Zukunft besorgt zu seyn . So lange Gabrielens Gemahl in England verweilte , setzte sie die eingezogene Lebensweise fort . Gewohnheit hatte sie ihr täglich werther gemacht und bei Moritzens Heimkehr überraschten diesen überall Beweise ihres unermüdeten , stillen , wohlgeordneten Wirkens . Was er noch von seiner ehemaligen Eifersüchtelei beibehalten haben mochte , verschwand , wie Eis an der Sonne , vor dem ruhigen Blick und der über das ganze Wesen der schönen Frau ergossenen Würde , mit der sie freundlich , doch nicht heuchelnd ihm entgegen trat und ihn willkommen hieß . Die englische Manie hatte er ohnehin in England verloren , er kehrte heim , fest entschlossen , einen neuen Lebensplan zu ergreifen ; nur schwankte er noch in der Wahl desselben , als bei Gabrielens Anblick ihn ein freudiger Uebermuth ergriff . Er fühlte plötzlich eine Art von Sehnsucht , vor aller Welt mit dem Glück glänzen zu können , dessen eigentlichen Werth zu würdigen er doch weit entfernt war . Sein alter Hang , von einem Extrem zum andern zu eilen , ward mächtiger in ihm als je zuvor , und er , der noch vor kurzem sogar den Sonnenstrahlen den Anblick seiner Gemahlin gern verwehrt hätte , begann jetzt sehr ernstlich darauf zu denken , wie er sie bereden könne , den kommenden Winter in Paris , mitten im Strudel der großen Welt mit ihm zu verleben . Alle seine Gespräche gingen von nun an einzig darauf hinaus , ihren Widerwillen gegen eine solche Veränderung ihres Wohnorts zu bekämpfen , und je inniger sie an ihrer Einsamkeit zu hängen schien , je eifriger bezeigte er sich , sie ihr zu entreißen und sie den rauschendsten Vergnügungen wieder zuzuführen . Inzwischen wurde Herr von Aarheim in England nicht nur der englischen Lebensweise untreu , sondern auch seiner neuern Leidenschaft der Sternkunde . Der Landwirthschaft mochte er sich nicht wieder zuwenden , und so schwebte er wirklich vakant , wie nach einem alten Glauben die Seelen der ungetauft gestorbenen Kinder , zwischen Himmel und Erde , in tödtlicher Langerweile , welche das ewige Disputiren mit Gabrielen über ihren künftigen Winteraufenthalt doch nicht ganz zu bannen vermochte . Ein Zufall brachte ihn endlich auf den Gedanken , die Sorge für Requisitionen , Einquartirungen und andere Kriegsübel , welche mit jedem Tage in der Gegend sich häuften , in eigner Person zu übernehmen , und darin einen Zeitvertreib zu suchen . Wie durch ein Wunderwerk , lag bis jetzt sein Schloß , gleich einer glücklichen Insel , mitten in einem stürmischen Meer . Gabriele , welche die Gränzen der nächsten Umgebungen ihrer Wohnung selten zu überschreiten pflegte , hatte noch nie einen der Feinde erblickt , die ringsum , wenn gleich nicht den Krieg selbst , doch manches Unheil und manche der Unruhen herbeiführten , welche diesen zu begleiten pflegen . Sie verdankte diese Schonung den wohlgetroffenen Maaßregeln ihres Wirthschaftsinspektors , der als Elsasser der französischen Sprache kundig genug war , um jede Verhandlung übernehmen zu können , welche das Ausheben der Konscribirten , der Durchmarsch der Armeen und ähnliche Kriegslasten nothwendig machten . Er hatte überdem ein sehr artiges Jagdhaus zum Empfang der Einquartirungen einrichten lassen , es lag nahe am Schlosse , doch außer dem Gesichtskreis desselben . Dort nahm er einstweilen selbst seine Wohnung und wußte bald durch freundliches Zuvorkommen , bald durch ernstes , gefaßtes Betragen jeden Unfug abzuwenden , welchen der Uebermuth der ungeladenen Gäste hätte stiften können . Herr von Aarheim , seiner alten Weise getreu , alles besser wissen zu wollen , war weit davon entfernt zu begreifen , wie nützlich diese Einrichtung ihm bis