tun kann . Ihr seid , mein Bruder , noch zu sehr geschwächt , um von Dingen , die wahrscheinlich aus Euerm frühern Leben schmerzhafte Erinnerungen aufregen , so anhaltend fortzusprechen ; Ihr könnet ja nach und nach von Euerm Freunde alles erfahren , denn wenn Ihr auch ganz genesen unsere Anstalt verlasset , so wird Euch doch wohl Euer Freund weiter geleiten . Zudem habt Ihr ( er wandte sich zu Schönfeld ) eine Art des Vortrags , die ganz dazu geeignet ist , alles das , wovon Ihr sprecht , dem Zuhörer lebendig vor Augen zu bringen . In Deutschland muß man Euch für toll halten , und selbst bei uns würdet Ihr für einen guten Buffone gelten . Ihr könnt auf dem komischen Theater Euer Glück machen . « Schönfeld starrte den Geistlichen mit weit aufgerissenen Augen an , dann erhob er sich auf den Fußspitzen , schlug die Hände über den Kopf zusammen und rief auf italienisch : » Geisterstimme ! ... Schicksalsstimme , du hast aus dem Munde dieses ehrwürdigen Herrn zu mir gesprochen ! ... Belcampo ... Belcampo ... so konntest du deinen wahrhaften Beruf verkennen ... es ist entschieden ! « - Damit sprang er zur Türe hinaus . Den andern Morgen trat er reisefertig zu mir herein . » Du bist , mein lieber Bruder Medardus , « sprach er , » nunmehr ganz genesen , du bedarfst meines Beistandes nicht mehr , ich ziehe fort , wohin mich mein innerster Beruf leitet ... Lebe wohl ! ... doch erlaube daß ich zum letztenmal meine Kunst , die mir nun wie ein schnödes Gewerbe vorkommt , an dir übe . « Er zog Messer , Schere und Kamm hervor und brachte unter tausend Grimassen und possenhaften Reden meine Tonsur und meinen Bart in Ordnung . Der Mensch war mir trotz der Treue , die er mir bewiesen , unheimlich worden , ich war froh , als er geschieden . Der Arzt hatte mir mit stärkender Arznei ziemlich aufgeholfen ; meine Farbe war frischer worden , und durch immer längere Spaziergänge gewann ich meine Kräfte wieder . Ich war überzeugt , eine Fußreise aushalten zu können , und verließ ein Haus , das dem Geisteskranken wohltätig , dem Gesunden aber unheimlich und grauenvoll sein mußte . Man hatte mir die Absicht untergeschoben , nach Rom zu pilgern , ich beschloß , dieses wirklich zu tun , und so wandelte ich fort auf der Straße , die als dorthin führend mir bezeichnet worden war . Unerachtet mein Geist vollkommen genesen , war ich mir doch selbst eines gefühllosen Zustandes bewußt , der über jedes im Innern aufkeimende Bild einen düstern Flor warf , so daß alles farblos , grau in grau erschien . Ohne alle deutliche Erinnerung des Vergangenen , beschäftigte mich die Sorge für den Augenblick ganz und gar . Ich sah in die Ferne , um den Ort zu erspähen , wo ich würde einsprechen können , um mir Speise oder Nachtquartier zu erbetteln , und war recht innig froh , wenn Andächtige meinen Bettelsack und meine Flasche gut gefüllt hatten , wofür ich meine Gebete mechanisch herplapperte . Ich war selbst im Geist zum gewöhnlichen stupiden Bettelmönch herabgesunken . So kam ich endlich an das große Kapuzinerkloster , das , wenige Stunden von Rom , nur von Wirtschaftsgebäuden umgeben , einzeln daliegt . Dort mußte man den Ordensbruder aufnehmen , und ich gedachte , mich in voller Gemächlichkeit recht auszupflegen . Ich gab vor , daß , nachdem das Kloster in Deutschland , worin ich mich sonst befand , aufgehoben worden , ich fortgepilgert sei und in irgend ein anderes Kloster meines Ordens einzutreten wünsche . Mit der Freundlichkeit , die den