, als er zum letztenmal von ihr Abschied nahm ; sie verglich die Greisengestalt mit dem lebenathmenden Bilde seiner Jugend . Noch einmal mußte jener silberne Spiegel auch ihre eigne verblichne Gestalt ihr zeigen , und tief ergriffen von der Flüchtigkeit des Traums , den wir Leben nennen , vermochte sie es jetzt , die wohlthätige Hand dankend zu preisen , die auch sie dem Ziele so nahe geführt hatte , wo , wie ihr frommes Hoffen ihr verhieß , Bernhard schon lange ihrer harrte . Endlich gewann Anna es auch über sich , den Inhalt der so lange verborgen gebliebnen Papiere zu untersuchen und diese wehmüthig ernste Beschäftigung gab sie allmählig sich selbst ganz wieder zurück . Sie fühlte inniger als je zuvor die Verpflichtung , hier thätig zu werden für das künftige Wohl des abwesenden Raimund , den sie von nun an , als von Bernhard selbst ihrer Vorsorge empfohlen , betrachten mußte . Deshalb las sie alles , was sie in den verborgenen Fächern vorfand , mit möglichster Aufmerksamkeit und wandte alle Kraft ihres Gemüthes daran , um die mannichfachen Empfindungen zu unterdrücken , welche bei dieser Beschäftigung aufs neue ihre gewohnte Fassung zu zerstöhren drohten . Was sie vorfand , überzeugte sie von dem Berufe und der Möglichkeit , hier für Bernhard selbst eintreten , und unsäglich viel Gutes , die geliebte Asche und den theuren , ihr nie verklungnen Namen Ehrendes bewirken zu können . Von neuem erwachte in ihr die lange Gewohnheit , sich des Wohles Andrer thätig anzunehmen ; alles übrige von sich weisend , überließ sie sich einzig dem ernsten Ueberlegen , was hier am ersten zu ergreifen sey , und kam auf diese Weise sehr bald zu dem Entschlusse , die Reise zu unternehmen , welche sie , wie früher erwähnt ward , am folgenden Morgen wirklich antrat . Nach der Abreise der Tante blieb Anfangs im Kleebornschen Hause alles so ziemlich unverändert , wenigstens dem äußern Anschein nach . Innerlich wurde der alte Herr freilich mit jedem Tage verdrüßlicher , und Angelika und Vicktorine empfanden die tiefe Sehnsucht nach der entfernten mütterlichen Freundin immer schmerzlicher . Feste und Lustbarkeiten gingen aber demohnerachtet nicht nur ihren gewohnten Gang , sondern , wie das beim Schluß der Winterfreuden gewöhnlich der Fall ist , sie drängten sich in und übereinander bis zum Ueberdrusse der meisten daran Theilnehmenden . Denn bekanntlich vermag es keiner , der in einem solchen Strudel von Geselligkeit befangen ist , sich ihm in dem Augenblicke zu entziehen , da er seiner müde wird , sondern jeder muß noch eine Weile im gewohnten Kreise sich fortdrehen , wenn gleich ohne Lust und ohne Freude daran , so wie zu rasche Tänzer noch einige Minuten , nachdem die Violinen verstummten , unwillkührlich fortwalzen müssen . Nach einem glänzenden Balle , der bis zum Anbruch des Tages gewährt hatte , befand sich die ganze Kleebornsche Familie eines Vormittags bei dem sehr verspäteten Frühstück nach althergebrachter Gewohnheit versammelt . Alle waren müde und lebenssatt , und jeder Einzelne , sogar Babet , labte sich mit stillem Wohlbehagen an der Hoffnung , daß heute wahrscheinlich ein Ruhetag seyn und bleiben würde . Da trat wider alles Erwarten Sir Charles herein , um sich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen und fragte zugleich an : ob er das Glück haben könne , sie den Abend in das Theater zu begleiten , indem eine neue Oper zum erstenmal gegeben werden solle , von der man große Erwartungen hege . Alle blickten voll Erstaunen auf ihn , denn seit langer Zeit hatte man ihn weder zu einer so frühen Tageszeit noch so auffallend zuvorkommend gesehen . Vicktorine erklärte