dem gnädigen Fräulein irgend etwas bedenklich erscheine . Dann bat er auch Frau von Katzenstein , die Kranke zu beaufsichtigen . Die alte Dame wollte eben noch einmal zu Klaudine hineingehen , um ihm Nachricht von ihr zu holen . Er stand wartend im Flur . Jetzt hörte er Klaudine drinnen sprechen – mit wem wohl ? Deutlich konnte er jedes Wort verstehen . » Vergeben Sie mir ! « scholl laut die Stimme der Prinzeß Helene , aber es klang nicht flehend , es klang wie befehlend . Lothar runzelte die Stirn , er hatte Mühe , an sich zu halten , um nicht sofort hineinzugehen . Frau von Katzenstein kam zurück . » Durchlaucht ist bei Fräulein von Gerold « , flüsterte sie . » Seine Hoheit haben mir befohlen , Sie um Verzeihung zu bitten , Fräulein von Gerold « , klang es abermals da drinnen . » Ich bitte also hiermit um Verzeihung . Haben Sie es gehört ? « Außer sich trat der Baron über die Schwelle des matt erleuchteten Zimmers . Über das weiße Mädchengesicht dort in den Kissen des Liegestuhles ergoß sich Purpurglut , als sie ihn erblickte . » 0 mein Gott ! « stammelte sie und machte eine abweisende Bewegung mit der gesunden Hand . Es hatte sie nicht befremdet , daß er hier eindrang , sie dachte weiter nichts , als daß jetzt ein vernichtender Schlag auf dieses trotzige Geschöpfchen fallen müsse , das da so hochmütig an ihr Lager getreten war , um auf höheren Befehl » abzubitten « . Die Prinzessin hatte ihn nicht bemerkt , sie stand da wie der verkörperte Trotz . Ihre Zerknirschung verwandelte sich , angesichts der Verhaßten , in Empörung . » Sie wollen wohl nicht ? « fragte sie . » Ich habe nicht lange Zeit zu warten , ich muß nach Neuhaus , Mama hat Frau von Berg nach mir geschickt , ich fahre aber nicht mit ihr , ich will nicht . Ich werde Baron Gerold um seinen Wagen ersuchen . Also zum drittenmal – ich bitte Sie um Verzeihung , Fräulein von Gerold ! « » Prinzessin , ich weiß zwar nicht , wofür eine Verzeihung erbeten wird – aber von Herzen gern « , erwiderte Klaudine mit bebenden Lippen . » Durchlaucht , auf diese Weise eine schwer Gekränkte und Leidende um Verzeihung zu bitten , ist neu « , scholl jetzt Lothars erregte Stimme . Die Prinzessin wandte sich , wie von einem elektrischen Schlag getroffen . Klaudines Augen sahen mit flehender Angst zu den seinen hinüber . Sie hielt den Atem an – oh sie wußte ja aus eigener Erfahrung , wie furchtbar sie wirken kann , die Gewißheit , den geliebten Mann verloren zu haben ! » Es gehört die ganze große Güte und Selbstlosigkeit meiner Braut dazu , um Eurer Durchlaucht die so eigentümlich erbetene Verzeihung zu gewähren . « Totenstille herrschte im Gemach . Klaudine sah wieder jene rote heiße Flut vor ihren Augen . Wie ? Konnte ein Mann so schonungslos verfahren mit der , die er liebte , um die er geworben hatte , seit Wochen schon ? War es ein Akt der Verzweiflung , weil er sie aufgeben mußte ? Sie streckte die Hand aus . » Prinzessin « , sagte sie matt , als wollte sie um Verzeihung bitten . Aber die zierliche , weiße Gestalt schwankte nicht , wie Klaudine gefürchtet hatte , sie schüttelte das dunkle Köpfchen mit dem kurzen Gelock stolz in den Nacken zurück . » Meinen Glückwunsch « , sprach sie kurz . Einzig in der erzwungenen lauten Stimme erkannte Klaudine die furchtbare Erschütterung des Mädchens , dessen glühende Liebe