zu ihrem Manne ? “ „ Nun , ich vermuthe das nur so , und wir werden wohl auch bald Gewißheit darüber erhalten , denn auf ihrem Schreibtische lag dieses Billet , an Dich adressirt . Ich habe es mit herübergenommen ; es enthält jedenfalls eine Benachrichtigung . “ Windeg riß das Couvert ab und bemerkte in seiner Hast gar nicht , wie Curt die Etiquette so weit verletzte , daß er sich erlaubte , hinter ihn zu treten und über seine Schulter weg mitzulesen . Die Züge des jungen Officiers zeigten dabei aber einen so unverkennbaren Triumph , daß seine beiden jüngeren Brüder , die nichts von der Scene verstanden , erschreckt und fragend bald auf ihn , bald auf den Vater blickten . Das Billet enthielt nur wenige Zeilen : „ Ich gehe zu meinem Manne ! Verzeih ’ , Papa , daß ich so plötzlich , so heimlich abreise , aber ich will keine Stunde verlieren und ich will nicht erst Deinen Widerstand herausfordern , den ich doch brechen müßte ; denn mein Entschluß steht fest . Thue keinen Schritt weiter in der Scheidungsangelegenheit , widerrufe die schon geschehenen ! Ich versage meine Einwilligung dazu , ich verlasse Arthur nicht ! Eugenie . “ „ Ist so etwas je erhört worden ? “ brach der Baron jetzt aus , indem er den Brief sinken ließ . „ Ein Widerruf , eine förmliche Flucht aus meinem Hause , und das wagt meine Tochter mir zu bieten ! So entreißt sie sich meinem Schutze , all ’ meinen Plänen und Zukunftshoffnungen für sie und kehrt zu diesem Berkow zurück , jetzt , wo er nahe am Ruine steht , geht zu ihm , mitten unter die empörten Arbeiter , unter die Anarchie auf seinen Gütern ; das grenzt ja nahezu an Wahnsinn ! Was ist da vorgefallen ? Ich muß es wissen , aber zuerst muß dieser unsinnige Entschluß vereitelt werden , so lange es noch Zeit ist . Ich werde augenblicklich – “ „ Der Courierzug nach M. ist schon seit einer halben Stunde fort , Papa , “ unterbrach ihn Curt lakonisch . „ Und eben scheint auch der Wagen vom Bahnhofe zurückzukommen . Es ist jedenfalls zu spät . “ In der That hörte man soeben den Wagen , dessen sich die junge Frau ohne Zweifel bedient hatte , unten in das Portal einfahren . Der Baron sah jetzt auch ein , daß es zu spät war , und nun wendete sich sein ganzer Zorn gegen seinen Sohn . Er warf ihm vor , allein an Allem schuld zu sein ; er habe durch seine thörichte Bewunderung für den Schwager , durch seine übertriebenen Berichte von dessen Lage Eugeniens Gewissen aufgestachelt , bis ein falsches Pflichtgefühl sie antrieb , an die Seite ihres Gatten zu eilen , nur weil sie ihn unglücklich glaubte , und war sie erst dort , wer konnte da wissen , ob es nicht am Ende zu einer vollständigen Aussöhnung kam , wenn Berkow egoistisch genug war , das ihm gebotene Opfer anzunehmen . Aber Windeg vermaß sich hoch und theuer , die Scheidung trotz alledem doch durchzusetzen . Die Sache war einmal eingeleitet , der Justizrath hatte sie bereits in Händen , und Eugenie sollte und mußte zur Vernunft zurückkehren . Er , der Baron , wollte doch einmal sehen , ob er seine väterliche Autorität nicht mehr geltend machen könne , wenn auch zwei seiner Kinder – hier traf ein niederschmetternder Blick den armen Curt , der augenblicklich allein zur Stelle war – sie so gänzlich zu mißachten schienen . Curt ließ den ganzen Sturm über sich ergehen , ohne sich