sich indessen doch für zu ermüdet , um nicht das Zuhausebleiben der Oper vorzuziehen . Agathe stimmte ihr bei , und auf Babets Meynung , daß man gerade im Theater am aller besten ausruhen könne , wurde gar nicht geachtet , denn auch der alte Kleeborn wollte von der neuen Oper nichts wissen , sondern lud Sir Charles ein , den Abend lieber einmal mit ihm und den Seinen im engsten Familienkreise zuzubringen . » Ich könnte einer so angenehmen Einladung nicht widerstehen , und wenn ich auch ein weit größeres Vergnügen deshalb aufopfern müßte , als ich daran finde , deutsche Musik , von deutschen Kehlen abhaspeln zu hören , « erwiederte Sir Charles , der heut einmal durchaus seinen höflichen Tag zu haben schien . » Ich komme gewiß , « setzte er hinzu , » obgleich ich es eigentlich nicht sollte ; denn ich muß es nur gestehen , daß ich alle diese Zeit her meine Geschäfte ganz unerlaubt vernachlässigt habe . Unter manchen andern üblen Gewohnheiten besitze ich leider auch die , immer nur ruckweise arbeiten zu können . Mein Schreibtisch seufzt unter der Last wichtiger Depeschen , die ich längst ausfertigen sollte , der vielen Geschäftsbriefe , die alle unbeantwortet daliegen , mag ich nicht einmal erwähnen . Wilkinson sitzt schon seit sechs Stunden wie angemauert an seinem Pulte , denn ich muß Morgen vor Tagesanbruch zwei Stafetten abfertigen , des heutigen Posttags nicht einmal zu gedenken . Indessen da ich ohnehin entschlossen war , die Nacht durch zu arbeiten , im Fall die Damen sich heute für das Theater bestimmt hätten , so kann ich nun um so eher dieses kleine Opfer dem unweit größern Vergnügen darbringen mit Ihnen allein - - - « Kleeborn hielt es nicht länger aus , er mußte hier den Redner unterbrechen , und dabei leuchtete ihm die helle Freude aus den Augen , denn nie zuvor hatte er den jungen Mann so ernsthaft von Geschäften reden hören . Außer sich vor Vergnügen darüber , begann er jetzt auf das eifrigste , ihn zu ermahnen und zu bitten , doch ja seiner kostbaren Gesundheit zu schonen , und diese gefährlichen Nachtwachen zu meiden , welche jene sicher und unwiederbringlich zerstöhren müßten . Er versicherte , daß er untröstlich seyn würde , wenn Sir Charles darauf bestände , ihm die Ruhe dieser Nacht aufzuopfern , und so entstand zwischen Beiden eine Art von edelmüthigem Wettstreite , in welchem Sir Charles durchaus die Erlaubniß forderte , den Abend mit der Familie allein zu bringen zu dürfen , und der Alte eben so hartnäckig dabei blieb , ihm solche auf die freundlichste Weise von der Welt zu versagen . Es währte ziemlich lange bis Sir Charles endlich für gut fand , sich für überwunden zu erklären . » Nun so sey es denn ! « seufzte er , und verbeugte sich nicht ohne Anmuth , in komischer Trostlosigkeit , gegen alle in die Runde ; » ich gehe , ich armer Verbannter ! Aber weil es denn nun einmal so seyn muß und ich Sie alle heute nicht sehen darf , so will ich auch gar nichts sehen , als den Wilkinson und seine verwünschten Schreibereien . Ich schließe mich von Stunde an in meinem Kabinette ein , bleibe darin bis Morgen früh , unzugänglich wie eine Auster . Nichts soll mich herauslocken und käme die Catalani selbst vor meine Thüre , um mit ihrer Syrenenstimme dieses Wunder zu bewirken . « Sir Charles entfernte sich und Horst folgte ihm auf dem Fuße nach , denn ohne ein Wort darin zu reden , war dieser ein Zeuge des ganzen Vorganges gewesen . Er entschuldigte jetzt ebenfalls sein Nichtwiedererscheinen für diesen Tag mit wichtigen Geschäften ; doch Kleeborn achtete kaum darauf , so entzückt war er von Sir Charles heutigem Betragen , er wurde nicht müde es zu preisen