ist von dem Raubvogel , der über meinem schlanken Reh kreist . « Die Dienerschaft , die ihm wenige Minuten darauf in den Gängen des Schlosses begegnete , ahnte nicht , daß auf seinen streng geschlossenen Lippen die Verlobungsküsse fortbrannten , und daß eben die bemitleidete zweite Frau zur Herrscherin über » alles was sein « geworden war ... Und als der Hofprediger eine halbe Stunde später trotz Sturmestoben und Regen das Schloß umkreiste , da sah er Mainaus Schatten im hellerleuchteten Arbeitszimmer auf und ab wandeln , und drunten im Salon saß die junge Frau am Schreibtische – diese zwei Menschen hatten also nicht das Bedürfnis nach gegenseitigem Aussprechen gehabt – der Herr Hofprediger , der wie ein scheues , aber beharrlich lauerndes Raubtier mit heißem Blicke immer wieder das rotgoldene Haargewoge hinter dem leichtklaffenden Fensterladen suchte , er behielt das Heft in der Hand . 22. Der Sturm , der sich gestern im Verlaufe des Abends zum Orkan gesteigert , hatte bis nach Mitternacht fortgetobt . Von den Schloßleuten waren nur wenige zu Bett gegangen . Man hatte selbst den schweren Mosaikdächern des Schlosses nicht getraut und gefürchtet , der heulende Wüterich werde sie herabstoßen – kein Wunder , daß da das schwache Bambusdach des indischen Hauses in Stücke zerpflückt worden war . Nun breitete sich der Morgenhimmel so schuldlos klar und glänzend über die gemißhandelte Erde , und die zerzausten Bäume standen beruhigt und kerzengerade ; sie verschmerzten die entrissenen Aeste , die abgeschüttelten , alten , weithin verstreuten Vogelnester , die sie treulich geschirmt , und ließen versöhnend ihre Blätter mit dem schmeichelnden Windhauche spielen , zu welchem sich der Unhold gesänftigt hatte ... In der Schloßküche aber standen die Leute zusammen und erzählten sich , die Löhn sähe aus wie ein Gespenst – selbst diesem derben Weibe , das sich doch durch nichts in der Welt aus der Fassung bringen ließe , sei der Spuk zu toll geworden ; sie habe die Nacht hindurch in dem indischen Hause gewacht , da sei ihr das Dach buchstäblich über dem Kopfe weggerissen worden ; die Sterne am Himmel hätten durch große Löcher in der Zimmerdecke hereingesehen , und das sei bis zum anbrechenden Morgen die einzige Beleuchtung gewesen , denn der Sturm habe keine Lichtflamme aufkommen lassen . Und nun könne man den angerichteten Schaden nicht einmal ausbessern , denn das gäbe Lärm , und – die Inderin läge ja im Sterben ... Die Strenggläubigen des Hauses meinten , da brauche man sich freilich über das unerhörte Toben und Stürmen nicht mehr zu verwundern – wenn solch eine ungetaufte Seele » geholt « werde , da gebe es immer Kampf . Liane hatte auch bis gegen Morgen gewacht . Der Sturm hätte sie wohl schlafen lassen , aber durch ihre Seele war es wie ein Fieber gegangen – es war doch eine nicht zu beschreibende Glückseligkeit , sich so geliebt zu wissen ... Wie schnell hatte sie den kleinen Koffer wieder ausgepackt und jeden Gegenstand an seinen Platz zurückgelegt , den er fortan behaupten sollte , wie die zweite Frau den ihrigen am Herzen des teuren Mannes ! Ebenso waren die beiden Schlüssel eiligst ihrer Haft entlassen und das an Mainau adressierte Kouvert verbrannt worden – es sollte niemand mehr auch nur ahnen , daß sie bereits auf der Flucht gewesen ... Dann hatte sie an Ulrike geschrieben , mit fliegender Feder alle Stadien ihrer Leiden und Anfechtungen durchlaufend , bis – zum glückseligen Ausgange . Der darauffolgende