Blaue hinein spekuliert und möchte sich nun mit einem tiefen Griffe in meinen Seckel retten ; ich bedanke mich . “ „ Willst Du mir dergleichen nicht lieber drüben aussprechen ? “ fragte der Doktor mit starkem Nachdrucke . „ Wir Beide sind heute noch die Einzigen , die der Mann in seine furchtbare Lage eingeweiht hat ; nicht einmal seine Frau weiß darum – “ „ Nun meinetwegen ; ich werde ja hören , inwiefern er Dich zum Vermittler gemacht hat , glaube aber schwerlich , daß ich ihm auch nur eine Fingerspitze reichen werde . Es ist eine total verlorene Sache , sag ’ ich Dir . “ Er zuckte kalt die Achseln ; den einst wirklich gutherzigen Mann hatten Glück und Geld unempfindlich gemacht – er war völlig unfähig geworden , sich in eine von qualvollen Sorgen hin- und hergepeitschte Menschenseele hineinzudenken . „ Im Uebrigen hast Du am allerwenigsten Ursache , Dich seiner anzunehmen , er hat [ WS 1 ] auch einen Stein aufgehoben , um Dich zu bewerfen . “ „ Soll das wirklich maßgebend für mich sein ? “ fragte Bruck ernst über die Schulter , während er sich anschickte , dem Kommerzienrate in das anstoßende Zimmer voranzugehen . – Der Mann der Wissenschaft erschien in diesem Augenblicke hochherrlich und imponierend neben dem jäh erröthenden Geldmenschen . Die drei Schwestern blieben allein . Flora schellte übelgelaunt nach ihrer Jungfer , damit sie die Geschenke des Kommerzienrates wegräume , und Käthe griff nach ihrem Sonnenschirme . „ Willst Du ins Freie , Käthe ? “ fragte Henriette , die sich wieder in ihren Schaukelstuhl gekauert hatte . „ Es ist heute Arbeitsstunde bei der Tante Diakonus ; ich habe mich schon verspätet und muß eilen – “ das junge Mädchen verstummte unwillkürlich ; Schwester Flora warf einen Karton mit Blumen so heftig in die Korbwanne , welche die Kammerjungfer herbeigeholt hatte , daß ein ganzer Regen zarter , weißer Blüthenglocken über die Stoffe hinflog . „ Wie mich dieses Tun und Treiben anekelt , kann ich gar nicht sagen , “ rief sie ergrimmt . „ Diese Tante , dieses personificierte Pflichtgefühl , hat meinte heutige Einladung zum Kaffee abgelehnt , weil die kleinen Damen aus unserem verrufensten Stadtviertel beileibe nicht unverrichteter Dinge fortgeschickt werden dürfen , und Fräulein Käthe beeilt sich selbstverständlich aus demselben Grunde , zu der Farce eine ernsthafte Miene voll Pflicht und Tugend zu machen . “ Sie biß sich auf die Lippen und wartete , bis sich die Jungfer entfernt hatte , dann aber erfaßte sie Käthe , die eben schweigend das Zimmer verlassen wollte , am Arm und hielt sie zurück . „ Nur einen Augenblick Geduld ! Ich muß Dir sagen , daß Du mich durch Dein Gebahren in eine Rolle drängst , die ich auf die Dauer unmöglich durchführen kann – bis zum September ist eine lange Zeit . Was liegt näher , als daß die Tante von der Braut ihres Neffen dieselbe heroische Selbstüberwindung verlangt , wie sie das Muster von Schwester an den Tag legt ? – Ich soll die ungewaschenen Kinderfinger zwischen die meinen nehmen und lammgeduldig Masche um Masche von den Nadeln heben , bis solch ein vernagelter Taglöhnerkopf die Manipulation des Strickens begriffen hat . Ich soll nöthigenfalls schmutzige Gesichter waschen , wirre Zöpfe strählen und stundenlang mit den unappetitlichen Menschenkindern Ringelreihe spielen – ich hab ’ s versucht – brr ! Und wenn ich darauf hin mein Mitwirken unterlasse , da geschieht es , daß ich durch die Ohrenbläsereien der guten Tante in Bruck ’ s Augen zu einem wahren Ungeheuer gestempelt werde , das – unweiblich und herzlos – die süße Kinderwelt