Segen mit , als ich in die Welt hinausging , weiter konnte er mir nichts geben , aber schließlich bin ich damit und mit der eigenen Kraft doch ziemlich weit gekommen . Im Anfange freilich habe ich es oft genug fühlen müssen , daß ich ein armer Teufel war und als solcher gar kein Recht auf das Glück hatte ; es wurde mir ziemlich schonungslos klar gemacht , daß das nur für die Reichen und Vornehmen da war . Ja , man muß bisweilen hartes Lehrgeld zahlen – da drüben in Amerika , meine ich . « Der Geheimrat räusperte sich , er fand , daß die Unterhaltung eine etwas bedenkliche Wendung nahm , und wollte eben eingreifen , als zu seiner großen Erleichterung der Wagen der Frau Konsul gemeldet wurde . Damit nahm der Besuch ein Ende , Meta brach mit ihrem Bruder auf und auch Herr Wellborn empfahl sich , mit der Versicherung , daß am Nachmittage herrliches Wetter sein und daß er sich dann gestatten werde , wegen einer Spazierfahrt anzufragen . Elfriede war an das Fenster getreten , um der Freundin nachzusehen , aber der Wagen war längst fort und sie stand noch immer , die Stirn gegen die Scheiben gelehnt , ohne sich zu regen . Auch ihr Vater , der auf dem Sofa Platz genommen hatte , schwieg einige Minuten lang , endlich sagte er : » Robert kann bisweilen recht ungemütlich werden in seinen Anspielungen . Ein Glück , daß die anderen beiden sie nicht verstanden , auch Meta Rahnsdorf scheint nicht eingeweiht zu sein . « Frau von Wilkow antwortete nicht , sie blickte noch immer hinaus in den strömenden Regen , während der Geheimrat fortfuhr : » Und du legst es manchmal geradezu darauf an , ihn zu reizen . Wenn ihr beide zusammen seid , steht man immer wie unter einer Gewitterwolke , die jeden Augenblick losbrechen kann . Für diesmal trennen wir uns ja bald wieder , aber wie soll das werden , wenn wir nach Hause kommen , wo Robert unser nächster Gutsnachbar ist ? « Elfriede wandte sich langsam um , sie war auffallend bleich und ihre Lippen zuckten , als sie erwiderte : » Darüber brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen , Papa . Ich werde Lindenhof nicht wieder betreten , nun ich weiß , daß Rob – , daß Herr Adlau in Brankenberg leben wird . « Der alte Herr fuhr förmlich entsetzt aus seiner Sofaecke empor , denn das Gespenst eines ewigen Herumwanderns tauchte drohend vor ihm auf . » Aber ich bitte dich , Elfriede ! « » Nie wieder ! « wiederholte sie mit scharfem Nachdruck . » Und auch hier , Papa , hättest du Adlau vermeiden sollen , vermeiden müssen ! Statt dessen suchst du ihn förmlich auf , ihr verkehrt ja fortwährend miteinander , und du hast ihm die Hand geboten , als ob gar nichts geschehen wäre ! « » Nein , er war es , der mir die Hand bot , schon bei unserer ersten Begegnung , « erklärte Rottenstein , nun auch seinerseits mit einigem Nachdruck . » Und das hätte ein anderer nicht gethan , denn er war es , dem damals unrecht geschah . « Die junge Frau war an den Tisch getreten und zog einige Rosen aus dem Strauße , den Wellborn ihr vorhin überreicht hatte . Ihr Antlitz trug wieder den müden , gleichgültigen Ausdruck , der ihm sonst eigen war , aber ihre Hand zerpflückte in nervöser Aufregung die Blumen . » Das heißt mit anderen Worten : ich habe ihm unrecht gethan ! Gehst du in deiner blinden Vorliebe für diesen Mann so weit , Partei für ihn zu nehmen gegen die eigene Tochter ? Freilich , das hast du ja schon damals gethan ! « » Ich habe gar nichts gethan , « sagte der alte Herr sehr offenherzig . » Deine