sei wie eine solche ! Sie mußte es geheim halten wie ein Ver ­ brechen , daß sie einen großen , edlen Menschen kennen gelernt — sie mußte es mit einem wissenschaftlichen Interesse beschönigen , daß sie zu einem Leidenden , Hilfsbedürftigen gegangen war . Sie fühlte die Lüge als eine Entwürdigung und die Notwendigkeit derselben als eine ihr plötzlich unerträgliche Fessel . Und das Alles erst seit heute . — Der eine Tag hatte das Bedürfnis der Selbstständigkeit in ihr geweckt und das war das größte Unglück , das ihrem ahnungslosen Oheim widerfahren konnte , aber nicht das einzige , das ihn heute erwartete . Als er auf sein Zimmer kam , fand er die von Frau Willmers angekündigten Briefe vor . Den ersten , den er in die Hand nahm , erbrach er sogleich , er war von seiner Tochter Gretchen und lautete : „ Mein lieber Vater ! In acht Tagen feiere ich nun meinen fünfzehn ­ ten Geburtstag und nächsten Monat ist meine Lernzeit um und ich soll als Lehrerin in das Pensionat eintreten . Ich will noch einmal meine bittende Stimme zu Dir erheben und Dich anstehen : lieber Vater , nimm mich zu Dir ! Ich will Dir ja nicht zur Last fallen , — aus meinen Zeugnissen wirst Du ersehen , daß ich Alles verstehe , womit ein junges Mädchen sein Brot erwerben kann . Tausendmal segne ich Dich dafür , mein geliebter Vater , daß Du mich zu einem nützlichen Gliede der menschlichen Gesellschaft erziehen ließest . Ich will als Dienerin bei meiner Cousine eintreten und für meinen Unterhalt bei ihr arbeiten , wenn ich nur bei Dir sein kann ! Ach , laß Dich doch endlich erweichen ! Du erwiderst mir nur immer auf alle Bitten , ihr schlechtes Beispiel , ihr Unglaube und ver ­ härtetes Gemüt würden mich verderben . Das wäre aber gewiß nicht der Fall , lieber Vater , — ich bin , Dank meinen edlen Lehrerinnen , so fest im Glauben und in allem Guten erzogen , daß dies eine Beispiel mir nicht schaden kann , besonders wenn ich sehe , wie mein armer Papa unter den schweren Pflichten der Vormundschaft über solch unlenksames Wesen leidet ! Warum mußte auch der selige Onkel Hartwich Dir diese undankbare Aufgabe erteilen ! Aber , liebster Vater , sie würde Dir leichter werden , wenn Du mich Dir dabei helfen ließest . Ich würde gewiß nichts unversucht lassen , um ihr Herz zu rühren und dem Guten wieder zuzuwenden , und wenn sie noch so böse gegen mich wäre , — ich würde sie durch Geduld und Demut entwaffnen . Und wenn mir auch das Alles nicht gelänge , Dir , mein Vater , könnte ich doch etwas sein . Ach , wie himmlisch wäre es , wenn wir Abends nach vollbrachtem Tagewerk noch in Deinem Stübchen ganz uns selbst leben dürften . Ich würde mich zu Deinen Füßen setzen , Dir vorplaudern und Dir meine Zeich ­ nungen und Malereien zeigen . Aus dem reichen Schatz Deiner Kenntnisse schöpfen und Dich aufheitern durch meinen unverwüstlichen eigenen Frohsinn . Und zuletzt würde ich meinen Kopf an Dein liebes , so viel verkanntes Vaterherz legen , das wohl Niemand so versteht wie Dein Kind , dem Du es so oft in seiner reichsten Liebesfülle gezeigt — da würde ich einschlummern selig , ruhig , wie in jenen schönen Tagen der Kindheit , als Du mich noch mit der Sorgfalt einer Mutter in Deinen treuen Armen wiegtest ! — Ach Vater , Du bist mir ja Alles auf der Welt . Die Mutter , die mich so früh verließ , die Dich gegen einen andern , gegen einen Mann vertauschen konnte , der so tief unter Dir steht — die Mutter ist mir fremd , ich kann mir kaum ein Bild von ihr machen , geschweige denn ein schönes oder liebes ! Du , Du bist mir Mutter , — Vater , — Alles ! Du hast mich gepflegt und gewartet . An Deinem Bette stand meine Wiege , Dein Auge lächelte mich an , wenn ich erwachte . Dein Atem umfächelte mich , wenn ich schlief . Kein hartes Wort hast Du mir je gegeben , kein verweisender Blick hat mich je erschreckt , in immer gleicher Milde und Geduld hast Du das wilde Kind belehrt , das Dir , dem hohen , geistvollen Manne wohl manche Ungelegenheiten bereitete mit seinen Albernheiten . Und end ­ lich hast Du mich von Dir gelassen , damit ich zu etwas Tüchtigem ausgebildet werde , da uns das Schicksal zwingt , unser Brot zu erwerben . Du hast mich von Dir gelassen , aber ich sah es an Deinem brechenden Blicke beim Abschied , daß dies das schwerste Opfer war , das Du für mich brachtest , daß ich Dein ganzes Herz mit mir nahm . Vater , Du tatest es für mich , Du hast mich seit fast sieben Jahren entbehrt aus Liebe zu mir . Und ich habe gelernt und gearbeitet , so sehr ich konnte , um bald , recht bald wieder bei Dir zu sein , — und nun , wo ich so weit wäre , daß ich Dir ein wenig , nur ein ganz klein wenig vergelten könnte , was Du für mich getan , gesorgt und gelitten , nun willst Du mich nicht in die treuen Arme eilen lassen aus Furcht vor dem ohnmächtigen Einfluß Deiner Mündel ! Nein Vater , Du wirst , Du mußt mich hören . Die Tränen , welche die Schrift Deines letzten Brie ­ fes verwischt hatten , sind mir heiß auf die Seele gefallen . Es waren Tränen der Sehnsucht , die Du Deinem Kinde geweint , leugne es nicht ? Und nicht ruhen werde ich , bis Du Dein eigenes Herz erhört . — Ach Vaterchen , Du wirst eine Freude haben , wenn ich komme : Ich bin größer und stärker als unsere Lehrfräuleins . Sie sagen Alle , ich sei meinem Alter weit voraus , man könne mich für achtzehn Jahre halten . — Du mußt mir dann den Arm geben und mich spazieren führen . Ach , welch ein Gedanke — am Arme meines Vaters durch die Welt spazieren ! Wird denn der Himmel so hoch sein , daß mein Stolz darunter Platz hat ? Und Ernestine , die wird schon nicht so schlimm sein , wenn ich ihr tüchtig an die Hand gehe . Sie war doch als Kind nicht böse gegen mich — ich kann mir gar nicht denken , daß sie so ausgeartet ist . Wie kann ein junges Gemüt unter den Händen eines solchen Pflegers schlecht werden ? ! Ich küsse im Geiste diese geliebten , guten Hände ! O die Glückliche , — sie hat meinen Vater zum Erzieher ! Soll ich ihr ein Glück gönnen , dessen sie sich so wenig würdig macht ? Nein , ich gönne es ihr nicht ! Ich neide ihr ja weder ihre Talente , noch ihren Reichtum — aber meinen Vater , den neide ich ihr , den darf ich ihr neiden ! Ihr gehört Deine Zeit , Deine Sorge , ihr widmest Du Dich ganz , und Dein eignes Kind mußte ferne von Dir unter Fremden aufwachsen und gäbe gern Alles , was es besitzt , um einen einzigen Blick des Vaterauges ! “ — Leuthold konnte nicht weiter lesen . Wie ein Wurm zur Erde gekrümmt , brach er zusammen unter der Wucht der Anklagen , die dem schuldlosen Geschöpf unbewußt aus der Feder