Augenblick von neuem alles Blut ins Gesicht trieb . Noch am Morgen war sie ganz zerknirscht ; nie hatte ein Mann ihr ganzes Gemüt so in seiner Gewalt gehabt , weil sie nie eigentlich geliebt hatte ; sie fühlte etwas Neues zwischen sich und dem Marchese entstehen , das sie nach allen Beschreibungen der Bücher für die wahre Liebe halten mußte ; sie fühlte in ihm ein Hinaussetzen über alle Verhältnisse , vor dem ihr grauete und das sie reizte , weil es den Keim zur Verderbnis in ihr plötzlich zum Aufwachsen regte . Ihr Mann war ihr durch das Lied ganz verhaßt ; durch eine häufige Mißdeutung des Gefühls glaubte sie in ihm die wahre Ursache ihrer Beschämung ; bald kam es ihr vor , als habe er sie boshaft dem Marchese ganz überlassen wollen ; sie fand es plötzlich ein himmelschreiendes Unrecht von ihm , eine junge freudige Frau so allein ohne einigen Genuß zurück zu lassen . - Mißverständnisse sind die Blüten des Bösen , nur die Guten verstehen sich mit Guten zum Guten ganz und immer . Dem Marchese war nichts entgangen : seine gewonnene Überlegenheit , ihr Zutrauen breitete er mit rastlosem Eifer aus . Da sie ihrem Manne sonst meist nur aus Eigensinn , nicht aus verschiedener Ansicht widersprochen , denn sie nahm eigentlich nur von wenigem eine begründete Kenntnis an , so mußte ihr Urteil an diesem klugen kalten Sprecher leicht brechen , die Folge davon war , daß sie von ihm lernen wollte . Nun umspann er sie leise mit mancherlei geheimnisvollen Wissenschaften , höherer Philosophie , Astrologie und Geisterbeschwörung ; er kannte von allem nur das , was auf das Gemüt wirkt und das Urteil beschränkt , und so führte er sie bald in eine neue Welt , unter der ihre gewohnte tief unten in niedriger Entfernung lag ; so verschwand ihr auch der Graf mit dem notwendigen schönen Eindrucke , den seine Lebensweise auf jeden ihn Umgebenden machte . Jede Zeit hat ihre eigne Art Geister , ihre Art sie zu denken und zu zitieren ; einstmals rasselten sie alle wie Festungsgefangene mit Ketten , sprachen vom Fegefeuer , und forderten Gebete von den Ihren ; späterhin wurden sie wissenschaftlicher , und forderten zu ihrer Beschwörung große Kenntnisse , Anschaffung seltener chemischer Bereitungen , und in diesem Sinne wirken noch immer die Rosenkreuzer . Der Marchese hatte sich alle Geheimnisse der Rosenkreuzer angeeignet , um sie , vermischt mit dem Mesmerschen Magnetismus als eine furchtbare Geisterhand in das Innerste der Gemüter auszustrecken . Er zeigte der Gräfin unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit manche Briefe ausgezeichneter Männer der Zeit , die ihn als ein unbekanntes Oberhaupt der Geister und der höheren geistigen Weltregierung ansahen ; sie staunte über die Gewalt , die er über alle ausübte , und in diesem Sinne wurden ihr selbst unbedeutende Äußerungen von ihm bedeutend ; manches Zeichen , das er willkürlich machte , hatte ihr einen tieferen Sinn . Oft brachte er ihr , ohne ihr Wissen , magnetisierte Blumensträuße , die sie mit einander in eine Berührung setzten , daß sie in ihrem Innern , was er wollte , anschauen mußte . Eines Abends las er ihr aus einem geschriebenen Buche von der chymischen Hochzeit6 vor , das er sich selbst zuschrieb und von dessen Wunderbarkeit wir einen kleinen Vorschmack geben wollen : » An einem Abend vor dem Ostertage saß ich an einem Tische , wo ich der vielen großen Geheimnisse dachte , deren mir der Vater