verstorbene Mama hatte die Sache in die Hand genommen . Ich wurde gar nicht gefragt – « » Und Mama hatte recht , « fiel Elfriede ein . » Auf die Art , wie Adlau sich damals benahm , als er von jener anderen Werbung erfuhr , gab es nur eine Antwort – meine Verlobung mit Wilkow . « » Nun , schmeichelhaft war das gerade nicht für Wilkow , « meinte der Geheimrat , in dem sich heute ein ganz ungewöhnlicher Geist des Widerspruchs regte . » Er hat es freilich nie erfahren , wie diese Verlobung eigentlich zu stande kam . Die Mama wollte dich ja durchaus als Baronin Wilkow , als reiche Frau sehen , und wenn deine liebe Mama sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte , dann setzte sie es auch durch ! Robert hat sich freilich wie ein Toller benommen . Das ist wahr , aber es ist ihm auch toll mitgespielt worden , und er liebte dich eben . Der arme Junge hat mir damals in der Seele leid gethan ! « Elfriede zerpflückte mechanisch die letzten Rosen aus dem Strauß , aber bei den letzten Worten des Vaters stieg eine dunkle Glut in ihrem Antlitz empor , und sie hielt die Augen gesenkt , als sie mit halb erstickter Stimme wiederholte : » Er hat dir leid gethan ! Ich nicht – und ich habe doch auch gelitten in jener Zeit ! « Rottenstein richtete die ehrlichen blauen Augen fest auf sie , es stand ein stummer Vorwurf darin . » Nun , du bekamst ja deinen Willen ! Ob Wilkow gerade der rechte Mann für dich war , das ist eine andere Frage . Du hast freilich immer behauptet , du wärest sehr glücklich mit ihm gewesen , aber ich habe nie recht an dies große Glück geglaubt . Dein Aussehen und dein ganzes Wesen waren nicht danach . « » Da bist du im Irrtum gewesen , Papa – ganz im Irrtum ! « Die Stimme der jungen Frau klang halb erstickt bei dieser Versicherung . » Du warst überhaupt immer ungerecht gegen Wilkow , er war eine durchaus vornehme Natur ! « » Vornehm ! Das bestreite ich gar nicht . Er war es sogar gegen seine Schwiegereltern ; und dabei hat er mit aller Artigkeit oft genug den Herrn Baron gegen uns herausgekehrt . Dich mag er ja auf Händen getragen haben , es sah wenigstens so aus , aber mir wäre der Robert mit all seiner Schroffheit , mit feiner stürmischen , rücksichtslosen , aber durch und durch gesunden Natur lieber gewesen als dein höflicher , kühler , vornehmer Herr Gemahl mit seiner ästhetischen Bildung . Nimm ' s mir nicht übel , Elfriede , aber ich habe ihn immer recht langweilig gefunden , und du wahrscheinlich auch , sonst hättest du nicht in dies ruhelose , unsinnige Reiseleben gewilligt . Du hast eben draußen in der Welt gesucht , was du in deiner Ehe nicht fandest , und da draußen hast du es auch nicht gefunden ! « Nach dieser unerhörten Redeleistung setzte sich der alte Herr mit einem hörbaren Ruck wieder zurecht in seiner Sofaecke . Er empfand es als eine förmliche Heldenthat , seiner Frau Tochter endlich einmal die Wahrheit gesagt zu haben , und ihr maßloses Erstaunen darüber schmeichelte ihm sogar . O ja , er konnte auch etwas leisten , besonders wenn Robert Adlau ins Spiel kam , der schon als Knabe sein Liebling gewesen war ! Elfriede mochte das fühlen , und das reizte sie nur noch mehr . Sie zerdrückte krampfhaft die schon halb vernichteten Rosen vollends in der Hand und warf sie dann auf den Boden . Die Bewegung hatte durchaus nichts mehr von Müdigkeit oder Gleichgültigkeit , sie war im Gegenteil höchst energisch . » Ich erkenne dich ja gar nicht wieder , Papa , « sagte sie im herbsten Tone . » Du bist sonst die Rücksicht selbst , und heute sagst du mir die verletzendsten Dinge ins Gesicht , erinnerst mich schonungslos an jene Zeit , wo ich noch ein halbes Kind war – « » Ja , das warst du ! « unterbrach sie der Vater . » Und deshalb hätte ich damals eingreifen müssen . Ich wußte es ja , auf welcher Seite dein Herz war , aber das Eingreifen hat deine liebe Mama immer ganz allein besorgt . Jetzt aber sage ich dir , Friedel , gerade ein solcher Mann wie Robert hätte dir gefehlt – und mir , « schloß er in rührender Selbsterkenntnis . Das war zu viel für die schon überreizten Nerven der jungen Frau . Sie fand keine Erwiderung , aber sie warf sich in einen Sessel , brach in Thränen aus und kämpfte mit einem Ohnmachtsanfall . Der Geheimrat hegte sonst einen unbedingten Respekt vor diesen Nervenzufällen , er pflegte bei ihrem Eintritt stets nach Kölnischem Wasser zu stürzen und Abbitte zu leisten für Dinge , die er gar nicht begangen hatte . Aber heute verfing auch das nicht bei ihm . Er war nun einmal ins Rebellieren geraten , und da ihm dies zu seiner eigenen Verwunderung so ausgezeichnet glückte , fing er an , sich darin zu gefallen . Anstatt Beruhigungsversuche anzustellen , blieb er sitzen und sagte ganz gelassen : » Ja , nun weinst du wieder . Das solltest du dir abgewöhnen , Friedel ! Robert sagt , er würde seiner Frau die Nervenzufälle sofort abgewöhnen – und ich glaube , er ist der Mann dazu ! « Die Worte hatten eine ungeahnte Wirkung . Die Thränen versiegten plötzlich , und Elfriede sprang auf . Flammendrot im Gesicht , mit sprühenden Augen ; ihr ganzes Wesen schien sich aufzubäumen in leidenschaftlicher Heftigkeit , und außer sich rief sie : » Robert und immer nur Robert ! Für dich scheint es überhaupt gar nichts anderes mehr zu geben auf der Welt . Ich will aber diesen Namen nicht mehr hören ! Ich will überhaupt nichts mehr hören von der Vergangenheit ! Sie ist tot für mich ! « Damit eilte sie stürmisch in das Nebenzimmer und schlug die Thür hinter sich zu , den Vater allein lassend , der durch diesen Ausbruch gar nicht aus der Fassung gebracht wurde . Um seine Lippen spielte im Gegenteil ein zufriedenes Lächeln , als er ihr nachblickte . » Ganz meine alte Friedel ! Nun , wenn der Trotz und der Eigenwille erst wieder da sind , dann wird auch wohl das Lachen wiederkommen . Also › tot ‹ ist die Vergangenheit für sie , und für den Robert ist sie › begraben und vergessen ‹ ? Die beiden stellen sich doch etwas merkwürdig an bei dem › Totsein ‹ und › Vergessen ‹ ! Ich glaube , wenn sie einmal allein wären , so Auge in Auge , dann – « Er brach ab und versank in Gedanken . Der alte brave Herr , dem nichts auf der Welt so zuwider war wie Intriguen , der sich in seiner langen , ehrenwerten Laufbahn nie so etwas hatte zu schulden kommen lassen , er spann jetzt eine ganz regelrechte Intrigue , vorläufig noch im Kopfe , aber als er damit fertig war , stand er auf und sagte mit hohem Selbstgefühl : » Jetzt werde ich auch einmal eingreifen ! Wofür bin ich denn Vater und Geheimrat ! « Die Sonne brannte heiß nieder auf den steilen , schattenlosen Felspfad , den die Maultiere langsam erstiegen . Drei Tage lang hatte der Sturm angehalten und die sonnige griechische Insel war gar nicht wiederzuerkennen gewesen , mit der schäumenden See ringsum und den flatternden Nebelschleiern an den Bergen . Jetzt aber war es wieder ruhig geworden auf dem Meere wie in den Lüften , und die Landschaft ringsum zeigte sich in