. Sokrates . Wie wollen wir nun weiter verfahren ? Wollen wir das , was aus dem Gestorbenseyn entsteht , nicht ebenfalls für etwas Entgegengesetztes halten ? Sollte die Natur nur hier allein hinken ? Oder müssen wir eine dem Sterben entgegengesetzte Entstehung annehmen ? Cebes . Das müssen wir allerdings . Sokrates . Was für eine also ? Cebes . Das Wiederaufleben . Sokrates . Wenn nun ein Wiederaufleben stattfindet , wäre da nicht das Wiederaufleben eine Entstehung des Lebenden aus dem Gestorbenen ? Cebes . Unstreitig . Sokrates . Wir sind also genöthigt als etwas Ausgemachtes einzuräumen , daß die Lebenden eben sowohl aus den Gestorbenen entspringen , als die Gestorbenen aus den Lebenden ; und wenn dieß ist , so haben wir einen hinreichenden Grund anzunehmen , daß die Seelen der Verstorbenen irgendwo seyn müssen , von wannen sie wieder geboren werden können ? Cebes . Aus dem Eingestandenen folgt dieß nothwendig , u.s.w. Nun frage ich dich , Aristipp , ob das unauslöschliche Lachen der seligen Götter im ersten Buch der Ilias hinlänglich wäre , eine solche Manier zu philosophiren nach Würden zu belachen ? Und in was für ein unendliches und unermeßliches Wiehern müßten erst die besagten Götter ( die über ihren neuen , dienstfertig von einem zum andern herum hinkenden Mundschenken so entsetzlich lachen konnten ) ausbersten , wenn sie ein Paar gravitätische Leute unter den Wolken , über Dinge wovon sie nichts verstehen noch wissen können , im höchsten Ernst so possirlich irre reden hörten ? Gleichwohl läßt Plato den guten alten Sokrates , seinen ganzen Sterbetag über , in diesem Geschmack dialogiren , und der ganze Discurs dreht sich immer um diesen feinen Beweis herum . Und welch ein Beweis ! Aus einer Induction , die am Ende auf ein bloßes Spiel mit Worten hinaus läuft , und auf dem grundlosen Vorgeben beruht : wenn zwei einander entgegengesetzte Dinge auf einander folgen , so entstehen sie aus einander ! Diesem Grundsatz zufolge könnt ' er uns eben so bündig beweisen , ein Hungriger müsse nothwendig satt werden , wenn er gleich nichts zu essen hat , oder die alte Hekube müsse wieder jung und eine zweite Helena werden ; denn Hunger und Sättigung , Alter und Jugend , Runzeln und Schönheit sind einander entgegengesetzt und folgen auf einander , müssen also eben so nothwendig aus einander entspringen , als das Wachen aus dem Schlafen und das Leben aus dem Tode . Der Beweis müßte sich gut ausnehmen , wenn er , nach dem obigen Muster , in kurzen Fragen und Antworten , mit möglichster Langweiligkeit geführt würde ! - Und dennoch hat der sinnreiche junge Mensch in seiner subtilen Einbildungskraft Mittel gefunden uns etwas noch Lächerlicheres zum Besten zu geben . Wenn er beweisen könnte , meint er , daß unsre Seelen vor diesem Leben schon irgendwo da gewesen wären , so hätte er damit so gut als bewiesen , daß sie auch nach demselben irgendwo seyn könnten . Und wie führt er diesen Beweis ? Alle Menschen , sagt er , bringen eine Art von Begriffen mit auf die Welt , die sie weder durch ihre eigenen Sinne noch durch fremden Unterricht erlangen . Wer daran zweifelt , lege nur dem ersten besten Kinde von drei oder vier Jahren Fragen vor , zu deren Beantwortung nichts als gemeiner Menschenverstand erfordert wird , und das Kind , wenn es recht gefragt , das heißt , wenn ihm die Antwort auf die Zunge gelegt wird , wird auch allemal die rechte Antwort geben . Man zeige ihm z.B. zwei Stücke Holz von ungleicher Größe , und frage : sind diese Stücke Holz gleich groß ? so wird es ohne Anstand mit Nein antworten . Wie könnt ' es aber das , wenn es nicht schon einen Begriff von der absoluten Größe und Gleichheit hätte , den ihm doch gewiß weder seine Amme noch sein Pädagog beigebracht haben ? Woher also könnte das Kind den Begriff vom Großen und Gleichen an sich , das weder Holz noch Stein noch irgend etwas anderes in die Sinne Fallendes ist , sondern bloß , als das für sich bestehende Große und Gleiche , mit dem Verstande angeschaut werden kann , woher könnt ' es diesen Begriff haben , wenn es ihn nicht schon vor seiner Geburt , also in einem vorhergehenden Leben , bekommen hätte ? Und wie hätte es ihn auch in diesem erhalten können , wenn es nicht in einer Welt gelebt hätte , wo Groß und Gleich , Rund und Eckicht , Warm und Kalt , kurz alle durch die Sprache bezeichneten abstracten und allgemeinen Begriffe , wie sie Namen haben mögen , als selbstständige , wiewohl unkörperliche und übersinnliche Wesen , eine uns Sterblichen unbegreifliche Art von Existenz haben , oder vielmehr die einzigen wahrhaft und ewig existierenden Dinge ( ta ontos onta ) sind ? In dieser unsichtbaren Welt lebten einst unsre Seelen , mitten unter diesen , nur dem reinen Verstand anschaubaren Dingen , das wahre Geister- und Götterleben ; und vermuthlich wird uns Plato ( der in diesem Lande Nirgendswo ganz zu Hause zu seyn scheint ) künftig noch offenbaren , wie es zugegangen . daß unsre besagten Seelen aus einem so herrlichen Zustande in den schlammichten Pfuhl der Materie herabgeworfen , und in thierische Körper , als in eine Art von dunkeln unterirdischen Kerkern ( wie er sagt ) eingesperrt worden , wo sie durch die fünf Sinne , als eben so viele Spalten in der Mauer , die Schatten jener wirklichen Wesen erblicken , und bei diesen wesenlosen Erscheinungen sich jener , wiewohl nur dunkel , wieder erinnern . Genug vor der Hand , daß es so und nicht anders ist , und daß , nach Platons positiver Versicherung , nichts thörichter und erbärmlicher seyn kann , als der unglückliche Wahn , worin wir andern gemeinen Menschen befangen sind , als ob die Erde , worauf wir herum kriechen , die wahre Erde , und das Scheinleben in dieser Sinnenwelt , zu Korinth , Aegina oder Milet , wo wir uns ( unter den gehörigen Bedingungen ) sehr wohl zu befinden glauben , das wahre Leben sey . Nichts weniger ! Im Gegentheil , es ist ein so elender Zustand , daß der ärmste Sklave in den Bergwerken von Laurium , wenn er wie Plato philosophiren könnte , unendlich glücklicher wäre , als mein Freund Aristipp an einem mit allem , was Land und Meer Köstliches hat , besetzten Tische , der schönen Lais gegenüber , in der auserlesensten , fröhlichsten Gesellschaft und unter den angenehmsten Unterhaltungen . Kurz , so lange unsre Seelen , an den Leib gefesselt , in den finstern Höhlen und Grüften dieser unterirdischen Erde schmachten , und bis sie durch den Tod - der aber freilich nur dem Platonisirenden Philosophen ein freundlicher Genius ist - wieder ins wahre Leben geboren , und zum Anschauen und unmittelbaren Umgang mit den sämmtlichen Neun- und Zeit- auch Vor-und Verbindungswörtern an sich emporgestiegen seyn werden , ist ( außer dem philosophischen Tod , wodurch der Platonische Weise sich bereits in dem gegenwärtigen Scheinleben eine freilich noch etwas ärmliche Art von Existenz verschaffen kann ) an kein wahres Leben , geschweige an etwas , das den Namen Glückseligkeit verdiente , zu gedenken . Frage doch die schöne Lais in meinem Namen , wie sie sich in der Gesellschaft dieser Platonischen Stammwesen , zwischen der selbstständigen Langweile und dem absoluten