des Lichts nicht wenig sehen lassen . Als ich nun mir mit meinem lieben Osterlämmlein , ein ungesäuert unbeflecktes Küchlein in meinem Herzen zubereiten wollen , kommt ein grausamer Sturm daher , daß ich nicht anders meinte , denn es werde der Berg , darin mein Häuslein gegraben , von großer Gewalt zerspringen müssen . Da mir aber solches an dem Teufel nicht fremd war , faßte ich einen Mut , und blieb in meiner Betrachtung , bis mich jemand an den Rücken anrührte , davon ich so erschrocken blieb , daß ich nicht umzusehen wagte . Doch wie ich mehrmals an dem Rocke gezogen wurde , so sahe ich mich um , da stand ein schönes herrliches Weib , deren Kleid ganz blau und mit goldenen Sternen wie der Himmel zierlich versetzt war . In der rechten Hand trug sie eine ganz goldene Posaune , auf welcher ein Name gestochen , den ich wohl lesen konnte , der aber zu verstehen unmöglich ; in der linken Hand hatte sie eine große Menge von Briefen , die sie in alle Länder trug . Einen dieser Briefe legte sie auf meinen Tisch , breitete dann ihre rauschenden blauen Flügel aus und verschwand durch das verschlossene Fenster . Als ich dies Brieflein in Demut öffnete , da las ich mit goldenen Buchstaben im blauen Felde geschrieben : Heut , heut , heut Ist des Königs Hochzeit ... « Bei diesen Worten waren die Lichter so weit abgebrannt , daß der Marchese nicht weiter lesen konnte ; die Gräfin hatte sich ängstlich mit ihrem Stuhle zu ihm gerückt ; die Luft schien ihr belebt in tausend bedeutsamen Gestalten umherzugehen ; der Marchese schaute mit einem großen Blicke empor , erhob die Hände und schien eine Erscheinung demütig zu begrüßen ; er sprach , aber sie hörte nichts , er deutete auf sie , als wenn jetzt etwas über ihr schwebe , und ängstlich fragte ihn die Gräfin , was er sehe . Er sagte , daß er die Mutter Gottes sehe , die sie an ihn drücke und einen Kranz von Rosen mit den Worten über sie halte : Folge mir nach ! Dolores drückte sich erschrocken an ihn und meinte , sie werde an ihn gedrückt ; sie fühlte seinen Atem , und meinte , es sei der göttliche Atem , und rief : » Ich fühle sie , ich fühle ihren Atem , er ist heiß , wie der Orient und wie die Liebe einer Mutter ! « - Bei diesen Worten rief er : » Und ich bin ihr Sohn ! « und stürzte in einem krampfhaften Zucken über die Gräfin hin . Schon oft hatte er ihr von einer wunderbaren Erneuerung des heiligen Mythus gesprochen ; sie schien bewußtlos bei diesen Worten : » Ja du bist , du Gewaltigster , du Heiligster in der Schwäche menschlicher Natur mir in die Hand gegeben ! « - » Und du bist meine ewige Braut ! « seufzte er . - Dann versank er scheinbar in einen Todesschlaf , sein Atem ward stille ; der hülflose menschliche Zustand des hohen geliebten gefürchteten Gottmenschen erweckte das tiefste Mitleiden der Gräfin ; sie rieb ihn mit wohlriechendem Öl , das in einem kleinen Fläschchen um ihren Hals hing , sie lüftete seine Binde , seine Weste ; seine schöne männliche südliche Bildung trat hervor wie eine ausgegrabene Antike , wo jede Schaufel weggenommener Erde neuen Reiz enthüllt ; sie konnte ihn nicht erwecken und mußte ihn so lange anstaunen . Zu schellen wagte sie nicht ; es war sehr spät , und er war durch den geheimen Gang zu ihr gelangt . In diesen Augenblicken schwebte eine Fledermaus schauerlich in der Höhe des Zimmers umher , wie ein fortziehender Schatten ; auch der Marchese hatte sie durch die