Wanda , daß du recht hattest mit deinem Urteil über Waldemar . Ich habe mir den Kampf mit ihm leichter gedacht . Anstatt ihn zu ermatten , bin ich jetzt nahe daran , zu weichen . Er ist mir mehr als gewachsen . « » Er ist dein Sohn , « warf Wanda ein . » Das vergißt du immer wieder . « Die Fürstin stützte finster den Kopf in die Hand . » Er sorgt schon dafür , daß ich es nicht vergesse , zeigt er mir doch täglich , was diese vier Jahre aus ihm gemacht haben . Ich hätte es nie für möglich gehalten , daß er sich mit einer so unglaublichen Kraft aus der Roheit und Verwilderung seiner Jugend emporarbeiten würde . Er hat sich selbst bezwingen gelernt ; darum zwingt er auch alles andre , trotz Haß und Widerstand . Wird es mir doch schon schwer , meinen Befehlen die alte Geltung zu verschaffen , sobald sein Wille sich dagegensetzt , und doch sind die Leute mir unwandelbar ergeben . Aber sie haben ihn fürchten gelernt ; er imponiert ihnen mit seiner unbeugsamen Energie , mit seinem Gebietertone . Sie scheuen sein Auge mehr , als sie je das meinige gefürchtet haben , – Ich wollte , Nordeck hätte mir den Knaben gelassen – ich hätte ihn für uns erzogen , und er wäre uns vielleicht mehr geworden , als nur der Herr von Wilicza . Jetzt gehört er einzig dem Volke an , dem sein Vater entstammte , und er wird nicht weichen aus jenen Reihen – darauf kenne ich ihn – zeigte man ihm auch das Höchste auf unsrer Seite . Es war ein Unglück , daß ich ihm nie habe Mutter sein können . Das rächt sich jetzt an uns beiden . « Es lag etwas von einer Selbstanklage in diesen Worten ; sie hatten einen beinahe schmerzlichen Klang . Der Ton war ganz neu in dem Munde der Fürstin , wenn sie von ihrem ältesten Sohne sprach . All die weicheren Regungen , die bei ihr so selten die Oberhand gewannen , galten sonst ausschließlich ihrem Jüngsten . Auch jetzt schien sie diese Regungen gewaltsam von sich zu stoßen , denn sie erhob sich plötzlich und sagte abbrechend mit herbem Ausdruck : » Gleichviel , wir sind nun einmal Feinde und werden es bleiben . Das muß ertragen werden , wie so vieles andre . « Sie wurden unterbrochen ; ein Diener trat ein mit der Meldung , der Haushofmeister von Wilicza sei soeben angelangt und begehre dringend seine Herrin zu sprechen . Die Fürstin sah auf . » Pawlick ? Dann ist etwas vorgefallen . Er soll eintreten , sogleich . « Schon in der nächsten Minute trat Pawlick ein , der Diener des verstorbenen Fürsten Baratowski , der die fürstliche Familie in die Verbannung begleitet hatte , und jetzt den Posten eines Haushofmeisters in Wilicza versah . Der alte Mann schien erregt und eilig zu sein ; dennoch versäumte er keine der gewöhnlichen Ehrfurchtsbezeigungen , als er sich seiner Gebieterin näherte . » Laß nur , laß ! « wehrte diese ungeduldig ab . » Was bringst du ? Was ist vorgefallen in Wilicza ? « » In Wilicza selbst nichts , « berichtete Pawlick . » Aber auf der Grenzförsterei – « » Nun ? « » Es hat dort wieder Plänkeleien mit dem Militär gegeben , wie schon öfter in der letzten Zeit . Der Förster und seine Leute haben den Patrouillen alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt , sie schließlich insultiert – es wäre beinahe zum offenen Kampf gekommen , « Ein Ausruf des heftigsten Unwillens entfuhr den Lippen der Fürstin . » Daß der Unverstand dieser Untergebenen doch immer und ewig unsre Pläne durchkreuzen muß ! Gerade jetzt , wo