Baum über einem steinernen Springbrunnen wölbte . Das erste , das ihnen dort auffiel war ein seltsamer Mensch , mit einem langen , breiten Talare über den Achseln , einer Art von Krone , die etwas schief auf dem Kopfe saß , und einem langen Hirtenstabe in der Hand . Er näherte sich ihnen ein wenig , kehrte sich dann stolz wieder um und ging mit einem feierlich abgemessenen Schwebetritte langsam über den Hof , wobei der breite Mantel , wie der Schweif eines sich aufblähenden kalkuttischen Hahnes , hinter ihm drein rauschte . Ein alter Mann war unterdes heruntergekommen und sagte den beiden Gästen , sein Graf sei nicht zu Hause , bat sie aber , abzusteigen . Sie hatten die Augen noch auf jene vorüberschwebende Figur gerichtet und fragten erstaunt , was das zu bedeuten habe ? » Er sucht den Karfunkelstein « , sagte der Alte trocken und führte ihre Pferde ab . Ein junger Mensch , der sich inzwischen mit einem Lichte eingefunden hatte , bat sie , ihm zu folgen , und führte sie stillschweigend über verschiedene Wendeltreppen und einen langen Bogengang in ein großes , gotisch gewölbtes Gemach mit zwei Himmelbetten , ein paar großen , altmodischen Stühlen und einem ungeheuren runden Tische in der Mitte . Sie bemerkten mit Verwunderung , daß er ein ledernes Reiterwams trug und seine ganze Tracht überhaupt altdeutsch sei . Seine blonden Haare hatte er über der Stirne gescheitelt und in schönen Locken über die Schultern herabhängen . Er setzte das Licht auf den Tisch und fragte sie , wann sie wieder weiterzuziehen gedächten ? » Ach « , fügte er hinzu , ohne erst ihre Antwort abzuwarten , » ach , könnt ich mitziehn ! « - » Und wer hält Euch denn hier ? « fragte Leontin . - » Es ist meine eigene Unwürdigkeit « , entgegnete jener wieder , » wohl fehlt mir noch viel zu der ehrenfesten Gesinnung , zu der Andacht und der beständigen Begeisterung , um der Welt wieder einmal Luft zum Himmel zu hauen . Ich bin gering und noch kein Ritter , aber ich hoffe , es durch fleißige Tugendübung mit Gottes Gnade zu werden und gegen die Heiden hinauszuziehn ; denn die Welt wimmelt wieder von Heiden . Die Burgen sind geschleift , die Wälder ausgehauen , alle Wunder haben Abschied genommen , und die Erde schämt sich recht in ihrer fahlen , leeren Nacktheit vor dem Kruzifixe , wo noch eines einsam auf dem Felde steht ; aber die Heiden hantieren und gehen hochmütig vorüber und schämen sich nicht . « - Er sprach dies mit einer wirklich rührenden Demut , doch selbst in der steigenden Begeisterung , in die er sich bei den letzten Worten hineingesprochen hatte , blieb etwas modern Fades in seinen Zügen zurück . Leontin faßte ihn bei der Hand und wußte nicht , was er aus ihm machen sollte , denn für einen Menschen , der seine ordentliche Vernunft besitzt , hatte er ihm doch beinahe zu gescheit gesprochen . Unterdes hatte sich der Ritter nachlässig in einen Stuhl geworfen , zog eine Lorgnette unter dem Wams hervor , betrachtete die beiden Grafen flüchtig und sagte , seine letzten Worte wohlgefällig wiederholend : » Aber die Heiden gehen vorüber und schämen sich nicht . - Recht gut gesagt , nicht wahr , recht gut ? « - Beide sahen ihn erstaunt an . - Er lorgnettierte sie von neuem . » Aber ihr seid doch recht einfältig « , fuhr er darauf lachend fort , » daß ihr das alles eigentlich so für baren Ernst nehmt ! Ihr seid wohl noch niemals in Berlin gewesen ? Seht , ich möchte