mit einer Silbe zu vertheidigen ; er wußte aus Erfahrung , daß dies das beste Mittel sei . Mit tiefgesenktem Kopfe und niedergeschlagenem Blicke schien er in der That außerordentliche Reue zu empfinden über seinen Leichtsinn und über das Unheil , das er damit angerichtet . Als aber der Baron , noch immer ganz außer sich , den Salon verließ , um in seinen eigenen Zimmern über die unerhörte Geschichte weiter zu grollen , schnellte der junge Officier muthig in die Höhe , und der übermüthige Ausdruck seines hübschen Gesichtes , die lachenden Augen gaben leider den Beweis , wie wenig ihm der väterliche Zorn zu Herzen gegangen war . „ Morgen früh ist Eugenie bei ihrem Manne ! “ sagte er zu seinen beiden Brüdern , die jetzt mit Fragen und Vorwürfen auf ihn einstürmten . „ Und da soll Papa es einmal versuchen , mit seiner väterlichen Autorität und seinem Rechtsanwalt dazwischen zu kommen ! Arthur wird sich seine Frau schon sichern , wenn er nur erst weiß , daß sie ihm gehört , bisher wußte er das noch nicht . Wir freilich “ – hier warf Curt einen etwas bedenklichen Blick auf die Thür , hinter der sein Vater verschwunden war – , „ wir werden wohl noch acht Tage lang Sturm haben , und der allerärgste kommt noch , wenn Papa erst merkt , wie es eigentlich zwischen den Beiden steht , und daß da von ganz etwas Anderem die Rede ist als blos von Gewissen und Pflichtgefühl ; aber dafür bekommt Arthur jetzt vollen Sonnenschein , und damit und mit Eugenie an der Seite wird er sich schon durchschlagen . Den Scheidungsproceß sind wir nun Gott sei Dank los , inclusive Gerichte und Justizräthe – und wer von Euch mir jetzt noch ein einziges Wort gegen meinen Schwager sagt , dem werde ich darauf antworten ! “ Es war in den ersten Vormittagsstunden des nächsten Tages , als die Postchaise , die soeben den Weg von M. nach den Berkow ’ schen Besitzungen zurückgelegt hatte , am Eingange des Thales Halt machte , in dem die Werke lagen , deren erste Häuser man bereits in unmittelbarer Entfernung vor sich sah . „ Thun Sie das nicht , gnädige Frau ! “ sagte der Kutscher , in das Innere des Wagens hineinsprechend . „ Kehren Sie lieber um mit mir , wie ich Sie schon auf der letzten Station bat . Schon dort habe ich ’ s gehört , und der Bauer , der uns soeben begegnete , sagt es auch . Es giebt heute Mord und Todtschlag da drüben auf den Werken ; von den Arbeiterdörfern sind sie heute schon in aller Frühe hinübergezogen , und nun geht es drunter und drüber . Ich kann Sie beim besten Willen nicht nach Hause fahren ; ich riskire Pferde und Wagen dabei . Wenn die drüben einmal im Revoltiren sind , dann schonen sie nicht Freund , nicht Feind . Sie werden doch nicht just heute hinüber müssen ; warten Sie doch bis morgen ! “ Die junge Dame , welche ganz allein im Wagen saß , öffnete statt aller Antwort den Schlag und stieg aus . „ Ich kann nicht warten , “ sagte sie ernst ; „ aber ich will Sie und Ihr Fuhrwerk auch nicht in Gefahr bringen . Die Viertelstunde werde ich wohl zu Fuß zurücklegen können . Kehren Sie um ! “ Der Kutscher erschöpfte sich noch einmal in Warnungen und Vorstellungen ; er fand es gar zu seltsam , daß die fremde , vornehm aussehende Dame , die ihn mit einem überreichlichen Trinkgelde zu möglichst schneller Fahrt bewogen hatte , sich so ganz allein in den Tumult