Geiersteins - noch einmal breite ich die Arme aus wie Adlersflügel , mich dort hinzuschwingen , wo ein süßer Zauber waltete , wo jene Liebe , die nicht in Raum und Zeit bedingt , die ewig ist wie der Weltgeist , mir aufging in den ahnungsvollen Himmelstönen , die die dürstende Sehnsucht selbst sind und das Verlangen ! - Ich weiß es , dicht vor meiner Nase setzt sich ein Teufelskerl von hungrigem Opponenten hin , der nur opponiert des indischen Gerstenbrots halber , und fragt mich höhnisch , ob es möglich sei , daß ein Ton dunkelblaue Augen haben könne . Ich führe den bündigsten Beweis , daß der Ton eigentlich auch ein Blick sei , der aus einer Lichtwelt durch zerrissene Wolkenschleier hinabstrahle ; der Opponent geht aber weiter und frägt nach Stirn , nach Haar , nach Mund und Lippen , nach Armen , Händen , Füßen und zweifelt durchaus mit hämischem Lächeln , daß ein bloßer purer Ton mit diesem allem begabt sein könne . - O Gott , ich weiß , was der Schlingel meint , nämlich nichts weiter , als daß , solange ich ein glebae adscriptus sei , wie er und die übrigen , solange wir alle nicht bloß Sonnenstrahlen fräßen und uns manchmal noch auf einen andern Stuhl setzen müßten als auf den Lehrstuhl , es mit jener ewigen Sehnsucht , die nichts will als sich selbst und von der jeder Narr zu schwatzen weiß - Meister ! ich wünschte nicht , daß Ihr auf die Seite des hungrigen Opponenten trätet - es würde mir unangenehm sein . - Und sagt selbst , könnte Euch wohl eine einzige vernünftige Ursache dazu treiben ? - hab ' ich jemals Hang gezeigt zu trister Sekundanernarrheit ? - Ja , hab ' ich , zu reifen Jahren gekommen , mich nicht stets nüchtern zu erhalten gewußt , hab ' ich etwa jemals gewünscht , ein Handschuh zu sein , bloß um Julias Wange zu küssen , wie Vetter Romeo ? - Glaubt es nur , Meister , die Leute mögen auch sagen , was sie wollen , im Kopf trag ' ich nichts als Noten und im Gemüt und Herzen die Klänge dazu , denn , alle Teufel ! wie sollt ich sonst imstande sein , solche manierliche , bündige Kirchenstücke zu setzen , als die Vesper es ist , die da eben vollendet auf dem Pulte liegt . - Doch - schon wieder war es um die Historie geschehen - ich erzähle weiter . Aus der Ferne vernahm ich den Gesang einer kräftigen Männerstimme , der sich immer mehr und mehr näherte . Bald gewahrte ich denn auch einen Benediktiner-Geistlichen , der , auf dem Fußsteig unterwärts fortwandelnd , einen lateinischen Hymnus sang . Nicht weit von meinem Platze stand er still , hielt inne mit dem Singen und schaute , indem er den breiten Reisehut vom Kopfe nahm und sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirne trocknete , in der Gegend umher , dann verschwand er ins Gebüsch . Mir kam die Lust an , mich zu ihm zu gesellen , der Mann war mehr als wohlgenährt , die Sonne brannte stärker und stärker , und so konnt ' ich wohl denken , daß er ein Ruheplätzchen gesucht haben würde im Schatten . Ich hatte mich nicht geirrt , denn in das Gebüsch tretend , erblickte ich den ehrwürdigen Herrn , der sich auf einen dick bemoosten Stein niedergelassen hatte . Ein höheres Felsstück dicht daneben diente ihm zum Tisch ; er hatte ein weißes Tuch darüber ausgebreitet und holte eben aus dem Reisesack Brot und gebratenes Geflügel hervor , das er mit vielem Appetit zu bearbeiten begann : Sed praeter omnia bibendum quid , so rief er sich selbst zu und schenkte aus einer Korbflasche Wein ein in einen