mich selbst versenkte , und die Bilder der Vergangenheit vor mir vorüber gehen ließ . Dein Brief versetzte mich um so lebhafter in jene Zeit . Der schöne Abend in Synthium , deine freundliche Erscheinung , dein Trübsinn , der meiner Schwermuth so schmeichelnd antwortete . - Alles stand wieder hell vor mir , und ich flog zu meinem Tische , um dir zu sagen , daß keine Zeit , keine Veränderung meines Schicksals dein Bild aus meiner Brust vertilgen wird , und wie sehr es mich freut , daß du mir Achtung genug für ' s Schöne und Gute zutrauest , um mich keiner solchen Vergeßlichkeit fähig zu halten . Das Alles wollte ich dir schreiben , als mir deine Bitte einfiel , und ich mich nun bescheiden mußte , erst Calpurniens Ankunft zu erwarten . Sie kam in wenig Stunden zu mir herein gehüpft . Ich trug ihr deinen Wunsch vor , sie gewährte ihn mit der größten Willfährigkeit . Es schien sie zu freuen , daß ihre Arbeit Beifall gefunden hatte , daß man sie zu sehen wünschte , und in diesem angenehmen Gefühl beschloß sie , die Zeichnung dem Kenner Lysias , oder vielmehr dir , zum Geschenke zu machen , indem sie noch eine wohlgelungene Copie davon besitzt , und das Original der Hauptfigur ohnedies jetzt immer um sie lebt , und ihr ein Porträt überflüssig macht . Sie bittet dich , es als ein Zeichen ihrer Achtung , und ein Andenken an jenen Abend anzunehmen . Das Alles war in der ersten Viertelstunde ausgemacht ; aber wie hätte , sie in dem abwechselnden Geräusch von Unterhaltungen und öffentlichem Gepränge Zeit finden sollen , an ihr Versprechen zu denken ? Die Friedensfeier , die Saturnalien , und meine Vermählung haben Nikomedien in einen Schauplatz der lebhaftesten Bewegung und der lautesten Fröhlichkeit verwandelt , und in diesen Zerstreuungen , die einem ernsten Gemüthe eher Anlaß zum Mißvergnügen und zu Betrachtungen geben , lebt und webt dies leichte liebliche Wesen , wie in seinem natürlichen Elemente . So vergingen acht volle Tage , ehe ich die Zeichnung von ihr erhalten konnte . Heute endlich gab sie sie mir , und sogleich geht ein Sclave ab , um sie dir zu überbringen . Wie schön , wie beglückend wäre es für mich , wenn du dich entschließen könntest - wozu der Sclave , der den Brief bringt , Befehl hat , alle Anstalten zu treffen - wenn du dich entschließen könntest , mit ihm hierher zu kommen , und mir noch einmal , wahrscheinlich das letzte Mal in meinem Leben , das Vergnügen deines Umganges zu gewähren ! Ich gehe sehr bald mit meinem König und Gemahl nach Armenien . Meine Gesundheit ist zwar etwas besser , als sie in Synthium war , aber doch so gebrechlich , daß ich wenig Hoffnung habe , eine so weite Reise noch einmal zurück zu machen . Die Aerzte und auch Tiridates versprechen mir viel von der Veränderung des Klima , von der reinen Luft in den armenischen Gebirgen . Es ist möglich , daß sie Recht haben , aber es liegt ein Gefühl in mir , das allen diesen Hoffnungen widerspricht . Der tödtlich verwundete Baum prangt noch mit Blättern und Früchten , der achtlose Wanderer freut sich des Schattens , und hofft auf künftigen Genuß ; aber von der Sonnenschwüle der Leidenschaft versengt , vom Gewittersturm im innersten Lebenskeime verletzt , welkt er langsam seinem Untergange zu . Wie kann er vom lauen Herbst mit seinen kurzen Tagen , seinen frostigen Lüften sich Heilung versprechen ? Nur der milde Einfluß des Frühlings vermochte es vielleicht , aber - der Frühling des Lebens , der Frühling der Liebe ist dahin ! Du hast um dauerndes Wohl für mich zu deinen