gelüftete Gruft zurück mußten , und Achim von Bredow , dem man , als dem Vornehmsten , eine Flasche mit einem beschriebenen Zettel darin mit in den Sarg gegeben , eröffnete den Reigen . Auf dem Zettel aber stand , daß Träger dieses Herr Achim von Bredow sei , der in Genossenschaft vieler Bredows , Eichstädts und Sparrs hier dreihundert Jahre lang geschlummert , dann behufs Lüftung der Gewölbe vier Wochen lang im Kirchenschiffe zu Rheinsberg ausgestanden und im Maimonat 1844 seine alte Wohnung wieder bezogen habe . Daran schloß sich eine Chronik und die Namensunterschrift vom Bürgermeister und Rat . Und nun noch eins . Während der Zeit , daß die Särge geöffnet im Kirchenschiffe standen , trug sich eine Geschichte zu , die , mit ihrem gespenstischen Anfluge , die Gemüter der Rheinsberger allerdings auf Wochen hin beschäftigen durfte . Unter den Toten befand sich nämlich auch eine Margarete von Eichstädt , eine schöne Frau , die bei jungen Jahren gestorben war . Ihre weißen Grabgewänder waren noch wohl erhalten , um den Hals trug sie reiches Geschmeide und endlich auch einen schmalen Trauring am Ringfinger der rechten Hand . Tag und Nacht hatten Wächter in der Kirche gestanden . Als nun die Zeit kam , wo die Särge wieder geschlossen werden sollten , bemerkte man , daß der Ring am Ringfinger Margaretes von Eichstädt fort war . Ein gewöhnlicher Diebstahl konnte nicht vorliegen , das reiche Halsgeschmeide war unberührt geblieben und nur eben der Ring fehlte . Wer trug ihn jetzt ? 3 3 Das Schloß in Rheinsberg . Anblick vom See aus . Die Reihenfolge der Besitzer . Die Zimmer des Kronprinzen . Die Zimmer des Prinzen Heinrich Die alte Glocke zu Rheinsberg , die in mehr charakteristischen als poetischen Alexandrinern die Inschrift trägt : Des Feuers starke Wut riß mich in Stücken nieder , Mit Gott durch Meyers Hand ruf ich doch Menschen wieder , – schlägt eben vier und läßt uns die Vermutung aussprechen , daß selbst der Nachmittagsschlaf eines vierundachtzigjährigen Kastellans nunmehr zu Ende sein könne . Unser heiterer Freund antwortet mit einem ungläubigen » wer weiß « , ist aber nichts destoweniger bereit , die Führung bis ins Schloß zu übernehmen und uns seinem » Gevatter « vorzustellen . Unterwegs warnt er uns in humoristischer Weise vor den Bildererklärungen und Namensunterstellungen des Alten . » Sehen Sie , meine Herren , er hat eine Liste , auf der die Namen sämtlicher Porträts verzeichnet stehen , aber er nimmt es nicht genau mit der Verteilung dieser Namen . Einige Porträts sind fortgenommen und in die Berliner Galerien gebracht worden , was unseren Gevatter aber wenig kümmert ; er stellt ihnen , nach wie vor , Personen vor , die sich gar nicht mehr im Schlosse zu Rheinsberg befinden . Prinzeß Amalie namentlich , die schon bei Lebzeiten so viel Schweres tragen mußte , muß auch im Tode noch allerlei Unbill über sich ergehen lassen , und jedes Frauenporträt , das der Wissenschaft der Kunstkenner und Antiquare bisher gespottet hat , ist sicher , als › Schwester Friedrichs des Großen ‹ genannt zu werden . Sie werden sie in Hofkostüm , in Phantasiekostüm und in Maskenkostüm kennenlernen ; besonders mache ich Sie auf ein Kniestück aufmerksam , wo sie in Federhut und schwarzem Muff erscheint . Die Kehrseite des Bildes wäre Wohltat gewesen . « Unter solchem Geplauder haben wir die der Stadt zu gelegene Rückseite des Schlosses erreicht , passieren den Schloßhof , steigen in ein bereit liegendes Boot und fahren bis mitten auf den See hinauf . Nun erst machen wir kehrt und haben ein Bild von nicht gewöhnlicher Schönheit vor uns . Erst der glatte Wasserspiegel , an seinem Ufer einen Kranz von Schilf und Nymphäen , dahinter ansteigend ein frischer Gartenrasen und endlich das Schloß selbst , die Fernsicht schließend . Nach links hin dehnt sich der See , wohin