was du jetzt sprachst , « fragte Berthold , indem er mit Annen fortging . - » Kein Wort hört er , wenn er so in sich versinkt « , antwortete der Knabe und nahm Abschied . Berthold und Anna sahen einander verlegen an , als sie auf ihrem Zimmer allein waren , Anna war sehr enttäuscht von den hohen Erwartungen gräflicher Herrlichkeit , Berthold warnte sie , gegen niemand davon zu reden , sie ständen in einer unerbittlichen Gewalt . Die Tirolerin kam jetzt herein und brachte viele Nachrichten von der Burgverfassung . Eben seien wohl zehn Raubgesellen in Dienst genommen , um einem Nachbarn , der sich gegen die Bauern vergangen , das Vieh wegzutreiben , die tobten und tanzten in der Gesindestube , niemand höre ohne Fluchen und Schläge , was ihm gesagt würde : der eine habe ihr das Essen umgestoßen , weil er sie durchaus küssen wollte . Die Rosse lägen im Hofe , daß niemand gehen könne , die Hunde heulten und bissen aus allen Ecken , und die Enten stürmten die Küche , der Ehrenhalt sei fort und sie wisse keinen andern Rat , als daß sie drüben aus der Küche sich etwas ausbäte , um ihre Herrschaft zu speisen . So waren beide genötigt , bei Frau Itha anzusprechen , die eben in dem Kreise mehrerer andrer Frauen beim Mahle saß , die sie ihnen als die Weiber von Kronenwächtern vorstellte , welche dahin gekommen , um ihren Männern weiße Wäsche zu bringen . Alle fielen über Frau Anna her , sie zu herzen und zu küssen . Der Becher ging fleißig umher , Frau Itha ging zuweilen in die Schlafkammer , wo der Alte jammerte , und brachte ihm etwas , klagte aber dann bitterlich zu Annen , was sie für einen alten , gebrechlichen Herrn habe , wie der sie plage , da sei sie mit ihrem Berthold besser versorgt . Nun erzählten die Frauen von den Taten ihrer Männer : wie vielen Herren der eine gedient habe , ehe er von den Kronenwächtern aufgenommen sei , wie der andre einen Mauren im Zweikampfe erlegt habe , wo ein dritter unter den Schweizern gegen den Herzog von Burgund gefochten und das Gold nachher in Metzen ausgemessen habe . Der Ehrenhalt betrat jetzt das Zimmer , wurde von allen gar ehrfurchtsvoll begrüßt , die Frauen baten ihn , seine Geschichten im Morgenlande zu erzählen , wie er dem Emir , bei dem er gefangen , mit einem silbernen Becher den Hals zerhauen habe , worin ihm dieser Wein unter Verwünschung des Christentums gereicht , und wie er auf dem Pferde des Emirs der Strafe und der Gefangenschaft zugleich entkommen sei . Es wurde , als dieser Alte erzählte , eine lebendige Freude ausgegossen , jeder fühlte sich größer , nur Berthold fühlte sich unendlich gering daß er noch nichts Kriegerisches getan . Noch schmerzlicher fühlte er sich gekränkt , als Frau Anna , die ihren Mann gern auch empfehlen wollte , mit der Turniergeschichte in Augsburg anrückte . Da riefen alle , es sei schade , daß er nicht einen Tag früher gekommen , es hätten gestern nahe der Burg ein paar Ritter auf Leben und Tod mit einander gerannt und wären beim zweiten Anlauf auf dem Platz geblieben , durch ihre Spieße unauflöslich verbunden . Als sie alle auseinander gegangen , mußte Berthold eingestehen , so seltsam dies Völkchen sei , so stehe doch jeder fest auf seinen Füßen und wisse seine Bahn ; er möchte gern auch im Kriege sich versuchen und wisse nicht , wie er es anfange . Anna dagegen wünschte sich und ihn von Herzen aus diesem Kreise , aus dieser Gegend fort , sie behauptete , daß die armen Spinnerinnen in Augsburg in ihren Spinnstuben nicht so roh und gemein , so grob und frech sich ausgedrückt hätten , wie diese edlen , ritterlichen Frauen , Berthold habe nur nicht alles gehört , was sie leise unter einander und zu ihr heimlich gesprochen hätten . Berthold wollte ihren Wunsch , bald abzureisen , gern erfüllen , nur bat er sie , ihn nicht so kund werden zu lassen , auch die Wände hätten da Ohren , das ganze Schloß sei von geheimen Gängen durchzogen , diesen sei alle Schönheit und Regelmäßigkeit aufgeopfert , das habe er endlich durch seine Kenntnis vom Bauwesen herausgebracht . Am andern Morgen fragte Berthold den Ehrenhalt , ob er nicht den Zug gegen die Nachbarn mitmachen könne , wozu schon Leute geworben wären , die gestern im Schlosse gelegen . Der Ehrenhalt lächelte ihm zum erstenmal recht freundlich zu und sprach : » Es ist recht , daß Ihr etwas tun wollt , was vor der Welt besteht , der alte Hohenstaufe regt sich in Euch , im Kriege macht der Mensch sein Schwert zum Maßstab der Welt und mißt alles nach seiner Elle von vorne durch , so kommt alles in die Lage , wie es ihm gefällt ; er braucht nicht mehr zu denken , ob er es allen Leuten recht macht , die Leute müssen ihm tun , wie er ihnen tut . Was aber den Zug von gestern abend angeht , so ist der schon zurück und die Leute sind entlassen . Unser junger Graf Konrad hat einmal wieder schlimme Streiche gemacht , Ihr werdet das saubre Früchtchen heut noch sehen , ein rechter Lilaps und Hannepampel . Kaum war der Zug beim großen Lug , so sah der Graf im Vollmondschein ein aufgeschürztes Mädchen darin stehen , die Sumpfgras in ihre Kiepe für die Kühe ihrer Mutter schnitt . Gleich war er verliebt , rief sie zärtlich und als sie ihn verlachte und verhöhnte , weil er schwerlich ihr da durch das Wasser nach steigen konnte , wo diese armen Leute seit erster Kindheit Steg und Weg auswendig lernen , so beschoß er sie mit stumpfen Bolzen , als wäre sie eine Festung . Das Mädchen war aufgeschürzt und schrie ach und weh , und suchte nach der andern Seite zu entkommen . Er setzte ihr mit den Reisigen wie einem Hirsch nach , der ins Wasser getrieben , ein paar stürzten , endlich fing er das arme , ganz erschöpfte Mädchen und brachte sie zu einem Einsiedler , der eine Art Possenreißer ist . Da wurde getafelt und getobt , daß ein frommer Reisiger , der draußen blieb , bei dem nächtlichen Sturm jeden Augenblick meinte , der Teufel werde die ganze Gesellschaft holen . Statt des Viehes bringt uns der Graf heute das Mädchen auf das Schloß , das er nicht lassen will und das doch zu den Ihren verlangt . Zum Glück schicken ihn die Kronenwächter bald fort zum Herzog Wilhelm von Bayern , er soll da dem Schwäbischen Bunde dienen und die tollen Hörner sich ablaufen . Vielleicht läßt sich etwas erreichen und auch Ihr sollt dann dazu wirken . Der Schwäbische Bund ist auf unsrer Seite , wie wir sicher glauben , Herzog Ulrich feindet ihn an , es brechen gewiß Streitigkeiten aus , der Herzog wird verjagt , der Kaiser stirbt bald , wir beherrschen das Land , vielleicht könnt Ihr in Eurer Stadt mehr dabei wirken , als unter den Reitern , wir brauchen auch Männer von der Feder , der Hutten führt sie zu wild und unbändig . « Die Tirolerin kam jetzt aus der Küche hereingeflüchtet , Graf Konrad hinter ihr her , der ohne Aufhören schrie : » Sie hat