halbgeschlossenen Augen wahrgenommen und kam aus Furcht vor dem Tiere , das er nicht leiden konnte , wieder zur Besinnung . Die Gräfin war so freudig über sein Erwachen , sie hätte sich dem Himmel aus Dankbarkeit geopfert ; aber das wollte er nicht ; er wollte nicht überraschen , keine Vorwürfe hören ; statt die Stimmung , den Ort , die neue Vertraulichkeit zu benutzen , ließ er die erweckten Begierden in ihr fortwuchern , hieb mit seinem Degen die Fledermaus nieder und verließ das Zimmer mit einem ernsten Kusse . Ich möchte , statt zu erzählen , hier mit einem gewaltigen Trauermarsche die Unglückliche zu erwecken suchen : aber es ist doch zu spät . Den Sieg über ihre Treue und über ihr Glück setzte der Marchese nur bis zum nächsten Abende hinaus , wo er ihr Zimmer mit unzähligen Blumen geschmückt und gegen alle Fledermäuse geschlossen hatte . Die Wurzeln waren alle untergraben , er wußte , wohin der Baum fallen mußte , und so schwelgte er alle seine jetzigen und künftigen Früchte an einem Abende auf ; es war so schön , daß er sich heilig schwor , zu keiner Zeit ihr wieder so vertraulich zu werden , um diesen Eindruck sich nicht zu verderben . - O du angebetete Schönheit , wie bist du gefallen von deiner Höhe , wie bist du gemein worden und ich trage keine heilige Scheu mehr vor dir . Sechstes Kapitel Rückkehr des Grafen nach der Stadt Der Graf kam einige Tage darauf nach der Stadt zurück , um sie aufs Land mitzunehmen , um ihr im Jubel alle seine neue Anlagen zu zeigen . Sei es , daß er durch das stete Anordnen und Bewachen der Arbeiter etwas strenger Durchschauendes in seinen gewöhnlichen Blick aufgenommen , oder war sie von der Furcht getäuscht , er möchte ihr Verbrechen auf ihrer Stirne lesen , genug , sie suchte ihre Verlegenheit hinter einer stürmischen Zärtlichkeit zu bergen , welche sonst ihre Art nicht war , die immer mehr erwartete als entgegenkam . Es war ihm etwas Störendes , etwas Frevelndes in ihr ; er gedachte mit einem ruhigern Urteile , das er jetzt in dem Verhältnis zu ihr gewonnen , an die gleiche Empfindung , die ihn damals bei seiner ersten Rückkehr von der Universität befangen ; es muß doch etwas andres in ihr sein , dachte er , was ich nicht geliebt , nicht gekannt habe ; doch schwieg er davon , er fühlte noch zuviel Zärtlichkeit gegen sie , als daß der Gedanke ihm lange Stand gehalten . Er forderte sie zur Abreise aufs Land auf , aber mit tausend schönen Worten wußte sie ihm zu erklären , daß es ihre Gesundheit noch nicht zulasse ; auch schienen ihre Wangen jetzt wirklich blässer , seit sie die Schminke , der Beschämung jenes Abends eingedenk , aufgegeben hatte . Der Graf verschwieg seine Empfindlichkeit , seine verdorbene Freude ; die Gräfin gedachte ihre gewohnte Lebensweise in der Gesellschaft des Marchese fortzusetzen ; aber zu ihrer tiefen Kränkung zog es dieser vor , einige Tage den Grafen aufs Land zu begleiten . Siebentes Kapitel Der Graf geht mit dem Marchese auf sein Landgut . Unterhaltung von unseliger Liebe zu verlornen Mädchen Der Graf nahm zärtlichen Abschied von seiner Frau . Der Marchese drückte der Gräfin zum Abschiede spottend das Schminkdöschen in die Hand , das ihm zum Andenken jenes Balles geblieben . Kaum konnte sie ihren Unwillen unterdrücken ; sie ging auf ihr Zimmer und warf sich unmutig auf ihr Sopha . Es kamen ein paar ältere Frauen zum Besuche ; die Unterredung schlich gähnend durch die Neuigkeiten ; endlich fing die eine an : » Ich merke doch immer mehr , daß uns etwas fehlt . « - » Aber was ist es ? « fragte die andere . - » Verstellen Sie sich nicht « , antwortete jene , » Liebhaber fehlen uns ; es war doch eine schöne Zeit , wo stete Aufmerksamkeiten uns jede Stunde begleiteten , und ich finde in nichts dafür einen Ersatz . « - Dolores wurde glühend rot bei diesen Worten ; zum Glücke war es Zwielicht und keine der beiden Frauen konnte es bemerken . Den Grafen unterhielt der Marchese sehr angenehm mit Abenteuern , die er ihm von Frauen aller Art erzählte ; selbst die Geschichte seiner eigenen Frau trug er ihm mit geringen Veränderungen so ruhig vor , als hätte er sie unfern den Säulen des Herkules erzählen hören . Der Graf schwor darauf , daß ein so ehrvergessenes Weib nie einen ehrlichen Mann betrügen könne . - » Es ist eine wunderliche Sache um die Abirrungen ehelicher Liebe « , meinte der Marchese ; » ich weiß wirklich nicht , wenn ich der Mann gewesen wäre und den Handel entdeckt hätte - wer kann einen schwachen Augenblick hart bestrafen . « - » Beim Himmel « , rief der Graf , » hart nennen Sie das , das nennen Sie einen schwachen Augenblick , der die starken Bande langer Gewohnheit , geschworner Treue , alter Liebe vernichtet ; das ist eine fürchterliche Stärke im Menschen , die das nur vermag , die muß vernichtet werden , oder die Welt bestände nicht mehr . Gott bewahre mich vor dem Falle , aber ich hätte es nicht lassen können , die beiden umzubringen . « - » Sie können recht haben « , sagte der Marchese ruhig , » die Gewohnheit , über dergleichen unselige Vorgänge in der Welt gleichgültig reden zu hören , gibt auch der Beurteilung dieselbe Gleichgültigkeit , die sich vielleicht auch in mir bei einem solchen Ereignisse , wo es mich beträfe , verleugnen möchte . Wenn Sie aber , lieber Graf , bestimmt so denken , so verwundert es mich , wie Sie Ihre Frau so in der Fülle aller Reizungen allein zurücklassen können ; sie mag eine sehr vollkommene sittsame Frau sein , lieber Graf , sie ist doch auch nur eine Frau ; in Spanien dürfte das kein Ehemann wagen . « - » Wir Deutsche « , meinte der Graf ungestört , » wir sind entweder anders , oder denken darüber anders ; wir schenken einer Frau mit unsrer Liebe unser ganzes Zutrauen ; meine Frau betrachte ich wie mich selbst , nicht als aus einer besondern Rasse schwächerer Wesen ; ich bin gewiß , so wenig ich ihr eine fremdartige böse Neigung verschweigen würde , so wenig würde sie ungewarnt meine Ehre , mein ganzes Glück , verraten . « - So endigte sich diese merkwürdige Unterredung , in welcher die übermächtige Klugheit so arm neben dem reichen zutraulichen Glauben erscheint , und der Glauben in so schwerer Prüfung neben der Bosheit ; doch ließ sie in dem Gefühle des Grafen , verbunden mit dem Fremdartigen in dem Wesen seiner Gemahlin , eine gewisse Besorglichkeit zurück , die er gern einem eignen Übelbefinden zuschreiben wollte . Man irrt aber eben so oft , wenn man jeden ungewöhnlichen geistigen Zustand einem körperlichen Leiden zuschreibt , als wenn man umgekehrt jede Krankheit aus einem Leiden der Seele , einer Sehnsucht , herleiten möchte , wie es den Frauen häufig eigen . - Die beiden Reisenden wendeten bald ihr Gespräch auf die Liebe ; der Graf in dem schönen frommen Sinne , der dem glücklichen Neulinge eigen ; er war als Vater noch unschuldiger als manches Kind . Der Marchese