Göttern gebetet . Mit Rührung habe ich deiner Liebe gedankt , und dich beneidet , du Glückliche , die in tiefen Bedrängnissen , wo keine menschliche Kraft mehr ausreicht , ihre Zuflucht gläubig zu höhern Mächten nehmen kann . Ich kann nicht hoffen , ich kann nicht beten ; denn ich kann nicht glauben . Unsre Gottheiten sind leere Schattenbilder , und an taube Mächte , die des Sterblichen Loos nach eisernen Gesetzen lenken , kann ich kein Gebet verschwenden . O komm , Theophania ! komm , und bringe mir deine sanften Tröstungen mit , flöße meinem Herzen deinen beglückenden Glauben ein ! Wie gern will ich mich dir ganz hingeben ! Und da dein Herz durch kein süßes Band hienieden gehalten ist , so ergreife das Einzige , was dir übrig ist , schlinge es noch fester , und folge mir nach Ecbatana . Dort soll die treueste Freundschaft sich bemühen , deine Wunden zu heilen , und dir deinen Verlust erträglich zu machen . Tiridates , dem ich von meinem Wunsch gesagt habe , läßt dich durch mich seiner Achtung versichern , und vereinigt seine Bitte mit der meinigen . Wie schön würden die letzten Tage in Nikomedien seyn , wie manche Beschwerlichkeiten der Reise würden verschwinden , wenn du sie mit mir theilen wolltest ! Bedenke das , meine theure Freundin ! und laß mich einer günstigen Antwort entgegen sehen . 64. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus . Nicäa , im Jänner 303 . Die todten Massen fangen an sich zu regen , und es kömmt wieder Leben und Bewegung in mein einförmiges Daseyn . Begierde und Widerstand , Vorurtheil und Uebermacht erregen Kampf und Gährung auf dem grossen Schauplatz der Welt , und in dem Mikrokosmus , der mich hier umgibt . Die Kräfte , die bisher ungebraucht schliefen , erwachen , da sich ihnen würdige Gegenstände der Thätigkeit darbieten , und ich werde bald wieder ganz das seyn können , wozu mich Natur und Umstände bildeten . Der lange glimmende Funke ist in Flammen ausgebrochen , der Krieg des Polytheismus gegen den Christianismus erklärt . Galerius hat die kluge Gleichmüthigkeit des alternden Augustus zum Wanken gebracht , und ihn bewogen , lange geprüften Grundsätzen zu entsagen . An allen Orten ist den Christen befohlen worden , ihre Tempel zu schließen , ihre Opfer einzustellen , keine Predigten zu halten , und jeder Versuch , Proselyten zu machen , wird mit dem Tode bestraft1 . So neigt sich also wenigstens für den Augenblick das Zünglein der Wage auf die Seite der alten Ordnung ; auf wie lange - wird die Zeit lehren . Indessen sind meine Freunde thätig gewesen , man hat Galerius meiner denken gemacht , und ich erwarte nun nächstens einen angemessenen Wirkungskreis zu erhalten . Ich werde ihn mit Vorsicht benützen , und über der Gegenwart nicht die Zukunft außer Acht lassen . Constantin ist ein zu glänzendes Gestirn , um sogleich nach seinem Aufgange zu verschwinden , und der Plan , das Christenthum zu unterdrücken , oder gar zu vertilgen , wird wohl ein fruchtloser Versuch bleiben . Indessen , so lange man sein Glück mit Verfolgen machen kann , verfolge man , doch immer mit gehöriger Klugheit und Feinheit , um den Uebergang zum Gegentheil nicht unmöglich zu machen . Nie wird ohnedies ein verständiger Mann das rechte Maaß überschreiten - nur Rasende oder Schwärmer stürzen sich über Hals und Kopf in eine Partei . So viel vom Oeffentlichen , worin du nun bald wieder den Namen deines Marcius wirst nennen hören . Etwas weniger günstig , aber nicht weniger lebhaft , bewegt es sich in meiner kleinen Welt . Die fromme Theophania