wir blicken , ein Reichtum von Wasser und Wald , die Bäume nur manchmal gelichtet , um uns irgendein Denkmal auf den stillen Grasplätzen des Parks , oder eine Marmorfigur oder einen » Tempel « zu zeigen . Das Schloß war in alten Tagen ein gotischer Bau mit Turm und Giebeldach . Erst zu Anfang des vorigen Jahrhunderts trat ein Schloßbau in französischem Geschmack an die Stelle der alten Gotik und nahm dreißig Jahre später unter Knobelsdorffs Leitung im wesentlichen die Formen an , die er noch jetzt zeigt . Eine Beschreibung des Schlosses versuche ich nur in allgemeinsten Zügen . Es besteht aus einem Mittelstück ( corps de logis ) und zwei durch eine Kolonnade verbundenen Seitenflügeln . In Front der See . Mehr eine Eigentümlichkeit als eine Schönheit bilden ein paar abgestumpfte Rundtürme , die sich an die Giebel der Seitenflügel anlehnen und deren einem es vorbehalten war , zu besonderer Berühmtheit zu gelangen . Langsam nähern wir uns wieder dem Ufer , befestigen den Kahn am Wassersteg und schreiten nun plaudernd unsern Weg zurück . Unter der Kolonnade machen wir halt und rekapitulieren die Geschichte des Orts . Es ist nötig , sie gegenwärtig zu haben . Die Herrschaft Rheinsberg war ein altes Besitztum der Bredows . Seit 1618 sind die Hauptdaten folgende : Jobst von Bredow verkauft Rheinsberg an Kuno von Lochow , Domherrn zu Magdeburg . 1618 . Der Große Kurfürst nimmt , nach dem Erlöschen dieser Familie von Lochow , Rheinsberg in Besitz und schenkt es dem General du Hamel . 1685 . General du Hamel verkauft es sofort an den Hofrat de Beville . Die Bevilles besitzen es , Vater und Sohn , bis 1734 . Vom Sohne , dem Oberstleutnant Heinrich von Beville , kaufte es . König Friedrich Wilhelm I. und schenkte es an den Kronprinzen Friedrich 1734 . Der Kronprinz ( Friedrich der Große ) , obschon nur bis 1740 dort , behält es als Eigentum bis 1744 . Im Jahre 1744 erhält es Prinz Heinrich von seinem Bruder als Geschenk , übersiedelt aber erst 1753 nach Rheinsberg . 54 Prinz Heinrich von 1753 bis 1802 ( 3. August ) . Prinz Ferdinand von 1802 bis 1813 ( 2. Mai ) . Prinz August von 1813 bis 1843 ( 19. Juli ) . Seit 1843 ist es wieder Königlicher Besitz . – Wir nähern uns jetzt von der Kolonnade her dem linken Flügel des Schlosses , treten auf einen großen Flur und ziehen leise mit der Hand des Bittstellers an der Klingel des Kastellans . Er schläft wirklich noch , aber seine Frau nimmt unverdrossen das große Schlüsselbund von der Wand und schreitet treppauf vor uns her . Wollte ich dem Leser zumuten , uns auf diesem Gange zu folgen , so würde ich ihn nur verwirren ; ich begnüge mich deshalb damit ( ohne Rücksicht auf die Reihenfolge , darin wir die Zimmer sahen ) in nachstehendem erst von den Zimmern des Kronprinzen Friedrich und danach von denen des Prinzen Heinrich zu sprechen . Zunächst also die Zimmer des Kronprinzen , des nachmaligen » großen Königs « . Sie befinden sich in beiden Flügeln , wenn man , wie billig , den großen Konzertsaal mit hinzurechnet , den Konzertsaal , in welchem unter Leitung Grauns und unter Mitwirkung des Kronprinzen die klassischen Kompositionen jener Epoche zur Aufführung kamen . Dieser Konzertsaal befindet sich ( immer von der Seefront aus ) im linken Flügel des Schlosses , von dem aus seine hohen Fenster einerseits auf den Schloßhof , andrerseits auf das » Kavalierhaus « und einen vorgeschobenen Teil der Stadt herniederblicken . Er ist etwa vierzig Fuß lang , fast ebenso breit und vortrefflich erhalten . Die Wände sind von Stuck und die Fensterpfeiler mit Spiegeln und Goldrahmen reich verziert ; eine Hauptsehenswürdigkeit aber ist das große Deckengemälde von Pesne , das dieser , nach einem den Ovidschen Metamorphosen entlehnten Vorwurf , im Jahre 1739 hier ausführte . Der Grundgedanke ist : » die aufgehende Sonne vertreibt