aufzublicken , als sie kaum hörbar fragte : „ Und kannst Du denn das nicht ? “ Sein Auge flammte auf ; er ließ den Arm von ihrer Schulter herabsinken und trat zurück . „ Nein , Eleonore , das kann ich nicht , und das werde ich nicht , denn es wäre Meineid . So wenig ich je zurückkehre in die Bande , von denen ich längst fühlte , daß sie mich entwürdigten , ehe ich Dich wiedersah , so wenig gebe ich eine Hoffnung auf , die mir mehr ist als das Leben . O , weiche doch nicht so weit vor mir zurück ! Ich weiß ja , daß ich Dir nicht mit einer Empfindung nahen darf , zu der ich das Recht verwirkt habe , aber mein Fühlen kannst Du mir doch nicht vorschreiben , und wenn Du bisher nicht sahest , nicht sehen wolltest , so muß der glühende Haß Beatricens gegen Dich , und nur gegen Dich allein , Dir doch zeigen , wie sehr Du – gerächt bist . “ Die junge Frau machte eine heftig abwehrende Bewegung . „ O mein Gott , wie kannst Du in dieser Stunde – “ „ Es ist vielleicht die einzige , wo Du mich nicht zurückstößt , “ unterbrach sie Reinhold . „ Darf ich in der Stunde , wo wir Beide um das Leben unseres Kindes zittern , seiner Mutter nicht sagen , was sie mir geworden ist ? Schon damals , als ich den Boden Italiens betrat , lag es auf mir wie eine Ahnung dessen , was ich verloren hatte ; ich konnte der neu errungenen Freiheit , der endlich erreichten Künstlerlaufbahn nicht froh werden , und je reicher und glänzender sich mein Leben nach außen gestaltete , je tiefer regte sich das Heimweh nach einer Heimath , die ich doch nie besessen hatte . Du kennst es freilich nicht , dieses dumpfe Weh , das nicht schweigen will mitten im Rausche der Leidenschaft , im Jubel des Triumphes und in der [ 606 ] stolzesten Befriedigung des Schaffens , das in der Einsamkeit zu einer Qual wird , der man entfliehen muß , und wäre es auch um den Preis der wildesten Betäubung . Ich glaubte , es sei allein das Sehnen nach meinem Kinde , da sah ich das Kind wieder , sah Dich – und da wußte ich , was dieses Sehnen gewollt hatte , da begann die Sühne für Alles , was ich an Dir verschuldet . “ Er sprach ruhig , ohne Vorwurf und ohne Bitterkeit , aber die Worte schienen darum nur um so mächtiger auf Ella zu wirken ; sie hatte sich erhoben , als wolle sie diesem Tone und diesem Blicke entfliehen , und vermochte es doch nicht . „ Laß mich , Reinhold ! “ bat sie beinahe flehend . „ Ich kann jetzt nichts Anderes denken und fühlen als nur die Gefahr meines Kindes . Wenn ich den Knaben gerettet in meinen Armen habe , dann – “ „ Nun , dann – “ fragte er in athemloser Spannung . „ – habe ich vielleicht nicht mehr den Muth , seinem Vater wehe zu thun , “ ergänzte die junge Frau , während ein Thränenstrom aus ihren Augen stürzte . Reinhold sagte kein Wort weiter , aber er schloß ihre Hand so fest in die seinige , als wolle er sie nie wieder loslassen . In derselben Minute erschien auch der Wagen auf der Höhe , und der Führer hielt an , um sich und den ermüdeten Thieren einige Ruhe zu gönnen . Fast gleichzeitig kamen von der andern Seite her die beiden Landleute , die schon vorhin auf der Straße sichtbar gewesen waren . Sie musterten neugierig die schöne blasse Dame und den fremden , vornehm aussehenden Herrn , der jetzt an sie herantrat und fragte , woher sie kämen . Sie nannten eine Ortschaft , die einige Stunden entfernt , am Ausgange des Thales lag . „ Habt