und die erfreulichsten Schlüsse für die Zukunft daraus zu ziehen , wodurch denn die Unterhaltung eine für Vicktorinen durchaus nicht erfreuliche Wendung gewann . Langweilig war der Tag an ihnen allen vorüber geschlichen , wie solche Tage es gewöhnlich pflegen . Die Theaterstunde nahte heran , und Kleeborn überlegte eben , ob es nicht dennoch klüger gewesen wäre , den für Arbeit und Vergnügen gleich verdorbnen Abend vollends im Schauspiel gemächlich zu vergähnen , als der Rittmeister Horst ganz unerwartet hereintrat , und mit ihm die Tochter seines Majors , eine Freundin Agathens . Diesem neuen Ankömmling zu Ehren ward nun auf des Rittmeisters besonderem Antrieb sogleich beschlossen , dennoch ins Theater zu fahren , obgleich die eigentliche Stunde dazu schon beinahe vorüber war . Der alte Kleeborn schien wahrhaft erfreut , einen Anlaß gefunden zu haben , der ihn bestimmen konnte , seinen früher gefaßten Entschluß abzuändern , besonders da Horst ihm vertraute , das Fräulein Natalie sey nur wegen der neuen Oper und in Hoffnung auf einen Platz in der Kleebornschen Loge zur Stadt gekommen ; denn wie viele alte Herren seiner Art , bezeigte er sich noch immer gerne galant gegen Damen . Babet und Agathe waren ebenfalls sehr zufrieden damit , und nur Vicktorine äußerte den lebhaften Wunsch , bei ihrer Angelika bleiben zu dürfen , deren schwache Nerven ihr ein Vergnügen dieser Art nur selten erlaubten . Horst erschrack sichtbar da er dieses vernahm , und fing an , mit solchem Ernst auf ihr Mitgehen zu dringen , daß selbst Angelika sich dadurch bewogen fühlte , ihre Bitten mit den Seinen zu vereinen . Da Vicktorine sich noch weigerte , stiegen diese Bitten beinahe bis zum ängstlichen Flehen , und nahmen nach und nach einen so seltsamen Ton an , daß Vicktorine endlich , gezwungen , ihm nachgab . Der Werth , den er auf eine , ihr so unbedeutend scheinende Gefälligkeit von ihrer Seite zu legen schien , kam ihr indessen doch halb lächerlich vor , und sie konnte es nicht unterlassen , ihn ein wenig damit zu necken ; doch als sie ihn dabei genauer ins Auge faßte , erschrack sie beinahe über den Ausdruck feierlichen Ernstes in seinen Mienen , den er vergebens unter dem Scheine heitrer Unbefangenheit zu verbergen suchte . Es überlief sie dabei ein heimliches Grausen , das sie sich selbst eben so wenig zu erklären wußte , als das sonderbare Benehmen ihres sonst immer heitern Freundes , so daß sie darüber endlich in eine Art ängstlicher Befangenheit gerieth und nun mehr , als alle die Andern eilte , um nur recht bald in den Wagen und in ihre Loge zu gelangen . Die Oper war angegangen und in dem fast überfüllten Hause herrschte die größte Stille unter den Zuschauern . Daher war es wohl natürlich , daß die verspätete , nicht ganz geräuschlose Ankunft so vieler Damen für den Augenblick einige Aufmerksamkeit erregen mußte . Doch diese Aufmerksamkeit schien sich gar nicht wieder der Bühne zuwenden zu wollen , selbst nachdem die unschuldigen Stöhrerinnen der allgemeinen Ruhe schon längst ihre Plätze eingenommen hatten . Aus allen Ecken waren bewaffnete und unbewaffnete , bekannte und unbekannte Augen auf sie gerichtet , ein tausendstimmiges Zischeln und Flüstern ging durch Logen und Parterre , und erfüllte das Haus mit einem seltsamen unheimlichen Geräusch , bei dem fast Niemand mehr das , was auf dem Theater vorging , zu beachten schien . Kleeborn selbst wurde auf die unter den Zuschauern herrschende Unruhe aufmerksam ; er hatte sich bis jetzt mit einem Bekannten im Hintergrunde der Loge aufgehalten , doch nun trat er vor , und beugte sich weit über die Brüstung derselben hinaus , um die