiederte Dagobert , denn Ihr wart weit entfernt , mich zu beleidigen . Euch reißt die Leidenschaft dahin , und zwingt Euch zum Tribut . Ich aber bin einer ihrer schlimmsten Zahler , und mein Trachten geht darauf aus , die ungestüme Mahnerin ganz aus meinem Hause zu werfen . Schätzt Euch darum nicht geringer , mich nicht höher als von nöthen . Ihr seyd noch lange nicht der lodernde Brand , den Euch die wilde Empfindung vorspiegelt , ich noch lange keine Eisscholle . Esther ist aber viel zu gut , und zu edel , als daß ich ihr für kurze Wonne eine ewige Reue verkaufen möchte . Gute Nacht ! Fünfzehntes Kapitel . Hei ! wie freut mich der Herrenstand , Auf hohem Roß , das Schwert zur Hand ! Gewappnet vor dem Liebchen stehn , Und neben Fürst ' und Grafen gehn ! Du grobes Bürgerpack , vorbei ! Nur für den Adel ist Turnei ! Das Spiel vom hoffärtigen Junker . Wohl noch nie hat eine Stadt , so weit in deutschen Landen der Lauf des Rhein- und Donaustroms nicht , einen lustigern und gastlichern Anblick gewährt , als Costnitz ihn am zwanzigsten Tage des Monats März darstellte . Geraume Zeit vorher hatte man gewußt , Herzog Friedrich von Österreich-Tyrol werde , das Frühlingsfest zu verherrlichen , ein Kampf- und Ritterspiel geben , wie es selten noch irgendwo geschaut worden . Die Zubereitungen , die jedoch in den letzten Tagen getroffen worden waren , übertrafen durch ihre Pracht Alles , was die gespannte Neugier erwarten durfte . Und am Morgen des anberaumten Feiertags stand das Werk vollendet da , ein wundersames Schauspiel für Costnitzs Bewohner , und weit herbeigeströmte Gäste . Den weiten Rennplatz umgaben zierliche Schranken , getaucht in die weiße und rothe Farbe . In blinkenden Angeln drehten sich die Pforten , durch welche die Kreiswärtel gingen ; mit blanken Schildern , Ketten und Hacken waren die Schlagbäume geziert , durch welche die Kämpfer einreiten sollten . Rings um den mit Sand und Kies geebneten Platz flatterten in geringen Zwischenräumen die Banner von Österreich-Tyrol , dem Argäu , dem Thurgäu und andern , Friedrichs Herrschaft unterworfnen Städten und Landen . Hoch aber über diesen Bildern und Fahnen der Macht erhoben sich im Halbkreis die leicht und geschmackvoll gebauten Emporbühnen und Schaugerüste , von welchen der Kaiser mit feines Reichs Fürsten , die Väter des Conciliums , und die Blumen der Gesellschaft und Volksversammlung , die reizenden Frauen , den Spielen zusehen sollten . Des Kaisers Tribune , von goldnem Stück gleich wie ein Feldherrnzelt erbaut , überragte mit ihrem Silberdach , umwallt von wehende Reiherbüschen und Federsträußen , alle Nachbarbühnen , von deren Geländer prachtvolle Sammetdecken mit Wappen , Sinnsprüchen und Thierbildern übersät , zu den Schranken hinabhingen . Die nieder gelegenen Sitze der Kampfrichter und Bankspender , die Trompetergänglein in jeder Ecke des Platzes , die kleinen Hütten der Kreiswärtel und Stechknechte sogar , schlossen sich würdig durch ihr glänzend einfaches Äußre an die Plätze der vornehmern Leute . Jeder Eingang zu dem Platze , jede Treppe zu den Bühnen wurde von Trabanten des Herzogs bewacht , theils zu Fuß , auf ihren Partisanen lehnend , theils zu Roß , im Silberküraß , den Morgenstern an die Faust geknüpft . Die Turniervögte faßen bereits mit ihren Stäben hinter den vor ihren Schirmdächern aufgepflanzten Hellebarden . Die Rennknechte in ihren glatt anliegenden Lederkleidern und Kappen , das Strickmesser am Gürtel hängend , hatten schon die Seile gespannt , und sich dabei gelagert . Am Fuße der , zu den Stühlen der Kampfrichter führenden Stufen hielt in glänzender Rüstung und buntem Wappenscapulier , der Turnierherold , umgeben von seinen Dienern , die rings an den Brüstungen-Schrauben die Schilde der turnierlustigen Herren aufzuhängen beschäftigt