soeben den Todesstreich empfangen hatte . Die Prinzessin übersah die Hand , die sich ihr bot . Stolz neigte sie den Kopf . » Begleiten Sie mich , Baron ! « sagte sie befehlend und ging voran . Lothar faßte statt ihrer die dargebotene Hand und führte sie an die Lippen . Klaudine entzog sie ihm hastig und unwillig . » Wozu ? « fragte sie und drehte den Kopf nach der Wand , » das ist überflüssig bei unserem Abkommen . « Sie waren gegangen . Klaudine klingelte und ließ sich bei der Nachttoilette helfen und die Lichter löschen . Frau von Katzenstein schlich behutsam durch das dämmernde Gemach dem Bette zu – es rührte sich nichts hinter den Vorhängen , die Kranke schlief wohl schon den Schlummer der Erschöpfung ? Als Frau von Katzenstein aber genauer hinsah , erblickte sie das Mädchen im Bette sitzend . » Aber Klaudine , Sie ruhen noch immer nicht ? « flüsterte die freundliche alte Dame besorgt und drückte einen Kuß auf das schöne Antlitz . » Eben erfahre ich von Ihrer Verlobung « , setzte sie bewegt hinzu , » Gott segne Ihren Herzensbund , meine liebste Gerold ! « Dann ging sie still hinaus . Klaudine griff sich wild an die Stirn . » Herzensbund ! « sagte sie bitter , » welch furchtbarer Hohn ! « Sie grübelte und grämte sich bis über Mitternacht hinaus , bis sich ihre Gedanken verwirrten . Der schrecklichste Tag ihres Lebens war vorüber . Was würde ihm nun noch folgen an Qual und Herzensleid ? 26. In der Frühe des folgenden Tages ward Klaudine durch einen Boten der Herzoginmutter , welche ihr einen köstlichen Blumenstrauß nebst einem Brillantring sandte , aus schwerem bleiernem Schlaf geweckt . Es tat ihr weh , sich auf das Gestern besinnen zu müssen , und nur mit Anstrengung konnte sie sich erheben . Die Kammerfrau der Herzogin erschien , als sie eben angekleidet war , und beschied sie in das Krankenzimmer . Mit müden Schritten trat sie über die Schwelle . Das ganze purpurrote Gemach war von Sonnenglanz erfüllt , am Lager seiner Gemahlin stand der Herzog mit den kleinen Prinzen , die beiden jüngsten hielten Rosen in den Händen , der älteste etwas anderes , das funkelte und blitzte . Der Herzog schritt ihr entgegen und küßte ihr die Hand . » Nehmen Sie meinen und meiner Söhne innigsten Dank für Ihren freudigen Opfermut « , sprach er , indem er sie zum Bette führte . » Sehen Sie selbst , gnädiges Fräulein , er hat großes vollbracht ! « Die Herzogin streckte ihr die Hände entgegen , während der Erbprinz sich jubelnd an sie hing . » Ich habe ja immer gewußt « , sagte er , » Sie haben Mut , Fräulein von Gerold , und dies geben wir Ihnen , ich und mein Bruder , weil Sie Mama wieder gesund gemacht haben . « Er reichte ihr ein kostbares Schmuckstück und die Händchen der anderen hielten ihr stumm die Rosen entgegen . » Klaudine « , flüsterte die Herzogin . Sie kniete in alter Gewohnheit am Bette nieder , aber der Kopf legte sich nicht wie sonst zutraulich an die Wange der Freundin , sie verharrte wie eine jener gemalten Beterinnen in der Schloßkirche , mit niedergeschlagenen Augen und unbeweglicher Miene . » O , warum denn Dank ! Ich tat ja nichts « , sagte sie . Die Herzogin gab , von ihr ungesehen , ihrem Gemahl ein Zeichen , sich zu entfernen . Leise trat er hinaus , die beiden ältesten Prinzen folgten ihm , nur das Kleinste blieb auf dem Bette sitzen und spielte