italienischen Mönchen eigen , bewirtete man mich reichlich , und der Prior erklärte , daß , insofern mich nicht vielleicht die Erfüllung eines Gelübdes weiter zu pilgern nötige , ich als Fremder so lange im Kloster bleiben könne , als es mir anstehen würde . Es war Vesperzeit , die Mönche gingen in den Chor , und ich trat in die Kirche . Der kühne , herrliche Bau des Schiffs setzte mich nicht wenig in Verwunderung , aber mein zur Erde gebeugter Geist konnte sich nicht erheben , wie es sonst geschah , seit der Zeit , als ich , ein kaum erwachtes Kind , die Kirche der heiligen Linde geschaut hatte . Nachdem ich mein Gebet am Hochaltar verrichtet , schritt ich durch die Seitengänge , die Altargemälde betrachtend , welche , wie gewöhnlich , die Martyrien der Heiligen , denen sie geweiht , darstellten . Endlich trat ich in eine Seitenkapelle , deren Altar von den durch die bunten Fensterscheiben brechenden Sonnenstrahlen magisch beleuchtet wurde . Ich wollte das Gemälde betrachten , ich stieg die Stufen hinauf . - Die heilige Rosalia - das verhängnisvolle Altarblatt meines Klosters - Ach ! - Aurelien erblickte ich ! Mein ganzes Leben - meine tausendfachen Frevel - meine Missetaten - Hermogens - Aureliens Mord - alles - alles nur ein entsetzlicher Gedanke , und der durchfuhr wie ein spitzes glühendes Eisen mein Gehirn . - Meine Brust - Adern und Fibern , zerrissen im wilden Schmerz der grausamsten Folter ! - Kein lindernder Tod ! - Ich warf mich nieder - ich zerriß in rasender Verzweiflung mein Gewand - ich heulte auf im trostlosen Jammer , daß es weit in der Kirche nachhallte : » Ich bin verflucht , ich bin verflucht ! - Keine Gnade - kein Trost mehr , hier und dort ! - Zur Hölle - zur Hölle - ewige Verdammnis über mich verruchten Sünder beschlossen ! « - Man hob mich auf - die Mönche waren in der Kapelle , vor mir stand der Prior , ein hoher ehrwürdiger Greis . Er schaute mich an mit unbeschreiblich mildem Ernst , er faßte meine Hände , und es war , als halte ein Heiliger , von himmlischem Mitleid erfüllt , den Verlornen in den Lüften über dem Flammenpfuhl fest , in den er hinabstürzen wollte . » Du bist krank , mein Bruder ! « sprach der Prior , » wir wollen dich in das Kloster bringen , da magst du dich erholen . « Ich küßte seine Hände , sein Kleid , ich konnte nicht sprechen , nur tiefe angstvolle Seufzer verrieten den fürchterlichen , zerrissenen Zustand meiner Seele . - Man führte mich in das Refektorium , auf einen Wink des Priors entfernten sich die Mönche , ich blieb mit ihm allein . » Du scheinst , mein Bruder , « fing er an , » von schwerer Sünde belastet , denn nur die tiefste , trostloseste Reue über eine entsetzliche Tat kann sich so gebärden . Doch groß ist die Langmut des Herrn , stark und kräftig ist die Fürsprache der Heiligen , fasse Vertrauen - du sollst mir beichten , und es wird dir , wenn du büßest , Trost der Kirche werden ! « In dem Augenblick schien es mir , als sei der Prior jener alte Pilger aus der heiligen Linde , und nur der sei das einzige Wesen auf der ganzen weiten Erde , dem ich mein Leben voller Sünde und Frevel offenbaren müsse . Noch war ich keines Wortes mächtig , ich warf mich vor dem Greise nieder in den Staub . » Ich gehe in die Kapelle des Klosters , « sprach er mit feierlichem Ton und schritt von dannen . - Ich war gefaßt - ich eilte ihm nach , er saß im Beichtstuhl , und ich tat augenblicklich , wozu mich der Geist unwiderstehlich trieb ; ich beichtete