nicht liebt . Aus diesem Grunde verbiete ich Dir nochmals , ein- für allemal diese Art Verkehr im Hause meines Bräutigams , kraft meines guten Rechtes – hörst Du ? “ „ Ich höre , werde aber nichts destoweniger tun , was mir mein eigenes Gewissen nicht verbietet , “ versetzte Käthe fest und ruhig und schob mit einer energischen Geberde die Hand der Schwester von ihrem Arm . „ Deinem guten Recht , das Du übrigens selbst mißachtet und in meiner Gegenwart als überlästig ausgeboten hast – “ „ Ja wohl , ja wohl ! “ rief Henriette dazwischen – sie stand plötzlich neben Käthe , und ihre Augen funkelten in unversöhnlichem Haß die übermüthige Schwester an . „ Also diesem Recht trete ich in keiner Weise nahe , dessen bin ich mir bewußt , “ fuhr Käthe fort . „ Schlimm aber steht es um Dich , wenn Du in jeder menschenwürdigen Handlung Anderer ein feindliches Element siehst , das Deine Stellung gefährdet – “ „ Gefährdet ? “ wiederholte Flora unter spöttischem Gelächter die Hände zusammenschlagend . „ Liebste , weiseste aller Moralpredigerinnen , das ist ein kleiner Irrtum . Eine Liebesleidenschaft , die sich das Alles bieten läßt , was ich mit gutem Vorbedacht als Feuerprobe über Bruck verhängt hatte , kann durch nichts mehr auf Erden gefährdet werden . “ „ Traurig genug ! “ murmelte Henriette mit heiserer , fast erstickter Stimme und zornig geballten Händen . „ Ich muß mir immer wieder Bruck ’ s männliche Festigkeit in seinem ganzen sonstigen Verhalten und Auftreten ins Gedächtniß zurückrufen , um ihn nicht als – Schwächling zu verurtheilen . “ „ Es handelt sich eben nur um die Spanne Brautzeit bis zum September , “ fuhr Flora fort , Henriettens Einwurf mit spöttischem Achselzucken einfach übergehend , „ und es ist nichts anderes , als ein höfliches Zugeständniß meinerseits , der Alten gegenüber ; ich wünsche mich mit ihr zu vertragen . In L … .. g ändert sich freilich Alles ; da fallen dergleichen Rücksichten von selbst weg , und was Bruck betrifft , so wird er in den ersten Wochen unserer Ehe einsehen , daß eine Frau , wie sie die Tante für ihn wünscht , nicht nur eine beschämende Last , sondern geradezu eine Unmöglichkeit für ihn sein würde . Dann erst kann er meinen Werth vollkommen erkennen , wenn der Salonverkehr seines Hauses , dem ich präsidiere , den rechten Lüstre über seine hervorragende Stellung wirft ; wenn er mich stets in gewohnter Eleganz und Sicherheit auf meinem Posten findet , ohne daß mein Fernhalten von Hauswesen und Kinderstube pekuniäre Opfer seinerseits fordert . Ich habe bereits Alles berechnet ; nach Abzug meiner Toiletten- und Nadelgelder bleibt wir von meinen Revenüen so viel übrig , daß ich den Gehalt einer perfecten Köchin , der Wirthschaftsmamsell , der Kinderfrau und der Gouvernante aus meiner eigenen Tasche bezahlen kann . “ Sie sah bei den letzten Worten auf ihre glänzenden , rosenfarbenen Nägel , dann wandte sie mit einer langsamen stolzen Bewegung den Kopf seitwärts – der deckenhohe Spiegel warf ihre Gestalt zurück , diese blendende Erscheinung , bei deren Anblick man sich allerdings unmöglich denken konnte , daß sie je in trauter Häuslichkeit einen kleinen Liebling auf den Knieen wiegen , am Krankenbettchen Märchen erzählen und in der Kinderstube das sein werde , was die treue Mutter sein soll , das tröstende Licht , das keine Nacht aufkommen läßt , die höchste Instanz , die mit einem Kusse jeden Streit schlichtet , die unermüdlich stützende Hand , an der das Kind geistig und physisch laufen lernt . Und ihr Blick irrte wie schönheitstrunken weiter und blieb