ängstlich jede illoyale Berührung vermied , wird nun ganz ohne sein Verschulden in solche Beziehungen förmlich hineingerissen . “ „ Ich hoffe wenigstens , daß Sie Ihrem Gefangenen die möglichste Rücksicht angedeihen lassen , “ sagte Raven , ohne auf die letzten Worte zu achten . „ Die Veranlassung zu seiner Rückkehr und die Aufopferung seines Sohnes für Ihre Beamten geben ihm den vollsten Anspruch darauf . “ „ Ohne Zweifel , “ stimmte der Polizeidirector bei . „ Doctor Brunnow wird sich über nichts zu beklagen habe . Er ist vorläufig in einem Zimmer des Stadtgefängnisses , und ich habe auch die Vorkehrungen zu seiner Bewachung mit der größten Schonung getroffen . Streng muß diese Bewachung allerdings sein ; es könnte sonst eine nochmalige Flucht oder – Befreiung versucht werden . “ Raven ’ s Auge heftete sich voll und finster auf das Gesicht seines Begleiters . Der leise Hohn , der um dessen Lippen spielte , sagte dem Freiherrn , daß seine Beziehungen zu dem ehemaligen Jugendfreunde kein Geheimniß mehr seien , und daß der Schlag nicht gegen Brunnow , sondern gegen ihn selber geführt wurde . Zu welchem Zwecke , das errieth er im Augenblicke noch nicht , aber der Polizeidirector war nicht der Mann , der sich einer Uebereilung schuldig machte oder Dinge unternahm , die ihm eine ernste Verantwortlichkeit auferlegten . Er wußte immer , was er that . „ Flucht ! Befreiung ! “ wiederholte Raven mit Bitterkeit . „ Dafür möchte es wohl zu spät sein . “ „ Ich hoffe das auch , will aber doch nicht die nöthige Vorsicht versäumen . Man kann nie wissen , wie weit die Verbindungen dieser Flüchtlinge reichen . – Das waren die Mittheilungen , um deren willen ich Sie aufsuchen wollte . Jetzt möchte ich Sie nicht länger in Anspruch nehmen . Wir kommen sogleich an meinem Bureau vorüber – darf ich bitten , dort anhalten zu lassen ? Es wartet wahrscheinlich wieder eine ganze Fluth von Geschäften auf mich . “ Nach kaum zehn Minuten hielt der Wagen vor dem Polizeibureau , und der Chef desselben verabschiedete sich in verbindlichster Weise von dem Freiherrn , der nach dem Schlosse weiterfuhr . Endlich waren ihm einige Minuten des Alleinseins vergönnt . Seit heute Morgen traf ihn Schlag auf Schlag . Erst der Brief des Ministers , dann die Eröffnung des Oberst Wilten , endlich die Nachricht von der Verhaftung Brunnow ’ s. Die drohenden Anzeichen mehrten sich , und Rudolph ’ s Prophezeiung war vielleicht ihrer Erfüllung näher , als er selbst glaubte . Der Boden unter dem Mächtigen begann zu wanken und zu weichen , und zum ersten Male blickte er von seiner schwindelnden Höhe nieder mit dem Gedanke , wie tief wohl der Sturz sein könne . Aber Arno Raven erbleichte nicht vor solchen Gedanken . Der stolze , energische Trotz in seinen Zügen zeigte , daß er nicht gesonnen war , der drohenden Gefahr auch nur einen Schritt zu weichen . Wenn sie auch jetzt von allen Seiten gegen ihn heranzog , er wollte nicht unterliegen , und mit diesem unbeugsamen Willen , dessen Macht sich so oft schon bewährt hatte , trat er auch jetzt dem Sturme entgegen . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 29 , S. 485 – 488 Fortsetzungsroman – Teil 21 [ 485 ] Im Schlosse war es einsam und öde geworden . Die Baronin Harder war mit ihrer Tochter nach der Residenz abgereist , und wenn die Dame selbst mit ihren Launen , Ansprüchen und sonstigen wenig liebenswürdigen Eigenschaften von der Dienerschaft nicht vermißt wurde , so vermißte man um so mehr die junge Baroneß , der sich die Herzen Aller zugewendet hatten . Mit ihr war der Sonnenschein in das Haus gekommen . Sie hatte während der wenigen Monate , die sie dort verweilte , Licht und Leben in die düstere und todte Pracht jener Räume gebracht , selbst der Freiherr war in dieser Zeit um so Vieles milder und zugänglicher gewesen , daß man oft den strengen Gebieter gar nicht wiedererkannte . Jetzt war Gabriele fort , ihr Zimmer verschlossen , und Jeder , von dem alten Haushofmeister an bis zum letzten Diener herab , fühlte die Leere , die zurückgeblieben war . [ 486 ] Freiherr von Raven allein schien die Abwesenden nicht zu vermissen , wenigstens äußerte er niemals etwas darüber , und man wußte ja auch , daß er jetzt nicht viel Zeit hatte , sich um Familienbeziehungen zu kümmern . Die Umgebung war es gewohnt , ihren Herrn stets ernst , verschlossen und unberührt von äußeren Ereignissen zu sehen , sie sah ihn auch jetzt nicht anders , und doch wußte Jeder , welche Wetterwolke sich über seinem Haupte zusammenzogen . Das war längst kein Geheimniß mehr . Die Unruhen in der Stadt hatten sich auch im Lauf der nächsten Wochen nicht wiederholt , und der Polizeidirector mit seinen Beamten war vollständig Herr der einzelnen Ausbreitungen geblieben , die noch hin und wieder vorkamen . Die schlimmeren Elemente der Bevölkerung waren eingeschüchtert , die besseren zur Besinnung gekommen . Die letzten Ereignisse hatten Jedem gezeigt , daß es auf diesem Wege nicht weiter gehen konnte und durfte . Der Bürgermeister zumal bot seinen ganzen Einfluß auf , um die Wiederkehr solcher Scenen zu verhindern . Er hatte nicht umsonst die Erfahrung gemacht , daß in dem Conflicte , wo er als erster Gegner dem Freiherrn gegenüberstand , die Zügel seinen Händen entglitten und der Streit durch das Hereindrängen wüster und gefährlicher Elemente in eine förmliche Revolte ausartete . Man hatte allseitig eine Warnung erhalten , und sie hatte gefruchtet . Aufgegeben war der Kampf deswegen freilich noch nicht ; er wurde im Gegentheil nur nachdrücklicher , wenn auch ruhiger geführt , und die Stadt R. hatte die Genugthuung , daß er einen Widerhall in der Residenz , ja im ganzen Lande fand . Die Flugschrift Winterfeld ’ s hatte in der That ein ungeheures Aufsehen erregt und ging in ihrer Wirkung weit über die ursprüngliche Absicht hinaus , denn sie fand in den maßgebenden Kreisen einen Boden , wie es Niemand , am wenigsten der Assessor selbst , vorausgesetzt hatte . Freiherr von Raven war in jenen Kreisen nichts weniger als beliebt . Ein Mann , der , wie er , sich aus den einfachsten bürgerlichen Verhältnissen zu einem der höchsten Staatsämter emporgeschwungen , mußte naturgemäß den Neid und das Uebelwollen derer wachrufen , die er überholte und so weit hinter sich zurückließ , und sein stolzes , gebieterisches Wesen , die Verachtung , mit der er überall Unfähigkeit oder Erbärmlichkeit bei Seite schob , dienten nicht dazu , ihn beliebter zu machen . Es gab in jenen Kreisen nur Allzuviele , die seine glänzende Laufbahn und die hohe Stellung , welche er gegenwärtig einnahm , als einen Raub an ihren eigenen Standesprivilegien betrachteten , die ihm die Art , wie er den vornehmsten Persönlichkeiten gegenübertrat , nicht verzeihen konnten und nur auf eine Gelegenheit warteten , dem verhaßten Emporkömmling die verdiente Demüthigung zu bereiten . Bisher war das Alles noch unschädlich an dem Freiherrn abgeglitten . Die Regierung stützte ihn mit voller Macht , überhäufte ihn mit Ehren und Auszeichnungen und schwieg zu seinen Uebergriffen , die ihr keineswegs verborgen