Veranlassung dieser seltsamen Erscheinung zu entdecken , die er weit entfernt war , in seiner Nähe zu suchen . Sorgfältig musterte er die Logenreihen mit seinem Opernglase , während das Flüstern und Lorgniren von allen Seiten zunahm . Doch wer beschreibt sein Erstaunen , als er in einer Loge sich gerade gegenüber eine einzelne junge Dame gewahr wurde , welche durch ihren kostbaren , aber etwas fantastisch überladnen Anzug sich nicht minder auszeichnete , als durch ihre wirklich blendende Schönheit , und dicht hinter ihr , in seiner gewohnten nachlässigen Stellung über mehrere Stühle hingegossen , den Rücken dem Theater zugewendet - Sir Charles - der ohne weiter auf die Oper noch auf das Publikum zu achten , sich einzig damit zu beschäftigen schien , die Blumen in dem türkischen Shawl seiner schönen Nachbarin sorgfältig zu zählen . Ueber den Anblick dieser Gruppe vergaß der alte Herr die noch immer nicht abnehmende Unruhe im Publikum , denn es fiel ihm nicht ein , diese mit jener in Verbindung zu setzen . Er bemühte sich nur zu errathen : wer wohl die Dame seyn könne , die es heute vermocht hatte , seinen zukünftigen Schwiegersohn aus dem wohlverschloßnen Kabinette hervorzulocken . Eine Fremde mußte es seyn , davon war er fest überzeugt , nicht nur wegen ihrer auffallenden Kleidung , sondern hauptsächlich , weil keine Einheimische einen solchen Verstoß gegen die allgemein angenommene Sitte begehen konnte , sich ganz allein von einem jungen Manne ins Theater begleiten zu lassen . Es that ihm leid um die arme Person , die aus Unbekanntschaft mit der Gewohnheit des Orts sich vielleicht Unannehmlichkeiten aussetzen konnte , und er war schon im Begriff hinüber zu gehen und sie mit ihrem Begleiter in seine eigne Loge abzuholen , als er noch einmal im Hause sich umsah , und nun erst zu seinem großen Erschrecken gewahr ward , wie alle seine näheren und entfernten Bekannten eigentlich nur ihn zum Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit machten . Einige sahen mit besorgter Theilnahme ihn an , andre trugen den hämischen Triumph der Schadenfreude im lächelnden Gesicht , die meisten betrachteten ihn mit dem starren Blick neugieriger Erwartung dessen , was zunächst geschehen würde . Nur das Paar ihm gegenüber schien seiner nicht gewahr zu werden . Die schöne Dame hatte alle ihre Aufmerksamkeit der Oper zugewendet , und von Sir Charles war es schwer zu entscheiden , ob er schlafe oder wache . Kleeborn trat sogleich in den Hintergrund der Loge zurück , um mit dem Rittmeister Horst , der , an eine Säule gelehnt , mit angestrengter Aufmerksamkeit den ernsten Blick auf jenes Paar geheftet hielt , über diese seltsame Erscheinung zu sprechen ; doch indem klopfte ihm jemand auf die Schulter und eine bekannte Stimme bot ihm einen freundlichen guten Abend . In großen Städten trifft man häufig auf Hagestolze von mittleren Jahren , die in allen sogenannten guten Häusern Eingang finden und überall sind , einzig , weil sie den Leuten weiß zu machen wissen , daß sie überall hingehören . Diese Herren reden über alles , sind immer mit gutem Rathe bei der Hand , spielen hohes oder niedriges Spiel , wie man will um überall hinzupassen , und üben unter der Maske treuherzigen Freimuths eine Art von arroganter Vormundschaft über Jung und Alt , indem sie sich bei allen Gelegenheiten zum Vertrauten aufdringen . Und alles dies nur um sich ihren freien Platz am Tische , im Theater oder bei Landparthien zu sichern . Ein solcher war Doctor Erning , der eben den Vater Kleeborn begrüßt hatte . » Nun was sagen sie zu dem neuen Kometen , der an unserem Horizonte aufgestiegen ist ? Wie gefällt