Schlaf in den Morgenstunden hatte sie unbeschreiblich erquickt , und als die Jungfer die Vorhänge auseinanderschlug und die Fensterflügel öffnete , da meinte die junge Frau , der Himmel habe noch nie in solch kristallenem Blau über ihrem Leben gestanden , die Morgenluft nie so balsamisch ihr Gesicht umschmeichelt , selbst nicht in Rudisdorf , wo sie die frühen Tagesstunden stets allein mit den teuren Geschwistern verbracht hatte ... Mit Vorbedacht legte sie ein veilchenfarbenes Kleid an , von welchem Ulrike gesagt , daß es ihr gut stehe – o , sie war kokett geworden . Sie wollte Mainau gefallen . Wie gewöhnlich Leo an der Hand führend , trat sie in den Frühstückssaal . Sie wußte , daß ihr gehässige Demütigungen von seiten des Hofmarschalls bevorstanden , denn sie hatte ihm gestern verachtend den Rücken gewendet , und nun kam sie , ihm seine Morgenschokolade zu kredenzen . Es galt , die Zähen zusammenzubeißen und einen gewissen stoischen Mut herauszukehren ... Wie der Hofprediger gestern Abend im Schlafzimmer des alten Herrn die Karten gemischt , um sich selbst aus der Affaire zu ziehen , das war ihr freilich dunkel . Hanna hatte ihr in der neunten Stunde Leo gebracht – er war ja bis dahin auch im Schlafzimmer des Großpapa gewesen ; aber aus allem , was er plauderte , mußte sie schließen , daß es keineswegs laut und leidenschaftlich zwischen den beiden Herren zugegangen war ; ja , sie hatten sogar Schach gespielt . Beim Eintritte in den Saal mußte sie an den ersten Morgen denken , den sie in Schönwerth verlebt . Der Hofmarschall saß am Kaminfeuer , und Frau Löhn , die allem Anscheine nach eben erst eingetreten , stand einige Schritte von ihm entfernt . Ohne die ungeschlachte Verbeugung der Beschließerin zu beachten , stemmte er beide Hände auf die Armlehnen seines Stuhles , und den Oberkörper ein wenig emporhebend , bog er sich blinzelnd vor , als traue er seinen Augen nicht . » Ei , da sind Sie ja , meine Gnädigste ! « rief er . » Dachte ich mir doch gleich , als Sie uns gestern Abend so – so brüsk verließen und Ihren längst beabsichtigten Besuch in der Heimat zu einer so ungewöhnlichen Zeit antreten wollten , daß Sie sich bei kälterem Blute denn doch anders besinnen würden ... Freilich , bei dem Sturme aber auch ! Und dann haben Sie sich doch wohl auch ein wenig überlegt , daß ein solch plötzliches freiwilliges Verlassen unseres Hauses bei einer etwaigen gerichtlichen Entscheidung schwer in die Wagschale fallen und – die Abfindungssumme bedeutend schmälern dürfte – klug genug sind Sie ja , kleine Frau . « Sie war im Begriffe , wieder hinauszugehen ; sie fühlte sich der Aufgabe nicht gewachsen . Wo war Mainau ? Er hatte ihr versprochen , sie nie allein zu lassen ... Leo bemerkte erstaunt ihr Zögern – das Kind begriff ja noch nicht , welche Beleidigungen der Mama als Morgengruß in das Gesicht geworfen wurden . Mit seinen beiden kräftigen Händchen ihre Rechte umklammernd , zog er sie lachend tiefer in den Saal herein . » Recht so , mein Junge ! « lachte auch der Hofmarschall heiter auf . » Führe die Mama zum Frühstückstische und bitte für den Großpapa um eine Tasse Schokolade . Er nimmt sie ja doch am liebsten aus ihren Händen , und sollten auch diese schönen Hände einen leichten Duft von – verbranntem Papier ausströmen ... Na , Löhn , « wandte er sich rasch an die Beschließerin , als wolle er jede Replik auf den Lippen der gemarterten jungen Frau verhindern – » ist ' s wahr ? Der Sturm soll