jetzt gewesen sey . Unter dem Vorwande , daß die Gegenwart des Inspektors anderswo nöthiger wäre , vertrieb er diesen aus dem Jagdschlosse , schlug dann selbst seine Wohnung darin auf und schuf sich ein eigenes System zur Erleichterung der Kriegslasten , sowohl für die Armee als den Landeigenthümer . Dieses mochte seltsam genug ausgefallen seyn , wenigstens war niemand mit den neuen Einrichtungen zufrieden , deren Ausführung Herr von Aarheim persönlich übernahm , und Unmuth und Streit traten an die Stelle des ehemaligen gegenseitig guten Vernehmens . Endlich kam es sogar so weit , daß Gabriele durch ihr plötzliches Dazwischentreten ihren Gemahl einst von Mißhandlungen retten mußte , die er anfangs durch Knickerei und Uebermuth , dann durch feiges , ängstliches Betragen sich selbst zugezogen hatte . Ihre unerwartete glänzende Erscheinung machte zwar aller Fehde gleich ein Ende , und Moritz war herzlich froh , seine Persönlichkeit unverletzt gerettet zu sehen , aber ihn überlief dabei doch wieder ein kleiner eifersüchtelnder Schauer . Um den neugestifteten Frieden dauerhaft zu gründen , sah Gabriele sich genöthigt , die fremden Offiziere jetzt in das Schloß selbst einzuladen . Sie folgten ihr mit allen Zeichen der höchsten Verehrung , kamen mit aller Galanterie ihrer Nation jedem Winke der schönen Frau zuvor , leisteten anscheinend jeder ihrer Aeußerungen den pünktlichsten Gehorsam , fanden es aber auch zugleich höchst nöthig , das Schloß des Herrn von Aarheim zum Mittelpunkt zu machen , von wo aus sie ihre Geschäfte in der Umgegend dirigirten und alle ihre Anstalten deuteten auf einen recht langen Aufenthalt in demselben . Moritz war zu feig , um gegen diese Einrichtung etwas einzuwenden , aber ihm war dennoch gar nicht wohl dabei zu Muthe . Vor allem quälte seine arme schwache Seele sich mit der Furcht , daß Gabriele bei dieser Gelegenheit sich leicht eine Herrschaft über ihren Gemahl anmaßen könne , welche in ruhigern Zeiten ihr wieder zu entreißen ihm schwer werden möchte . Unfähig , länger diese Besorgnisse zu tragen , kam er endlich auf den Gedanken , ihr , die er jetzt nicht mehr nach Paris zu führen verlangte , einen Besuch bei der Frau von Willnangen vorzuschlagen . Eine freudige Aufwallung färbte zum erstenmal seit langer Zeit Gabrielens Wangen und ihre Augen leuchteten vor Entzücken , als sie diesen Vorschlag vernahm . Dankbar ergriff sie ihn ; mit der gewohnten ruhigen Einsamkeit hatte der Aufenthalt am Rhein ohnehin seinen höchsten Reiz für sie verloren ; die Anstalten zur Reise wurden daher so schnell als möglich getroffen , das Gut der Barmherzigkeit des Himmels und der Aufsicht des treuen Inspektors empfohlen , und kurze Zeit darauf feierte Gabriele im Arme ihrer Freundinnen eine höchst selige Stunde des Wiedersehens . Nicht in der Stadt , in welcher Frau von Willnangen früher lebte und wo Ottokars Bild Gabrielen auf jedem Schritt entgegen getreten wäre , wurde dieses Wiedersehen gefeiert . Die Gestaltung der Zeit , welche Gabrielen von den schönen Ufern des Rheins verbannte , hatte auch ihre Freundin bewogen , sich mit ihren Kindern auf das Gut des Generals Lichtenfels zurückzuziehen , und Ernesto den dringenden Bitten , seine Freunde zu begleiten , nicht widerstehen können . So lebten alle auf dem schönen Schlosse im fröhlichsten Verein , doch nicht wie sonst in rauschenden Festen . Mit freudestrahlendem Blicke , wenn gleich noch ein wenig bleich , hielt Auguste von dem Sopha , auf welchem sie ruhte , eine kleine , wenige Tage alte Gabriele der Freundin auf ihrem Arme entgegen . Neben ihr lag ein funfzehn Monate älterer rosenwangiger Adelbert und jauchzte laut im lustigen