Ihnen die schöne Rosabelle ? « fragte Erning , gleich nach der ersten Begrüßung . Kleeborn war noch zu befangen , um des Doctors Meynung gleich zu verstehen . » Rosabella , « wiederholte er ganz tonlos und unwillkührlich . » Nun ja , Rosabella , oder auch Rosaspina , « erwiederte Erning lachend , denn so viel ist wohl gewiß , der alte Papa drüben in Holland wird sie wenigstens lieber für einen Dornenstrauch als für eine Rose erklären , denn das liebe Söhnchen mag bei ihr viel Wolle sitzen lassen . Aber schön ist sie doch , das muß man ihr lassen , nicht wahr ? « » Ich verstehe Sie nicht , « erwiederte Kleeborn mit erzwungner Kälte , obgleich auf seinem Gesichte deutlich zu lesen war , daß er eben anfange , alles recht gut zu verstehen . » Nun das muß ich sagen ! « rief Erning , » Sie allein sollten nicht wissen , was die ganze Stadt seit drei Wochen weis ! denn so lange ist es , seit er sie durch seinen Kammerdiener von Paris abholen ließ , weil er wahrscheinlich nicht Lust hatte , sie dort länger auf seine Kosten leben zu lassen . Er hat sie in der Vorstadt im Weißischen Gartenhause einlogirt , wo sie sich Frau Gräfin nennen läßt . Sie sehen , ich bin von allem genau unterrichtet , also spielen Sie nicht länger den Geheimnißvollen gegen mich . Bei den kleinen Dejeunees , die er dort uns jungen Leuten en petite comité zuweilen giebt , können Sie Papachen freilich nicht seyn , aber exquisit sind sie , deliziös auf Ehre . Er versteht so etwas anzuordnen , das muß der Neid ihm lassen . Wäre nur nicht immer auch der König Pharao mit dabei ! das verdammte hohe Spiel , ich kann es nun einmal für den Tod nicht leiden . Doch mit den Wölfen muß man heulen , und er - - « » Er ! und er ! und immer er ! was für ein er ? « fuhr Kleeborn jetzt im höchsten Aerger auf . Doch Erning , dem er zu laut ward , zog ihn schnell in den Logengang hinaus und wandte nun alles an , ihn zu beschwichtigen , um dadurch noch größeres Aufsehen zu vermeiden . » Zürnen Sie nicht so , lieber alter Freund , wenigstens nicht auf mich , der es wahrhaft gut mit Ihnen meynt , « sprach er , » was ist es denn weiter ? Jugendstreiche , die haben wir alle gemacht . « » Herr ! « rief Kleeborn , immer aufgebrachter , » von was , von wessen Jugendstreichen ist hier denn die Rede ? - - « » Wahrhaftig , Sie wissen von nichts ? « fiel Erning ihm ein ; » nein , wie konnte ich das vermuthen , da ich den jungen Mann täglich in Ihrem Hause sah , in welchem er gewissermaßen zu Ihrer Familie zu gehören schien . Bis jetzt war ich fest überzeugt , daß Sie alles absichtlich ignorirten , da es aber so steht , und Sie die Sache so hoch nehmen - mit Klätschereien befasse ich mich nicht , das weis jedermann , aber erfahren müssen Sie es doch , es ist einmal der Sohn Ihres besten Freundes , und wer kann wissen , was für Sie sonst noch wichtiges darum und daran hängt . Nun so hören Sie denn , ich will Ihnen den ganzen Verlauf der Sache erzählen . « Kleeborn mußte sich gewaltsam zusammennehmen , um dieses , tropfenweise ihm zugetheilte Gift nur mit einiger Fassung sich aufdringen zu lassen , doch zum Glück traten jetzt einige seiner bewährteren Freunde aus den benachbarten Logen hinzu , die das nicht ganz leise mit Erning gepflogene Gespräch zum Theil mit angehört hatten , und diese bekräftigten durch ihr ganz unzweideutiges Zeugniß Ernings Erzählung , bei deren Anhören der alte Kleeborn sich jetzt dem ungemessensten Zorne überließ . Auch Horst hatte sich dem kleinen Kreise zugesellt , und da der tief empörte , schwer beleidigte Alte darauf bestand , sogleich nach Hause zu eilen , nahm der Rittmeister sich nur eben Zeit , die Damen , die seiner sehr richtigen Ansicht nach , ruhig in der Loge verharren mußten , dem Schutze des Doctor Erning zu empfehlen , zu dessen Ehrenämtern dergleichen Aufträge ohnehin gehörten . Dann eilte er dem alten Herrn nach , um ihn wo möglich von gewaltsamen Schritten zurückzuhalten . Während dieser Vorgänge wollte der Zufall , daß Sir Charles einmal die Augen der Kleebornschen Loge zuwendete , und zu seiner Ehre müssen wir bekennen , daß er wie vernichtet dastand , als er die Gesellschaft in derselben erblickte , und zugleich das spöttische Lächeln gewahr wurde , welches auf seine Kosten die Gesichter seiner zahlreich versammelten Bekannten verklärte . Mit einem Gefühle ohne Namen glaubte er sich verhöhnt und absichtlich belauscht . Er sah sich schon zum Stadtmährchen geworden und zwar auf eine , derjenigen ganz entgegengesetzte Weise , die seiner Eitelkeit sonst so schmeichelhaft gedünkt hatte . Sein erster Entschluß war , die Spötter mit eiserner Stirne zu braviren , doch einem paar tausend Menschen gegenüber ist das ein schwieriges Unternehmen . Er richtete sich zwar hoch empor , und stellte sich an den , am hellsten beleuchteten Platz in der Loge , aber nach einigen Augenblicken wurde ihm diese Lage doch so unerträglich , daß er seiner Dame den Arm bot und ohne auf ihren Wunsch , das Ende der Oper abzuwarten , zu achten , das Schauspielhaus mit ihr verlies . Vicktorine bewährte bei dieser Gelegenheit abermals die oft gerühmte Kraft ihres Karakters , indem sie , wenn gleich mit großer innerer Anstrengung , im Aeußern so ruhig als möglich sich zeigte . Besorgniß , Freude , Mitleid mit der Kränkung , die ihr Vater erleiden mußte , Furcht vor der nächsten Stunde , in der sie ihn wiedersehen sollte , wogten in ihrem Gemüthe und regten die Ahnung einer nahen bedeutenden Wendung ihres Geschicks in ihr auf . Die Art mit welcher der Rittmeister Horst sie diesen Abend zum Besuche des Theaters beinahe gezwungen hatte , machte ihr den Antheil , den er an diesem seltsamen Zusammentreffen haben mochte , nur zu deutlich , und sie wußte nicht , ob sie ihm denselben verdanken , oder ihn darüber tadeln sollte . Dazwischen quälte sie Ernings Zudringlichkeit , mit der dieser ein Gespräch anzuknüpfen versuchte , in welchem er zu erforschen gedachte , welchen Eindruck Sir Charles Betragen auf sie gemacht habe . Es ward ihr nicht leicht , den unverschämten Frager auf würdige und doch nicht beleidigende Weise in den , ihm gebührenden Schranken fest zu halten . Um ihm zu entgehen , suchte sie der Oper alle die Aufmerksamkeit , wenigstens scheinbar zuzuwenden , welche Agathe und das Fräulein Natalie ihr wirklich schenkten . Die aus allen ihren Himmeln hinabgestürzte Babet zeigte bei weitem nicht so viel Fassung , sondern spielte eine sehr trübseelige Rolle . Unter dem Vorwande unleidlicher Kopfschmerzen hatte sie sich in den Hintergrund der Loge zurückgezogen , wo ihrem feinem Ohr beinahe keine Silbe von dem Gespräche ihres Oheims mit dem Doctor Erning entging . Helle Thränen , welche sie umsonst zu verhehlen suchte , rollten ihr dabei über die hochroth erglühenden Wangen herab , und fielen auf das Kreuzchen von Korallen , das sie auf der Brust trug , das traurige Denkmal schöner Stunden . Das Unternehmen , sich eine Rosabella in die nämliche Stadt nachkommen zu lassen , in welcher man die reiche , schöne , von Verehrern umlagerte Erbin eines sehr Ehrliebenden und dabei auf den Ruf seines Hauses mit Recht stolzen Mannes zu heirathen gedenkt , gränzt so sehr an das Abentheuerliche , daß man es selbst einem so verschrobnen Karakter , wie den des Sir Charles , kaum zutrauen kann , ohne