alles daran liegt , die Aufmerksamkeit von der Försterei abzuwenden , fordern sie die Beobachtung förmlich heraus . Habe ich Osiecki nicht befohlen , sich ruhig zu verhalten und auch seine Leute im Zaume zu halten ? Es soll sofort ein Bote hinüber und ihm den Befehl nochmals mit aller Strenge einschärfen . « Wanda war gleichfalls näher getreten . Die Grenzförsterei , die allgemein so genannt wurde , weil sie die letzte auf den Nordeckschen Gütern war und kaum eine halbe Stunde von der Grenze entfernt lag , schien auch sie lebhaft zu interessieren . » Herr Nordeck ist uns leider schon zuvorgekommen , « fuhr Pawlick zögernd fort , » Er hat den Förster schon zweimal warnen und ihm Strafe androhen lassen ; auf diesen neuen Vorfall hin schickte er ihm die Weisung , mit seinem ganzen Personal das Forsthaus zu räumen und nach dem von Wilicza überzusiedeln . Vorläufig soll einer der deutschen Inspektoren des Administrators an die Grenze , bis erst Ersatz geschafft ist – « » Und was that Osiecki ? « unterbrach ihn die Fürstin hastig . » Er weigerte sich geradezu zu gehorchen und ließ dem Herrn sagen , er sei auf der Grenzförsterei angestellt , und da werde er bleiben – wer ihn daraus vertreiben wolle , der möge es versuchen . « Die Tragweite des eben berichteten Vorfalls mußte wohl größer sein , als es den Anschein hatte . Das verriet das Gesicht der Fürstin , in dem sich ein unverkennbarer Schrecken ausprägte . Es vergingen einige Sekunden , bevor sie antwortete . » Und was hat mein Sohn beschlossen ? « » Herr Nordeck erklärte , er werde heute nachmittag selbst hinüberreiten . « » Allein ? « fiel Wanda ein . Pamlick zuckte die Achseln . » Der Herr reitet ja stets allein . « Die Fürstin schien die letzten Worte kaum zu hören – sie fuhr aus ihrem Nachsinnen empor . » Sorge dafür , Pawlick , daß man sofort anspannt ! Du begleitest mich nach Wilicza zurück . Ich muß zur Stelle sein , wenn sich da irgend etwas vorbereitet . Geh ! « Pawlick gehorchte . Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen , als auch schon Gräfin Morynska an der Seite ihrer Tante stand . » Hast du es gehört , Tante ? Er will nach der Grenzförsterei . « » Nun ja , « erwiderte die Fürstin kalt . » Was weiter ? « » Was weiter ? Meinst du , daß Osiecki sich fügen wird ? « » Nein ! Er darf es auch unter keiner Bedingung . Seine Försterei ist augenblicklich das Wichtigste für uns , doppelt wichtig für das , was in den nächsten Tagen bevorsteht . Wir müssen dort zuverlässige Leute haben . Die Unsinnigen , uns gerade jetzt diesen Posten zu gefährden ! « » Sie haben ihn uns verloren ! « rief Wanda heftig . » Waldemar wird sich den Gehorsam erzwingen . « » Das wird er in diesem einen Falle wohl nicht thun , « versetzte die Fürstin , » Er vermeidet jeden Gewaltakt . Ich weiß , daß der Präsident ihn eigens darum gebeten und daß er sein Versprechen gegeben hat . Man fürchtet in L. nichts so sehr als eine Revolte auf diesseitigem Gebiet . Osiecki aber wird und darf nur der Gewalt weichen , und dazu schreitet Waldemar nicht . Du hörst es ja , er will allein hinüber . « » Was du doch nicht zugeben wirst ? « fiel die junge Gräfin ein , » Du willst doch nach Wilicza , um ihn zu warnen , ihn zurückzuhalten ? « Die Fürstin sah ihre Nichte groß an , » Was fällt dir ein ? Eine Warnung aus meinem Munde würde Waldemar ja alles verraten und ihm sofort die Ueberzeugung geben , daß man auf der