waren , so wie diese nach und nach herbeigebracht wurden . Die Fechtpreiße , in silbernen und goldnen Kleinodien , kostbarem Stechgezeug , auserlesenen Waffen und Tigerfellen bestehend , waren in einem eigens dazu bestimmten Raume prahlend ausgestellt . Auch die Spielleute waren schon an ihren angewiesenen Stellen , und so oft ein neues Wappenschild feierlich herzugetragen wurde , um geprüft und neben den übrigen aufgehängt zu werden , ertönte , von Pauken , Trompeten und Zinken geweckt , ein fröhlicher Turnierruf . Zu all dieser Pracht , die ein noch herrlicheres Schauspiel verhieß , hatte der Himmel den klarsten Tag geschenkt , der sich nur je im Bodensee gespiegelt . Die Sonne , warm und lieblich strahlend , streute ihr Gold freigebig auf Land und Fluth , und blau hatte sich Himmel , See und Gebirgsferne geschmückt . Lustig und leicht tanzten die schwankenden Kähne , angefüllt von schaulustigen Leuten , vom jenseitigen Ufer herüber , die Straßen rings um die Stadt waren bedeckt mit herzueilenden Rossen und Fußgängern , und vom frühen Morgen an lebten die Gassen der Stadt . Während jedoch Tausende von Gaffern die Schranken des Rennplatzes summend und durcheinander wimmelnd umgaben , und in den gedrängt vollen Schenkhäusern häufig die Gesundheit des prachtliebenden Herzogs ausgebracht wurde , war Er - der Geber all dieser Festlichkeit und Freude - daheim , mißmuthig in sein innerstes Gemach zurückgezogen , wo er bald unruhig auf- und niederging , bald eine Last von Schriften der Flamme seines Kamins opferte , bald mit heimlichem Lachen ein Schnippchen in die freie Luft schlug , mit dem Finger vor sich hindrohte , und sein Tyroler Liedlein jodelte , mit dem klirrenden Sporn den Takt dazu tretend . Er konnte auch wohl unmöglich zu einer ebenen Stimmung gelangen , denn der Geschäfte hatte er nebenbei viele . Jetzt war es der Stallmeister , der seine Befehle einholte , dann der Haushofmeister , welcher wegen der zu reichenden Erfrischungen , und der dem Volke zugedachten Spenden sich Raths erholen mochte , hierauf der Turniermarschall , der neuen Geldvorraths bedurfte , und zu diesem Endzwecke eine Weisung des Herzogs an den Schatzmeister verlangte ; zuletzt war es der Seckelmeister selbst , der sich neuen Zufluß aus dein Beutel Seiner fürstlichen Gnaden erbat . Alle diese dringenden Mahner und Bittsteller befriedigte der Fürst auch mit gemessenen Befehlen und freigebig ausstreuender Hand . War ein solcher Besuch jedoch abgefertigt , so ging wieder dasselbe unruhige Getreibe und Gewerbe los , das den Herzog heute nicht verließ . So eben hatte er einen geistlichen Herrn im violetten , roth verbrämten Habit zur Thüre begleitet , und ihm die Worte nachgerufen : » Sagt Euerm Gebieter , er möchte die Vesperglocke eben so wenig vergessen , als ich mein Wort je vergaß . Mit einem Worte : sagt ihm , ich sey ein Habsburger , und damit genug ! « Der Geistliche ging , und der Herzog begann wieder seine Gebirgsweise zu singen , als ein neuer Gast von dem wachhabendem Edeljunker in das Gemach gelassen wurde . » Sieh da ! Dagobert ! « rief Friedrich , angenehm überrascht : » Du lässest Dich lange erwarten , ehrliche Seele ! - Aber , Jesus Christus ! steckt Ihr wieder in der verwünschten schwarzen Kutte ? So kann ich Euch heute nicht brauchen . « - » Der Erzbischof hat mir heute durch meinen Ohm andeuten lassen , ich solle mich nimmer unterstehen , in weltlicher Kleidung mich sehen zu lassen , und überhaupt mich fertig zu machen , nach Verlauf von Zehn Tagen nach Cesena in ' s Kloster zu wandern ; « erwiederte Dagobert achselzuckend . - » So ? « fuhr Friedrich fort : » Die Herren eilen , aus dem freudigen Waldfinken eine schmutzige Eule zu formen . Und Eure Fahrt gen Frankfurt ? « - » Ich will sie morgen antreten , befiehlt