ist eigensinnig , und ihre beschränkte Denkart setzt meinen Wünschen Hindernisse entgegen , die mich nur heftiger reizen . Sie muß mein werden , auf welche Art es sey . Nicht , daß ich so sehr verliebt in sie wäre - aber die Erscheinung ist neu , und mich unterhält das Sonderbare . Die Art der gewöhnlichen Weiber kenne ich auswendig , da ist nichts mehr , was mir unerwartet wäre , nichts mehr , das meine Phantasie spannen könnte . Bei Theophanien öffnet sich mir eine neue Welt , und ich fühle seit langer Zeit zum ersten Mal wieder mit wahrem Behagen alle Triebfedern meines Wesens in eine angenehme Spannung versetzt . Ich habe allerlei Plane entworfen , und du wirst nächstens den glücklichen Erfolg meiner Bemühungen hören ; denn ich muß eilen , an ' s Ziel zu gelangen , ehe meine künftige Bestimmung mich aus ihrer Nähe wegruft . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Alles dies , so wie die Stürmung der Kirchen an Einem Tage im ganzen Reiche ist geschichtlich . 65. Agathokles an Phocion . Nikomedien , im Jänner 303 . Eine heftige Unruhe bewegt mein Innerstes , Furcht und Hoffnung wechseln jede Secunde , und bringen mich bald der Verzweiflung , bald der Seligkeit nahe . Es ist möglich - fasse das Entzücken , das in diesem Gedanken liegt ! - es ist möglich , daß Larissa noch lebt ; aber es ist auch möglich , daß sie meiner vergessen hat , daß ein Andrer - nein , das ist nicht möglich ! - Es ist Lästerung , dies auch nur zu denken . Wenn sie noch lebt , so liebt sie mich , wie nächtlich auch ihr Geschick , wie gebietend die Umstände seyn mögen , die sie hindern , mich ihr Daseyn wissen zu lassen . Aber ob sie noch lebt , ob die Luftgestalt , die vor mir schwebt , mehr als das ist - das liegt noch verhüllt im Schooße der Zukunft . Und was wird sie mir bringen ? Vor ungefähr acht Tagen komme ich zu Sulpicien . Calpurnia ist bei ihr , es ist die Rede von einer Zeichnung , die diese entworfen hat . Ich wünschte sie zu sehen . Man weigert sich eine Weile , endlich reicht Sulpicia mir ein Blatt , das neben ihr liegt . Stelle dir meine Ueberraschung , meine Verwirrung vor , als ich in der Zeichnung jene Scene meines Einzugs als Siegesbote erkenne . Ich war betroffen , gerührt , beschämt von Calpurniens unverdienter Güte . Auch sie erröthete und war verlegen , aber mit einer unbeschreiblichen Leichtigkeit fand sie sich bald wieder , und fing so unbefangen an , von der Zeichnung als Kunstwerk , als schwierige Aufgabe , zu sprechen , die sie sich selbst , um ihre Kräfte zu versuchen , gegeben habe , daß meine eigene Betroffenheit , aber auch mein freudiges Gefühl entwich , und nichts übrig blieb , als die Bewunderung ihrer Kunst und ihrer - Kälte . Endlich rief Sulpicia eine Sclavin , und befahl ihr , das Blatt einzupacken und abzusenden . Wohin ? fragte ich mit sehr natürlicher Neugierde , und erfuhr nun , daß im vorigen Herbst eine Fremde , die sich Theophania nannte , die eine Christin , Wittwe eines byzantinischen Kaufmanns war , und mit ihrem Vater nach Nikomedien reisen wollte , von den beiden Römerinnen im Vorbeireisen eingeladen worden war , die Nacht auf der Villa zuzubringen . Die Schwermuth der Fremden gewann ihr Sulpiciens Zuneigung . Im vertraulichen Abendgespräch kam die Rede auf jenes Bild . Die Fremde besah es , schien erschüttert , und verrieth dadurch , daß sie mich kenne . Am andern Morgen , wo Sulpicia sie sehr blaß und verstört fand , erklärte sie , daß ein plötzlicher Zufall sie zwinge , ihren Reiseplan zu verändern , und nach