Försterei mir gehorcht und nicht ihm . Er würde dann unerbittlich auf der Entfernung Osieckis bestehen , die jetzt vielleicht noch zu verhindern ist und die überhaupt verhindert werden muß , koste es , was es wolle . « » Und du glaubst , dein Sohn werde es dulden , daß man ihm offen den Gehorsam verweigert ? Es ist das erste Mal , daß dergleichen in Wilicza geschieht . Tante , du weißt es , dieser wilde Mensch , dieser Osiecki ist zu allem fähig , und seine Leute sind nicht besser als er . « » Auch Waldemar weiß das , « versetzte die Fürstin mit vollkommener Ruhe , » und deshalb wird er sich hüten , sie zu reizen . Er hat die Besonnenheit ja jetzt so trefflich gelernt ; er läßt sich nie mehr fortreißen , wo er sich wirklich beherrschen will , und seinen Untergebenen gegenüber will er das immer . « » Sie hassen ihn , « sagte Wand « mit bebenden Lippen . » Auf dem Wege nach der Grenzförsterei hat ihn schon einmal eine Kugel gefehlt . Die zweite könnte besser treffen . « Die Fürstin stutzte . » Woher weißt du das ? « » Einer von unsern Leuten brachte es von Wilicza mit herüber , « entgegnete Wanda schnell gefaßt . » Ein Märchen ! « meinte die Fürstin verächtlich , » Wahrscheinlich von dem ängstlichen Doktor Fabian erfunden . Er wird einen harmlosen Schuß im Walde , der irgend einem Wilde galt , für einen Mordanfall auf seinen geliebten Zögling gehalten haben . Er zittert ja fortwährend für ihn . Waldemar ist mein Sohn , und das schützt ihn vor jedem Angriff . « » Wenn die Leidenschaften erst einmal gereizt sind , schützt es ihn nicht mehr , « rief Wanda , die sich wieder unvorsichtig genug fortreißen ließ , » Du hattest dem Förster auch befohlen , sich ruhig zu verhalten . Du siehst , wie das befolgt wird . « Die Fürstin richtete das Auge drohend auf ihre Nichte . » Wäre es nicht besser , du spartest diese übertriebene Sorge für die Unsrigen auf ? Ich dächte , da wäre sie eher am Platze . Du scheinst ganz zu vergessen , daß Leo sich täglich solchen Gefahren aussetzt . « » Und wenn wir das wüßten , und es läge in unsrer Macht , ihn zu retten , wir würden nicht einen Augenblick zögern , an seine Seite zu eilen , « brach die junge Gräfin leidenschaftlich aus . » Und Leo ist , wo er auch sein mag , immer an der Spitze der Seinigen . Waldemar steht allein gegen jene wilde zügellose Bande , die du selbst zum Haß gegen ihn gereizt hast und die sich nicht bedenken wird , die Waffen gegen ihren eigenen Herrn zu kehren , wenn er sie herausfordert . « » Ganz recht , wenn er sie herausfordert . Er wird aber vernünftig genug sein , das nicht zu thun , denn er kennt die Gefahr , und in Zeiten wie die jetzigen spielt man nicht damit . Thut er es dennoch , wagt er trotz alledem einen Gewaltstreich , nun gut – auf sein Haupt die Folgen ! « Wanda bebte leise zusammen vor dem Blicke , der diese Worte begleitete . » Das sagt eine Mutter ? « » Das sagt eine tiefbeleidigte Mutter , die der Sohn aufs Aeußerste getrieben hat . Zwischen Waldemar und mir gibt es nun einmal keinen Frieden , solange wir beide auf dem gleichen Boden stehen . Wo ich nur den Fuß hinsetze , da finde ich ihn auf meinem Wege ; wo ich einzugreifen versuche , da steht er und wehrt mir . Welche Pläne hat er uns schon durchkreuzt ! Was haben wir schon opfern und aufgeben müssen um seinetwillen ! Er hat es dahin gebracht , daß wir uns gegenüberstehen wie zwei Todfeinde , er allein – so mag