vergleichend an dem weißgekleideten Mädchen hängen , hinter welchem die blausammtene Portière niederfiel . Von diesem Grunde hoben sich die jugendlich schwellenden Glieder , die unvergleichliche Schönheit der Gesichtsfarben unter der dicken Flechtenkrone , die im reinsten Perlmutterweiß schwimmenden dunklen Augensterne herrlich ab , und wenn die schöne Flora in ihrem Gesammtausdrucke das wissende Weib repräsentierte , das bereits tief in das Leben geschaut hat , so stand da neben ihr ein jungfräulich keuscher Schwan in naiver Unschuld und fleckenloser Seelenreinheit . Vielleicht mißfiel ihr das . Sie lächelte das Spiegelbild spöttisch an und nickte hinüber . „ Ja , ja , meine Kleine , so veilchenhaft bescheiden wirst Du nicht immer bleiben , und die häuslichen Bestrebungen , zu denen Dich die Lukas in so unvernünftig übertriebener Weise erzogen , sind bei Dir ebenso wenig am Platze , wie bei meiner künftigen Lebensstellung . Moritz wird Dir nie das unharmonische Geklingel mit dem wirthschaftlichen Schlüsselbunde gestatten – darauf verlasse Dich , und wenn er Dir galanter Weise sogar zehnmal einen Geflügelhof in Aussicht stellt ! Gerade er mit seinem neugebackenen Adel wird in Bezug auf die etiquettengemäß weißen , geschonten Hände seiner Frau penible sein , wie kaum unser Allerdurchlauchtigster . “ Käthe war längst erröthend aus dem Bereiche des Spiegels getreten . „ Das mag Moritz halten , wie er will . Was geht das mich an ? “ fragte sie in halbgewendeter Stellung , aber die Augen groß und verwundert auf das Gesicht der Schwester richtend . „ Aber ich bitte Dich , Flora , wie kannst Du so tactlos sein . Moritz in so unumwundener Weise vorzugreifen ? “ rief Henriette erschreckt ; sie fixierte mit einem besorgten , verlegenen Seitenblick Käthe ’ s Gesichtsausdruck . „ Ach was , er kann mir nur dankbar sein , wenn ich ihm den Weg ein wenig glatt und eben mache . Und glaubst Du denn , ich spräche da etwas aus , das Käthe nicht selbst längst wüßte ? Es giebt kein Mädchen über fünfzehn Jahre , das nicht mit den Fühlfäden des Sehnens und Wünschens unausgesetzt sondierte und sofort wie durch einen elektrischen Schlag fühlte , wenn ein Männerherz sich ihm zuneigt . Die das nicht zugeben , sind entweder zu dumm oder raffinierte Koquetten . “ Sie maß wieder ihr Spiegelbild vom Kopfe bis zu den Fußspitzen und zog die Löckchen tiefer in die Stirn . „ Wer vorhin Augen gehabt hat , zu sehen , wie unsere Kleine sich vertrauensvoll und hingebend anzuschmiegen weiß , der kann nicht mehr fehlgehen – gelt , Käthe , Du verstehst mich ? “ Jetzt lächelte sie mit frivol blinzelnden Augen unter dem hochgehobenen Arme weg die junge Schwester an . „ Nein , ich verstehe Dich nicht , “ versetzte das Mädchen mit stockendem Athem ; ein undefinirbares Gemisch von heftigem Widerwillen und böser Vorahnung stieg in ihr auf und machte sie ängstlich . „ Komm , Käthe , wir wollen gehen , “ sagte Henriette undschlang ihren Arm um die Hüften der großen , schlanken Schwester , um sie nach der Thür zu ziehen . „ Ich leide ein solch indiscretes Verhör nicht , “ setzte sie , zornig mit dem Fuße stampfend , hinzu . „ Bah , echauffiere Dich nicht , Henriette ! “ lachte Flora . Sie reichte Käthe das Etui mit dem Geschmeide hin . „ Hier , Kleine , Du wirst doch die Steine nicht in dem offenen Salon liegen lassen , wo die Dienerschaft aus- und eingeht ? “ Käthe legte unwillkürlich und naiv wie ein Kind die Rechte , in welche der Schmuck gedrückt werden sollte , auf den Rücken . „ Mag doch Moritz sie wieder an sich nehmen , “ sagte sie kurz