Nicäa zu gehen . Kein Bitten der beiden Frauen vermochte sie , nur eine Stunde länger zu verweilen . Sie reisete alsogleich mit ihrem Vater ab , und lebt nun in Nicäa , im Hause eines angesehenen Mannes , der sich Lysias nennt . Von hieraus hat sie ein Paarmal an Sulpicien geschrieben , und sich die Zeichnung ausgebeten . Die Erzählung machte mich aufmerksam , und erregte seltsame Vermuthungen in meiner Seele . Calpurnia schilderte mir die Gestalt der Fremden . Ach jeder Zug rief ein theures Bild zurück ! Alles traf ein , bis auf eine Narbe auf der Wange , die ich nie an Larissen bemerkt hatte . Mein Herz schlug heftig , - man zeigte mir ihren Brief . Da zerfloß die schöne Hoffnung wieder . Die Züge glichen nicht ihrer Schrift ; dennoch glaubte mein einmal erregtes Gemüth zu entdecken , daß die Buchstaben nicht frei gebildet , sondern wie mit Absicht verstellt seyen . Ich äußerte meine Vermuthungen nicht , aber ich eilte zum Präfect der Leibwache , und bat ihn um Urlaub auf acht Tage . Ich wollte nach Nicäa , in ' s Haus des Lysias ; ich wollte mich selbst überzeugen , wer diese Theophania sey . Der Präfect schlug meine Bitte geradezu ab , und gleich als ob er fürchtete , ich möchte ohne seine Erlaubniß dennoch fortreisen , trug er mir die Wache im kaiserlichen Palaste auf . Ich knirschte vor Zorn , aber ich mußte gehorchen . Mein vertrautester Sclave wurde nach Nicäa an einen alten Bekannten unsers Hauses gesandt , um sich nach der Fremden zu erkundigen . Nach sechs langen Tagen kam er , gestern zurück , seine Nachrichten löseten keinen meiner Zweifel , sie dienten nur , sie noch mehr zu verwirren . Theophania galt auch hier für die Wittwe eines byzantinischen Kaufmanns ; aber der Greis , der sie begleitet hatte , war nicht ihr Vater , es war ein christlicher Priester , ein Bruder des Senators Lysias , derselbe , der vor mehr als einem Jahre als Glaubenslehrer zu den Gothen gereiset war . Zu den Gothen ! Und von daher war er jetzt mit dieser Fremden gekommen ! Hat er sie dort gefunden ? War sie aus Byzanz ? Warum nannte sie ihn auf der Reise ihren Vater ? Wie kam er dazu , sie zu begleiten ? Wie kam sie in das Haus des Lysias ? Der feile Marcius kömmt täglich hin , er spielt öffentlich ihren Verehrer , er will sie heirathen , und sie - sie begegnet ihm freundlich . Ist das auch wahr ? Kann man Gerüchten trauen ? Marcius Alpinus muß Larissen persönlich kennen , und sie ihn . Gegen diesen Mann könnte sie ihr Daseyn nicht verschweigen , wenn sie mit Theophanien Eine Person wäre . Oder verbirgt sie sich blos vor mir , und ist Marcius ihr Vertrauter , der Einzige , der um ihr Schicksal wissen darf ? O Phocion ! Wie glühende Dolche kreuzen sich diese Gedanken in meiner Seele . So viel ist gewiß , entweder Theophania ist nicht Larissa , oder wenn sie es ist , so trennt ein böses Schicksal , oder noch bösere Menschen sie auf ewig von mir - so ist sie nicht viel besser , als für mich verloren , für mich , dem sie sich so ängstlich verbirgt . O kann sie denn das Entzücken nicht denken , in das mich ihre Erscheinung versetzen würde ? Glaubt sie nicht mehr an meine Treue , weil die ihrige erloschen ist ? O beim Himmel ! Wenn das wäre - - dann mußte ich den für meinen Todfeind halten , der mir die Gewißheit gäbe , daß sie den Händen der Gothen entgangen ist , um das Weib jenes Marcius zu werden ! Und wenn sie nicht Larissa ist ? Wenn diese wirklich unter dem Hügel von Trachene begraben liegt ? O die Wahrscheinlichkeit dieses Gedankens drängt sich mir , wenn