mit den Rosen . » Dank , Klaudine , tausendfachen Dank ! Und nimm auch meinen treuesten Glückwunsch zu deiner Verlobung . Ich erfuhr sie vorhin durch Mama . Es hat mich überrascht , Klaudine . Warum sagtest du mir nie davon , daß du ihn liebst ? « Klaudine blieb stumm , dann erschrak sie . Wenn sie ihre Rolle so schlecht spielte , dann war ja die ganze Komödie vergeblich ! Hier galt es also vor allen Dingen , sich mutig zu zeigen . » Mir wurde es so schwer , darüber zu sprechen « , stammelte sie , » ich wußte ja nicht , ob er mich wiederliebt . « Die Herzogin drückte ihr die Hand . » Klaudine « , flüsterte sie , » weißt du – der Herzog dauert mich , denn er liebt dich ! « » Hoheit , nein ! « rief das Mädchen , » er liebt mich nicht ! « » Doch , Klaudine « , versicherte die Kranke , » sieh , ich hatte ja einen Brief von ihm in den Händen – an dich . « Klaudine fuhr empor . » Einen Brief ? Ich habe nur einen von Seiner Hoheit erhalten , und der – « » Pst ! « flüsterte die Herzogin . » Ganz recht ! Ich verstand ihn gestern nicht , heute erklärte mir Adalbert seine Bedeutung selbst . Er hat mir alles gesagt , es ist ihm nicht leicht geworden . Ich weiß alles , Klaudine , und er dauert mich , weil du ihm nun verloren bist . « » Elisabeth ! « stotterte das Mädchen , dem fast die Sprache versagte . » Es ist ein Irrtum Seiner Hoheit , und welcher Mensch – « » Ja , ein Irrtum ! Oh , ich verstehe , ich kann es begreifen , aber hier innen ist ' s so öde , so still geworden , Klaudine . « Sie legte einen Augenblick eine Hand auf die Brust und strich dann schmeichelnd über Klaudines Arm , der in der Binde hing . » Elisabeth « , sprach diese , » du bist immer eine so fromme Natur gewesen , du richtest sonst so mild die Handlungen der Menschen . Willst du hier ein harter Richter sein ? « Die Herzogin schüttelte den Kopf . » Nein , ich habe verziehen . Die kleine Spanne Zeit , die mir noch bleibt , soll freundlich verfließen . Ach , Klaudine , zum ersten Male , seit ich sein Weib bin , hat er heute früh mit mir gesprochen , wie ich es immer ersehnt habe , wachend und träumend . Herzlich und aufrichtig , mild und gut hat er gesprochen . Es kommt zu spät , ja , ja – aber es ist so schön , so süß , und deshalb habe ich ihm verziehen . Es ist nur noch ein Rest , so ein Rest dummer Eitelkeit in mir . Weißt du , ich wollte ihm immer gefallen und bedachte gar nicht , daß ich ein so elendes , krankes Geschöpf bin . Da habe ich mir rasch den Spiegel hier genommen und hineingeschaut , es tat ein bißchen weh zuerst , aber dann – « Sie verstummte , und in ihren Augen schimmerte es feucht , während sie sich zum Lächeln zwang . Klaudine konnte es nicht hindern , ihr rollten ein paar große Tränen über die Wangen . » Er dauert mich so « , sagte die Herzogin noch einmal , » ich will gut und geduldig und liebevoll gegen ihn sein . Und wer mir noch leid tut « , fuhr sie fort , » das ist Helene – sie liebt deinen Bräutigam . « » Ja ! « hauchte das Mädchen . » O du schönes , von Gott begnadetes Geschöpf du « , sagte die Kranke , » dem aller Herzen sich zuneigen ! Wie mag es wohl sein , wenn man so geliebt wird ? « Es klang so traurig , so hoffnungslos . Klaudine stand auf und wandte sich zum Fenster . Sie durfte nicht zeigen , wie weh ihr war . » Ich will dich nicht länger zurückhalten , Klaudine « , fuhr die Herzogin fort , » du hast so viele , viele Pflichten heute . Du mußt dich Mama als Braut vorstellen und deinem Kindchen als Mutter , und ihr werdet so viel zu sprechen haben , du und er . Geh , Klaudine , geh mit Gott ! « Sie lächelte . Der kleine Prinz hatte ihr jauchzend das Spitzenhäubchen von dem dunklen Haar gezagen und brachte seinen geöffneten Mund an ihre blassen Lippen . Hastig wandte sie das Gesicht . » Mein Liebling « , hörte Klaudine sie flüstern , » Mama darf dich ja nicht küssen , Mama ist krank . « Das erregte Mädchen vermochte kaum mit Fassung die durchsichtige Hand zu küssen und ruhig hinauszugehen . Sie sank in ihrem Zimmer auf einen Sessel und barg die weinenden Augen in den Händen . Verwundert schaute das Kammermädchen sie an . Das sollte eine Braut sein ? Eine reiche , glückliche Braut , die da so blaß und finster saß ? Die Zofe bückte sich und nahm ein Kästchen auf , das eben achtlos von dem Schoß ihrer Dame geglitten , es war beim Fallen aufgesprungen und den überraschten Augen der Dienerin sprühte es buntfarbig entgegen , ein wunderbares Halsband aus Brillanten . Klaudine beachtete es nicht , sie fühlte nur eines , sie würde die Verstellung , welche nun beginnen sollte , nicht ertragen . Gedankenlos kleidete sie sich endlich um . Da das Kleid von gestern verdorben war , war sie genötigt , ein schwarzes Spitzenkleid anzulegen , welches sie mit ein paar Rosen aufputzen wollte . Diese aber , farblos wie ihr Gesicht , machten das dunkle Kleid nicht freundlicher , ebensowenig wie die weiße Armbinde , welche sich grell von dem Schwarz des Anzugs abhob . So ging sie am Arme Lothars in die Gemächer der alten Herzogin , wo beide dann be einem Frühstück , zu dem das Brautpaar von Seiner Hoheit befohlen wurde , die Glückwünsche des kleinen Hofstaates entgegennahmen . Am frühen Nachmittag fuhr Lothar mit ihr in seinem Wagen nach Neuhaus . Die ganze Dienerschaft des Gutes war auf der Freitreppe versammelt und rief dem jungen Paar ein schallendes Hurra ! entgegen . Beate stand mit ausgebreiteten Armen , in der rechten Hand einen Rosenstrauß , auf der Schwelle , neben ihr die alte Dörte , welche die Kleine im weißen Kleidchen auf ihren Armen tanzen ließ . Über Beates großes , lachendes Gesicht liefen die hellen Freudentränen . » Dina , Herzenskind « , rief sie , das Mädchen an sich ziehend , » wer hätte das gedacht ! « Und sie riß das Kind von dem Arm seiner Wärterin : » Da hast du eine Mutter , du Wurm ! Und was für eine ! « jubelte sie . Lothar wehrte der allzu lauten Freude mit einem Blick auf die stumme Klaudine . » Sie kann Leonie ja nicht halten , Beate « , sagte er und gab das Kind der Wärterin zurück , um gleich darauf seine Braut in das nächste Zimmer zu führen . » Du quälst mir Klaudine heute nicht mit Fragen , sorgst jetzt für eine Erfrischung , Schwesterchen , und dann machst du mit uns eine Spazierfahrt nach Brötterode . « » Aber , Lothar , da ist ja heute großes Konzert vor dem Kurhause . « » Gerade deshalb , liebe Beate ! « Die Schwester ging kopfschüttelnd , ihre Befehle zu geben , und während sie sich rasch fertig machte , murmelte sie , ganz gegen ihre Gewohnheit , vor sich hin : » Ich denke , Brautleute sitzen immer am liebsten in einer einsamen Laube , und die , welche sonst von Natur nicht zu solchem