ihrem Salon gesungen , und gerade dieser lachende kokette Schluß hatte ihre Gäste stets in höchstes Entzücken versetzt . Diesmal brachte es eine entgegengesetzte Wirkung hervor . Frau v. Bendeleben riß die Tür auf und stand ihrer Tochter plötzlich gegenüber , mit einer so drohenden Miene , daß der heitere , sonnige Ausdruck von dem schönen Gesicht beinahe verschwand . Ich sah nur noch , wie sie das Notenbuch , in dem sie geblättert , auf den Flügel warf , und hörte Frau v. Bendelebens atemlose , bebende Stimme , mit der sie fragte : » Du kannst heute singen ? « Dann wurde die Tür geschlossen , ich entfernte mich rasch und ging in meines Onkels Zimmer . Ich reichte ihm die Hand , sagte ihm , daß ich von heute an nicht mehr sein Sohn , daß ich gerichtlich von Ruth getrennt sei , und bat ihn , mir als Onkel nicht die ganze Zuneigung zu entziehen , die ich ehedem in so reichem Maße besessen hatte . Er sah ergriffen aus und erwiderte leise , er habe gehofft , es würde nicht zum Äußersten kommen . Er habe noch darauf gerechnet , daß das Kind uns diesen Schritt als zu schwer erscheinen lassen würde , da es doch gewiß niemand von uns beiden missen wollte . Ich sah , er wußte noch nicht , wie die Entscheidung ausgefallen war . » Hast du Ruth denn noch nicht gesprochen seit ihrer Rückkehr aus der Stadt ? « fragte ich . – » Nein , mein Gott , ich bin erst vor einer halben Stunde nach Hause gekommen « , erwiderte er . » Ich weiß gar nicht , daß sie schon wieder zurück ist . Ich glaubte , sie kehre erst gegen Abend heim – schon deshalb , weil sie weiß , daß du heute nachmittag hier sein würdest . « » Oh « , erklärte ich , » wir sind in aller Freundschaft voneinander geschieden – Ruth war nie liebenswürdiger als heute , in Gegenwart der Richter , sie – « » Und das Kind ? « fragte der Baron plötzlich . » Gehört mir , Onkel ! « » Das ist nicht möglich ! « » Ja , es ist so « , bestätigte Frau v. Bendeleben , die eben eintrat , » und zwar hat Ruth , wie sie mir eben selbst sehr ruhig sagte , das Kind freiwillig abgetreten . « Armer Onkel , dies traf ihn ebenso unvorbereitet und niederschmetternd , wie es seine Gattin getroffen hatte . Er starrte erst mich an und dann seine Frau , als könne er es nicht fassen . Frau v. Bendeleben hatte die Lippen fest aufeinander gepreßt und blickte mit resignierter Miene durch das Fenster auf das saftige Grün der Linden und Kastanien im Park . Eine Weile war alles still , dann fragte der Baron leise : » Wo ist Ruth , ich möchte sie sprechen ? « » Vergebene Mühe , Bernhard , laß sie « , sagte Frau v. Bendeleben und legte die Hand auf ihres Mannes Arm . » Es ist besser so , das Kind bleibt Wilhelm – wir werden bald wieder ganz allein sein , Bernhard , denn sie – sie will morgen schon fort nach Wien ! « Die Stimme bebte bei den letzten Worten , und dann rollten ein paar große Tränen aus den noch immer schönen Augen . Sie wendete sich rasch und schritt zur Tür hinaus . Der Baron saß auf einem Lehnstuhl und starrte vor sich hin , ein schmerzlicher Zug lag um seinen Mund . Dann stand er auf und reichte mir die Hand : » Behüt dich Gott , mein Junge . Geh jetzt , ich möchte – ich will – « er vollendete nicht , es schien ihm plötzlich ein Gedanke zu kommen , und mich ansehend , sagte er : » Junge , du wirst mir hoffentlich nicht den Kummer machen und deine alte Liebe heiraten ? Versprich mir das , und du sollst mein ganzes Herz behalten . Sieh , die Grete ist ein Prachtmädel , aber zieh sie nicht aus ihrem Stande . « Und nun , Gretchen , laß es Dich nicht verdrießen , daß ich Dir diesen Wunsch meines Onkels so unverhohlen schreibe . Denn meine Antwort darauf soll zugleich eine