überschüttete ihn mit einem kalten Stürzbade der wunderbarsten Geschichten , welche Lust und Not einem gebildeten barbarischen Zeitalter aufgezwungen haben ; dabei flossen ihm die Geschichten zum Munde hinaus , als spülte er ihn sich aus , und würde er reiner . Auch die Liederlichkeit fordert eine gewisse Bestimmung , und so ein geriebener Himmelsstürmer läßt sich in seiner pestilenzialischen Wirkung den Soldaten vergleichen , die nach langem Biwakieren in ein ordentliches Haus kommen ; ihr Geruch vergiftet alle , während sie sich wohlbefinden . Der Graf fühlte dabei eine wunderliche Neigung in sich , auch die Welt so kennen gelernt zu haben , in allen ihren Tiefen und Höhen ; sein Leben kam ihm so arm vor ; er hätte ihm auch gerne etwas erzählt , aber mit Staunen bemerkte er , daß er diese Seite geselliger Bildung eigentlich ungekannt immer verachtet habe . Der Graf , immer aufrichtig und wahr , sagte dem Marchese : » Sie haben nicht umsonst gelebt , Sie haben einen reichen Schatz von Weisheit aus dem Abschaume der Menschheit entwickelt , den ich mit leerem Bedauern angesehen habe , daß er zu keinem ruhigen hellen Tropfen mehr zusammenfließen könne . Ich versichere Ihnen , es gab eine Zeit , wo ich öffentliche Mädchen gar nicht für Menschen gehalten habe , sondern für eine Art Wundertiere mit ihren geschminkten Wangen , für eine Art schändlicher Götzen aus dem alten Heidentume , denen Menschen geopfert würden . Erst auf der Universität lernte ich an einem Mädchen , das mir gegenüber wohnte , wie alles so gewöhnlich menschlich , mehr nachlässig als böse , zugehe . Sie war erst sehr ordentlich sparsam und fleißig , half fleißig den Eltern , die einen kleinen Handel trieben . Die Mutter starb , der Vater war alt ; er hatte kein Ansehen über sie und sie mußte ihn zum Teil ernähren ; darum schwieg er zu allem , was sie tat . Bald bemerkte ich , daß sie ein schönes Tuch , bald auch ein besseres Kleid trüge ; bald saß sie am Fenster und beschäftigte sich nur mit Putzmachen und Stickerei ; ich dachte , die Leute hätten eine Erbschaft getan . Endlich saß sie aber ganz müßig an ihrem Fenster , das halb mit Blumentöpfen verbaut war ; ihre Backen sahen mir so unnatürlich rot aus ; sie winkte mir ; aber das Mädchen , mit dem ich eine kleine Liebesgeschichte ganz in mir nach meiner Art gespielt hatte , daß sie in hundert Jahren nichts davon erraten hätte , war mir im Augenblicke so verhaßt , daß ich ihr den Rücken zukehrte . Bei einer Gelegenheit warf ich ihr ein Gedicht ins Fenster , womit ich sie zu bekehren meinte . « - DER MARCHESE : » Sagen Sie es doch her , wenn Sie es noch wissen , die Geschichte hat etwas so Unschuldiges , das mich ungemein reizt . « - DER GRAF : » Aus der Zeit vergißt man nichts . « Die arme Schönheit Mir gegenüber das schöne Kind , Strickte sonst fleißig ums liebe Brot , Barfuß doch lief sie bei Regen und Wind , Schwarz war ihr Kopftuch , ihr Röckchen war rot ; Wenn ich sie grüßte , dankte sie schön , Und ich mocht gern ins Auge ihr sehn . Mir gegenüber sitzt nun das Kind Müßig am Fenster , daß jeder sie schaut , Hat sich gelocket die Haare geschwind , Putzt sich in Seide wie eine Braut ; Wenn ich sie sehe , winket sie mir , Wenn du sie grüßest , winket sie dir . Hör , gegenüber du armes Kind , Schande macht reich und die Schönheit ist arm , Schande , die tauscht mit der Schönheit geschwind , Daß sich doch Gott nur der Schönheit