der alten leuchtenden Pracht . Die kleine Gesellschaft , die auf dem Wege zu einem vielgerühmten , aber etwas entfernten Aussichtspunkte war , hatte sich in zwei Gruppen geschieden ; voran ritt Frau von Wilkow mit Herrn Wellborn , und in einiger Entfernung folgten Robert Adlau und Geheimrat Rottenstein . Der letztere parlamentierte fortwährend mit dem Führer , der zum Glück etwas Deutsch verstand und das Tier am Zügel leitete . Er empfahl ihm immer wieder von neuem , es ja nicht loszulassen und vor allen Dingen zu verhüten , daß es durchgehe . » Auf solchem Wege geht kein Maultier durch , « sagte Adlau , der unmittelbar vor ihm ritt , » Es hat genug mit dem Klettern zu thun , aber da oben liegt ja schon das kleine Bergnest , in einer halben Stunde werden wir dort sein ! « » Das thut auch not , « meinte der alte Herr , indem er sein Taschentuch hervorzog und sich den Schweiß abtrocknete . » Zwei Stunden sich langweilen in der Sonnenglut und zum Schluß noch dieser halsbrecherische Felsweg als Spezialvergnügen ! Ich habe mir die Sache nicht so schlimm gedacht , sonst – « » Hätten Sie uns nicht dazu angestiftet , « ergänzte Adlau . » Diesmal tragen Sie allein die Verantwortung für jeden vergossenen Schweißtropfen . Mir lag gar nichts an der Partie , ich gab nur Ihrem ausdrücklichen Wunsche nach . « Rottenstein widersprach nicht , er seufzte nur verstohlen . Es war ja richtig , er , der geschworene Feind aller unbequemen und anstrengenden Ausflüge , hatte den heutigen selbst angestiftet und trotz aller Hindernisse auch durchgesetzt . Der arme Geheimrat , der » auch einmal eingreifen wollte « , war längst zur Erkenntnis gelangt , daß dazu Talent gehörte , wie es seine selige Frau in so hervorragendem Maße besaß , das ihm aber völlig abging . Zuerst hatte er Not und Mühe mit Robert gehabt , der durchaus nicht mit wollte , wie er denn überhaupt jede Gelegenheit vermied , die ihn zu einem längeren Zusammensein mit Elfriede von Wilkow zwang . Endlich gelang es , ihn zu überreden , aber nun gab es wieder eine Scene mit Elfriede , die , als sie von seiner Teilnahme hörte , die ihrige entschieden verweigerte . Sie wich schließlich nur der Vorstellung , daß das als eine Art Flucht gedeutet werden könnte . Zuletzt kam noch die schwerste Aufgabe , Herrn Wellborn abzuschütteln . Das hatte auch Mühe gekostet , war aber leider nicht gelungen . Ferdinand Wellborn war überall , erfuhr alles ; er erfuhr auch von diesem Ausfluge , den man ihm verheimlichen wollte , und stellte sich pünktlich beim Aufbruch ein , aber mit einer Kassandramiene . Er kam als Warner – sein Wetterglas hatte wieder einmal trübe Ahnungen . Jedenfalls war es gefährlich , sich bei solchen Anzeichen in das Innere zu wagen . Der Geheimrat fand das auch und redete ihm eifrig zu , zurückzubleiben , aber umsonst . Als der junge Mann sah , daß seine Warnungen nichts fruchteten , beschloß er opfermütig , das Schicksal seiner Reisegefährten zu teilen . Er setzte sich auf das erste beste Maultier , vorsichtshalber nahm er jedoch sein Wetterglas mit , das unter anderen ungewöhnlichen Eigenschaften auch die besaß , daß es jede Bewegung und jeden Ortswechsel vertrug . Natürlich war Herr Wellborn heute wie immer an seinem gewohnten Platz , an der Seite der jungen Frau . Die beiden waren stets voran , und Adlau machte gar keine Miene , sie einzuholen , sondern ritt im langsamsten Schritt neben dem alten Herrn . » Sie sind mir doch nicht böse , Robert , « begann jetzt