, als gebühre es ihm nicht , die Aufmerksamkeit zu fesseln . Wahrlich , Charlotte , rief ich bewegt , Sie sind die glücklichste Schwester in der Welt ! Wie innig wird dieser Ihr Bruder geliebt ! Aber wie glücklich ist auch eine Lebensweise , bei welcher der Mensch noch dem Menschen so nahe steht ! So eine treue Anhänglichkeit hatte ich bisher nur in Romanen gekannt . « - Charlotte sah mich mit ausdrucksvollem Erstaunen an ; sie mochte eben so wenig mich beschuldigen wollen , daß ich nie verstanden hätte , wahre Anhänglichkeit aufzuspüren , noch meine Landsleute , daß sie nicht fähig seyen , dergleichen für einander zu empfinden . » Wie sollten denn Heinrich und seine Freunde einander vergessen können ? « sagte sie nach einer Pause , in der ihr Blick einen nachsinnenden Ausdruck annahm , als suche sie sich meine Unwissenheit in der Sache der bessern Menschheit zu erklären . » Unsre herzliche Lebensweise mag wohl dazu beitragen , diese Gefühle zu erhalten , und in Heinrichs Seele , wo alles Schöne doppelt kräftig ist , glühten sie auch wohl vorzüglich lebendig . Ich erinnre mich unter andern , daß er in einem Zeitpunct seines Lebens , wo Fehlschlagung und Arbeit ihn sehr schwer belasteten , mir auftrug , seiner alten Amme ein neues Bett verfertigen zu lassen . - Er mochte in seinen schlaflosen Nächten sich erinnert haben , daß das Lager der Alten nicht zum beßten seyn möge . « - Das Letzte setzte sie , seine Wohlthätigkeit sich selbst erklärend , lächelnd hinzu . - » Wie konnte aber Ihr Bruder , wie konnten Ihre Eltern zugeben , daß ein bloses Vorurtheil ihn vom Vaterland entfernte ? Er konnte doch unmöglich im Ernste sich ein Gewissen daraus machen , gegen einen wirklichen Räuber , einen Taugenichts , der sein Leben sogar angriff , zu zeugen . « - » Doch wohl ! Neil Roy war ein Gentleman und in mancher Rücksicht ein wackrer Mann . Außerdem , wenn die Bestrafung mit dem Vergehen in gar keinem Verhältniß steht , ist es widrig , zu ihr beizutragen . Dennoch ist es nicht diese Begebenheit allein , die Heinrich in die Fremde trieb . Cecile hat Sie nicht ganz gut unterrichtet . Sie wissen , meine Mutter war eine Fremde , und obschon eine der allerwürdigsten Frauen , war es doch natürlich , daß sie ein günstiges Vorurtheil für ihr Vaterland behielt ; mein Vater wollte Heinrich eine Pachtung geben . oder ihn zum Geistlichen machen , welches meiner Mutter aber ebenso schrecklich vorkam , als wolle man ihn lebendig begraben . Allein ohne die Geschichte mit Neil Roy würde sie es doch haben über sich ergehen lassen müssen ; diese gab ihr aber Mittel , den Vater zu bereden , daß er ihn fortschickte . Heinrich ward demnach ein Friedensopfer für meiner Mutter Verwandten , die seit ihrer Heirath mit einem hochländer Rebellen , wie sie meinen edeln Vater zu nennen beliebten , keinen Verkehr mehr mit ihr hatten gestatten wollen . O Ellen , oft drückt es mir schwer das Herz , daß Heinrich diesen Menschen , die meinen Vater von oben herab anzusehen wagten , die geringste Verbindlichkeit gehabt haben soll ! Doch was auch geschehen mag , Heinrich kann nimmer seinen Gehorsam gegen seine Eltern bereuen . « Miß Graham sprach so unbesorgt , als säßen wir im verschloßnen Zimmer ; denn sobald unser Gefolge wahrnahm , daß wir , unsre Pferde nebeneinander haltend , ein Gespräch begonnen hatten , hielt es sich in einer so ehrerbietigen Entfernung , daß keiner uns vernehmen konnte . Jetzt nahten sich aber unsre Stallmeister , faßten unsre Pferde am Zügel , und , indem