einen Bart ! « Der Ehrenhalt trat ihm entgegen : » Nun Graf , ich dächte , Ihr hättet heute keinen Grund , so laut zu krähen , der Zug ist schlecht ausgefallen , Ihr müßt fort von hier , die Briefe sind geschrieben , Ihr sollt zum Herzog Wilhelm von Bayern , doch lernt vorher noch anständig sein im Hause des ersten Anteils . « - Graf Konrad war schnell wie verwandelt , er entschuldigte sich mit der Seltsamkeit des Bartes an einem Mädchen , das noch so jung scheine , nahm gar artige Stellungen an und fiel Frau Annen gar nicht unangenehm in die Augen . » Er gleicht dem Malerburschen Anton « fiel ihr ein , aber sie wagte es nicht auszusprechen , weil sie dem Manne nichts von der Geschichte am Morgen der Hochzeit erzählt hatte . Auch Berthold dachte umher , bis ihm die Ähnlichkeit mit Anton einfiel , während er den Grafen begrüßte . Die Tirolerin war bei Konrad gleich vergessen und Grünewald kam diesmal mit dem Schrecken davon , erkannt und vielleicht sehr hart bestraft zu werden . Graf Konrad strengte alle seine Erfindung an , um durch artige Feste den Tag zu verschönern . Er ritt mit Berthold und Anna zur Jagd , aber ein paar Gewitterschläge brachten so unglaubliche Regengüsse , daß sie in wenig Minuten ganz durchnäßt den Damm zur Heimkehr suchten . Ihr Weg führte sie an dem Felde vorbei , das zu Hohenstock gehörte , wo die Schnitter eben mit der Ernte beschäftigt gewesen , von bewaffneten Reisigen bewacht . Aber hier hatte der Himmel mit seinem Feuer gegen die Erde geschlagen , es brannte ein abgestorbner , wilder Birnbaum und der Hagel schüttete sich aus der Wolke , wie aus einem zerrissenen Säetuche über die Weizenähren . Die Jagdgesellschaft mußte von den Pferden steigen , weil diese wild wurden , die Landleute deckten ihre Kinder mit Schürzen zu , aber alles schrie jammervoll . Nur zehn Minuten mochte der Hagel geschlagen haben und die Ernte , der Lohn eines mühevollen Jahres war wie von einem Kriegsheere in den Boden gestampft und zerstreut . So lange das Wetter so währte , war Konrad gar kleinmütig , fragte wohl gar wegen des Jüngsten Tages bei Berthold nach . Aber kaum verwandelte sich der Hagel in Regen , der Regen in Sonnenstrahlen , so kannte sein Mutwillen keine Grenze . Abgefallene Kappen und Hauben der Landleute spießte er auf sein Jagdspieß , hetzte mit seinem Pferde die Kinder wie Hasen , daß endlich Berthold seine Mißbilligung nicht länger zurückhalten konnte . Konrad fuhr mit häßlichen Reden gegen ihn an , nannte ihn einen Wollkratzer und Federfuchser , was Frau Anna so beschämte , daß sie in Tränen und dann in die Worte ausbrach : » Wie dürft Ihr einen der Euren so schelten ! « - Nun hielt sich Berthold nicht länger , er sagte , daß ein bedeutendes Geheimnis verraten sei , er möchte es verschweigen und seinen Hochmut bezähmen . Aber um so ärger verhöhnte ihn Konrad , schwor darauf , er sei von den Kronenwächtern zum besten gehalten mit seiner hohen Abstammung und dafür wolle er ihn sogleich aus dem Paradies verjagen , wo er sich fälschlich eingeschlichen habe . Dabei machte er eine Bewegung , als wolle er Berthold mit entehrenden Schlägen angreifen . - Berthold , dessen unruhiges Pferd seine Aufmerksamkeit forderte , hatte diese Tücke Konrads nicht beachtet , hatte nicht bemerkt , daß Frau Anna im Zorne ihr Messer gezogen und ihrem Berthold zum Schutz vor ihm schirmend gehalten , daß jener es sich