Trara neigen , fahren am ersten Verlobungstage mittenhin unter die Lästermäuler ! « Sie begriff überhaupt heute noch nicht alles , ihr war noch von der geräuschvollen Abreise der durchlauchtigsten Damen ganz wirbelig zu Sinne , sie hatte auch in der vergangenen Nacht kein Auge zugetan . Als gestern abend spät Lothar mit der Prinzessin allein angefahren kam , stand ihr vor Schreck das Herz einen Augenblick still . Ihre Blicke hatten zwar nur flüchtig des Bruders Gesicht gestreift , aber sie hatte es doch gewußt , der ist Bräutigam ! Es lag so ein eigener Glanz darauf . Und die Prinzessin lief so eilends die Stufen empor . » Die berichtet der Frau Mama jetzt ihr Glück « , hatte sie sich gedacht . – Und da rief Lothar sie in sein Zimmer , und als sie hereinkam , lehnte er an seinem Gewehrschrank . » Schwester Beate « , sagte er , » ich habe mich verlobt . « Sie hatte ihm die Hand gedrückt und ihn herzlich auf den Mund geküßt . » Ich gratuliere dir , Lothar . « » Und du freust dich gar nicht , Beate ? « » Lothar « , hatte sie gesagt , » man denkt immer , wenn ein Bruder heiratet , man müsse eine Schwester bekommen , aber – « und sie hatte gutmütig gelächelt , » du kannst dir doch unmöglich deine Beate neben der Prinzessin als Schwester vorstellen ? Wir würden nebeneinander sein wie so ein gutes , braves Haushuhn und ein Goldfasan , gelt ? Aber das ist Nebensache , wenn du nur glücklich wirst . « » Ich habe die Absicht , es zu werden . Und wenn auch ein Schwan nicht besser passen mag zum Haushuhn als ein Goldfasan , so hoffe ich doch , daß sich diese beiden , ins Menschliche übertragen , ganz leidlich füreinander schicken werden . Ich habe mich nämlich mit Klaudine verlobt , du kluge Schwester . « Mit Klaudine ! Nun , da ließ sich ihrer Klugheit doch wahrlich nicht spotten , wenn man es so heimlich anfing ! » Gott sei gedankt ! « hatte sie gesagt , als sie sich von dieser Überraschung allmählich erholte . » Da setze dich hin und erzähle ! « Er hatte auch erzählt , alles mögliche – von der Operation und der Gefahr der Kranken , von Klaudines Mut und Opferwilligkeit – alles , nur nicht das , was sie hören wollte . Und sie hatte nicht weiter geforscht . Nun holte sie ihren allermodernsten Hut hervor , und dachte , indem sie ihn aufsetzte , an die Abreise heute früh und an die schreckliche Szene in der Kinderstube . Die kleine Leonie lag nach dem Bade schlafend im Bettchen . Da war Ihre Durchlaucht Prinzeß Thekla erschienen , fix und fertig zur Abreise , hinter ihr Frau von Berg , und hatte nichts mehr und nichts weniger verlangt als das Kind ! Die alte Dörte hatte sich darauf mit ausgebreiteten Armen vor das Bettchen gestellt und erklärt , das müßte der Herr ihr erst selbst sagen , daß die Kleine mit der Großmutter abreisen solle ! Durchlaucht vergaßen sich aber in diesem Augenblick so weit , daß sie die alte Bäuerin höchst eigenhändig an die Seite zu schieben versuchten . Allein so ein derbes Weib steht fest an seinem Platz . » Das mag Gott mir verzeihen « , hatte die Alte gesprochen , indem sie den fürstlichen Händen energisch wehrte , » daß ich so den Respekt vergesse gegen eine , die zu unserem durchlauchtigen Herzogshause gehört ! Aber er wird mir verzeihen , ich tue meine Pflicht , ich lasse meinem Herrn nichts stehlen . « » Einfältige Person « , hatte Frau