geflossen waren . Der Don ­ nerkeil eines Gottes hätte kein vernichtenderes Strafgericht über ihn verhängen können , als die süße , gläu ­ bige , engelreine Liebe seines Kindes ! Er war auf die Knie gesunken und küßte den Brief wieder und immer wieder . Seine Tränen flossen unaufhaltsam . „ Mein Kind , mein Kind ! “ schrie er laut auf , und brennende , verzehrende Sehn ­ sucht folterte ihn bis zum Wahnsinn . Bittere Reue überkam ihn in diesem Augenblick der Schwäche . Er hatte sein Gretchen , sein Bestes , — Teuerstes von sich verbannt . Warum ? Weil er es zu sehr liebte , um es in den Ideen zu erziehen , die er seiner Mün ­ del einprägte , weil er die Atmosphäre um Ernestine so mit falschen Lehren vergiftet hatte , daß er sein Kind sie nicht mit einatmen lassen wollte . Und wiederum , warum hatte er das getan ? Weil er Gretchen zu sehr liebte , um es arm und abhängig zu wissen , weil er ihm das Erbe zurückerobern wollte , das schon sein war , um das er so unverhofft gekommen , und weil es hiezu nur ein Mittel gab : die Besitzerin dieses Vermögens für die Welt unmög ­ lich zu machen , damit nichts ihre Person und ihr Eigentum seiner Gewalt entriß . Aber wenn er solch einen Brief bekam , aus dem die ganze Liebe , der ganze Schmerz des verbannten Mädchens über ihn hinströmte — da regte sich etwas in seiner Brust , das ihm die Frage aufdrängte , ob er seine Vaterliebe nicht besser betätigen konnte ? Ob er diesen Engel nicht entweihe , indem er ihn durch Verbrechen glücklich machen wolle ? Ob die Seligkeit , ein solches Kind zu erziehen , nicht alle Reichtümer der Welt aufgewogen hätte ? Und dann begann er zu rechnen und zu vergleichen , und es stimmte nie , die Jahre der Trennung von dieser Tochter waren nim ­ mer und mit nichts zu decken . Es waren seltene Stunden , wo er , wie der Sünder vor seinem Richter , vor dem Blicke seines Kindes im Geiste die Augen niederschlug , aber sie kosteten ihn jedesmal ein Stück Leben . Sein Scheitel war vollends kahl geworden , die Kraft seiner Seele gebrochen in den langen Jahren voll Zwang und Heuchelei , voll Verbrechen und Furcht vor Entdeckung , er hoffte nichts mehr für sich — nur für Gretchen . — Und wenn er sich dennoch verrech ­ net hätte ? Und wenn ein tückischer Zufall ihn noch im letzten Augenblick zum zweiten Mal um die Frucht dieser unermeßlichen Opfer brächte ? — Der Pfad der Sünde hatte ihn bisher von seiner Tochter getrennt , — konnte derselbe ihn ihr wieder zuführen ? Kalter Tau bedeckte seine schmale hohe Stirn , als er seiner Gewohnheit gemäß mit der zitternden Hand darüber hinfuhr . Er war einer der erbärm ­ lichsten , einer der Menschen , die nicht den Mut haben , ganz gut — oder ganz schlecht zu sein ! Der Nachtwind pfiff scharf durch das offene Fenster herein , das elende Geschöpf fing an zu frieren in seinem Angstschweiß . — Er erhob sich , hüllte sich in einen Schal , schloß das Fenster und trat zum Tische , wo der zweite Brief noch unerbrochen lag . Er zeigte die Schriftzüge des Werkmeisters der Unkenheimer Fabrik . Leuthold legte ihn hin — er hatte nicht den Mut , ihn zu lesen . „ Was wird er wieder zu berichten haben ? “ jammerte er völlig verzagt . Endlich ermannte er sich : „ Was sein muß — muß sein ! “ Er entfaltete das grobe Papier und las , während