kleinen silbernen Becher , den er aus der Tasche hervorgezogen . Eben wollte er trinken , als ich mit einem Gelobt sei Jesus Christ ! zu ihm hintrat . Mit dem Becher an den Lippen schaute er auf , und ich erkannte im Augenblick meinen alten gemütlichen Freund aus der Benediktiner-Abtei zu Kanzheim , den ehrlichen Pater und Präfektus Chori Hilarius . In Ewigkeit ! stammelte Pater Hilarius , indem er mich mit weit aufgerissenen Augen starr anblickte . Ich dachte sogleich an meinen Kopfputz , der mir vielleicht ein fremdes Ansehen geben mochte , und begann : O mein sehr geliebter würdiger Freund Hilarius , haltet mich nicht für einen verlaufenen vagabundierenden Hindus , auch nicht für ein auf den Kopf gefallenes Landeskind , da ich doch nun einmal nichts anderes bin und sein will , als Euer Intimus , der Kapellmeister Johannes Kreisler ! - Beim heil ' gen Benedikt , rief Pater Hilarius freudig , ich hatte Euch gleich erkannt , herrlicher Kompositor und angenehmer Freund , aber per diem sagt mir , wo kommt Ihr her , was ist Euch geschehen , Euch , den ich mir in floribus dachte am Hofe des Großherzogs ? Ich nahm gar keinen Anstand , dem Pater kürzlich alles zu erzählen , was sich mit mir begeben , und wie ich genötigt gewesen , dem , dem es beliebt , nach mir , wie nach einem aufgestellten Ziel , Probeschüsse zu tun , meinen Stockdegen in den Leib zu stoßen , und wie besagter Zielschießer wahrscheinlich ein italienischer Prinz gewesen , der Hektor geheißen , wie mancher würdige Pirschhund . - Was nun beginnen , zurückkehren nach Sieghartsweiler oder - ratet mir , Pater Hilarius ! So schloß ich meine Erzählung . - Pater Hilarius , der manches - Hm ! - so ! - ei ! - heiliger Benedikt - dazwischen geworfen , sah jetzt vor sich nieder , murmelte : Bibamus ! und leerte den silbernen Becher auf einen Zug . Dann rief er lachend : In der Tat , Kapellmeister , der beste Rat , den ich Euch fürs erste erteilen kann , ist , daß Ihr Euch fein zu mir hersetzt und mit mir frühstückt . Ich kann Euch diese Feldhühner empfehlen , erst gestern schoß sie unser ehrwürdiger Bruder Macarius , der , wie Ihr Euch wohl erinnert , alles trifft , nur nicht die Noten in den Responsorien , und wenn Ihr den Kräuteressig vorschmeckt , mit dem sie angefeuchtet , so verdankt Ihr das der Sorgfalt des Bruders Eusebius , der sie selbst gebraten mir zu Liebe . Was aber den Wein betrifft , so ist er wert , die Zunge eines landflüchtigen Kapellmeisters zu netzen . Echter Bocksbeutel , carrissime Johannes , echter Bocksbeutel aus dem St. Johannis-Hospital zu Würzburg , den wir , unwürdige Diener des Herrn , erhalten in bester Qualität . - Ergo bibamus ! Damit schenkte er den Becher voll und reichte ihn mir hin . - Ich ließ mich nicht nötigen , ich trank und aß wie einer , der solcher Stärkung bedarf . Pater Hilarius hatte den anmutigsten Platz gewählt , um sein Frühstück einzunehmen . Ein dichtes Birkengebüsch beschattete den blumichten Rasen des Bodens , und der kristallhelle Waldbach , der über hervorragendes Gestein plätscherte , vermehrte noch die erfrischende Kühle . Die einsiedlerische Heimlichkeit des Orts erfüllte mich mit Wohlbehagen und Ruhe , und während Pater Hilarius mir von allem erzählte , was sich seit der Zeit in der Abtei begeben , wobei er nicht vergaß , seine gewöhnlichen Schwänke und sein hübsches Küchenlatein einzumischen , horchte ich auf die Stimmen des Waldes , der Gewässer , die zu