die andern Männer , vor uns hergehend , die großen Steine aus dem Wege räumten , führten sie uns um den Vorsprung eines sehr steilen Hügels herum . Unwillkürlich hefteten sich meine Augen auf die tiefe Schlucht im Grunde des Thales neben dem Wege . Ich sah , daß ein falscher Schritt meines Pferdes mich einige Hundert Fuß in sie hinabschleudern mußte . Die goldnen Wolken , die im Westen schwammen , erhellten unsern Pfad , die Schlucht aber lag in tiefes Dunkel gehüllt . Die Hochlandswege waren mir noch fremd , und dieser ängstigte mich so sehr , daß ich gegen meinen Führer den Wunsch abzusteigen äußerte . In diesem Augenblick rief Charlotte mit einer Stimme des Entzückens , als habe sie eine längst ersehnte Erscheinung begrüßt : » Benarde ! « Ich blickte erschrocken auf und sah zwischen mir und dem glühenden Sonnenuntergang sich ein hohes Felsenhaupt erheben , indeß bläuliche Dünste von seinen Abhängen in das Thal herabflossen . Jetzt wand sich unser Weg rund um den Berg abwärts . Reich in allen Farben des Herbstes , von dem Abendschimmer gemildert , zeigte sich Glen Eredine unserm Blick . Charlotte sprach kein Wort , wie eine Betende - und sie mochte wohl beten - kreuzte sie ihre Hände über die Brust und blickte begeistert zum Himmel . Ergriffen von dem Schauspiel um mich her , mochte ich nicht diese Stille unterbrechen . Zu unsern Füßen lag ein See , unbeweglich , als hätte nie ein Lüftchen seine Gewässer gekräuselt , alles war still , wie die Erde , bevor Lebendiges sie bewohnte , nur ein großer Adler schwebte majestätisch in gleichem Fluge entlang dem Thal ; der Osten war noch immer vom Abendwiederschein erhellt , aber der Benarde zeichnete dunkel seiner Felsen Gipfel auf dem ruhigen See ; an dessen einer Seite schimmerten die weißlichen Mauern des alten Castells , und hinter ihnen in einem geschützten Thal schwebte der bläuliche Rauch aus den Hütten des Dorfs , deren bewachsne Dächer in der allgemeinen Schattirung der Landschaft versanken . Unser Weg ging bergab , und der Wald entzog uns die Aussicht . Anfangs erstanden Birken zwischen den dürren Felsenritzen , dann streckten Krüppeleichen ihre starken Wurzeln aus dem jugendlich grünen Moos , allmälig ließ sich der Ahorn und die Buche erblicken , die , sich endlich in schattige Gänge ordnend , den Weg zum Schloß , aber auch in Nebenalleen zu niederern Wohnungen zeigten . Zu beiden Seiten kamen wir an mehreren derselben vorbei ; ihre Bewohner eilten heraus , Charlotten zu bewillkommnen . Kein Geschrei , kein zudringliches Grüßen störte die Stille der Umgebung ; selbst die Kinder bückten ihre glühenden Gesichtchen nieder und blickten nur seitwärts , ob ihre Lady sie nicht übersähe . Eine Art natürliche Brücke , eine Landzunge vielmehr , führte endlich zu dem Felsen , auf welchem das Schloß Eredine lag . Ich gestehe , daß Cecilens Erzählungen und das Entzücken , mit dem Charlotte von diesem Sitz ihrer Vorfahren sprach , mir ein andres Bild von diesem Ort hatte auffassen lassen , als ich in der Wirklichkeit fand . Ein viereckiger Thurm mit einem gewölbten Eingang war alles , was von der ehemaligen Veste noch vorhanden war ; ihm schlossen sich eine Reihe neuerer Gebäude an mit steilen Dächern und Fenstern , die durch die Beleuchtung im Innern ihre gemeinen Formen sichtbar machten und von der Einrichtung der Wohnung kein günstiges Vorurtheil erweckten . Raum mußte aber darin seyn , denn wie wir anlangten , strömten wenigstens dreißig Menschen , verschiedenen Alters und Geschlechts , uns entgegen . Der ihnen allen voranschritt , hätte meine Aufmerksamkeit erregt , hätte ich ihn auch nicht an Charlottens Freudenruf für ihren Vater erkannt . Das Alter hatte weder auf seinen festen Schritt noch die erhabne Haltung seines kräftigen Körpers gewirkt , sein Auge glänzte noch , seine Wangen glühten von Leben , nur die Silberlocken , welche unter seiner Mütze herabhingen , verriethen , daß er weit über die Jahre der Jugend hinausgerückt sey . Seine Kleidung zeichnete sich nur durch die Länge und Schönheit der Federn seiner Kopfbedeckung aus , übrigens trug er den scharlachrothen und blauen Tartan seines Clans . Er begrüßte mich mit einem Kuß , erst auf die eine , dann auf die andre Wange , zum Willkommen in Eredine , eben so ungezwungen und fast so herzlich , wie er seinen Liebling Charlotte begrüßt hatte ; dann gab er einer jeden von uns einen Arm und führte uns in seine Behausung ein . Das Zimmer , wo wir eintraten , war ein großes getäfeltes Gemach , mit tiefen Fensterplätzen und mit Wandschränken versehen ; ein Camin , so groß , daß er ein kleines Zimmerchen hätte vorstellen können , verbreitete jedoch durch sein flammendes Holzfeuer in diesen dunkeln Wänden eine fröhliche Helle ; noch mehr aber , wie dieses , luden die heitern , wohlwollenden Gesichter aller seiner Bewohner zu dem vertraulichsten Wohlbehagen ein . Meine Gegenwart legte so wenigen Zwang auf , ich war in Eredine so willkommen , Charlotte und alle Hausgenossen weihten mich so schnell in die freundlichen Sitten dieses Hauses ein , daß ich , bevor acht Tage vergingen , so heimisch daselbst war , als wäre ich von Kindheit an gar nichts anders gewohnt . Charlotte , die beständig bemüht war , das Gefühl , schwesterliche Rechte mit ihr gemeinsam zu haben , in mir zu erregen , bat mich , ihr Gemach , unter dem Vorwand , daß es das modigste sey , mit ihr zu theilen . » Da ich Sie in unsre Berge entführte , ists wohl billig « , sagte sie , » daß ich Sie vor Ihnen schütze ; Heinrich hat mir aber meine Zimmer so veranglisirt , daß kein wahrhaft hochländisches Gespenst den Fuß hineinsetzen mag « . Es war wirklich eine höchst angenehme Wohnung ; sie enthielt alles Geräth , zu dem uns damals der Luxus gewöhnt hatte , was aber noch besser war , eine Sammlung vortrefflicher Bücher , einen vollständigen Apparat zum Zeichnen und Malen , und einen reichen Vorrath der schönsten Wollen- und Seiden-Garne zu Stickarbeiten jeder Art. Neben unserm gemeinschaftlichen Wohn- und Schlafzimmer befand sich ein drittes kleineres Gemach , wo eigentlich die Bücher aufgestellt waren , mit einem Schreibtisch an einem Fenster , dessen Aussicht über den See reichte - dieses wies mir meine gütige Freundin als mein besondres Eigenthum an . Wie wir uns zur Nachtruhe auf unser Zimmer begaben , umfaßte mich Charlotte und sagte : » Liebe Ellen , ich muß Sie um eine Vorsicht bitten , ja um eine Gunst , die mir vielen Werth hat . « - Ich antwortete , wie mein von Dankbarkeit fast zu überfülltes Herz mir gebot . - » Nun , liebe Ellen , vermeiden Sie sorgfältig , in meines Vaters Gegenwart je den Namen eines Mannes zu nennen ... eines Mannes , den wir beide kennen ... « » Herrn Maitlands Name ? « half ich ihr ein . - » Ihn ; nennen Sie ihn nie vor meinem Vater ! « - » Gewiß , nie . Meine Charlotte muß triftige Gründe haben , um gegen ihren Vater solche Vorsicht zu gebrauchen . « - » Ja sie sind triftig « , antwortete Charlotte nachdenkend . » Vielleicht werden Sie selbst sie einst dafür erkennen . Ich