Hojahnen , gefallen würde , und sie wird mir hoffentlich zu gut halten , daß ich mich über solche Hirngespenster nicht ernsthafter erkläre . In der That kann ich es mir selbst kaum verzeihen , daß ich mich so lange dabei aufgehalten , zumal da ich mich dadurch so verstimmt habe , daß ich dir nichts weiter zu schreiben weiß , als daß ich vor wenigen Tagen zu Samos angekommen bin , und durch die gute Besorgung meines Freundes Zenodor sogleich eine bequeme Wohnung bezogen habe , worin ich dich je eher je lieber zu bewirthen hoffe . 61. Aristipp an Lais . Wenn der Brief des Hippias , von welchem ich dir hier eine Abschrift überreiche , Stoff zu angenehmer Unterhaltung in einer deiner musurgischen163 Abendgesellschaften geben könnte , so würde ich mich wegen der kleinen Ungebühr , wodurch ich ihn erschlichen habe , hinlänglich entschuldiget halten . Du wirst finden , daß er ein wenig unbarmherzig mit dem armen Plato umgeht , und das neu ausgestellte hermaphroditische Mittelding von Dialektik und Poesie von einer zu schiefen Seite betrachtet , um ihm völlige Gerechtigkeit widerfahren zu lassen . Indessen scheint doch Plato selbst ( zu seiner Ehre gesagt ! ) keine große Meinung von der Stärke seiner Beweise für das künftige Leben unsrer Seelen im Hades und in der überirdischen Erde zu hegen ; auch geht auf dem langweilig fortschneckenden Wege des Fragens und Antwortens so viel Kraft verloren ; die wackern Thebanischen Jünglinge , Cebes und Simmias , die dadurch entbunden werden sollen , fühlen sich durch die Operation so abgemattet und die so mühsam zur Welt gebrachte Frucht selbst scheint so viel dabei gelitten zu haben , - daß es mich nicht wundert , wenn die sämmtlichen Interessenten kein sonderliches Vertrauen in ihre Dauerhaftigkeit zu setzen scheinen , und sich des Zweifels , ob es auch richtig mit der Niederkunft zugegangen , nicht recht erwehren können . Wie sollten sie auch , da Sokrates selbst sich am Ende , wie es nun Ernst werden soll , mit bloßen Vermuthungen und Hoffnungen behilft , und die reine Auflösung des Problems von der Erfahrung , die er zu machen im Begriff ist , erwartet ? Es bedarf keines tiefen Nachdenkens , um zu sehen , daß über den Zustand der Seele nach dem Tode nicht eher etwas entschieden werden kann , bis erst eine befriedigende Antwort auf folgende Fragen gefunden ist : was ist unsre Seele ? - Wo und was war sie , bevor sie mit diesem Leibe verbunden wurde , ohne dessen Vermittlung sie , dermalen , weder empfinden , noch denken , noch wirken kann ? Ist diese Unentbehrlichkeit ihres Organs eine bloße Bedingung unsers gegenwärtigen Lebens ? Oder kann sie auch ohne dasselbe , als ein für sich bestehendes Wesen , fortfahren zu denken und zu wirken ? Und , wofern dieß nicht möglich wäre , kennen wir irgend ein Gesetz oder eine Veranstaltung in der Natur , vermöge deren sie wieder mit einem andern , ihrem Bedürfniß angemessenen Leibe versehen werden könnte und müßte ? Es fehlt viel , daß der Platonische Sokrates auch nur Eine dieser Fragen so beantwortet hätte , daß die Unmöglichkeit des Gegentheils augenscheinlich wäre . Gesetzt aber auch sie könnten so beantwortet werden , so wäre uns doch nur die Möglichkeit der Sache begreiflich gemacht , und es käme noch immer darauf an : ob alles Mögliche auch erfolgen müsse ? oder , ob nicht die Erfahrung der einzige Weg sey , worauf wir gewiß werden können , daß unsre Seele den Verlust ihres Organs wirklich überleben werde ? Bei dieser Bewandtniß der Sache ist klar , daß , so lange die Menschen nicht Mittel finden , den