durch die Hand geschlagen und nun erst den gewaltsamen Schmerz dieser Wunde fühlte . Da war ihm aller Mut gefallen , er bat um sein Leben , er bat jammernd um Verzeihung , um Hülfe , um einen Wundarzt , er verschwor sich bei allen Teufeln , daß er immer Unglück habe . Berthold meinte erst , daß Konrad von einem Blitzstrahl getroffen sei , jetzt aber sah er das blutige Messer in ihrer Hand und erkannte es gleich als jenes , das er bei dem Schatze gefunden hatte , und die Verwunderung darüber machte ihn einen Augenblick untätig . Dann aber kam er dem schwachmütigen Konrad zu Hülfe , verband seine Wunde mit allem Fleiß und suchte ihn zu trösten , die Hitze habe sein Gemüt verwirrt , er möchte sich heimführen lassen und sich zu beruhigen suchen . Grünewald , die Tirolerin , hatte , ehe es noch so weit gekommen , den Ehrenhalt , der bei den Wachen der Schnitter sich befand , in großer Eile herbeigerufen . Dieser kam eilig geritten und machte Konrad ernste Vorstellungen , daß er überall Händel anfange und überall in den Händeln schlecht bestehe . Konrad war noch in der Periode der Schwachherzigkeit , er weinte über sein Unglück , bat tausendmal um Verzeihung und machte dem Ehrenhalt nur sanfte Vorwürfe , daß er ihm nicht anvertraut habe , diese Fremden seien mit seinem Hause verwandt . - » Wir sind ' s nicht « , sagte Berthold , der lebhaft das Versehen seiner Frau einsah , » wir rechnen uns nur zu den Euren , weil wir seit vielen Jahren jeden , der uns von hier gesandt , gastfreundlich aufgenommen haben , und so sollt auch Ihr uns willkommen sein , wenn Euch der Weg durch Waiblingen führt . « - Nach diesen Worten wuchs dem Konrad wieder Hochmut , das Blut der Wunde war gestillt , er schwang sich auf sein Pferd und ritt davon , indem er zum Ehrenhalt sagte : Er möchte erkennen , daß ihr Haus durch die Verbindung mit solchen Leuten keine Ehre gewinnen könne , er müsse mit der meuchelmörderisch ihm vielleicht für immer unbrauchbar gemachten Hand heimreiten , und das Volk lebe schon mehrere Tage auf Kosten seines Hauses . Berthold fand sich tiefgekränkt , er schwor , daß dieser junge Hochmut eine Art habe , seinen Zorn zu erregen , wie ihm nie etwas begegnet sei , er fühle sich auf ihn gehetzt , wie der Jagdhund auf die Fährte des Wildes , ohne genau zu wissen warum . - » Einem Verwandten läßt sich doch eher , als jedem andern , eine Kränkung überhören « , antwortete der Ehrenhalt , » doch daran erkennt Euer Blut , woraus Ihr stammt ; lernt es fürchten , denn selten begegnen sich zweie der Euren in Frieden und Einigkeit . Es führte uns zu weit , Euch den Grund und die Veranlassung dieses Zwistes aus fernen Zeiten zu erzählen , es sei genug , Euch zu warnen ; in diesem Zwiste ist alles untergegangen , was die Kronenwächter und alle edlen Geschlechter , die ihnen anhangen , für die Euren unternommen und beabsichtigt hatten . Die Kronenwächter trennten deswegen die verschiednen Zweige , ließen viele in der Unwissenheit , daß sie zu diesem Geschlechte gehörten , sorgten aber für ihre Aufziehung , daß sie brauchbar sich fänden , wenn die Stunde schlägt . Aber auch mit diesen , wenn sie zufällig einen der Unsern berührten , brach Streit aus und Blutvergießen . Frau Anna hat ein Wort fallen lassen , daß Euch großes Unheil droht ! Können wir hier alles bewahren ? Kann nicht eine Stunde kommen , wo Konrad Euch überfällt in der Sicherheit , im Schlafe ; können wir doch kaum Frau Itha gegen ihn schützen , die schon einmal am Felsen mit ihm rang , als er sie herunter stürzen wollte . Ihn bändigt nur der Schrecken in seiner Seele , da schwankt er in seinen boshaften Entschlüssen , Mitleid und Edelmut sind ihm fern . Herr Berthold , Ihr müßt fort , Ihr dürft noch nicht untergehen , wir brauchen Kinder von Euch , Ihr seid hier nicht sicher , ich geleite Euch mit der Frau nach Isny , die Tirolerin mag den Wagen mit Euren Sachen nachfördern ! « - » Nehmt mich mit « , rief die Tirolerin , » der böse Bube verfolgt mich überall . « - » Seid ruhig « , sagte der Ehrenhalt , » ich empfehle Euch meinen Waffenbrüdern , sie kennen ihre Pflicht . - Der Besuch war nur kurz « , fuhr der Ehrenhalt fort , » aber Ihr kommt nicht um Euer Erbteil , guter Berthold , es kann die Zeit der Not kommen , die Euch hieher treibt , Ihr wißt die Wege und habt hier den Reichtum an allem , was der Mensch zu seinem Unterhalt fordern kann , übersehen ; dies Feld ist verhagelt , der Weizen nährt die Hirsche und Eber , seht , wie sie schon herandringen , nun sie nicht mehr zurückgejagt werden , aber jenseits des Waldes sind unsre Felder noch unversehrt , die Schnitter ziehen dahin und gingen auch diese durch die Witterung verloren , so schützen uns Vorräte auf zehn Jahre gegen jeden Mangel . Der ganze Felsen von Hohenstock ist innerlich zu einem großen Vorratshause ausgehöhlt , da können wir uns ruhig belagern lassen . Hier , wo sich der Wald öffnet , senkt noch einen Blick auf Hohenstock , verwundert ihr Euch ? « - » Es liegt in einem großen See « , rief Berthold , » kaum ragt der hohe Damm über das Wasser hinaus . « - » Seht « , fuhr der Ehrenhalt mit Behagen fort , » so etwas habt Ihr weder in Waiblingen , noch in Augsburg gesehen ; der Wolkenbruch hatte unsre Fischweiher zwischen den Bergen zum Überfließen angefüllt , auch ist einer ganz abgelassen , um Fische für die Ernte zu geben , so können wir unsren Sumpf künstlich anfeuchten , wenn je ein seltsam trocknes Jahr seine Oberfläche zu erhärten drohte , daß Feinde sich darüber hinzugehen wagen möchten . Aber das denkt Euch einmal , was bei dem wildesten Gewässer , beim dichtesten Walde , bei dem höchsten Berggipfel nicht gedacht werden kann , so lange die Erde steht , ging nie ein Menschenfuß über diese Fläche , als nur auf dem einzigen Wege , auf dem Damme , den der Teufel erbauen half , aber freilich zur Mitgabe Zank und Streit in dieses Geschlecht pflanzte , indem solche wunderbare Liebe für diesen wunderbarsten Fleck der Erde entstand , daß jeder ihn allein und einzig zu besitzen trachtete . « - » Ja , es ist seltsam « , sprach Berthold , » nun ich auf längere Zeit von dem wunderbaren Schlosse Abschied nehme , quält es mich recht innig , daß ich nicht zum ausschließlichen Besitz desselben kommen kann , ich möchte dem Rappolt seinen Anteil mit meinem Hause abtauschen , geht das wohl ? « - » Nimmermehr ! « antwortete der Ehrenhalt . - » Gott behüte mich vor dem Neste ! « fuhr Anna heraus , » das schöne Haus in Waiblingen , wer möchte es mit dieser Vorhölle der Langeweile vergleichen ; ich atme erst wieder frisch , seit ich weiß , daß wir es so bald nicht wieder sehen ; noch schwebt mir aller üble Geruch , das rohe Wirtschaften der Menschen , ihr Absterben in der Trennung von aller Welt deutlich vor , jeder sorgte nur für Essen