wagen wollte ; aber er erreichte nichts damit , als einen etwas ungeduldigen Abschiedswink , und mußte sich endlich achselzuckend zur Umkehr entschließen . Eugenie hatte einen Fußpfad betreten , der , ohne die Werke selbst zu berühren , über die Wiesen nach dem Ausgange des [ 274 ] Parkes führte und der voraussichtlich noch sicher war . Im schlimmsten Falle fand sie in den nach jener Richtung hin gelegenen Beamtenwohnungen Schutz und Begleitung . Wie nothwendig hier Beides war , hatte sie freilich nicht gewußt , als sie , nur der Eingebung des Augenblickes folgend , ganz allein die Reise und die Fahrt hierher unternahm , und auch jetzt kannte sie noch nicht den ganzen Umfang der Gefahr , der sie sich mit diesem Gange aussetzte . Die Möglichkeit einer Gefahr war es nicht , die ihren Wangen diese erhöhte Farbe , ihren Augen dieses unruhige Leuchten gab und ihre Brust so heftig pochen machte , daß sie bisweilen stehen bleiben mußte , um Athem zu schöpfen ; es war die Furcht vor der Entscheidung . Der schwere Traum , der sich auf sie niedergesenkt , als sie das Haus ihres Gatten verließ , er hatte nicht weichen wollen während der ganzen Zeit der Trennung . Nicht die Heimath und die Liebe der Ihrigen , nicht all ’ die Stimmen eines neuen Lebens und Glückes hatten sie daraus erwecken können ; der Traum war geblieben mit seinem dumpfen Schmerz und seinem dunklen Sehnen . Jetzt endlich sollte das Erwachen kommen , und alle Empfindungen , alle Gedanken der jungen Frau drängten sich zusammen in der einen Frage : „ Wie wird er Dich empfangen ? “ Sie hatte soeben ein kleines einzelnstehendes Haus erreicht , das gleichsam den äußersten Vorposten der Werke bildete , als ihr von dort her eilig ein Mann entgegenkam , der bei ihrem Anblick mit dem Ausdrucke sichtbaren Schreckens zurückfuhr . „ Gnädige Frau ! Um Gotteswillen , wie kommen Sie hierher , und das gerade heute ? “ „ Ah , Schichtmeister Hartmann , Sie sind es ! “ sagte Eugenie ihm entgegentretend . „ Gott sei Dank , daß ich gerade Ihnen begegne ! Es sind Unruhen auf den Werken ausgebrochen , wie ich höre . Ich habe meinen Wagen dort drüben gelassen ; der Kutscher wagte nicht weiter zu fahren . Ich will jetzt zu Fuß hinüber nach dem Hause . “ Der Schichtmeister machte eine heftig abwehrende Bewegung . „ Das können Sie nicht , gnädige Frau ; das geht jetzt nicht . Vielleicht morgen , vielleicht gegen Abend , nur jetzt nicht . “ „ Weshalb nicht ? “ fuhr Eugenie erbleichend auf . „ Ist unser Haus bedroht ? Mein Gatte – “ „ Nein , nein , Herrn Berkow gilt es heute nicht ; der ist im Hause mit den Beamten . Diesmal ist ’ s unter uns selber losgebrochen . Ein Theil der Knappschaft hat heute Morgen die Arbeit wieder aufnehmen wollen ; mein Sohn – “ hier zuckte es schmerzlich über das Gesicht des alten Mannes , „ nun , Sie werden ja am Ende auch wissen , wie er zu der Geschichte steht – Ulrich wüthet darüber . Er und sein Anhang haben die Leute mit Gewalt zurückgetrieben und halten nun die Schachte besetzt . Die Anderen wollen sich das nicht gefallen lassen und rotten sich nun auch zusammen ; die ganzen Werke sind in Revolte , ein Camerad ist gegen den andern ! O du barmherziger Gott , was wird das noch geben ! “ Der Schichtmeister rang die Hände . Die junge Frau vernahm jetzt von drüben her wüstes