Spiel mit dem Vater . Ein einziger Blick auf die häuslich frohe Gruppe verkündete Gabrielen das stille Glück dieser Menschen . Und als nun Auguste , nach dem ersten freudigen Verstummen des Wiedersehens , mit froher Redseligkeit die Aehnlichkeit der kleinen Gabriele mit der großen zu beweisen suchte , als Adelbert seinen Knaben tanzen , lachen und einzelne Töne stammeln ließ , um Gabrielen alle erstaunenswürdige Künste desselben gleich in der ersten Stunde zu zeigen , da perlte eine helle Thräne Gabrielen im Auge und ein leiser Seufzer hob langsam ihren Busen , an welchen sie Augusten fester drückte . Mitleidig betrachtete Frau von Willnangen ihre Gabriele in diesem Moment , doch bald erglühte sie fast zornig bei Moritzens Eintritt , der gleich nach der ersten Begrüßung die Kleidung der Kinder zu untersuchen und zu tadeln begann , dann eine lange Rede über die neuesten Arten derselben hielt , welcher niemand zuhören mochte . Zuletzt verlangte er , alle in das Schloß gehörende Hunde zu sehen , um einen heraus zu finden , der Genie genug besäße zu lernen , wie er vermittelst eines Rades die Wiege des Neugeborenen in Bewegung setzen könne . » Er ist noch wie sonst ! « seufzte Ernesto leise vor sich hin und hütete sich schonend , Gabrielens Blicken zu begegnen . Keine Sylbe über ihr gegenwärtiges Verhältniß , viel weniger eine Klage entschlüpfte beim längern Beisammenseyn Gabrielens Lippen , selbst im vertrautesten Gespräch mit ihren Freunden . Nur überflog zuweilen ein dunkleres Roth ihre Wangen , wenn Herrn von Aarheims Eigenheiten in zu grellem Lichte sich zeigten , und ihre Worte folgten dann schneller wie gewöhnlich auf einander , in dem Bestreben , dem Gespräche , in welchem er zu unvortheilhaft erschien , eine andere Wendung zu geben . Selten mißlang ihr dieses und ihre Freunde fühlten sich oft bewogen es zu bewundern , wie künstlich sie dann gerade die wenigen Gegenstände zur Sprache zu bringen wußte , über welche ihr Gemahl mit erträglicher Sachkenntniß sich zu äußern fähig war . Uebrigens erschien sie ihnen in ihrem ganzen Betragen völlig unverändert , obgleich alle die Unmöglichkeit fühlten , zu fragen , was sie nicht von selbst gestand und was alle sich doch sehnten zu erfahren . Nicht weil sie in geheimnißvolles Dunkel sich hüllte , verloren ihre Freunde den Muth dazu , sondern im Gegentheil , weil ihr ganzes Wesen so krystallhell vor ihnen stand , daß man keine Nachforschung wagen mochte , um es nicht zu trüben . Endlich brach Gabriele selbst zuerst dieses Schweigen . Es war an einem jener dunkelhellen warmen Herbstabende , wo alles zur wehmüthigen Feier einer lieben Vergangenheit uns auffordert . Langsam , von keinem Lüftchen berührt , sinken die purpurfarbenen und goldenen Blätter einzeln von den Bäumen herab und ein seltsames Rauschen flüstert in den Wipfeln , während unten auf der Erde die tiefste Stille herrscht . Die Menschen rücken dann näher zusammen und haben einander lieber als sonst , denn alle fühlen ahnungsvoll die Gewißheit des vielleicht nahen Scheidens und der Vergänglichkeit aller Blüthe und aller Pracht . Gabriele , Frau von Willnangen , Auguste und Ernesto saßen in der Dämmerung allein unter den Säulen vor dem Hause . Der General und Adelbert hatten mit dem überlästigen Moritz schon am frühen Morgen zu einer Jagdparthie sich begeben , wie sie oft thaten , um den Frauen ein ungestörtes Beisammenseyn zu gewähren . Vieles aus der Vergangenheit war unter den Daheimgebliebenen schon den Tag über leise zur Sprache gekommen und aller Gemüth weicher gestimmt . Da fragte Gabriele plötzlich wie an jenem verhängnißvollen Abend vor ihrer Vermählung : » Ernesto ! haben Sie