ihn zugleich für wenigstens halb wahnwitzig zu erklären . Und doch hatte ihn zu diesem Schritte nur hauptsächlich die Langeweile verleitet , welche Vicktorinens abgemessenes Betragen und Babets , ihm aus tausend Gründen täglich lästiger werdendes Hingeben in ihm erregten . Daneben beleidigte die Verzögerung seiner Vermählung mit Vicktorinen seinen Stolz auf die empfindlichste Weise , und doch erlaubte eben dieser Stolz ihm nicht , die nöthigen Schritte zu thun , welche einzig diese Verbindung herbeiführen konnten . Auch das Leben in einem zwar glänzenden , aber doch sittlich beschränktem Kreise des höheren Mittelstandes kam seinen verwöhnten Sinnen allmählig so schaal und abgestanden vor , daß er es ohne anderweitige Zerstreuung nicht länger ertragen zu können glaubte . Und so lies er sich wirklich von allen diesen zu einer Handlung verleiten , welcher nicht einmal die heftigste Leidenschaft hätte zur Entschuldigung dienen können . Diese war indessen durchaus nicht im Spiele , denn Sir Charles hatte Zeitlebens weder die schöne Rosabella , noch irgend ein sterbliches Wesen außer sich selbst geliebt . Nur die unseelige Neigung , sich stets glänzend zu zeigen und durch Reichthum und persönliche Vorzüge alle Andern zu überbieten , hatten ihn bestimmt , um jeden Preis eine Verbindung mit einer Person anzuknüpfen , welche während seines langen Aufenthalts in Paris als eine seltsame und merkwürdige Erscheinung großes Aufsehen erregte . Vielleicht war noch nie ein Mädchen dieser Art auf einen so sonderbaren Standpunkt in ihrer Welt hingerathen , als eben Rosabella , in dem Augenblicke , da Sir Charles ihre Bekanntschaft machte . Ihre wirklich blendende Schönheit erregte überall das größte Aufsehen ; im gewöhnlichen Leben bezauberte sie alle , die ihr nahten und war stets von Männern jedes Alters umgeben , welche ihr die höchste Bewunderung zollten . Doch auf dem großen Operntheater , wo sie unter den Tänzerinnen einen sehr untergeordneten Rang einnahm , herrschte ein seltnes Mißgeschick über sie . Sobald sie die verhängnißvollen Bretter betrat , wollte ihr auch das Unbedeutendste nicht gelingen , sie stand , von aller der ihr sonst eignen Grazie verlassen , wie unkenntlich da , und trotz der angestrengtesten Bemühungen war es ihr unmöglich , auf der Bühne sich nur als den Schatten von dem zu zeigen , was sie außer derselben wirklich war . Daher wurde ihr jedesmaliges Auftreten gleichsam das Signal zu einem ganz eignen Kampf unter den Zuschauern ; die verhältnißmäßig doch immer nur kleine Zahl ihrer persönlichen Verehrer suchte durch lauten Beifall ihren Muth zu erhöhn , während das große , durch die Leistungen der , in diesem Fach bedeutendsten Künstler verwöhnte Publikum jeden ihrer mißlungnen Versuche unbarmherzig rügte . Der Partheigeist , der in Paris bei jeder Gelegenheit erwacht , versäumte nicht , auch hier sich thätig zu bezeigen , und unglücklicher Weise für die arme Rosabelle war ihre Parthei gewöhnlich die schwächste und erlitt schmähliche Niederlagen . Morgens vergöttert , Abends ausgepfiffen , führte Rosabella zwischen der stillen Bewunderung ihrer Verehrer im Hause und dem lauten Tadel des Publikums im Theater , ein wahrhaft trostloses Leben , und so nahm sie Sir Charles Erbieten an , sie in eine andere Lage zu versetzen . Ein ihr von ihm ausgesetztes bedeutendes Jahrgeld half ihr seine , bald darauf erfolgende Abreise nach Deutschland mit großer Fassung ertragen , aber ihr Herz sehnte sich ewig im Stillen nach den verhängnißvollen Brettern zurück , die an Allen , welche einmal sie betraten , eine eigne , nie zu lösende Zauberkraft üben . Das magische Wort