Frage an Dich sein , Gretchen . – Ich sagte ihm : » Das kann ich nicht versprechen , Onkel , denn mein nächster Schritt wird sein , die um Verzeihung zu bitten , die ich so arg beleidigt und gekränkt habe , und sie zu fragen , ob sie mir vergeben – ob sie noch jetzt mein Weib werden will ? « Gretchen , laß Dich nicht kümmern , was mein Onkel geantwortet hat , und sage Du ein Ja auf meine demütige Bitte . Verzeih mir und werde mein ! Ich bereite Dir eine Heimat da , wo ich meine Jugend verlebte . Am Rhein , am schönen Rhein wollen wir wohnen , und alles , was Dich beglücken , was Deinen Mund lächeln , Deine schönen Augen strahlen machen kann , das will ich tun , damit Du die bange Zeit vergißt , die Du durch mich erlebt hast . Frage Dein Herz , Margarete . Nicht wahr , Du liebst mich noch ? Man kann ja so schwer die erste Liebe vergessen – sollte es bei Dir anders sein ? Schreibe nur ein Ja oder ein Nein auf einen Zettel , den mir Friedel überbringen soll . Ach , Gretchen , und nicht wahr , es ist ein Ja ? Ich habe Dir alles gesagt , ich habe mein Betragen keineswegs beschönigt ; sei gut , sei mild , Margarete , und werde mein ! Ich zähle die Stunden , bis Deine Antwort kommt . Sieh das Kind an , wenn Dir die Entscheidung schwerfällt ; was soll aus ihm , was aus mir werden ohne Dich , Margarete ! Wilhelm v. Eberhardt . Ja , ich war sehr glücklich geworden . Ich hatte mich nicht einen Augenblick besonnen auf die Antwort , die ich ihm schicken wollte , und Friedel trabte sehr bald nach Beendigung der langen , ausführlichen Lektüre mit einem Briefchen von mir , welches das lakonische Ja enthielt , der Stadt zu . Der brave Mensch blickte mir forschend ins Gesicht , als ich ihm die Botschaft in die derben Hände legte . Ich muß wohl sehr glücklich ausgesehen haben , denn er war mit einem raschen Sprunge im Sattel , schnalzte mit der Zunge und rief noch halb zu mir gewendet : » Nu aber tritt ein bißchen zu , alter Junge ! Der Herr Leutnant wartet wie ein Kind auf den Heiligen Christ ! « Dann war er auch schon um die Ecke verschwunden . Ich ging ins Haus , nahm das Kind in die Arme und küßte es . Ich erzählte ihm eine lange Geschichte von einer Mama , die es sehr liebhaben würde . Kathrin sagte nichts , aber sie streckte mir ihre alten Hände entgegen , und in den greisen Augenwimpern hingen ein paar Tränen , die ersten , die ich je aus diesen Augen fließen sah . Was kümmerte mich der Baron , was die Meinung der Welt , er bedurfte meiner , das war genug . Alle anderen Bedenken schwanden vor diesem beglückenden Bewußtsein . Und dann der Tag , an dem er kam , und ich zum zweiten Male als Braut in seinen Armen lag . Und unsere Liebe war eine gestärkte , gekräftigte , durch nichts mehr zu trennende . Die Stunden waren so schön , zu schön , als daß ich sie beschreiben könnte . Wäre es möglich gewesen , mein Glück noch zu steigern , so hätte es ein Brief von Hanna getan , den Wilhelm mir mitbrachte . Mit Herzklopfen öffnete ich ihn : es war die Antwort auf jenes Schreiben , worin ich ihr mitteilte , daß ich nun doch Eberhardts Weib werden würde , zwar gegen den Willen ihrer Eltern – und dies sei betrübend für mich – , aber ich könnte nicht anders , weil ich ihn so von ganzer Seele liebhätte . Die gute , liebe Hanna , sie schrieb so zart , so innig und sandte mir , vereint mit ihrem Manne , die aufrichtigsten Segenswünsche . Sie tröstete mich über das Zürnen ihrer Eltern und hoffte , daß sich einst noch alles zur Zufriedenheit gestalten würde . » Tue Deine Pflicht « , schrieb sie noch zuletzt , » mache den armen Eberhardt und sein Kind glücklich , für anderes hast Du jetzt nicht zu sorgen , das