ihres Mannes , sie schlief . [ 277 ] Hede Kerkow konnte es nicht lassen , sie trug die kleinen Sächelchen , die sie für die Kinder gearbeitet hatte , am Heiligen Abend in der Dämmerung nach der Oberförsterei hinunter . Sie wußte , der Oberförster war nicht zu Hause , er pflegte an diesem Tage immer noch ’ mal einen Gang durchs Revier zu machen , den Wilddieben zum speziellen Vergnügen , die auf einen Festtagsbraten pirschten . Es gab dort ein paar arg verrufene Kerle in der Gegend , die aber , wenn sie dem Oberförster auf der Chaussee begegneten , ganz besonders höflich grüßten und deren Gruß von ihm leutselig erwidert wurde . Der Grüßende dachte dann : Hol ’ dich der Teufel ! Der Kerl hat die Nase überall – ich wollt ’ , er fiele in sein eigenes Gewehr ! – Und der andere dachte : Warte nur , alter Freund , einmal krieg ’ ich dich doch , und wenn du noch so unschuldig daher trottest und – dann gnade dir Gott ! Hede hatte zuweilen durch den alten Knecht des Hauses grausige Geschichten von Wilddiebereien gehört , und als am vergangenen Weihnachtsabend der heimkehrende Oberförster erzählte , daß der „ lange Schreiber wieder wildere “ und , vom Förster Roberti verfolgt , auf diesen geschossen habe , da hatte ihr das Herz still gestanden vor Schrecken . „ Aber wenn der Schuß nun getroffen hätte ? war ihre bange Frage gewesen . Darauf die Antwort . „ Je nun , Fräulein von Kerkow , dann hätte man den armen Kerl seiner Frau zur Weihnachtsbescherung tot oder verwundet ins Haus gebracht , und der erste wär ’ s nicht gewesen , dem es so erging . Weiter nichts – aber es war gerade genug . Hede Kerkow hatte seither immer Unruhe gehabt , wenn der Oberförster nicht zur rechten Zeit heimkehrte . Es wäre so schrecklich für die armen Kinder gewesen – damit hatte sie ihr klopfendes Herz entschuldigt vor sich selber . Heute ging sie so gegen fünf Uhr hinunter in die Oberförsterei . Sie wollte ganz rasch unter die Kinder ihre kleinen Gaben austeilen und dann in der Schloßkirche die Weihnachtspredigt anhören . Heinz hatte seinem armen Jungen bereits um vier Uhr einbeschert . Die Augen des kranken Kindes hingen mit anderm Ausdruck an den Lichtern des Baumes wie sonst wohl Kinderaugen , und Heinz ? Er war wortkarger gewesen als je und hatte imdunklen Erker gestanden und hinausgeblickt in die Ferne , als ob er dort etwas suchen müßte , so daß Hedwig zum erstenmal der Gedanke aufgestiegen war , ob er Toni doch vielleicht geliebt habe . Heinz hatte der Schwester auch etwas geschenkt – Geld zu einem Kleide oder Mantel oder dergleichen . „ Nimm ’ s nicht übel , es ist mir schrecklich , Frauenzimmern Geschenke zu kaufen , ich versteh ’ ’ s nicht “ , hatte er gesagt . Die Gabe von ihr hatte er kaum angesehen , es war ja auch schließlich weiter nichts – ein Bildchen Heinis Köpfchen nach einer Photographie auf Porzellan gemalt . Lieber Gott , eine Künstlerin war sie natürlich nicht , aber sie hatte doch gemeint , er werde sich darüber freuen ! Sie wischte eine Thräne von der Wange , als sie jetzt den Drücker an der Hausthür der Oberförsterei faßte , und im nächsten Augenblick hatte sie wirklich unter dem Jubel der Kinder das eigne Leid vergessen . Als ob das Christkind in eigner Person erschienen sei , so glücklich waren die Kleinen , so [ 278 ] umarmten , umschrieen und umtanzten sie die langersehnte , böse , liebe Tante in der alten lieben Wohnstube , in der es gleichwohl nicht die Spur weihnachtlich aussah . Auch Karoline lief herzu und freute sich . „ Nee , endlich ’ mal – endlich ’ mal , Fräulein , und wie wird sich man bloß der Herr