Ihr keinen Wagen gesehen ? “ forschte Reinhold . „ Gewiß , Signor . Einen Reisewagen wie den Eurigen , aber er hatte nur zwei Pferde . Ihr habt deren vier . “ „ Habt Ihr die Insassen gesehen ? “ fiel Ella mit bebender Stimme ein . „ Wir suchen eine Dame mit einem Kinde . “ „ Mit einem kleinen Knaben – ganz recht , Signora . Sie ist Euch aber schon eine ganze Strecke weit voraus . Ihr müßt scharf zufahren , wenn Ihr sie einholen wollt , “ sagte der ältere der beiden Männer und trat zugleich erschrocken näher , denn es sah aus , als wolle die Dame zusammensinken bei der Nachricht ; in demselben Augenblick aber schlang auch schon ihr Begleiter den Arm um sie und hielt sie aufrecht . „ Muth , Eleonore ! Wir stehen vor der Entscheidung ; jetzt gilt es . “ Er hob sie in den Wagen und sprang selbst nach . Die wenigen Worte , die er dem Kutscher zurief , mußten wohl ein ganz ungewöhnliches Versprechen enthalten , denn dieser schwang wie rasend seine Peitsche über die Pferde , und fort ging es , den Flüchtigen nach . Diese hatten in der That schon einen ziemlichen Vorsprung gewonnen , und auch ihr Wagen fuhr in scharfem Trabe . Beatrice befand sich allein darin mit dem kleinen Reinhold , der , ermüdet vom Weinen und von der ruhelosen , anstrengenden Fahrt , eingeschlafen war . Das blonde Lockenköpfchen schmiegte sich tief in die Polster ; die Händchen hielten instinctmäßig die Seitenlehnen umklammert , als suchten sie eine Stütze gegen das ununterbrochene Stoßen und Rütteln auf dem unebenen Wege . Das Kind schlummerte tief und fest , aber Beatrice beachtete es kaum in diesem Augenblick . Sie befand sich in jenem Zustande geistiger Ueberreizung , der auch der wildesten Leidenschaftlichkeit Halt gebietet . Es lag auf ihr wie ein schwerer dumpfer Traum , aus dem nur Eins mit furchtbarer Deutlichkeit hervortrat , die Erinnerung an jene Stunde , wo Rinaldo sich von ihr lossagte , wo er sie den Fluch und das Unglück seines Lebens genannt und ihr mit stolzem Trotz bekannt hatte , daß seine Liebe einzig seiner Gattin angehöre . Diese Worte bohrten sich immer wieder wie mit einem glühenden Stachel in das Herz der Italienerin . Was sie auch gethan , wie sie gefehlt haben mochte , diesen einen Mann hatte sie mit der ganzen Gluth ihrer Seele geliebt , diesem einen war sie unverbrüchlich treu gewesen ; sie hatte seine Liebe als ein Recht betrachtet , das keine Macht der Welt ihr zu entreißen vermochte , und nun verlor sie es an die Frau , die sie unter Allen am letzten gefürchtet hätte , an sein Weib . Sein Weib und sein Kind ! Das war ja von jeher der dunkle Schatten gewesen , der diesem Glücke drohte , und der jetzt , aus der fernen Vergangenheit hervortretend , Leben und Gestalt gewann , um es zu vernichten . Beatrice hatte die Beiden gehaßt , noch ehe sie dieselben kannte ; wußte sie doch am besten , welchen Platz sie noch immer in Reinhold ’ s Erinnerung behaupteten , hatte sie es doch oft genug vergebens versucht , ihn davon loszureißen Es mußte doch wohl etwas sein an der einst verhöhnten Macht der geheiligten Ehe ; sie siegte schließlich doch über die schöne geniale Biancona , über die hochgefeierte Künstlerin und ließ sie jetzt selbst die ganze Qual des Verlassenwerdens durchkosten , die sie einst so gleichgültig über eine Andere verhängt hatte , ohne danach zu fragen , ob das Herz dieser Andern brach unter dem