möchte gern kein Geheimniß vor Ihnen haben , meine Ellen , von diesem hängt aber jetzt mein ganzes Lebensglück ab . « - » Genug , Charlotte ! Ich brauche weiter nichts zu wissen . Nur das lassen Sie mich nochmals wiederholen : Herr Maitland ist mir gar nichts , gar nichts , als der beste der Menschen , der uneigennützigste Freund , ein Freund , der von aller meiner Unwürdigkeit sich nicht abschrecken ließ ... O Charlotte , wenn Ihr Vater seinen Werth kennte ... « Ich hielt inne , denn ich fühlte , wie die Lebhaftigkeit meiner Gefühle mich hinriß . Ein sanftes Lächeln spielte um Charlottens schönen Mund , als wenn eine schmeichelhafte Hoffnung sich in ihr Herz stähle ; allein meine Hand drückend , wendete sie sich , ohne die Unterredung fortzusetzen , von mir ab . In den Tagen des Elends , wenn mein Nachsinnen für den Unterhalt des folgenden Tags keine Auskunft hatte finden können , neben dem beklommnen Aechzen von Juliens Krankenbett , von dem Weinen ihres unruhigen Knabens unterbrochen , hatte der Schlaf mein Auge geschlossen , sobald mein Haupt ein , oft recht hartes , Kissen gefunden . Jetzt ruhte ich nun unter dem Dache des Frommen , in dem Schutz der Freundschaft , morgen einen fröhlichen Tag , heitre Umgebungen erwartend , und der Schlummer wollte sich lange mir nicht nahen . Es war der Hoffnungslosen leichter geworden , bei dem dichtesten Dunkel ihres Schicksals , sich am Abend eines ermüdenden , sorgenvollen Tages blindlings in ihres Vaters Arme zu verbergen , als der jetzt dem Sturm Entronnenen , die neuen Bilder , die dämmernden Aussichten , die möglichen Glücksfälle zu ordnen , die ihre Einbildungskraft ihr vorgaukelte . Endlich verflossen die sich kreuzenden Gedanken in dem einzig klaren Bewußtseyn von Dank gegen Gott und der flehenden Bitte , mir den rechten Pfad zu zeigen in Glen Eredinens gastfreiem Thale , wie er mich ihn in dem freundlosen Edinburg , wohl auf verwundend rauhem Wege , geführt hatte . Das Frühstück des nächsten Tages verwirklichte mir das Bild dieses Mahls , wie es Reisende in Schottland oft beschrieben haben . Eine Menge nahrhafter Speisen , mit Sauberkeit und Ordnung aufgestellt , deckten den Tisch . Eredine , so ward hier , wie ich wahrnahm , Charlottens Vater genannt , wies mir meinen Platz neben sich in einem großen , mit hoher Rücklehne versehenen Armsessel an und belud meinen Teller mit den verschiedensten Speisen . Meine beschämte Bitte , meiner Unfähigkeit zu schonen , schien ihm doch endlich zu Herzen zu gehen , er blickte auf mich herab , als auf das wahre Bild von » den Söhnen kleiner Menschen « , und sagte lächelnd : » wenn Ihnen das ein Ueberfluß scheint , was hätten Sie dann zu einem Frühstück zu der Zeit meiner Jugend gedacht ! « - Sobald das Mahl beendigt war , übernahm Charlotte wieder die Führung des Haushalts , mit dem in ihrer Abwesenheit eine von ihren zahlreichen Cousinen beauftragt gewesen war . Um mir das Gefühl des Daheimseyns recht einzuprägen , übertrug sie mir einen bestimmten Antheil an ihrem Geschäft , und obschon die Zahl der eigentlichen Hausgenossen seit Menschen-Gedenken nicht kleiner gewesen war , wie jetzt , hatten wir dennoch genug zu thun . Die alten Lehnsgebräuche , wo ein großer Theil der Verwandten unter den Augen ihres Stammhauptes lebte , waren abgeschafft ; Eredine hatte drei ältere Schwestern überlebt , die fast ein Jahrhundert lang das Haus , wo sie geboren wurden , bewohnt hatten ; nachdem zwei seiner jüngern Brüder durch eine dreißigjährige Landesverweisung