liegt in Gottes Hand ! « Das war das richtige Wort gewesen , und ich stellte all mein Tun unter den Schutz unseres himmlischen Vaters und beugte mich demütig unter der Last des Glückes , das mich beinahe schwindlig machte . Ach , dieser Tag , er blieb der Glanzpunkt meines Lebens ! Ich sehe mich noch in der kleinen Stube neben Eberhardt auf dem Sofa , zwischen uns das reizende Kind mit dem dunklen Lockenköpfchen . Er hatte einen Arm um die kleine Gestalt geschlungen , die andere Hand ruhte in der meinen , und dabei erzählte er mir Pläne für die Zukunft . Kathrin , die bei mir die Stelle der Mutter oder Ehrendame vertrat , saß wie immer auf ihrem Platz am Ofen und nickte mit dem Kopfe zu allem , was er sagte . Zum neuen Jahre hoffte er seine Versetzung zu erhalten . Dann wollte er von Weihnacht an Urlaub nehmen und am dritten Feiertage sollte uns Pastor Renner auf immer verbinden . Kathrin sollte unter der Pflege des verständigen Mädchens und der Oberaufsicht der Frau Renner in dem Vaterhause verbleiben , und ich wollte meinem Gatten in unsere neue Heimat folgen . Mir wurden die Augen feucht , als ich daran dachte , die alte , treue Seele zu verlassen . Aber ich hatte keine Wahl mehr , ich gehörte ja ihm für immer . Wir wollten sie alljährlich besuchen , mußten wir ihr versprechen . Mein Gott , wenn man die alte , gebrechliche Gestalt ansah , dann konnte man an einen Abschied auf Nimmerwiedersehen denken . Ein schriftlicher Verkehr zwischen Eberhardt und mir wurde verabredet . Friedel sollte jede Woche einmal herüberreiten und einen Brief bringen und holen . Sehen wollten wir uns nicht so oft , um nicht den Leuten Anlaß zu müßigem Geschwätz zu geben . Weihnacht war ja so nahe , noch zwölf Wochen , und dann sollten wir uns für immer haben . Da mußte es schon ertragen werden , daß wir uns nicht so oft sehen und sprechen konnten . Es gab ja auch soviel für mich zu tun , und eine Ausstattung , zierlich und hübsch , mußte ich auch noch besorgen – hatte mir doch mein Vater schon bei Lebzeiten eine Summe dafür bestimmt . Ach , das Glück ! Wie sieht die Welt so wunderbar eigen aus , wenn das Herz so voll ist von heiliger , süßer Freude . Ein rosiger Schein umleuchtet Gegenwart und Zukunft , was kann nun noch Trübes kommen ? Vergangenes Leid ist ja kaum noch Leid , es dient nur dazu , das Jetzt strahlender und reizender zu machen . Wie ich so dasaß , das schlafende Kind auf meinem Schoß , den Kopf an die Brust des geliebten Mannes gelehnt und von seinem Arm umschlungen , da war meine schönste Stunde gekommen , und Gott sei noch heute der heißeste Dank dargebracht , daß ich sie so voll , so ungetrübt erleben durfte . Ach , wie bald , wie bald kam das Entsetzliche ! Es war der November gekommen . An einem stürmischen Tage – es war am zwanzigsten , der , sooft er auch bis jetzt wiederkehrte , nichts von seiner Bitterkeit in meiner Erinnerung verloren hat – war ich drüben gewesen bei Frau Renner , bei meiner zweiten Mutter , wie ich sie zuweilen liebkosend nannte . Auf dem blassen , stillen Gesicht des jungen Pfarrers rief dieser Name immer ein leises , trauriges Lächeln hervor . Die Gute , sie verdiente ihn auch . Mit Rat und Tat stand sie der verwaisten Braut bei , und eine wirkliche Mutter hätte kaum umsichtiger und besorgter für ihre Tochter sein können als sie . Als ich ihr zögernd und doch so freudig gestand , daß ich nun doch noch Wilhelms Braut geworden sei , da flog wohl für einen Augenblick ein Schatten über ihr altes Gesicht , und ein besorgter , kummervoller Blick richtete sich nach der Tür zum Studierzimmer ihres Sohnes , wo er seine Predigt verfaßte . Aber dann ergriff sie warm meine