er allein tragen , was diese Feindschaft auf ihn herabzieht . « Ihre Stimme hatte einen eisigen Klang . Es war auch nicht ein Hauch mehr von Muttergefühl darin , von jener Weichheit , die sich vorhin einen Moment lang geregt hatte . Jetzt sprach nur die Fürstin Baratowska , die nie eine Beleidigung verzieh oder vergaß und die man nicht tödlicher beleidigen konnte , als wenn man ihr die Herrschaft aus den Händen wand . Waldemar hatte sich dessen schuldig gemacht , und ihm vergab das die Mutter am wenigsten . Sie war im Begriff zu gehen , um sich für die Abreise fertig zu machen , als ihr Blick auf Wanda fiel . Diese hatte keine einzige Silbe geantwortet . Sie stand regungslos da , aber ihr Auge begegnete mit so düsterer Entschlossenheit dem der Fürstin , daß die letztere inne hielt . » Eins möchte ich dir doch noch ins Gedächtnis rufen , ehe ich gehe , « sagte sie , und ihre Hand legte sich schwer auf den Arm ihrer Nichte . » Wenn ich Waldemar nicht warne , so darf es überhaupt niemand thun – es wäre g ´ Verrat an unsrer Sache . Was schrickst du so zusammen vor dem Worte ? Wie würdest du es denn nennen , wenn dem Herrn von Wilicza schriftlich oder mündlich durch die dritte oder vierte Hand eine Nachricht zukäme , die ihm unsre Geheimnisse preisgibt ! Er würde vielleicht mit Bedeckung gehen , gehen aber würde er jedenfalls , um vor allen Dingen zu untersuchen , was die Warnung sagen will , sein eigenes Forsthaus nicht zu betreten , mit seinem Förster nicht zu sprechen , den er jetzt wegen eines Konfliktes mit den Patrouillen zur Rede stellen will . Das würde uns die Grenzförsterei kosten . Wanda , die Morynski haben es bisher noch nie zu bereuen gehabt , wenn sie die Frauen ihres Hauses zu Vertrauten ihrer Plane machten . Noch hat sich keine Verräterin unter diesen gefunden . « » Tante ! « rief Wanda mit einem solchen Tone des Entsetzens , daß die Fürstin langsam ihre Hand von ihrem Arm zurückzog . » Ich wollte dir nur klar machen , was hier auf dem Spiele steht , « fuhr sie fort . » Ich denke , du wirst doch deinem Vater ins Auge sehen wollen , wenn er zurückkehrt . Wie du Leos Blick standhalten willst mit dieser Todesangst , die dich jetzt verzehrt , und die du vergebens zu verbergen suchst , das mußt du mit ihm selber abmachen . Aber , « – hier brach die furchtbare innere Bewegung der stolzen Frau durch die erzwungene Kälte – » aber hätte ich je geahnt , daß meinem Sohne dieser Schlag droht , daß er ihm von Waldemar droht , ich hätte Leos unselige Liebe zu dir aus allen Kräften bekämpft , statt sie zu begünstigen . Jetzt ist es zu spät für ihn – und auch für dich ; das hat mir diese Stunde gezeigt . « – Die Antwort blieb der jungen Gräfin erspart , denn jetzt kam Pawlick mit der Nachricht zurück , daß angespannt sei . Die Fürstin bedurfte nicht viel Zeit zu den Vorbereitungen . In zehn Minuten war sie reisefertig und bestieg den harrenden Schlitten . Der Abschied von ihrer Nichte war kurz und flüchtig ; er fand in Gegenwart der Diener statt , und das vorhergehende Gespräch wurde nicht wieder berührt , aber Wanda verstand den Abschiedsblick , der dem ihrigen begegnete . Sie legte schweigend ihre feuchte , eiskalte Hand in die ihrer Tante , und die Fürstin schien zufrieden mit dem wortlosen Versprechen . Gräfin Morynska war in das Zimmer zurückgekehrt . Sie hatte sich eingeschlossen , um einmal wieder frei aufzuatmen , aber es atmete