erlebt ; nicht von früheren Zeiten her , wo ich oft hinter den Stühlen der Kurfürsten stand , und den Kaiser wählen half , wo ich so oft unter guten Freunden im Römer und beim Römer saß , wenn das neue Haupt des vielgliedrigen Leibes , Deutsches Reich genannt , mit der Krone geschmückt worden war , nein von den heutigen Tagen könnte ich dir viel erzählen , von dem tiefen , geheimnisvollen Wesen der Diplomatie , von dem herrlichen Junitag , in welchem es niemals Abend oder Nacht wird , ich meine den deutschen Bundestag , von dem herrlichen Treiben und Blühen des Mystizismus , und wie ich das Feuer anschürte zwischen seinen Anhängern und den Rationalisten , und wie es im Wirtshaus zum Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen beiden Partien , daß heißt - nur mit schneidenden Zungen und stechenden Blicken ; ich könnte dir erzählen , wie ich in einem Institut , woselbst man junge Fräulein für die Welt zustutzt , nützlichen Unterricht gab im Gitarrespielen und anderen Kleinigkeiten , so eine junge Dame kennen muß , wenn sie in die Welt tritt . Ich könnte dir erzählen von jener Straße , Million genannt , wo meine speziellsten Freunde wohnen , deren der Geringste über Millionen gebietet . Doch ich schweige von diesem allem , weil ich mir vorgenommen , dir einen kleinen Abriß zu geben von der Art , wie ich den ehrlichen seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte . Der erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrüger ist an sich klein , und dennoch bedeutend , weil man leicht , sozusagen , in Schuß kömmt und unaufhaltsam bergab , bergab geht , anfangs im Trott , nachher im Galopp . Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermögen mit einem ehrlichen Gemüt geerbt . Er ging in seinen Geschäften den geraden , ehrlichen Weg , nicht weil er ihm angenehmer war , sondern weil er es unbequem finden mochte , Winkelzüge und Umwege zu machen . Es ist dies die Ehrbarkeit , die Tugend , die nie auf der Probe war und daher ein negativer Begriff , ein Nichts , auf jeden Fall keine Tugend ist . Nicht der Geldgewinn , er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los , sondern die Liebe zu der schönen Kalle des alten Simon macht ihn straucheln , oder vielmehr , wie Gelegenheit Diebe macht , die süße Art , wie ich es ihm eingab ; jetzt ist er , um das Kind beim rechten Namen zu nennen , aus dem ehrlichen Mann ein Betrüger geworden ; er wird , weil es ihm diesmal leicht wird , zu betrügen , das nächste Mal Ähnliches versuchen ; das Gewissen , die Ehrlichkeit , die Ruhe , die Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel , warum soll er sich also genieren ? Der große Gewinn für mich liegt aber darin , daß die ersten Versuche des ehrlichen Mannes , ein Betrüger zu werden , gewöhnlich gut ausfallen , und zur Wiederholung locken ; denn wer mit mir Geschäfte macht , kann , solange es tunlich ist , darauf rechnen , sie mit Glück zu machen , und unglückliche Spekulanten , von denen die Sage geht , daß sie sich erhängt oder ersäuft haben , hatten durch Reue und Selbstanklage den Kopf verloren , hatten mir zu wenig vertraut und nicht ich war es , der sie verließ , sie hatten sich selbst verlassen . Doch wo gerate ich hin ? habe ich mich von dem dicken Pfarrer anstecken lassen , zu moralisieren ? Ist es denn mein Zweck , mit psychologischen Abhandlungen meinen Leser zu ermüden , oder sogar abzuschrecken ? oder wie , ließ ich mich etwa von den Winken einiger gelehrten Leute verführen , die behaupteten , es liege zu wenig psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen Memoiren ? ich sei für einen deutschen Schriftsteller , als welchen ich mich im Leipziger Messekatalogus einregistrieren lassen , nicht gründlich genug ? Der Teufel soll es holen ! möchte ich mir selbst zurufen ; sobald man vom Wege abgeht , gerät man immer mehr auf Abwege , so auch im Niederschreiben von Memoiren . Ich werde kurz sein . Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren , welche Gedanken der Reis-Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky über das russische Ultimatum geäußert ; ja , um redlich zu sein , ich hatte selbst großen Anteil an jener Wendung der Dinge , weil mir dadurch das sogenannte Gleichgewicht etwas auf die Spitze gerückt zu werden schien , und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte , das von Revolutionen und anderen lustigen Artikeln nur träumt , und im Schlafe spricht . Ich hatte diese Nachricht früher vernommen als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte , und in meiner Hand lag es , die Papiere steigen oder fallen zu machen . Der Vater der schönen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt , daß er beim geringsten Steigen der - - auf großen Gewinn zählen konnte . Große Spannung herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße . Der Alte versicherte , seine Gebeine erzittern , sooft er ansetze , einen wichtigen Brief zu schreiben ; die Tante , das neidische Gewölk , mochte ahnen , was vorging , und schlich trübe und ächzend im Haus umher ; die Kalle war die mutigste von allen . Zwar war auch sie in einiger Bewegung , denn sie las nicht mehr , weder in Clauren noch in verschiedenen Almanachs , sogar das Modejournal wollte sie nicht ansehen , sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe , aber doch trug sie das Köpfchen noch so hoch wie zuvor , und ermutigte durch manche Rede die zagenden Bundestruppen . Der Seufzer war gänzlich vom Verstand gekommen . Bald war er tiefsinnig und zweifelte an seinem Glück , besonders in der Nähe der schönen Jüdin , wenn er sich die Höhe seiner Seligkeit , den Besitz der lieblichen Kalle dachte ; dann war er wieder ausgelassen fröhlich , und sprach allerlei verwirrtes Zeug , wie er ein Millionär zu werden gedenke , wie und wo er sich ein Haus bauen wolle , und was dergleichen überschwengliche Gedanken mehr waren , der Kalle aber flüsterte er ins Ohr , daß er sich wolle adeln lassen , und sie zur gnädigen Frau Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen , welcher Ort noch auf der Landkarte auszumitteln wäre . Endlich , es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag , und die Mädchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main , um sich übersetzen zu lassen nach dem Wäldchen , und die Männer riefen ihnen nach , nur einstweilen alles zuzurüsten daselbst , weil sie nur noch auf die Börse gingen und bald nachkämen , indem heute nichts Bedeutendes vorkomme , und auch die alte Baubo , die schnöde Hexe , zog hinaus , doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein , sondern in einem eleganten Wagen ; sie hatte ihre schönen Stieftöchter bei sich und nickte mir freundlich zu , als wollte sie sagen , » Dich kenne ich wohl , Satan , obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strümpfen einherzuwandeln beliebst , und meiner Elise dem allerliebsten Kind , praktische Gitarrestunden gibst , dich kenne ich wohl , komm aber nur hinaus ins Wäldchen , da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen . « Da fuhr sie hin , die gute Alte , eine der ersten Palastdamen meiner Großmutter , und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in Walpurgisnacht , da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend fromme Frankfurter Seelen ihr nach , die alle das Gebot in feinem Herzen trugen : » Du sollst den Feiertag heiligen , und an Pfingsten auch den dritten und vierten . « Jetzt war es Zeit zu operieren . Den Tag zuvor hatte man sich allgemein mit dem Gerücht getragen , daß die Pforte das Ultimatum nicht annehmen werde , und man erwartete von heute nichts Besonders . Da jagte um eilf Uhr ein Kurier durch das Tor , ganz mit Schweiß und Staub bedeckt , er sprengte , gräulich auf dem Posthorn blasend , durch die Straße , Million genannt , und in einem Umweg durchs neue Judenquartier , die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Köpfen heraus , um zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten- und Straßenlärm ; » Wo kümmt Er här ? Wo will Er hün ? « riefen sie . » In Weißen Schwanen « , schrie er , » ich habe den Weg verfehlt , wo geht ' s in Weißen Schwanen ? « » Der Herr is wohl Korrier ? « » Freilich , nur schnell « , rief er , und zog einen Brief mit großem Sigill aus der Tasche , » das kommt von Wien , und ist an den Herrn Zwerner aus Dessau im Weißen Schwanen . « » Da an der Ecke geht ' s rechts , dann die Straße links , dann kömmt Er auf die Zeile , da reitet Er bis an die Hauptwache , und von dort ist ' s nimmer weit . « So riefen sie , schauten ihm nach , wie er mit der Peitsche knallend davonjagte und besprachen sich dann über die Straße hinüber , was wohl die Depesche aus Wien enthalten möchte . Der Kurier war aber niemand anders als einer meiner dienstbaren Geister in die Uniform eines hessischen Postillons gekleidet . 6. Der Reis-Effendi und der Teufel in der Börsenhalle Im Briefe stand mit dürren Worten , daß der Reis-Effendi dem Herrn von Minciaky die vertrauliche , jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht habe , » daß die Pforte das Ultimatum , soweit es Rußland betreffe , annehmen werde « . Der Seufzer bekam nun die nötige Instruktion , was er zu tun hatte ; er fuhr mit dem Brief sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn von R ........ , dem Papst der Börse , dem sichtbaren Oberhaupt der unsichtbaren papierenen Kirche . Dieser prüfte die Depesche genau ; er selbst hatte schon zu oft ähnliche Mittel angewendet , Pariser Kuriere aus Mainz , und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen , als daß er so leicht konnte hintergangen werden . Er ließ daher ein Licht bringen und prüfte zuerst Geruch und Flüssigkeit des Siegellacks . » Gotts Wunder ! « sprach er bedächtlich riechend . » Gotts Wunder ! das ist echtes Kaisersiegellack , wie es nur in Wien selbst zubereitet wird , und was Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen . « Dann betrachtete er genau das Couvert des Briefes und fand darauf die gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt , und keines fehlte . Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der Postzeichen , die er zur Hand hatte , und - sie waren richtig . Hatte er zuvor den Herrn Zwerner , Handelsmann aus Dessau , als ein kleines Paarmalhunderttausend-Gulden-Männchen so obenhin behandelt , wie der Löwe das Hündchen ; so wuchs jetzt seine Achtung mit unglaublicher Schnelle . Er hätte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen , samt der inhaltschweren Depesche , doch , da dies nicht mehr zu ändern war , machte er gute Miene zum bösen Spiel , dankte , daß man ihn sogleich von der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei , welche Summen dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben könnte , indem er annahm , dieser Kaufmann müsse die Preise , die er in Wien für solche Winke bezahlte , überboten haben . Es war Börsenzeit , er selbst fuhr mit auf die Börsenhalle . Börsenhalle ! unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde , der diese Einrichtung noch nie gesehen , ein weitläufiges Gebäude vor , wie es der Stadt Frankfurt würdig wäre , mit weiten Sälen , Seitengängen , schönen Portalen und dergleichen . Wie wundert er sich aber und lächelt , wenn er in diese Börsenhalle tritt ! Man stelle sich einen ziemlich kleinen , gepflasterten Hof , von unansehnlichen Gebäuden eingeschlossen , vor , wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln , Wagen reinigen , waschen , Hühner und Gänse füttern , und dergleichen solide häusliche Hantierungen verrichten könnte . Statt des ehrwürdigen Truthahns , statt der geschwätzigen Hühner und Gänse , statt des Stallknechts mit dem Besen in der Faust , statt der Küchendame , die hier ihren Salat wascht - sieht man hier zwischen zwölf und ein Uhr mittags ein buntes Gedränge ; Männer mit dunkelgefärbten , markierten Gesichtern , mit schwarzen Bärten und lauernden Augen , mit kühn gebogenen Nasen und breiten Mäulern , mit schmutzigen Hemden und unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen , schlotternden Knien und spitzigen Ellbogen , den Hut tief in den Nacken zurückgedrückt umher , und fragen einander , » Nu , wie stehen sie heute ? « Du wandelst staunend durch dieses Gewühl und fühlst einen kleinen unbehaglichen Schauer , wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Vorübergehen anstreift . Du begreifst zwar , daß du dich unter den Kindern Israels befindest , aber zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem Hühnerhof umher ? Endlich wirst du eine Tafel , etwa wie ein Wirtshausschild anzusehen , gewahr ; drauf steht mit goldenen Buchstaben deutlich zu lesen : - » Börsenhalle « . Also in der Börsenhalle der freien Stadt Frankfurt befindest du dich ; du hörst heute ein sonderbares Gemunkel und Geflüster ; die Leute gehen staunend umher , mehr mit Blicken als mit Worten fragend : » Ä Korrier es Wien ? - Gotts Wunder . Wer hat ' n gekriecht ? « » Ä Fremder , der Zwerner von Dessau . « - » Wie ? kaner von unsere Lait ? Nicht der Rothschild , der grauße Baron , nicht der Bethmann ? Auch nicht der Mezler ? Waas . « » Was hat ' r gebracht , der Korrier ! Abraham , wie stehen se ? « » Wie werden se stehen ! Wer kann ' s wissen , solange der Zwerner aus Dessau nicht ist auf der Börsenhalle ! « » Levi ! hat er ' s Oltemat ' m angenommen , der Reis-Effendi ? hat er oder hat er nicht ? Wie werden se stehen ? « » Ich hab ' s genug , ' sis a Vertel auf eins , und noch will keiner verkaufen , aus Schrecka vor die Korrier . Wär nur der Zwerner aus Dessau da ! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von die neue Straße . Wirst sehen , ' s wird geben ä grauße Operation ! Der Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi , aß er hat nicht angenomme das Oltematum von dem Moskeviter ? « » Bethmannische Obligationen , will man nicht kaufen , sind gefallen um Vertelpurzent ! « » Wie steht ' s mit die Metalliques ? Wie verkauft sie der Mezler ? Wie stehen se , Abraham ? tu mer de Gefallen und sag , die Metalliques , wie stehen se ? « » Aß ich der sag , ich weiß nicht , wo mer steht der Kopf , weiß heut keiner , wer iß Koch oder Keller ? aß ich nicht kann riechen wie se stehen , die Metalliques ! « Plötzlich entsteht ein Geräusch , ein Gedränge nach der Türe zu . Ein Wagen ist vorgefahren , die Leute stehen auf die Zehen , machen lange Hälse , um die Mienen der Kommenden zu sehen . Drei Männer arbeiteten sich durch die Menge und stellen sich ernst und gravitätisch an ihrem Platz zur Seite , wie es wohllöblicherweise auf anderen Börsen der Brauch ist , wo nur die Mäckler umherlaufen und sich drängen . Es war der große Baron , der an der Seite stand , zu seiner Rechten das Gestirn des Tages , der Kaufmann Zwerner aus Dessau , jetzt nicht mehr Seufzer zu nennen , denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte Streiche ausführen zu wollen , während er doch die Sinne bedächtlich und gesetzt beisammen behalten mußte , um sich nicht zu verrechnen . Zur Linken stand der Jude Simon , angetan mit seinem Sabbater-Rock und einer schneeweißen Halsbinde , mit feierlicher , hochzeitlicher Miene , so daß sein Volk gleich sah , es müsse was ganz Außerordentliches sich zugetragen haben . Jetzt nahten die Käufer und Verkäufer , und fragten nach den Preisen . Sie wurden bleich , sie sanken in die Knie und schlichen zitternd umher ; sie lamentierten schrecklich mit den Armen , sie steckten die Finger in den Mund , sie fluchten ebräisch und syrisch auf den Christen , der sich einen Kurier kommen lassen , auf den Vater , der den Kurier gezeugt , auf das Pferd , welches das Pferd des Kuriers zur Welt gebracht , auf seinen Kopf , auf seine vier Füße , kurz auf alles , selbst auf Sonne , Mond und Sterne , und auf Frankfurt und die Börsenhalle . Jetzt merkte man , warum der schlaue Simon seine Papiere in den letzten Tagen umgesetzt habe ; jetzt konnte man sich den Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklären - ! » Das Ultimatum