Hand und wünschte mit herzlichen Worten Glück . Auch der junge Pastor sagte mir am anderen Tage einige freundliche Worte . Nur kam es mir vor , als ob seine Hand zitterte , wie sie die meine erfaßte , und als ob die tiefe Stimme leise erbebte . Als ich ihm voll ins Gesicht sehen wollte , da wendete er sich ab und schritt weiter . Heute nun war ich , wie schon gesagt , ein Stündchen drüben gewesen . Der Sturm hatte mich , als ich über die Straße schritt , tüchtig gefaßt und ich konnte mich eines frostigen Schauers nicht erwehren . Willy jauchzte mir freudig entgegen . Ich nahm das Kind auf den Arm und stand mitten in der Stube . Kathrin nickte mir schläfrig zu . Da war es mir auf einmal , als zöge sich ein Nebel um meine Augen , als strahle die Lampe nur ein blasses , falbes Licht aus . – Ich setzte das Kind rasch auf den Boden und faßte mit der Hand an meine Stirn . In diesem Augenblick schlug es auf dem kleinen Kirchturm sechs Uhr . Hatte ich den Kleinen erschreckt durch das rasche Heruntergleiten , oder hatte er sich weh dabei getan , ich weiß es nicht . Er blieb einen Moment starr an der Erde sitzen und schrie dann plötzlich laut und ängstlich auf . Ich nahm ihn rasch wieder empor , er war wieder ruhig . Aber mich erfaßte ein banges Gefühl , mein Herz klopfte heftig . Ich schritt rasch ein paarmal in der Stube auf und ab und horchte auf den Sturm , der das Haus umtobte , dann sah ich wieder auf Kathrin , die eingenickt war . Auch das Köpfchen des Kindes hatte sich auf meine Schulter gesenkt . Leise legte ich den kleinen Schläfer auf das Sofa und drehte die Lampe so , daß der Schatten auf sein Gesicht fiel , dann preßte ich die Hände auf mein Herz und suchte mich des unheimlichen Bangens zu erwehren , das so plötzlich über mich gekommen war . Ich zog Eberhardts Brief aus meinem Kleide , den mir Friedel morgens gebracht hatte , und las ihn Wort für Wort noch einmal durch . Draußen heulte der Wind in allen Tonarten und meine Unruhe steigerte sich immer mehr . Ich bin nicht abergläubisch , aber in dieser Stunde habe ich geahnt , daß ein furchtbares Geschick über mich hereingebrochen war . – Was ich alles tat an jenem Abend , um meine Unruhe zu bemeistern , ich weiß es nicht mehr . Später , nach dem Abendessen , als Kathrin und der kleine Bursche schliefen , versuchte ich zu lesen , um meine Gedanken zu fesseln . Umsonst , sie schweiften immer wieder fort . Es war totenstill in dem kleinen Gemach , und doch lauschte ich mit allen Sinnen : es war ein Hinaushorchen in die Ferne . Ich dachte an ihn , und ob seine Gedanken wohl auch so ängstlich bei mir weilten . – Draußen hatte sich das Unwetter verdoppelt . Ich lag dann in meinem Bett und lauschte dem Heulen und Toben des Windes und den gleichmäßigen Atemzügen des Kleinen neben mir , schlaflos und bange . Endlich , gegen Morgen , kam ein wenig Schlummer . Ach , später habe ich mir oft gewünscht , daß ich nie wieder erwacht sein möchte . – Mich schreckte ein heftiges , lautes Pochen auf . Ich fuhr empor in meinem Bett und lauschte mit Herzklopfen , ob es nicht ein Traum gewesen sei – aber nein , da tönte es schon wieder , lauter und deutlicher fiel der Klopfer der Haustür auf seine Metallplatte ; gleichzeitig drang der Ruf : » Marie ! Marie ! « an mein Ohr . In einem Nu war ich in meinen Morgenkleidern , eilte mit einem Licht hinaus und öffnete die Tür . Ein kalter Luftzug drang herein und verlöschte das Licht ; ich sah nur noch eine Gestalt eintreten . Wer es war , konnte ich in der Finsternis nicht erkennen . Die Frage erstarb mir auf den Lippen , denn eben kam auch Marie mit ihrer Lampe die Treppe herunter , und der Schein fiel flackernd