Leichenblässe sein Gesicht überzog : Unkenheim , den 22. Juli 18 .. Hochgeehrter Herr Prinzipal ! Sie hätten mir glauben sollen , daß es mit der Wasserleitung aus der elenden Quelle nichts war . Es sind nun bald zwanzig Jahre , daß Sie mich in der Fabrik anstellten , und ich habe Ihnen , denke ich , be ­ wiesen , daß ich meine Sachen verstehe . Es ist eben ein schlimmes Ding , so ein großes Unternehmen aus der Ferne zu leiten , das sagt ich Ihnen auch , als Sie die Sache wieder an sich brachten , aber Sie glau ­ ben mir ja nie . Wenn das Geschäft ruhig in seinem früheren Geleise fortgegangen wäre , hätten wir einen bescheidenen , aber sicheren Schnitt gemacht . Aber so sollte sich mit Teufelsgewalt das Kapital auf hundert Prozent verzinsen , weil Sie immer in der Angst sind , Ihre Mündel könnte einmal den Braten riechen und ihr Vermögen zurückverlangen oder gar heiraten und Sie könnten ’ s mit einem halsstarrigen Ehemann zu tun bekommen , der noch weniger Umstände machen würde als Fräulein Ernestine . Deshalb mußten von Anfang an so ungeheure Spekulationen gemacht wer ­ den und Alles sollte im Handumdrehen einschlagen . Ich sagte Ihnen gleich : wir haben keinen genügenden Abfluß für eine so großartige Anilinfabrikation.35 Da ruhten Sie nicht , bis der teure Abzugskanal ange ­ legt wurde und bald genug zeigte sich ’ s , daß er zu wenig Fall hatte und die Jauche drin stehen blieb . Nun meinten Sie , eine Wasserleitung solle den Unrat mit fortschwemmen . Wieder wurde Geld hinaus ­ geworfen und wieder unnütz . Der dürre Sommer hat die Quelle vertrocknet , sie war immer spär ­ lich — jetzt ist sie ganz ausgeblieben . Die ungeheuren , noch nicht bezahlten Vorräte liegen da und können nicht verarbeitet werden , denn es erheben sich bereits wieder Stimmen von „ Brunnenvergiftung “ im Dorfe , der Abfluß fängt also abermals an durchzusickern . Der Bürgermeister droht mit dem Prozeß . Wenn das nötige Wasser nicht bald herbeigeschafft wird , verklagt mich die Gemeinde und ich kann weder Sie noch mich vor der Entdeckung schützen . Es fällt den Leu ­ ten ohnehin auf , daß sich der italienische Herr , der damals die Komödie spielen und die Fabrik für Sie kaufen mußte , gar nicht mehr sehen läßt . Es wird so allerhand gemunkelt : es sei gar nicht der wahre Eigentümer und Gott wisse , wer dahinter stecke . Wir haben also mehr denn je Vorsicht nötig ! Es hilft nichts , Sie müssen in den sauern Apfel beißen und die Wasserleitung bis zum Walde ver ­ längern , dort wissen wir sicher , was wir haben . Mit dem Nachgraben und Quellensuchen ist es nichts — es wird dabei im Kleinen mehr Geld verzettelt , als auf die andere Art im Großen . Ich weiß nicht , was Sie an Barem vorrätig haben — reicht es nicht zu dieser letzten großen Ausgabe hin — dann sind Sie binnen weniger Wochen in Gant.36 Wahrlich ohne meine Schuld ! Ich habe auch kein Geld mehr für die Wochen ­ löhne und ich glaube , es wäre gerade im jetzigen Augenblick gut , wenn wir dieselben fortbezahlten , selbst so lange die Arbeit eingestellt ist , um die Leute bei Laune zu erhalten . Sie werden wieder ihren ganzen Zorn auf mich werfen , — ich sage Ihnen aber — ich lasse mir nichts mehr gefallen . Ich war ein un ­ bescholtener Mann , bis Sie den Versucher spielten und mich