unverdienten Schicksal . Die scheinbar zerrissene Fessel hatte den Flüchtling ja nie ganz losgelassen ; jetzt umwand sie ihn auf ’ s Neue , und Beatrice fühlte mit verzweiflungsvoller Gewißheit , daß sie nie den Platz in seinem Herzen besessen hatte , den jetzt seine Gattin einnahm . [ 619 ] Die leidenschaftliche Frau handelte in der That nicht nach Plan und Berechnung , als sie zu diesem letzten , äußersten Mittel griff , um ihre Rache zu kühlen . Ihr Erscheinen in dem Garten Erlau ’ s galt einzig der gehaßten Gegnerin . Sie fand Ella nicht , aber statt dessen fand sie den Knaben , allein , unbeaufsichtigt , und die Idee wie die Ausführung des Raubes waren das Werk eines Augenblickes . Das Kind folgte anfangs willig der schönen fremden Dame , die es schmeichelnd an sich zog , und als es ängstlich zu werden begann und nach seiner Mutter zurückverlangte , da war es bereits zu spät . Beatrice dachte gar nicht an die mögliches Folgen ihres Schrittes , als sie triumphirend ihre Beute entführte ; sie fühlte nur , daß kein Dolchstoß das Herz Ella ’ s so tief und sicher treffen konnte als der Verlust ihres Kindes , und daß dieser Verlust eine ewig trennende Scheidewand zwischen den beiden Gatten aufrichtete . Das war es , was sie gewollt hatte . Jetzt aber galt es , sich den Raub zu sichern . Gianelli mußte zu der rasch in ’ s Werk gesetzten Flucht die Hand bieten . Nun lag bereits mehr als eine Tagereise zwischen dem Kinde und seinen Eltern . Aber einmal mußte doch Halt gemacht werden , einmal mußte diese plan- und ziellose Flucht doch ein Ende nehmen . Die Rache war gelungen , weit über Erwarten – was nun ? Der kleine Reinhold schlief noch immer . Hätte er wenigstens die Züge seines Vaters getragen ! Vielleicht hätte ihn das vor allem Bösen bewahrt , aber dieses goldblonde Haar , dieses rosige Antlitz und diese tiefblauen , im Augenblicke freilich geschlossenen Augen gehörten ja der Mutter an , der Frau , die Beatrice haßte , wie sie noch nie etwas auf der Welt gehaßt hatte , und diese Aehnlichkeit war eine furchtbare Gefahr für das schlummernde Kind . Die glühenden Augen seiner Begleiterin hafteten minutenlang starr auf seinem Gesichte , dann auf einmal zuckte sie zusammen , und wie vor ihren eigenen Gedanken erschreckend , riß sie das Auge los von dem Knaben und wandte sich ab . Da erblickte sie oben auf der Höhe den Wagen , der dem ihrigen folgte . Ein Reisewagen war überhaupt eine Seltenheit auf diesem Wege , und er kam in der gleichen Richtung , kam in vollster Eile . Beatrice errieth sofort , um was es sich handelte . Also ihre Spur war bereits verrathen , und die Verfolger waren ihr auf den Fersen – mochten sie doch ! Sie fühlte sich allmächtig , so lange sie das Kind in ihren Händen hatte . Sich rasch erhebend , gab sie dem Kutscher Befehl , die Pferde zur größten Eile anzutreiben . Er gehorchte , und nun begann eine wilde Jagd zwischen den beiden Wagen . Mehr als einmal vermochten die kräftigen Thiere sie kaum zu halten , mehr als einmal drohte der Hemmschuh zu reißen und die Insassen dem Sturze preiszugeben . Keiner von ihnen achtete darauf , und das Versprechen eines überreichen Lohnes spornte auch die beiden Führer zur Verachtung der Gefahr an . Es war eine rasende , eine tollkühne Fahrt . Felsen und Schluchten schienen zu beiden Seiten vorüberzufliegen ; immer höher stieg die Bergwand empor , je mehr