und bestimmt . „ Deine Großmama hat darin ganz Recht – es ist ein unpassendes Geschenk ; an meinen Hals gehört ein solcher Schmuck nicht . “ „ Und an diese gutgespielte Unbefangenheit soll ich glauben ? “ rief Flora ärgerlich und wie gelangweilt . „ Geh ’ ! Einem so großen , vierschrötigen Mädchen steht die kindische Ziererei nun einmal nicht an . Da liegt er noch , der Spitzenshawl , den Moritz der Großmama mitgebracht hat – sie verschmäht ihn ; sie ist empfindlicher als Deine Schwestern , die es selbstverständlich finden , daß Dein Geschenk Alles , was er hier für uns ausgebreitet hat , an innerem Werthe mindestens vierfach aufwiegt – und über das Warum dieser Auszeichnung wolltest Du allein im Unklaren sein ? Mache Dich nicht lächerlich ! Hörst Tag für Tag das Hantieren drüben im Pavillon – Alle im Hause , bis auf die aus- und eingehenden Handwerker hinab , wissen , daß die Wohnung für die Großmama hergerichtet wird , damit die junge Frau Kommerzienräthin in diese brillanten Räume einziehen kann – nun , kleine Unschuld , soll ich noch deutlicher werden ? “ Bis dahin hatte das junge Mädchen regungslos gestanden und mit zurückgehaltenem Athem und aufdämmerndem Verständniß die Redewendungen der Schwester so erschreckten Auges verfolgt , als sehe sie eine buntschillernde , gefährliche Schlange allmählich sich entringeln . Nun aber irrte ein stolzes Lächeln um ihre blaßgewordenen Lippen . „ Bemühe Dich nicht – ich habe Dich endlich verstanden , “ sagte sie bitter – dem Metallklang ihrer Stimme hörte man den inneren Schrecken an – „ Du hast es weit klüger angefangen , als Deine Großmama , mir den ferneren Aufenthalt in diesem Hause unmöglich zu machen . “ „ Käthe ! “ schrie Henriette auf . „ Nein , darin irrst Du . Flora ist wie immer entsetzlich rücksichtslos gewesen , aber böse gemeint waren ihre Anspielungen sicher nicht . “ Sie schmiegte sich eng an die Schwester an und sah ihr zärtlich in das Gesicht . „ Und wenn auch , weshalb sollten Dich denn derartige Neckereien aus dem Hause treiben , Käthe ? “ fragte sie halb ängstlich und zögernd in schmeichelndem Flüstertone . „ Bist Du wirklich so ahnungslos der Liebe gegenüber geblieben , die Dir so unzweideutig gezeigt wird ? Sieh , ich habe jetzt oft den heißen Wunsch zu sterben , wenn es aber wahr würde , daß Du als Herrin hier , in unserem väterlichen Heim , einzögest , dann – “ Käthe wand sich ungestüm aus den zarten Armen , die sie umstrickten . „ Niemals ! “ rief sie , den Kopf heftig schüttelnd , zornig , erbittert , wie es nur ein stolzes , plötzlich in allen seinen Tiefen unsanft und schonungslos aufgerütteltes Mädchengemüth sein kann . „ So – also niemals ? “ wiederholte Flora sarkastisch . „ Vielleicht ist Dir die Partie nicht vornehm genug – wie ? Wartest wohl auf irgend einen verschuldeten Grafen oder Prinzen , der moderner Weise nicht das Dornröschen selbst , sondern ihre Geldsäcke aus dem Zauberbanne erlöst ? Ei nun , die Jetztzeit ist ja nicht arm an solchen Ehen ! Wie aber die unglückliche Mitgabe , die Frau , dabei fährt , weiß man auch . … Willst Du immer wieder hören , daß Dein Großvater hinter den Müllerpferden hergegangen und Deine Großmutter barfuß gelaufen ist , dann heirathe nur in eine solche adelsstolze Familie ! Uebrigens möchte ich wirklich wissen , was Du an Moritz auszusetzen hast , oder vielmehr , was Dich berechtigt , seine Hand zurückzuweisen . Du bist allerdings sehr reich , aber was es für einen bedenklichen Haken dabei hat , wissen wir . Du hast viel Jugendfrische , allein schön bist Du nicht , meine Kleine , und was Dein Talent betrifft , mit welchem Du allerdings in günstigen Momenten zu brillieren verstehst , so ist das ein von ehrgeizigen Lehrern künstlich angefachtes Geistesfünkchen , das sehr schnell wieder erlöschen wird , sobald das fette Honorar aufhört . “ „ Flora ! “ unterbrach sie Henriette empört . „ Schweig ’ ! Ich rede jetzt in Deinem Interesse , “ sagte Flora , mit einer kräftigen Handbewegung die schwache Gestalt der Kranken bei Seite schiebend . „ Oder möchtest Du Moritz leidenschaftlicher verliebt in Dich sehen , als er sich giebt , Käthe ? Liebes Kind , er ist ein gereifter Mann , der über das Heldenspielen in einem Backfischroman längst hinaus ist . Es fragt sich überhaupt , ob Du je um Deiner selbst willen gewählt wirst – bei solchen kleinen Millionärinnen kann man das nie wissen . … Ich begreife Dich nicht . Du hast Dich bis zu diesem Augenblicke auf die Krankenpflegerin kapriziert , wie kaum eine aussichtslose alte Jungfer , weil – es eigentlich von keiner Seite gewünscht wurde , und nun , da Henriette ihre ganze fernere Existenz an Dein Bleiben im Hause knüpft , willst Du gehen ? Ich für meine Person würde auch ruhiger in der Ferne sein , wenn ich unsere Schwester unter Deinen pflegenden Händen wüßte , und was Bruck anbelangt – nun , Du hast Dich allerdings eben wieder überzeugen müssen , wie wenig sympathisch Du ihm bist , armes Kind ; er will lieber den ungezogenen Schreihals , den Job Brandau , in seinen vier Wänden dulden , als Dein häusliches Schalten und Walten , aber ich weiß trotz alledem gewiß , daß er seine Patientin , die er schließlich doch hier ihrem Schicksale überlassen muß , Dir am liebsten übergiebt , an der sie mit Liebe hängt . “ Henriette lehnte mit kreideweißen Wangen an der Wand – sie war keines Wortes fähig , so tief erbitterten sie die unbeschreibliche Nonchalance , der beispiellose Uebermut , mit welchem Flora Alles , was die Schwesterherzen demüthigen mußte , an das Licht zerrte . Käthe jedoch hatte ihre äußere Fassung vollkommen wiedergewonnen . „ Darüber werden wir Zwei uns allein verständigen , Henriette , “ sagte sie ganz ruhig , aber die Lippen , welche die Stirn der Kranken küssend berührten , die Finger , die sich mit innigem Druck um ihre Hand legten , waren kalt wie Eis . „ Du gehst doch wohl jetzt hinauf in Dein Zimmer ; “ sie sah nach ihrer Uhr , „ es ist Zeit , daß Du Deine Tropfen nimmst . Ich komme bald zurück . “ Sie ging hinaus , ohne noch einen Blick auf Flora zu werfen . „ Eingebildetes Ding ! Ich glaube gar , sie nimmt es auch noch übel , daß man sie nicht für die erste Schönheit erklärt und daß nicht auch Männer wie Bruck an ihrem Siegeswagen ziehen , “ sagte die schöne Dame mit sarkastisch zuckenden Mundwinkeln , und während Henriette schweigend ihr Geschenk und die Kapsel mit dem Rubinschmucke forttrug , schritt sie , eine Melodie trällernd , nach dem Zimmer , in welches sich die beiden Herren zurückgezogen , und klopfte ungeniert mit dem Finger an , weil es , wie sie durch die Thürspalte hinüberrief , sehr ungalant sei , „ das Geburtstagskind “ heute allein zu lassen . 