sich nicht leicht mit dieser Bergeslast auf der Brust . Sie war endlich allein mit sich selber , aber auch mit ihrer Angst , die ihr ahnungsvoll die Gefahr zeigte , an welche die Mutter nicht glauben wollte . Freilich , der Instinkt der Liebe gehörte dazu , und den hatte die Fürstin für ihren ältesten Sohn nie gehabt ; der regte sich nur , wenn es sich um Leo handelte . Und hätte sie gewußt , daß jener Gang Waldemars Leben bedrohte , sie hätte ihn auch nicht mit einem Worte davon zurückgehalten , denn dieses Wort konnte ja ihre Parteiinteressen gefährden . Wanda stand am Schreibtisch , auf dem noch die Briefe ihres Vaters und Leos lagen . Eine kurze Warnung , nur ein paar Zeilen , auf das Papier geworfen und nach Wilicza gesendet , konnten alles abwenden . Waldemar würde der Warnung folgen . Gleichviel , ob er es erriet oder nicht , von wem sie kam , er hatte ja versprochen , vorsichtiger zu sein und kannte die Stimmung auf seinen Gütern . Wenn er überhaupt noch ging , nahm er wenigstens hinreichende Begleitung mit sich , und dann wagte man sich nicht an ihn . Es konnte ihm ja nicht schwer werden , den Gehorsam zu erzwingen , sobald er sich nur entschloß , die Gewalt zu Hilfe zu rufen . Was da auf dem Gebiete der Grenzförsterei vorgegangen war , das streifte nahe an Rebellion , Es kostete dem Gutsherrn nur ein Wort , den Förster verhaften und das Forsthaus militärisch besetzen zu lassen , dann hatte er Ruhe . » Und dann – ? « Die Fürstin hatte es klar genug überschaut und ausgesprochen , was hierauf folgte . Sie hatte dafür gesorgt , daß ihre Nichte über dieses » Und dann « nicht hinauskam . Wanda war hinlänglich in die Pläne der Ihrigen eingeweiht , um zu wissen , daß die Grenzförsterei jetzt die Rolle spielte , die man früher dem Schlosse zugedacht . Alles , was Waldemar hier so streng verbannt hatte , geschah jetzt dort drüben , nur mit größerer Vorsicht und in größerer Heimlichkeit . Dort lagerte noch ein Teil des Waffenvorrates ; dort war die Verbindung , der Mittelpunkt für alle Nachrichten und Botschaften , und ebendeshalb lag so viel an dem Bleiben des dortigen Försters , auf dessen Treue und Verschwiegenheit man unbedingt rechnen konnte . Seine Entfernung war gleichbedeutend mit dem Verluste des ganzen Postens . Das wußte er so gut wie seine Herrin , und deshalb waren sie entschlossen , es auf das Aeußerste ankommen zu lassen . Nordeck selbst kam nur selten nach dem einsamen abgelegenen Forsthause . Er hatte zu viel mit Wilicza zu thun , um jenem eine besondere Aufmerksamkeit widmen zu können . Auch jetzt wollte er offenbar nur hinüber , um durch sein persönliches Erscheinen einen Widerstand zu brechen , wie er ihm öfter entgegentrat , und dem er keine besondere Wichtigkeit beilegte . Entdeckte er aber , daß man auf der Försterei seinen Befehlen offen Hohn sprach , daß hier gerade der Widerstand gegen ihn organisiert wurde , so ging er schonungslos vor und entriß seiner Mutter auch diesen letzten Posten , wo sie Fuß gefaßt hatte , und die Entdeckung konnte nicht ausbleiben , sobald man ihm verriet , daß ihm von dorther eine Gefahr drohe . Das alles stand mit unerbittlicher Klarheit vor der Seele Wandas , aber ebenso klar stand dort auch die Gefahr Waldemars . Sie hatte die unumstößliche Ueberzeugung , daß jene Kugel , die ihn kürzlich bedrohte , aus der Büchse des Försters gekommen war , daß der Mann , dessen fanatischer Haß