freuen , wenn er zurückkommt ! Und Sie bleiben doch zum Karpfen ? Ich hab ’ s immer noch nich ’ raus mit die Meerrettichsauce . “ Aber die Kinder erklärten , sie ließen die Tante nicht in die Küche , und die Tante müsse helfen den Weihnachtsbaum putzen in der guten Stube , Agnes hätte das thun sollen , aber die Lichter purzelten immer wieder herunter . „ Gelt , Tante ? “ scholl es , „ du bleibst hier ? “ und dann umschlangen sie die sechs Aermchen und die glücklichen Kinderaugen lachten sie an , und was wurde ihr alles versprochen wenn sie bliebe ! „ Das Schönste , was ich bekomme , gebe ich dir , “ versicherte der Junge , „ zur Hälfte wenigstens , “ setzte er geschwind hinzu . Und klein Mariechen erklärte : „ ich nehme Vater das Seifenfleckel wieder fort und schenke es dir , wenn du bleibst . Und ihr ? Ihr liefen die dummen Rührungsthränen aus den Augen , und sie sagte nun : „ Kommt rasch , ich putze den Baum , – dableiben kann ich aber nicht , denkt doch an den armen kleinen Heini ! “ Im Salon zündete sie die Lampe an , auf welcher der Staub fingerdick lag , und schürte das Feuer , denn noch war es längst nicht warm , dann machte sie sich mit fieberhafter Eile über den Baum her . Die Kleinen standen mit glühenden Gesichtern und sahen zu , Agnes reichte das Konfekt und die Wachslichter . Als er hergerichtet war , holte Hedwig ein Tuch und wischte den Staub so hastig , als thäte sie etwas Verbotenes , bei dem sie sich um Gottes willen nicht abfassen lassen dürfte ; in zitternder Hast legte sie dann ihre kleinen Geschenke unter den Baum , nachdem sie vorher die Kinder hinausgesperrt hatte , und wie ein Wirbelwind war sie plötzlich in der Küche und quirlte die Sahne zur Karpfensauce . „ Wann kommt der Herr zurück ? “ fragte sie dabei . „ Ach , das kann spät werden , “ meinte der alte Knecht , „ er wollte ins Buchroder Revier und ist hingeritten . “ Hede warf einen Blick auf die Uhr , es war noch nicht halb Sechs . „ Ich muß um sechs Uhr fort , Karoline , muß noch in die Kirche , “ sagte sie . „ Merk ’ auf – vor dem Anrichten thust du den geriebenen Meerrettich in die Sahne , das ist alles . “ „ Ach , Fräulein , warten Sie doch noch einen einzigen Augenblick . Ich hab ’ so ’ n nötigen Gang , “ bettelte das Mädchen „ nachher sind die Läden alle zu und ich möchte so gern noch einen Shawl kaufen für meinen Fritz und kann die Kinder doch nicht allein lassen ! “ „ Ja , aber , liebe Karoline , dann rasch ! “ Und Hede setzte sich ganz nervös auf den Küchenstuhl „ Bitte , rasch , Karoline ! “ wiederholte sie . „ Aber wie ein Hase laufe ich , “ rief diese , nahm den flanellgefütterten Kattunmantel und stürzte hinaus , als ob es brennte . Draußen sagte sie vor sich hin , indem sie ihre Eile mäßigte „ Na , warten Se man een beten , bis der Herr Oberförster nach Hause kommt – ick hab ’ kein ’ Eil ’ Und als sie nach einer längeren Weile zurückkehrte , saß Fräulein von Kerkow noch da und sah mit gefurchter Stirn vor sich hin und hatte gar nicht gemerkt , daß Karoline eine geschlagene halbe Stunde fortgewesen war . „ Es ist noch viel Zeit bis zur Kirche , “ sagte das Mädchen , „ ich danke auch schön , Fräulein von Kerkow . Ein Paar Strümpfe habe ich auch noch rasch gekauft für den Fritz . “ Hede erhob sich . „ Holen Sie mir Hut und Mantel , Karoline , ich will jetzt gehen , den Kindern sage ich nicht Gute Nacht , sie fangen sonst wieder an zu quälen . “ „ Herrjeh ! Ja , ja , “ meinte das Mädchen , „ ich wundere mich überhaupt , daß sie so still sind . Sie werden wohl am Fenster stehen und auf den Vater passen . – Fräulein , ich