Rottenstein , » daß ich Sie für heut noch in Beschlag nahm , aber morgen , am letzten Tage Ihres Hierseins , gehören Sie ja doch ganz Ihrer Familie , und wir sehen uns schwerlich vor dem Frühjahr wieder . « » Vielleicht auch dann nicht einmal . Wenn Sie erst in Aegypten sind , ist es eigentlich nur eine Spazierfahrt nach Indien hinüber , und von da nach China ist ' s auch nicht weit . Es wurde ja vorhin bereits eine Reise um die Erde in Vorschlag gebracht . « » Ja , von Wellborn , der heut wieder einmal das Blaue vom Himmel herunter schwatzt . Aber mit der Idee findet er doch keinen Anklang bei meiner Tochter , denn in dem Falle streike ich , trotz aller Vaterliebe ! Das weiß Elfriede ! « Adlaus Blick richtete sich mit einem eigentümlichen Ausdruck auf die Voranreitenden , dann zuckte er spöttisch die Achseln . » Ich glaube kaum , daß auf Ihre Teilnahme dabei gerechnet wird . Den Schwiegervater nimmt man gewöhnlich nicht mit auf die Hochzeitsreise . « » Schwiegervater ? Hochzeitsreise ? « Der alte Herr ließ vor Schreck den Zügel fallen . – » Sie meinen ? « » Ich meine , daß dieser junge Herr da vorn ganz plötzlich einmal vor Ihnen stehen wird , um den väterlichen Segen zu erbitten . « Der Geheimrat sah ganz entsetzt aus ; er hatte nie auch nur entfernt daran gedacht , daß die allerdings sehr augenfälligen Huldigungen des jungen Fabrikherrn einen ernsteren Hintergrund haben könnten . Das fehlte noch , daß er die Gelegenheit benutzte , die man einem anderen geben wollte ! » Sie scherzen , « sagte er halb unwillig , halb ängstlich . » Da traue ich meiner Tochter denn doch einen besseren Geschmack zu . Sie wird doch nicht einen solchen Schwachkopf – « » Bitte , Sie unterschätzen den jungen Mann , « fiel Robert ein . » Sie ahnen gar nicht , was sich in dieser Tiefe birgt . Die Fabrik , die ihm sein Geld eingebracht hat , verachtet er als höchst trivial und will sich ganz und gar höheren Richtungen zuwenden . Er will berühmt werden und mit seinen Werken die ganze Welt in Erstaunen setzen , wie er mir neulich anvertraute . Vorläufig leistet er sich eine Reisebeschreibung . Er wollte mir absolut das erste Kapitel vorlesen , das er immer mit sich herumschleppt , ich habe aber nachdrücklichst dafür gedankt . « Der Spott dieser Worte hatte doch einen etwas herben Beigeschmack , aber Rottenstein achtete nicht darauf . Das drohende Gespenst dieses so ganz unerbetenen Schwiegersohnes , das da plötzlich vor ihm auftauchte , raubte ihm alle Fassung . Er traute freilich seiner Tochter einen derartigen Geschmack nicht zu , aber er kannte auch den Starrkopf seiner Friedel , die sich schon einmal aus Trotz zu einem Jawort hatte hinreißen lassen . Inzwischen ritt Wellborn ahnungslos an der Seite seiner Dame und erschöpfte sich in Aufmerksamkeiten , die heute besonders gnädig aufgenommen wurden . Endlich war das Ziel erreicht , ein kleiner , hochgelegener Bergort , malerisch und armselig wie die meisten in der Umgegend . Aber die Unterkunft in dem häufig von Fremden besuchten Wirtshause war leidlich , und selbstverständlich wurde hier eine mehrstündige Rast gemacht . Nach einem in Anbetracht der Verhältnisse ganz annehmbaren Frühstück wandte man sich nach dem eigentlichen Aussichtspunkte , der , noch eine Strecke entfernt , am Ausgange des Dorfes lag . Dort , auf einem felsigen Abhange , wo ein einsames , halb zerfallenes Gehöft stand , öffnete sich ein weiter und umfassender Ausblick über den schönsten Teil der Insel . Der Punkt war