und Trinken und aß und trank , und der Hochmut der Frauen und der steinerne Boden in den zimmern , der wahnsinnige Alte , der Wacholdergeruch , die fischig riechenden Netze an allen Bäumen aufgehängt , der Kot überall , wo ein Mensch noch zu gehen Lust hatte , das Zanken und Schlagen mit den Dienstleuten , die doch nicht des Herrn Willen taten , das Diebswesen und die Heuchelei ; wo in den Städten findet sich das alles so zusammen , wie in diesem Landleben . « - » Frau Anna « sagte der Ehrenhalt , » Ihr werdet sicher noch einmal wünschen hieher zurück zu kehren , verscherzt das nicht , Ihr wißt doch nur erst wenig von unserm Burgleben , das Jahr ist uns eine Tat , die uns vom Beginnen bis zum Schluß unter Arbeit und Festen an sich fesselt , als gehörten wir notwendig zur Welt , ja wir fühlen uns Mitschöpfer und Mitgeschaffene zugleich . Wer hat Euch die Grillen in den Kopf gesetzt ? « - » Jeder , der mir begegnete « , rief Anna , » machte mich zum Vertrauten seiner Sorge , seiner Bosheit ; seine Absichten schienen durch jede Verleumderei und doch wollten sie deren nicht Wort haben . Wie viele heimliche Liebeshändel , wie viel Eigennutz in der Liebe ! « - » Sie sind wie die Kinder geblieben « , sagte der Ehrenhalt , » sie müssen bis an ihr Lebensende erzogen werden , sie sind Bauern , sie werden nie mit sich fertig , noch weniger mit ihren Wünschen und mit ihren kleinen Feindschaften , aber eben , weil sie nie zu leben aufhören , ist auch jedes neue Leben von ihnen zu fordern und durch sie zu fördern . Gebt acht , was Eurem Hause die Bauern werden bringen , wenn sie mit Macht und Andacht sich für die Euren erheben . Ihr werdet Euch schon eines andern bedenken , und vergeßt nicht , zu schweigen . « - Jetzt drängten sich einige Kinder zu Annen hin , denen sie im Schlosse einige kleine Gaben geschenkt hatten , sie weinten und wollten sie nicht abreisen lassen . » Wie haben wir hier so schnelle Freunde und Feinde gefunden « , sagte Anna , » sieh , wie die Kinder uns mit Gewinden von Kornähren fest zu halten suchen . « - » Die Blumen hat der Hagel nicht erschlagen « , sagte die Tirolerin , » Ihr weint liebe Frau , erlaubt mir , daß ich in Eurem Namen und in Eurem Grame dem Schloß einen Abschied singe : Nun ade , du altes Schloß , Das da über mir gehangen , All mein Hoffen und Verlangen , War auch nur ein Wolkenschloß , Nun ade , ihr ew ' gen Quellen , Die ich gähnend angesehen , Wenn ich hier nicht werde gehen , Höret nicht zu fließen auf , Denn die Welt hat ihren Lauf . Nun ade , du Berg und Tal , Die um Waldes Lieblichkeiten Ihre Felsenarme breiten , Ihr seid doch wie überall , Nun ade , ihr Kindlein kleine , Euch alleine will ich grüßen , Für die Gaben laßt euch küssen , wißt nichts von des Schlosses Qual , Seid wie frisches Grün im Tal . Nun ade , du alte zeit , Die in ihren Mutterarmen Sehnlich trug ein tief Erbarmen , Mich zu trösten war bereit , Aber gar nichts konnt ersinnen Und mit mir fing an zu weinen , Tränen froren im Besinnen , So fiel Hagel mir zum Heil Und zerschlug die Langeweil . « Anna küßte erheitert die Tirolerin zum Dank und Abschied , der Ehrenhalt mochte über sie schelten , er mußte sie doch nach dem verwünschten Schlosse hinsenden , um Annens Reisegerät einzupacken , während er mit Berthold und Anna die unbequeme Landstraße übers Gebirge einschlug . Fünfte Geschichte Traubenlese Wer sein Haus verläßt , um zu verreisen , mag ernstlich beten daß er alle darin wieder finde , aber unserm Berthold wurde dies Gebet nicht erfüllt . Er kam früher heim , als er versprochen hatte , und doch zu spät , Frau Apollonia trat ihm entgegen vor seinem Hause , küßte ihn und fragte : Ob er wohl sei . Der alte Fingerling sei nach kurzem Krankenlager gestorben . - » So sind nun alle tot , die meine Jugend schirmten « , rief Berthold , » aber ich habe euch beide , ihr treuen Seelen , mir gewonnen . « Mit Tränen küßte er Annen und Apollonien und fühlte sich reich in ihrer Mitte . - » Wo ist die Tirolerin , « fragte darauf Apollonia , um die schmerzliche Stimmung zu zerstreuen . - » Wir wollen ein andersmal von ihr reden « , sagte Berthold , » sie war ein Mann , hieß Grünewald ein Sänger des Herzogs Voll Bayern , ist vom Grafen Konrad auf Hohenstock in ihrer Verkleidung entdeckt und dort gefangen zurückgehalten worden . « - » Ich muß mich ewig schämen « , rief Anna verdrießlich , » ließ ich sie doch aus Mitleid während der Reise zweimal in meinem Bette schlafen , täglich mußte sie mir die Kleider zuschnüren , ich hatte so ein blindes Vertrauen zu dem Mädchen , weil sie die schönsten Sprüche von Tugend und Frömmigkeit mir vorsagte , streng fastete , kein Gebet versäumte , alles mit einem Eifer , wie es in unsrer Zeit selten zu finden . « - So hatte Sabina doch recht , dachte Frau Apollonia in sich und betrachtete ihre Tochter mit Abscheu , doch unterdrückte das traurige Ereignis ihren Zorn . Berthold hatte mehr verloren , als er sogleich überdenken konnte . Das Jahr hatte viel an ihm verändert , es hatte ihm einen zweiten Lebenslauf geschenkt , und der wich immer weiter von jenem ersten ab , der mit Fingerling und Hildegard Haus und Handlung begründete . Was er damals errungen , schien ihm jetzt an sich nichtig , nur als Mittel seinen Durst nach Tat , Wirksamkeit und Einfluß auf die Geschicke zu befriedigen , konnte er es noch loben . - Er gedachte jener früheren , erwerbenden Zeit , wie ein lebenslustiger Sohn seines emsigen Vaters , er ist ihm dankbar , aber er mag nicht seinem Beispiele folgen , sondern lieber dem Gelde einen zweckmäßigen Abzug verschaffen . Die kleinen Geschäfte der Handlung , die Fingerling scheinbar ohne Mühe vollbracht hatte , weil sie mit ihm ganz eins geworden waren , fielen jetzt drückend auf den Bürgermeister . » Ein doppeltes Leben ist eine schwere Aufgabe « , seufzte er oft , wenn er von den nahenden Ereignissen träumte , und von den Arbeitern mit unzähligen Anfragen , Forderungen und Bestellungen umdrängt wurde , » ich habe nicht die Kraft , zweierlei zugleich zu tun , zu bedenken . « Anna erschwerte ihm diese Aufgabe durch eine eigne , störrige Laune , die wohl aus ihrem Zustande hervorging . Von steter Übligkeit gequält , hatte sie eine Art Ärger an ihm , der die Ursache dieser Leiden und sich doch dabei vollkommen wohl befand . Sie konnte ihn oft nicht ansehen und Berthold suchte sich dann , der Bücher und Schreibereien überdrüssig , ein Stündlein freundlicher Unterhaltung bei Apollonien , die von ihrer Magd Sabina beschwatzt , gar viel Böses von ihrer Tochter sagte , wofür sie dem guten Berthold mit der höchsten Freundlichkeit keinen Ersatz geben konnte . Verena war nicht müßig , jedesmal ihrer betrübten Frau zu erzählen , wann der Herr zu Apollonien gegangen und was die Leute sagten , wie sie so