gehe gleich und hole den Mantel , will nur erst ’ mal nach dem Feuer sehen . Und sie ergriff einen Armvoll Holz und schob es bedächtig , Stück für Stück , unter den Herd . Da klingelte es . Hede Kerkow aber verharrte noch regungslos auf dem nämlichen Flecke . Natürlich war er es . Der Knecht hinkte über den Flur ihm entgegen , Karoline aber begann eine vorwurfsvolle Rede : „ Und das wäre doch ’ mal ’ ne Upmunterung gewesen vor den armen Mann , der so wie so nichts nich auf der Welt hat . Bleiben Sie doch man dies einzige Mal da , Fräulein , es ist ja doch Weihnachten und die Bälger sind doch rein vom Bändel los vor Vergnügen ! “ Hede Kerkow stand da , wie wenn man sie beim Stehlen ertappt hätte , und wartete auf den Augenblick , wo die Thür zu des Oberförsters Zimmer gehen sollte , um dann unbemerkt zu entwischen . Aber da drangen schon die Stimmen der Kinder aus dem Hausflur herüber die den Vater mit der Jubelbotschaft empfingen : „ Die Tante ist da , Vater ! Um fünf Uhr ist sie gekommen ! Sie will nicht hier bleiben , aber du läßt sie nicht fort – gelt , Vater ? “ Und dann lief Karoline zur Küchenthür , riß sie auf und schrie „ Hier ist die Tante ! “ Hede Kerkow sah ein , daß sie gefangen war . Sie wollte wenigstens einen ehrenvollen Rückzug antreten , und deshalb ging sie ruhig dem Oberförster entgegen , der da inmitten seiner Kinder noch in Flausch und Mütze stand , auf denen die Schneeflocken lagen wie auf den Weihnachtsmännern in den Spielwarenläden der Eisflimmer . „ Ich will nicht lange stören , “ sagte sie freundlich , „ ich möchte zur Kirche gehen . Es freut mich , daß ich Ihnen noch ein frohes Fest wünschen kann . “ „ Danke , Fräulein von Kerkow ! Es thut mir nur leid , daß Sie mir nicht die Freude machen wollen , den Heiligen Abend mit uns zu verleben . Er nahm die Mütze ab und setzte sie seinem Jungen auf , dann zog er den Flausch aus und warf ihn Agnes über den Arm . „ Einen Augenblick aber treten Sie doch wohl ein ! “ bat er , „ sonst muß ich wahrlich denken , daß Sie gehen , weil ich komme . “ Und als die Kinder eilfertig die Sachen fortschleppten , wandte er sich der Wohnstube zu . Da rief Agnes zurück : „ Dort darfst du nicht ’ rein , Vater , dort liegen ja unsere Geschenke für dich ! “ Nun machte er gehorsam kehrt und schritt nach seiner Stube . „ Ich bitte , hier vorlieb zu nehmen , “ sagte er . Einen Augenblick zögerte sie , dann folgte sie ihm . Er ging zum Schränkchen , auf dem die Lampe stand , zündete sie an , trug sie auf den Tisch und bat Hede , auf dem Sofa Platz zu nehmen . „ Es ist noch ebenso hier , wie Sie sehen , “ sagte er und lächelte ein wenig melancholisch . Und dann saß er ihr gegenüber , starrte auf die verblichene Tischdecke , mit deren Fransen er spielte , und schwieg . Und Hede schwieg auch , und beiden klopfte laut das Herz . Von draußen schollen noch einmal die Stimmen der Kinder herein , dann ward es ganz still . Karoline hatte sie in die Küche gerufen „ die Bälger , “ wie sie sich ausdrückte , und da sagte sie : „ Nu hört ’ mal zu ! Wir gehen alle in die Kirche – den großen Christbaum am Altar , den müssen wir sehen . Unterdes baut Vater auf und Tante hilft ihm . Karoline war auf einmal Diplomatin geworden . Jetzt oder nie ! dachte sie . Und im Umsehen war sie fertig mit ihrer Schar und zog zur Hausthür hinaus , nachdem sie über die „ ollen Karpen “ , die noch lustig im Faß plätscherten , ein Brett gedeckt hatte . „ Und achten Sie aufs Feuer , David , “ sagte sie zu dem alten Knecht , „ und wenn der Herr uns sucht – wir sind man bloß ein bißchen in die Schloßkirche