alles - alles ! - Schrecklich war die Buße , die mir der Prior auflegte . Verstoßen von der Kirche , wie ein Aussätziger verbannt aus den Versammlungen der Brüder , lag ich in den Totengewölben des Klosters , mein Leben kärglich fristend durch unschmackhafte , in Wasser gekochte Kräuter , mich geißelnd und peinigend mit Marterinstrumenten , die die sinnreichste Grausamkeit erfunden , und meine Stimme erhebend nur zur eigenen Anklage , zum zerknirschten Gebet um Rettung aus der Hölle , deren Flammen schon in mir loderten . Aber wenn das Blut aus hundert Wunden rann , wenn der Schmerz in hundert giftigen Skorpionstichen brannte und dann endlich die Natur erlag , bis der Schlaf sie wie ein ohnmächtiges Kind schützend mit seinen Armen umfing , dann stiegen feindliche Traumbilder empor , die mir neue Todesmarter bereiteten . - Mein ganzes Leben gestaltete sich auf entsetzliche Weise . Ich sah Euphemien , wie sie in üppiger Schönheit mir nahte , aber laut schrie ich auf : » Was willst du von mir , Verruchte ! Nein , die Hölle hat keinen Teil an mir . « Da schlug sie ihr Gewand auseinander , und die Schauer der Verdammnis ergriffen mich . Zum Gerippe eingedorrt war ihr Leib , aber in dem Gerippe wanden sich unzählige Schlangen durcheinander und streckten ihre Häupter , ihre rotglühenden Zungen mir entgegen . » Laß ab von mir ! ... Deine Schlangen stechen hinein in die wunde Brust ... sie wollen sich mästen von meinem Herzblut ... aber dann sterbe ich ... dann sterbe ich ... der Tod entreißt mich deiner Rache . « So schrie ich auf , da heulte die Gestalt : - » Meine Schlangen können sich nähren von deinem Herzblut ... aber das fühlst du nicht , denn das ist nicht deine Qual - deine Qual ist in dir und tötet dich nicht , denn du lebst in ihr . Deine Qual ist der Gedanke des Frevels , und der ist ewig ! « - Der blutende Hermogen stieg auf , aber vor ihm floh Euphemie , und er rauschte vorüber , auf die Halswunde deutend , die die Gestalt des Kreuzes hatte . Ich wollte beten , da begann ein sinnverwirrendes Flüstern und Rauschen . Menschen , die ich sonst gesehen , erschienen zu tollen Fratzen verunstaltet . - Köpfe krochen mit Heuschreckenbeinen , die ihnen an die Ohren gewachsen , umher und lachten mich hämisch an - seltsames Geflügel - Raben mit Menschengesichtern rauschten in der Luft - Ich erkannte den Konzertmeister aus B. mit seiner Schwester , die drehte sich in wildem Walzer , und der Bruder spielte dazu auf , aber auf der eigenen Brust streichend , die zur Geige worden . - Belcampo , mit einem häßlichen Eidechsengesicht , auf einem ekelhaften geflügelten Wurm sitzend , fuhr auf mich ein , er wollte meinen Bart kämmen mit eisernem glühendem Kamm - aber es gelang ihm nicht . - Toller und toller wird das Gewirre , seltsamer , abenteuerlicher werden die Gestalten , von der kleinsten Ameise mit tanzenden Menschenfüßchen bis zum langgedehnten Roßgerippe mit funkelnden Augen , dessen Haut zur Schabracke worden , auf der ein Reuter mit leuchtendem Eulenkopfe sitzt . - Ein bodenloser Becher ist sein Leibharnisch - ein umgestülpter Trichter sein Helm ! - Der Spaß der Hölle ist emporgestiegen . Ich höre mich lachen , aber dies Lachen zerschneidet die Brust , und brennender wird der Schmerz , und heftiger bluten alle Wunden . - Die Gestalt eines Weibes leuchtet hervor , das Gesindel weicht - sie tritt auf mich zu ! - Ach , es ist Aurelie ! » Ich lebe und bin nun ganz dein ! « spricht die Gestalt . - Da wird der