zu Ihrem Mitschuldigen machten . Aber deshalb bin ich doch noch nicht zum Schuft an Ihnen , meinem Prinzipal , geworden , wenn ich auch , Gott sei ’ s geklagt , zum Schuft am Gesetz wurde . Es ist mit Ihnen wie mit dem Herrn Neuenstein , der machte auch nur Bankrott , weil er nicht auf mich hören wollte , aber der war doch ein ehrlicher Mann — be ­ zahlte auf Heller und Pfennig und hatte Niemandes Auge zu scheuen . Wenn Sie zu Grunde gehen , so ziehen Sie Ihre Mündel , mit deren Geld Sie wirtschaften , auch ins Verderben , und mich armen Teufel mit ! Es heißt nicht umsonst : Unrecht Gut gedeiht nicht ! Gott erbarme sich ! Es grüßt Sie achtungsvoll Clemens Prücker Werkmeister Das war zu viel auf einmal : — „ Mein Kind , mein Kind — ich habe umsonst für Dich gesündigt , gefälscht , unterschlagen ! Wird der Himmel hoch ge ­ nug sein für Deinen Stolz auf solch einen Vater ? “ stöhnte er und wieder fiel er in sich zusammen — der Kopf sank auf die Stuhllehne zurück , das Bewußtsein verließ ihn . Der Tag graute , als er die Augen aufschlug , der widerliche Geruch ausgebrannter Kerzen erfüllte die Luft . Seine Glieder waren steif und wie ver ­ renkt von der unbequemen Lage , der Frost schüttelte ihn . Er sah sich um und dehnte sich . Dann ver ­ suchte er zu gehen , Hände und Füße waren ihm ein ­ geschlafen , er schwankte wie ein Träumender im Zimmer umher . Endlich fiel sein Blick auf die Briefe . Er nahm sie auf und ging damit zum Schreibtisch . Er legte sie in ein verborgenes Fach , dann holte er eine Kassette hervor und prüfte ihren Inhalt . Sie enthielt Staatspapiere und einige Rollen baren Geldes . Die Sonne schien bereits hell zum Fenster herein , als der bleiche Mann noch saß und zählte und rechnete . Endlich steckte er den ganzen Inhalt der Kasse in eine lederne Reisetasche und zog die Glocke . Ein Diener erschien . Leuthold befahl ihm , anspannen zu lassen und zu packen , was an Kleidern für eine Reise von einigen Tagen nötig sei . Als er hörte , seine Nichte sei wach , begab er sich zu ihr : „ Guten Morgen , Ernestine ! “ sagte er , „ wie geht es Dir ? “ „ Das möchte ich eher Dich fragen , Oheim ! “ erwiderte sie — „ Du siehst ja aus , als wärst Du eben dem Grabe entstiegen ? “ „ O , es hat nichts zu sagen . Ich habe lange ge ­ wacht . Der Werkmeister von Unkenheim bat mich im Namen meines italienischen Freundes , doch schnell nach der Fabrik zu sehen , wo Alles schief geht . Ich halte es für meine Pflicht , mich um die Sache zu kümmern , da ich von früher noch mit den Verhältnissen dort bekannt bin und ihm leider zu dem Kaufe geraten habe . “ „ So willst Du hinreisen ? “ fragte Ernestine mit einer geheimen Freude , über die sie sich nicht Rechen ­ schaft gab . „ Ja , ich muß Dich auf einige Tage verlassen , so schwer es mir fällt . Versprich mir aber noch , be ­ vor ich gehe , daß Du den bewußten Abschnitt fertig machst , bis ich zurückkomme . Laß Dich durch nichts abhalten . Wenn Du Dich auch unwohl fühlst , Du weißt ja , das hat bei Dir nichts zu sagen — mit Willenskraft überwindet man jede Schwäche . Im Notfall nimm Chinin.37 Nun — darf ich mich freuen ? Darf ich hoffen , das Kapitel fertig zu finden ? “ „ Ja , Oheim — ich verspreche es Dir und es wäre wohl das erste Mal , daß ich mein Wort nicht hielte . “ „ Nun so leb ’ wohl , mein Kind ! Ich muß eilen , daß ich rechtzeitig zur Station komme . Laß Dich durch nichts stören , hörst Du ? Durch nichts ! “ Er eilte von dannen und suchte noch die Willmers auf . „ Frau Willmers “ , raunte er ihr zu : „ Ich verlasse mich darauf , daß Sie jeden etwaigen Besuch von dem Fräulein ferne halten — sei es , wer es wolle . Entdecke ich bei meiner Rückkehr die geringste Überschreitung meines Befehls , so sind Sie entlassen . Wann ich wieder komme , kann ich Ihnen nicht sagen . Handeln Sie immer so , daß Sie keine Überraschung von mir zu fürchten haben , denn ich kann jede Stunde unverhofft vor Ihnen stehen . “ „ Verlassen Sie sich nur ganz auf mich , Herr Professor “ , versicherte Frau Willmers und Leuthold warf sich in den Wagen . „ Nun denkt der schlaue Patron : das heilige Grab sei wohl verwahrt , — und er könne ein zweiundzwanzigjähriges Mädchenherz unter Schloß und Riegel legen ! Wie dumm doch oft die klugen Leute sind ! “ So meinte Frau Willmers in ihrem schlichten Sinn . Fünftes Kapitel . Verschämte Geistesarme . „ Dein neuer Frack ist vom Schneider gekommen . “ Mit diesen Worten empfing die Professorin Herbert den eintretenden Gatten . „ So , wo ist er ? “ fragte dieser mürrisch . „ Im Schlafzimmer auf dem Bett . “ „ Auf dem Bett ? “ fuhr der Gatte sie an : „ Daß er gleich voll Federn wird ? Wie ungeschickt ! “ Die Frau schlug die Augen nieder und schwieg . Herbert eilte in das bezeichnete Gemach , um das ge ­ fährdete Gut zu retten . — Das Wohnzimmer des Professor Herbert war klein und ziemlich nieder , doch trug es auf den ersten Blick einen Anstrich von Eleganz . Sofa und Stühle waren mit feinem Wollstoff bezogen — die Gardinen reich gestickt , ein festgeschlossener großer Spiegelschrank schien das Silber zu verwahren und auf dem Tisch war eine weiße Marmorplatte . Bei näherer Untersuchung fand es sich indessen , daß die schönen Möbel mit Seegras gepolstert , die Gardinen schadhaft und die Löcher darin nicht gestickt , sondern mit Kleister zugeklebt waren , daß der sogenannte Silberschrank nichts barg als wertloses Hausgerät nebst den Resten der Mahlzeiten , welche die sorgsame Hausfrau vor dem hungrigen Dienstmädchen wegschließen mußte und daß die Marmorplatte auf dem Tisch lackiertes Holz war . Selbst der Lehnstuhl am Fenster , in wel ­ chem die offenbar kränkliche Frau saß , war so hart wie eine Steinbank . Das Einzige , was wirklichen und zwar bedeutenden Wert hatte , war eine Samm ­ lung jener bekannten altenglischen Kupferstiche , 38 Szenen aus Shakespeares Dramen und der römischen Ge ­ schichte darstellend , welche die Wände des Zimmers bedeckten . Diese alten Bilder waren eine Liebhaberei des Professors Herbert , und er gehörte zu den Männern , bei denen es sich von selbst versteht , daß die Bedürf ­ nisse der Frau und des Hauses ihren Liebhabereien zurückstehen müssen . Die Professorin Herbert war eine jener unglück ­ lichen Frauen , die im Gefühl der Last , welche sie ihrem Gatten sind , Alles , auch das Ungerechteste ertragen zu müssen glauben , die sich verpflichtet halten , ihren Eheherrn beim Aufstehen und Schlafengehen um Verzeihung für ihr mißliebiges Dasein zu bitten . Wer diese stille Frau mit dem fest verbundenen Gesicht , auf dem jedes Leiden