sich bis zum Meuchelmord verstieg , sich auch nicht bedenken werde , seinen Herrn niederzuschlagen , wenn dieser allein vor ihm stand , und sie mußte den Bedrohten gehen lassen . Verrat ! Vor diesem furchtbaren Worte sank all ihre Willenskraft machtlos zusammen . Sie war von jeher die Vertraute ihres Vaters gewesen ; er baute unbedingt auf seine Tochter und hätte mit Entrüstung den Gedanken von sich gewiesen , daß sie auch nur ein Wort von seinen Geheimnissen preisgeben könne , preisgeben , um einen Feind zu retten . Sie selbst hatte Leo mit ihrer Verachtung gedroht , als er in einer Aufwallung der Eifersucht zögerte , seiner Pflicht zu folgen ; jetzt befahl ihr diese Pflicht , die ihn nur von der Seite der Geliebten in den Kampf riß , das Schwerste , schweigend und unthätig zuzusehen , wie die Gefahr hereinbrach , die sie mit einem Federzug abwenden konnte , und diesen Federzug nicht zu thun . All diese Gedanken stürmten in wildem Wechsel auf die junge Gräfin ein , die ihnen fast zu erliegen drohte . Sie suchte vergebens nach einem Ausweg , einer Rettung . Immer wieder stand dieses furchtbare » Entweder – oder « vor ihr . Wenn sie wirklich noch nicht gewußt hätte , wie es in ihrem Innern aussah , diese Stunde würde es ihr enthüllt haben . Seit Monaten wußte sie Leo in der Gefahr und hatte um ihn gebangt , wie um einen teuren Verwandten , wohl mit Angst , aber doch mit der gleichen Fassung und dem gleichen Heldenmut , wie die Mutter , jetzt aber galt es Waldemar , und jetzt war es vorbei mit der Fassung und dem Heldenmut – sie flohen vor der Todesangst , die Wanda bei dem Gedanken an seine Gefahr durchschauerte . Aber es gibt einen Punkt , wo auch das wildeste , qualvollste Leiden der Betäubung weicht , auf Augenblicke wenigstens , weil die Kraft zum Leiden völlig erschöpft ist . Mehr als eine Stunde war vergangen , seit Wanda sich eingeschlossen hatte , und ihr Antlitz gab Zeugnis davon , was sie in dieser Stunde durchlebt hatte . Jetzt trat auch für sie einer jener Momente ein , wo sie nicht mehr kämpfen und verzweifeln , wo sie nicht einmal mehr denken konnte . Wie todesmatt warf sie sich in einen Sessel , lehnte das Haupt zurück und schloß die Augen . Da tauchte leise wieder das alte Traumbild auf , das sich einst aus Sonnenglanz und Meeresrauschen gewoben und mit seinem Zauber die beiden jugendlichen Herzen umsponnen hatte , die damals noch nicht ahnten , was es ihnen bedeutete . Seit jenem Herbstabend am Waldsee war es so oft wieder emporgestiegen und wollte sich mit aller Willenskraft nicht bannen und nicht verscheuchen lassen . War es doch auch vorgestern mit den beiden gewesen auf der einsamen Fahrt durch die winterliche Landschaft . Es flog mit ihnen über das weite Schneegefilde ; es dämmerte aus dem Nebel der Ferne und schwebte in dem düstern Wolkenzuge , der sich so tief herabsenkte – keine Oede , kein Eishauch hinderte sein Erscheinen . Auch jetzt stand es urplötzlich wieder da , wie von Geisterhand hervorgerufen , mit seinem goldig verklärenden Schein . Und doch hatte Wanda mit der ganzen Leidenschaft und Energie ihres Charakters dagegen gekämpft . Sie hatte Trennung und Entfernung zwischen sich und den Mann gestellt , den sie hassen wollte , weil er nicht der Freund ihres Volkes war , hatte in dem jetzt wieder so wild aufflammenden Streit der beiden feindlichen Nationen ihre Rettung gesucht – was nützte all das