sich die Straße senkte ; immer näher brauste der Fluß herauf , doch das Viergespann war unleugbar im Vortheile . Die Wagen rollten jetzt beide im Thale dahin , aber der Raum zwischen ihnen wurde mit jeder Minute kleiner – noch einige hundert Schritte , und die Flüchtigen waren eingeholt . Das erste Gefährt donnerte über die Brücke , die hier die beiden Ufer verband . Jenseit derselben hielt es auf einmal still . Beatrice hatte selbst den Befehl dazu gegeben ; sie sah , daß hier kein Ausweichen , kein Entrinnen möglich war , daß sie auf das Aeußerste gefaßt sein mußte . Der Wagen hielt unmittelbar am Rande des Flusses , der reißend schnell dahinschoß ; langsam öffnete Beatrice den Schlag , während sie mit der Linken den kleinen Reinhold umfaßte , der von der rasenden Fahrt erwacht war und jetzt ängstlich in die schäumenden , tosenden Wellen blickte , die dicht unter ihm dahinschossen . Er wußte ja nicht , wie nahe ihm die Eltern waren . Jetzt hatte auch der zweite Wagen die Brücke erreicht , und in dem Momente , wo Ella ihr Kind erblickte , war es vorbei mit Besinnung und Ueberlegung . Sie vergaß Reinhold ’ s Warnung , sich nicht zu zeigen , ihm den entscheidenden Schritt allein zu überlassen , und beugte sich weit aus dem Schlage . „ Reinhold ! “ hallte es hinüber – es war ein Ruf unaussprechlicher , bebender Angst , Das Kind schrie auf , als es die Mutter erkannte , und streckte beide Arme nach ihr aus . Laut aufweinend wollte es hinüber zu ihr , aber dieses Wiedersehen wurde sein Verderben . Beatrice war leichenblaß geworden , als sie die Gatten nebeneinander erblickte . Also beisammen ! Was sie trennen sollte , das gerade hatte sie vereinigt , und wenn Reinhold in der nächste Minute die Flüchtige erreichte und ihr seinen Sohn entriß , dann waren die Beiden vereinigt für immer , und der Verlassenen blieb nur die Verachtung – oder die Rache . Aber die Wahl war bereits getroffen . Eine einzige blitzschnelle Bewegung nach dem Strome hin entschied Alles . Beatrice hatte das Kind nicht losgelassen , und mit der Kraft der Verzweiflung riß sie es mit sich hinunter in den Fluthentod . – [ 620 ] Der entsetzlichen That folgte eine Scene unbeschreiblicher Verwirrung . Die Führer der beiden Wagen waren von ihren Sitzen herabgesprungen und liefen rathlos am Ufer hin und her ; sie versuchten es gar nicht einmal , eine Hülfe zu bringen , die hier nur mit Aufopferung des eigenen Lebens möglich war . Ella stand auf der Brücke ; sie hatte sich nachstürzen wollen , wo sie nicht retten konnte , aber es war bereits eine bessere Hülfe zur Stelle . Die junge Frau sah die Wellen hoch aufspritzen , in denen ihr Liebstes verschwand , sah , wie diese Wellen sich im nächsten Momente auch über dem Haupte ihres Gatten schlossen . Reinhold hatte sich unverzüglich seinem Kinde nachgeworfen , das sich im Sturze von Beatricen losgerissen hatte und das nun in einiger Entfernung auftauchte . Es folgten Minuten einer Qual , gegen die alles zuvor Erduldete doch nur ein Spiel war . Für Ella drängten sich Leben und Tod zusammen in diesen schäumenden , zischenden Wogen , mit denen die beiden Körper rangen , der eine hülflos , fast widerstandlos , der andere sich mächtig emporarbeitend zu dem einen Punkte , den er endlich , endlich erreichte . Der Vater erfaßte sein Kind , riß es an sich und strebte mit ihm vereinigt dem Ufer zu . Jetzt faßte er