keine Briefe aus Rom ? Weiß Ottokar , welchen Gang das Geschick mit mir nahm ? « setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu . » Er weiß es , er nimmt Theil an Gabrielen , wie Gabriele an ihm . In wenigen Jahren , vielleicht noch früher , hofft er uns alle wiedersehen zu dürfen , « erwiderte Ernesto in einiger Bewegung über die unerwartete Frage . Doch fuhr er bald mit festerer Stimme fort , von Ottokars Lage zu sprechen , und von dem Einflusse des gegenwärtigen Ganges der Welt auf diese . Er erzählte , wie Ottokar fortwährend in Rom lebe ; doch , für den Augenblick fern von allen öffentlichen Geschäften und Verbindungen ; wie er seine Zeit einzig seiner Neigung zur Kunst widme und der fröhlichen Sorge für einen lieblichen Knaben , seinem einzigen Kinde . Die sichtbare Bewegung , in welche Gabriele bei dieser Nachricht gerieth , bestimmte Frau von Willnangen , eine Frage nach Aurelien hinzuwerfen , um ihrer jungen Freundin Zeit zu geben , sich zu fassen . » Aurelia , « erwiderte Ernesto , » ist ihrem Gemahl als Mutter seines Sohnes viel werther geworden , ohne daß er deßhalb größere Ansprüche an sie machte . Er erlaubt ihr gern , ihren Launen zu folgen , ihren Aufenthalt nach Belieben zu wählen , wenn sie nur zuweilen zu ihm zurückkehrt . Dieses thut sie und ist dann freundlich und angenehm , da sie bei Ottokar keinen Widerspruch antrifft . Im übrigen ist sie sich völlig gleich geblieben . Sie erklärt Rom für ein weites ödes Grab , in dem die Gespenster füglich bei hellem Tage herumwandeln könnten , und behauptet , die Lüneburger Haide sey in Anmuth der römischen Campagna bei weitem vorzuziehen . Deshalb lebt sie bald in Neapel , bald in Florenz oder Venedig . Einen Sommer brachte sie in der Schweiz zu , einen Winter in Paris , wo die Gräfin Rosenberg nach einem kurzen Besuch in Deutschland , sich für immer niedergelassen zu haben scheint . « Es ward noch vieles über Ottokars Leben in Rom gesprochen , von welchem Ernesto manche angenehme Einzelheiten zu erzählen wußte . Im fernern Laufe des Gesprächs bemerkte Frau von Willnangen bedauernd , wie wenig Aurelia doch eigentlich beitrage , dieses Leben zu verschönern . » Sie irren , theure Frau , « erwiderte schnell Gabriele , » oder vielmehr Sie vergessen , wie liebenswürdig Aurelia erscheinen kann , sobald sie es will , und bei Ottokar , diesem nachsichtigsten aller Menschen , muß sie immer es wollen . Gewiß bemerkt er ihre kleinen Schwächen nur , um durch sie ihr Freude zu bereiten und ist dann zwiefach glücklich in ihrem Ergötzen . « Alle hefteten bei diesen Worten aufmerksam und gerührt den Blick auf Gabrielen . Sie bemerkte es und fuhr mit glänzenden Augen weiter fort . » Ich danke Gott , daß keine neidische Regung je in meinem Gemüthe Raum fand ; auch danke ich Ihnen , Ernesto , daß Sie das freundliche Bild Ottokars mit seinem Knaben mir zum Troste hinstellten an meinen einsamen Lebenspfad , dessen einziger Schmuck Mitgefühl ist und Erinnerung . Jetzt weiß ich , daß alles , was ich je liebte , glücklich ist , dort oben oder hier . Um mich her hat der Sturm ausgetobt , es ist und bleibt jetzt stille . Was kann ich mehr wollen ? In meinem Gemüth regt sich kein Wunsch zu einem andern Glück , ich glaube sogar , daß ich keines andern fähig wäre , selbst nicht an Ottokars Seite . Darum bitte ich Euch alle , meine Lieben ! seyd in Zukunft ruhig um mich ; ich wandle zwar einsam meinen Pfad , aber ich blicke von ihm in die hellerleuchteten Häuser meiner Freunde in Rom und hier , und auch dort hinauf , « sprach sie mit einem zu dem eben aufgehenden Abendstern gehobenen Blicke . » Und so , « fuhr sie nach einer kleinen Pause fort , » und