blieben . Sie bedurfte gerade für den Posten in R. eines Vertreters , der mit so rücksichtsloser Energie und eiserner Consequenz ihre Autorität geltend machte und die gährenden , gefährlichen Elemente der Provinz so unbedingt im Zaume zu halte wußte , wie Raven . Die Unentbehrlichkeit des Gouverneurs überwog all jene Einflüsse , welche sich gegen ihn geltend machten . Aber die Zeiten hatten sich geändert . Schon seit Jahresfrist war ein Umschwung eingetreten , der für die Stützen der bisherigen Regierung verhängnißvoll zu werden drohte . Ein Theil derselben versuchten einzulenken und der neuen Zeitströmung zu folgen ; ein anderer machte sich bereit , mit allen äußeren Ehren von dem Schauplatz abzutreten , auf dem die Rolle vorläufig ausgespielt war . Sie alle hatten Freunde und Verbindungen , die ihnen das ermöglichten – Arno Raven stand völlig allein da , und was er jemals an Haß und Feindschaft wach gerufen , das erhob jetzt drohend gegen ihn das Haupt . Zu jeder andern Zeit wäre eine Schrift , wie die Winterfeld ’ s , unterdrückt worden und der Verfasser hätte sie mit dem Verluste seiner Stellung büßen müssen ; jetzt bemächtigte man sich mit Eifer dieses Angriffes als einer Waffe gegen den längst Gehaßten , und der junge Beamte , der den willkommenen Anlaß gegeben , wurde förmlich auf den Schild gehoben . Georg ’ s Name , noch vor Kurzem ganz unbekannt und unbeachtet , war jetzt in Aller Munde ; er selbst wurde aufgesucht , bevorzugt und bewundert wegen seines Muthes , das so kühn auszusprechen , was freilich Jeder gewußt hatte . Man fand , daß die Broschüre wahrhaft glänzend geschrieben sei , daß sie eine ungewöhnliche Fülle von Kenntnissen und Fähigkeiten verrathen und ein unbestechlich klares Urtheil voraussetze , und wirklich fehlte der Schrift alles , was sie zum Pamphlet hätte erniedrigen können . Die großen Eigenschaften des Gouverneurs wurden vollständig anerkannt ; jedes Persönliche war auf das Strengste vermieden ; die ganze Anklage stützte sich nur auf Thatsachen , aber diese Thatsachen wurden mit einer so unerbittlichen Klarheit und Schärfe beleuchtet und einer so vernichtenden Kritik unterzogen , daß eine Antwort darauf nothgedrungen erfolgen mußte . Für die – sche Provinz und deren Hauptstadt war jene Flugschrift nun vollends , wie der Bürgermeister sich ausdrückte , der „ Funke in ’ s Pulverfaß “ gewesen , denn hier gab sie der allgemeinen Stimmung einen Ausdruck , wie er nicht schärfer und treffender gefunden werden konnte . Die lähmende Furcht und Scheu vor der Allmacht des Gouverneurs war jetzt gebrochen ; man sah , daß auch er angreifbar und verwundbar sei , wie andere Sterbliche , und nun brach die langgenährte Erbitterung gegen ihn in einer wahrhaft zügellosen Weise hervor . Niemand dachte mehr daran , was die Stadt und die Provinz trotz alledem der mächtigen Thatkraft des Freiherrn verdankten . Auch nicht eine Stimme erhob sich , die daran erinnerte ; der Haß gegen das despotische Regiment , unter dem man so lange geseufzt , hatte jetzt allein das Wort , und wie es gewöhnlich im Leben zu gehen pflegt , waren auch hier diejenigen , welche aus persönlichen Interessen sich bisher zu den Anhängern des Gouverneurs bekannt hatten , die ersten , welche den Stein auf ihn warfen , als dies ungestraft geschehen konnte . Ein Anderer würde wahrscheinlich gegangen sein und einen Platz verlassen haben , den zu behaupten kaum mehr möglich schien . In der That wurde es dem Freiherrn auch von der Residenz aus nahe gelegt , seine Entlassung zu nehmen , aber