man mir ; « antwortete Dagobert : » binnen neun Tagen muß ich jedoch zurück und nach Wälschland reisefertig seyn . « - » Hm ! « brummte der Herzog lächelnd : » Nicht übel berechnet . Ich sage Euch jedoch , Ihr geht morgen eben so wenig schon nach Frankfurt , als überhaupt in ' s Bartholomäistift . Ich habe Euch heute vonnöthen , und ein wackrer Altbürgerssohn zieht hoffentlich sein Wort nicht zurück . « - » Wahrlich nein ! « entgegnete Dagobert lebhaft : » Ich scheere mich den Teufel um alle Erzbischöfe , wenn Ihr mich eines Auftrags würdig haltet , gnädigster Herr . « - » Das dachte ich mir ! « versetzte Friedrich mit wohlwollender Geberde : » Heute soll ' s aber nicht heißen : das Brevier gebetet ; sondern : die Stiefel geschmiert , die Sporen gewetzt , in die Handschuhe gefahren , den Degen umgeschnallt ! « - » In Gottesnamen ! « stimmte Dagobert heiter ein : » Das ist meine Lust . Sagt an , gnädiger Herzog ! was soll ich für Euch thun ? « - » Das ist bald gesagt , mein Geselle ; « begann Friedrich mit gedämpfter Stimme , und winkte dem Aufmerksamen von der Thüre weg ; mehr in seine Nähe : » mir liegt daran , einen Mann , an den mich mancherlei Verbindlichkeiten fesseln , unversehrt aus einer dringenden Gefahr zu bringen , die , verwirklichte sie sich , mir sogar Unehre zufügen würde . Euch ist gleichgültig , ob dieser Mann schuldig oder unschuldig in Gefahr gerathen , denn ich hoffe , Ihr nehmt für ihn meine Bürgschaft an . « - » Auf Euer Geheiß rette ich einen Vatermörder vom Scheiterhaufen ; « betheuerte Dagobert ; » wie aber ist es zu vollbringen ? « - » Hört mir zu ; « antwortete der Herzog : » Ich bedaure , daß Ihr kein Zeuge des heutigen Ritterspiels seyn könnt , vielweniger ein Theilnehmer daran . Demungeachtet verheiße ich Euch einen Preiß , kostbarer und ehrenwerther vielleicht , als jeder von denen , die im Rennen gewonnen werden sollen ; meine Freundschaft , wenn Ihr kühn und gescheit vollbringt , warum ich Euch bitte . Sobald also die Vesperglocke läutet , und alles Volk , dem Turnierplatz zugeströmt , und Aug und Ohr für die daselbst zu schauenden Herrlichkeiten hat , eilt Ihr - meinetwegen in das Rabenkleid gehüllt , das Ihr auf dem Leibe tragt , aber darunter mit Waffen und Rüstzeug versehen , zu Roß in meinen Hof . Die Wächter werden Euch nur gegen das Losungswort : Öesterreich über Alles ! einlassen . Unter dem Schuppendache rechter Hand werdet Ihr zwei Männer finden . Der Eine , auf einem Maulthiere reitend , ist ein Bekannter von Euch ; der Andre hingegen , auf einem grauen Pferde sitzend , ist derjenige , den es heimlich fortzubringen gilt . Am Thore gen Schafhausen , zu welchem Ihr Euch mit den Anbefohlnen zu begeben habt , alle stark , belebten Straßen vermeidend , und Euern Trab fördernd , mögt Ihr Euch von einem Knechte erwarten lassen , der , wo möglich , ein Fremder seyn mag , und nicht meine Farben tragen darf . Sobald Ihr jedoch langsam und unbefangen des Thores Bogen durchschritten , gebt Ihr dem Pferde Sporn und Peitsche zu kosten , und sorgt , daß Eure Schutzbefohlnen nicht hinter Euch bleiben . Ich thue Euch im Voraus kund , daß Ihr mit zwei schlechten Reitern zu schaffen habt ; darum wird es gut seyn , wenn Ihr des Graurosses Zügel ergreift , und der Knecht des Maulthiers sich annimmt ; denn so schnell als die Pferde laufen und die Reiter es ausdauern , müßt Ihr Schafhausen erreichen , woselbst Euch das Weitere berichtet , und die Erlaubniß zur Rückkehr ertheilt werden wird . Ihr seht , die Sache ist nicht verwickelt . Den Mann binde ich Euch indessen auf die Seele . Sollten Hindernisse sich auf dem Wege finden - treibt sie ab mit Gewalt oder List ; nur bringt unsern Mann sicher und wohlbehalten an Ort und Stelle . Nun wißt Ihr Bescheid , und mögt ohne falsche Scham diesen