und unsicher auf Friedels verstörtes Gesicht . Ein Blick auf ihn sagte mir , daß etwas Schreckliches geschehen sei . Er war ohne Mütze , die Haare hingen Wirr um das Gesicht , die Augen irrten angstvoll von mir zu Marie und wieder von Marie zu mir . – Er wollte sprechen und konnte nicht , und ich starrte ihn an , ohne vor Todesangst ein Wort sagen zu können . » Jesses Maria ! « schrie das Mädchen auf . » Der Friedel ! Was ist da passiert ? « » Der Herr Leutnant ! « stammelte er endlich nach einer Pause , die mich das Klopfen meines Herzens deutlich hören ließ . » Der Herr Leutnant – « schrie er dann auf und warf sich zu meinen Fußen – » ist tot ! Gestern abend ! Oh , der barmherzige Gott soll mir meine Sünden vergeben , aber ich wollt ' , ich wäre tot ! Ach , Fräulein , der Jammer , der Jammer ! « Und der Mensch brach in lautes Weinen aus , während ich mir die Hand vor die Stirn legte und einen entsetzlichen Traum zu träumen glaubte . Wie im Traume hörte ich den Schrei des Mädchens , das Schluchzen des Menschen zu meinen Füßen ; in meinen Ohren tönte es immer : » Tot ! Gestern abend ! « Mein Herz war mit einem Male so still geworden , als hätte es aufgehört zu schlagen . – Dann lachte ich laut auf , es war ja lächerlich , was sie da sagten . Wilhelm sollte tot sein ? Mein Wilhelm ? Das war ja einfach unmöglich . Wie konnte er sterben , er , so voll Leben und Gesundheit , wie konnte er kalt und starr daliegen , an den ich Tag und Nacht mit aller Glut der Sehnsucht und Liebe dachte ? – » Seid ihr verrückt ? « rief ich zornig und stieß Friedel weg , der noch immer mein Kleid erfaßt hielt . Dann ging ich in die Stube , tastete mich nach Kathrins Bett und rief : » Kathrin ! Wach auf und sage du den Menschen , daß es nicht wahr ist , sage ihnen , daß Wilhelm nicht tot sein kann . Nein , es kann ja nicht sein , es ist ja nicht möglich ! « Ich erinnere mich noch ganz deutlich dieser Worte und der Ruhe , der Gewißheit , womit ich sie aussprach . Ich war völlig im Besitz meiner Sinne , obgleich man mir später oft erzählte , daß man für meinen Verstand in dieser Stunde gefürchtet habe . Nein , ich war vollständig bei mir . Ich hielt eben das Gräßliche nicht für möglich . Ich konnte es nicht fassen , daß ich das Teuerste auf Erden verloren , daß ich von dem Gipfel des Glückes bis in das tiefste Elend geschleudert sei . – Das Mädchen hatte , wie ich später erfuhr , die Frau Renner geweckt mit dem Rufe : » Ach , kommen Sie doch nur , der Herr Leutnant ist tot , und das Fräulein ist wahnsinnig geworden ! « Ich saß noch auf dem Bett der zum Tod erschreckten Kathrin , deren zitternde kalte Hände die meinen hielten – um mich her die Dunkelheit des frostigen Novembermorgens , – da bemerkte ich Licht im Wohnzimmer und hörte Stimmen . Dann kam das Licht auch in die Schlafstube , und das leichenblasse Gesicht der guten alten Renner schaute mich mit unverhohlenem Entsetzen an . Ich ging ihr entgegen und ließ mich in das Wohnzimmer führen . Dort stand Friedel an die Tür gelehnt , den Kopf in seinen Armen verborgen . Das Mädchen war bemüht , Feuer anzumachen im Ofen . » Gretchen , mein armes Kind « , sagte die kleine Frau , und große Tränen rannen über die blassen Wangen , » Trost kann ich Ihnen nicht geben , das vermag nur Gott . « – Friedels dumpfes Schluchzen , die bebenden Worte der alten Frau fuhren mir wie ein Dolchstoß ins Herz : die Überzeugung , daß das Schreckliche doch wahr sei , trat mit furchtbarer Deutlichkeit vor meine Seele . » Wilhelm ! Wilhelm ! « schrie ich in rasendem Schmerz auf – dann weiß ich nichts mehr von dieser bitteren Stunde . Als ich wieder zu mir kam , war es heller Tag