dichten Vorhang , der noch immer vor die Mysterien der Natur gezogen ist , aufzuziehen , nichts völlig Gewisses über das Fortdauern der Seele und ihren Zustand nach diesem Leben festgesetzt werden könne . Hoffnungen , Vermuthungen , Hypothesen , sind alles , womit derjenige sich behelfen muß , der sich in den Gedanken nicht beruhigen kann : alles unter der Sonne hat einen Anfang und ein Ende ; nichts besteht immer unter seiner gegenwärtigen Gestalt ; alle Naturwesen , die wir kennen , haben einen gewissen Punkt der Reife , nach dessen Erreichung sie wieder abnehmen , und endlich , indem sie in ihre ersten Bestandtheile wieder aufgelöset werden , aufhören zu seyn was sie waren . Sollte nicht auch der Mensch sich dieses allgemein scheinende Naturgesetz , wofern es wirklich allgemein wäre , gefallen lassen ? Warum nicht , wie ein gesättigter Gast von der Tafel der Natur aufstehen und sich schlafen legen ? - » Um nie wieder zu erwachen ? « - Warum nicht , wenn wir dazu geboren sind ? - Oder fühlst du auch , Laiska , daß etwas in dir ist , das sich gegen diesen Gedanken auflehnt ? Eine Art von dunkelm aber innigem Gefühl , daß dein wahres eigentliches Ich eben darum immer fortdauern wird , weil es ihm unmöglich ist , sein eigenes Nichtseyn zu denken ; weil wir ohne Unsinn zu reden nicht einmal vom Nichtseyn reden können ? Sollte die Behauptung , » daß das Selbstständige in uns , welches unter allen Veränderungen , denen es unterworfen seyn mag , immer sich selbst gleich bleibt , unvergänglich sey , « noch einen andern Beweis bedürfen , als diesen : daß es uns eben so unmöglich ist Etwas als Nichts , wie Nichts als Etwas zu denken ; und daß sich weder eine Ursache , wie , noch ein Zweck warum es zu seyn aufhören sollte , ersinnen läßt ? Sollte dieß nicht die ganz einfache natürliche Ursache seyn , warum uns der Gedanke an den Tod so selten und wenig beunruhigt ? Wenn er sich uns auch darstellt , so wirkt er wenig mehr auf uns , als wenn uns jemand in größtem Ernst versicherte , wir seyen nicht da , wiewohl wir selbst uns unsers Daseyns aufs lebendigste bewußt wären . Ich rede , wie du siehst , von Menschen unsers gleichen ; denn daß es mit denen , die unter der Gewalt einer ungezügelten Einbildungskraft stehen und sich vor den Schreckbildern des Tartarus und Pyriphlegeton grauen lassen , gleiche Bewandtniß habe , will ich keineswegs behaupten . Indessen begehre ich eben so wenig zu läugnen , daß unsre Ruhe bei dem Gedanken des Todes , insofern sie sich auf die gefühlte Unmöglichkeit des Nichtsseyns gründet , nicht vielleicht eine bloße Täuschung sey , die aus dem üppigen Gefühl einer vollströmenden Lebenskraft entspringen , und uns dereinst , wenn die Quelle zu versiegen beginnt , wieder verlassen könnte . Es wäre also nicht überflüssig , wenn wir der Natur noch andere Fingerzeige ablauerten , die uns auf Betrachtungen hin wiesen , wodurch wir der Unzulänglichkeit jenes ahnenden Gefühls zu Hülfe kommen könnten . Sollte Plato nicht am Ende doch Recht haben , wenn er behauptet : unsre Seele bedürfe des Leibes nicht schlechterdings zu ihren eigenthümlichen Verrichtungen ; er sey ihr darin mehr hinderlich als behülflich , und sie würde ohne ihn nur desto besser denken und wirken können ? - Daß er ( wie es seine Art ist ) die Sache übertreibt , und Folgen daraus zieht , vermöge deren er den Körper als ein Gefängniß der Seele betrachtet , dadurch wollen wir uns nicht irre machen lassen . Wir gönnen ihm diese Vorstellungsart sehr gern , und er wird uns dafür erlauben , unsern Körper ( dermalen wenigstens ) für ein ganz bequemes , mit allem Nöthigen und vielem Nützlichen und Angenehmen wohl versehenes Wohnhaus unsrer Seele anzusehen . Die Frage sey also jetzt nur : kann unsre Seele , unter gewissen Umständen , der Organe ihres Körpers zu ihren eigenthümlichen Verrichtungen entbehren , oder nicht ? - Was wir schlafend in Träumen erfahren , wird uns vielleicht einiges Licht hierüber geben können . Es ist wohl kein Zweifel , daß wir im Traum ohne Zuthun unsrer Augen und Ohren sehen und hören , ohne Hülfe der Füße gehen , ohne die Sprachwerkzeuge wirklich zu gebrauchen reden , kurz , daß die Seele zu wachen glaubt und sich in voller Aktivität befindet , während ihr Körper in tiefer Ruhe abgespannt und unbeweglich da liegt , und die Organe der Sinnlichkeit und die äußerlichen Gliedmaßen überhaupt , so viel wir wenigstens wissen , nicht das Geringste zu den Verrichtungen derselben beitragen . Aber hüten wir uns , einen zu raschen Schluß aus dieser Erfahrung zu machen . Auch im Traume bleibt die Seele an ihren Körper gebunden ; sie wähnt mit seinen Augen zu sehen , mit seinen Ohren zu hören , und sich aller seiner Gliedmaßen , mit und ohne ihre Willkür , zu bedienen ; kurz , ihr Körper ( wiewohl er keinen Antheil an dem , was in ihrem Innern vorgeht , zu nehmen scheint ) bleibt auch im Traume ihr unzertrennlicher Gefährte , der beständige Typus ihrer Vorstellungen , und das unmittelbare Werkzeug ihrer unfreiwilligen Empfänglichkeit sowohl , als ihrer willkürlichen Selbstbewegungen . Indessen ist bemerkenswerth , daß sie in diesem sonderbaren Zustande zwar immer mit ihrem Körper vereinigt ist , aber viel weniger von ihm eingeschränkt wird als im Wachen . Wir versetzen uns mit der Leichtigkeit einer Flaumfeder in einem Augenblick an die entferntesten Orte , wir fliegen ohne Flügel durch die Luft , gehen unbenetzt und unversengt durch Wasser und Feuer u.s.w. , auch sind die Beispiele nicht selten , daß unsre geistigen Kräfte im Träumen viel höher gespannt sind als im Wachen , und daß wir Dinge vermögen , wozu wir wachend entweder gar keine oder eine nur geringe Anlage besitzen . Seltner , aber doch zuweilen , ist es als ob wir zu einer höhern Art von Existenz gelangt wären ; wir sehen schärfer , hören feiner , fühlen zärter , als im Zustande des Wachens ; die Gegenstände unsrer Liebe zeigen sich uns wie durch ein reineres Medium , und die Gefühle und Gesinnungen , die sie in uns erzeugen , sind von aller gröbern Sinnlichkeit dermaßen geläutert , daß wir darüber erstaunen müßten , wenn sie uns in diesem erhöhten Zustande nicht ganz natürlich vorkämen . Ich selbst , Laiska , habe dich im Traume ( was unglaublich ist ) noch schöner gesehen als du mir wachend erscheinst ; ich wußte daß du es warst , und doch sah ich die himmlische Göttin der Schönheit und Liebe selbst in dir , und es gibt keine Worte , das was ich fühlte zart und rein genug auszudrücken . Sollte sich nun aus allem diesem nicht mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit schließen lassen : unsre Seele - die im Träumen ohne wirkliche Hülfe der äußern Sinne sieht und hört , und desto schönere Erscheinungen hat , desto leichter , fröhlicher und unbeschränkter ihre eigenen Kräfte spielen läßt , je größer die Unthätigkeit des Körpers ist - sie werde , durch die gänzliche Befreiung von den Einschränkungen desselben sich selbst nur desto stärker fühlen , ihre mannichfaltigen Kräfte nur desto freier und freudiger entwickeln , und , mit Einem Wort , anstatt aufzuhören zu seyn , erst recht zu leben anfangen ? Man sollt ' es meinen ; und