sein ganzer Stolz empörte sich dagegen , jetzt zu weichen , wo man ihn zum Weichen zwingen wollte , und vor all den Anklagen und Angriffen , die man gegen ihn schleuderte , die Flucht zu nehmen . Er wußte , daß sein Gehen in einem solchem Augenblicke ein Unterliegen war . Jenen Andeutungen aus der Residenz gegenüber hatte er nur die hochmüthige Antwort , er sei durchaus nicht gesonnen , dauernd zu bleiben , aber erst wolle er den Kampf ausfechten , seine Gegner niederwerfen und ihre Angriffe zum Schweigen bringen , wie damals beim Antritt seines Postens in R. , wo sich ein ähnlicher Sturm gegen ihn entfesselte , dann werde er gehe – eher nicht ! Vielleicht hätte der Freiherr weniger Starrsinn gezeigt , wen nicht gerade der erste Angriff , das erste Signal zu dem allgemeinen Ansturm gegen ihn von Georg Winterfeld ausgegangen wäre . Der Gedanke , von dem Manne gestürzt zu werden , den er von allen Mensche am glühendsten haßte , weil er zwischen ihm und Gabriele stand , brachte Raven auf das Aeußerste und raubte ihm sogar seine sonst so klare Urtheilskraft . Der Ausgang war freilich noch keineswegs entschieden . Noch stand der Freiherr fest und unerschütterlich selbst auf dem wankenden Boden . Er konnte sich darauf berufen , daß Alles , was er gethan hatte , offen vor aller Welt , daß es mit Vollmacht der Regierung geschehen war , und diese scheute sich doch , den Mann , der so lange in ihrem Namen gehandelt hatte , ohne Weiteres fallen zu lassen . Die von Raven so oft verurtheilte Schwäche und Halbheit zeigte sich auch hier . Man hatte den Angriff gegen ihn zugelassen , sogar begünstigt , und als er ihm unerwartet Stand hielt , wagte man es weder den Angegriffenen preiszugeben noch ihn zu stützen . Jedenfalls nahm die Angelegenheit das allgemeine Interesse so vollständig in Anspruch , daß alles Andere davor in den Hintergrund trat . Dies war auch theilweise mit der Verhaftung des Doctor Brunnow , der sich noch immer im Stadtgefängnisse von R. befand , der Fall , obgleich sie nicht verfehlt hatte , ein peinliches Aufsehen zu erregen . Man wußte ja , daß das Gesetz die Ergreifung des zurückgekehrten Flüchtlings verlangte , aber man fand es trotzdem hart und grausam , daß ein Vater , der an das Krankenbett seines Sohnes geeilt war , das im Kerker büßen sollte , fand es um so härter , als jene Verurtheilung um so viele Jahre zurücklag . Es war an einem Vormittage zu noch ziemlich früher Stunde , als der Polizeidirector selbst bei dem Verhafteten erschien . [ 487 ] Seine Haltung und Begrüßung hatten jedoch durchaus nichts Amtliches ; sie waren höflich und zuvorkommend , als handele es sich um einen einfachen Besuch . „ Ich komme , Herr Doctor , um Ihnen den Besuch Ihres Sohnes anzukündigen , “ begann er . „ Sie hatten ja regelmäßige Nachrichten über sein Befinden und wissen , daß er weit genug hergestellt ist , um ohne jede Gefahr den Ausgang unternehmen zu können . Er wird um zwölf Uhr bei Ihnen sein . Ich wollte es mir nicht versagen , Ihnen das selbst mitzutheilen . “ „ Sie sind in der That sehr gütig , “ entgegnete Brunnow gleichfalls höflich , aber etwas einsilbig und mit offenbarer Zurückhaltung . „ Ich wünschte mich gleichzeitig zu überzeugen , ob meine Anordnungen auch in vollem Maße erfüllt worden sind , “ fuhr der Polizeidirector fort . „ Es ist Ihnen doch jede Erleichterung gewährt worden , welche die Haft nur irgend zuließ ? Oder haben Sie sich über irgend etwas zu beklagen ? “ „ Durchaus nicht ! Es wäre mir im Gegentheil interessant , zu erfahren , wem