Beutel annehmen , der kein Lohn seyn soll . Aber Gold ebnet Berge , schlägt Brücken , und hat schon oft aus drohender Feindeswuth errettet . « Sich verneigend nahm Dagobert das Dargebotne , und sprach : » So sey es denn , gnädigster Herr . Ich hab Euch ' s zugesagt , und eher will ich sterben , als , den Ihr meinem Schirm vertraut , in Gefahr umkommen lassen . « - » Wohl gesprochen ! « antwortete Friedrich : » Der Himmel füge es indessen zum Guten . Ich erwartete indessen keinen andern Bescheid von dem jungen Wagehals , der den Böhmen zu befreien dachte . « - Dagobert stutzte . Der Herzog lächelte aber , drohte ihm mit dem Finger , und sagte : » Laßt ' s gut seyn , mein Geselle . Das Pfaffenvolk mochtet Ihr hintergehen ; ich hätte aber bei meinem Herzogshute geschworen auf Eure Mitwissenschaft . Gott gebe Euch heut ein besser Glück . « Indem platzte die Schnur , die des Herzogs Hermelinmantel zusammenhielt , und das kostbare Kleidungsstück sank zur Erde . » Ein böses Omen ! « scherzte Friedrich , sich nach dem Entfallnen umsehend . » Ein andrer als ich , würde üble Vorbedeutungen aus diesem Zufall ziehen . Nicht wahr , Dagobert ? Kommt , helft mir die Prunkdecke wieder auflegen , wackrer Gesell . Eure Hände sind ja dem Altare verlobt ; vielleicht bannt ihre Auflegung das prophezeite Mißgeschick . « - Während Dagobert nun sorgfältig die Schnur wieder in einen künstlichen Knoten schlang , und unter einer Spange den Schaden verbarg , betrachtete sich der Herzog kopfschüttelnd und spöttischen Angesichts . » Wahrhaftig ! « begann er : » je mehr ich mich beschaue und beäugle , je mehr möchte ich mich einem edlen Thiere vergleichen , das man mit Tand und glänzendem Zeug schmückt , damit es vor dem Gebieter seine eingepeitschten Fertigkeiten und Künste zur Schau lege . Jesus Christus ! und vor welchem Gebieter ! Vor einem Lützelburger , der nicht besser ist , als seine ehrbedürftigen Vorfahren ! Doch nur Geduld ! Das Scharwenzeln und Höfeln und Bücken wird bald ein Ende haben , sammt der freigebigen Gastlichkeit , die mir , einem Sigmund gegenüber , Ernst ist , wie meinem Waldmann das Aufrechtgehen . - So , mein guter Dagobert , seyd bedankt . Das war wohl der erste Fürstenmantel , den Eure Hand berührte und meisterte ? Die kaiserliche Majestät möchte sich auch mit diesem Handwerk abgeben , aber , so geduldig auch der Mantel seyn mag - der Fürst steckt nicht im Pelz . « - » Wahrlich ! Ihr bedürft des äußern Prunks nicht ; « versicherte Dagobert . - » Ich weiß das ; « entgegnete Friedrich mit Selbstgefühl : » und in meinem Bauernlande , wie es Sigmund nennt , trage ich auch nicht mein Herzogthum am Leibe , wie Er die Fetzen des römischen Reichs . Ha ! Ihr solltet nach Tyrol gerathen ! Jesus Christus ! das Herz im Leibe würde Euch lachen . Ist zwar nur ein Bauernrock , mein Tyrol , aber ein feiner , warmer Rock , der vor Unwetter schützt , und den Flitterprunk entbehrlich macht , den ich hier wie ein Gaukler für geringes Schildgeld zur Schau tragen muß . Das weiß kaiserliche Majestät ; darum haßt sie mich auch , aber , bei des ersten Habsburgers Gebeinen ! so wenig Sigmund meines Insprucks vergißt , so wenig vergesse ich , was ich meinen Ahnen , und mir selbst schuldig bin . - Gehabt Euch wohl , biedrer Altbürger . Das Schicksal kann mir vielleicht in Kurzem die Zähne fletschen , aber immer werde ich doch noch eine Hand und ein Herz für die behalten , die ich liebe . Sigmund war am mächtigsten und größten , als er im Concilium des Papstes Füße küßte , und ihm im Namen der Christenheit für die - gezwungene - Entsagung dankte ; - ich werde ihm wahrlich nicht nachstehen , sollte ich auch unverdient unterliegen ! - « Des Herzogs Worte waren bedenkliche Räthsel für den jungen Mann , allein , gewöhnt , in ihm den trefflichen