20. Käthe wanderte lange ziellos durch den Park , durch alle Laubgänge und Alleen in die entlegensten Partien hinein . So aufgeregt , wie sie war , mochte sie der Tante Diakonus nicht unter die Augen treten ; sie wußte , die alte Frau würde theilnahmvoll fragen , und dann mußte sie beichten , und wahrscheinlicherweise gehörte die alte Freundin auch zu Denen , die ihre Verbindung mit dem Kommerzienrat wünschten – sie machten ja in dem Punkte Alle Front gegen sie , Flora , Henriette , der Doktor . Egoisten waren sie Alle , das wußte sie nun . Aber sie ließ sich nicht in den glänzenden Käfig sperren ; sie flog ihnen davon . Das dachte sie bitter , mit finsterem Trotze und blieb einen Augenblick mit müden Füßen vor der Ruine stehen , bis wohin sie sich verirrt hatte . Die Sonne stand schon tief – es war Abendsonnenlicht , das die Lüfte , den dunklen Tannenwald im Hintergrunde und den flutenden Wasserring um die Ruine von zwei Seiten her mit Purpur- und Goldtinten glühend tränkte und färbte . Wie ein Gebild aus schwarzem Marmor hob sich die Hügelform mit dem Turme von dem glitzernden Grunde , und die vollblätterige Nußbaumgruppe stand vor ihr wie eine vielzackige dunkle Silhouette , durch deren Geäst nur da und dort die Farbengluten tropften . Mit einem feindseligen Blick starrte das junge Mädchen über das Wasser hinüber . Dort oben , wo die schwere , dunkelrote Seidengardine hinter der mächtigen Spiegelscheibe wie ein unheimlicher Blutstrom niederrollte , stand der vielberufene Geldschrank.Bis dahin hatte sie ihn gefürchtet ; heute haßte sie diese vier engen eisernen Wände , die ihr Ich , ihr warmschlagendes Herz aus dem Dasein löschten und sich selbst an die Stelle eines jungen Mädchens mit idealen Hoffnungen und Wünschen und tiefer Sehnsucht nach wahrem , stillem Lebensglück drängten . Wer auch kam und um ihre Hand freite , er liebäugelte mit dem eisernen Ungethüm , das sich an ihre Fersen heftete ; jeder Blick , der begehrend auf sie fiel , galt der Millionärin , jeder warme Händedruck dem Papiergespenst , „ das immer neue Summen aus der Welt an sich zog . “ Und das bedachte der Herr Kommerzienrat von Römer auch – der reiche Mann wollte noch reicher werden . Wahrlich , heimtückischer war das Nagen des Wurmes auch nicht , das allmählich von innen eine köstliche Frucht verzehrte , als dieser ewig bohrende , das Selbstgefühl vernichtende Gedanke , den Flora boshaft lachend in die Seele der jungen Schwester geschleudert . Und dort unten , an der Basis des Turmes gähnte die dunkle Kellerluke , wo die kostbaren Weine des reichen Mannes feurig gegen die einzwängenden Faßdauben und Flaschen pochten . Der Kommerzienrat hatte erst kürzlich wieder die Präsidentin und seine drei Schwägerinnen hinuntergeführt . Die Eisenbahn hatte wieder einmal zahllose Fässer und Körbe herangerollt , und sie alle fanden Platz in den mächtigen Gewölben , die ihre Steinbögen weit und tief in den Leib des Hügels hineintrieben . Es wehte eine herrlich kühle , reine und trockene Luft da unten ; die Steinfließen des Fußbodens blinkten wie poliert ; kein Staubkörnchen , nicht das dünnste Spinnwebfädchen hing an den Steinrippen , die sich oben zur Kuppel kreuzten , und das Kellergeräth , das Trinkgeschirr , die grünen Römer , die Champagnergläser , Alles funkelte und gleißte ; man sah , daß hier dienende Hände ohne Unterlaß fegten und spülten , strenger und peinlicher als im glänzenden Salon . Und da , wo die edelsten Sorten , Faß an Faß , lagerten , wo nur ein schwacher Schein des Tageslichtes hoch oben an der Gewölbdecke dämmerte , da standen auch in der dunkelsten Ecke die zwei Tonnen mit dem historischen Schießpulver , so frisch und unversehrt , daß Käthe neulich lachend gemeint hatte , die ehrwürdigen Reliquien würden wahrscheinlich von Zeit zu Zeit erneuert , wie der berühmte Tintenfleck auf der Wartburg . Diese Ecke aber war und blieb ihr unheimlich ; sie begriff nicht , wie der reiche Mann sie Tag und Nacht unter seinen Füßen dulden konnte ; und wenn sie sich auch