Kabale , dieser mächtige Trost aller schlechten Schauspieler und Schauspielerinnen , tröstete auch Rosabellen über ihr bisheriges Mislingen und sie folgte daher mit Entzücken dem von Sir Charles an sie abgeschickten Kammerdiener nach Deutschland , indem sie hoffte , auf den vornehmsten Bühnen dieses , ihr durchaus fremden Landes als Gastspielerin zu glänzen , und in der Ferne als eine der ersten Tänzerinnen die Lorbeeren zu erndten , welche ihr undankbares Vaterland ihr versagte , indem es , ihrer Meynung nach , ihren Werth absichtlich verkenne . Sir Charles dachte indessen gar nicht daran , diese ihre Hoffnung zu erfüllen und sie öffentlich auftreten zu lassen , im Gegentheil waren für ihn die tausend kleinen Ränke und Künste , die er anwenden mußte , um ihr Daseyn zu verbergen , gerade das interessanteste . Rosabella mußte es sich daher gleich bei ihrer Ankunft gefallen lassen , in einem ganz abgelegenen , wenn gleich sehr elegant eingerichteten Gartenhause in tiefer Verborgenheit ein durchaus eingezognes Leben zu führen , welches ihr gleich in den ersten Tagen die peinlichste Langeweile verursachte . Es währte nicht lange , so gähnte sie mit Sir Charles um die Wette , und dieser wußte , um dem verdrüßlichen Zustande ein Ende zu machen , keinen bessern Rath , als daß er nach und nach einige seiner näheren Bekannten bei ihr einführte . Rosabella wurde in diesem kleinen Kreise freilich für eine polnische Gräfin ausgegeben , welche , durch Familienrücksichten dazu bewogen , eine Zeit lang in tiefer Verborgenheit zu leben wünschte , aber ihr eigentliches Verhältniß zu Sir Charles blieb deshalb doch niemanden ein Geheimniß , um so weniger , als seine ungemeßne Eitelkeit ihn selbst dazu brachte , es oft sehr deutlich errathen zu lassen . Ohne daß er etwas davon ahnete , ging die Geschichte der schönen Rosabella gar bald wie ein Lauffeuer von Ohr zu Ohr , die halbe Stadt wußte darum , bewunderte die seltne Frechheit des jungen Mannes und war auf den Ausgang begierig ; nur Kleeborn hörte nichts davon , weil niemand der Erste seyn mochte , ihn davon zu unterrichten , und weil wir auch das , was uns zunächst betrifft , gewöhnlich zuletzt zu erfahren pflegen . Das hohe Spiel , welches Sir Charles in diesem kleinen Kreise seiner Vertrauten einführte , gewährte zwar ihm einige Zerstreuung , da aber Rosabella keinen Theil daran nahm , so gerieth sie bald in die verdrüßlichste Laune , in die ein so verwöhntes Wesen nur gerathen kann . Um doch einen Zeitvertreib zu haben , fing sie an , ihren Beschützer mit tausend Eifersüchteleien zu quälen , besonders in Hinsicht auf seine Braut , die er immer , um sie nur einigermaßen zu beruhigen , als ein wahres Fratzenbild ihr beschrieb . Endlich verlangte sie sogar , durch den Augenschein sich zu überzeugen , daß jene wirklich so häßlich sey , als man sie ihr darstellte , und es gelang ihr , Sir Charles zu dem Versprechen zu bewegen , sie einmal ins Theater zu führen , um ihr Vicktorinen von ferne zu zeigen . Dieser verhängnißvolle Abend , an welchem die neue Oper gegeben ward , schien Sir Charles zur Erfüllung eines Versprechens , an welches er zu seinem großen Ueberdrusse täglich gemahnt ward , ganz auserlesen zu seyn , denn das Gespräch am Morgen hatte ihn fest überzeugt , es werde niemand aus dem Kleebornschen Hause das Theater besuchen . Er führte also die Schöne wirklich hinein , bezeichnete ihr das häßlichste junge Mädchen , dessen er in den ersten Rang Logen ansichtig werden konnte , als die ihm bestimmte Braut , und ergötzte sich heimlich an der Wirkung seiner wohl ausgesonnenen List , bis der Anblick der wahren Vicktorine ihn in