ihre Anhänglichkeit an ihren erblichen Fürsten gebüßt hatten , kamen sie zurück , um ihren Staub zu dem Staub ihrer Väter zu fügen ; sein ältester Sohn war vor wenigen Monaten , ein Raub des ungesunden Himmelsstrichs , in Westindien gestorben , und der jüngste lebte , wie ich gesagt habe , seit vielen Jahren im Bann . Jetzt bestand nun die Familie einzig aus Eredine , seiner Tochter und mir , vier männlichen und sieben weiblichen Bedienten , Charlottens Amme , einem blinden Weibe , das , weil es sonst nichts zu arbeiten vermochte , die Strumpfstrickerin für das ganze Haus war und daneben durch ihr seltnes Gedächtniß und pathetisches Erzählen alter Familiengeschichten noch die Stelle des ehemaligen Barden ersetzte . Außerdem waren noch zwei kleine Mädchen , eine gebrechliche und eine kränkliche , und drei Knaben , von denen zwei , weil sie Waisen waren , der dritte als Enkel von des Lairds ältestem Diener , unterhalten wurden . Endlich muß ich noch Robert Goraich , Cecilens armen wahnsinnigen Liebhaber , erwähnen ; dieser zäumte , wenn es seine Laune gerade mit sich brachte , Herrn Heinrichs alten Schimmel auf , wanderte in allen Kirchen der Grafschaft umher , oder saß stumm betrachtend unter der vom Blitzstrahl zerschmetterten Eiche . Doch das waren nicht die einzigen Gäste an Eredines wirthlichem Tisch : mehrere greise Alten beiderlei Geschlechts , denen er in dieser Absicht in der nächsten Umgebung des Schlosses hatte Hütten bauen lassen , Laufbuben , Schaaf- , Kuh- , Gänse- Hirten , Bettler und Wanderer , alles fand Aufnahme und Nahrung und zahlte mit Ehrerbietung und Segen . - Und das alles bestritt der Laird mit einem Einkommen von nicht viel mehr als tausend Pfunden des Jahrs . In der ersten Zeit nach unserer Ankunft kamen zahlreiche Bekannte und Nachbarinnen , Miß Graham zu besuchen , und eine der ersten war die wackre Cecile , die , mich mit Freudenthränen begrüßend , ausrief : » Ich sagte Euch wohl , daß Ihr nicht wüßtet , wo Euch ein Stern aufgehen könnte ; und nun sehet , nun seyd Ihr nach Schloß Eredine gekommen . Ich habe es prophezeit und ich prophezeie noch mehr ; aber nicht eher , bevor es Zeit ist . « - Auf meine Frage nach ihrem Gatten erzählte sie mir , daß er krank und dienstunfähig verabschiedet worden sey ; doch ängstige sie das nicht , sie habe ihm einen Krug Wasser aus der heiligen Quelle von Breadalbane geholt , das ihm gewiß helfen werde . Nur das thue ihm weh , daß er nicht im Stande sey des Lairds Sichelfest beizuwohnen , wovon sie jedoch Miß Graham nichts sagen möchte ; denn , sehet Ihr , er verlor seine Gesundheit , indem er Herrn Kenneth auch in seiner Krankheit nicht verließ . « In den nächsten Tagen fand das Herbstfest , dessen Cecile erwähnt hatte , statt . Bei Tages Anbruch weckte mich ein gellender Dudelsack unter unserm Fenster , und wie ich aus dem Bett sprang , um seine Absicht zu erforschen , sah ich einen Haufen von mehr wie hundert Männern und Weibern vor dem Hause versammelt . Es waren die Pächter von Eredine , die zur Frohnde heute des Lairds Korn schneiden sollten . - Doch nie sah ich bei einem Freudenfest so viel wahre Fröhlichkeit , wie bei dieser lohnlosen Arbeit . Das Mähen dauerte den ganzen Tag , nach dem Tact der sich ablösenden Dudelsackpfeifer , aber weder die Arbeit noch die Pfeife that dem Scherzen der Jüngern , dem Erzählen der Alten einigen Eintrag ; Eredine kam oft , um sich unter die Arbeiter zu mischen , mit den Alten zu schwatzen , mit den Jungen zu scherzen , und wo er