wohl eigentlich ein Ritter sein , aber , aufrichtig gesprochen , das ist doch im Grunde alles närrisches Zeug , welcher gescheite Mensch wird im Ernste an so etwas glauben ! Überdies wäre es auch schrecklich langweilig , so strenge auf Tugend und Ehre zu halten . Ich versichere euch aber , ich bin wohl eigentlich ein Ritter , aber ihr faßt das nur nicht , ihr andern Leute , ich halte aus ganzer Seele gleichsam auf die alte Ehre , aber seht , das ist ganz anders zu verstehen - das ist - aber ihr versteht mich doch nicht - das ist « - hierbei schien er verwirrt und zerstreut zu werden . Er zog sein Ritterwams vom Leibe und erschien auf einmal in einem überaus modernen Negligé vom feinsten , weißen Perkal , von dem er mit vieler Grazie hin und wieder die Staubfleckchen abzuklopfen und wegzublasen bemüht war . Nach einer Weile nahm er das Augenglas wieder vor und musterte die beiden Fremden , sich vornehm auf dem Sessel hin und her schaukelnd . » Bei welchem Schneider lassen Sie arbeiten ? « sagte er endlich . Dann stand er auf und befühlte ihre Hemden an der Brust . » Aber , mein Gott ! wie kann man so etwas tragen ? « sagte er , » bon soir , bon soir , mes amis ! « Hiermit ging er , laut ein französisches Liedchen trällernd , ab . In der Tür begegnete er einem Mädchen , das eben mit einem Korbe voll Erfrischungen heraufkam . Er nahm sie sogleich in den Arm und wollte sie küssen . Sie schien aber keinen Spaß zu verstehen und warf den Ritter , wie sie an dem Gepolter wahrnehmen konnten , ziemlich unsanft die Stiege hinab . » Nun wahrhaftig « , sagte Friedrich , » hier geht es lustig zu , ich sehe nur , wann wir beide selber anfangen , mit verrückt zu werden . « - » Mir war bei dem Kerl zumute « , meinte Leontin , » als sollten wir ihn hundemäßig durchprügeln . « Das Mädchen hatte unterdes , ohne ein Wort zu sprechen , mit unglaublicher Geschwindigkeit den Tisch gedeckt und Essen aufgetragen . Ihre Hast fiel ihnen auf , sie betrachteten dieselbe genauer und erschraken beide , als sie in ihr die verlorne Marie erkannten . Sie war leichenblaß , ihr schönes Haar war seltsam aufgeputzt und phantastisch mit bunten Federn und Flitter geschmückt . Der überraschte Leontin nahm sie sanft streichelnd bei dem weichen , vollen Arme , und sah ihr in die sonst so frischen Augen , die er seit ihrem Abschiede auf der Gebirgsreise nicht wiedergesehen hatte . Sie aber wand die Hand los , legte den Finger geheimnisvoll auf den Mund , und war so im Augenblicke zur Tür hinaus . Vergebens eilten und riefen sie ihr nach , sie war gleich einer Lazerte zwischen dem alten Gemäuer verschwunden . Beide hatte dieses unerwartete Begegnis sehr bewegt . Sie lehnten sich in das Fenster und sahen über die Wälder hinaus , die der Mond herrlich beleuchtete . Leontin wurde immer stiller . Endlich sagte er : » Es ist doch seltsam , wie gegenwärtig mir hier eine Begebenheit wird , die mich einst heftig erschütterte ; und ich täusche mich nicht , daß ich hier endlich eine Auflösung darüber erhalten werde . « Friedrich bat ihn , sie ihm mitzuteilen , und Leontin erzählte : » Ich hatte einst ein Liebchen hinter dem Walde bei meinem Schlosse , ein gutes , herziges , verliebtes Ding . Ich ritt gewöhnlich spätabends zu ihr , und sie litt mich wohl manchmal über Nacht . Eines Abends , da ich eben auch hinkomme , sieht sie ungewöhnlich blaß und ernsthaft aus , und empfängt mich ganz