mir sprachen in tröstenden Melodien . Pater Hilarius mochte mein Schweigen der bittern Sorge zuschreiben , die mir das Geschehene verursachte . Seid , begann er , indem er mir den aufs neue gefüllten Becher hinreichte , seid guten Muts , Kapellmeister ! Ihr habt Blut vergossen , das ist wahr , und Blut vergießen ist Sünde , doch distinguendum est inter et inter - Jedem ist sein Leben das liebste , er hat es nur einmal . Ihr habt das Eurige verteidigt , und das verbietet die Kirche keinesweges , wie sattsam zu erweisen , und weder unser hochwürdiger Herr Abt , noch irgendein anderer Diener des Herrn wird Euch die Absolution versagen , seid Ihr auch unversehens in fürstliche Eingeweide gefahren . - Ergo bibamus ! - Vir sapiens non te abhorrebit , Domine ! - Aber , teuerster Kreisler , kehrt Ihr zurück nach Sieghartsweiler , so wird man Euch garstig befragen über das cur , quomodo , quando , ubi , und wollt Ihr den Prinzen des mörderischen Angriffs zeihen , wird man Euch glauben ? Ibi jacet lepus in pipere ! - Aber seht , Kapellmeister , wie - doch , bibendum quid - Er leerte den vollgeschenkten Becher und fuhr dann fort : Ja , seht , Kapellmeister , wie der gute Rat kommt mit dem Bocksbeutel . - Erfahrt , daß ich mich eben zum Kloster Allerheiligen begeben wollte , um mir von dem dortigen Präfektus Chori Musik zu holen zu den nächsten Festen . Ich habe die Kasten schon zwei- , dreimal umgekehrt , es ist alles alt und verbraucht , und was die Musik betrifft , die Ihr uns komponiert habt während Eures Aufenthalts in der Abtei , ja , die ist gar schön und neu , aber - nehmt mir es nicht übel , Kapellmeister , so auf kuriose Weise gesetzt , daß man keinen Blick wenden darf von der Partitur . Will man nur ein bißchen durchs Gitter schielen nach dieser , jener hübschen Dirne unten im Schiff , gleich hat man einen Halt verfehlt oder sonst was und schlägt einen falschen Takt und schmeißt das Ganze um - Pump , da liegt ' s , und Di - di - Diedel diedel greift Bruder Jakob in die Orgeltasten ! - ad patibulum cum illis - Ich durfte also - doch bibamus ! - Nachdem wir beide getrunken , floß der Strom der Rede also weiter : Desunt , die nicht da sind , und die nicht da sind , können nicht gefragt werden , ich dächte daher , Ihr wandertet sogleich mit mir zurück nach der Abtei , die , schlägt man Richtwege ein , kaum zwei Stunden von hier entfernt ist . In der Abtei seid Ihr gesichert gegen alle Nachstellungen , contra hostium insidias , ich bringe Euch hin als lebendige Musik , und Ihr bleibt da , solange es Euch gefällt , oder solange Ihr es geraten findet . Der hochwürdige Herr Abt versorgt Euch mit allem Nötigen . Ihr kleidet Euch in die feinste Wäsche und zieht das Benediktiner-Gewand darüber , das Euch sehr wohl stehen wird . Aber damit Ihr nicht unterweges ausseht , wie der Wundgeschlagene auf dem Bilde vom mitleidigen Samariter , so setzt meinen Reisehut auf , ich werde mir den Kapuschon über die Glatze ziehn . - Bibendum quid , Liebster ! Damit leerte er den Becher noch einmal , schwenkte ihn aus im nahen Waldbach , packte alles schnell in seinen Reisesack , drückte mir seinen Hut auf die Stirne und rief ganz fröhlich : Kapellmeister , wir dürfen nur ganz langsam und bequem einen Fuß vor den andern setzen und kommen doch gerade an , wenn sie läuten ad conventum , conventuales , d.h. wenn der hochwürdige Abt sich zu Tische setzt . Ihr dürft wohl denken lieber Meister , daß