Frevel in mir wach . - Rasend vor wilder Begier , umschlinge ich sie mit meinen Armen . - Alle Ohnmacht ist von mir gewichen , aber da legt es sich glühend an meine Brust - rauhe Borsten zerkratzen meine Augen , und der Satan lacht gellend auf : » Nun bist du ganz mein ! « - Mit dem Schrei des Entsetzens erwache ich , und bald fließt mein Blut in Strömen von den Hieben der Stachelpeitsche , mit der ich mich in trostloser Verzweiflung züchtige . Denn selbst die Frevel des Traums , jeder sündliche Gedanke fordert doppelte Buße . - Endlich war die Zeit , die der Prior zur strengsten Buße bestimmt hatte , verstrichen , und ich stieg empor aus dem Totengewölbe , um in dem Kloster selbst , aber in abgesonderter Zelle , entfernt von den Brüdern , die nun mir auferlegten Bußübungen vorzunehmen . Dann , immer in geringern Graden der Buße , wurde mir der Eintritt in die Kirche und in den Chor der Brüder erlaubt . Doch mir selbst genügte nicht diese letzte Art der Buße , die nur in täglicher gewöhnlicher Geißelung bestehen sollte . Ich wies standhaft jede bessere Kost zurück , die man mir reichen wollte , ganze Tage lag ich ausgestreckt auf dem kalten Marmorboden vor dem Bilde der heiligen Rosalia und marterte mich in einsamer Zelle selbst auf die grausamste Weise , denn durch äußere Qualen gedachte ich die innere gräßliche Marter zu übertäuben . Es war vergebens , immer kehrten jene Gestalten , von dem Gedanken erzeugt , wieder , und dem Satan selbst war ich preisgegeben , daß er mich höhnend foltere und verlocke zur Sünde . Meine strenge Buße , die unerhörte Weise , wie ich sie vollzog , erregte die Aufmerksamkeit der Mönche . Sie betrachteten mich mit ehrfurchtsvoller Scheu , und ich hörte es sogar unter ihnen flüstern : » Das ist ein Heiliger ! « Dies Wort war mir entsetzlich , denn nur zu lebhaft erinnerte es mich an jenen gräßlichen Augenblick in der Kapuzinerkirche zu B. , als ich dem mich anstarrenden Maler in vermessenem Wahnsinn entgegenrief : » Ich bin der heilige Antonius ! « - Die letzte von dem Prior bestimmte Zeit der Buße war endlich auch verflossen , ohne daß ich davon abließ , mich zu martern , unerachtet meine Natur der Qual zu erliegen schien . Meine Augen waren erloschen , mein wunder Körper ein blutendes Gerippe , und es kam dahin , daß , wenn ich stundenlang am Boden gelegen , ich ohne Hilfe anderer nicht aufzustehen vermochte . Der Prior ließ mich in sein Sprachzimmer bringen . » Fühlst du , mein Bruder , « fing er an , » durch die strenge Buße dein Inneres erleichtert ? Ist Trost des Himmels dir worden ? « - » Nein , ehrwürdiger Herr , « erwiderte ich in dumpfer Verzweiflung . » Indem ich dir , « fuhr der Prior mit erhöhter Stimme fort , » indem ich dir , mein Bruder , da du mir eine Reihe entsetzlicher Taten gebeichtet hattest , die strengste Buße auflegte , genügte ich den Gesetzen der Kirche , welche wollen , daß der Übeltäter , den der Arm der Gerechtigkeit nicht erreichte und der reuig dem Diener des Herrn seine Verbrechen bekannte , auch durch äußere Handlungen die Wahrheit seiner Reue kund tue . Er soll den Geist ganz dem Himmlischen zuwenden und doch das Fleisch peinigen , damit die irdische Marter jede teuflische Lust der Untaten aufwäge . Doch glaube ich , und mir stimmen berühmte Kirchenlehrer bei , daß die entsetzlichsten Qualen , die sich der Büßende zufügt , dem Gewicht seiner Sünden auch nicht ein Quentlein entnehmen , sobald er darauf seine Zuversicht stützt und der