Fuß auf dem felsigen Grunde ; jetzt ergriff er die überhangenden Felszacken , um sich daran zu halten , und nun gewann auch die Mutter Kraft und Bewegung zurück . Sie stürzte den Beiden entgegen . Langsam stieg Reinhold den Abhang empor . Seine Brust keuchte schwer von der furchtbaren Anstrengung ; die Arme bluteten , verwundet von dem scharfen Gesteine , an dem er sich gehalten , aber diese Arme umfaßten seinen Knaben , den er seit Jahren zum ersten Male wieder an seine Brust schloß , und halb ohnmächtig zusammenbrechend , legte er das Kind in die Arme der Mutter . „ Also das soll wirklich und unwiderruflich ein Abschiedsbesuch sein ? “ fragte der Consul Erlau den Capitain Almbach , der neben ihm saß . „ Ihre Abreise kommt ja ganz plötzlich und unerwartet . Was wird Ihr Bruder , was Eleonore dazu sagen ? Beide rechneten ganz bestimmt darauf , Sie noch einige Wochen hier zu behalten . “ Auf der sonst so heiteren Stirn Hugo ’ s lag heute ein Schatten , und in seinen Zügen stand ein fremder , bitterer Ausdruck , als er erwiderte : „ Sie werden sich leicht genug in die Trennung finden . Reinhold wird in der steten Nähe von Weib und Kind meine Abwesenheit nicht fühlen , und Ella – “ er brach plötzlich ab . „ Lassen Sie es gut sein , Herr Consul ! Die Beiden haben viel zu viel mit sich selber und mit ihrem neuerworbenen Glücke zu thun , um nach mir zu fragen . “ „ Ja wohl , “ stimmte Erlau bei , „ und wer bei dieser Versöhnungsgeschichte am meisten verliert , das bin ich . Jahrelang habe ich Eleonore als mein Kind betrachtet , habe sie und den Kleinen als mein unbestreitbares Eigenthum angesehen und jetzt auf einmal macht der Herr Gemahl seine sogenannten Rechte geltend und nimmt sie mir Beide , ohne daß ich Einspruch dagegen erheben darf . Ich begreife Eleonore nicht , daß sie ihm so ohne Weiteres verziehen hat . “ „ Nun , so ohne Weiteres geschah das wohl nicht , “ sagte Hugo ernst . „ Er hat Widerstand genug gefunden , und ich glaube kaum , daß er ihn jemals überwunden haben würde ohne jene Katastrophe , die ihnen schließlich Beiden zu Hülfe kam . Er erkaufte sich die Versöhnung mit der Rettung seines Kindes . Ella wäre keine Gattin und keine Mutter gewesen , wenn sie sich auch da noch von ihm abgewendet hätte , als er ihr den Knaben unversehrt in die Arme legte . Der Augenblick sühnte Alles , und Sie wissen ja so gut wie ich , daß die Rettung des Kleinen dem Vater beinahe das Leben gekostet hat . “ „ Nun ja , er konnte gar nichts Gescheidteres thun , als nach der Geschichte todkrank zu werden , “ grollte Erlau , der durchaus nicht in sehr versöhnlicher Stimmung zu sein schien . „ Das war genug , um Eleonore sofort an seine Seite zu rufen , von der sie dann nicht wieder wegzubringen war , und er ließ sie wohlweislich auch nicht wieder von sich . Man kennt das schon . Gefahr und Angst , Pflege und Zärtlichkeiten ohne Ende ! Sie verlangen doch nicht etwa gar , daß ich mich über die Versöhnungsgeschichte freuen soll ? Ich wollte , wir hätten die Reise nach Italien unterlassen , dann hätte ich meine Eleonore behalten , und Herr Reinhold hätte sein genial romantisches Künstlerleben hier fortsetzen können . Mir wäre das vollkommen recht gewesen . “ „ Sie sind ungerecht , “ sagte Hugo vorwurfsvoll . „ Und Sie verstimmt , “ ergänzte Erlau . „ Ich begreife nicht , was mit Ihnen eigentlich vorgegangen ist , Herr