doch wäre dieser Schluß noch zu rasch . Unser Freund Hippias könnte uns einwenden , » der Körper sey im Zustande des Träumens so unthätig nicht als es scheine ; blieben gleich die äußern Organe dabei aus dem Spiele , so seyen ohne Zweifel die innern desto geschäftiger ; die allgemeine Erfahrung , daß zu schönen , anmuthigen und mit einer Art von poetischer Wahrheit zusammengesetzten Träumen ein gesunder Schlaf nothwendig sey , ein Fieberkranker hingegen von lauter wilden , düstern , wahnsinnigen und schreckhaften Träumen geängstigt werde , diese Erfahrung allein beweise schon hinlänglich , daß der Körper zu unsern Träumen mehr beitrage , als wir angenommen hätten , und wir seyen also noch keineswegs berechtigt , von der Selbstthätigkeit unsrer Seele im Träumen auf die Fortdauer derselben nach der gänzlichen Trennung vom Leibe zu schließen . « - Was hätten wir wohl hierauf zu antworten ? So leicht , denke ich , wollen wir uns die Waffen nicht aus den Händen ringen lassen . Der letzte Einwurf wenigstens wird uns wenig zu schaffen machen , denn er ist vielmehr für als wider uns . Gerade der Umstand , daß ein gesunder , d.i. ein ruhiger Schlaf , ein sehr gemäßigter Lauf des Blutes und eine allgemeine Erschlaffung der Nerven , nothwendige Bedingungen derjenigen Art von Träumen sind , auf welche wir unsere Vermuthungen gestützt haben , gerade dieser Umstand beweiset , daß die Seele im Träumen der Mitwirkung des Körpers wenig oder gar nicht bedarf ; und daraus , daß unordentliche Bewegungen und stürmische Erschütterungen des animalischen Systems das Gehirn mit wilden und gräßlichen Phantomen anfüllen , folget keineswegs , daß auch zu den schönen und anmuthigen , ja zuweilen sogar sinnreichen und sublimen Träumen , die uns im Zustande eines ruhigen Schlummers erscheinen , eine besondere Mitwirkung des Körpers nöthig sey . Nicht so leicht dürfte hingegen der Behauptung - » daß bei aller Ruhe der äußern Organe die innern - des Gehirns vermuthlich - desto geschäftiger im Träumen seyn könnten , « - mit Grund zu widersprechen seyn , da es uns noch viel zu sehr an Beobachtungen und genauer Kenntniß der feinsten Theile unsers Körpers mangelt . Aber führt uns nicht dieser Einwurf selbst auf den Gedanken : daß das innerste und unmittelbarste Organ unsrer Seele ( eben dasselbe , das bei den Träumen , wovon die Rede ist , mitwirken soll ) aus einem unendlich feinern Stoff als der gröbere Körper , der ihm gleichsam nur zum Tribonion164 dient , gebildet , und von einer so vollkommenen und unzerstörbaren Natur seyn könnte , daß die Seele immer damit bekleidet bliebe , und nach der Trennung von ihrem sichtbaren Körper , vermittelst desselben sowohl ihr eigenes Geschäft fortsetzte , als in einer Art von Zusammenhang mit der äußern Welt verbliebe , oder vielmehr sich zwar in eine neue Welt versetzt fände , aber auch sogleich in derselben zu Hause wäre , und indem sie ihren neuen Zustand an den vorigen anzuknüpfen wüßte , im Grunde doch ihre vorige Art zu seyn , nur auf eine ihrer Natur gemäßere Weise fortsetzte ? Der Einwurf , » daß sich das wirkliche Daseyn eines solchen unsichtbaren Seelenorgans nicht beweisen lasse , « braucht uns nichts zu kümmern ; denn , da es bloß darauf ankommt , uns irgend ein mögliches Mittel , wie die Seele nach dem Tode fortdauern könne , zu denken , so ist es schon genug , daß uns die Unmöglichkeit desselben nicht bewiesen werden kann : ob es sich wirklich so verhalte , kann die einzige Offenbarerin dessen was wirklich ist , die Erfahrung , allein bewähren . Indessen bedürfen wir