Gnade des Ewigen deshalb sich würdig dünkt . Keiner menschlichen Vernunft erforschlich ist es , wie der Ewige unsere Taten mißt , verloren ist der , der , ist er auch von wirklichem Frevel rein , vermessen glaubt , den Himmel zu erstürmen durch äußeres Frommtun , und der Büßende , welcher nach der Bußübung seinen Frevel vertilgt glaubt , beweiset , daß seine innere Reue nicht wahrhaft ist . Du , lieber Bruder Medardus , empfindest noch keine Tröstung , das beweiset die Wahrhaftigkeit deiner Reue , unterlasse jetzt , ich will es , alle Geißelungen , nimm bessere Speise zu dir und fliehe nicht mehr den Umgang der Brüder . - Wisse , daß dein geheimnisvolles Leben mir in allen seinen wunderbarsten Verschlingungen besser bekannt worden als dir selbst . - Ein Verhängnis , dem du nicht entrinnen konntest , gab dem Satan Macht über dich , und indem du freveltest , warst du nur sein Werkzeug . Wähne aber nicht , daß du deshalb weniger sündig vor den Augen des Herrn erschienest , denn dir war die Kraft gegeben , im rüstigen Kampf den Satan zu bezwingen . In wessen Menschen Herz stürmt nicht der Böse und widerstrebt dem Guten ; aber ohne diesen Kampf gäb ' es keine Tugend , denn diese ist nur der Sieg des guten Prinzips über das böse , sowie aus dem umgekehrten die Sünde entspringt . - Wisse fürs erste , daß du dich eines Verbrechens anklagst , welches du nur im Willen vollbrachtest . - Aurelie lebt , in wildem Wahnsinn verletztest du dich selbst , das Blut deiner eigenen Wunde war es , was über deine Hand floß ... Aurelie lebt ... ich weiß es . « Ich stürzte auf die Knie , ich hob meine Hände betend empor , tiefe Seufzer entflohen der Brust , Tränen quollen aus den Augen ! - » Wisse ferner , « fuhr der Prior fort , » daß jener alte fremde Maler , von dem du in der Beichte gesprochen , schon so lange , als ich denken kann , zuweilen unser Kloster besucht hat und vielleicht bald wieder eintreffen wird . Er hat ein Buch mir in Verwahrung gegeben , welches verschiedene Zeichnungen , vorzüglich aber eine Geschichte enthält , der er jedesmal , wenn er bei uns einsprach , einige Zeilen zusetzte . - Er hat mir nicht verboten , das Buch jemanden in die Hände zu geben , und um so mehr will ich es dir anvertrauen , als dies meine heiligste Pflicht ist . Den Zusammenhang deiner eignen , seltsamen Schicksale , die dich bald in eine höhere Welt wunderbarer Visionen , bald in das gemeinste Leben versetzten , wirst du erfahren . Man sagt , das Wunderbare sei von der Erde verschwunden , ich glaube nicht daran . Die Wunder sind geblieben , denn wenn wir selbst das Wunderbarste , von dem wir täglich umgeben , deshalb nicht mehr so nennen wollen , weil wir einer Reihe von Erscheinungen die Regel der zyklischen Wiederkehr abgelauert haben , so fährt doch oft durch jenen Kreis ein Phänomen , das all unsre Klugheit zuschanden macht und an das wir , weil wir es nicht zu erfassen vermögen , in stumpfsinniger Verstocktheit nicht glauben . Hartnäckig leugnen wir dem innern Auge deshalb die Erscheinung ab , weil sie zu durchsichtig war , um sich auf der rauhen Fläche des äußern Auges abzuspiegeln . - Jenen seltsamen Maler rechne ich zu den außerordentlichen Erscheinungen , die jeder erlauerten Regel spotten ; ich bin zweifelhaft , ob seine körperliche Erscheinung das ist , was wir wahr nennen . So viel ist gewiß , daß niemand die gewöhnlichen Funktionen des Lebens bei ihm bemerkt hat . Auch sah ich ihn niemals schreiben oder zeichnen , unerachtet im Buch , worin er nur zu lesen schien , jedesmal , wenn er bei uns gewesen , mehr Blätter als vorher beschrieben waren . Seltsam ist es auch , daß mir alles im Buche nur verworrenes Gekritzel , undeutliche Skizze eines phantastischen Malers zu sein schien und nur dann erst erkennbar und lesbar wurde , als du , mein lieber Bruder Medardus , mir gebeichtet hattest . - Nicht näher darf ich mich darüber auslassen , was ich rücksichts des Malers ahne und glaube . Du selbst wirst es erraten , oder vielmehr das Geheimnis wird sich dir von selbst auftun . Gehe , erkräftige dich , und fühlst du dich , wie ich glaube , daß es in wenigen Tagen geschehen wird , im Geiste aufgerichtet , so erhältst du von mir des fremden Malers wunderbares Buch . « - Ich tat nach dem Willen des Priors , ich aß mit den Brüdern , ich unterließ die Kasteiungen und beschränkte mich auf inbrünstiges Gebet an den Altären der Heiligen . Blutete auch meine Herzenswunde fort , wurde auch nicht milder der Schmerz , der aus dem Innern heraus mich durchbohrte , so verließen mich doch die entsetzlichen Traumbilder , und oft , wenn ich , zum Tode matt , auf dem harten Lager schlaflos lag , umwehte es mich wie mit Engelsfittichen , und ich sah die holde Gestalt der lebenden Aurelie , die , himmlisches Mitleiden im Auge voll Tränen , sich über mich hinbeugte . Sie streckte die Hand , wie mich beschirmend , aus über mein Haupt , da senkten sich meine Augenlider , und ein sanfter erquickender Schlummer goß neue Lebenskraft in meine Adern . Als der Prior bemerkte , daß mein Geist wieder einige Spannung gewonnen , gab er mir des Malers Buch und ermahnte mich , es aufmerksam in seiner Zelle zu lesen . - Ich schlug es auf , und das erste , was mir ins Auge fiel , waren die in Umrissen angedeuteten und dann in Licht und Schatten ausgeführten Zeichnungen der Fresko-Gemälde in der heiligen Linde . Nicht das mindeste Erstaunen , nicht die mindeste Begierde , schnell das Rätsel zu lösen , regte sich in mir auf . Nein ! - Es gab kein Rätsel für mich , längst wußte ich ja alles , was in diesem Malerbuch aufbewahrt worden . Das , was der Maler auf den letzten Seiten des Buchs in kleiner , kaum lesbarer bunt gefärbter Schrift zusammengetragen hatte , waren meine Träume , meine Ahnungen , nur deutlich , bestimmt in scharfen Zügen dargestellt , wie ich es niemals zu tun vermochte . Eingeschaltete Anmerkung des Herausgebers Bruder Medardus fährt hier , ohne sich weiter auf das , was er im Malerbuche fand , einzulassen , in seiner Erzählung fort , wie er Abschied nahm von dem in seine Geheimnisse eingeweihten Prior und von den freundlichen Brüdern , und wie er nach Rom pilgerte und überall , in Sankt Peter , in St. Sebastian und Laurenz , in St. Giovanni a Laterano , in Sankta Maria Maggiore u.s.w. an allen Altären kniete und betete , wie er selbst des Papstes Aufmerksamkeit erregte und endlich in einen Geruch der Heiligkeit kam , der ihn - da er jetzt wirklich ein reuiger Sünder worden und wohl fühlte , daß er nichts mehr alt das sei - von Rom vertrieb . Wir , ich meine dich und mich , mein günstiger Leser , wissen aber viel zu wenig Deutliches von den Ahnungen und Träumen des Bruders Medardus , als daß wir , ohne zu lesen , was der Maler aufgeschrieben , auch nur im mindesten das Band zusammenzuknüpfen vermöchten , welches die verworren anseinander laufenden Fäden der Geschichte des Medardus wie in einen Knoten einigt . Ein besseres Gleichnis