in der That herrlich . Adlau , der mit dem Fernglase in der Hand die Landschaft musterte , nannte dem Geheimrat die einzelnen Ortschaften und Berggipfel , da Herr Wellborn mit seinem unvermeidlichen Reisebuche anderweitig in Anspruch genommen war . Er half der gnädigen Frau , die ihr Skizzenbuch mitgenommen hatte , einen geeigneten Platz zum Zeichnen aussuchen . Als man endlich die Wahl getroffen hatte , breitete er mit der äußersten Sorgfalt seinen Plaid über die Steinmauer , um einen bequemeren Sitz zu schaffen . Rottenstein sah in stiller Verzweiflung zu , er hatte schon verschiedene , aber ganz erfolglose Versuche gemacht , den Diensteifrigen von der Seite seiner Tochter wegzubringen , – da auf einmal kam ihm ein rettender Gedanke . » Bitte , Herr Wellborn , auf ein paar Worte , ich möchte Sie etwas fragen ! « Damit faßte er den jungen Mann ohne weiteres beim Arm und zog ihn einige Schritte seitwärts , während er mit gedämpfter Stimme fortfuhr : » Was muß ich denn da von Adlau hören ! Sie stellen sich uns ganz bescheiden als Fabrikbesitzer vor , und dabei sind Sie Schriftsteller , werden ein großes Reisewerk veröffentlichen , ein berühmter Mann werden – und das erfährt man erst jetzt nach wochenlanger Bekanntschaft ! « Herr Wellborn sah unendlich geschmeichelt aus bei diesem Vorwurf , aber er erwiderte stolz bescheiden : » Das ist vielleicht noch verfrüht – die Berühmtheit meine ich – ich beabsichtige allerdings – das Werk ist nämlich noch nicht geschrieben . « » Ja , das sagte mir Adlau , aber er sprach doch von einem Manuskripte , das Sie ihm vorlesen wollten . « Wellborn nahm eine tiefbeleidigte Miene an . » Ich wünschte allerdings seine Kritik über das erste Kapitel – ich habe natürlich bis jetzt nur unsere Seereise und Korfu behandelt – aber er nahm das sehr merkwürdig auf , durchaus ablehnend , man möchte beinahe sagen – grob ! « » Das sieht ihm ähnlich , er kann ja stellenweise recht grob sein , « gab der Geheimrat zu . » Aber das ist bei ihm nur äußerlich , er hat trotzdem sehr eingehend mit mir darüber gesprochen , und ich interessiere mich ungemein für solche Dinge . Da könnten Sie ja – « er zögerte doch einen Augenblick , in der dunklen Vorahnung dessen , was er damit auf sich herabzog , vollendete dann aber opfermutig : » Da könnten Sie es ja mir vorlesen . « Das Gesicht des angehenden Schriftstellers verklärte sich förmlich bei diesem Vorschlag . » Herr Geheimrat – Sie wollen es kennen lernen ? « » Selbstverständlich – aber hier wird das nicht angehen . Meine Tochter hat jetzt nur Sinn für ihre Skizze , und Adlau ärgert Sie am Ende wieder mit irgend einer rücksichtslosen Bemerkung , er scheint mir heute sehr kritisch angelegt . Kommen Sie , wir gehen nach dem Wirtshause zurück , da sind wir ganz ungestört . « Wellborn zögerte , er hätte es offenbar vorgezogen , auch Frau von Wilkow als Zuhörerin zu haben , aber die letzte Bemerkung entschied . Er hatte keine Lust , nochmals die » stellenweise Grobheit « des Hinterwäldlers auszuhalten , und willigte deshalb ein . » Wir gehen nach dem Wirtshause ! « rief der alte Herr jetzt laut den beiden anderen zu . » Laß dich nicht stören , Elfriede , vollende ruhig deine Skizze , und Sie , Robert , werden wohl auch noch etwas hier herumsteigen wollen . Ihr braucht euch gar nicht zu beeilen , wir haben ja Zeit , mindestens noch eine Stunde ! « Damit faßte er das Opfer seiner Intrigue freundschaftlich unter den Arm und zog es mit sich fort . Jetzt brauchte