ja in dieser Nacht das Dach des indischen Hauses zertrümmert haben ? « » Ja , gnädiger Herr – wie es geht und steht , hat er ' s weggefegt . « » Auch der Plafond ist beschädigt ? « » Voller Löcher – ein Regen darf nicht kommen . « » Sehr fatal ! ... Aber erneuert oder ausgebessert wird im indischen Garten absolut nichts – je früher diese Spielerei zerfällt , desto besser ! ... Sorgen Sie dafür , daß die Kranke in den kleinen , runden Pavillon gebracht wird – « Liane sah bei diesem Befehle nach der Beschließerin – die Leute hatten recht , » das derbe Weib « sah aus wie ein Gespenst . Dem feinen Ohre der jungen Frau entging es nicht , daß sie die Antwort nur so kurz und rauh herauspolterte , um ein Brechen der Stimme zu verhindern . » Ist nicht vonnöten , gnädiger Herr – die Frau geht von selber , « antwortete sie auf den Befehl hin , mit einer eigentümlichen Starrheit im Blicke . » Wie – was ! Sind Sie toll ? « fuhr der Hofmarschall herum – zum erstenmal sah Liane dieses greisenhafte Gesicht in tiefer , dunkler Röte aufflammen . » Dummheit ! Wollen Sie mir weismachen , daß sie sich je wieder erheben , oder gar – ihre gelähmte Zunge zu gebrauchen imstande sein würde ! « » Nein , gnädiger Herr , was tot ist , das ist und bleibt tot , und – das übrige , das löscht heute auch noch aus , ehe die Sonne untergeht . « Die Frau sagte das eintönig , und doch klang es erschütternd , herzzerschneidend . Der Hofmarschall wandte den Kopf weg und sah in die Kaminflammen . » So – ist ' s so weit ? « warf er mit gepreßter Stimme hin . Liane stellte die Schokoladentasse , die sie ihm eben reichen wollte , wieder auf den Tisch – sie konnte sich nicht überwinden , sich jetzt dem Gesichte des mörderischen Mannes zu nähern , das wiederholt so sonderbar lechzend die Lippen öffnete und dann einen Moment völlig geistesabwesend niederstarrte auf die gekrümmten , krankhaft gebleichten Finger , die den Krückstock umklammerten ... Richtete sich die zertretene Lotosblume vor ihrem gänzlichen Auslöschen doch noch einmal von ihrem Marterroste auf , anklagend auf die blauen Streifen an ihrem zarten Halse deutend ? ... Er sah plötzlich auf , als fühle er die Augen der jungen Frau auf sich ruhen – sein Blick verschärfte sich sofort . » Nun , meine Gnädigste , Sie sehen , ich warte auf meine Schokolade – warum haben Sie sie denn wieder weggestellt ? Vielleicht weil ich ein klein wenig nachdenklich ausgesehen ? ... Ah bah – mir war nur so , als gucke dort aus der Asche in der Kaminecke ein kleiner rosenfarbener Rest . « Es war schrecklich ! Aber jetzt wurde die junge Frau erlöst – sie hörte Mainau kommen . Er trat rasch ein – welch ein Unterschied zwischen heute und jenem ersten Morgen ! Sein Blick streifte nicht über sie hinweg , wie damals . Alle Vorsicht vergessend , ruhte dieser feurige Blick auf ihrem Gesichte , als könne er sich nicht losreißen ... Der alte , kranke Mann in seinem Lehnstuhle bemerkte das nicht ; er saß mit dem Rücken nach der Thür – aber Frau Löhn sah plötzlich ganz bestürzt aus ; sie strich aus allen Kräften mit ihren rauhen Händen über die steife , rauschende Schürze und schlug die Augen zu Boden . » Du schon hier , Juliane ? « fragte Mainau leichthin – er sah nach seiner Uhr , als meinte er , sich in der Zeit geirrt zu haben . » Hier – weshalb ich abgerufen wurde , Onkel , « wandte er sich an den Hofmarschall und reichte ihm eine Karte hin . » Ein reitender Bote der Herzogin ist drunten und hat die Einladung