auch dieser Hypothese nicht , um zu begreifen , wie unsre Persönlichkeit , oder das , was unser eigentliches Ich ausmacht , und was man gewöhnlich unter dem Wort Seele versteht , nach der Trennung vom Körper fortdauern könne . Wenn wir sehen , so ist es ja nicht das Auge , wenn wir hören , nicht das Ohr , was sich der Vorstellung bewußt ist , die durch das Sehen und Hören in uns veranlaßt wird ; die Seele ist es welche sieht und hört , so wie sie allein es ist , was , aus jenen Darstellungen der Sinne , Begriffe und Gedanken erzeugt , sie vergleicht und unterscheidet , trennt und zusammensetzt u.s.f. Die Art und Weise , wie unsre Seele mit ihrem Körper zusammenhängt , ist eines der unerforschlichen Geheimnisse der Natur ; ich weiß nichts davon : aber daß dieses Ich , das sich selbst fühlt , sich selbst betrachtet , sich selbst bewegt , sich vieles Vergangenen erinnert , viel Künftiges vorhersieht , und , indem es beides mit dem Gegenwärtigen verbindet , der Baumeister einer eigenen Welt in sich selbst wird ; dieses Ich , dessen wesentlichste Bedürfnisse Wahrheit , Ordnung , Schönheit und Vollkommenheit sind , das nur durch den Genuß derselben befriedigt wird , und immer beschäftigt ist , sie in sich selbst und außer sich hervorzubringen , - daß dieses Ich ein von meinem Körper ganz verschiedenes Etwas ist , dieß weiß ich so gewiß , als ich mir selbst bewußt bin . Warum also sollte aus meiner dermaligen Einschränkung durch einen organischen Körper nothwendig folgen , daß er mir zu meinem Daseyn , oder , was eben so viel ist , zum Gebrauch meiner Kräfte und Fähigkeiten , in und außer mir , schlechterdings unentbehrlich sey ? Ist diese Folgerung nicht von eben derselben Art , wie der Irrthum jenes Fußgängers , der den ersten Thessalischen Reiter , den er zu Gesichte bekam , für einen Centauren ansah , weil er sich nicht vorstellen konnte , daß der Reiter , sobald es ihm beliebe , absteigen und auf seinen eigenen Füßen gehen könne ? Und nun , liebe Laiska , dünkt dich nicht auch , wenn wir alle diese Betrachtungen mit der vorhin erwähnten Unmöglichkeit , uns selbst als nicht existirend zu denken , zusammennehmen , es entstehe daraus ein hinlänglicher Grund für uns , den Tod , den der Pöbel sich als das schrecklichste aller schrecklichen Dinge vorstellt , für den Uebergang zu einer höhern Art von Daseyn zu halten , und , ohne ihn zu wünschen oder zu beschleunigen , ihm , wenn er von selbst kommt , eben so ruhig ins Gesicht zu sehen , als Sokrates ? Was denkst du dazu , meine Freundin ? - Was mich betrifft , ich denke in diesem Augenblicke , daß ich vermuthlich der erste Mensch in der Welt bin , der sich einfallen ließ , eine Frau wie du - mit Todesbetrachtungen zu unterhalten , und , was noch sonderbarer ist , der gewiß seyn kann , die Grazien , Scherze und Freuden , die dich immer und überall umgeben , nicht dadurch verscheucht zu haben . 62. Lais an Aristipp . Ich bin eine zu große Liebhaberin vom Leben , mein lieber Aristipp , als daß ich mich nicht sehr gern überreden lassen sollte , daß ich immer leben werde . Ich rechne es dem spitzfindigen Plato ( der so viel dabei gewänne , wenn er es weniger wäre ) zu keinem geringen Verdienst an , daß er dir durch seinen Phädon Anlaß gegeben , mich über diesen Punkt ( der am Ende doch Alten und Jungen , Schönen und Häßlichen gleich angelegen seyn muß ) mit mir selbst ins Reine zu bringen . Indessen mag es wohl ganz gut für uns seyn , daß alles Gewicht der Gründe , die uns den Tod in einem so fröhlichen Lichte zeigen , dennoch keine völlige Gewißheit