er sich nicht mehr anzustrengen mit dem Reden , das besorgte Wellborn , der sich in seinen litterarischen Plänen erging und dabei sein Manuskript , ein sehr dickleibiges Heft , aus der Tasche zog . Unter anderen Umständen hätte der Umfang dieses ersten Kapitels dem Geheimrat einen gelinden Schauer verursacht , heute aber blickte er mit außerordentlichem Wohlgefallen darauf und ließ sich sogar die Schrift zeigen . Das dauerte ja jedenfalls noch viel länger als eine Stunde , da konnte sich jene andere Angelegenheit hinreichend entwickeln ! Wellborn dagegen war sehr angenehm berührt durch diese so lebhaft kundgegebene Teilnahme , und so langten denn beide im allerbesten Einvernehmen beim Wirtshause an . » So , nun wollen wir es uns gemütlich machen ! « sagte der alte Herr . » Bestellen Sie uns noch etwas von dem ausgezeichneten Tropfen , den sie da drinnen haben ! Dann setzen wir uns drüben unter die Oliven , und es kann losgehen . « Der Platz war gut und der Wein war noch besser . Zwar gaben die Oliven nur spärlichen Schatten , aber man wußte sich zu helfen . Der Reiseschirm wurde an den Zweigen befestigt , gerade über dem Haupte des Geheimrats , der seelenvergnügt dasaß , sich und seinem Gefährten fleißig einschenkte und im stillen meinte , nun könne er allenfalls das Unvermeidliche aushalten . Wellborn hatte sein Wetterglas vor sich auf den Tisch gestellt , dann sein Manuskript aufgeschlagen und las jetzt . Er begann mit der Abfahrt von Triest , lichtete dort pünktlich um zwei Uhr dreiundzwanzig Minuten die Anker und steuerte hinaus in die blaue Adria , dann verzeichnete er gewissenhaft nach dem Reisebuch jede Insel und jede Küste , die nur irgendwie in Sicht kamen , und landete endlich glücklich in Korfu , wo nun die Geschichte erst eigentlich begann . Der Geheimrat hörte kaum zu , er trank behaglich seinen Wein und malte sich dabei in Gedanken die Scene aus , die jetzt voraussichtlich droben am Felsenabhang spielte . Im Anfange würde sie etwas stürmisch verlaufen , davon war er überzeugt . Bei einem Eisenkopf wie Robert und einem Starrkopf wie seiner Friedel waren keine friedlichen Auseinandersetzungen zu erwarten , aber schließlich würde die Sache doch in Ordnung kommen , und dann fiel auch diese verwünschte ägyptische Reise ganz von selbst weg . Dann brauchte er nicht mehr aufs Kamel und auf die Pyramiden zu steigen , sondern steuerte fröhlich heimwärts mit seinen Kindern , und in Lindenhof ... hier spielte der griechische Wein dem alten Herrn doch einen Streich , die Umgebung wurde nebelhaft und undeutlich und die Gedanken auch . Aus den Oliven wurden die Linden des heimischen Gartens , zwischen denen befremdlicherweise die Kamele umherspazierten , und drüben in Brankenberg ragte eine riesige Pyramide auf . Dazu schwatzte und klapperte irgend etwas eintönig und unermüdlich , wie das Rad der Sägemühle am Fuße des Weinberges , aber die alte rheinische Mühle klapperte nur griechische Ortsnamen , und dann sah und hörte der Geheimrat nichts mehr , er war sanft und fest eingeschlafen . Der Schirm , der zwischen den Olivenzweigen schaukelte , senkte sich tief herab . Ferdinand Wellborn , der auf diese Weise das Gesicht seines Zuhörers nicht sehen konnte , nahm dessen Schweigen für höchste Aufmerksamkeit und las ungestört weiter . Inzwischen vergnügte sich das » nervöse « Wetterglas auf dem Tische in aller Stille , indem es die ganze Wetterskala durchlief . Es hüpfte hinauf bis zum höchsten Stand , und dann