Lärmen und Toben , das trotz der Entfernung deutlich zu ihr herüberdrang . [ 285 ] „ Ich beabsichtige auch die Werke zu vermeiden , “ entgegnete Eugenie . „ Ich wollte über die Wiesen nach dem Parke zu gelangen suchen und von dort – “ „ Um Himmelswillen , nur da nicht ! “ fiel der Alte ein . „ Da ist der Ulrich mit seiner ganzen Partei ; sie halten Rath auf der Wiese . Ich wollte eben hinüber und ihn noch einmal bitten , doch endlich Vernunft anzunehmen und wenigstens die Schachte freizugeben ; es geht ja jetzt gegen unser eigenes Fleisch und Blut ; aber er hört und sieht nichts mehr in seiner Wildheit . Nur den Weg nicht , gnädige Frau ! Der ist der schlimmste . “ „ Nach dem Hause muß ich , “ erklärte Eugenie entschlossen , „ koste es , was es wolle ! Gehen Sie mit mir , Hartmann , nur bis zu den Beamtenwohnungen ! Im schlimmsten Falle bleibe ich dort , bis der Weg wieder frei ist , und an Ihrer Seite werde ich doch wohl vor thätlichen Angriffen sicher sein . “ Der alte Mann schüttelte mit bekümmerter Miene den Kopf . „ Ich kann Ihnen da nicht helfen , gnädige Frau . Heute , wo Einer gegen den Andern steht , bin ich kaum selbst meines Lebens sicher in all ’ dem Toben , und wenn Sie nun gar erkannt werden , dann nützt es wenig , wenn ich an Ihrer Seite . bin . Jetzt giebt es nur Einen , der sich allenfalls noch Respect verschaffen kann , dem sie zur Noth noch gehorchen , meinen Ulrich , und der haßt [ WS 4 ] Herrn Berkow bis auf ’ s Blut und haßt Sie , weil Sie seine Frau sind . – Gerechter Gott , da kommt er ! “ unterbrach er sich auf einmal . „ Es hat wieder etwas Arges gegeben ; ich sehe es an seinem Gesichte . Gehen Sie ihm aus den Augen , nur jetzt , ich bitte Sie ! “ Er drängte die junge Frau in die halb offene Flur des Häuschens , und in der That ließen sich auch schon in unmittelbarer Nähe Schritte und laute heftige Stimmen vernehmen . Von Lorenz und einigen anderen Bergleuten begleitet , kam Ulrich heran , ohne den Vater zu bemerken . Sein Gesicht war flammend [ WS 4 ] geröthet ; auf seiner Stirn lag wieder die Wetterwolke , die jeden [ WS 4 ] Augenblick loszubrechen drohte , und seine Stimme klang in [ WS 4 ] wildester Erregung . „ Und wenn es unsere Cameraden und wenn es unsere [ WS 4 ] Brüder sind – nieder mit ihnen , sobald sie zu Verräthern an [ WS 4 ] uns werden ! Wir haben uns das Wort gegeben , zusammenzustehen Einer für den Andern , und jetzt kriechen sie feig zum Kreuze und geben uns und die ganze Sache preis ! Das soll ihnen vergolten werden . Habt Ihr die Schachte besetzt ? “ „ Ja , aber – “ „ Kein Aber ! “ herrschte der junge Führer dem Bergmanne zu , der sich den Einwand erlaubt hatte . „ Das fehlte noch , Verrath in unseren eigenen Reihen , jetzt , wo wir nahe dem Siege stehen ! Sie werden mit Gewalt zurückgetrieben , sage ich Euch , sobald sie es noch einmal versuchen , anzufahren . Sie sollen begreifen , wo jetzt ihr Platz und ihre Pflicht ist , und müßten sie es auch mit blutigen Köpfen lernen ! “ „ Es sind aber ihrer Zweihundert , “ sagte Lorenz ernst . „ Morgen werden es Vierhundert sein , und wenn sich der Herr erst einmischt und zu ihnen redet – Du weißt doch , wie das wirkt . Wir haben es oft genug erfahren in der letzten Zeit . “ „ Und wären es Vierhundert , “ brauste Ulrich auf , „ und wäre es die Hälfte