seine Furchen eingegraben hatte , am Fenster sitzen und ihrem Manne die strohgelben Glacés flicken sah , in denen er am Abend zuvor den galanten Salonästhetiker spielte , während sie daheim in Schmerzen lag , — dem trat das ganze Bild weib ­ lichen Elends an der Seite eines kalten Egoisten vor Augen . „ Der arme Professor Herbert “ , sagte die Gesell ­ schaft , „ welch ein Unglück für einen Mann , eine so kranke Frau zu haben ! “ Wer tiefer in diese Ehe geblickt , der hätte sagen müssen : „ Welch ein Unglück für eine kranke Frau , einen solchen Mann zu haben ! “ Die Beklagenswerte selbst dachte indessen nicht so , sie wäre am liebsten gestorben , nicht nur um von ihren Schmerzen erlöst zu werden , sondern um ihren Mann von ihrem Anblick zu befreien . In ihrem innersten Herzen verachtete sie seinen Egoismus , seine Gefühllosigkeit . Sie wußte wohl , daß ein edlerer Mensch Nachsicht und Geduld mit ihr gehabt hätte , da sie doch den schwersten Teil zu tragen hatte — aber sie war zu sehr in der Furcht vor ihm , um sol ­ chen Gedanken Ausdruck zu geben . Ein Schmerz , der beständig nagt und den Körper untergräbt , lähmt auch allmälig jede Seelenkraft und so war hoffnungsloses Dulden noch die einzige Stärke der unglücklichen Frau . Professor Herbert trat in seinem neuen Frack wieder ein und betrachtete sich vor dem großen Spiegel . „ Er sitzt gut , nicht wahr ? “ fragte er . „ Sehr gut ! Er ist aber auch sehr teuer . “ „ Ist die Rechnung dabei ? “ „ Hier ist sie ! “ „ O , es ist nicht so schlimm , Hecht ist auch der eleganteste Schneider der Stadt . “ Ein bitterer Zug spielte um den Mund der Pro ­ fessorin und sie konnte sich nicht enthalten zu sagen : „ Wenn ich denke , daß Du mir neulich den so notwendigen Schal weigertest , der die Hälfte kostete und — “ „ DeineToiletten wandern in die Apotheke , meine Gute “ , versetzte Herbert giftig . „ Meine Toiletten ! “ wiederholte die Frau , „ wenn Du je mit mir ausgehen müßtest , Du würdest Dich meiner schämen , so dürftig ist meine Kleidung . “ „ Von einer kränklichen Frau , deren Pflege den Gatten Summen kostet , fordert Niemand großen Luxus ! “ Frau Herbert sah ihren Mann mit einem ein ­ zigen , unbeschreiblichen Blicke an — aber sie schwieg . Eine Minute lang bog sie den müden Kopf an die harte , steife Stuhllehne zurück , sie hielt jedoch die schlechte Lage nicht aus und nahm dann ihre Arbeit wieder auf . Auch dabei kam ihr eine schmerzliche Erinnerung , wie der Arzt ihr dringend einen bequeme ­ ren Sessel angeraten hatte , um in aufrechter Stellung schlummern zu können , wie aber auch dies kleine Opfer gleich allen andern verweigert worden war ! — Da ging die Tür auf und herein flog , flatterte , rauschte ein Wesen : halb Kind , halb alte Jungfer , halb Schmetterling , halb Fledermaus . Um ihr Haupt wogte wild eine Fülle mattblonder Locken . Eine breite Stumpfnase gab ihrem Gesicht etwas Naives , Jugendliches , was der lüsterne verschmitzte Ausdruck ihrer enggeschlitzten Augen und ihrer farblosen eingefallenen Wangen Lügen strafte . Ebenso glichen ihre kurzen , weit auseinanderstehenden Zähnchen denen eines acht ­ jährigen Kindes , welches eben erst geschichtet hat , wäh ­ rend die Falten um die schmalen , aber stets weit ge ­ öffneten Lippen auf ein Alter von