gegangen . “ Unter dem Geläut der Glocken stiegen sie den Schloßberg hinan und traten in das Gotteshaus , in dem es heute so feierlich war wie nie . Die großen Kronleuchter brannten und die Jungen aus der Realschule sangen „ 0 du fröhliche , o du selige , gnadenbringende Weihnachtszeit ! “ Es hatten sich viele Leute dort versammelt , nur Tante Hedes Platz im Nachbargestühl , der dem Herrn Schloßhauptmann zugehörte , just unter der herzoglichen Empore , war leer . Karoline verwandte kein Auge von dem kleinen Thürchen , das in dieses Betstübchen führte , aber es blieb geschlossen , kein Fräulein von Kerkow kam über die Schwelle , und auch der Herr Schloßhauptmann fehlte . Der Prediger trat auf die Kanzel , und die drei Blondköpfe vor Karoline lauschten mit großen gläubigen Kinderaugen , und [ 279 ] das arme Dienstmädchen hinter ihnen hatte unter ihrem großen Tuchmantel die Arbeitshände gefaltet und hielt einen Gottesdienst für sich . Sie betete : „ Lieber Gott , ich will ja nichts für mich , ich bin ja soweit zufrieden , aber mach ’ s doch richtig mit denen da drunten . Gut sind sie sich , das ist sicher , und der Mann wird ja noch ganz quatsch so allein in dem ollen großen Hause , von die Kinder gar nich zu reden , die verwildern ganz und gar . Ich kann doch nich ewig da bleiben , denn Fritze hat nun die Wildhüterstelle und will doch auch ’ ne warme Suppe haben abends , wenn er nach Hause kommt , und Ostern will er nu mal partuh heiraten . Wenn er aber nich heiratet , denn wird ’ s nichts , ich kann ihn doch nich sitzen lassen mit ’ n neues Mädchen , die nich aus und nich ein weiß , und Agnes ist doch ma in der Wirtschaft ’ ne richtige Null ! Mach ’ s richtig , lieber Gott , schenk ’ dem Mann die Frau und den Kindern die Mutter zum heiligen Christ ! Amen ! Der Prediger sprach endlich auch sein „ Amen ! “ Jubelnd erscholl der alte Weihnachtsgesang „ Lobt Gott , ihr Christen , allzugleich “ , durch die Kirche , und Karoline nahm Mariechen bei der Hand , die Großen gingen voran , so schoben sie sich durch die Menge aus dem Portal auf den Schloßhof hinaus . Gottlob , das Betstübchen war leer geblieben ! „ Der Vater ist in seiner Stube , “ rief Agnes , „ siehst du , Karoline , der hat ’ s Weihnachten vergessen ! “ „ Wart ’ doch ab , du , “ brummte das Mädchen , „ und lauf ’ ’ mal nicht so ! Herr Jesses , du wirst noch fallen , bei die Glätte ! Aber sie selber hatte eine Art Geschwindmarsch eingeschlagen , und jetzt lief sie förmlich um die Wette mit den Kindern dem Hause zu . „ Willst du wohl , dummer Bengel ! Wir gehen über den Hof , “ rief sie , und so kamen sie wieder durch die Hinterthür , der alte Knecht saß am Küchenherd und schlief . „ ’ n abend ! “ schrie Karoline ihm in die Ohren , „ hat der Herr nicht gerufen ? „ Nee , ich hab ’ nichts gehört . “ „ Ist er fortgegangen ? “ „ Is mich nich bewußt . “ „ Weil du slapen hast , oller Dooskopp “ , erklärte Karoline , „ dat Füer is och nt . Nu seid ihr ganz still , wandte sie sich an die Kinder , „ ich denk ’ mir , der Vater is schon in der guten Stube beim Christkind – ich will ’ mal nachsehen . “ Und damit ging dies drollige , gute , dummdreiste Menschenkind in die Schlafstube des Oberförsters , hob den Vorhang vor dem Thürfenster und lugte in ihres Herrn Zimmer . Sie hätte beinahe einen Juchzer ausgestoßen , aber sie besann sich noch , biß sich auf den Finger und focht mit den Armen wie toll in der Luft herum , vor Wonne über das , was sie sah . Dann schlüpfte sie leise davon – „ Gott sei Lob und Dank ! “ „ Kinders , “ sagte sie mit verschmitztem Lachen , „ ihr müßt heut ’ noch warten , Vater hat noch keine Zeit , aber dafür kriegt ihr auch ganz was Apartes zum Heiligen Christ . Die Kinder machten erwartungsvolle Gesichter und fügten sich , vorläufig interessierte sie die Zubereitung der Karpfen . Aber das Wasser brodelte längst auf dem Herde und noch immer war eine Totenstille im Hause . Da riß Karoline die Geduld . „ Nu kommt , Kinders – was zu doll is , is zu doll ! Es soll doch einer über so ’ n bißchen Liebesglück nich seine leibhaftigen Würmer am heiligen Weihnachtsabend vergessen ! “ Und umringt von ihnen , schritt sie zur Thür der Stube des Herrn Oberförsters und klopfte mit hartem Finger , und Hermann donnerte mit den Fünften dagegen . „ Vater ! Vater ! “ schrieen die Mädchen , „ es ist beinah ’ Acht ! “ „ Herein ! “ scholl es , und da stürmten sie hinein , und mit Ausnahme von Karoline , die ja nicht mehr überrascht werden konnte , blieben sie mit offenem Mund und starren Augen stehen . Da saß der Vater auf dem Sofa und neben ihm ganz rot , ganz verweint und doch lächelnd , ihre Hand in des Vaters Hand , ihren Kopf an seiner Schulter , die Tante – die Tante Hede . Und Karoline flüsterte dem Mariechen etwas ins Ohr und verschwand dann , die Thür hinter sich zuziehend . Das Kind stand noch einen Augenblick , dann lief es zu Hede . die es lachend und weinend auf den Schoß hob . „ Ist ’ s wahr , daß du meine Mama wirst ? “ „ Ja ! Ja ! Kommt her ! “ rief der Oberförster . „ Die Tante will es , sie will bei uns bleiben – das schenke ich euch zu Weihnachten , Kinder , eine neue Mama , eine Mutter ! Und er stand auf und hob seinen Jungen empor und setzte ihn neben Hedwig , und dann zog er seine Aelteste heran . „ Dir hat sie am meisten gefehlt , Große , freust du dich denn auch ? “ Das Kind aber barg den Kopf an des Vaters Brust und fing an zu weinen . „ Ich hab ’ mir ’ s doch schon zum Geburtstag gewünscht “ , sagte sie . „ Und nun hört ! Heute abend bringt das Christkind euch nichts , ich will Tante Hede hinaufbegleiten sie muß ihrem Bruder erzählen , daß sie eure Mutter werden will . Aber morgen , dann zünden wir beide euch den Baum an . Ihr werdet nachher recht vergnügt und artig zu Bette gehen und euch auf morgen freuen . In Anbetracht der neuen Mama wurde die hinausgeschobene Christbescherung genehmigt , und nach einigen Minuten gingen Oberförster Günther und Hede Kerkow nebeneinander durch die Dunkelheit der heiligen Nacht . Droben im Erker brannte das einsame Lichtlein wie immer , im Doktorhause war alles dunkel , nur über ihnen flammten die Sterne , diese ewigen Weihnachtslichter . Er hatte ihre Hand genommen und atmete hörbar . „ Hede , sagte er gepreßt , „ mir ist , als habest du Schweres zu überstehen heute – dein Bruder – “ „ Sei ohne Sorgen – er braucht mich nicht , “ antwortete sie . Aber auch ihr klopfte das Herz . Dann nahmen sie Abschied für heute abend . „ Ich danke dir ! Ich danke dir , “ sagte er leise , „ mögest du es nie bereuen ! “ „ Ich danke dir “ , antwortete sie hell und fröhlich . Du weißt nicht , du weißt ja nicht , wie arm und heimatlos ich war , wie reich ich jetzt bin wie lieb ich dich habe ! “ Er wollte sie an sich ziehen , aber sie hielt ihn zurück . „ Mehr als du mich ! “ setzte sie leise hinzu , „ viel mehr ! “ „ Nein ! “ sagte er . „ Wirklich ? “ „ Ja , Hedwig ! Ich habe dir ja alles gebeichtet , du vermagst dir nicht vorzustellen wie ich mich nach dir gesehnt habe , all die Zeit her . “ „ Aber – ? “ Sie wandte den Kopf und sah bang zu dem dunklen Hause hinunter , in dem sie Aenne wußte . „ Das ? Das ist ausgekämpft , Hede , und jetzt ist ’ s klar in meiner Seele , und so ruhig , so tief innerlich froh und friedlich fühle ich mich . “ „ Leb ’ wohl “ , flüsterte sie gerührt , „ auf morgen ! Leb ’ wohl ! “ Sie sahen sich ein Weilchen in die Augen , dann zog er sie an sich und küßte sie . Heinz , der sonst kaum sah und hörte , ob die Schwester im Zimmer sei oder nicht , vermißte sie heute . Vielleicht waren die Kerzen des Weihnachtsbaumes schuld daran , daß er die Zusammengehörigkeit mit ihr wieder fühlte , die Erinnerung an die süße , gemeinsam verlebte Kinderzeit ! Er wartete , zuerst ungeduldig , dann ward er unruhig , einigemal pochte er an die Thüre ihres Zimmers – vergebens . Wundern konnte er sich nicht , wenn sie eine wärmere Atmosphäre aufsuchte als die , welche hier herrschte , indes heute , heute am Weihnachtsabend ? Und wo mochte sie sein ? Vielleicht bei Mays ? Aber es sah ihr gar nicht ähnlich , sich an solchen Festtagen in intime Familienkreise zu drängen . Möglicherweise auch hatte sie ein paar Arme , denen sie bescherte . Er erinnerte sich , daß sie immer nähte und strickte in letzter Zeit , wenn er sie sah . Es konnte auch sein daß sie bei ihren ehemaligen Pfleglingen sich befand , lieber Gott , warum auch nicht , wenn ’ s nur nicht gerade heute gewesen wäre ! Das alte Schloß war so spukhaft still an diesem Abend . Das Dienstmädchen saß vermutlich beim Punsch in der Dienerstube , die im Souterrain lag . Eine Viertelstunde lang hatte das mächtige Geläute der Schloßkirche die Zimmer durchtönt , und ihn hatte es unterhalten . „ Ist er fortgegangen ? “ „ Is mich nich bewußt . “ „ Weil du slapen hast , oller Dooskopp , “ erklärte Karoline , „ dat Füer is och nt . Nu seid ihr ganz still , wandte sie sich an die Kinder , „ ich denk ’ mir , der Vater is schon in der guten Stube beim Ehrstand – ich will ’ mal nachsehen . Und damit ging dies drollige , gute , dummdreiste Menschenkind in die Schlafstube des Oberförsters , hob den Vorhang vor dem Thürfenster und lugte in ihres Herrn Zimmer . Sie hätte beinahe einen Juchzer ausgestoßen , aber sie besann sich noch , biß sich auf den Finger und focht mit den Armen wie toll in der Luft herum , vor Wonne über das , was sie sah . Dann schlüpfte sie leise davon – „ Gott sei Lob und Dank ! “ „ Kinders , “ sagte sie mit verschmitztem Lachen , „ ihr müßt heut ’ noch warten , Vater hat noch keine Zeit , aber dafür kriegt ihr auch ganz was Apartes zum Heiligen Christ . Die Kinder machten erwartungsvolle Gesichter und fügten sich , vorläufig interessierte sie die Zubereitung der Karpfen . Aber das Wasser brodelte längst auf dem Herde und noch immer war eine Totenstille im Hause . Da riß Karoline die Geduld . „ Nu kommt , Kinders – was zu doll is , is zu doll ! Es soll doch einer über so ’ n bißchen Liebesglück nich seine leibhaftigen Würmer am heiligen Weihnachtsabend vergessen ! “ Und umringt von ihnen , schritt sie zur Thür der Stube des Herrn Oberförsters und klopfte mit hartem Finger , und Hermann donnerte mit den Fünften dagegen . „ Vater ! Vater ! “ schrieen die Mädchen , „ es ist beinah ’ Acht ! “ „ Herein ! scholl es , und da stürmten sie hinein , und mit Ausnahme von Karoline , die ja nicht mehr überrascht werden konnte , blieben sie mit offenem Mund und starren Augen stehen . Da saß der Vater auf dem Sofa und neben ihm , ganz rot , ganz verweint und doch lächelnd , ihre Hand in des Vaters Hand , ihren Kopf an seiner Schulter , die Tante – die Tante Hede . Und Karoline flüsterte dem Mariechen etwas ins Ohr und verschwand dann , die Thür hinter sich zuziehend . Das Kind stand