geworden , ein klarer , reiner Wintertag . Ich erwachte mit dem vollständigen Bewußtsein des grenzenlosen Leids , das mich betroffen . Mit einer Ruhe , die ich noch jetzt bewundere , und mit einer Kraft , wie sie eben nur in solchen Leidenstagen der liebe Gott uns verleiht , stand ich auf und kleidete mich an , obgleich Frau Renner lebhaft dagegen war . Dann wollte ich Friedel sprechen , um aus seinem Munde zu hören , wie und auf welche Weise die schreckliche Katastrophe herbeigeführt worden sei . Er war aber schon fort , und Frau Renner sagte mir mit vor Weinen erstickter Stimme , Eberhardt habe ein junges Pferd geritten , dieses sei durchgegangen und habe sich mit ihm überschlagen . Da sei er mit dem Kopf an einen Prellstein geschleudert worden und sofort tot gewesen . Ich schauderte , mein Herz zog sich zusammen : sein Bild stand vor mir – das schöne Gesicht entstellt , die dunklen Augen geschlossen – , starr blickte ich ins Leere hinaus , dann aber kam mir der Gedanke : » Du mußt ihn sehen , noch einmal sehen , das letztemal ! « Ruhig zog ich mir ein schwarzes Kleid an , dasselbe , welches ich zur Trauer um meinen Vater getragen , dann fragte ich nach dem Kinde – man hatte es zu Renners drüben gebracht . Es wurde geholt , die kleine Waise . Ein Jammer ohnegleichen füllte meine Brust , und ich konnte doch nicht weinen , ach , nicht eine Träne trat in mein Auge . Der Kleine fürchtete sich vor dem schwarzen Kleide und meinem blassen Gesicht und verlangte nach Kathrin , die der Schreck vollständig sprachlos gemacht hatte . Ich nahm Hütchen und Mantel des Kindes und zog es an , band mir ein schwarzes Tuch um , nahm den Kleinen auf den Arm und schritt an der starren Frau Renner vorüber , aus der Haustür und durch den Park nach dem Schlosse . Was ich eigentlich wollte – klar war es mir selbst nicht . Das Kind jauchzte einem Schwarm Vögel zu , die hoch oben im blauen Himmel schifften . Ich sah nichts , vor meinen Augen stand das schreckliche Bild des Todes . Mechanisch setzte ich meinen Weg fort und gelangte , ohne jemand zu sehen , ins Schloß . Frau v. Bendeleben saß an ihrem Schreibtischchen , als ich eintrat . Dann sprang sie auf und hielt sich mit zitternden Händen an der Lehne ihres Stuhles , während ein entsetztes » Barmherziger Gott ! « über ihre blassen Lippen kam . » Hier ist das Kind « , sagte ich , » jetzt muß ich es Ihnen geben , denn es hat keinen Vater mehr – ! « Ich trat noch einen Schritt näher und wollte den Kleinen in ihre Arme legen . Aber er klammerte sich mit beiden Händen um meinen Hals und schaute trotzig die blasse Frau an , die mit unverstelltem Entsetzen dastand . » Gretchen « , sagte sie dann tonlos , » was sprichst du ? Wer hat keinen Vater mehr ? « » Wilhelm v. Eberhardt ist tot ! « erwiderte ich laut , aber ich mußte mich mit der Hand auf die Tischplatte stützen und konnte kaum den Kleinen noch halten . Frau v. Bendeleben sank in den Sessel zurück . Eine lange Pause entstand , als ich ihr das Kind auf den Schoß gesetzt und gesagt hatte : » Sei gut gegen die Dame , sie hat dich lieb ! « Dann streichelte ich noch einmal mit der Hand über das dunkle Lockenköpfchen und wandte mich zum Gehen – meine Schritte schwankten . Was mein Herz in diesem Augenblicke empfand , war das Schwerste von allem , das kann nur ich ermessen . Als ich die Tür hinter mir schloß , hörte ich den Ruf : » Gretchen ! « und gleich darauf das heftige Weinen des Kindes . Mit aller Gewalt zog es mich wieder zurück . Ich kämpfte einen Moment schwer mit meinem Herzen , aber dann riß ich mich los und trat in das Zimmer des Barons . Er hatte einen Brief in der Hand und sein Gesicht in einem Tuche