ich gegen den Vorschlag des fröhlichen Paters Hilarius nicht das mindeste einzuwenden hatte , daß es mir vielmehr gar willkommen sein mußte , mich an einen Ort zu begeben , der mir in so mancher Hinsicht ein wohltätiges Asyl werden konnte . Wir schritten gemächlich fort unter allerlei Gesprächen und langten so , wie Pater Hilarius es gewollt , in der Abtei an , als man gerade die Tischglocke läutete . Um vor der Hand allen Fragen zuvorzukommen , sagte Pater Hilarius dem Abt , daß , da er zufällig erfahren , wie ich mich in Sieghartsweiler aufhalte , er es vorgezogen , statt der Musik aus dem Kloster Allerheiligen , lieber den Komponisten zu holen , der ja ein ganzes unerschöpfliches Magazin von Musik in sich trage . Der Abt Chrysostomus ( mich dünkt , ich hätte Euch schon viel von ihm erzählt ) empfing mich mit jener gemütlichen Freude , die nur wahrhaft guter Gesinnung eigen , und lobte den Entschluß des Paters Hilarius ! - Seht mich nun , Meister Abraham , wie ich , umgeschaffen zum passablen Benediktinermönch , in einem hohen geräumigen Zimmer des Hauptgebäudes der Abtei sitze und emsig Vespern und Hymnen ausarbeite , ja , wie ich schon mitunter Gedanken notiere zu einem feierlichen Hochamt , wie sich die singenden und spielenden Brüder , die Chorknaben versammeln , wie ich emsig Proben halte , wie ich hinter dem Gitter des Chors dirigiere ! In der Tat , so vergraben fühle ich mich in diese Einsamkeit , daß ich mich mit Tartini vergleichen möchte , der , die Rache des Kardinals Cornaro fürchtend , in das Minoritenkloster zu Assisi floh , wo ihn endlich nach Jahren ein Paduaner entdeckte , der sich in der Kirche befand und den verlornen Freund auf dem Chore erblickte , als ein Windstoß den Vorhang , der das Orchester verhüllte , einige Augenblicke aufhob . - Es hätte Euch selbst , Meister , so mit mir gehen können wie jenem Paduaner , aber ich mußte Euch ja doch sagen , wo ich geblieben , Ihr könntet sonst Wunder gedacht haben , was aus mir geworden . - Hat man vielleicht meinen Hut gefunden und sich gewundert , daß ihm der Kopf abhanden gekommen ? - Meister ! eine besondere wohltätige Ruhe ist in mein Inneres gekommen ; sollte ich vielleicht hier am Ankerplatz gelandet sein ? Als ich neulich an dem kleinen See , der in der Mitte des weitläuftigen Gartens der Abtei liegt , wandelte und mein Bild , neben mir wandelnd , im See erblickte , da sprach ich : Der Mensch , der da unten neben mir hergeht , das ist ein ruhiger besonnener Mensch , der , nicht mehr wild umherschwirrend in vagen unbegrenzten Räumen , die gefundene Bahn festhält , und es ist ein Glück für mich , daß der Mensch kein andrer ist als ich selbst . - Aus einem andern See schaute mich einst ein fataler Doppeltgänger an - Doch still - still von dem allen . - Meister , nennt mir keinen Namen - erzählt mir nichts - auch nicht einmal , wen ich gespießt - Aber von Euch selbst schreibt mir viel - Die Brüder kommen zur Probe , ich schließe mein historisches Kapitel und zugleich meinen Brief . Lebt wohl , mein guter Meister , und gedenkt meiner ! etc. etc. etc. etc. « - In den fernen , wild verwachsenen Gängen des Parks einsam wandelnd , bedachte Meister Abraham das Schicksal des geliebten Freundes , und wie er ihn , kaum wieder gewonnen , aufs neue verloren . Er sah den Knaben Johannes , sich selbst in Göniönesmühl vor dem Flügel des alten Onkels , der Kleine hämmerte mit stolzem Blick Sebastian Bachs schwerste