feierlich , ohne mir , wie sonst , um den Hals zu fallen . Doch schien sie mehr traurig , als schmollend . Wir gingen an dem Teiche spazieren , der bei ihrem Häuschen lag , wo sie mit ihrer Mutter einsam wohnte ; da sagte sie mir : ich sei ja gestern abends noch sehr spät bei ihr gewesen , und da sie mich küssen wollen , hätte ich sie ermahnt , lieber Gott , als die Männer zu lieben , darauf hätte ich noch eine Weile sehr streng und ernsthaft mit ihr gesprochen , wovon sie aber nur wenig verstanden , und wäre dann ohne Abschied fortgegangen . Ich erschrak nicht wenig über diese Rede , denn ich war jenen Abend nicht von meinem Schlosse weggekommen . Während sie noch so erzählte , bemerkte ich , daß sie plötzlich blaß wurde und starr auf einen Fleck im Walde hinsah . Ich konnte nirgends etwas erblicken , aber sie fiel auf einmal für tot auf die Erde . - Als sie sich zu Hause , wohin ich sie gebracht , nach einiger Zeit wieder erholt hatte , schien sie sich ordentlich vor mir zu fürchten , und bat mich in einer sonderbaren Gemütsbewegung , niemals mehr wiederzukommen . Ich mußt es ihr versprechen , um sie einigermaßen zu beruhigen . Dessenungeachtet trieb mich die Besorgnis um das Mädchen und die Neugierde den folgenden Abend wieder hinaus , um wenigstens von der Mutter etwas zu erfahren . Es war schon ziemlich spät , der Mond schien wie heute . Als ich in dem Walde , durch den ich hindurch mußte , eben auf einem etwas freien , mondhellen Platz herumbiege , steigt auf einmal mein Pferd und mein eigenes Haar vom Kopfe in die Höh . Denn einige Schritte vor mir , lang und unbeweglich an einem Baume , stehe ich selber leibhaftig . Mir fiel dabei ein , was das Mädchen gestern sagte ; mir grauste durch Mark und Bein bei dem gräßlichen Anblicke . Darauf faßte mich , ich weiß selbst nicht wie , ein seltsamer Zorn , das Phantom zu vernichten , das immer unbeweglich auf mich sah . Ich spornte mein Pferd , aber es stieg schnaubend in die Höh und wollte nicht daran . Die Angst steckte mich am Ende mit an , ich konnte es nicht aushalten , länger hinzusehn , mein Pferd kehrte unaufhaltsam um eine unbeschreibliche Furcht bemächtigte sich seiner und meiner , und so ging es windschnell durch Sträucher und Hecken , daß die Äste mich hin und her blutig schlugen , bis wir beide atemlos wieder bei dem Schlosse anlangten . Das war jener Abend vor unserer Gebirgsreise , da ich so wild und ungebärdet tat , als du mit Faber ruhig am Tische auf der Wiese saßest . - Später erfuhr ich , daß das Mädchen denselben Abend um dieselbe Stunde gestorben sei . - Und so wolle Gott jeden Schnapphahn kurieren , denn ich habe mich seitdem gebessert , das kann ich redlich sagen ! « Friedrich erinnerte sich bei dieser wunderlichen Geschichte an eine Nacht auf Leontins Schlosse , wie er Erwinen einmal von der Mauer sich mit einem fremden Manne unterhalten gehört und dann einen langen , dunklen Schatten von ihm in den Wald hineingehn gesehen hatte . - » Allerdings « , sagte Leontin , » habe ich selber einmal dergleichen bemerkt , und es kam mir zu meinem Erstaunen vor , als wäre es dieselbe Gestalt , die mir im Walde erschienen . Aber du weißt , wie geheimnisvoll Erwine immer war und blieb ; doch so viel wird mir nach verschiedenen flüchtigen Äußerungen von ihr immer wahrscheinlicher , daß dieses Bild hier in diesem Walde spuke oder lebe , es sei nun was es wolle . - Ich weiß nicht , ob du noch unsres Besuches auf dem Schlosse der Frau v. A. gedenkest . Dort sah ich ein altes Ritterbild , vor dem ich augenblicklich zurückfuhr . Denn es war offenbar sein Portrait . Es waren meine eigenen Züge , nur etwas älter und ein fremder Zug auf der Stirn über den Augen . « Während Leontin noch so sprach , hörten sie auf einmal ein Geräusch auf dem Hofe unten , und ein Reiter sprengte durch das Tor herein ; mehrere Windlichter füllten sogleich den Platz , in deren über die Mauern hinschweifenden Scheinen sich alle Figuren nur noch dunkler ausnahmen . » Er ist ' s ! « rief Leontin . - Der Reiter , welcher der Herr des Schlosses zu sein schien , stieg schnell ab und ging hinein , die Windlichter verschwanden mit ihm , und es war plötzlich wieder dunkel und still wie vorher . Leontin war sehr bewegt , sie beide blieben noch lange voll Erwartung am Fenster , aber es rührte sich nichts im Schlosse . Ermüdet warfen sie sich endlich auf die großen , altmodischen Betten , um den Tag zu erwarten , aber sie konnten nicht einschlafen , denn der Wind knarrte und pfiff unaufhörlich an den Wetterhähnen und Pfeilern des alten , weitläufigen Schlosses , und ein seltsames Sausen , das nicht vom Walde herzukommen schien , sondern wie ferner Wellenschlag tönte , brauste die ganze Nacht hindurch . Zweiundzwanzigstes Kapitel Kaum fing der Morgen draußen an zu dämmern , so sprangen die beiden schon von ihrem Lager auf und eilten aus ihrem Zimmer auf den Gang hinaus . Aber kein Mensch war noch da zu sehen , die Gänge und Stiegen standen leer , der steinerne Brunnen im Hofe rauschte einförmig fort . Sie gingen unruhig auf und ab ; nirgends bemerkten sie einen neuen Bau oder Verzierung an dem Schlosse , es schien nur das Alte gerade zur Notdurft zusammengehalten . Bunte Blumen und kleine grüne Bäumchen wuchsen hin und wieder auf dem hohen Dache , zwischen denen Vögel lustig sangen . Sie kamen endlich über mehrere Gänge in dem abgelegensten und verfallensten Teile des Schlosses in ein offenes , hochgelegenes Gemach , dessen Wände sie mit Kohle bemalt fanden . Es waren meist flüchtige Umrisse von mehr als lebensgroßen Figuren , Felsen und Bäumen , zum Teil halb verwischt und unkenntlich . Gleich an der Tür war eine seltsame Figur , die sie sogleich für den Eulenspiegel erkannten . Auf der andern Wand erkannte Friedrich höchst betroffen einen großen , ziemlich weitläufigen Umriß seiner Heimat , das große alte Schloß und den Garten auf dem Berge , den Strom unten , den Wald und die ganze Gegend . Aber es war unbeschreiblich einsam anzusehen , denn ein ungeheurer Sturm schien über die winterliche Gegend zu gehen , und beugte die entlaubten Bäume alle nach einer Seite , sowie auch eine wilde Flammenkrone , die aus dem Dache des Schlosses hervorbrach , welches zum Teil schon in der Feuersbrunst zusammenstürzte . Friedrich konnte die Augen von diesen Zügen kaum wegwenden , als Leontin einen Haufen von Zeichnungen und Skizzen hervorzog , die ganz verstaubt und vermodert in einem Winkel des Zimmers lagen . Sie setzten sich beide auf den Fußboden hin und rollten eine nach der andern auf . Die meisten Blätter waren komischen Inhalts , fast alle von einem ungewöhnlichen Umfange . Die Züge waren durchaus keck und oft bis zur Härte streng , aber keine der Darstellungen machte einen angenehmen , viele sogar einen widrigen Eindruck . Unter den komischen Gesichtern