Capitain . Ihr Bruder ist außer Gefahr , Ihre Schwägerin die Liebenswürdigkeit selbst ; der Kleine hat sich mit vollster Zärtlichkeit an Sie angeschlossen , Ihnen aber scheint der Humor ganz und gar abhanden gekommen zu sein , seit bei uns hier Alles in Versöhnung und Liebe schwimmt . Sie spielen keinem Menschen einen Streich mehr , Sie ärgern Niemanden mehr mit Ihren Neckereien und Einfällen ; kaum daß man noch hin und wieder ein Scherzwort von Ihnen hört . Ich fürchte , Ihnen steckt auch irgend etwas im Kopfe oder gar im Herzen . “ Hugo lachte laut , aber ein wenig gezwungen auf : „ Warum nicht gar ! Ich halte es nur nicht aus , so lange auf dem festen Lande zu bleiben und meine See zu entbehren . Diese mondenlange Unthätigkeit peinigt mich . Gott sei Dank , daß sie endlich ein Ende nimmt ! Morgen früh reise ich , und in wenigen Tagen bin ich wieder draußen auf den Wellen . “ „ Nun , dann stieben wir ja recht hübsch nach allen Himmelsrichtungen auseinander , “ meinte der Consul , der noch immer nicht seiner Gereiztheit Herr zu werden vermochte . „ Sie segeln nach Westindien , Ihr Bruder und Eleonore wollen gleichfalls fort ; ich gehe nach H. zurück – eine allerliebste Einsamkeit , die mich dort zu Hause erwartet ! Herr Reinhold hatte zwar die Gnade , mir zu versprechen , daß ich seine Frau und das Kind von Zeit zu Zeit sehen solle . Von Zeit zu Zeit ! Als ob mir das genügen könnte , nachdem ich sie jahrelang jede Minute um mich gehabt habe . Freilich jetzt hat ja der Herr Gemahl und Vater darüber zu bestimmen ; ich bin überzeugt , er läßt sie keine acht Tage von sich ; er ist jetzt gerade so überschwenglich in der Zärtlichkeit , wie er es einst in der Rücksichtslosigkeit war . “ Es hatte fast den Anschein , als ob der Gegenstand des Gespräches dem Capitain peinlich sei , denn er brach es rasch ab , indem er sich erhob und sich von dem Consul verabschiedete , zwar herzlich , aber doch etwas kurz und hastig . Erlau sah ihn sichtlich ungern scheiden ; denn so groß das Vorurtheil war , das er noch immer gegen Reinhold hegte , so entschieden war er für Hugo eingenommen , und wäre dieser der reuig Zurückkehrende gewesen , der Consul hätte die Versöhnung wohl mit günstigerem Auge angesehen , als er es jetzt that , wo jedes Gerechtigkeitsgefühl in dem Schmerze über die bevorstehende Trennung von seinem Lieblinge unterging . Es tröstete den alten Herrn nur wenig , daß er die wiedergewonnene Gesundheit mit nach Hause nahm ; sein Haus kam ihm jetzt unendlich verödet vor , und er seufzte tief auf , als die Thür sich hinter seinem Gaste geschlossen hatte . Hugo kehrte inzwischen in die Wohnung seines Bruders zurück , die er noch immer theilte . Sein Zimmer befand sich in Folge der Vorbereitungen zur Abreise bereits in der größten Unordnung . Er hatte Jonas befohlen , einzupacken und Alles für morgen früh vorzubereiten , und der Matrose war dieser Weisung auch zum Theil nachgekommen , denn die Koffer standen geöffnet auf dem Fußboden , und die Reise-Effecten lagen auf Tischen und Stühlen umher . Vom Packen aber schien vorläufig keine Rede zu sein , denn Jonas saß noch in vollster Gemüthsruhe auf dem Deckel des großen Reisekoffers und neben ihm die „ kleine Annunziata “ , die er sich vermuthlich zur Hülfe bei dem schwierigen Geschäft herbeigeholt hatte . Die Unterhaltung zwischen den Beiden war trotz der noch immer sehr