ich die ganz ungewöhnliche Rücksicht und Schonung verdanke , die mir vom ersten Augenblicke meiner Gefangenschaft an zu Theil geworden ist . “ „ Nun , doch wohl zunächst der eigenthümlichen Veranlassung zu Ihrer Rückkehr . Man ehrt die Sorge des Vaters um den Sohn . “ „ Sollte das der alleinige Grund sein ? “ fragte der Doctor , mit einem forschenden Blick . „ Ich weiß von meinem früheren Aufenthalte in den Staatsgefängnissen her , wie wenig solche persönliche Rücksichten dort maßgebend sind . Ich hatte Gelegenheit , ganz andere und schlimmere Erfahrungen zu machen . “ „ Das hat sich geändert , “ meinte der Polizeichef unbefangen , ohne den bitteren Ton bemerken zu wollen . „ Es liegt eine ganze Reihe von Jahren zwischen dem Damals und dem Jetzt , und eben diese Jahre dürften auch eine günstige Rückwirkung auf Ihr Schicksal selbst äußern . “ „ Ich wußte , was ich bei meiner Rückkehr wagte , und mache mir keine Illusionen über mein Schicksal , “ fiel Brunnow beinahe schroff ein . „ Sie sind vermuthlich gekommen , um mir anzukündigen , daß ich mich zur Abführung nach der Festung bereit halten soll ? “ „ Sie irren , es ist noch nichts darüber bestimmt . Das befremdet Sie ? Es ist allerdings auffallend , daß man so lange mit der Entscheidung zögert , ich halte es aber für ein günstiges Zeichen . Ich möchte Ihnen keine voreilige Hoffnungen erwecken , aber es wäre immerhin möglich , daß man mit Rücksicht auf die ganz besonderen Umstände Sie amnestirte . “ Brunnow richtete sich mit größter Lebhaftigkeit auf . „ Sie meinen – ? “ „ Es ist das vorläufig nur meine persönliche Ansicht , “ beeilte sich der Andere hinzuzusetzen . „ Ich glaube aber , daß an entscheidender Stelle die Stimmung für Sie eine durchaus günstige ist . Es käme vielleicht nur darauf an , daß Sie auch Ihrerseits die geeigneten Schritte thäten . Ich bin überzeugt , daß ein Begnadigungsgesuch nicht zurückgewiesen würde , wenn Sie sich dazu entschließen könnten . “ „ Nein ! “ sagte Brunnow mit vollkommener Festigkeit . „ Herr Doctor , bedenken Sie , es handelt sich um Ihre Freiheit . Sie hängt vielleicht an einem einzigen Worte Ihrerseits ! “ „ Gleichviel , ich bettele nicht um Gnade . Dieses Wort wäre das Eingeständniß einer Schuld , die ich nicht anerkenne , und selbst um meiner Freiheit willen opfere ich nicht die Grundsätze meines Lebens . Mag man mich begnadigen oder nicht , ich werde niemals darum bitten . “ Der Polizeidirector verwünschte innerlich den „ hochmüthigen Starrkopf dieses alten Demagogen “ . Ein Begnadigungsgesuch desselben wäre so unendlich gelegen gekommen für die Concession , die man nun einmal entschlossen war der öffentlichen Meinung zu machen , aber es war leider nicht zu erreichen . Der erste Theil der Mission war gescheitert , und der Herr Director ging nunmehr zu dem zweiten über . Er gab sich auch hier natürlich nicht die Miene , im Auftrage zu sprechen , sondern hielt den Ton eines ganz absichtslosen Privatgespräches fest . „ Das hängt allerdings von Ihnen allein ab , “ nahm er wieder das Wort . „ Sie erschweren aber dadurch Ihren Freunden , für Sie thätig zu sein , und es werden doch ganz ungewöhnliche Anstrengungen zu Ihre Gunsten gemacht . “ „ Von wem ? “ fragte der Doctor auf das Aeußerste befremdet . „ Ich habe keine Freunde , die in Regierungskreisen auch nur den mindeste Einfluß besitzen . “ „ Vielleicht bessere , als Sie glauben . Sollten Sie es wirklich nicht wissen , daß der Gouverneur selbst Alles aufbietet , um Ihre Begnadigung zu erlangen ? “ „ Arno Raven – so ? “ fragte Brunnow langsam . „ Ja , der Freiherr von Raven . Er war es auch , der mir , als ich ihm die Nachricht Ihrer Verhaftung brachte , die größte Rücksicht gegen Sie zur Pflicht machte . “ Brunnow schwieg . Der Polizeidirector , der vergebens auf eine Antwort wartete , fuhr nach einer kurze Pause fort : „ Er scheint sich noch immer für Sie zu interessiren . Es ist freilich natürlich , daß ihm das Schicksal des einstigen Jugendfreundes nicht gleichgültig ist . “ Der Doctor blickte finster auf . „ Weiß man das hier schon ? Seine Excellez der Gouverneur hat doch schwerlich davon gesprochen . “ „ Er selbst allerdings nicht . Sie werden es wohl begreiflich finden , daß ein Mann in der Stellung des Freiherrn nicht öffentlich Jugendbeziehungen eingestehen kann , die einen so schroffen Gegensatz zu seiner eigenen Lebensrichtung bilden . “ „ Zu seiner späteren Lebensrichtung , meinen Sie ; “ die Stimme Brunnow ’ s klang scharf und hohnvoll . „ Mit der früheren waren jene Beziehungen allerdings mehr im Einklange . “ „ Sie wollen doch nicht etwa behaupten , Herr von Raven habe jene Bestrebungen gekannt , die Sie auf die Anklagebank führten ? “ fragte der Polizeidirector mit einem Lächeln , das darauf berechnet war zu reizen , und diesen Zweck auch erreichte , denn Brunnow begann sichtlich erregt zu werden . „ Ich behaupte nicht allein , daß er sie gekannt , sondern daß er sie im vollsten Maße getheilt hat , “ entgegnete er heftig . „ Ja , ich erinnere mich , er wurde damals auch verdächtigt , “ warf der Andere mit demselben ungläubigen Lächeln hin . „ Aber das war Verleumdung . Es gelang dem Freiherrn , sich vollständig von dem Verdachte zu reinigen , denn er wurde in Freiheit gesetzt und erhielt sogar eine Genugthuung für die unschuldig erlittene Haft , die Stelle als Secretär des Ministers . “ „ Als Preis seines Verrathes ! “ brach der Doctor aus , der keine Ahnung davon hatte , daß man ihn planmäßig in eine immer größere Gereiztheit und Erbitterung hineintrieb , und der es nicht vermochte , länger an sich zu halten . „ Es war die erste Stufe jener Leiter , auf welcher er zu seiner jetzigen Höhe emporstieg . Er erkaufte sie mit dem Fall seiner Freunde , mit dem Verrath an seiner Ueberzeugung und seiner Ehre . “ „ Herr Doctor , mäßigen Sie sich ! “ ermahnte der Polizeichef mit entrüsteter Miene . „ Das ist ja eine furchtbare Beschuldigung , die Sie gegen den Gouverneur schleudern . Es kann nur ein Irrthum oder eine Unwahrheit sein . “ „ Eine Unwahrheit ? “ rief Brunnow , in vollster Leidenschaft auflodernd . „ Ich sage Ihnen , daß es die Wahrheit ist , aber Sie halten natürlich den Freiherrn von Raven dessen nicht fähig . Sie halten mich eher für einen Lügner , einen Verleumder . “ „ Ich habe nichts dergleichen andeuten wollen , aber ich möchte doch ernstlich daran zweifeln , daß Sie es wagen würden , das eben Geäußerte vor Anderen zu wiederholen . “ „ Ich würde es nöthigenfalls vor der ganzen Welt wiederholen . Ich würde es Raven selbst in ’ s Antlitz schleudern , wie ich das schon einmal that , als – “ Brunnow hielt plötzlich inne , die gar zu lebhafte Spannung auf dem Gesichte seines Zuhörers brachte ihn zur Besinnung . Er vollendete den Satz nicht , sondern wendete sich unmuthig ab . „ Sie wollten sagen – “ half der Polizeidirector ein . „ Nichts , gar nichts ! “ war die störrische Antwort . „ Ich begreife Sie wirklich nicht . Wenn die Sache sich so verhält , so haben Sie doch nicht den mindesten Grund , den Gouverneur zu schonen . “ „ Ich schone ihn nicht , “ sagte