so fühle ich mich weder allein , noch betrübt und verlassen . « Ruhe des Himmels leuchtete bei diesen Worten aus Gabrielens Zügen und alle fühlten sich näher zu ihr hingezogen . Auguste schmiegte mit ihrem Knaben sich an sie , während Frau von Willnangen unter Thränen sie umarmte und Ernesto ihre Hand ergriff und liebend und bewundernd mit glänzenden Augen sie betrachtete . Moritzens lärmende Ankunft scheuchte die Gruppe auseinander , seine Stirne umwölkte sich , so wie er sie erblickte und noch am nehmlichen Abend kündigte er den dritten Tag nach diesem als den zur Abreise unwiderruflich bestimmten an . Es war nicht Eifersucht , was zu diesem plötzlichen Entschluß ihn bewog , aber er vermochte es nicht , die bittere Empfindung niederzukämpfen , welche sich allemal seiner bemächtigte , wenn er Gabrielen im kleinen stillen Kreise ihrer Freunde erblickte , in Liebe sie umfassend und von ihnen umfangen . Ein dumpfes Bewußtseyn , wie fremd und fern er selbst ihr bleiben müsse , obgleich es ihm vergönnt war , sie die Seine zu nennen , regte ihn stets zu einer Art Ingrimm gegen diese Freunde auf , und unerachtet der Gefälligkeit und Güte , mit der man ihm entgegenkam , ergriff er freudig die erste Veranlassung , ihnen mit Gabrielen zu entfliehen . Am Morgen ihrer Abreise stand Ernesto vor dem Schlosse , unter den nehmlichen Säulen , wo sie vor zwei Abenden noch alle im herzlichen Vereine versammelt waren . Sinnend blickte er dem Wagen nach , in welchem Moritz , triumfirend über Gabrielens Freunde , sie ihnen entführte , bis auch die letzte Staubwolke seinem Blick entschwand . Dann wandte er sich , schmerzlich aufseufzend , und gewahrte dicht neben sich Frau von Willnangen , die forschend ihn betrachtete . » Sie sind betrübt , « sprach sie , » und ich bin es mit Ihnen , denn seit ich Gabrielens liebe Gestalt in diesen Räumen einmal erblickte , werde ich sie immer um so schmerzlicher vermissen . Da wir aber scheiden mußten , so gereicht es mir doch zum Troste , daß sie nicht mehr allein mit dem langweiligsten Narren der Welt in jenem alten Raubschloß am Rhein hausen wird . Sie geht , wenn gleich nicht einer glücklichen , doch einer heiterern Existenz entgegen , wie ihre Jugend sie fordert . Sie scheinen meiner Meinung nicht zu seyn , Ernesto ? Sie der Geselligste , Lebensfrohste unter uns . Ich glaube fast , Sie fürchten den Eindruck , welchen die Vergnügungen der Residenz auf Gabrielen machen könnten , und ich gestehe es Ihnen , ich begreife weder Sie noch Ihre Sorgen . Was kann die große Welt einem so erprobten Gemüthe , wie das von Gabrielen ist , anhaben ? Ach ! leider wissen wir es ja , es giebt für sie weder Hoffnung noch Gefahr ; der kurze Frühling meines armen Kindes ist dahin und wird nie wieder erwachen . « Schweigend stand Ernesto eine Weile da , dann nahm er , nach seiner gewohnten Art , zu einem Gleichniß seine Zuflucht . » Hörten Sie nie , « sprach er zu seiner Freundin , » hörten Sie nie von jenem Baume , dessen beim ersten warmen Frühlingshauch erscheinende Blüthen mit allen Wundern des frühen Lenzes sich befreunden ? mit Schneeglöckchen und Krokus , mit Himmelsschlüsseln und Veilchen , und dann verschwinden , wenn die Sonne höher steigt ? Der Sommer findet von ihnen keine Spur mehr , aber neue Blüthen entstehen dann an der Stelle der Verschwundenen , sie sind weniger glänzend , werden aber zu Früchten , zu süßen oder herben , je nachdem Sonne und Zeit dem Baum es gewähren , der so , nach dem gauckelnden Spiele seines Frühlings , die Bestimmung seines Daseyns erreicht . « » Das Bild nimmt sich recht artig aus , « erwiderte Frau von Willnangen , » aber entweder ist das Gleichniß