mangelhaften deutschen Sprachkenntnisse der jungen Italienerin in vollem Gange , und dabei hatte Jonas ganz ungenirt den Arm um sie gelegt und war soeben im Begriff , ihr einen Kuß zu rauben , der nicht der erste zu sein schien und auch wohl nicht der letzte gewesen wäre , wenn das Erscheinen Hugo ’ s nicht der ferneren Vertraulichkeit ein Ende gemacht hätte . Das Pärchen fuhr bei dem unvermutheten Oeffnen der Thür erschreckt in die Höhe . Annunziata faßte sich zuerst . Sie flüchtete mit einem leichten Aufschrei an dem Capitain vorüber in das Vorgemach , wo sie verschwand , und überließ ihrem Gefährten die Aufklärung der Situation . Jonas aber stand vor Schrecken starr und steif wie eine Bildsäule und sah , ohne sich zu rühren , seinen Herrn an , der jetzt vollends eintrat und die Thür hinter sich schloß . „ Heißt das die Koffer packen ? “ fragte er . „ Also so [ 621 ] weit bist Du nun glücklich mit Deinen Mitleids-Exercitien gekommen ? “ Jonas seufzte tief auf . „ Ja , Herr Capitain , ich bin so weit , “ versetzte er resignirt . Das Geständniß wurde mit einer so unendlich komischen Zerknirschung gethan , daß Hugo mühsam ein Lächeln unterdrückte ; dennoch sagte er mit ernster Miene : „ Jonas , ich habe nie geglaubt , daß ich dergleichen an Dir erleben würde . Es ist nur ein Glück , daß Du ein Mensch von Grundsätzen bist , die Dir nicht erlauben , aus solchen Thorheiten Ernst zu machen . Die Grundsätze über Alles ! Unsere ‚ Ellida ‘ ist segelfertig ; morgen reisen wir nach dem Hafen ab , und wenn wir aus Westindien zurückkehren , hast Du Dir die Liebesgeschichte aus dem Sinne geschlagen , und die Annunziata hat inzwischen einen Andern genommen – “ „ Das wird sie bleiben lassen , “ fuhr Jonas wüthend auf . „ Ich bringe mich um und sie dazu , wenn sie mir so etwas anthut . “ „ Willst Du das Umbringen nicht auch auf mich ausdehnen ? “ fragte Hugo kaltblütig . „ Du scheinst mir ganz in der Laune dazu . Bis zum Küssen bist Du gekommen , das steht fest . Ich habe es mit diesen meinen Augen sehen müssen , wie der Matrose Wilhelm Jonas von der ‚ Ellida ‘ ein Frauenzimmer geküßt hat , und ich dächte , mit dieser haarsträubenden Thatsache wäre Alles zu Ende . „ Bewahre , “ sagte Jonas trotzig . „ Damit fängt es erst an – jetzt kommt das Heirathen . “ „ Heirathen willst Du auch noch ? “ fragte der Capitain im Tone der tiefsten Empörung . „ Ein Frauenzimmer willst Du heirathen ? Aber so bedenke doch , Jonas , daß die Frauenzimmer an allem Schlimmen schuld sind , daß alles Unheil auf der ganzen Welt nur von ihnen stammt , daß der Mann nur Ruhe und Frieden hat , wenn er fern von ihnen ist , daß – “ „ Herr Capitain , “ erwiderte ihm der Matrose , der gegen allen Respect seinem Herrn mitten in die Rede fiel , als er seine eigenen Worte aus dessen Munde vernahm . „ Herr Capitain – ich war ein Dummkopf . “ „ So ? Deine Annunziata scheint Dir bereits einen hohen Grad von Selbsterkenntniß beigebracht zu haben , und das ist um so bewundernswerther , als die Sprache in Eurem Verkehre nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt . Deine Auserkorene spricht das Deutsche noch herzlich schlecht , und Du hast vom Italienischen nicht viel mehr als ihren Namen begriffen . Freilich , ich habe ja vorhin gesehen , wie vortrefflich Ihr Euch zu helfen wißt . Eure Conjugation des ‚ amare ‘ war , wenn auch nicht gerade grammatikalisch