zum Hofkonzert für heute abend gebracht ... Die Herzogin sprach schon gestern davon , daß ihre Lieblingsprimadonna die Residenz passieren werde , und sich bereit erklärt habe , bei Hofe zu singen . Nun ist sie einen Tag früher eingetroffen und reist morgen weiter – daher diese rasche Improvisation – nimmst du an ? « » Ei , das versteht sich ! Habe lange genug in diesem einsamen Schönwerth hocken und verkümmern müssen . Du weißt auch , daß ich stets zur Stelle bin , wenn mein Hof befiehlt und sollte ich mich auf allen vieren hinschleppen . « Mainau öffnete ironisch lächelnd die Thür und gab dem draußen harrenden Lakai den Bescheid . » Mir kommt diese Zerstreuung sehr gelegen , « setzte der Hofmarschall hinzu . » Die Verwüstung , die der Sturm diese Nacht in den Gärten angerichtet hat , verstimmt mich – dazu kommen noch allerlei unerquickliche Dinge ... Da , die Löhn « – er zeigte , ohne hinüberzusehen , mit dem Daumen über die Schulter weg nach der Beschließerin – » zeigt mir eben an , daß es mit › der ‹ im indischen Hause heute noch zu Ende gehen wird ... Ich alteriere mich immer , wenn ich eine – eine Leiche auf meinem Grund und Boden weiß ; deshalb habe ich auch vor zwei Jahren den verunglückten Hausburschen sofort in die Leichenhalle der Stadt schaffen lassen – wie machen wir das nun im dem Falle ? « » Ich muß dir sagen , Onkel – das klingt abscheulich ! Das empört mir jeden Blutstropfen , « sagte Mainau entrüstet . » Wie kannst du über einen Menschen , der noch atmet , in einer solchen Weise verhandeln ? ... Haben Sie nicht sofort zum Arzt geschickt , Frau Löhn ? « wandte er sich mit sanfterer Stimme zur Beschließerin . » Nein , gnädiger Herr – wozu denn auch ? Er kann ihr nicht mehr helfen und martert sie nur mit seinen Kunststückchen ... Ich sage , von ihrer Seele ist schon nichts mehr auf der Erde , sonst würde sie nicht mit so stillen , starren Augen vor sich hinsehen , wenn der Gabriel so entsetzlich weint und jammert – « » Hören Sie mir auf mit dieser larmoyanten Tonart , Löhn ! « rief der Hofmarschall tief erbittert . » Wenn Sie wüßten , wie Ihrer groben Stimme das Gewinsel ansteht , da hielten Sie Ihren Mund . Ob sich dir nun jeder Blutstropfen empört oder nicht , Raoul , darauf kann ich nicht die mindeste Rücksicht nehmen , « sagte er in steigender Erregung zu Mainau . » In einem solchen Falle bin ich mir selbst der Nächste – meine Aversion läßt sich nicht beschreiben . – Mir graut vor jedem Atemzuge Luft , den ich einschlucken muß in solcher Umgebung ... Du sollst sehen , daß ich ein todkranker Mensch werde , wenn du nicht nach eingetretener Katastrophe sofort dafür sorgst , daß die Ueberreste dahin geschafft werden , wo sie für immer bleiben sollen – nach dem Stadtkirchhofe . « Liane begriff seine Angst , das namenlose Grauen , das so wahr aus der Stimme , aus dem nervösen Schütteln des Körpers sprach . Er hatte die gemarterte Seele des unglücklichen Weibes nicht gefürchtet , solange der schwer verletzte Körper sie niederhielt – nun sollte sie befreit aufflattern und , wie der Volksglaube annimmt , über dem verlassenen Leichnam frohlockend kreisen , bis die Erde ihn deckte – nur das nicht auf » seinem Grund und Boden ! « » Die Frau wird in der Gruft unter dem Obelisken schlafen , « sagte Mainau mit ernstem Nachdruck . » Onkel Gisbert hat sie ihrer Heimat entrissen , und sie ist die einzige Frau gewesen , die er geliebt hat – sie gehört von Rechts wegen an seine Seite ; und damit sei