glaubte Friedrich zu seiner höchsten Verwunderung manche alte Bekannte aus seiner Kindheit wiederzufinden . Der erste Morgenschein fiel indes soeben durch die hohen Bogenfenster , und spielte gar seltsam an den Wänden der Polterkammer und in die wunderliche Welt der Gedanken und Gestalten hinein , die rings um sie her auf dem Boden zerstreut lagen . Es war ihnen dabei wie in einem Traume zumute . - Sie schoben endlich alle die Bilder wieder in den Winkel zusammen und lehnten sich zum Fenster hinaus . Alles war noch nächtlich und grenzenlos still , nur einige frühe Vögel zogen pfeifend hin und her über den Wald und begrüßten die ersten Morgenstrahlen , die durch die Wipfel funkelten . Da hörten sie auf einmal draußen in einiger Entfernung folgendes Lied singen : » Ein Stern still nach dem andern fällt Tief in des Himmels Kluft , Schon zucken Strahlen durch die Welt , Ich wittre Morgenluft . In Qualmen steigt und sinkt das Tal ; Verödet noch vom Fest Liegt still der weite Freudensaal , Und tot noch alle Gäst . Da hebt die Sonne aus dem Meer Eratmend ihren Lauf : Zur Erde geht , was feucht und schwer , Was klar , zu ihr hinauf . Hebt grüner Wälder Trieb und Macht Neu rauschend in die Luft , Zieht hinten Städte , eitel Pracht , Blau ' Berge durch den Duft . Spannt aus die grünen Tepp ' che weich , Von Strömen hell durchrankt , Und schallend glänzt das frische Reich , So weit das Auge langt . Der Mensch nun aus der tiefen Welt Der Träume tritt heraus , Freut sich , daß alles noch so hält , Daß noch das Spiel nicht aus . Und nun geht ' s an ein Fleißigsein ! Umsumsend Berg und Tal , Agieret lustig groß und klein Den Plunder allzumal . Die Sonne steiget einsam auf , Ernst über Lust und Weh , Lenkt sie den ungestörten Lauf In stiller Glorie . - Und wie er dehnt die Flügel aus , Und wie er auch sich stellt : Der Mensch kann nimmermehr hinaus , Aus dieser Narrenwelt . « Die beiden Freunde eilten Sogleich auf das sonderbare Lied hinunter und aus dem Schlosse hinaus . Die Wälder rauchten ringsum aus den Tälern , eine kühle Morgenluft griff stärkend an alle Glieder . Der Gesang hatte unterdes aufgehört , doch erblickten sie in jener Gegend , wo er hergekommen war , einen großen , schönen , ziemlich jungen Mann an dem Eingange des Waldes . Er stand auf und schien weggehn zu wollen , als er sie gewahr wurde ; dann blieb er stehen und sah sie noch einmal an , kam darauf auf sie zu , faßte Friedrich bei der Hand und sagte sehr gleichgültig : » Willkommen Bruder ! « - Wie dem Schweizer in der Fremde , wenn plötzlich ein Alphorn ertönt , alle Berge und Täler , die ihn von der Heimat scheiden , in dem Klange versinken , und er die Gletscher wiedersieht , und den alten , stillen Garten am Bergeshange , und alle die morgenfrische Aussicht in das Wunderreich der Kindheit , so fiel auch Friedrich bei dem Tone dieser Stimme die mühsame Wand eines langen , verworrenen Lebens von der Seele nieder ; - er erkannte seinen wilden Bruder Rudolf , der als Knabe fortgelaufen war , und von dem er seitdem nie wieder etwas gehört hatte . Keine ruhige , segensreiche Vergangenheit schien aus diesen dunkelglühenden Blicken hervorzusehen , eine Narbe über dem rechten Auge entstellte ihn seltsam . Leontin stand still dabei und betrachtete ihn aufmerksam , denn es war wirklich dasselbe Bild , das ihm mitten im bunten Leben oft so schaurig begegnet . » Oh , mein lieber