erbarm . Siehst du zum Himmel , Gott siehet dich nicht , Sieht kein geschminketes Angesicht . DER MARCHESE : » Schön , und was für Erfolg hatte das Lied ? « - DER GRAF : » Sie erriet mich , sie kam zu mir ; sie klagte mir ihre Not so rührend , daß bloßer Geldmangel sie erst bezwungen , daß ihr erster Liebhaber sie verlassen ; ich griff in meinen Geldbeutel und gab ihr gerührt alles , was ich hatte ; darüber wurde sie wieder so gerührt , ich konnte ihrem Danke einige Liebkosungen nicht versagen und ich gestehe Ihnen , daß ich sehr nahe war , meine erste Erfahrung zu machen , als ein Freund anpochte und ich erst jetzt merkte , daß sie gleich eintretend mein Zimmer verschlossen hatte . Diese Absicht brachte mich auf , ich verwies es ihr hart . Sie aber trieb ihr Wesen fort und immer weiter bis ins Elend . « DER MARCHESE : » Da sind Sie wohlfeil weggekommen ; in der Geschichte ist so viel Gutmütigkeit , daß Sie ein paar Dutzend Weiber damit verführen könnten . Es fiel mir dabei eine Geschichte ein , die ich beinahe wörtlich auswendig weiß . Haben Sie nie die Geschichte von Manon Lescaut gelesen ? Dem armen Chevalier Grieux ging es schlimmer mit einer ähnlichen Bekanntschaft . Es ist vortrefflich dort erzählt , wie der Verfasser nach Passy kommt und alle Einwohner in unruhiger Neugierde um ein paar bedeckte Wagen versammelt sieht ; keiner hat Zeit , ihm Bescheid zu sagen . Ein Häscher , den er an dem Bandelier und an der Muskete dafür erkennt , sagt ihm kalt : Es sei gar nichts , er transportiere ein Dutzend Freudenmädchen nach Havre , von wo sie nach Amerika deportiert werden sollten . Eine ist sehr hübsch und das macht die Leute neugierig . In dem Augenblicke kommt ein altes Weib aus dem Hause und weint und schreit mit aufgehobenen gerungenen Armen : Das sei nicht auszuhalten , das arme Kind zu sehen ! - Neugierig steigt der Verfasser vom Pferde , geht in das Haus und erblickt ein Dutzend Mädchen , von denen sechs und sechs an eine Kette geschlossen , wie sie ein Frühstück einnehmen . Eine aber aß nicht und hatte sich halb abgewendet ; doch leuchtete ihre Schönheit durch das schmutzige Zeug , das sie bedeckte . Er frägt einen Häscher nach dem Mädchen . Ich hab sie aus dem Zuchthause abgeholt , antwortete der , wo sie wohl schwerlich um eine edle Tat eingesperrt worden ; sie ist aber eigensinnig stumm ; ich habe einige Schonung gegen sie , da sie doch von besserer Art scheint , als die andern . Der junge Mensch dort wird Ihnen mehr von ihr sagen können ; er hat seit unsrer Abfahrt von Paris fast nicht aufgehört zu weinen , es muß ihr Bruder , oder ihr Liebhaber sein . Der Reisende sah nach dem Winkel , wo der junge Mensch saß : ein Bild der Trauer ; einfach gekleidet , aber voll Anstand in Haltung und Bewegung . Entschuldigen Sie meine Neugierde , sagte der Reisende , ich höre , daß Sie jenes schöne Mädchen kennen , das so wenig ihr Schicksal verdient zu haben scheint . - Er sagte ehrlich , daß er darüber keine Auskunft geben könne , ohne sich selbst zu erkennen zu geben ; dies aber erlaube ihm die Ehre seiner Familie nicht . Nur das eine könne er nicht leugnen , was auch die boshaften Häscher recht gut wüßten , daß er sie liebe , alles versucht habe , sie zu retten : Bitten , List und Gewalt , alles vergebens ; und so sei er entschlossen , ihr in die neue Welt zu folgen . Das Abscheulichste aber ist , fuhr er fort , daß diese schändlichen Buben mich