verborgen . Als er mich sah , trat er zu mir , und einen Blick auf mein schwarzes Kleid und mein verstörtes Gesicht werfend sagte er leise : » Ich weiß es schon , mein Kind – hast du irgendein Anliegen an mich ? « » Ich will ihn nur noch einmal sehen « , bat ich , » nur noch einmal . « » Er stand dir sehr nahe , Margarete , zuletzt ? « sagte er . » Er war mein Bräutigam ! « erwiderte ich leise . Der Baron zuckte zusammen , dann sagte er : » Du kannst mitfahren , ich habe bereits das Anspannen bestellt – warte einen Augenblick , ich will nur meiner Frau die Trauerkunde bringen . « » Sie weiß es schon « , bemerkte ich . » Weiß es schon ? Durch wen ? « » Durch mich . Ich brachte ihr das Kind ! « Das letzte klang wie ein Aufschrei und meine Hand fuhr nach dem Herzen . Der Baron strich liebkosend über mein Haar und eine Träne rann langsam über seine Wange , als er murmelte : » Armes , armes Kind ! « Kurze Zeit nachher rollten wir in eiliger Fahrt auf dem Wege nach G. Man hatte Mantel und Decken für mich in den Wagen gelegt , aber ich fror nicht , trotz der eisigen Kälte . Der Schmerz machte mich vollständig unempfindlich für alles . Wir fuhren vor dem stattlichen Hause vor , in welchem Wilhelm mit Ruth gewohnt hatte und nachher geblieben war . Friedel öffnete uns die Haustür , er sah ganz verweint aus , und in der Tat , als er mich erblickte , rannen die Tränen aufs neue aus seinen Augen . Er geleitete uns die Treppe hinan und fühlte uns in Wilhelms Zimmer . Der Baron fragte , wo die Leiche sei ; Friedel deutete auf eine Tür und flüsterte : » Dort nebenan . « » Bleib hier , Gretchen « , sagte der Baron , » ich werde erst nachsehen , wie es dort aussieht . « Er ging , begleitet vom Diener . Ich schaute umher in seinem Zimmer , dort lag noch alles , so wie er es gestern gesund und frisch verlassen – um als Toter heimzukehren . Unter dem Spiegel tickte die große Uhr , auf dem Tische lagen Handschuhe , Bücher , Zeitungen . Der Sessel vor dem Schreibtisch war zur Seite geschoben , als wäre er eben aufgestanden , um Friedel einen Brief für mich in die Hand zu geben . Ich nahm die Feder vom Tintenfaß , die seine Hand erst gestern noch gehalten . Ach , war es denn Wirklichkeit ? Hatte er mich verlassen für immer ? Ein wilder Schmerz bäumte sich auf in meinem gepeinigten Gemüte . – Was hatte ich getan , daß Gott mich so furchtbar strafte ? Warum mußte ich leben mit dieser Qual ? Warum lag ich nicht auch kalt und starr neben ihm da drinnen ? – Da öffnete sich die Tür und Friedel trat herein . » Nun können Sie kommen , Fräulein Gretchen « , sagte er leise und schob die Vorhänge zurück . Ich folgte ihm schwankend . In dem völlig leeren Zimmer hatte man ihn aufgebahrt , es war einst der Salon des Hauses gewesen , aber die scheidende Frau hatte seine luxuriöse Einrichtung mit fortgenommen . Nur die prächtigen , roten seidenen Vorhänge vor den Fenstern waren geblieben , und durch sie fiel ein rosiger Schein auf das bleiche , stille Angesicht vor mir im Sarge , es wie mit einem Schimmer des Lebens überhauchend . Wortlos stand ich an dem Sarge und sah hinab auf mein gestorbenes Glück . Die Gedanken , die damals in mir tobten , Gott mag mir verzeihen , demütig waren sie nicht . Es war ein Auflehnen gegen das unerbittliche , rauhe Schicksal , und doch , wie machtlos kämpfte das arme Herz dagegen ! Friedel weinte immer noch . » Ach , Fräulein « , sagte er endlich , » ich wollte , es käme eine Träne in Ihre Augen ! Sie sehen so schrecklich blaß , so finster aus . Weinen Sie doch , lassen Sie eine Träne in den Sarg fallen . Er hat ja keine Ruh ' im Grabe , wenn die nicht um ihn weinen , die ihn geliebt haben .