Sonaten herunter mit beinahe männlicher Faust , er steckte ihm dafür eine Düte Zuckerwerk heimlich in die Tasche - Es war ihm , als sei dies erst wenige Tage her , und er mußte sich verwundern , daß der Knabe eben kein anderer als der Kreisler , der in ein wunderliches launenhaftes Spiel geheimnisvoller Verhältnisse verflochten schien . - Aber mit dem Gedanken an jene vergangene Zeit , an die verhängnisvolle Gegenwart stieg das Bild seines eignen Lebens vor ihm auf . Sein Vater , ein strenger eigensinniger Mann , hatte ihn beinahe mit Zwang zu der Kunst des Orgelbaues angehalten , die er selbst trieb wie ein gewöhnliches rohes Handwerk . Er litt nicht , daß irgendein anderer als der Orgelbauer selbst Hand anlege an das Werk , und so mußten die Lehrlinge geübte Tischler , Zinngießer u. s. werden , ehe sie zu der innern Mechanik gelangten . - Genauigkeit , Dauerhaftigkeit , gute Spielart des Werks galt dem Alten für alles ; für die Seele , für den Ton hatte er keinen Sinn , und merkwürdig genug sprach sich dies aus in den Orgeln , die er baute , und denen man mit Recht einen harten spitzen Klang vorwarf . Nächstdem war der Alte den kindischen Künsteleien verjährter Zeit ganz und gar ergeben . So hatte er an einer Orgel die Könige David und Salomo angebracht , die während des Spiels wie vor Verwunderung die Köpfe drehten ; so fehlte es keinem seiner Werke an paukenden , posaunenden , taktierenden Engeln , mit den Flügeln schlagenden krähenden Hähnen u.s.w. Abraham konnte oft verdienten oder nicht verdienten Schlägen nicht anders entgehen und dem Alten eine Äußerung väterlicher Freude entlocken , als wenn er vermöge eigner Erfindungsgabe irgendeine neue Künstelei , etwa ein schärfer tönendes Kikeriki herausgebracht für den nächsten Orgelhahn . Mit angstvoller Sehnsucht hatte Abraham die Zeit herbeigewünscht , in der er dem Handwerksgebrauch gemäß auf die Wanderschaft gehen sollte . Endlich kam diese Zeit heran , und Abraham verließ das väterliche Haus , um nie wieder zurückzukehren . Auf dieser Wanderung , die er in Gemeinschaft mit andern Gesellen , meistens wüsten , rohen Burschen , unternahm , sprach er einst ein in der Abtei St. Blasius , die im Schwarzwalde belegen , und hörte dort das berühmte Orgelwerk des alten Johann Andreas Silbermann . In den vollen herrlichen Tönen dieses Werks ging zum erstenmal der Zauber des Wohllauts auf in seinem Innern , er fühlte sich in eine andere Welt versetzt , und von dem Augenblick an war er ganz Liebe für eine Kunst , die er sonst mit Widerwillen treiben müssen . - Nun kam ihm aber auch sein ganzes Leben in der Umgebung , wie er es bis jetzt geführt hatte , so nichtswürdig vor , daß er alle Kraft aufbot , sich herauszureißen aus dem Schlamm , in den er sich versunken glaubte . - Sein natürlicher Verstand , seine Fassungsgabe ließen ihn in der wissenschaftlichen Bildung Riesenschritte machen , und doch - fühlte er oft die Bleigewichte , die die frühere Erziehung , das Forttreiben in der Gemeinheit ihm angehängt . - Chiara , die Verbindung mit diesem seltsamen geheimnisvollen Wesen , das war der zweite Lichtpunkt in seinem Leben , und so bildete beides , jenes Erwachen des Wohllauts und Chiaras Liebe , einen Dualismus seines poetischen Seins , der wohltätig hineinwirkte in seine rohe , aber kräftige Natur . - Kaum den Herbergen , kaum den Schenken , wo im dicken Tabaksqualm Zotenlieder ertönten , entronnen , brachte der Zufall