diesen herzlosen Erörterungen ein Ende gemacht ! « » Sie gehört von Rechts wegen an seine Seite ? « wiederholte der Hofmarschall unter einem heiseren Auflachen . » Wage es , Raoul , und du sollst mich kennen lernen ... Ich – hasse dieses Weib bis in den Tod . Sie darf nicht an seine Seite , und sollte ich mich dazwischen betten . « Was war das ? ... Mainau sah bestürzt mit großen Augen nach diesem Greise , von dem er gesagt hatte : » Der Onkel ist geizig ; er ist vom Hochmutsteufel besessen ; er hat seine kleinen Bosheiten , aber einen besonnenen Kopf , eine kühle Natur , an die nie Verirrungen schlimmer Leidenschaften herantreten durften « ... Was war es denn anderes , als lange verhaltene , wahnwitzige Leidenschaft , die aus diesen wild protestierenden Gebärden , diesen fieberlodernden Augen so abschreckend jäh hervorbrach ? De Hofmarschall erhob sich und ging ziemlich raschen sicheren Schrittes nach dem nächsten Fenster . Er kam dicht an Frau Löhn vorüber und streifte fast diese seine heimliche , aber unerbittliche Feindin – allein seine Augen strebten vorwärts , ins Leere ; er sah nicht , daß dieses starre , eingerostete Dienstbotengesicht auch Geist haben konnte , einen unheimlichen Geist , der dem hochgeborenen Herrn Hofmarschall auf der Ferse folgte und bedeutungsvoll auf jede seiner Fußspuren hinwies . Der Morgenwind blies durch das halboffene Fenster herein und hob dem alten Manne das sorgfältig geordnete greise Haar auf der Stirn ; aber er , der sonst jedem Luftzuge wie seinem tödlichsten Feinde auswich , er fühlte das nicht . » Ich begreife dich nicht , Raoul , « sagte er , schwer mit seiner Aufregung kämpfend , vom Fenster herüber . » Willst du meinen Bruder in der Gruft noch beschimpfen ? « » Hat er es nicht für einen Schimpf gehalten , das Hindumädchen an sein Herz zu nehmen und ihr eine abgöttische Liebe zu weihen , so « – der Hofmarschall lachte gellend auf . » Onkel ! « rief Mainau und wies ihn mit finster gerunzelten Brauen in die Schranken der Selbstbeherrschung . » Ich bin nur ein einziges Mal zu jener Zeit in Schönwerth gewesen ; aber ich weiß , daß mir damals die Erzählungen der Schloßleute das Herz fieberisch klopfen gemacht haben . Ein Mann , der den Gegenstand seiner Leidenschaft mit solch angstvoller Zärtlichkeit hütet « – er verstummte unwillkürlich vor der Flamme , die drohend aus den sonst so kühl und scharf blickenden Augen des Hofmarschalls brach . Er ahnte ja nicht , an was er da mit unvorsichtiger Hand rühre . Die verführerische Hülle der unglückseligen Lotosblume lag drüben » mit stillen , starren Augen « , um zu sterben , in Staub zu zerfallen , und der Mann , der sie einst mit angstvoller Zärtlichkeit auf seinen Armen durch die Gärten getragen , damit kein Kiesel ihre wunderfeine Sohle drücke , er schlief längst unter dem Obelisken – und dennoch überwältigte eine rasende Eifersucht den Verschmähten dort ; er gönnte dem toten Bruder bis heute nicht , daß das glühend begehrte Weib sein eigen gewesen ... » Diese › angstvolle Zärtlichkeit ‹ war glücklicherweise nicht von Dauer , « sagte er heiser . » Der gute Gisbert ist noch rechtzeitig zur Vernunft gekommen ; er hat die › berühmte Lotosblume ‹ als – eine Unwürdige verstoßen . « » Dafür fehlten mir die vollgültigen Beweise , Onkel – « Als quelle die Windsbraut von gestern durch das Fenster und treibe die verdorrte , gebrechliche Höflingsgestalt vor sich her , so plötzlich verließ der Hofmarschall den Fensterbogen und