von Berg gescholten , » wer will denn stehlen ? Ihre Durchlaucht ist die Großmutter des Kindes . « » Mein Herr mag ' s mir selbst sagen ! « war die Gegenrede gewesen . » Ihr Herr ist ja nicht zu Hause , nehmen Sie Vernunft an ! « Aber auch das half nichts , Dörte hatte den Ellenbogen in die Seite gestemmt und war auf ihrem Posten geblieben . Plötzlich war es ihr gelungen , den altmodischen Glockenzug zu erwischen – manch ungeduldiges Läuten mochte von dort schon erklungen sein , aber so wie heute wohl noch nie . Die Kinderstubenklingel war im ganzen Hause bekannt . In diesem Zimmer hatten der alte Herr und die Frau krank gelegen und waren hier gestorben – kein Wunder , daß alle Welt dachte , es sei ein Unglück geschehen , und daß Lothar , der eben von seinem morgendlichen Ritt in die Felder zurückgekommen war , allen voran den Flur entlang gejagt war , Beate hinter ihm drein , und daß von allen Seiten die Dienerschaft hinzustürzte . » Was geht hier vor ? « war seine erste Frage gewesen . Er schien seinen Augen nicht zu trauen , als er Ihre Durchlaucht erblickte , die sich beim Frühstück wegen ihrer Kopfschmerzen hatte entschuldigen lassen und die nun dort stand mit hochrotem Gesicht und mit gebieterischer Stimme sprach : » Ich wünsche meine Enkelin mit mir zu nehmen , und diese Person – « » Ah ! Durchlaucht glaubten , ich sei so versunken in mein Bräutigamsglück , daß ich die Stunde der Abreise vergessen würde ? Oder vielmehr , Durchlaucht wollten mein Nachhausekommen nicht abwarten und mit einem früheren Zug abreisen ? Deshalb die Wagen vor der Auffahrt ? Und Durchlaucht wünschen die Enkelin mitzunehmen « – seine Stimme hatte geklungen wie fernes Wettergrollen – » ohne meine Erlaubnis vorher einzuholen ? Mit welchem Rechte , wenn ich fragen darf ? « » Sie ist das Kind meiner Tochter ! « » Und das meine ! Das Recht des Vaters dürfte doch wohl etwas über dem Recht der Großmutter stehen , Durchlaucht . « » Nur auf wenige Monate , Gerald « , hatte die Prinzessin eingelenkt , die jetzt wohl zu der Einsicht kam , daß sie in ihrem Groll eine Torheit begangen hatte . » Nicht auf eine Stunde ! « rief er , und eine auffallende Blässe hatte sich auf sein Gesicht gelegt . » Dies Kind will ich bewahren vor dem Gifthauch , der da draußen weht und die reinsten Blüten aussucht , um sie zu verderben . Meine Tochter soll erzogen werden , wie es einst Sitte war im Hause meiner Vorfahren , einfach , natürlich und vornehm denkend . Und hier wird es geschehen , hier in Neuhaus , Durchlaucht , unter meiner und meiner künftigen Gattin eigener Aufsicht ! « Und er hatte rasch die Vorhänge des Bettchens zurückgeschlagen , in dem die Kleine mit erschrockenen Augen lag . » Wenn Durchlaucht Abschied nehmen wollen ? « – hatte er kühl hinzugesetzt . Die Prinzessin war einen Augenblick zu der Wiege getreten , die Stirn des Kindes mit ihren Lippen berührend , und dann ohne ein weiteres Wort durch den Flur nach der Halle hinausgerauscht , wo Prinzeß Helene , mit der Hofdame und dem Kammerlierrn , der Mutter harrte . Die alte Durchlaucht war eingestiegen , mit dem verbindlichsten Lächeln auf den Lippen , Beate , die sich tief verbeugte , hatte aber doch kaum ein herablassendes Kopfneigen für ihre wochenlange Gastlichkeit bekommen . Lothar saß den Durchlauchten gegenüber , wie damals , als