Bruder « , sagte Friedrich , » so habe ich dich denn wirklich wieder ! Ich habe dich immer geliebt . Und als ich dann größer wurde und die Welt immer kleiner und enger , und alles so wunderlos und zahm , wie oft hab ich da an dich zurückgedacht und mich nach deinem wunderbaren härtern Wesen gesehnt ! « - Rudolf schien wenig auf diese Worte zu achten , sondern wandte sich zu Leontin um und sagte : » Wie geht es Euch , mein Signor Amoroso ? Durch diesen Wald geht kein Weg zum Liebchen . « - » Und keiner in der Welt mehr « , fiel Leontin , der wohl wußte , was er meine , empfindlich ihm ins Wort , » denn Eure Possen haben das Mädchen ins Grab gebracht . « - » Besser tot , als eine H - « sagte Rudolf gelassen . » Aber « , fuhr er fort , » was treibt euch aus der Welt hier zu mir herauf ? Sucht ihr Ruhe : ich habe selber keine ; sucht ihr Liebe : ich liebe keinen Menschen , oder wollt ihr mich listig aussondieren , zerstreuen und lustig machen : so zieht nur in Frieden wieder hinunter , eßt , trinkt , arbeitet fleißig , schlaft bei euren Weibern oder Mädchen , seid lustig und lacht , daß ihr euch krähend die Seiten halten müßt , und danket Gott , daß er euch weiße Lebern , einen ordentlichen Verstand , keinen überflüssigen Witz , gesellige Sitten und ein langes , wohlgefälliges Leben bescheret hat - denn mir ist das alles zuwider . « - Friedrich sah den Bruder staunend an , dann sagte er : » Wie ist dein Gemüt so feindselig und wüst geworden ! Hat dich die Liebe - « » Nein « , sagte Rudolf , » ihr seid gar verliebt , da lebt recht wohl ! « Hiermit ging er wirklich mit großen Schritten in den Wald hinein und war bald hinter den Bäumen verschwunden . Leontin lief ihm einige Schritte nach , aber vergebens . » Nein « , rief er endlich aus , » er soll mich nicht so verachten , der wunderliche Gesell ! Ich bin so reich und so verrückt wie er ! « - Friedrich sagte : » Ich kann es nicht mit Worten ausdrücken , wie es mich rührt , den tapfern , gerechten , rüstigen Knaben , der mir immer vorgeschwebt , wenn ich dich ansah , so verwildert wiederzusehen . Aber ich bleibe nun gewiß auch wider seinen Willen hier , ich will keine Mühen sparen , sein reines Gold , denn solches war in ihm , aus dem wüst verfallenen Schachte wieder ans Tageslicht zu fördern . « - » Oh « , fiel ihm Leontin ins Wort , » das Meer ist nicht so tief , als der Hochmütige in sich selber versunken ist ! Nimm dich in acht ! er zieht dich eher schwindelnd zu sich hinunter , ehe du ihn zu dir hinauf . « Friedrich hatte der Anblick seines Bruders auf das heftigste bewegt . Er ging schnell von Leontin fort und allein tief in den Wald hinein . Er brauchte der stillen , vollen Einsamkeit , um die neuen Erscheinungen , die auf einmal so gewaltsam auf ihn eindrangen , zu verarbeiten und seine seltsam aufgeregten Geister zu beruhigen . Lange war er so im Walde herumgeschweift , als auch Leontin wieder zu ihm stieß . Dieser hatte währenddes wieder jene Bilderstube bestiegen und die Zeit unter den Zeichnungen gesessen . Dabei waren ihm in dieser Einsamkeit die Figuren oft wie lebendig geworden vorgekommen und verschiedene Lieder eines Wahnsinnigen eingefallen , die er , wie Sprüche auf die alten Bilder , den Gestalten aus dem Munde auf die Wand aufgeschrieben hatte . Die Sonne fing schon wieder an sich von der Mittagshöhe herabzuneigen . Weder Leontin noch Friedrich wußten recht , wo Sie sich