stand vor seinem Neffen . » Die vollgültigen Beweise , Raoul ? Sie liegen drüben im weißen Saale im Raritätenkasten , der gestern leider das Opfer einer Attacke gewesen ist . Ich werde dir doch wahrhaftig nicht wiederholen sollen , daß du Onkel Gisberts fest und unwiderruflich ausgesprochenen letzten Wunsch und Willen gestern nachmittag erst prüfend in den Händen gehabt hast ? « » Ist jener Zettel das einzige Dokument , auf welches du dich stützest ? « fragte Mainau kurz und rauh – der impertinente Ausfall gegen Liane hatte ihm das Blut in die Wangen getrieben . » Das einzige allerdings – Raoul , wie kommst du mir vor ? Was soll noch gelten auf Erden , wenn nicht die eigenhändige Niederschrift des Sterbenden ? « » Hast du ihn schreiben sehen , Onkel ? « » Nein – das nicht – ich war selbst krank . Aber ich kann dir einen Zeugen beibringen , der es mit gutem Gewissen beschwören wird , daß er Buchstaben für Buchstaben hat niederschreiben sehen – schade , daß er vor einer Stunde nach der Stadt zurückgefahren ist . Du hast dich zwar in neuester Zeit seltsam zu unserem Hofprediger gestellt – « Mainau lachte fast heiter auf . » Lieber Onkel , diesen klassischen Zeugen verwerfe ich hier und vor dem Gesetze . Zugleich erkläre ich die Wirksamkeit jenes sogenannten Dokumentes für null und nichtig und außer aller Kraft . O ja , ich glaube , daß der Herr Hofprediger bereit ist , zu schwören – er schwört bei seiner Seelen Seligkeit , daß er dem Sterbenden die Feder eingetaucht hat – warum denn nicht ? Den Herren Jesuiten ist ja ein Schleichpförtchen in den Himmel garantiert , wenn sie das große Entree der Seligen allzusehr verwirken sollten ... Ich muß mich selbst anklagen , gehandelt zu haben , wie ein Mann von Gewissen nicht handeln soll . Ich war nicht zugegen , als der Onkel gestorben ist – als Miterbe seiner reichen Hinterlassenschaft mußte ich doppelt vorsichtig sein und durfte nicht Anordnungen sanktionieren , lediglich gestützt auf ein kleines Stück Papier , das kein gerichtlicher Zeuge beglaubigt . In einem solchen Falle soll und darf man sich nur an den klaren Wegweiser des Gesetzes halten . « » Gut , mein Freund , « nickte der Hofmarschall – er war unheimlich ruhig geworden . Den Krückstock vor sich auf das Parkett stemmend , stützte er beide Hände darauf und ließ seine kleinen , funkelnden Augen über das schöne Gesicht des Neffen hinspielen . » Nun bezeichne mir aber auch das Gesetz , unter dessen Schutze die Frau im indischen Hause steht . Sie ist vogelfrei , denn sie war nicht meines Bruders eheliches Weib ... Wenn wir uns also an › den klaren Wegweiser ‹ halten wollten , dann hatten wir das Recht , sie sofort über die Schwelle zu stoßen , denn es existierte kein gerichtlich beglaubigtes Testament , das ihr auch nur einen Bissen Brot oder ein Nachtlager auf Schönwerther Grund und Boden zusicherte . Haben wir in dem Punkt nicht nach dem eisernen Gesetze gefragt , so sind wir in dem anderen Falle auch davon entbunden . « » Onkel , soll das Logik sein ? Also weil wir nicht teuflisch erbarmungslos gewesen sind , darum steht uns nun das gute Recht zu , nach einer unverbürgten letztwilligen Verfügung zu handeln , die eine grausame ist ? ... Gesetzt aber , Onkel Gisbert habe in der That das Dokument verfaßt und geschrieben und die Frau verstoßen , weil Gabriel nicht sein Kind gewesen , was , frage ich , gab ihm dann die Befugnis , über das Schicksal des ihm völlig fernstehenden Knaben aus eigener