noch einen Augenblick , dann lief es zu Hede . die es lachend und weinend auf den Schoß hob . „ Ist ’ s wahr , daß du meine Mama wirst ? “ „ Ja ! Ja ! Kommt her ! “ rief der Oberförster . „ Die Tante will es , sie will bei uns bleiben – das schenke ich euch zu Weihnachten , Kinder , eine neue Mama , eine Mutter ! Und er stand auf und hob seinen Jungen empor und setzte ihn neben Hedwig , und dann zog er seine Aelteste heran . „ Dir hat sie am meisten gefehlt , Große , freust du dich denn auch ? “ Das Kind aber barg den Kopf an des Vaters Brust und fing an zu weinen . „ Ich hab ’ mir ’ s doch schon zum Geburtstag gewünscht , “ sagte sie . „ Und nun hört ! Heute abend bringt das Christkind euch nichts , ich will Tante Hede hinaufbegleiten , sie muß ihrem Bruder erzählen , daß sie eure Mutter werden will . Aber morgen , dann zünden wir beide euch den Baum an . Ihr werdet nachher recht vergnügt und artig zu Bette gehen und euch auf morgen freuen . In Anbetracht der neuen Mama wurde die hinausgeschobene Christbescherung genehmigt , und nach einigen Minuten gingeu Oberförster Günther und Hede Kerkow nebeneiuander durch die Dunkelheit der heiligen Nacht . Droben im Erker brannte das einsame Lichtlein wie immer , im Doktorhause war alles dunkel , nur über ihnen flammten die Sterne , diese ewigen Weihnachtslichter . Er hatte ihre Hand genommen und atmete hörbar . „ Hede , sagte er gepreßt , „ mir ist , als habest du Schweres zu überstehen heute – dein Bruder – „ Sei ohne Sorgen – er braucht mich nicht , “ antwortete sie . Aber auch ihr klopfte das Herz . Dann nahmen sie Abschied für heute abend . „ Ich danke dir ! Ich danke dir , “ sagte er leise , „ mögest du es nie bereuen ! “ „ Ich danke dir , “ antwortete sie hell und fröhlich . Du weißt nicht , du weißt ja nicht , wie arm und heimatlos ich war , wie reich ich jetzt bin wie lieb ich dich habe ! “ Er wollte sie an sich ziehen , aber sie hielt ihn zurück . „ Mehr als du mich ! setzte sie leise hinzu , „ viel mehr ! “ „ Nein ! “ sagte er . „ Wirklich ? “ „ Ja , Hedwig ! Ich habe dir ja alles gebeichtet , du vermagst dir nicht vorzustellen wie ich mich nach dir gesehnt habe , all die Zeit her . „ Aber – ? “ . Sie wandte den Kopf und sah bang zu dem dunklen Hause hinunter , in dem sie Aenne wußte . „ Das ? Das ist ausgekämpft , Hede , und jetzt ist ’ s klar in meiner Seele , und so ruhig , so tief innerlich froh und friedlich fühle ich mich . “ „ Leb ’ wohl , “ flüsterte sie gerührt , „ auf morgen ! Leb ’ wohl ! “ Sie sahen sich ein Weilchen in die Augen , dann zog er sie an sich und küßte sie . Heinz , der sonst kaum sah und hörte , ob die Schwester im Zimmer sei oder nicht , vermißte sie heute . Vielleicht waren die Kerzen des Weihnachtsbaumes schuld daran , daß er die Zusammengehörigkeit mit ihr wieder fühlte , die Erinnerung an die süße , gemeinsam verlebte Kinderzeit ! Er wartete , zuerst ungeduldig , dann ward er unruhig , einigemal pochte er an die Thür ihres Zimmers – vergebens . Wundern konnte er sich nicht , wenn sie eine wärmere Atmosphäre aufsuchte als die , welche hier herrschte , indes heute , heute am Weihnachtsabend ? Und wo mochte sie sein ? Vielleicht bei Mays ? Aber es sah ihr gar nicht ähnlich , sich an solchen Festtagen in intime Familienkreise zu drängen . Möglicherweise auch hatte sie ein paar Arme , denen sie bescherte . Er erinnerte sich , daß sie immer nähte und strickte in letzter Zeit , wenn er sie sah . Es konnte auch sein , daß sie bei ihren ehemalige Pfleglingen sich befand , lieber Gott , warum auch nicht , wenn ’ s nur nicht gerade heute