der ganzen Knappschaft , wir zwingen sie mit der andern Hälfte . Ich will doch sehen , ob ich mir nicht mehr Gehorsam schaffen kann ; aber jetzt vorwärts ! Karl , Du mußt nach den Werken hinüber ; bringe mir Nachricht , ob Berkow sich nicht etwa einmischt , ob er mit seiner verdammten Art zu reden uns nicht wieder Hunderte abtrünnig macht . Ihr Anderen zurück nach den Schachten ! Seht zu , ob sie hinreichend abgesperrt sind , und laßt Keinen heran , der nicht zu uns gehört ; ich komme gleich selbst nach – fort ! “ Der Befehl wurde augenblicklich ausgeführt . Die Bergleute eilten in den angewiesenen Richtungen davon , und Ulrich , der jetzt erst seines Vaters ansichtig ward , ging hastig auf denselben zu . „ Du hier , Vater ? Du solltest doch lieber – “ er hielt plötzlich inne . Der Fuß wurzelte am Boden ; das eben noch so heiß geröthete Gesicht wurde weiß , als sei jeder Blutstropfen daraus gewichen , [ WS 5 ] und die Augen öffneten sich so weit und starr , als sehe er [ WS 5 ] ein Gespenst vor sich . Eugenie war aus der Hausflur hervorgetreten und stand ihm gerade gegenüber . In dem Kopfe der jungen Frau war ein Gedanke aufgeblitzt , der [ WS 5 ] auch in demselben Moment schon ausgeführt wurde . Sie dachte [ WS 5 ] nicht an die Kühnheit , ja an die Gefahr ihres Wagnisses ; sie wollte [ WS 5 ] zu ihrem Gatten um jeden Preis , und da galt es , das Grauen [ WS 5 ] zu überwinden , das sie vor jenem Manne dort empfand , seit sie [ WS 5 ] wußte , worauf sich ihre Macht über ihn gründete ; da galt es [ WS 5 ] einzig diese Macht zu gebrauchen , deren Wirkung sie so oft schon erprobt hatte . „ Ich bin es , Hartmann , “ sagte sie , ein unwillkürliches Beben bemeisternd und anscheinend mit vollkommener Ruhe . „ Ihr Vater [ 286 ] warnte mich soeben den Weg allein fortzusetzen , und doch muß ich vorwärts . “ Erst bei dem Klange ihrer Stimme schien Ulrich zu begreifen , daß es wirklich Eugenie Berkow war , die da vor ihm stand , und nicht blos ein Gebilde seiner erhitzten Phantasie . Er that stürmisch einige Schritte gegen sie ; aber Eugeniens Ton und Blick übten doch noch die alte Gewalt über ihn aus ; es legte sich wie ein Schimmer von Ruhe und Milde über seine Züge . „ Was wollen Sie hier , gnädige Frau ? “ fragte er unruhig ; aber der eben noch so herrisch rauhe Ton war verändert . Er hatte fast einen Anflug von Weichheit . „ Es geht heute schlimm zu bei uns ; das ist nichts für Frauen , am wenigsten für Sie . Sie dürfen hier nicht bleiben . “ „ Ich will zu meinem Manne ! “ sagte Eugenie rasch . „ Zu – Ihrem Manne ? “ wiederholte Ulrich . „ So ? “ Es war das erste Mal , daß die junge Frau diese Bezeichnung gebrauchte ; sie hatte sonst immer nur von Herrn Berkow oder ihrem Gemahl gesprochen , und Ulrich schien zu ahnen , was in diesem einen Worte lag . In der ersten Ueberraschung hatte er wohl nicht daran gedacht , wie sie so plötzlich hierher kam und weshalb es möglicher Weise geschehe ; jetzt warf er einen schnellen Blick auf ihre Reisekleidung und einen zweiten umher , wie um den Wagen oder die Begleitung zu suchen . „ Ich bin allein , “ erklärte Eugenie , die diesen Blick auffing , „ und eben das verbietet mir die Fortsetzung des Weges . Ich fürchte nicht die Gefahren , wohl aber die Beleidigungen , denen ich ausgesetzt sein könnte . Sie haben