einigen dreißig Jahren hinwiesen . Das Körperchen , auf welchem der seltsame Kopf mit der ungeheuern Lockenmähne saß , war zart und schmächtig , wie das eines halbwüchsigen Mädchens , die Hände klein , aber runzelig , wie die einer Greisin . Ihr Anzug bestand in leichten , fliegen ­ den Gewändern , — von ihrem runden Strohhut wallten hellbraune lange Bänder hernieder . Gang , Sprache , Haltung waren leicht , schäkernd sylphenhaft ! Es ergab sich auf den ersten Blick , daß sich dieses Wesen hochpoetisch , hochbegabt , reizumflossen fühlte und daß , wenn es auch in Wirklichkeit einige Dreißig alt war , es doch nur sechszehn Jahre sein wollte ! — Solch ein Geschöpf ist nur denkbar mit einer Noten ­ - oder Zeichenmappe in der Hand und einem mystischen Naturgesetz zufolge fehlte ihr dieselbe auch nicht . — „ Brüderchen ! “ rief sie auf Herbert zugaukelnd , „ wie schön Du bist in dem neuen Fräckchen ! Ei , ei ! Ziehst Du ’ s heute Abend ins Kränzchen an zu Möllners ? Ja ? “ Sie legte trällernd ihre Mappe , Hut und Handschuhe ab . „ Jufallera , jufallera ! Ach ich bin heute so vergnügt , ich möchte nur singen , gar nicht mehr sprechen . “ Dann stimmte sie den Refrain des reizenden Taubert ’ schen Liedes an : „ Weiß nicht , weiß nicht — ich muß nun einmal singen ! “ 39 Da fiel ihr ein , daß sie die Gattin ihres Bruders noch nicht begrüßt hatte . „ O , liebe Ulrike , verzeih ’ , daß ich Dich nicht gefragt , wie es Dir geht ! Noch nicht besser ? O ! Ach , Deine Elsa ist heute wieder so mächtig er ­ regt — es ist mir so — ich weiß nicht ! Es flutet und wogt in meinem Busen , so — so maienhaft ! Ich muß schnell an die Arbeit — heute — ich fühl ’ s — in dieser Stimmung werd ’ ich etwas schaffen ! “ Und mit diesen Worten wollte sie zu den selige ­ ren Gefilden ihres eigenen Zimmers entschweben , als Herbert , der mittlerweile seinen Frack gegen ein weißes Sommerröckchen vertauscht hatte , sie zurückrief : „ So bleib ’ doch und laß ein vernünftiges Wort mit Dir reden . “ Sie blieb stehen . „ Was willst Du denn eigentlich schaffen ? Man kann Dich ja nie Dir selbst überlassen . “ Sie hüpfte zu dem Bruder und legte neckisch den Fin ­ ger auf den Mund , ihm mit Schelmerei in die Augen schauend : „ Brüderchen , ich werde Dich überraschen ! Ich habe eine Idee ! “ „ Sei so gut und laß die Albernheiten , Du wirst wohl nicht mit Deinem eigenen Bruder kokettieren wollen . Sag ’ mir , welche Idee Du hast , es wäre die erste brauchbare , die in Deinem Kopfe entstanden ! “ „ O Du ungalanter Bruder , Du ! “ schmollte die lieblich Erzürnte , „ Deinem Schwesterchen so weh zu tun ! Doch wenn Du befiehlst , so will ich gehorchen und Dich in das stille Walten einer Dichter- und Malerseele blicken lassen . Ist doch Gehorsam die süße Pflicht , in der sich jedes Mädchen üben muß , damit es dereinst einen Gatten glücklich machen kann . “ „ Nun also zur Sache ! “ rief Herbert ungeduldig . Elsa schlug verschämt die Augen nieder und stam ­ melte in reizender Künstlerschüchternheit errötend : „ Professor Möllner sagte neulich scherzhaft zu mir , als ich ihn fragte , welche Schriftstellerin ihm die liebste sei : , Diejenige , welche das beste Kochbuch schreibe ! ’ So will ich denn dem bösen Schäker zei ­ gen , daß ich auch das kann . — O , er wird staunen