erschien , fügte sich Ehrerbietung in die freudenvolle Aufnahme des Lairds . Alles , was Kräfte hatte , war zur Arbeit geschickt ; Charlotte und ich , von der alten Amme und der blinden Strickerin unterstützt , mußten die Küche für alle diese Gäste besorgen - und das war keine kleine Arbeit , so einfach die Kost auch seyn mochte , die ihre gesunde Eßlust befriedigte . Da es , wie mir Charlotte gesagt hatte , Sitte war , solche Feste mit Tanz zu beschließen , begab ich mich in der Zeit , wo die Tänzer versammelt seyn konnten , an den Platz , der , wie ich glaubte , zu der Lustbarkeit bestimmt war . Ein mit großen Bäumen umgebner Rasenplatz im Hintergrund des Küchengartens war mir als solcher genannt ; allein zu meiner Verwunderung war er ganz einsam , nur ein kränklicher , abgezehrter Mann , der über seinem Tartan einen verblichnen Soldatenrock trug , stand traurig , an den Stamm eines Baumes gelehnt . Da ich glaubte , mich in dem Orte geirrt zu haben , fragte ich diesen Mann , wo heute getanzt würde . » Glaubt Ihr denn , Lady « , antwortete er halb unwillig , » daß heute hier getanzt werden soll ? Ich hoffe , so roh ist kein Erediner , daß er hier tanzen wolle , so lange Eredines bestes Blut noch nicht im Grabe erkaltet ist . « - Er deutete , wie mir klar war , auf Herrn Kenneths vor kurzem erfolgten Tod , und ich bewunderte dieses zarte Anstandsgefühl , diese innige Anhänglichkeit in Leuten , die wir für Wilde zu halten so geneigt sind . Schon wollte ich mich mit dem Mann in ein Gespräch einlassen , als Charlotte sich nahte . Theilnehmend erzählte ich ihr , was mir eben begegnet sey . Sie war nicht verwundert , aber gerührt ; » das erwartete ich « , sagte sie , » armer Jamie ! es hätte ihm das Herz gebrochen , hätte man heute auf diesem Rasen getanzt . Hier war vor fünfundzwanzig Jahren sein und meiner Brüder Spielplatz ; und er schleicht alle Abende , wenn die Sonne ihn bescheint , hierher und lebt eine Stunde in seiner frohesten Erinnerung . O , der Mann hat viel für meinen Bruder gethan ! Wie er hörte , daß Kenneth ins Ausland beordert sey , verließ er Weib und Kind und wanderte zu Fuß quer durch Irland bis zum Hafen , wo sein Regiment sich einschiffte . Er ließ sich anwerben und folgte ihm nach Westindien nach , und wie meinen Bruder die schreckliche Krankheit befiel , bei welcher kein Wärter ausdauern mag , verließ er sein Bett weder bei Tag noch bei Nacht ; schon selbst von ihr ergriffen , folgte er ihm zur Gruft , und wie die Grabbegleiter von der gifthauchenden Stelle forteilten , blieb er dort liegen und weinte auf dem Hügel , der das Haupt des Edelsten barg . Ach es ruht in fremder Erde und unsre Thränen netzten sie nie ! « - So oft ich mit Charlotten von ihrem Bruder gesprochen hatte , war dieses die erste Klage , die ich von ihr hörte . Ihr erschien das Andenken an ihre Todten vielmehr wie ein heiteres Bild . Sie sprach mit persönlicher Theilnahme von Lady Eredines Freude beim Empfang ihres Sohnes und beschäftigte sich mit ihnen , ganz wie mit lebenden Personen , deren Empfindung man in der weitesten Entfernung dennoch mit Innigkeit theilt . In kurzer Zeit war ich in Eredine so eingewohnt , als gehörte ich schon längst zu der Familie . Meine gütige Charlotte fand bald Mittel , es mich als meinen gegenwärtigen Wohnort ansehen zu machen ; sie fühlte in meiner Seele , daß ich mich nützlich mache , sey zu meiner Befriedigung durchaus nothwendig ; wahrscheinlich vielmehr in der Absicht , mir dieses zu gewähren , als weil es