Brunnow finster , aber ich will an dem , den ich einst Freund genannt habe , nicht zum Denuncianten werden . Wenn ich diese Waffen überhaupt gegen ihn hätte brauchen wollen , so wäre es längst geschehen . Sie treffen sicherer und tödtlicher als der Angriff eines Winterfeld , [ 488 ] denn sie sind in Gift getaucht – aber eben deshalb ist es nicht meine Art sie zu führen . “ „ Das ist ohne Zweifel sehr edel gedacht , außerordentlich edel , aber ich meine doch – “ „ Ich bitte , berühren wir die Sache nicht weiter ! “ unterbrach der Doctor den Sprechenden . „ Wozu diese längstvergangenen Dinge an das Tageslicht ziehen ? Mögen sie begraben bleiben ! “ Dieses plötzliche Abbrechen war nun allerdings nicht nach dem Sinne des Polizeidirectors . Er hätte gern das Gespräch fortgesetzt , sah aber , daß man ihm nicht ferner Rede stehen werde . Die Hauptsache war jedoch erreicht , er wußte , was er wissen wollte , und deshalb kostete es ihn keine allzugroße Ueberwindung , auf andere Dinge überzugehen und sich alsdann zu verabschieden . Brunnow blickte ihm unruhig nach . „ Kam er wirklich nur , um mich zu dem Begnadigungsgesuch zu veranlassen ? “ sagte er halblaut , „ oder fand das Verhör Raven ’ s wegen statt ? Ich fürchte es beinahe , das gespannte Aufhorchen dieses Polizeimenschen war mir verdächtig . Ich wollte , ich hätte mich ihm gegenüber nicht so fortreißen lassen . “ In den Straßen der Residenz wogte trotz der Abendstunde und der unfreundlichen Herbstwitterung noch das unruhige , rastlose Treiben der Großstadt . Die Wagen rollten und jagten nach den verschiedensten Richtungen hin , die Fußgänger drängten sich auf den Trottoirs und an den hellerleuchteten Kaufläden und nur in den vornehmeren Stadtvierteln , die abseits von den eigentlichen Haupt- und Verkehrstraßen lagen , herrschte Ruhe und Stille . In dem Zimmer , das sie gegenwärtig im Selteneck ’ schen Hause bewohnte , saß Gabriele Harder allem und ganz jenem trüben Nachdenken hingegeben , das ihr jetzt so oft nahte und aus dem übermüthigen , lebensprühenden Mädchen eine völlige Träumerin zu machen drohte . Sie war bereits in voller Toilette , da man heute Abend in die Oper fahren wollte , aber sie dachte offenbar nicht daran und zerdrückte , in einen Fauteuil geschmiegt , achtlos die Spitzen ihres Kleides . Wenn irgend etwas Gabriele hätte zerstreuen können , so wäre es dieser Aufenthalt in der Residenz gewesen , wo sie und ihre Mutter mit großer Liebenswürdigkeit empfangen wurden . Die Gräfin Selteneck war eine intime Freundin der Baronin ; sie hatten früher viel im Harder ’ schen Hause verkehrt und war auch nach dem Tode des Barons mit dessen Wittwe in stetem Briefwechsel geblieben . Das Wiedersehen war für beide Damen ein gleich großes Vergnügen , und die Gräfin , die selbst keine Kinder besaß , verwöhnte und verzog die reizende Tochter ihrer Freundin in jeder nur möglichen Art. Die Baronin hatte erst hier von dem gegen Raven geschleuderten Angriffe erfahren , aber sie war viel zu oberflächlich , um den Ernst und die Bedeutung der Sache zu würdigen , die in ihren Augen eine vorübergehende Verdrießlichkeit war , wie etwa die Revolution in R. Es fiel ihr nicht im Entferntesten ein , daß die Stellung des Freiherrn dadurch bedroht werden könnte ; seine Angelegenheiten interessirten sie überhaupt nur insofern , als ihre eigene Zukunft dabei in Frage kam . Frau von Harder hegte bekanntlich nicht die mindeste Sympathie für ihren Schwager , sie fürchtete ihn höchstens . Allerdings war sie empört über die „ Unverschämtheit “ dieses Winterfeld , in dessen Benehmen sie nur einen Act persönlicher Rache für die empfangene Zurückweisung sah , aber sie zweifelte nicht daran , daß der Freiherr dem Verwegenen die verdiente Züchtigung werde zu Theil werden lassen . Im Uebrigen sah sie keine Veranlassung , sich mit diesen unerquicklichen Dingen zu plagen , die jedenfalls längst abgethan waren , wenn man nach Hause zurückkehrte . Die Herbstmoden , die Soirèen und Opernvorstellungen waren weit interessanter . Daß ihre Tochter es nicht wagen würde , nach der Beleidigung , die Assessor Winterfeld dem Freiherrn zugefügt hatte , die Beziehungen zu dem Ersteren wieder anzuknüpfen , galt der Baronin als ausgemacht . Ihre Sorge richtete sich nur darauf , eine zufällige Begegnung zwischen den Beiden zu verhindern , was in der That nicht schwer war . Georg verkehrte nicht in den Selteneck ’ schen Kreisen , und Gabriele war sich hier in den fremden Umgebungen nie allein überlassen . Sie hatte auch wirklich keinen Versuch gemacht , dem jungen Manne Nachricht von ihrem Hiersein zu geben , bebte sie ja doch selbst vor diesem Wiedersehen zurück . Wie sollte sie Georg entgegen treten , mit der Liebe zu einem Andern im Herzen ! Was sich auch in der letzten Zeit zwischen sie und Arno gedrängt hatte , selbst seine Härte und Ungerechtigkeit vermochten es nicht , sein Bild zu bannen , und der Gedanke an die Gefahr , die ihn bedrohte , hob dieses Bild nur immer deutlicher hervor . Gabriele konnte besser als ihre Mutter die ganze Tragweite jenes Angriffs ermessen ; sie folgte schon seit Wochen mit fieberhaftem Interesse der Entwickelung . Sie , die sonst kaum einen Blick in die Zeitungen that , suchte jetzt nach jeder Notiz , haschte im Gespräch nach jeder Bemerkung , die den Freiherrn betraf . Winterfeld ' s Schrift mit ihren Anklagen entrollte auch dem jungen Mädchen das wahre Bild Raven ’ s , das sie in jedem Zuge anerkennen mußte , enthüllte ihr all die Schattenseiten seines Charakters , und dem gegenüber erhob sich Georg ’ s Gestalt , so rein , so fest und edel in der muthigen Aufopferung einer ganzen Zukunft für das , was ihm Pflicht und Gewissen hieß – aber was half das alles ! Die ganze Seele Gabrielens flog dem finsteren , despotischen Manne zu , stand an seiner Seite im Kampfe , bangte und ängstigte sich um seinetwillen , und gegen Georg regte sich ein Gefühl der Erbitterung , denn er war es ja gewesen , der den Geliebten angegriffen und beleidigt hatte . Der Schlag der Uhr auf dem Kamin weckte Gabriele aus ihren Träumereien und erinnerte sie daran , daß es Zeit sei , sich für die beabsichtigte Fahrt nach dem Theater fertig zu machen . Sie warf das Spitzentuch um , zog die Handschuhe an und ging nach dem Salon hinüber , wo sich ihre Mutter bereits mit der Gräfin Selteneck befand . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 30 , S. 499 – 502 Fortsetzungsroman – Teil 22 [ 499 ] Die Gräfin Selteneck stand ungefähr in dem gleichen Alter wie die Baronin , sah aber bedeutend jünger aus als diese , vielleicht gerade deshalb , weil sie sich nicht so ängstlich Mühe gab , noch die jugendliche Frau herauszukehren . Ohne schön zu sein , fesselte sie doch durch eine angenehme Erscheinung und ein klares bestimmtes Wesen . Beide Damen waren schon in voller Abendtoilette . „ Ich begreife es , “ sagte die Gräfin , „ wie sehr Du unter dem Zwange der Verhältnisse im Hause Deines Schwagers leidest , Mathilde , aber was thut man nicht um seines Kindes willen ! Gabrielens ganze Zukunft liegt doch nun einmal in