nur die gespenstige Ahnfrau der Baumgarten mit umherleuchtender Fackel hin- und herirrend dachte , dann sträubte sich ihr das Haar . Ihr Blick stieg an den geschwärzten Quadern empor – ein einziger Funke , der von dem Kellerlicht wegsprang – und das alte wie für die Ewigkeit gekittete Turmgefüge barst auseinander , und Alles , was Menschenhände an Schätzen in dem Mauerviereck gierig zusammengerafft , es stürmte , in Atome zerstückelt , gen Himmel . Auch die eisernen Wände zersprangen , und die Papiere , an denen der Fluch der Bedürftigen hing , zerstoben und zerflatterten nach allen Winden . Dem jungen Mädchen graute vor der eigenen Seele , durch die der Gedanke huschte , es möchte so sein , auf daß ihr Ich erlöst werde von der goldenen Maske , nach der die Gelddurstigen strebten . Entsetzt vor dem Bilde der Zerstörung , das die eigene Phantasie heraufbeschworen , hatte sie die Augen bedeckt , und nun ließ sie die Hände sinken und sah tiefaufatmend in die blaugoldigen Lüfte , in welchen , hoch über dem Turme , Henriettens Taubenschaaren kreisten , und dort vor dem Fenster des scheinbar schiefhängenden Mauerstückes , das auf seinem Rücken den letzten herrlichen Kolonnadenrest trug , hing der Amselbauer des dort hausenden Dieners . Rosmarin und Goldlack standen auf dem Sims , und darüber her fiel eine Gardine maiengrüner und maienduftender Hopfenranken . Das Vögelchen sang aus allen Kräften in das Gelärm der flügelklatschenden Tauben hinein , und den grasigen Abhang herab waren geräuschlos die Rehe gekommen und äugten über das Wasser hinweg nach dem großen schlanken Menschenkind , das eben so häßlich , so verzweiflungsvoll geträumt hatte . Die Rehe und die Tauben kannten sehr gut das junge Mädchen , das stets in den Taschen Brod und Körner mitbrachte , aber heute hatte sie nur ein stummes Abschiedwinken mit der Hand für sie , ob auch das Taubenvolk sich jetzt auf den Rasen niederstürzte und seine Kecksten rekognoscierend und bettelnd auf die Brücke vorausschickte . Käthe ging weiter am Flußufer hin , und bald mischte sich ferner Kinderjubel mit dem Rauschen des Wassers . Die kleinen Schülerinnen der Tante Diakonus spielten noch im Garten , und trotz der tiefen Niedergeschlagenheit , trotz der Seelenschmerzen , deren Wesen und Ursprung sie zum Theil nicht einmal begriff , weckten diese Laute ein warmes Freudengefühl in Käthe . Ach nein , die kleinen Geschöpfe da drüben mit den unschuldigen Augen und den jungen fröhlichen Herzen sahen nicht die Millionärin in ihr ; sie wußten noch nichts von dem eisernen Geldschranke ; sie nahmen unbefangen und dankbar das gereichte Vesperbrod und fragten nicht , wer es bezahlt habe . In den jungen Seelen lebte sie als die Tante Käthe , um deren Liebesbeweise man sich stritt und zankte , welcher man sehnsüchtig entgegenlief und in deren Ohr das ängstliche Bekenntniß kleiner Vergehen oder die weinende Klage über ein erlittenes Unrecht vertrauensvoll geflüstert wurden . Nein , dort wurde sie geliebt , aufrichtig geliebt um ihrer selbst willen . Sie verdoppelte ihre Schritte ; je näher sie dem Hause kam , desto mehr wurde ihr zu Sinne , als kehre sie heim aus der Irre . Dort trat die Magd zwischen den zwei gewaltigen Pappeln hervor , die zu beiden Seiten der Brücke standen , und wanderte , den Henkelkorb am Arme , nach der Stadt , um die Abendeinkäufe zu machen – das war auch eine treue Seele , die nicht um des Geldes willen an der Herrschaft hing ; ihr gutmüthiges , offenes Gesicht gehörte so recht in das gemüthliche Heimwesen am Flusse . Von den Kindern war nichts