befanden , denn kein ordentlicher Weg führte vom Schlosse hierher . Sie schlugen daher die ohngefähre Richtung ein , sich über den melancholischen Rudolf besprechend . Als sie nach langem Irren eben auf einer Höhe angelangt waren , hörten sie plötzlich mehrere lebhafte Stimmen vor sich . Ein undurchdringliches Dickicht , durch welches von dieser Seite kein Eingang möglich war , trennte sie von den Sprechenden . Leontin bog die obersten Zweige mit Gewalt auseinander : da eröffnete sich ihnen auf einmal das seltsamste Gesicht . Mehrere auffallende Figuren nämlich , worunter sie sogleich Marie , den Karfunkelsteinspäher und den Ritter von gestern erkannten , lagen und saßen dort auf einer grünen Wiese zerstreut umher . Die große Einsamkeit , die fremdartigen , zum Teil ritterlichen Trachten , womit die meisten angetan , gaben der Gruppe ein überraschendes , buntes und wundersames Ansehen , als ob ein Zug von Rittern und Frauen aus alter Zeit hier ausraste . Marie war ihnen besonders nahe , doch ohne sie zu bemerken . Sie war mit langen Kränzen von Gras behangen und hatte eine Gitarre vor sich auf dem Schoße . Auf dieser spielte sie und sang das Lied , das sie damals auf dem Rehe gesungen , als sie Friedrich zum ersten Male auf der Wiese bei Leontins Schlosse traf . Nach der ersten Strophe hielt sie , in Gedanken verloren , inne , als wollte sie sich auf das Weitere besinnen , und fing dann das Lied immer wieder vom Anfang an . - Mitten unter den Narren saß Rudolf auf einem umgefallenen Baumstamme , den Kopf vornhin in beide Arme auf die Knie gestützt . Er war ohne Hut und sah sehr blaß aus . Mit Verwunderung hörten sie , wie er mit ihnen allen in ein lebhaftes Gespräch vertieft war . Er wußte dem Wahnsinn eines jeden eine Tiefe und Bedeutung zu geben , über welche sie erstaunten , und je verrückter die Narren sprachen , je witziger und ausgelassener wurde er in seinem wunderlichen Humor . Aber sein Witz war scharf ohne Heiterkeit , wie Dissonanzen einer großen , zerstörten Musik , die keinen Einklang finden können oder mögen . Leontin , der aufmerksam zugehört hatte , war es durchaus unmöglich , das wilde Spiel länger zu ertragen . Er hielt sich nicht mehr , riß mit Gewalt durch das Dickicht und eilte auf Rudolf zu . Rudolf , durch sein Gespräch exaltiert , sprang über der plötzlichen , unerwarteten Erscheinung rasch auf , und riß dem verrückten Ritter , der neben ihm saß , den Degen aus der Scheide . So mit dem Degen aufgerichtet , sah der lange Mann mit seinen verworrenen Haaren und bleichem Gesichte fast gespensterartig aus . Beide hieben in demselben Augenblicke wütend aufeinander ein , denn Leontin ging unter diesen Verrückten nicht unbewaffnet aus . Ein Strom von Blut drang plötzlich aus Rudolfs Arme und machte der seltsamen Verblendung ein Ende . Alles dieses war das Werk eines Augenblicks . Friedrich war indes auch herbeigeeilt , und beide Freunde waren bemüht , das Blut des verwundeten Rudolfs mit ihren Tüchern zu stillen , worauf sie ihn näher an sein Schloß führten . Als er sich nach einiger Zeit wieder erholt hatte , und die Gemüter beruhigt waren , äußerte Friedrich seine Verwunderung , wie er so einsam in dieser Gesellschaft aushalten könne . » Und was ist es denn mehr und anders « , sagte Rudolf , » als in der andern gescheiten Welt ? Da steht auch jeder mit seinen besondern , eigenen Empfindungen , Gedanken , Ansichten