verzweiflungsvolle Kämpfen , der Sieg war ja doch nicht errungen worden . Jetzt galt es keinen Traum und keine Selbsttäuschung mehr . Sie wußte jetzt , welch ein Zauber es gewesen war , der sie damals auf dem Buchenholm umfangen , dessen halb zerrissene Fäden jene Stunde am Waldsee aufs neue und diesmal unzerreißbar geknüpft hatte – sie kannte endlich die Schätze , welche ihr die alte Wunderstadt gezeigt , nur auf flüchtige Minuten , um sie dann wieder mit sich hinabzunehmen in die Tiefe . Nur in einem hatte die Sage wahr gesprochen : die Erinnerung wollte nicht verlöschen , das Sehnen nicht schweigen , und mitten hinein in Haß und Streit , in Kampf und Widerstand klang es süß und geheimnisvoll wie der Glockenklang Vinetas aus dem Meeresgrund . – – – Wanda erhob sich langsam . Der furchtbare Widerstreit in ihrem Innern , der Kampf zwischen Pflicht und Liebe war zu Ende . Die letzten Minuten hatten ihn entschieden . Sie eilte nicht zum Schreibtisch , und die Feder blieb unberührt . Es galt keine Nachricht und keine Warnung mehr , sie schob nur den Riegel von der Thür zurück , und in der nächsten Minute rief der helle , scharfe Laut der Klingel den Diener herbei . Gräfin Morynska stützte sich auf den Tisch , an dem sie stand – ihre Hand zitterte , aber ihr Antlitz trug die Ruhe eines unabänderlichen Entschlusses . » Und wenn es wirklich zum Aeußersten kommt , so werfe ich mich dazwischen , « sagte sie mit zuckenden Lippen . » Seine Mutter läßt ihn kalt und gleichgültig der Gefahr entgegengehen – ich werde ihn retten . « – Die Grenzförsterei lag , wie schon erwähnt , nur eine halbe Stunde von der Grenze entfernt , mitten in den dichtesten Waldungen Wiliczas . Das ziemlich große und stattliche Forsthaus war von dem verstorbenen Nordeck erbaut worden , der es mit nicht unbedeutenden Kosten hatte aufführen lassen ; trotzdem sah es wüst und verfallen aus , denn seit zwanzig Jahren war nicht das geringste zu seiner Erhaltung geschehen , weder von seiten der Herrschaft noch von seiten der Bewohner . Der jetzige Förster verdankte seine Stellung ausschließlich dem Einfluß der Fürstin Baratowska , die den Tod seines Vorgängers benutzt hatte , um einen ihrer Günstlinge in den Posten einzuschieben , Osiecki hatte ihn schon seit drei Jahren inne , und seine nur allzu häufigen Uebergriffe , wie seine ziemlich nachlässige Verwaltung der ihm anvertrauten Stellung , wurden von der Gebieterin vollständig übersehen , weil diese wußte , daß der Förster ihr persönlich mit Leib und Seele ergeben war , und daß sie unter allen Umständen auf ihn rechnen konnte . Im Anfang war Osiecki mit seinem Herrn wenig in Berührung gekommen und hatte sich im ganzen dessen Anordnungen gefügt . Waldemar selbst kam nur äußerst selten nach der einsamen und abgelegenen Grenzförsterei ; erst seit den letzten Wochen hatten die wiederholten Streitigkeiten zwischen den Forstleuten und dem an der Grenze stationierten Militär sein Einschreiten veranlaßt . Man befand sich noch immer wie mitten im Winter . Der Wald und das Forsthaus lagen tief verschneit im trüben Licht eines grauen verschleierten Himmels . In dem großen Zimmer des Erdgeschosses befand sich der Förster mit all seinen Leuten , drei oder vier Forstgehilfen und einigen Knechten . Sie hatten sämtlich die Flinten über die Schulter geworfen und warteten augenscheinlich auf das Erscheinen ihres Gutsherrn , aber nach Gehorsam und einem