nicht mehr zu ihr lassen , seit ich all mein Geld ihnen gegeben , um nur einige Augenblicke in der Nähe der Geliebten zu sitzen ; nähere ich mich jetzt , so stoßen sie mich mit den Kolben zurück ; sehen Sie diese Beulen . So ruhig er diesen Bericht abstattete , so fielen ihm doch dabei einige Tränen aus den Augen . Der Reisende drückte ihm in stiller Teilnahme vier Louisdor in die Hand , wendete sich dann zu dem Oberhäscher , nahm ihn bei Seite und machte ihm Vorwürfe über seine Fühllosigkeit . Er schien beschämt und sagte verlegen : Es ist ja gar nicht darum , daß er nicht mit dem Mädchen sprechen soll , daß wir ihn zurückgestoßen , aber er will immer bei ihr sitzen und das ist uns zu lästig ; er muß unsre Unbequemlichkeit bezahlen , das ist natürlich . - Wie hoch rechnet Ihr diese ? fragte der Reisende . - Zwei Louisdor für die ganze Reise , sagte der Häscher unverschämt . - Gut , sagte der Reisende , da sind sie ; stört Ihr aber die beiden , ich werde es erfahren und werde Euch zu strafen wissen . - So verließ der Reisende das Zimmer und behielt ein schmerzliches Bild unglücklicher verirrter Liebe ; denn , um alles kurz zu überschauen , dieses öffentliche Mädchen , so schön als leichtsinnig , hatte den jungen Mann bei seinem ersten Eintritte in die Welt so ganz gefesselt , ihn zehnfach mit seinem Wissen , doch ohne seinen Willen für Lust und Gewinn verraten , ihn aus einem reichen Wohlstande , herzlicher Frömmigkeit , in Elend , und Laster , und Schande gestürzt ; er konnte doch nicht von ihr lassen . « - DER GRAF : » Die Geschichte ist furchtbar und so wahr , daß mir in tiefster Seele schaudert ; welchen Gefahren haben Sie sich in der Welt ausgesetzt ; es gehört auch dazu eigne Heldentugend , das alles mit Ihrer Überlegenheit zu bestehen ; bei Gott , ich bewundre Sie ; ich fühle in mir nicht die Stärke dieses Ungeheuer von Welt zu betrachten ; lassen Sie sich nun mit meiner Welt genügen . Hier lieber Marchese , hier , wo alle Wege und Felder ein fröhlicher Ansehen gewinnen , hier wird mir fröhlich ums Herz ; werden Sie es auch , geben Sie mir die Hand , Sie sind mein Freund ; hier ist die Grenze meiner Besitzung , sei Ihr Eingang ein Glückszeichen . « - Der Marchese bewunderte als Kenner die Gartenkunst des Grafen , dieses geniale Benutzen des zufälligen Gegebenen , um große landschaftliche Wirkungen mit den leichtesten Kunstmitteln daraus hervorgehen zu lassen ; nichts war leerer Zierat in den Gärten , keine Tempel mit Altären , auf denen niemals geopfert wird ; das Vergnügen der ganzen Gegend fand in dem Garten seinen Mittelpunkt ; jede Laune fand ihren willkommenen Gang und Ruheplatz . Zuletzt durchstrichen sie Feld und Wald ; der Graf machte den Marchese aufmerksam , welche Menge von Bäumen , Gesträuchen und Blumen fremder Gegend , die sich aber uns klimatisieren , bis in die entferntesten Punkte von ihm gepflanzt und gesäet wären , die nun notwendig ihre Art , wie die Perle , ins Meer fallend , in immer weiteren Kreisen dessen Wellen bewege , bis an die fernsten Küsten fortpflanzen müßten . » Alles andre « , sagte er , » kann bei einiger Nachlässigkeit künftiger Besitzer schnell untergehn ; dies allein ist nur durch ungeheure Naturrevolutionen zu vernichten , die unser Klima ganz abändern . « Voll Bewunderung und wirklicher Teilnahme an diesem schönen Bestreben kehrte der Marchese nach der Stadt ; noch von niemand fühlte sich der