ist angenommen « , scholl es durch den Hof , » der Reis-Effendi hat zugesagt « , hallte es durch die Ecken ; und obgleich die drei wichtigen Männer nur entfernt auf ihren Brief anspielten , nur einige nähere Umstände angaben , nichts Bestimmtes aussprachen , so stiegen doch die östreichischen , die Rothschildschen und wenige andere Papiere , von welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr viele auf dem Platz waren , in Zeit von einer halben Stunde um vier und einen halben Prozent . Mehrere Häuser , die sich nicht vorgesehen hatten , fingen an zu wanken , eines lag schon halb und halb , und hatte es nur seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden ( Börsen- ) Hause zu verdanken , daß ihm noch einige Stützen untergeschoben wurden . Als man um ein Uhr auseinanderging , lautete der Kurszettel der Frankfurter Börsenhalle : Metalliques 87 5 / 8. Bethmännische 75 1 / 2. Rothschildsche Lose 132 . Preußische Staatsschuldenscheine 84. In den übrigen war nichts geändert worden . 7. Die Verlobung Dieses kleine Börsengemetzel entschied über das Schicksal des Seufzers aus Dessau . In den zwei nächsten Tagen wirkte er durch die große Menge Metalliques , die er in Händen hatte , mächtig auf den Gang der Geschäfte , und als einige Tage nachher Herr von Rothschild Privatmitteilungen aus Wien erhielt , wodurch seine Nachrichten vollkommen bestätigt wurden , da drängte sich alles um den hoffnungsvollen , spekulativen Jüngling , um den genialen Kopf , der auf unglaubliche Weise die Umstände habe berechnen können . Seine Zurückgezogenheit zuvor galt nun für tiefes Studium der Politik , seine Schüchternheit , sein geckenhaftes Stöhnen und Seufzen für Tiefsinn , und jedes Haus hätte ihm freudig eine Tochter gegeben , um mit diesem sublimen Kopf sich näher zu verbinden . Da aber die Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht förmlich sanktioniert ist , und das Herz des Dessauers an Rebekka hing , so schlug er mit großer Tapferkeit alle Stürme ab , die aus den Verschanzungen in der Zeile , aus den Trancheen der Million , selbst aus den Salons der neuen Mainzerstraße mit glühenden Liebesblicken und Stückseufzern auf ihn gemacht wurden . Der alte Herr Simon , konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld und Glücksgüter ihm nicht gleichstellen , rechnete es sich dennoch zur besonderen Ehre , einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen . Ja , er sah es als eine glückliche Spekulation an , ihn durch Rebekka gefangen zu haben . Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an , die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Mann Europas machen mußte ; denn , wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder verkaufte , glaubte er nie fehlen zu können . Fräulein Rebekka ging ohne vieles Sträuben in die Bedingungen ein , die ihr der Zärtliche auferlegte ; da er eine gewisse Abneigung verspürte , ein Jude zu werden , so hielt er es für notwendig , daß sie sich taufen lasse . Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem Herrn Pastor Stein , und gab dafür auf einige Zeit ihre Klavierstunden auf , wobei , wie sie behauptete , noch etwas Erkleckliches profitiert würde , da sie dem Klaviermeister einen Taler für die Stunde hatte bezahlen müssen . Sie selbst legte dafür dem Dessauer die Bedingung auf , daß er sich für einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben lassen , und in dem » jöttlichen Frankfort « leben müsse . Er ging es freudig ein , und überließ mir dieses diplomatische Geschäft . Um nun auch von mir zu reden , so traf pünktlich ein was ich vorausgesehen hatte . Der Seufzer beschwichtigte fürs erste sein Gewissen , das ihm allerlei vorwerfen mochte , z.B. daß das ganze Geschäft unehrlich und nicht ohne Hülfe des Teufels habe zustande kommen können . Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war , war auch seine Dankbarkeit verschwunden . Weil ihn alles als den sublimsten Kopf , den scharfsinnigen Denker pries , glaubte er ohne Zaudern selbst daran , wurde aufgeblasen , sah mich über die Achsel an , und erinnerte sich meiner , sehr gütig , als eines Menschen , mit welchem er im Weißen Schwanen einigemal zu Mittag gespeist habe . Was mich übrigens am meisten freute , war , daß er die Strafe seines Undanks in sich und seinen Verhältnissen trug . Es war vorauszusehen , daß seine prophetische Kraft , sein spekulativer Geist sich nicht lange halten konnten . Mißglückten nur erst einige Spekulationen , die er , auf sein blindes Glück und seinen noch blinderen Verstand trauend , unternahm , verlor er erst einmal fünfzig oder hunderttausend , und zog seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste , so fing die Hölle für ihn schon auf Erden an . Rebekkchen , das liebe Kind , sah auch nicht aus , als wollte sie mit dem neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen . War sie erst » Gnädige Frau von Zwerner « , so war zu erwarten , daß die Liebesintrigen sich häufen werden ; junge wohlriechende Diplomaten , alte Sünder wie Graf Rebs , fremde Majors mit glänzenden Uniformen , waren dann willkommen in ihrer Loge und zu Hause , und der Dessauer hatte das Vergnügen , zuzuschauen . Und wie wird dieser sanfte Engel , Rebekka , sich gestalten zur Furie , wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn nachläßt , und damit zugleich sein Vermögen , wenn man das glänzende Hotel in der Zeile , die Loge im ersten Rang , die Equipage und die hungernden Liebhaber samt der köstlichen Tafel aufgeben , wenn man nach Dessau ziehen muß , in den alten Laden des Hauses Zwerner und Comp . ; wenn die gnädige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur ehrlichen Kaufmannsfrau wird , wenn man den Gemahl statt mit Papieren , wie es nobel ist und groß , mit Ellenwaren und Bändern , ganz klein und unnobel handeln sieht ! Welche Perspektive ! ! Doch , am vierten Pfingstfeiertag 1826 , dachte man noch nicht an dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstraße . Da war ein Hin- und Herrennen , ein Laufen , ein Kochen und Backen ; es wurde ungemein viel Gänseschmalz verbraucht , um koscheres Backwerk zu verfertigen ; ein Hammel wurde » geschächt « , um köstliche Ragouts zu bereiten . Der geneigte Leser errät wohl , was vorging in dem gesegneten Hause ? Nämlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares . Die halbe Stadt war geladen und kam . Hatte denn der alte Simon nicht treffliche alte Weine ? Speiste man bei ihm , das Gänsefett abgerechnet , nicht trefflich ? Hatte er nicht die schönsten jüdischen und christlichen Fräulein zusammengebeten , um die Gesellschaft zu unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang ? Auch Graf Rebs , das treffliche Kaninchen , war geladen , und nur das brachte ihn einigermaßen in Verlegenheit , daß nicht weniger als zwanzig Frauen und Fräulein zugegen waren , mit denen er schon in zärtlichen Verhältnissen gestanden hatte . Er half sich durch ausdrucksvolle Liebesblicke , die er allenthalben umherwarf , wie auch durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen , auf welchen er überall umherhüpfte und jeder Dame zuflüsterte : sie allein sei es eigentlich , die sein zartes Herz gefesselt . Die übergroße Anstrengung , zwanzig auf einmal zu lieben , da er es sonst nur auf fünf gebracht hatte , richtete ihn aber dergestalt zugrunde , daß er endlich elendiglich zusammensank , und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden mußte . Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm , und bewies sich nach Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anständig , denn als er am Abend , nachdem alle sich entfernt hatten , mit seiner Tochter Rebekka , das Silber ordnete und zählte , riefen sie einmütig und vergnügt : » Gotts Wunder ! Gotts Wunder ! was war das für noble Gesellschaft , für gesittete Leute ! Es fehlt auch nicht ein Kaffeelöffelchen , kein Dessertmesserchen oder Zuckerklämmchen ist uns abhanden gekommen ! Gotts Wunder ! « Der Festtag im Fegefeuer Fortsetzung Am Horizont in diesem Jahr Ist es geblieben , wie es war . M. Claudius 1. Der junge Garnmacher fährt fort , seine Geschichte zu erzählen Das Manuskript , aus welchem wir diese infernalischen Memoiren dechiffrieren und ausziehen , fährt bei jener Stelle , die wir im ersten Teile notgedrungen abbrachen , fort , die Geschichte des jungen deutschen Schneider-Baron zu geben . Er ist aus seiner Vaterstadt Dresden entflohen , er will in die weite Welt , fürs erste aber nach Berlin gehen , und erzählt was ihm unterwegs begegnete . » Meine Herren « , fuhr der edle junge Mann fort , » als ich mich umsah , stand ein Mann hinter mir , gekleidet wie ein ehrlicher , rechtlicher Bürger ; er fragte mich , wohin meine Reise gehe und behauptete , sein Weg sei beinahe ganz der meinige , ich solle mit ihm reisen . Ich verstand so viel von der Welt , daß ich einsah , es würde weniger auffallend sein , wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem älteren Mann gehen sieht , als allein . Der Mann entlockte mir bald die Ursache meiner Reise , meine Schicksale , meine Hoffnungen . Er schien sich sehr zu verwundern , als ich ihm von meinem Oncle , dem Herrn von Garnmacher in der Dorotheenstraße in Berlin erzählte . Euer Oncle ist ja schon seit zwei Monaten tot ! erwiderte er , o du armer Junge , seit zwei Monaten tot ; es war ein braver Mann , und ich wohnte nicht weit von ihm , und kannte ihn gut . Jetzt nagen ihn die Würmer ! Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost denken , ich weinte lange und hielt mich für unglücklicher als alle Helden ; nach und nach aber wußte mich mein Begleiter zu trösten : Erinnerst du dich gar nicht , mich gesehen zu haben ? fragte er ; ich sah ihn an , besann mich , verneinte . Ei , man hat mich doch in Dresden so viel gesehen , fuhr er fort ; alle Alten und besonders die Jugend strömte zu mir und meinem jungen Griechen . Jetzt fiel mir mit einemmal bei , daß ich ihn schon gesehen hatte . Vor wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen unglücklichen Griechen gekommen ; er wohnte in einem Gasthof und ließ den jungen Athener für Geld sehen , das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der Überschuß für einen Griechenverein bestimmt . Alles strömte hin , auch mir gab der Vater ein paar Groschen , um den unglücklichen Knaben sehen zu können . Ich bezeugte dem Mann meine Verwunderung , daß er nicht mehr mit dem Griechen reise . Er ist mir entlaufen , der Schlingel , und hat mir die Hälfte meiner Kasse und meinen besten Rock gestohlen , er wußte wohl , daß ich ihm nicht nachsetzen konnte ; aber wie wäre es , Söhnchen , wenn du mein Grieche würdest ? Ich staunte , ich hielt es nicht für möglich ; aber er gestand mir , daß der andere ein ehrlicher Münchner gewesen sei , den er abgerichtet und kostümiert habe , weil nun einmal die Leute die griechische Sucht hätten . « » Wie ? « unterbrach ihn der Engländer , » selbst in Deutschland nahm man Anteil an den Schicksalen dieses Volkes ? und doch ist es eigentlich ein deutscher Minister , der es mit der Pforte hält und die Griechen untergehen läßt . « » Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland « , antwortete Baron von Garnmacher , des Schneiders Sohn , » was einmal in einem anderen Lande Mode geworden , muß auch zu uns kommen . Das weiß man gar nicht anders . Wie nun vor kurzem die Parganioten ausgetrieben wurden und bald nachher die griechische Nation ihr Joch abschüttelte , da fanden wir dies erstaunlich hübsch , schrieben auf der Stelle viele und dicke Bücher darüber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen . Sogar Philhellenen gab es bei uns und man sah diese Leute mit großen Bärten , einen Säbel an der Seite , Pistolen im Gürtel , rauchend durch Deutschland ziehen . Wenn man sie fragte , wohin ? so antworteten sie : In den heiligen Krieg , nach Hellas gegen die Osmanen ! Bat sich nun etwa eine Frau , oder ein Mann , der in der alten Geographie nicht sehr erfahren , eine