meine Phantasie in kühnen Bildern schwelgt , am öftersten , am lähmendsten auf ! Wer weiß , wer diese Theophania ist ! Sie ist aus Nikomedien gebürtig , sie hat mich vor zehn Jahren öfter gesehen , ich sie auch vielleicht , ohne ihren Namen zu wissen . Wie leicht ist eine gleichgültige Gestalt in zehn Jahren vergessen ! Heliodor hat sie zufällig in Byzanz kennen gelernt , die junge verlassene Wittwe begibt sich unter den Schutz des ehrwürdigen Priesters , dessen Alter und Denkart ihr eine anständige Begleitung zusichert . So kommen sie nach Synthium , so nach Nicäa , wo er sie zu seinen Verwandten bringt . Dort lebt sie verborgen , bis der verächtliche Wollüstling Marcius die große Zahl seiner Schlachtopfer mit ihr vermehren will . Wie alltäglich , wie allzunatürlich ist diese Geschichte ! Ihre Erschütterung beim Anblick meines Bildes , ihre folgende Blässe , Verstörtheit , der geänderte Reiseplan sind wohl eben so unbedeutende Umstände , die nur in Sulpiciens Phantasie , welche gern die gewöhnlichsten Dinge in einem seltsamen pathetischen Lichte sehen will , ihren Ursprung haben . So fallen meine Hoffnungen in ein leeres Nichts zusammen . Hundert Mal in einem Tage durchläuft mein bewegtes Gemüth den ganzen Kreis von Vermuthungen , Zweifeln , Absprechungen , die dieser Brief enthält . Hundert Mal entsagt die prüfende Vernunft den leeren Schattenbildern , und eben so oft faßt sie das Herz mit wehmüthiger Freude wieder auf . O wer kann einer solchen Aussicht entsagen , ehe er bestimmt weiß , daß sie blos Täuschung ist ! Auch steht mein Entschluß fest , so bald ich kann , nach Nicäa zu eilen , und mir Ueberzeugung zu verschaffen , falle sie nun aus , wie sie wolle . Ich denke bald Erlaubniß zu erhalten - bis dahin brennt der Boden unter meinen Füßen . Der Staatskunst und dem alten Haß ist sein feindliches Werk gelungen . Die Christenverfolgung ist ausgebrochen . Aber unsre Feinde werden doch nicht triumphiren . Es werden tausend Opfer fallen , und das Gebäude der Kirche , benetzt mit dem Blute unzähliger Bekenner , wird sich schöner und fester aus seinem Schutt erheben . Auf einer neuen Seite wird mein Gemüth in diesem Zeitpunkt innerlicher Unruhe von jenen Fällen erschüttert . Ich sehe meine Brüder leiden , ich sehe die Ungerechtigkeiten , die man sich gegen sie erlaubt , und Schonung gegen einen dem Grabe nahen Vater verbietet mir , öffentlich aufzutreten , und mich als ihren Glaubensgenossen zu bekennen , jetzt , wo sie der Vertheidiger und Helfer nicht genug haben könnten . Verborgen und heimlich versammeln sich die Gemeinden in Katakomben und Gräbern , die ihnen schon in früheren Verfolgungen zu Zufluchtsörtern dienten . Dort halten sie ihren Gottesdienst , berathen sich über ihre Gefahren , und mir ist der Zutritt vermehrt , weil man mich für einen Heiden , einen Anhänger des Hofes hält . Wie sehr diese Verstellung das Gewicht meines Kummers vermehrt , begreifst du leicht , Phocion ! Auch werde ich sie bestimmt nur so lange fortsetzen , bis eine heilige Pflicht gegen meine Brüder und meine Ueberzeugung jene schonenden Rücksichten aufhebt . Vielleicht hörst du bald mehr von mir - mein Schicksal muß sich nun schnell entscheiden . Leb ' wohl ! 