Machtvollkommenheit zu entscheiden ? ... Ich war noch ein junger , unbesonnener Kopf , als Onkel Gisbert starb . Was frug ich damals nach Gesetz und gründlicher Prüfung ! – Mit genügte deine Mitteilung , daß die Indierin eine Treulose gewesen , um mich toll und blind zu machen , denn ich hatte den Onkel innig geliebt ... Nur das entschuldigt mich einigermaßen . Später bestärkte mich der Knabe durch seine sklavische Fügsamkeit in dem festen Glauben , daß er keinen Tropfen des herrischen , stolzen Blutes der Mainaus in seinen Adern habe – ich stieß ihn wie einen Hund mit dem Fuß aus meinem Wege und habe die Verfügung , daß er Mönch werde , als vortrefflich passend , stets gebilligt – das widerrufe ich hiermit als einen beklagenswerten Irrtum meinerseits . « Auf diese letzten feierlichen Worte folgte eine sekundenlange , atemlose Stille . Selbst Leo mochte instinktmäßig fühlen , daß im nächsten Augenblicke ein Riß durch das Haus Mainau gehen werde – er bog , seitwärts an die junge Frau geschmiegt , den Kopf vor und sah mit weitoffenen , ängstlichen Augen in das tiefernste Gesicht seines Vaters . » Willst du die Güte haben , dich deutlicher auszusprechen ? Du weißt , mein Kopf ist alt ; er faßt nicht mehr rasch ; am wenigsten aber das , was nach modernem Umsturze aussieht , « sagte der Hofmarschall . Seine hagere Gestalt streckte sich steif und fremd , in einer Art von eisiger Unnahbarkeit – in diesem Moment bedurfte er des stützenden Stockes nicht ; die Spannung hielt ihn aufrecht . » Mit Vergnügen , lieber Onkel . Ich sage kurz und bündig : Gabriel wird nicht Mönch , nicht Missionär . « Er hielt inne und trat rasch auf die Beschließern zu : diese robuste , vierschrötige Gestalt wankte und taumelte plötzlich , als erliege sie einem Schlaganfalle . Liane hatte bereits ihren Arm stützend um sie gelegt und führte sie zu einem Stuhl . » Ist Ihnen übel , Frau Löhn ? « fragte Mainau , sich besorgt über sie beugend . » I Gott bewahre , gnädiger Herr – in meinem ganzen , langen Leben ist mir nicht so wohl gewesen , « murmelte sie halb lachend , halb weinend . » Es flimmerte mir nur so vor den Augen , und ich dacht in meinem dummen Kopfe , der Himmel müßte einfallen ... O du mein Herr und Vater droben ! « seufzte sie aus tiefster Brust und bedeckte das dunkelrot gewordene Gesicht mit der Schürze . Der Hofmarschall warf ihr einen stechenden Blick zu . Bei aller Aufregung , die in ihm tobte , verwand er es nicht , daß diese Untergebene in seiner Gegenwart saß , und nach ihrer Erklärung , daß ihr wohl sei , nicht sofort wieder aufstand . » Also Gabriel wird nicht Mönch , nicht Missionär ? « fragte er höhnisch , indem er den Kopf wegwandte , um die Taktlosigkeit der Beschließerin nicht mehr zu sehen . » Darf man fragen , welche hohe Bestimmung du für dieses kostbare Menschenexemplar im Auge hast ? « » Onkel , der Ton verfängt nicht mehr bei mir . Ich bin so lange so schwach gewesen , diesen › guten Ton ‹ zu fürchten – ich habe mich auf den herzlosen Spötter gespielt , um nur ja nicht als › Gefühlsmensch ‹ dem Fluch der Lächerlichkeit zu verfallen . Aber ich zerschneide das Tischtuch zwischen mir und denjenigen meiner Standesgenossen , unter denen dieser Ton fortlebt ... Ich bin fest davon überzeugt , daß Gabriel mein Vetter ist . Willst du als erster Erbe seines Vaters nicht einen Teil der unermeßlichen Hinterlassenschaft herausgeben – wohl , es kann dich niemand zwingen , denn Gabriel ist kein legitimes Kind ... Ich