und Wünschen neben dem andern wieder mit seinem besondern Wesen , und wie sie sich auch , gleichwie mit Polypenarmen , künstlich betasten und einander recht aus dem Grunde herauszufühlen trachten , es weiß ja doch am Ende keiner , was er selber ist oder was der andere eigentlich meint und haben will , und so muß jeder dem andern verrückt sein , wenn es übrigens Narren sind , die überhaupt noch etwas meinen oder wollen . Das einzige Tolle bei jenen Verrückten von Profession aber ist nur , daß sie dabei noch glücklich sind . « Bei diesen Worten erblickte er das vielerwähnte Medaillon von Erwin , das Friedrich nur halbverborgen unter dem Rocke trug . Er ging schnell auf Friedrich zu . » Woher hast du das ? « fragte er , und nahm das Bild zu sich . Er schien bewegt , als sie ihm erzählten , von wem sie es hatten und daß Erwin gestorben sei , doch konnte man nicht unterscheiden , ob es Zorn oder Rührung war . Er sah darauf das Bild lange Zeit an und sagte kein Wort . Durch die Ermattung von dem Blutverluste , sowie durch den unerwarteten Anblick des Portraits , schien seine Wildheit einigermaßen gebändigt . Die beiden Freunde drangen daher in ihn , ihnen endlich Aufschluß über das alles zu geben , und , wo möglich , seine Lebensgeschichte zu erzählen , auf welche sie beide sehr begierig waren , da sie wohl bemerkten , daß er mit diesem Mädchen und vielen andern Rätseln in einem nahen Zusammenhange stehen müsse . Er war heut wirklich ruhig genug dazu . Er setzte sich , ohne sich weiter nötigen zu lassen , neben ihnen auf den Rasen und begann sogleich folgendermaßen : Dreiundzwanzigstes Kapitel » Wenn ich mein Leben überdenke , ist mir so totenstill und nüchtern , wie nach einem Balle , wenn der Saal noch wüst und schwül qualmt und ein Licht nach dem andern verlöscht , weil andere Lichter durch die zerschlagenen Fenster hineinschielen , und man reißt die Kleider von der Brust und steigt draußen auf den höchsten Berg und sieht der Sonne entgegen , ob sie nicht bald aufgehn will - Doch ich will ruhig erzählen : Die erste Begebenheit meines Lebens , an die ich mich wie an einen Traum erinnere , war eine große Feuersbrunst . Es war in der Nacht , die Mutter fuhr mit uns und noch einigen fremden Leuten , auf die ich mich nicht mehr besinne , im Kahne über einen großen See . Mehrere Schlösser und Dörfer brannten ringsumher an den Ufern und der Widerschein von den Flammen spiegelte sich bis weit in den See hinein . Meine Wärterin hob mich aus dem Kahne hoch in die Höhe und ich langte mit beiden Armen nach dem Feuer . Alle die fremden Leute im Kahne waren still , meine Mutter weinte sehr ; man sagte mir , mein Vater sei tot . - Noch eines Umstandes muß ich dabei gedenken , weil er seltsam mit meinem übrigen Leben zusammenhängt . Als wir nämlich , soviel ich mich erinnere , gleichsam aus Flammen in den Kahn einstiegen , erblickte ich einen Knaben etwa von meinem Alter , den ich sonst nie gesehn hatte . Der lachte uns aus , tanzte an dem Feuer mit höhnenden Gebärden und schnitt mir Gesichter . Ich nahm schnell einen Stein und warf ihn ihm mit einer für mein Alter ungewöhnlichen Kraft an den Kopf , daß er umfiel . Sein Gesicht ist mir noch jetzt ganz deutlich und ich wurde den widrigen Eindruck dieser Begebenheit niemals wieder los . - Das ist alles , was mir von jener merkwürdigen Nacht übrigblieb , deren Stille , Wunderbilder und feurige Widerscheine