unpassend oder ich verstehe es eben so wenig als Ihre jetzige Sorge . Sie selbst verwiesen mich ja tröstend auf Gabrielens Liebe zu Ottokar , Sie nannten sie den Schutzgeist , welcher durch die Wüsten und Steppen ihres Lebenspfades sie begleiten würde . Wie haben Sie denn nun plötzlich diesen Glauben verloren ? Was fürchten Sie für Gabrielens Ruhe , selbst wenn Zeit und Entfernung ihr Gefühl für Ottokar gemildert hätten ? Kann man denn zweimal lieben , wie Ihr Gleichniß es andeuten zu wollen scheint ? und wenn Andere es könnten , kann es ein Wesen wie Gabriele ? « » Nein ! warlich nein ! « rief Ernesto . » Ward Ottokar einst wahrhaft geliebt von Gabrielen , so liebt sie ihn bis zum letzten Hauch ihres Lebens , und ist durch diese reine Liebe gesichert gegen Schmerz und Reue . Aber so sehr ich auch dagegen mich sträube , immer von neuem ergreift mich der Gedanke , den ich früher nur leise anzudeuten wagte , daß dieß Gefühl für Ottokar nur des erwachenden geistigen Lebens erstes jugendliches Sich-Loswinden aus den Banden der Kindheit war . Was wir in früher Jugend die erste Liebe nennen , ist es selten , oder nie . Ist doch auch die Morgenröthe , in aller ihrer Pracht , noch nicht die Sonne , welche unsern ganzen Lebenstag erleuchten und erwärmen soll . « Vergebens bestritt Frau von Willnangen diesen Gedanken Ernestos mit allen Gründen , welche ihr Herz und ihr Verstand ihr nur anzugeben vermochten . » Blicken Sie um sich « erwiderte er ihr , » wie viele der zum Glück nicht zahlreichen Ehen , welche einer sogenannten ersten Liebe ihr Daseyn verdankten , sind wahrhaft glücklich zu nennen ? Könnte dieß seyn , wie es denn unleugbar ist , wenn nicht hier Täuschung , Mißverstehen seiner selbst so leicht , ja fast unausweichbar wären ? Lassen Sie es uns zum trüben Trost dienen , daß Gabriele vielleicht in Zukunft nicht glücklicher geworden wäre als sie jetzt es ist , wenn ein anscheinend günstigeres Geschick sie an Aureliens Platz gestellt hätte . Ich verkenne nicht Ottokars seltnen Werth , aber die Strahlenglorie mußte im Laufe des Lebens vor Gabrielens Blick dennoch schwinden , mit der sie selbst sein geliebtes Haupt sich zur Anbetung schmückte . Und wenn sie nun vollends vor dem mächtigern Glanz einer höhern , Gabrielen näher verwandten Erscheinung hätte erbleichen müssen ? und wenn nun diese Erscheinung ihr jetzt auf ihrem neuen Pfade begegnete ? Ach ! Frau von Willnangen , ich bin nicht Herr über die bange Vorempfindung , welche mich ergreift ! Warum , warum , mußte Gabriele ihrer sichern Einsamkeit entrissen werden ? ! « Gabriele verlebte von nun an einige Jahre , getrennt von ihren Freunden , den Winter in einer großen lebensreichen Residenz , den Sommer in den besuchtesten Bädern . Sobald Moritzens verschrobner Sinn nur den Gedanken aufgefaßt hatte , daß alle Huldigungen , welche die Gesellschaft seiner Gemahlin darbringen mochte , auf ihn zurückfallen müßten , daß jeder ihrer Verehrer nur seinen Triumfzug verherrlichen könne , weil sie ihm allein angehöre , so hatte er weder Ruhe noch Rast , bis er Gabrielen auf eine Höhe gestellt hatte , von der sie seiner Ueberzeugung nach alles überstrahlen mußte . Ueberall , wo er länger sich aufhielt , war es seine erste Sorge , ein großes glänzendes Haus einzurichten . Gabriele mußte die Honneurs desselben machen , und Moritz tanzte vor Freude und rieb sich die Hände wund , wenn ihre Vorzüge recht blendend hervortraten . In allen Sprachen posaunte er das Lob seiner Frau , sogar in ihrem Beiseyn , ohne es zu achten , daß die peinlichste Verlegenheit sie in solchen Momenten fast zu Boden drückte . Alles Bitten und Ermahnen von ihrer Seite war an dem