66. Theophania an Junia Marcella . Nicäa , im Jänner 303 . Auch in den trübsten Stunden meines Lebens war es mein eifrigstes Bestreben , mein Herz mit den Fügungen der Vorsicht zufrieden zu sprechen , und mich ihnen unbedingt in Allem zu unterwerfen . So erhielt ich mir mitten unter Trübsalen den heiligen Frieden , den unser göttlicher Lehrer seinen Jüngern als das schönste Geschenk hinterließ . Bisher hatte ich es immer vermocht ; denn bisher hatte ich meine Leiden als unmittelbare Schickungen Gottes betrachten können - ich hatte noch nicht durch die Bosheit und Verderbtheit der Menschen gelitten . Jetzt , wo diese neue Art von Bedrängniß über mich kommt , und mir das letzte Gut , was ich auf Erden besitze , meine Verborgenheit und meinen unbescholtenen Ruf zu rauben droht , jetzt empört sich mein Herz in wilden Schlägen , zum ersten Mal mischt sich der Zorn in meinen gerechten Schmerz , und die stille Ergebung entflieht aus meiner Brust . Solltest du es für möglich halten , daß ich den Nachstellungen eines Bösewichts ausgesetzt bin , daß meine Gestalt die wilde Sinnlichkeit des verächtlichen Marcius Alpinus gereizt hat , der zuerst sich mir unter der Hülle der Achtung und Freundschaft näherte , dann seine niedrigen Absichten durchscheinen ließ , und als er entschlossenen Widerstand fand , seine Zuflucht zur List und Nachstellungen nahm ? Schon lange merkte ich , daß er mich auszuforschen suchte ; seit einigen Tagen fühle ich mich auf jedem Schritt von seinen Spähern belauscht , beobachtet . Ich fürchte , er ahnet , wer ich bin . So viel ist gewiß , daß man sich genau nach meinen Schicksalen , nach meiner Hierherkunft , meinem Verhältniß zur Familie des Lysias , sogar nach meinem Aufenthalt in Synthium erkundigt . Von wem anders , als von ihm , können diese Verfolgungen herrühren ? Er möchte gern Meister meines Geheimnisses , und mit ihm Meister meines Willens seyn . Schlechtdenkend , wie er ist , kann er , wenn er vermuthet , wer ich bin , mir keine andre , als eine niedrige Ursache oder Absicht meiner Verborgenheit zutrauen , er muß nothwendiger Weise glauben , mich in seine Gewalt zu bekommen , wenn er mein Geheimniß weiß . Das soll er nicht hoffen , der Bösewicht . Er ist mächtig - sein Einfluß ist wieder groß , und das Laster findet überall Gehülfen . Dennoch , wer sterben kann , ist unüberwindlich . Ich werde nie zugeben , daß die Welt und Agathokles mein Daseyn erfahre . Drängt er mich aber , und bleibt mir kein Ausweg übrig , mein Leben oder mein Geheimniß zu retten ; so wird ja wohl der Schöpfer nicht zürnen , wenn das geängstete Geschöpf zu ihm flieht , und das letzte Mittel , das mich bei den Gothen in gleicher Gefahr hätte retten sollen , mich auch jetzt von den Tücken dieses Ungeheuers befreit . Bin ich todt , dann mag Agathokles wissen , daß die vergessene Larissa noch lange genug lebte , um zu erfahren , daß ein Band , das sie für mehr als Eine Welt geknüpft glaubte , durch die Gewalt einer leichtsinnigen Schönheit zerrissen werden konnte . Sie lieben sich , das ist gewiß , darüber kann auch die kühnste Hoffnung keinen Zweifel nähren . Ich weiß das aus sichern Quellen , und was ihnen mangelte , ersetzte Sulpiciens Brief . Sie hat mir die Zeichnung geschickt . Calpurnia macht mir ein Geschenk damit . O allmächtiger Gott ! Sein Bild aus ihrer Hand ! Sie bedarf dessen nicht mehr , schreibt die Königin , da das Original beständig um sie lebt ! Und Calpurnia schwebt , wie eben der Brief sagt , mitten im Geräusch und Schimmer glänzender Feste , und dorthin folgt er ihr ! Er , dessen Wesen sonst dieser Art von Freuden zu widerstreben schien , er verläugnet seine bessere Ueberzeugung , er ist nicht mehr Agathokles , er ist der gefällige , tändelnde Liebhaber der reizenden Calpurnia , die er , wie ihr Schatten , überall hin begleitet ! Sulpicia hat