übrigens ist es , daß uns der Fokus fehlt , aus dem die verschiedenen bunten Strahlen brachen . Das Manuskript des seligen Kapuziners war in altes vergelbtes Pergament eingeschlagen und dies Pergament mit kleiner , beinahe unleserlicher Schrift beschrieben , die , da sich darin eine ganz seltsame Hand kund tat , meine Neugierde nicht wenig reizte . Nach vieler Mühe gelang es mir , Buchstaben und Worte zu entziffern , und wie erstaunte ich , als es mir klar wurde , daß es jene im Malerbuch aufgezeichnete Geschichte sei , von der Medardus spricht . Im alten Italienisch ist sie beinahe chronikenartig und sehr aphoristisch geschrieben . Der seltsame Ton klingt im Deutschen nur rauh und dumpf wie ein gesprungenes Glas , doch war es nötig , zum Verständnis des Ganzen hier die Übersetzung einzuschalten ; dies tue ich , nachdem ich nur noch folgendes wehmütigst bemerkt . Die fürstliche Familie , aus der jener oft genannte Francesko abstammte , lebt noch in Italien , und ebenso leben noch die Nachkömmlinge des Fürsten , in dessen Residenz sich Medardus aufhielt . Unmöglich war es daher , die Namen zu nennen , und unbehilflicher , ungeschickter ist niemand auf der ganzen Welt , als derjenige , der dir , günstiger Leser , dies Buch in die Hände gibt , wenn er Namen erdenken soll da , wo schon wirkliche , und zwar schön und romantisch tönende , vorhanden sind , wie es hier der Fall war . Bezeichneter Herausgeber gedachte sich sehr gut mit dem : der Fürst , der Baron u.s.w. herauszuhelfen , nun aber der alte Maler die geheimnisvollen , verwickeltsten Familienverhältnisse ins klare stellt , sieht er wohl ein , daß er mit den allgemeinen Bezeichnungen nicht vermag ganz verständlich zu werden . Er müßte den einfachen Chroniken-Choral des Malers mit allerlei Erklärungen und Zurechtweisungen wie mit krausen Figuren verschnörkeln und verbrämen . - Ich trete in die Person des Herausgebers und bitte dich , günstiger Leser , du wollest , ehe du weiter liesest , folgendes dir gütigst merken . Camillo , Fürst von P. , tritt als Stammvater der Familie auf , aus der Francesko , des Medardus Vater , stammt . Theodor , Fürst von W. , ist der Vater des Fürsten Alexander von W. , an dessen Hofe sich Medardus aufhielt . Sein Bruder Albert , Fürst von W. , vermählte sich mit der italienischen Prinzessin Giazinta B. Die Familie des Barons F. im Gebirge ist bekannt , und nur zu bemerken , daß die Baronesse von F. aus Italien abstammte , denn sie war die Tochter des Grafen Pietro S. , eines Sohnes des Grafen Filippo S. Alles wird sich , lieber Leser , nun klärlich dartun , wenn du diese wenigen Vornamen und Buchstaben im Sinn behältst . Es folgt nunmehr statt der Fortsetzung der Geschichte das Pergamentblatt des alten Malers . - - - Und es begab sich , daß die Republik Genua , hart bedrängt von den algierischen Korsaren , sich an den großen Seehelden Camillo , Fürsten von P. , wandte , daß er mit vier wohl ausgerüsteten und bemannten Galeonen einen Streifzug gegen die verwegenen Räuber unternehmen möge . Camillo , nach ruhmvollen Taten dürstend , schrieb sofort an seinen ältesten Sohn Francesko , daß er kommen möge , in des Vaters Abwesenheit das Land zu regieren . Francesko übte in Leonardo da Vincis Schule die Malerei , und der Geist der Kunst hatte sich seiner so ganz und gar bemächtigt , daß er nichts anders denken konnte . Daher hielt er auch die Kunst höher als alle Ehre und Pracht auf Erden , und alles übrige Tun und Treiben