er sie holte . Als die Pferde anzogen , war aus zwei dunklen Mädchenaugen ein langer Blick über das alte Haus geglitten , so voll bitterer Enttäuschung , so voll schmerzlicher Reue , daß Beate trotz aller Erleichterung vor Mitleid das Herz geschwollen war . Arme , kleine , trotzige Prinzessin ! Beate ertappte sich darüber , daß sie da noch immer vor dem Spiegel stand und an den Hutbändern knüpfte . Sie seufzte tief auf . Gottlob , es war Friede im Hause ! Dort oben wehte die kräftige Waldluft den letzten Hauch von dem durchdringenden Parfümgeruch aus dem Zimmer der Frau von Berg , und die Hausmädchen hatten längst die Scherben eines kostbaren Kristallglases fortgeräumt , das die alte Prinzessin in ihrem Jähzorn gegen den Kachelofen geschleudert hatte . Auf dem Rasenplatz wurden die Betten gelüftet . Morgen würde alles sein wie früher – gottlob ! » Verzeiht mir « , sprach sie mit heller Summe , als sie ein paar Minuten später in das Wohnzimmer trat , wo Klaudine durch das Fenster blickte , während Lothar gedankenvoll vor dem Bilde seines Vaters stand , um die ganze Zimmerlänge entfernt von seiner Braut . » Verzeiht , ich komme etwas spät . Man hat euch doch den Kaffee gebracht ? Nun , ich wäre bereit zur Fahrt ! « Lothar ging erst jetzt gemessen auf seine Braut zu und bot ihr den Arm wie auf einem Hofball : » Eine Fahrt in der freien Luft wird Ihnen gut tun , Klaudine . « Wie ? Sie nannten sich nicht einmal » du ! « Beate fing an , sich wirklich zu ärgern über diese förmlichen Menschen . » Bitte , Lothar « , erwiderte Klaudine , » geben Sie Befehl , nach der Fahrt am Eulenhause zu halten . Ich sehne mich nach Ruhe – ich fühle mich noch matt . « » Ja , natürlich ! Wir müssen doch noch Joachim einen Brautbesuch machen « , war die Antwort . Es war eine recht stille Fahrt . Als der Wagen den Abhang hinunterrollte dem Tale zu , aus dem die roten Dächer dss kleinen Badeortes schimmerten , lehnte sich Klaudine seufzend zurück . Auch das noch ! Sie hatte es geahnt , er wollte sie zeigen – als seine Braut . Von dem Kurhause schallten die Klänge eines Walzers herüber , als sie in die Allee einbogen . Auf dem freien Platze , in dessen Mitte der Musiktempel sich erhob , standen zahlreiche Tischchen , mit rot und weißen Decken belegt . Die ganze vornehme Kurgesellschaft saß dort plaudernd an einer riesigen Tafel , die der Oberkellner mit Argusaugen hütete , damit ja kein Unwürdiger sich an ihr niederlasse . Heute war keiner der Sitze leer , und die Unterhaltung , so lebhaft wie lange nicht , betraf die gestrigen Ereignisse in Altenstein . Die Mär von der Ungnade der Herzoginmutter gegen ihren früheren Liebling war auf aller Lippen , natürlich entstellt , nicht zum Wiedererkennen vergrößert und verschlimmert . Nach der einen Lesart sollte die alte Herzogin Klaudine geboten haben , sofort das Schloß zu verlassen , die andere wußte von zurückgezogener Pension , ein dritter behauptete , die schöne Gerold habe es zu erzwingen gewußt , daß sie noch bei Tafel erscheinen durfte , und betont , daß der Herzog der Regierende und der allein Befehlende sei . Oh , unglaublich ! Und dazu der Blutsturz der Herzogin ! Die arme Frau , die arme Frau ! Vor Kummer und Aufregung natürlich ! Dem Herzog konnte man ja schließlich das Abenteuer nicht einmal übelnehmen , wenn Klaudine so