friedlichen Verlassen der Försterei , wie Waldemar es anbefohlen , sah die Sache nicht aus . Die finstern trotzigen Gesichter der Leute verhießen nichts Gutes , und das Aussehen des Försters rechtfertigte vollends die Voraussetzung , daß er » zu allem fähig sei « . Diese Menschen , die tagaus tagein in der Einsamkeit ihrer Wälder lebten , nahmen es schwerlich genau mit dem , was Gesetz und Ordnung von ihnen verlangten , und Osiecki zumal war dafür bekannt , daß er seiner Willkür einen nur allzu weiten Spielraum ließ . Trotzdem war die Haltung aller für den Augenblick eine ehrerbietige , denn vor ihnen stand die junge Gräfin Morynska . Sie hatte den Mantel zurückgeworfen , das schöne blasse Antlitz verriet nichts mehr von den Kämpfen und Qualen , die es noch vor wenig Stunden durchwühlt hatten , nur ein strenger , kalter Ernst lag jetzt darauf . » Ihr habt uns in eine schlimme Lage gebracht , Osiecki , « sagte sie . » Ihr solltet dafür sorgen , daß die Försterei möglichst unverdächtig und unbeachtet bliebe . Statt dessen sucht Ihr Streit mit den Patrouillen und gefährdet uns alle durch Eure Unbesonnenheit . Die Fürstin ist sehr unzufrieden mit Euch ; ich komme in ihrem Namen , um Euch nochmals und mit vollstem Nachdruck jeden Gewaltschritt zu verbieten , sei es gegen wen es sei . Für den Augenblick habt Ihr Euch zu fügen . Euer eigenmächtiges Vorgehen hat schon Unheil genug angerichtet . « Der Vorwurf machte offenbar Eindruck auf den Förster . Er sah zu Boden , und in seiner Stimme klang etwas wie Entschuldigung , als er mit einem Gemisch von Trotz und Reue antwortete : » Es ist nun einmal geschehen . Ich habe meine Leute diesmal nicht halten können und mich selber auch nicht . Die Frau Fürstin und die gnädige Gräfin sollten nur wissen , wie es thut , hier Tag für Tag an der Grenze still zu liegen , während drüben gekämpft wird , die Soldatenwirtschaft mit anzusehen und sich nicht rühren zu dürfen , obgleich man die geladene Büchse in der Hand hat . Da reißt schließlich jedem die Geduld , und uns ist sie vorgestern gerissen . Wüßte ich nicht , daß wir hier notwendig sind , wir wären allesamt längst drüben bei den Unsrigen . Fürst Baratowski steht nur zwei Stunden von der Grenze ; der Weg zu ihm ist nicht schwer zu finden . « » Ihr bleibt ! « entgegnete Wanda mit Entschiedenheit . » Ihr kennt den Befehl meines Vaters . Er will die Försterei unter allen Umständen behauptet wissen , und dazu seid Ihr uns notwendiger hier , als drüben im Kampf . Fürst Baratowski hat Leute genug zu seiner Verfügung . Aber jetzt zu der Hauptsache – Herr Nordeck kommt noch heute . « » Jawohl ! « sagte der Förster höhnisch , » Er will sich selbst Gehorsam schaffen , hat er gesagt . Wir sollen ja nach Wilicza hinüber , wo er uns fortwährend unter Augen hat , wo wir uns nicht rühren können , ohne daß er hinter uns steht und uns auf die Finger sieht – ja , befehlen kann der Nordeck viel , es ist nur die Frage , ob sich in jetziger Zeit noch einer findet , der ihm gehorcht . Er soll nur gleich ein ganzes Regiment Soldaten mitbringen , wenn er uns aus der Försterei treiben will , sonst möchte die Sache schlimm genug ablaufen . « » Was wollt Ihr damit sagen ? « fragte die junge Gräfin langsam . » Vergeßt Ihr , daß Waldemar Nordeck der Sohn Eurer Herrin ist ? « » Fürst Baratowski ist ihr Sohn und unser Herr , « brach der Förster los . » Und eine Schande ist ' s , daß