mir sehr freundschaftlich , aber in einem höchst schwermüthigen Tone geantwortet . So hat denn auch sie der Besitz des Geliebten , der Thron , die Erfüllung aller ihrer Wünsche nicht glücklich gemacht ! Sie lud mich ein , mit ihr nach Ecbatana zu gehen . Ich erkenne ihre Güte mit dankbarem Gemüth , ich habe ihr Alles geschrieben , was mein wahrhaft gerührtes Herz mir darüber eingab , aber ich habe ihr Anerbieten standhaft abgelehnt . Ach , wenn ich meinen Zufluchtsort verlassen dürfte , wohin auf der weiten Welt würde ich am liebsten fliehen , als in deine Arme ! Zwei Tage später . Und doch muß ich fort . Das erzürnte Schicksal gönnt mir keine Ruhe . O womit habe ich diese Härte verschuldet ! Das Gewitter ist ausgebrochen - auch du wirst seine Wirkungen empfinden - unsre Kirchen sind geschlossen , viele unsrer vornehmsten Mitbrüder sind in Verhaft genommen . Auch dem würdigen Lysias , der einer der Aeltesten der Gemeinde , und ein thätiges , eifriges Mitglied derselben ist , droht dasselbe Schicksal . Indessen ist er entschlossen zu bleiben , und Alles standhaft abzuwarten , was Bosheit oder Rachsucht über ihn zu verhängen beschlossen hat . Er hat Feinde , und weiß nur zu wohl , daß Religionshaß nicht zum ersten Male zum Deckmantel kleinlicher Rache dienen mußte . Heliodor geht von hier nach Nikomedien , wo unter den Augen des Augustus der Verfolgungsgeist minder gesetzlos wüthet . Unter diesen Umständen bleibt dies Haus keine sichere Zuflucht mehr für mich . Allein zu reisen wage ich nicht , da ich mich so wenig persönlicher Sicherheit erfreuen kann . Es bleibt mir also kein Ausweg übrig , als mit Heliodor zu gehen . Marcius Alpinus ist in diesem Augenblick nach Cäsarea zum Galerius berufen , vielleicht ist dies der einzige Zeitpunkt , der mir zur Flucht übrig ist . Auch haben Heliodor und Lysias mich überzeugt , daß man in einer großen geräuschvollen Stadt viel eher hoffen kann , unbemerkt zu bleiben , als an einem kleinen Orte , wo jeder Nachbar um jeden Schritt des andern weiß . Ueberdies werde ich nicht in der Stadt selbst wohnen . Eine Viertelstunde davon , am Eingang eines kleinen Gehölzes , liegt ein Dörfchen , dessen ich mich noch wohl aus meiner Kindheit erinnere . Hier von Lärmen und Zerstreuung geschieden , bewohnen einige christliche Wittwen ein einsames kleines Haus , und widmen , da sie in der Welt nichts mehr zu wirken und zu hoffen haben , den Rest ihrer Tage den Uebungen der Frömmigkeit und Menschenliebe . Sie verfertigen die Geräthe und Kleidungsstücke für die Kirchen , und dienen in denselben als Diaconissinnen1 ; aber ihr schönster Wirkungskreis ist die Unterstützung der Armen , der Unterricht der Mädchen , die ihrer Aufsicht übergeben sind , und die Pflege der Kranken , die theils in ' s Haus gebracht , theils in ihren Wohnungen von den wohlthätigen Frauen besucht werden . Zu ihnen wird mich Heliodor bringen . In den Mauern dieses Hauses , das ich nicht verlassen muß , wenn ich nicht will , kann ich ganz unbemerkt und verborgen leben , und der Beruf dieser Wittwen gibt meinem gehaltlosen Daseyn Zweck und Werth . Morgen reise ich ab . Wir werden , um alle Nachforschungen zu täuschen , die Straße nach Apamäa einschlagen , und von dort erst auf einem Umwege nach Nikomedien gehen . Sobald ich in meiner stillen Freistätte angelangt bin , werde ich dir schreiben . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Diaconissinnen waren christliche Wittwen , welche in den Kirchen , besonders bei der Taufe weiblicher Katechumenen dienten . 