hervorbringt ; so daß ein Sokrates selbst nicht mehr dadurch gewinnt , als es zuletzt , mit einer gewissen zwischen Hoffnung und Gleichgültigkeit leise hin- und herschwebenden Ruhe , darauf ankommen zu lassen , was an der Sache seyn werde . Wären wir völlig gewiß , daß uns der Tod zu einer so großen Verbesserung unsrer Existenz befördern werde , wie ihr andern Philosophen uns so sinnreich vorzuspiegeln wißt , wer wollte in den nackten Felsen von Seriphos165 grau werden , wenn er nur seinen Kahn vom Ufer abzuschneiden brauchte , um in das zauberische Land der Hesperiden166 oder in Platons überirdische Erde hinüber zu fahren ? Denn was dieser seinen Sokrates über unsre vorgebliche Soldatenpflicht - » unsern Posten nicht eher zu verlassen bis wir abgelöst werden « - sagen läßt , überzeugt mich nicht ; und ich sehe nicht ein , was meine Freiheit über mich selbst zu gebieten beschränken sollte , sobald meine dermalige Existenz nicht anders als unter unerträglichen Bedingungen verlängert werden kann . Es ist sehr artig von dir , Lieber , daß du es in meine Wahl stellst , ob ich mit oder ohne Körper fortzuleben hoffen will . Als ich deinen Brief erhielt , saß ich eben einem großen Spiegel gegenüber , und ( ich gestehe dir meine Thorheit ) ich konnte mich nicht entschließen , bei meiner künftigen Reise in die Geisterwelt , nicht wenigstens die Gestalt , die mir entgegen sah , mitzunehmen , wenn ich auch allenfalls großmüthig genug seyn könnte , dem palpabeln167 Theil meines dermaligen Doppelwesens zu entsagen . Ob ich selbst ein zu materielles Wesen bin , oder woran es sonst liegen mag , genug ich kann mich mit der Vorstellung einer so ganz ausgezogenen splitternackten Seele nicht befreunden ; ein wenig Draperie muß um mich herfließen ; darauf habe ich , wie du weißt , nun einmal meinen Kopf gesetzt . Der subtile Leib , den du meiner Seele zugestehst , würde mir also seiner Leichtigkeit und Gewandtheit wegen nicht übel behagen ; aber die Unsichtbarkeit , die du ihm ( ich weiß nicht warum ) beizulegen beliebst , steht mir nicht an , und ich muß dich bitten , ihn mit so viel Lichtstoff zu durchweben , daß er wenigstens aus einem halbdurchsichtigen Rosenwölkchen gebildet zu seyn scheine , und von meinen guten Freunden in der andern Welt ohne Anstrengung ihrer Augen gesehen werden könne . Die sublime Gestalt , worin ich dir im Traume zu erscheinen pflege , gibt mir gute Hoffnung , daß es gerade dieselbe seyn könnte , in welcher ich mich ihnen zu zeigen wünsche . Indessen wittre ich doch einige Schwierigkeiten , und ich möchte wohl wissen , wie du es z.B. mit der Geschlechtsverschiedenheit zu halten gedenkst ? Ich gebe zu , daß ich bei der Umgestaltung in einen Adonis oder Nireus von Seiten der Schönheit mehr gewänne als verlöre ; aber man ist doch immer lieber was man ist , und wenn der ätherische Leib , den du den Leuten in der andern Welt allenfalls noch lassen willst , nichts , was vermuthlich keinen Gebrauch mehr in derselben haben wird , behalten soll , so muß eine Gestalt heraus kommen , gegen welche ich meine jetzige nicht vertauschen möchte . Wie viel fällt bloß deßwegen weg , weil wir ( denke ich ) nicht mehr essen und trinken , oder wenigstens , um uns von Nektar und Ambrosia zu nähren , keine so animalischen Verdauungs- und Absonderungswerkzeuge nöthig haben werden , wie dermalen ? Und was wollten wir mit Armen und Beinen machen , da vermuthlich alle die Bedürfnisse und Verrichtungen , wozu sie in diesem Leben nöthig sind , dort aufhören werden ? Kurz , ich sehe nicht , was von unsrer jetzigen