mir einst Ihren Schutz und Ihre Begleitung angeboten , Hartmann , wo ich dessen nicht bedurfte ; jetzt nehme ich Beides in Anspruch . Führen Sie mich sicher nach dem Hause gegenüber ! Sie können es . “ Der Schichtmeister hatte bisher angstvoll bei Seite gestanden ; er erwartete jeden Augenblick ein Attentat seines Sohnes gegen die Gemahlin des so sehr gehaßten jungen Chefs und war bereit , sich im Nothfalle dazwischen zu werfen . Er konnte die Ruhe und Sicherheit der jungen Frau einem Manne gegenüber nicht begreifen , den sie doch so gut wie alle Welt als den eigentlichen Anstifter des ganzen Aufruhrs kannte ; als sie nun aber gar dies Verlangen an ihn stellte , sich seinem Schutze anvertrauen wollte , da verließ den alten Mann die Fassungskraft ; er schaute förmlich entsetzt auf sie hin . Aber auch Ulrich war furchtbar gereizt durch diese Zumuthung . Der flüchtige Schimmer von Milde und Nachgiebigkeit war bereits wieder verschwunden und der alte herrische Trotz zurückgekommen . „ Ich soll Sie hinüberführen ? “ fragte er mit dumpfer Stimme . „ Und von mir verlangen Sie das , gnädige Frau , von mir ? “ „ Von Ihnen ! “ Eugenie ließ das Auge nicht von seinem Gesichte . Sie wußte , daß darin ihre ganze Macht lag , aber hier schien sie denn doch an der Grenze derselben zu stehen . Ulrich fuhr auf wie ein Rasender . „ Nun und nimmermehr ! Eher lasse ich das Haus stürmen , lasse Alles in Grund und Boden reißen , ehe ich Sie hinüberbringe . Er da drüben soll wohl Muth bekommen zum äußersten Widerstande , wenn er Sie erst an der Seite hat ? Er soll wohl triumphiren , wenn er sieht , daß Sie ganz allein aus der Residenz herreisen und mitten durch die Revolte zu ihm wollen , nur um ihn nicht allein zu lassen ? Aber dazu suchen Sie sich doch einen anderen Führer , und fände sich der andere , “ hier streifte ein drohender Seitenblick den Vater , „ er käme nicht weit mit Ihnen ; dafür sorge ich . “ „ Ulrich , um Gotteswillen bezähme Dich , es ist eine Frau ! “ rief der Schichtmeister , in Todesangst dazwischen tretend . Er sah in dieser Scene natürlich nur den Ausbruch einer schonungslosen Feindseligkeit , die sein Sohn schon lange gegen die ganze Berkow ’ sche Familie genährt , und deshalb stellte er sich wie zum Schutze gegen die junge Frau , die ihn leise , aber entschieden zurückdrängte . “ „ Sie wollen mich also nicht begleiten , Hartmann ? “ „ Nein und zehnmal nein ! “ „ Nun denn , so gehe ich allein ! “ Sie wandte sich nach der Richtung des Parkes hin ; aber mit zwei Schritten hatte Ulrich sie erreicht und stellte sich ihr in den Weg . „ Zurück , gnädige Frau ! Sie kommen nicht durch , sage ich Ihnen , am wenigsten da , wo meine Cameraden sind . Ob Frau oder nicht , das gilt ihnen jetzt gleich . Sie heißen Berkow und das genügt ihnen . Sobald Sie erkannt werden , stürzt sich Alles gegen Sie . Hinüber können Sie jetzt nicht und hinüber sollen Sie auch nicht . Sie bleiben hier ! “ Es war ein drohender Befehl , den er ihr mit den letzten Worten zuschleuderte , aber Eugenie war nicht gewohnt , sich befehlen zu lassen , und die fast wahnsinnige Heftigkeit , mit der er sich bemühte , sie von Arthur fern zu halten , rief eine namenlose Angst in ihr wach , es könne schlimmer um ihn stehen , als man sie errathen ließ . „ Ich will zu meinem Manne ! “ wiederholte sie mit voller Energie . „ Ich will doch sehen , ob man mir mit Gewalt den Weg zu ihm versperrt . Lassen Sie Ihre Cameraden sich an einer Frau vergreifen ! Geben Sie selbst das Zeichen zum Angriff , wenn Sie die Heldenthat auf sich nehmen wollen ! Ich gehe ! “ Und sie ging wirklich ; sie eilte an ihm vorüber und betrat den Wiesenpfad . Hartmann stand da und sah ihr mit glühenden Augen nach , ohne auf die Bitten und Vorstellungen seines Vaters zu hören ; er wußte besser als dieser , was die junge Frau mit diesem Wagniß beabsichtigte , wozu sie ihn damit zwingen wollte , aber er wollte diesmal dem Zwange nicht weichen . Und wenn sie zu Grunde ging an der Schwelle ihres Hauses , im Angesichte ihres Gatten , ehe er sie selbst in die Arme des Gehaßten führte , ehe – da erschien drüben eine Schaar von Bergleuten , die lärmend und tobend ihrem Führer nachzogen . Die Vordersten waren nur noch einige Hundert Schritte weit entfernt ; schon fiel die einzelne Frauengestalt ihnen auf ; in der nächsten Minute mußte sie erkannt werden , und er selbst hatte die Leute noch vor einer halben Stunde bis zur blinden Wuth aufgestachelt gegen Alles , was den Namen Berkow trug . Eugenie ging vorwärts , gerade der Gefahr entgegen , ohne auch nur das Gesicht zu verbergen – wie außer sich stampfte Ulrich mit dem Fuße ; dann auf einmal riß er sich los vom Vater und war im nächsten Augenblick an ihrer Seite . „ Lassen Sie den Schleier herunter ! “ gebot er , und dabei legte sich seine Hand mit eisernem Druck um die ihrige . Eugenie gehorchte tiefaufathmend ; jetzt war sie sicher . Sie wußte , daß er die Hand nicht wieder loslassen werde , und wenn die ganze Knappschaft der Werke jetzt gegen sie anstürmte . Mit vollem Bewußtsein war sie der Gefahr entgegen gegangen , aber auch in der vollen Ueberzeugung , daß nur diese augenscheinliche Gefahr , in die sie sich begab , ihr den versagten Schutz erzwingen konnte . Sie hatte gesiegt , aber es war auch die höchste Zeit gewesen . Sie erreichten jetzt die Schaar , die sofort Miene machte , ihren Führer zu umringen und in die Mitte zu nehmen ; aber ein kurzer , doch mit vollem Nachdruck gegebener Befehl desselben hieß sie Platz machen und wies sie gleichfalls nach den Schachten hinüber . Wie vorhin ihre Cameraden , gehorchten auch sie sofort , und Ulrich , der nicht einen Augenblick Halt gemacht hatte , zog seine Begleiterin mit sich fort , die jetzt erst sah , wie unmöglich es gewesen wäre , hier allein durchzukommen , oder auch nur mit einem anderen Schutze als dem , den sie an der Seite hatte . Die ganzen sonst so stillen Wiesenflächen waren heute der Schauplatz eines wogenden Tumultes , obgleich der eigentliche Streit darüber bei den Schachten stattgefunden hatte . Die Bergleute zogen in hellen Haufen umher oder standen dicht geschaart bei einander – überall wildbewegte Gruppen , überall zornige Gesichter , drohende Geberden , überall Geschrei , Toben und Lärmen . Die wilde Aufregung schien nur nach einem Gegenstande zu suchen , um sich sofort in rohen Gewaltthätigkeiten Luft zu machen . Der Fußweg führte zum Glücke am Rande der Wiese entlang , wo der Tumult verhältnißmäßig schwächer war , aber auch hier war Ulrich , sobald er sich nur zeigte , sofort Gegenstand und Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Aller . Doch in die lärmenden Rufe , mit denen man ihn überall begrüßte , mischte sich diesmal ein eigenthümliches Befremden . Ein Heer von erstaunten , mißtrauischen , argwöhnischen Blicken richtete sich auf die Frauengestalt an seiner Seite . In dem dunklen Reisemantel und hinter dem dichten Schleier erkannte freilich Niemand die Gemahlin des Chefs , und hätte Einer auch den Gang oder die Haltung erkannt , die Vermuthung wäre mit Hohnlachen [ 287 ] zurückgewiesen worden . Es war ja Ulrich Hartmann , der sie schützend führte , und der schützte sicher nichts , was zum Berkow ’ schen Hause gehörte ; aber es war doch immer eine Dame , die da neben ihm ging , neben dem schroffen , wilden Sohne des Schichtmeisters , der sich sonst nie um Frauen kümmerte , nicht einmal um Martha Ewers , um die sich doch jeder Ledige auf den Werken zu kümmern pflegte . Ulrich , der die Frauen seiner eigenen Cameraden bei solchen Gelegenheiten , wie die heutige , als eine überflüssige Last betrachtete und behandelte , die man so viel als möglich abschütteln müsse , er geleitete diese Fremde mit einem Ausdruck im Gesichte , als werde er Jeden niederschlagen , der ihr auch nur einen Schritt zu nahe komme . Wer war das ? und was sollte das heißen ? Der kurze , kaum zehn Minuten dauernde Gang war ein Wagniß selbst für den jungen Führer , aber er zeigte , daß er hier wenigstens noch unumschränkter Herr war und seine Herrschaft zu gebrauchen wußte . Bald sprengte er hier mit einigen gebieterischen Worten eine Gruppe , die ihm im Wege stand , bald warf er dort Befehle oder Anordnungen in einen hervordrängenden Haufen , der diesem sofort eine andere Richtung gab ; dann wieder herrschte er Einzelnen , die ihm mit Fragen oder Berichten nahen wollten , ein „ Später “ oder „ Ich komme wieder “ zu und dabei zog er die junge Frau unaufhaltsam und so schnell mit sich fort , daß bei diesem Vorübereilen jede Entdeckung und jeder Aufenthalt ausgeschlossen wurde . Endlich hatten sie den Park erreicht , der hier an seinem Ausgange nur durch eine hölzerne Gitterthür geschlossen war . Ulrich stieß sie auf und trat mit ihr in den Schutz dieser Bäume . „ Jetzt ist ’ s genug ! “ sagte er , ihre Hand loslassend . „ Der Park ist noch sicher , und in fünf Minuten sind Sie am Hause . Eugenie bebte noch leise von der überstandenen Gefahr und ihre Hand schmerzte noch von dem eisernen Drucke der seinigen ; langsam schlug sie den Schleier zurück . „ Machen Sie nur schnell , gnädige Frau ! “ fuhr der junge Bergmann mit bitterem Hohne fort . „ Ich habe ja redlich dazu mit geholfen , daß Sie Ihren Mann wiedersehen . Sie werden ihn doch nicht warten lassen ? “ Eugenie sah auf zu ihm . Sein Gesicht verrieth , welche Folter sie ihm auferlegt hatte , als sie ihm nur die Wahl ließ , entweder einen Angriff auf sie zu dulden , oder sie selbst ihrem Gatten zuzuführen . Die junge Frau hatte nicht den Muth , zu danken ; sie streckte ihm nur wortlos die Hand hin . Aber Ulrich stieß die Hand fast zurück . „ Sie haben mir viel zugemuthet , gnädige Frau , so viel , daß es um ein Haar mißglückt wäre . Jetzt haben Sie Ihren Willen , aber versuchen Sie es nicht , mich noch einmal so zu zwingen wie heute , am wenigsten wenn Er dabei ist – dann – dann – bei Gott , dann gebe ich Euch Beide preis ! “ – Auf der