67. Agathokles an Phocion . Nikomedien , im Februar 303 . Das Gewitter zieht sich von allen Seiten zusammen . Bald ist es nicht mehr möglich , seinen Schlägen auszuweichen ; so werde ich ihnen denn mit männlichem Muthe begegnen . Gestern ließ der Präfect der Leibwache mich rufen . Vielfache Neckereien , in denen der Sinn des kaiserlichen Edicts überschritten wurde , haben die lange Geduld der unglücklichen Christen ermüdet . Es sind hie und da unruhige Auftritte vorgefallen , und diese wahrlich natürlichen Regungen der Selbsterhaltung brandmarkt die Tyrannei mit dem Namen Rebellion . Man bot die bewaffnete Macht gegen sie auf - mit ungleichem Erfolge . An einigen Orten wurden die Verfolgten das Opfer der Uebermacht , an andern mußte der kleine Haufe der Soldaten der Ueberzahl der Unglücklichen weichen , die ihr Theuerstes und Höchstes mit der Wuth der Verzweiflung vertheidigten . Man hat nun beschlossen , wirksamere Maaßregeln zu ergreifen , und ich sollte mit ein paar Centurien , die ich mir aus den geprüftesten Kriegern selbst auswählen durfte , nach Cäsarea , wo die Mißhandlungen des Stadtpräfecten dem Bischof , einem ehrwürdigen Greis , bereits das Leben gekostet , und alle christlichen Einwohner zur Empörung gezwungen hatten . Hier zu schweigen war unmöglich . Aber die Pflicht des Sohnes gebot , das nicht mehr zu verhehlende Geheimniß dem Vater wenigstens zuerst zu entdecken . Ich bat mir Bedenkzeit aus , und kündigte meinem Vater meinen Entschluß , den Auftrag nicht zu übernehmen , und die Ursache desselben an . Er wüthete - das hatte ich vorhergesehen - er drohte mit Enterbung und Fluch - ich war darauf vorbereitet , es schreckte mich nicht - er verbannte mich zuletzt aus seinen Blicken , und verbot mir , sein Haus je wieder zu betreten . Ich würde unwahr seyn , wenn ich behaupten wollte , daß mich dies Betragen nicht geschmerzt habe ; aber es schmerzte mich mehr um seinetwillen , denn ich fürchtete die schädliche Wirkung des Zorns für den abgelebten Greis . Von ihm ging ich zum Präfecten der Leibwache , und erklärte ihm , warum ich unmöglich gegen die Christen streiten könnte . Er schien eben so erstaunt als aufgebracht , und nachdem er sich in Drohungen mit der Ungnade des Kaisers , mit Verlust meiner Stelle , und in leerer Wiederholung aller der seichten Beschuldigungen gegen das Christenthum , die man gewöhnlich vorbringen hört , erschöpft hatte , machte er zuletzt einen Versuch , mich zu bekehren . Ich hatte meines Vaters Zorn und Fluch ertragen , kaum konnte das Beginnen des Präfects mir mehr als ein Lächeln abnöthigen . Ich bat ihn zu thun , was seine Pflicht in diesem Falle von ihm fordern würde , und das Uebrige meiner Ueberzeugung zu überlassen . So verließ ich ihn . Als ich in dem Quartier meiner Kameraden angelangt war , brachten die Sclaven meines Vaters alle meine Gerätschaften , Bücher , Waffen , Kleider . Mein Vater wolle nichts mehr von mir wissen , er habe keinen Sohn mehr ; diese Botschaft gab er den Sclaven mit , und dachte mich dadurch sehr tief zu kränken . Mich rührte die Trauer und Liebe , die diese guten Menschen mir zeigten , und mein Herz öffnete sich mildern Empfindungen . Am Abend langte ein Brief aus Nicäa an . Theophania war verschwunden , Niemand wußte wohin . In Lysias Hause wird ein tiefes Schweigen darüber beobachtet . Heliodor hat sie begleitet . Marcius Alpinus ist einige Tage vorher nach Cäsarea abgereist . Sollte sie ihm dahin gefolgt seyn ? Unmöglich ! Heliodor kann die Frau , die sich seinem Schutze