der Menschen erschien ihm als ein klägliches Bemühen um eitlen Tand . Er konnte von der Kunst und von dem Meister , der schon hoch in den Jahren war , nicht lassen und schrieb daher dem Vater zurück , daß er wohl den Pinsel , aber nicht den Zepter zu führen verstehe und bei Leonardo bleiben wolle . Da war der alte stolze Fürst Camillo hoch erzürnt , schalt den Sohn einen unwürdigen Toren und schickte vertraute Diener ab , die den Sohn zurückbringen sollten . Als nun aber Francesko standhaft verweigerte , zurückzukehren , als er erklärte , daß ein Fürst , von allem Glanz des Throns umstrahlt , ihm nur ein elendiglich Wesen dünke gegen einen tüchtigen Maler und daß die größten Kriegestaten nur ein grausames irdisches Spiel wären , dagegen die Schöpfung des Malers die reine Abspiegelung des ihm inwohnenden göttlichen Geistes sei , da ergrimmte der Seeheld Camillo und schwur , daß er den Francesko verstoßen und seinem jüngern Bruder Zenobio die Nachfolge zusichern wolle . Francesko war damit gar zufrieden , ja er trat in einer Urkunde seinem jüngern Bruder die Nachfolge auf den fürstlichen Thron mit aller Form und Feierlichkeit ab , und so begab es sich , daß , als der alte Fürst Camillo in einem harten blutigen Kampfe mit den Algierern sein Leben verloren hatte , Zenobio zur Regierung kam , Francesko dagegen , seinen fürstlichen Stand und Namen verleugnend , ein Maler wurde und von einem kleinen Jahrgehalt , den ihm der regierende Bruder ausgesetzt , kümmerlich genug lebte . Francesko war sonst ein stolzer , übermütiger Jüngling gewesen , nur der alte Leonardo zähmte seinen wilden Sinn , und als Francesko dem fürstlichen Stand entsagt hatte , wurde er Leonardos frommer , treuer Sohn . Er half dem Alten manch wichtiges großes Werk vollenden , und es geschah , daß der Schüler , sich hinaufschwingend zu der Höhe des Meisters , berühmt wurde und manches Altarblatt für Kirchen und Klöster malen mußte . Der alte Leonardo stand ihm treulich bei mit Rat und Tat , bis er denn endlich im hohen Alter starb . Da brach wie ein lange mühsam unterdrücktes Feuer in dem Jüngling Francesko wieder der Stolz und Übermut hervor . Er hielt sich für den größten Maler seiner Zeit , und die erreichte Kunstvollkommenheit mit seinem Stande paarend , nannte er sich selbst den fürstlichen Maler . Von dem alten Leonardo sprach er verächtlich und schuf , abweichend von dem frommen , einfachen Stil , sich eine neue Manier , die mit der Üppigkeit der Gestalten und dem prahlenden Farbenglanz die Augen der Menge verblendete , deren übertriebene Lobsprüche ihn immer eitler und übermütiger machten . Es geschah , daß er zu Rom unter wilde , ausschweifende Jünglinge geriet , und wie er nun in allem der erste und vorzüglichste zu sein begehrte , so war er bald im wilden Sturm des Lasters der rüstigste Segler . Ganz von der falschen , trügerischen Pracht des Heidentums verführt , bildeten die Jünglinge , an deren Spitze Francesko stand , einen geheimen Bund , in dem sie , das Christentum auf frevelige Weise verspottend , die Gebräuche der alten Griechen nachahmten und mit frechen Dirnen verruchte sündhafte Feste feierten . Es waren Maler , aber noch mehr Bildhauer unter ihnen , die wollten nur von der antikischen Kunst etwas wissen und verlachten alles , was neue Künstler , von dem heiligen Christentum entzündet , zur Glorie desselben erfunden und herrlich ausgeführt hatten . Francesko malte in unheiliger Begeisterung viele Bilder aus der