ihr sehr darum zu thun war , Musik zu lernen , verwendete sie sich alles Ernstes auf die Erlernung der Harfe . Bisher hatte sie es in der Tonkunst nicht weiter gebracht , als einige schottische Liederchen auf einem alten Clavier , das sich im Schlosse vorfand , zu klimpern ; jetzt langte aber eine herrliche Harfe an , die Herrn Heinrichs unermüdete Theilnahme an seiner Schwester Wünschen , sobald er ihre neue Kunstanstrengung erfahren , in London hatte kaufen lassen . Nun ward recht ernstlich gelernt , und Charlotte lohnte meinen Unterricht mit der beharrlichsten Mühe , mich in Besitz der gaelischen Sprache zu setzen . Es glückte mir so sehr , daß ich den Beifall aller Schloßbewohner ärntete , und die Landleute mich bald eben so freundlich begrüßten , als gehörte ich in ihr Thal . Am mehrsten freute sich aber der alte Laird meiner sprachkundigen Fortschritte ; besonders wenn ich gaelische Liederchen sang , rief er entzückt : » sie singt fast so gut , wie meine liebe selige Mutter . » » Möge es weiß um ihre Seele her seyn ! « « 5 » Nur sollte sie statt des ungeschickten großen Dinges ( der Harfe ) , die leichte , weiblich niedliche Clarsaeh ( eine Art Mandoline ) im Arm halten , aber die verdammten Hannoveraner haben sie , wie sie Glen Eredine plünderten , verbrannt ! « - Die Musik , so lieb sie mir war , nahm aber doch jetzt einen ganz andern Platz in der Anwendung meiner Zeit ein , als ehemals , wo sie die einzige Beschäftigung war , die mir Putz und Gesellschaft ersetzte . Es hatte sich jetzt in meiner Seele die Ueberzeugung entwickelt , daß jeder Moment unsers Lebens in Arbeit und Lust , ein vernünftiges , wohlthätiges oder frommes Andenken zurücklassen müsse . Bald nahm ich wahr , daß diese Ansicht , welche ich anfangs mit etwas Aengstlichkeit befolgte , keine heitere Benutzung der Lebenszeit störte ; denn Heiterkeit entsproßte nur auf dem Wege der Pflicht , und diese führte mich Hand in Hand mit dem Glück derer , die neben mir schritten . Ich begriff immer mehr , daß die Blüthen des geistigen Lebens jedem Genuß entsprießen , der unsrer Menschennatur zugetheilt ist , wenn wir ihn als geistige Wesen , nicht nur mit der rohern Hälfte unsrer Kräfte genießen . Kaum kann es je einen glücklichern , vielleicht keinen fröhlichern Kreis gegeben haben , als der das Caminfeuer von Eredine umgab . Ich hatte manche Woche in diesem glücklichen Kreis verlebt , als Charlotte eines Tags athemlos vor Entzücken zu mir hereinstürzte und mir zurief : » Er kommt , theure Ellen , er kommt ! Er will alles aufgeben , seine Gewohnheiten , seine Plane , er gibt ihnen ihren Tand zurück und kehrt zu seinen Vätern heim - heim zu uns allen ! « - » Wer ? Heinrich ? Heinrich kommt zurück ? Wenn ? « - » Jetzt , bald , in einer Woche . Ach , wenn diese Woche vorüber wäre ! « - Sie konnte nicht an einem Orte bleiben , die Freude trieb sie fort , und ich eilte ihr nach zu ihrem Vater . Der Greis schloß uns beide in seine Arme : » Gott lasse mich « , rief er , » nur noch diese Woche überleben , und dann , dann ... ! « - Er zögerte , halb beschämt über seine Rührung . » Ich sorge zuweilen « , fing er wieder an , als spräche er nun von etwas anderm , » ich sorge , meine Augen sind angegriffen , ich will sie in der Luft stärken . « - Und damit ging er auf den Weg nach Edinburg aus , als könne er schon heute hoffen , seinem Sohn zu begegnen , und von heut an kehrte er unzählige Mal auf diesen Weg zurück . Zunächst bemühte er sich nun jeden Ruhepunct seiner Reise zu berechnen , er glaubte die Stunde seiner Ankunft bestimmen zu können , und machte eine endlose Menge Zubereitungen zu seinem Empfang . Hatte er sich dann recht müde gewirthschaftet , so setzte er sich auf seinen großen eichnen Armsessel , kreuzte die Arme , sann nach , und ein seliges Lächeln spielte über sein Gesicht . » Er hat doch von jeher die Südleute nicht gehaßt « , rief er einst im Selbstgespräch aus , » obschon in ihm selbst kein südländischer Blutstropfen war . Hat er den krauspfotigen Hund seiner Mutter doch auch immer gern gehabt , und ich selbst mochte doch die Sachsen nicht leiden . « - Ich war im Begriff , an meinem Stickrahmen laut aufzulachen , als mir eine Ahnung über die Bedeutung seines Ideengangs einfiel , die mich mit Beschämung zurückhielt . Heinrichs Ankunft konnte mir in keiner Rücksicht gleichgültig seyn . Seit ich erfahren hatte , daß ich ihm , nicht Kenneth , die Rückzahlung der meinem verewigten Vater gehörigen Summe schuldig war , hatte ich ein Gefühl persönlicher Dankbarkeit gegen den Mann , in dem ich den Mittelpunct der Liebe und Achtung dieses ganzen Thales kennen lernen sollte . Aber seit Cecilens prophetischer Wink von dem Glück , was meiner in Glen Eredine warten könnte , so schön in Erfüllung gegangen war , daß ich mich auf das unerwartetste als Tochter eines Hauses aufgenommen sah , dessen Name mir vor einem Jahre noch ganz fremd war - seitdem machte Heinrichs Name einen tiefen Eindruck auf mich . Ich mochte mir ihn nicht erklären und rechtfertigte ihn doch mit meinem traurigen Schicksal . Arm und freundlos , wie ich war , konnte ich das Wohl meiner Zukunft einzig durch Gottes mir unbekannte Fügung erwarten . Da nun Liebe , Glück durch Liebe , ein Bündniß aus Liebe dieser versagt schien , war es mein ängstlicher Wunsch , einem Mann vertraut zu werden , gegen den Achtung und Gehorsam jede zärtlichere Neigung meines Herzens ersetzte . Lieben sollte dieses Herz nie . Nachdem es Maitlands Neigung verscherzt hatte , waren Ergebenheit und Pflicht die fortan ihm geziemenden Schranken . Schüchtern , aber von Herzen , theilte ich die allgemeine Freude und half bei der allgemeinen Thätigkeit , die Heinrichs Ankunft im Schlosse verbreitete . Jede Hausmagd wollte sein Zimmer putzen , die Spinnerinnen besangen bei dem Schnurren ihrer Spindeln in selbst erfundnen Liedern seine Rückkehr . Die Knechte schossen Rehböcke , Rothwild und Auerhähne genug , um eine hungrige Einquartierung zu speisen . Charlottens Amme erzählte mir zahllose Züge aus Heinrichs Kindheit , die blinde Strickerin rühmte mit Salbung , wie er sie die Wiese entlang zu dem Tanzplatz geführt - nur Robert Goraich , Cecile ' s unglücklicher Liebhaber , war der Einzige , dessen Freude sich nicht in fröhlichem Taumel verkündigte . Bei einer einsamen Wanderung , wie ich sie so gern in der Nähe des Hauses machte , setzte ich mich einst auf einen meiner Lieblingsplätze , einen Felsen , der über dem See hing , und träumte von einem fantastischen Freundschaftsbund , der noch einst zwischen Charlotte , Maitland , Heinrich und mir bestehen könnte ; da sah ich den armen Robert daherkommen , dem Heinrichs alter Klepper so vertraulich wie ein Hund folgte . Er blieb mir gegenüber stehen , sah mir mit ernster Freundlichkeit ins Gesicht und sagte leise : » Sie sagen , Ihr wäret ihm bestimmt ; so möge Gott Euer Antlitz erfreuen ! nehmt ihn in Frieden ! « - Robert war nicht der Erste in Glen Eredine , der mir diese Zukunft prophezeite . Aber heute traf mich diese Rede so