leichtsinnig war . Man zuckte die Achseln und lächelte über die arme , betrogene Frau , die geglaubt hatte , eine Freundin an ihr zu besitzen . » Oh , schauderhaft ! « klagte eine ältere Baronin . » Wie es wohl herausgekommen ist ? « » Wie nur Baron Gerold diese Sache auffaßt ? Er sah aus wie eine Leiche , als die alte Herzogin die Gerold so abfallen ließ . « Ein Gewirr von Stimmen erhob sich auf diese Worte . Aber auf einmal ward es still , irgendwer hatte gesagt : » Das ist ja der Neuhäuser Wagen ! « Man gab sich den Anschein , als ob man über irgend etwas anderes angelegentlich spräche . Die Damen wandten sich zu einander und bewegten die Fächer , aber aller Augen waren dorthin gerichtet , wo das Gefährt sich näherte . Die schönen Rappen vor dem Wagen tänzelten unter den Klängen des Walzers daher , Kutscher und Diener auf dem Bock leuchteten in tadellosen blaugelben Livreen , und da im Rücksitz ? An der langen Tafel flogen plötzlich sämtliche Hüte von den Köpfen , die Herren waren aufgesprungen , die Damen grüßten und nickten liebenswürdig . Was , um Gottes willen , Klaudine von Gerold – den Arm in der Binde , neben Fräulein Beate ? Und ihr gegenüber der Baron ? Langsam , sehr langsam fuhr jetzt der Wagen vorbei und hielt vor der Tür des Kurhauses . Zwei Herren der Gesellschaft stürzten herbei , ein junger Husarenoffizier und der schwermütige Gesandtschaftsattaché . Der Leutnant wollte sich nach dem Befinden der Herzogin erkundigen , seiner hohen Tischnachbarin von dem Neuhäuser Feste , und da er wohl annehmen dürfe , Fräulein von Gerold sei am besten unterrichtet , so – und so weiter . Der Gesandtschaftsattache hatte andere Absichten , er kam auf den geflüsterten Wunsch Ihrer Exzellenz : » Man müsse doch wissen , was das zu bedeuten habe – « » Die Herzogin befindet sich besser « , erwiderte Klaudine freundlich . » Aber , gnädiges Fräulein scheinen verletzt ? « fragte der Attache und drehte den Schnurrbart . » Eine kleine , unbedeutende Verletzung , Herr von Sanders « , nahm Lothar das Wort . » Ich denke , meine Braut wird den Arm bald wieder – O Verzeihung ! Ich vergaß zu sagen , daß Sie hier ein nagelneues Brautpaar vor sich sehen . Wir verlobten uns gestern abend . Eine Überraschung , nicht wahr , meine Herren ? « Er drückte sich mit den Herren die Hände , und Glückwünsche und Dankesworte flogen hin und her . Klaudine trank indes und gab das Glas zurück . » Weiterfahren ! « befahl jetzt Lothar , zog den Hut vom Kopf und , verbeugte sich gemessen gegen die Herrschaften um den Tisch . In den nächsten Minuten hatte der jetzt rasch dahinrollende Wagen den einsamen Waldweg erreicht . Dort an dem Tische vor dem Kurhause schwiegen plötzlich sämtliche Zungen . Erst ganz allmählich faßte man sich . Oh , wie das jetzt anders klang ! » Nun « , erklärte die alte Exzellenz würdevoll , » ich habe es ja gleich gesagt , an all dem Gerede war nichts ! « » Ach Gott , es wird so viel gesprochen « , seufzte die gefühlvolle Baronin . » Wer hat es denn eigentlich aufgebracht ? « » Antonie von Bohlen hat es mir heute geschrieben « , sagte eine der hübschen Komtessen Pausewitz , » doch ich sollte nicht darüber sprechen . « » Aber so erzähle doch ! « rief die Gräfinmutter , ärgerlich über diese Diskretion . » Klaudine Gerold hat sich die Pulsader aufschneiden lassen , weil die