richtig , doch äußerst verständlich . “ „ Ja wohl , wir wissen uns zu helfen , “ sagte Jonas voll Selbstgefühl . „ Wir verstehen uns überhaupt immer , und in der Hauptsache haben wir uns gleich verstanden . Ich habe sie gern , sie will mich , und wir heirathen einander . “ „ Punctum ! “ vollendete Hugo . „ Und was wird unter so bewandten Umständen aus unserer Abreise ? “ „ Nach Westindien gehe ich noch mit , Herr Capitain , “ versicherte Jonas eifrig . „ So über Hals und Kopf können wir doch nicht heirathen und meine Braut bleibt indeß bei der jungen Frau Almbach , die versprochen hat , für sie zu sorgen . Wenn ich aber zurückkomme , dann , meint Annunziata , müßte das Seefahren ein Ende nehmen . Sie meint , wenn sie einen Mann nähme , dann müßte er auch bei ihr bleiben und nicht jahrelang auf allen möglichen Meeren umhersegeln . Wir könnten ja irgendwo eine kleine Gastwirthschaft anlegen , dann wäre ich nicht so weit von der See entfernt und hätte immer noch Verkehr mit meinen Cameraden – meint Annunziata . “ „ Deine Annunziata scheint sehr viel zu meinen , “ bemerkte der Capitain . „ Und Du fügst Dich als bekehrter Weiberfeind und gehorsamer Bräutigam natürlich unbedingt dieser ‚ Meinung ‘ Deiner Zukünftigen . Für diese Fahrt also soll die ‚ Ellida ‘ noch die Ehre haben , Dich zu ihrer Besatzung zählen zu dürfen ? Später hat sie sich einen andern Matrosen zu suchen und ich mir einen andern Diener ? “ „ Ja , später freilich , “ sagte Jonas kleinlaut . „ Wenn nicht – wenn Sie nicht auch – Herr Capitain – Sie sollten doch lieber auch heirathen . “ „ Bleib ’ mir vom Leibe mit Deinen Vorschlägen ! “ rief Hugo , ärgerlich auffahrend . „ Ich dächte , es wäre vorläufig genug , daß Du unter den Pantoffel geräthst . Jetzt packe die Koffer und nimm Abschied von Deiner Annunziata ! Denn morgen in aller Frühe geht es fort . Ich – habe auch noch Abschied zu nehmen . “ Die letzten Worte klangen so eigenthümlich gepreßt , daß Jonas verwundert aufschaute . Er wußte , daß es nicht die Art seines Herrn war , sich den Abschied irgendwo und irgendwie schwer zu machen , und doch hörte sich das an , als werde ihm das Lebewohl diesmal recht von Herzen schwer . Zum Glück befand sich der Matrose in der gleichen Lage ; deshalb grübelte er nicht viel nach , sondern machte sich an das Einpacken , während Hugo nach den Zimmern hinüberging , die jetzt seine Schwägerin bewohnte . Einige Minuten stand er regungslos vor der geschlossenen Thür , als wage er es nicht einzutreten ; dann auf einmal legte er wie mit einem plötzlichen Entschluß die Hand auf den Drücker und öffnete . Ella saß am Schreibtisch . Sie war allein und im Begriff , einen soeben vollendeten Brief zu schließen , als ihr Schwager eintrat und sich ihr rasch näherte . „ Haben Sie sich in Deutschland angemeldet ? “ fragte er , auf den Brief deutend , „ Consul Erlau wird ganz H. aufrührerisch machen mit seiner Verzweiflung darüber , daß er ohne Sie und den Kleinen zurückkehren muß . “ Die junge Frau legte die Feder bei Seite und stand auf . „ Es thut mir weh , daß der Onkel sich so unendlich schwer in die Trennung findet , “ entgegnete sie . „ Ich habe bereits nach Kräften für einen Ersatz gesorgt und brieflich eine seiner Verwandten gebeten , meine Stelle in seinem Hause einzunehmen , da mich jetzt andere Pflichten rufen . Seinen Wunsch , mich nach H. zu begleiten und