eitlen Thoren verschwendet , er blieb bei seiner Weise mit all dem starren Eigensinn eines beschränkten Geistes , und Gabriele fand endlich keinen andern Ausweg , als dem Willen ihres Gemahls zu folgen und nur dabei durch noch einfachere Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit den verhaßten Schein eitler Gefallsucht von sich abzuwenden . Es gelang ihr ; sogar die Frauen haßten sie nicht , während alle Männer ihr huldigten und ihr Talent für die Welt bildete sich immer glänzender aus , je länger sie in dieser lebte . Von jener Blödigkeit , mit der sie im Hause der Tante erschien , konnte nicht die Rede seyn , noch weniger aber von jenem dreisten Blick , jenem arroganten Auftreten , die so oft die Stelle früher übertriebener Zurückgezogenheit ausfüllen . In kleinen gewählten Zirkeln wußte Gabriele durch ihr Gespräch mit der hinreißendsten Grazie die Aufmerksamkeit zu fesseln , doch besonders liebenswürdig war sie wenn sie erzählte ; dann lauschte ihr jedes Ohr und Aller Blicke hingen an dem lebendigen Ausdrucke des schönen Gesichts . Aber sie wußte auch ihre glänzenderen Talente vor der Menge geltend zu machen , sobald es erforderlich war . Sie sang , spielte , tanzte , erschien sogar auf Privatbühnen , gewöhnlich weil Herr von Aarheim es wollte , zuweilen aber auch aus wahrer Lust an dem fröhlichen geselligen Treiben , das ihr die Tage ihres frühern Zusammenlebens mit Ottokarn zurückrief . Moritz genoß bei alle diesem die Gewißheit , der Gemahl der brillantesten Frau in der Residenz zu seyn , mit dem aller behaglichsten Gefühl , während Gabriele da stand , als ahne sie nichts von der Höhe , zu welcher die allgemeine Bewunderung sie erhob . Auch wagte es niemand , sie unbescheiden darauf aufmerksam zu machen . Bei aller Frische des Jugendglanzes , der sie umstrahlte , gab die seltene Würde ihres Anstandes ihr etwas matronenhaftes , und so wie man in ihrem sechszehnten Jahr sie überall für noch weit jünger ansah , so schien jedermann jetzt in ihrem vier und zwanzigsten Jahre geneigt , sie für älter zu halten als sie war . Oder vielmehr , man dachte weder an Alter noch Jugend bei der nicht weniger Achtung als Liebe einflößenden Erscheinung , für die es , wie für die himmlischen , keine Zeitrechnung zu geben schien . Der Winter war vorüber , überall zeigten sich schon die ersten Vorboten des Frühlings . Bei der Unmöglichkeit , den vielfältigen Einladungen des Generals Lichtenfels schicklicher Weise länger auszuweichen , hatte sich Moritz endlich entschlossen , mit Gabrielen den Besuch auf dem Landgute desselben zu wiederholen , als Gabrielens Tante , die Gräfin Rosenberg , ganz unerwartet in der Residenz eintraf . Napoleons weit aussehende Plane vertrieben sie aus Paris , indem sie letzteres verödeten . In ihrem ehemaligen Wohnorte fand sie ihr Haus von fremden Gästen eingenommen und ihre ehemaligen Zirkel zerstört . Beinah alle ihre Bekannten waren ausgewandert und ihr blieb also keine andere Wahl , als sich einstweilen in einer Stadt niederzulassen , die ihr , bei allen Annehmlichkeiten des geselligen Lebens , die vollkommenste Ruhe und Sicherheit bot . Die Wahl einer Wohnung , in welcher sie im gewohnten Glanze auftreten konnte , war gleich nach ihrer Ankunft in der Residenz die erste Sorge der Gräfin gewesen ; ihr zweiter Wunsch war , sich bei Hofe und in der Gesellschaft auf eine auszeichnende Weise eingeführt zu sehen . Rang und Reichthum , diese mächtigsten Talismane auf Erden , verhalfen ihr zu beiden in unglaublich kurzer Zeit , und kaum waren vierzehn Tage verstrichen , als sich schon in einem der schönsten Hotels alles , was nur auf Eleganz , Ton und Talent Anspruch machte , um sie und ihre Begleiterin , die junge , schöne Markise d ' Aubincourt versammelte . Von Paris aus , wo sie einander kennen lernten , waren diese beiden Damen unzertrennliche Reisegefährtinnen geblieben und gedachten jetzt mit vereinten Kräften ein glänzendes Haus zu bilden , das bei ihrem Vermögen und ihren Talenten alle andern in der Residenz zu verdunkeln drohte . Gegenseitiges Bedürfen hatte gar bald das lockere Band bloßer Bekanntschaft enger zusammengezogen , welches anfangs die Gräfin und die Markise vereinte . Es ward eine jener Liaisons daraus , wie die Welt deren so manche aufzuweisen hat . Sie mit dem Namen der Freundschaft zu bezeichnen , wäre Entweihung . Es kann weder von Liebe noch Achtung bei diesen Vereinen die Rede seyn , aber sie trotzen doch oft Jahre lang manchem Stoße von außen , ja selbst der langsam auflösenden Gewalt der Zeit , und erhalten dadurch bei aller ihrer Frivolität einen Anstrich von Ehrwürdigkeit , den sie mit allem Dauernden gemein haben . Die Gräfin hatte bei ihrer Rückkehr aus Rom nach Deutschland , und auch später in Paris es sich nicht verbergen können , wie sie , unerachtet aller ihrer noch immer anerkannten geselligen Vorzüge , dennoch mit Aurelien einen großen Theil jener Zaubermacht verloren habe , durch welche sie sonst alles in ihre Nähe zog und fest bannte . Ihr feiner Takt kam ihr bei dieser Entdeckung mächtig zu Statten , und weit entfernt , sich durch dieselbe gedehmüthiget zu fühlen , suchte sie von der nehmlichen Stunde an , wo sie solche gemacht hatte , nach einem Wesen , das fähig war , jene Lücke in ihrer Umgebung auszufüllen . Die Markise d ' Aubincourt , eine junge , blendend schöne Frau , war in Paris zur nehmlichen Zeit ebenfalls aus ihrer gewohnten Sphäre getrieben ; ihr Gemahl mußte sie verlassen , um seinem Kaiser in weit entfernte Länder zu folgen , und da die französische Sitte die strengste Wächterin des äußern Scheines ist , so blieb ihr bei ihrer Jugend keine andere Wahl , als sich entweder während der Abwesenheit des Markis der Welt gänzlich zu entziehen , oder sich unter den Schutz einer ältern Frau von Rang und unbescholtenem Ruf zu begeben , in deren Begleitung es ihr allerdings erlaubt war , überall öffentlich zu erscheinen . Was konnte daher diesen beiden Damen wohl erwünschteres kommen , als ihr Zusammentreffen zur Zeit gegenseitiger , völlig ähnlicher Noth ? Der Bund zwischen ihnen war bald geschlossen , und da späterhin Langeweile beide aus Paris vertrieb , so erwarb die Markise noch den Anstrich einer exemplarischen Treue , indem sie sich den Mühseligkeiten der langen Reise aussetzte , einzig , um , wie sie versicherte , ihrem bei den Eisbären hausenden Gemahle in Deutschland näher zu seyn . In allen Zirkeln , aus Aller Munde vernahmen die Gräfin und die Markise , so bald sie ein wenig einheimisch geworden waren , den Namen Gabriele von Aarheim , überall erscholl ihr Lob , Männer und Frauen klagten über ihre Abwesenheit . Die Markise begann die Deutschen etwas langweilig zu finden , welche in Gegenwart einer schönen Frau es wagten , einer zweiten auf diese Weise zu erwähnen , während die Gräfin die ganze Familie Aarheim in ihrem Gedächtniß die Revue passiren ließ , um diese berühmte Gabriele aufzufinden . » Unmöglich , « sprach sie sehr bedenklich , » unmöglich kann es meine kleine Nichte mit dem blassen Mondscheinsgesichte seyn ! In seinem sechzehnten Jahre wußte das arme Kind kaum drei zu zählen , so entwickelt kann sie sich nicht haben , und doch giebt es meines Wissens keine andere Gabriele in meiner Familie . Vor fünf bis sechs Jahren ward mir die Nachricht ihrer Vermählung mit dem halbverrückten Erben