sank es von neuem , tief , immer tiefer , bis es endlich beim Erdbeben angelangt war . Da schien es ihm zu gefallen , denn da blieb es stehen . Robert Adlau und die junge Frau waren in der That zurückgeblieben , aber dies unerwartete Alleinsein schien beiden gleich unerwünscht . Elfriede hatte , als die beiden anderen Herren aufbrachen , eine unwillkürliche Bewegung gemacht , wie um sie zurückzuhalten , besann sich aber schon im nächsten Augenblick und vertiefte sich mit einem flüchtigen » Auf Wiedersehen , Papa ! « ganz in ihre Skizze . Adlau zog die Stirn kraus , blieb aber ruhig am Abhange stehen , wo er die Aussicht betrachtete . Keiner wollte dem anderen zeigen , wie peinlich ihm dieser Zufall war , denn dafür nahmen sie es doch beide . Das Stillschweigen hatte schon ziemlich lange gewährt , da schien Adlau endlich einzusehen , daß er nicht immer so stumm durch das Fernglas blicken könne . Er schob es zusammen , trat zu der jungen Frau und machte eine Bemerkung über ihre Zeichnung und den malerischen Vorwurf , ein paar kurze Worte , die ebenso einsilbig beantwortet wurden . Malerisch war der Vorwurf allerdings . Das kleine Gehöft , das hier so einsam und abseits von den anderen lag , war augenscheinlich längst von seinen Bewohnern verlassen . Das Dach war zerfallen , den Fenstern fehlten die Läden und im Innern regte sich nichts . Eine hohe Steintreppe , mit tief eingesunkenen Stufen , führte zu der geschlossenen Thür , über der sich , roh in Stein gemeißelt , die Umrisse eines Heiligenbildes zeigten . Die niedrige , zerbröckelnde Mauer , die den Vorplatz umgab , trug noch die steinernen Pfeiler der landesüblichen Veranda , aber das Weinlaub , das sie umspann , wucherte verwildert und ungepflegt , in wirren Ranken , die hier die Mauern umklammerten und dort , tief niederhängend , ein Spiel des Windes waren . Durch das Blätterdach fielen die Sonnenstrahlen und spielten in zuckenden , goldigen Lichtern auf dem Boden . Sie huschten weiter bis zu der tiefen Mauerblende , wo es verstohlen aufblinkte wie von rinnendem Naß . Früher sprudelte wohl hier ein Felsenquell mit seinem hellen Strahl , das sah man noch an der kunstlosen Röhre und dem geborstenen steinernen Becken , das ihn auffing . Jetzt war er längst schon versiegt , nur eine kleine , kaum sichtbare Wasserader schlich über das feuchte Gestein und rann langsam , Tropfen um Tropfen , nieder , um sich dann in einer Spalte des felsigen Grundes zu verlieren . Ringsum Verfall und Verödung und hier der versiegende Quell ! Aber diese öde , verlassene Stätte lag in einer Umgebung , deren Reiz selbst das verwöhnteste Auge fesseln mußte . Die weinumrankten Pfeiler umschlossen wie mit einem Rahmen ein weites Landschaftsbild voll lachender , sonniger Schönheit . Es war in den letzten Tagen des Oktober , aber noch lag Sommerpracht und Lichtglanz auf allen Fluren , nur das rötlich schimmernde Weinlaub und der bräunlich goldene Hauch auf einzelnen Baumgruppen mahnte daran , daß es auch hier einen Herbst gebe . Aus dem matten Graugrün der Oliven , die in endlosen Wäldern Thäler und Höhen bedeckten , tauchten schlanke Pinien und dunkle Cypressen auf . Hier oben an den Berghängen wucherte die Erika in mächtigen Gesträuchen , und Aloe und Kaktus senkten ihre Wurzeln in das Felsgestein . Dort drüben lag Korfu mit seinem Hafen , und vom Festlande herüber grüßten die Berge von Epirus schon im leichten Schneegewande . Sie hoben sich scharf und klar empor in die sonnige Luft