oder vielmehr die Geschicklichkeit in mechanischen Künsteleien , denen er den Anstrich des Geheimnisses zu geben wußte ( wie der geneigte Leser schon erfahren ) , den jungen Abraham in Umgebungen , die ihm eine neue Welt sein mußten , und in denen er , ewig Fremdling bleibend , sich nur dadurch aufrecht erhielt , daß er den festen Ton behauptete , den seine innere Natur ihm angegeben . Dieser feste Ton wurde mit der Zeit immer fester , und da er keineswegs der eines simplen Grobians , sondern auf klaren gesunden Menschenverstand , richtige Lebensansicht und daraus sich erzeugenden treffenden Spott basiert war , so könnt ' es nicht fehlen , daß da , wo der Jüngling sich nur aufrecht erhalten und toleriert worden , der Mann als ein zu fürchtendes Prinzip großen Respekt einflößte . Es ist nichts leichter als gewissen vornehmen Leuten zu imponieren , die immer noch weiter unter dem stehen , wofür man sie etwa halten mochte . Daran dachte nun Meister Abraham eben in dem Augenblick , als er von seinem Spaziergange wieder an das Fischerhäuschen gekommen , und schlug eine laute herzliche Lache auf , die Luft machte seiner gepreßten Brust . Zur innigsten Wehmut , die ihm sonst wohl gar nicht eigen , hatte den Meister nämlich das lebhafte Andenken an den Moment in der Kirche der Abtei St. Blasius und an die verlorne Chiara gestimmt . » Warum , « sprach er zu sich selbst , » warum blutet eben die Wunde jetzt so häufig , die ich längst verharscht glaubte , warum hänge ich jetzt leeren Träumereien nach , da es mir scheint , als müsse ich tätig eingreifen in das Maschinenwerk , das ein böser Geist falsch zu treiben scheint ! « - Der Meister fühlte sich beängstigt durch den Gedanken , daß er , selbst wußte er nicht wodurch , in seinem eigentümlichsten Tun und Treiben sich gefährdet sah , bis , wie gesagt , er im Ideengange auf die vornehmen Leute kam , über die er lachte und augenblicklich merkliche Linderung verspürte . Er trat ins Fischerhäuschen , um nun Kreislers Brief zu lesen . - In dem fürstlichen Schlosse hatte sich Merkwürdiges begeben . Der Leibarzt sprach : » Wunderbar ! - es geht über alle Praxis , über alle Erfahrung hinaus ! « - Die Fürstin : » So mußte es kommen , und die Prinzessin ist nicht kompromittiert ! « Der Fürst : » Hätt ' ich ' s nicht ausdrücklich verboten , aber die Crapule der dienenden Esel hat keine Ohren - Nun - der Oberforstmeister soll dafür sorgen , daß der Prinz kein Pulver mehr in die Hände bekommt ! « Die Rätin Benzon : » Dank dem Himmel , sie ist gerettet ! « - Währenddessen schaute Prinzessin Hedwiga zum Fenster ihres Schlafgemachs heraus , indem sie dann und wann abgebrochene Akkorde anschlug auf derselben Guitarre , die Kreisler im Unmut von sich warf und aus Julias Händen , wie er meinte , geheiligt zurückempfing . Auf dem Sofa saß Prinz Ignatius und weinte und klagte : » Es tut weh , es tut weh , « vor ihm aber Julia , die emsig beschäftigt war , in eine kleine silberne Schüssel hinein - rohe Kartoffeln zu schaben . Alles dieses bezog sich auf ein Ereignis , das der Leibarzt mit vollem Recht wunderbar nannte und über alle Praxis erhaben . Prinz Ignatius hatte sich , wie der geneigte Leser schon mehrmals erfahren , den unschuldig tändelnden Sinn , die glückliche Unbefangenheit des sechsjährigen Knaben erhalten und spielte daher gern wie dieser . Unter anderm Spielzeuge besaß er auch eine kleine , aus Metall gegossene Kanone , die ihm zu