aber halte mich hier nicht an den › klaren Wegweiser ‹ der weltlichen Gerechtigkeit , sondern an den meines Rechtsgefühles und werde dem Knaben den Namen seines Vaters und die Mittel zu einer standesgemäßen Stellung geben , indem ich ihn adoptiere . « Der Riß war geschehen , auch hier das Tischtuch zerschnitten . Aber der gewiegte Höfling , der bei bedrohlichen Disputen sehr bissig werden konnte , um das Heft in die Hand zu bekommen , er hatte gelernt , einer vollendeten Thatsache äußerlich völlig gefaßt gegenüberzustehen . » Hier lassen sich nur zwei Momente denken , « sagte er kalt und schneidend . » Entweder du bist krank , « – er griff mit einer beleidigenden Gebärde nach der Stirn , – » oder du bist , was ich längst geahnt , rettungslos in die Schlingen der roten Flechten dort gefallen ; ich glaube das letztere – zu deinem Unheil . Wehe dir , Raoul ! Ich kenne diese Frauengattung auch – gottlob , sie ist selten ! Von dem brennenden Haar und der weißen Haut geht ein Phosphorlicht aus , wie von Nixenleibern ; sie fachen mit kühlem Atem Flammen an , ohne sie zu löschen ... Geist , aber keine Inbrunst der Seele – blendende Floskeln auf den Lippen , aber nie den holden Wahnsinn der Liebe , die leidenschaftliche Hingebung des Weibes im Herzen ! Du wirst schon auf Erden im Fegfeuer brennen – denke an mich ! ... Sie , wie du blaß wirst – « » Das glaube ich – das Blut stockt mir vor Bestürzung über deine Sprache ! Mein Ohr ist allerdings nicht allzu diffizil – leider – aber hier trifft mich jedes deiner Worte wie ein Schlag in das Gesicht ... Muß ich dich an dein weißes Haar erinnern ? « » Bemühe dich nicht – ich weiß sehr wohl , was ich thue und sage . – Ich habe dich gewarnt vor der Stiefmutter meines Enkels . Und nun nimm sie an dein Herz , das nie Verständnis für mein inbrünstig frommes , mein inbrünstig liebendes Kind , meine Valerie gehabt hat ! ... Bezüglich deines neuen Protegé – ich meine den Burschen im indischen Hause – verliere ich kein Wort – das ist Sache der Kirche . Leib und Seele des Knaben sind ihr spezielles Eigentum – sie wird dir zu antworten wissen , wenn du es wagen solltest , ihn zu reklamieren . Preis und Ehre dem Herrn , dem sie dient ! Mit seiner Hilfe hat sie noch stets die Widerspenstigen zu ihren Füßen niedergezwungen , die einzelnen sowohl , wie die Nationen – du verlierst das Spiel , wie alle , die sie jetzt anfeinden und ihre Diener zu Märtyrern machen – schließlich bleiben wir oben ! « Er wandte Mainau den Rücken , um zu gehen , aber den Krückstock auf den Boden stampfend , blieb er schon nach dem ersten Schritt stehen . » Na , Löhn , haben Sie sich noch immer nicht genugsam ausgeruht ? Es sitzt sich wohl recht schön auf den seidenbezogenen Stühlen der Herrschaft ? « schalt er . Die Beschließerin , die in unbeschreiblicher Spannung und völliger Selbstvergessenheit dem Verlaufe der heftigen Szene gefolgt war , sprang tödlich erschrocken auf . » Ordnen Sie mir mein Frühstück auf einer Platte , « befahl er , mit dem Kopfe nach dem Tische hinübernickend , » und tragen Sie es mir nach in mein Arbeitszimmer – ich will allein sein . « Er ging hinaus . Der Stock stampfte das Parkett , und der Schlüsselbund der Beschließerin und das Geschirr auf dem Silberteller , den sie trug , klirrten heftig dazu . In der Seele des Vorangehenden tobte der Ingrimm , und die Frau , die ihm pflichtschuldigst , mit schweigendem Munde folgte , zitterte vor innerem Jubel , aber auch vor » Gift und