Graf so ganz verstanden ; mit seinem freundschaftlichsten Feuer verschwor er sich ihm zum Abschiede . Er gab ihm einen zärtlichen Brief zur Bestellung an seine Frau , worin er ihr den Marchese als seinen liebsten Freund nochmals empfahl ; der ganze übrige Tag blieb ihm trübe . Achtes Kapitel Des Grafen schwerer Traum . Warnungsbrief . Verzweiflung an der Liebe und Flucht In derselben Nacht träumte dem Grafen ein wunderbarer Traum , der ihm die Gräfin in fürchterlicher Untreue darstellte , daß er beim Erwachen auf sie schimpfte , und sich erst allmählich zu erinnern vermochte , was ihn so gewaltig aufgebracht . Als er zum Fenster hinaussah , am Sonnenscheine die trüben Gedanken aus den Augen zu wischen , da hörte er unten einen kleinen Buben , der ein bekanntes Abschiedslied so hinsang ohne zu wissen , was er gesungen ; er sang es so aus Nichtstuerei : Jetzunder geht mir mein Trauern an , Die Zeit ist leider kommen ; Die mir vorm Jahr die Liebste war , Die ist mir jetzt genommen . Mein Herz ist von lauter Eisen und Stahl , Dazu von Edelsteinen , Ach wenn doch das mein Schatzliebchen erführ , Es würde trauern und weinen . Es trauert mit mir die Sonne , der Mond , Dazu die hellen Sterne , Die haben den lebenden , schwebenden Garten an dem Himmel . Wollte Gott , daß ich gestorben wär In meinen jungen Jahren , So wär mir all mein Lebetag Keine größere Freude widerfahren . Es ist nicht hier ein kühler Brunn , Der mir mein Herz tät laben , Ein kühler Brunn zu aller Stund , Der fließt aus meinem Herzen . Der Graf mußte heftig weinen ; zum Weinen war er überhaupt leicht gebracht , wenn er allein oder mit Vertrauten war ; vor fremden Menschen fand er sich nie zu Tränen gerührt . Nachher fielen ihm einzelne Stücke seines Traumes ein , der ihm bald mit dem Liede wunderlich genug zusammenschmolz ; er schrieb es zu seiner Zerstreuung auf und diese undeutliche Erzählung wird seinen Zustand deutlicher darstellen , als wir es in unsrer Art zu tun vermöchten . Der böse Traum SIE : Mein Karl , was soll ich heut anziehn , Daß ich ins Auge dir falle , Soll ich in schimmerndem Rosa blühn , Ich ging so gern zum Balle . ICH : Es kleidet sich schwarz ein ganzes Jahr , Die Zeit ist schwarz gekommen , Die mir die Liebste noch gestern war , Ist schlecht mir vorgekommen . SIE : Du schauest mich an und sprichst mit dir , Als wär ich nicht zugegen , Nun sieh , der Zimmermann ließ die Tür Der lauten Grillen wegen . ICH : Die Grillen versingen sich die Nacht , Doch ich muß immer träumen , Es ist nun Morgen , ich bin verwacht , Was soll mich nun aufräumen . Mein Herz ist so voll von Höllenqual , Wie von dem Bild , dem deinen , Ach könnt ich doch alles nur einmal , Die Augen mir ausweinen . Es trauern mit mir die Blumen all , Die dir zum Kranze gebrochen , Die rissest du mit in den Sündenfall , Die hatten mich zerstochen . Es trauert mit mir die Sonne , der Mond , Dazu die hellen Sterne , Was hoch da lebend und schwebend wohnt , Das ziehet fort zur Ferne . Sie blühen im himmlischen Gartenland , Das steht auf Feuersäulen , Der Regen , der spület hinweg mein Land , Ach könnt er mich so zerteilen . Mein Garten aus blinder Lieb war erbaut Auf einem schwarzen Sumpfe , Und der ich lebend und schwebend vertraut , Die ist als Irrlicht versunken . Vergiftet ist der Spiegelbrunn , Der labte meine Schmerzen , Ein kühler Brunn zu aller Stund , Der fließt aus meinem Herzen . SIE : So sag doch