seinem Lieblingsspiel diente , an dem er sich jedoch höchst selten ergötzen konnte , da manche Dinge dazu gehörten , die nicht gleich zur Hand waren , nämlich einige Körner Pulver , ein tüchtiges Schrotkorn und ein kleiner Vogel . Hatte er das alles , so ließ er seine Truppen aufmarschieren , hielt Kriegsgericht über den kleinen Vogel , der eine Rebellion angezettelt in des fürstlichen Papas verlornem Lande , lud die Kanone und schoß den Vogel , den er mit einem schwarzen Herzen auf der Brust an einen Leuchter gebunden , tot , zuweilen aber auch nicht , so daß er mit dem Federmesser nachhelfen mußte , um die gerechte Strafe an dem Hochverräter zu vollstrecken . Fritz , des Gärtners zehnjähriger Knabe , hatte dem Prinzen einen gar hübschen bunten Hänfling verschafft und dafür , wie gewöhnlich , eine Krone erhalten . Sogleich war dann aber der Prinz in die Jägerstube geschlichen , gerade wenn die Jäger abwesend , hatte richtig Schrotbeutel und Pulverhorn gefunden und sich daraus mit der nötigen Munition versehen . Schon wollte er mit der Exekution beginnen , die Beschleunigung zu fordern schien , da der bunte zwitschernde Rebell alle nur möglichen Mittel versuchte zu entwischen , als es ihm einfiel , daß er der Prinzessin Hedwiga , die jetzt so artig geworden , durchaus nicht die Lust versagen dürfe , bei der Hinrichtung des kleinen Hochverräters gegenwärtig zu sein . Er nahm also den Kasten , worin seine Armee befindlich , unter den einen , die Kanone unter den andern Arm , den Vogel aber in die hohle Hand und schlich , da es ihm von dem Fürsten untersagt worden , die Prinzessin zu sehen , leise , leise nach Hedwigas Schlafgemach , wo er sie in dem fortdauernden kataleptischen Zustande auf dem Ruhebette angekleidet liegen fand . Schlimm und , wie man sehen wird , zugleich gut war es , daß die Kammerfrau die Prinzessin eben verlassen . Ohne weiteres band nun der Prinz den Vogel an einen Leuchter , ließ die Armee in Reihe und Glied treten und lud die Kanone , dann hob er die Prinzessin vom Ruhebette , ließ sie an den Tisch treten und erklärte , daß sie jetzt den kommandierenden General vorstelle , er seinerseits bleibe der regierende Fürst und brenne nebenher die Artillerie ab , welche den Rebellen töte . - Überfluß an Munition hatte den Prinzen verführt und er nicht allein das Geschütz überladen , sondern auch Pulver rund umher auf den Tisch verstreut . Sowie er das Stück abprotzte , gab es nicht allein einen ungewöhnlichen Knall , sondern das umhergestreute Pulver flog auch auf und verbrannte ihm tüchtig die Hand , so daß er laut aufschrie und gar nicht einmal bemerkte , daß die Prinzessin in dem Augenblick der Explosion hart zu Boden gestürzt war . Der Schuß hallte durch die Korridors , alles stürzte , Unglück ahnend , herbei , und selbst Fürst und Fürstin drängten sich , alle Etikette im jähen Schreck vergessend , mit der Dienerschaft durch die Türe hinein . Die Kammerfrauen hoben die Prinzessin von dem Boden und legten sie auf das Ruhebett , während man nach dem Leibarzt , nach dem Chirurgus rief . Der Fürst ersah aus den Anstalten auf dem Tische sehr bald , was geschehen , und sprach zum Prinzen , der entsetzlich schrie und lamentierte , mit zornfunkelnden Augen : » Sieht Er , Ignaz ! das kommt von Seinen dummen kindischen Faxen . Lass ' Er sich Brandsalbe auflegen und heul ' Er nicht , wie ein Straßenjunge ! - Mit einem Birkenreis - sollt - Hint - « Die bebenden