zu sehen , als Käthe über die Brücke kam – sie spielten hinter dem Hause ; dafür machte sich der Haushahn um so breiter auf dem Rasenplatze ; er schlug mit den farbenglänzenden Flügeln und krähte , daß es weit über das Feld hingellte ; die Hühner unterbrachen ihr Scharren und schielten mit schiefgehaltenem Kopfe nach der Mädchenhand , die ihnen oft Futter hinstreute , und der Hofhund begnügte sich mit einem begrüßenden Schwanzwedeln . Er war jetzt gut Freund mit Käthe , bellte sie nie an und hatte sich mit der Zeit so viel Bildung angeeignet , die gelbe Henne nunmehr auch unangefochten vor seiner Nase hinspazieren zu lassen . Die Hausthür stand weit offen , und die Magd war ausgegangen ; mithin befand sich die Tante im Hause . Käthe stieg eben die Stufen seitwärts hinauf , als sie im Flure den Doktor sprechen hörte . Wie festgewurzelt blieb sie stehen . „ Nein , Tante , der Lärm belästigt mich . Meine Kopfnerven machen mir augenblicklich zu schaffen , “ sagte er . „ Wenn ich mich für Momente in den grünen Winkel hier flüchte , so will ich ausruhen ; ich brauche Ruhe , Ruhe . “ – War er es wirklich , der gelassene Mann , in dessen Stimme so viel nervöse Ungeduld , so viel zitternde Pein mitsprach ? „ Es ist ein Opfer , das ich von Dir verlange , Tante , ich weiß es , aber trotz alledem bitte ich Dich dringend , diese Unterrichtsstunden für die wenigen Monate , die ich noch hier sein werde , auszusetzen . Für diese Zeit will ich herzlich gern ein Zimmer in der Stadt miethen und eine Lehrerin bezahlen , damit Deinen Schülerinnen kein Nachtheil erwächst – “ „ Um Gott , Leo , Du brauchst ja nur zu wünschen , “ unterbrach ihn die Tante erschrocken . „ Wie konnte ich denn ahnen , daß Dir dieser Verkehr plötzlich so unangenehm ist ? Nicht ein Laut mehr soll Dich stören – dafür lasse mich sorgen ! Mich dauert nur Eines dabei – Käthe – “ „ Immer dieses Mädchen ! “ brauste der Doktor auf , als verliere er bei dieser leisen Klage den letzten Rest von Geduld und Selbstbeherrschung . „ An mich denkst Du nicht . “ „ Aber ich bitte Dich , Leo , was ficht Dich an ? Ich glaube gar , Du bist eifersüchtig auf die Liebe und Zuneigung Deiner alten Tante , “ rief die alte Frau erstaunt und ungläubig lachend . Er schwieg ; das junge Mädchen draußen hörte , wie er einige Schritte nach der Hausthür machte . „ Meine arme Käthe ! Es ist völlig undenkbar , daß ihr geräuschlos wohltuendes Walten , ihre ganze Erscheinung irgend einem Menschen auf Gottes Erde unangenehm sein könnte , “ sagte die Tante , leisen Trittes ihm nachgehend . „ Ich habe noch kein Mädchen gesehen , das so prächtig Kindesunschuld und Frauenwürde , Verstandesschärfe und Innigkeit des Gemüthes in sich vereinte . Das zieht mich unwiderstehlich zu ihr hin , und ch meine , so ungerecht dürfte auch mein Leo nicht sein , daß er neben seiner vergötterten Braut kein anderes weibliches Wesen gelten ließe . “ Käthe schrak zusammen – der Doktor brach in ein sardonisches Gelächter aus , so laut und erschütternd , daß sie sich davor entsetzte . Unwillkürlich hob sie den Fuß zur Flucht – nein , sie blieb . Das spöttische Lachen galt ihr – sie wollte wissen , wie der Doktor die gute Meinung der Tante , die ihr allerdings die Glut der Beschämung in die Wangen trieb , widerlegen werde . „ Du bist sonst eine so kluge , klarsehende Frau , Tante , aber hier läßt Dich Dein Scharfblick kläglich im Stich , “ sagte er , das Lachen in jäher , unheimlicher Weise abbrechend . „ Immerhin ! Ich werde selbstverständlich Deine Ansichten nicht anfechten – wer vermag sich denn