lustig wären mit einander , während Berthold bei ihr immer tiefsinnig und geschäftig vorbei eile . Verena wurde durch dieses Zutragen von Neuigkeiten ihr Liebling und ihre Vertraute , von ihr erfuhr auch Anna , daß Berthold durch das Blut eben jenes Anton genesen sei , der zu ihr ins Fenster gefallen . Es war gewissermaßen ein Dank für das geliebte Leben Bertholds , daß Anton , den Verena für ihren Schatz ausgab , diese zu besuchen Erlaubnis erhielt . Anton wußte durch Sixt , daß Berthold ihn nicht im Hause sehen mochte , so erwartete er die Stunden , wenn jener am Brunnen zu Apollonien gegangen war , was er von seiner Dachstube genau sehen konnte , und brachte dann seinen Abend bei Verena zu , indem er sich wohl bewirten ließ , sie malte und ihre Zärtlichkeit von sich abwies . Der arme Junge meinte , es sei nur die gute Küche , die ihn hinziehe , und bemerkte nicht , daß er alles kalt werden ließ , um Frau Annen einen Augenblick im Durchgehen durch das Zimmer oder im Hofe zu sehen und daß sein Herz frohlockte bei einem Worte , das sie ihm im Vorbeigehen auf Verenas Bitte sagte , um ihn zu bestimmen , sich bald niederzulassen , sich zu verheiraten und als Meister sein Glück zu begründen . Alle diese Besuche erfuhr Frau Apollonia durch Sabina , die nicht ihre Schwester Verena , sondern Frau Anna als die Ursache derselben angab , in der Hoffnung , daß Anton auf diese Weise am schnellsten aus jenem Hause vertrieben würde . Frau Apollonia wollte mehrmals darüber reden , aber Anna machte sie durch ihre stolze Sicherheit in ihrer Meinung so zweifelhaft ; in dieser Unbestimmtheit mieden sich beide , beide sahen einander so selten , nie kam es zu einer Erklärung , und beide glaubten mehr auf dem Herzen zu haben , als sich durch bloßes Besprechen gut machen lasse . Auch trat eine Störung eigner Art zwischen alle diese eingebildeten Leiden . Herzog Ulrich wollte die Jagden in der Gegend von Waiblingen benutzen und beschloß , sich einige Tage in dem Orte niederzulassen . Berthold und Anna sahen eines Morgens zum Fenster hinaus , da war der Marktplatz von Jägern , Hofgesinde und Hunden besetzt . Ein dicker Herr , ganz in grünem Samt gekleidet , ritt in der Mitte , heftig zankend und stieß mit seinem rechten Fuß einem Jäger in die Rippen , der die Hunde führte und diese nicht zur rechten Zeit angelassen hatte . Darüber verlor der Herr das Gleichgewicht und ein Jäger zog ihn in guter Absicht wieder auf die Mitte des Pferdes . Die gute Absicht wurde ihm aber mit Fußtritten vergolten und der Herr wackelte nach der andern Seite über , so daß er ganz gelinde vom Pferde herunter sank und auf die Beine zu stehen kam . Jetzt sah sich der Herr um , den Berthold sogleich als seinen Herzog Ulrich erkannte . Der Herzog ging auf sein Haus zu , weil es bei weitem das größte und angesehenste in der Stadt war . Berthold eilte ihm entgegen und der Herr war sehr gnädig , fragte ohne Aufhören , denn er wartete nie auf die Antwort , erzählte dazwischen recht lustig und trocknete den Schweiß , der ihm reichlich von der Stirn floß , und streichelte seine großen Hunde , die an ihm heransprangen und seine feurige Nase berochen . Er trat ohne weitere Anfrage ins Haus und zwar in das Zimmer , wo Anna eben einiges Tischzeug zusammenlegte . Er trat auf sie zu , befahl ihr den Tisch gleich zu decken , er habe ein großes Mahl auf seinen Packpferden , ließ auch