Lippen ließen keine Deutlichkeit der Sprache zu , der Fürst wurde unverständlich und verließ gravitätisch das Zimmer . Tiefes Entsetzen hatte die Dienerschaft erfaßt , denn erst zum drittenmal redete der Fürst den Prinzen an mit Er und Ignaz , und jedesmal bewies er den wildesten , schwer zu sühnenden Zorn . Als der Leibarzt erklärte , die Krisis sei eingetreten , und er hoffe , daß der bedrohliche Zustand der Prinzessin nun bald vorüber und sie völlig genesen werde , sprach die Fürstin mit weniger Teilnahme , als man wohl denken sollte : » Dieu soit loué , man gebe mir weitere Nachricht . « Den weinenden Prinzen schloß sie aber zärtlich in ihre Arme , tröstete ihn mit süßen Worten und folgte dann dem Fürsten . Indessen war die Benzon , die im Sinn gehabt , mit Julien die unglückliche Hedwiga zu sehen , im Schlosse angekommen . Kaum hörte sie , was geschehen , als sie hinaufeilte nach dem Zimmer der Prinzessin , zuflog auf das Ruhebette , niederkniete , Hedwigas Hand faßte und ihr starr in die Augen blickte , während Julia heiße Tränen vergoß , wähnend , daß wohl der Todesschlaf über die Herzensfreundin kommen werde . Da holte Hedwiga tief Atem und sprach mit dumpfer , kaum vernehmlicher Stimme : » Ist er tot ? « - Sogleich hielt Prinz Ignatius ein mit Weinen trotz seines Schmerzes und erwiderte in voller Freude über die gelungene Exekution lachend und kichernd : » Ja ja - Prinzessin Schwester , ganz tot , gerade durch das Herz geschossen . « - » Ja , « sprach die Prinzessin weiter , indem sie die Augen , die sie aufgeschlagen , wieder sinken ließ , » ja , ich weiß es . Ich sah den Blutstropfen der aus dem Herzen quoll , aber er fiel in meine Brust , und ich erstarrte zu Kristall , und er nur lebte in dem Leichnam ! « - » Hedwiga , « begann die Rätin leise und zärtlich , » Hedwiga , erwachen Sie aus bösen unglücklichen Träumen , Hedwiga , erkennen Sie mich ? « Die Prinzessin winkte sanft mit der Hand , als wolle sie verlassen sein . » Hedwiga , « fuhr die Benzon fort , » Julia ist hier . « Ein Lächeln schimmerte auf Hedwigas Wangen . Julia beugte sich über sie hin , drückte einen leisen Kuß auf die erblaßten Lippen der Freundin . Da lispelte Hedwiga kaum hörbar : » Es ist nun alles vorüber , in wenigen Minuten bin ich ganz erkräftigt , ich fühl ' es . « - Niemand hatte sich bis jetzt um den kleinen Hochverräter bekümmert , der mit zerfleischter Brust auf dem Tisch lag . Nun fiel er Julien ins Auge , und erst in dem Augenblick wurde sie auch inne , daß Prinz Ignatius wieder das abscheuliche , ihr verhaßte Spiel gespielt . » Prinz , « sprach sie , indem ihre Wangen sich hoch röteten , » Prinz , was hat Ihnen der arme Vogel getan , daß Sie ihn ohne Erbarmen töten hier im Zimmer ? - Das ist ein rechtes einfältiges grausames Spiel - Sie haben mir längst versprochen , es zu lassen , und doch nicht Wort gehalten - Aber ! tun Sie es noch einmal , niemals ordne ich mehr Ihre Tassen oder lehre Ihre Püppchen reden oder erzähle Ihnen die Geschichte vom Wasserkönig ! « - » Nicht böse sein , « wimmerte der Prinz , » nicht böse sein , Fräulein Julia ! Aber es war ein bunter Erzschelm . Er hatte allen Soldaten heimlich die Rockschöße abgeschnitten und überdem eine Rebellion angezettelt . Aber es tut weh - es tut weh ! « - Die Benzon blickte den Prinzen , dann Julien an mit seltsamem Lächeln , dann rief sie : » Was das für ein Wehklagen ist über ein paar verbrannte Finger ! - Aber es