die Schatten der Finsternis « oder wie einige es ausgelegt haben , » der junge Leuchteprinz vertreibt den König Griesegram . « Die Technik ist vortrefflich , und wie immer man auch über pausbackige Genien und halbbekleidete Göttinnen denken mag , in dem Ganzen lebt und webt eine künstlerische Potenz , gegen die es nicht gut möglich ist , sich zu verschließen . Schinkel soll unter dem Einfluß dieses Deckengemäldes die große Komposition entworfen haben , die sich jetzt al fresco in der Säulenhalle des Berliner Alten Museums befindet . Was übrigens den Konzertsaal selbst angeht , so fand innerhalb desselben , im Sommer 1848 , ein etwas in rot getauchtes Ruppin-Rheinsbergisches Gesangfest statt , das eigentümlich gestört wurde . Man war eben auf der » Höhe der Situation « , als sich plötzlich eine halbe Stuckwand loslöste und mitten in den entsetzten Sängerkreis hineinfiel . Alles stob auseinander . Das Mauerwerk des alten Schlosses hatte sich aus seinen friderizianischen Erinnerungen heraus empört . Dieser linke Flügel enthält außer dem Konzertsaal noch zehn oder zwölf kleinere Räume , von denen einige die Zimmer der Prinzeß Amalie heißen , während der Rest sich ohne jeden Namen begnügen muß . Diese » Namenlosen « sind die einzigen Räume des Schlosses , die noch eine praktische Verwendung finden . In ihnen logieren die Hausministerialbeamten , die hier gelegentlich eintreffen , um nach dem Rechten zu sehen . Es macht einen ganz eigentümlichen Eindruck , wenn man nach Passierung einer langen Reihe von Zimmern , die nur immer die Vorstellung in uns wachriefen , » hier muß der oder der gestorben sein « , plötzlich in ein paar Räume tritt , die liebe Rückerinnerungen an die Tage eigenen Chambregarnielebens in uns wecken . Die kleinen Bettstellen von Birkenmaserholz , die roten Steppdecken von allersimpelstem Kattun , die Waschtoiletten mit dem Klappdeckel und die beinah faltenlosen Zitzgardinen , als habe das Zeug nicht ganz gereicht , alles hat den schlichtbürgerlichsten Charakter von der Welt , und das eitle Herz freut sich der Wahrnehmung , daß man in Schlössern schläft wie anderswo . Doch vergessen wir über diesem stillen Behagen nicht unsere eigentliche Aufgabe , und wenden wir uns lieber jenem kleinen Arbeitszimmer zu , das , mit noch größerem Recht als der Konzertsaal , den Namen des großen Königs führt . Dies Arbeitszimmer liegt im rechten Flügel des Schlosses , und zwar in dem kleinen Rundturm , der den Flügel nach vorn hin abschließt . Wir passieren abermals eine lange Zimmerreihe , bis wir endlich in ein kleines und halbdunkles Vorgemach treten , das sein Licht nur durch eine Glastür empfängt . Dies halbdunkle Vorgemach enthielt die kleine Bibliothek , die Friedrich der Große bald nach seiner Thronbesteigung nach Potsdam schaffen ließ , das davor liegende Zimmer aber , von dem uns nur noch die Glastür trennt , ist das Arbeitszimmer selbst . Nur sehr klein ( höchstens zwölf Fuß im Quadrat ) hat es nach drei Seiten hin eine entzückende Aussicht über Wald und See . Vor einhundertundvierzig Jahren muß es auch in seiner Ausstattung einen durchaus heiteren und angenehmen Eindruck gemacht haben . Es ist ein Achteck , das mit drei Seiten in der Mauer steckt , während fünf Seiten frei und losgelöst nach vorn hin liegen . Das Ganze setzt sich abwechselnd aus Wand- und Glasflächen zusammen : vier Paneelwände , drei Nischenfenster und eine Glastür . Die Fensternischen sind sehr tief und boten deshalb Raum zur Aufstellung von Polsterbänken , die sich an beiden Seiten entlangziehen . An den Paneelwänden stehen altmodische Lehnstühle mit versilberten Beinen und schlechten , dunklen Kattunüberzügen . Über den Lehnstühlen aber , in ziemlicher Höhe , sind Konsolen mit den Büsten Ciceros , Voltaires , Diderots und Rousseaus angebracht . In die Holzbekleidung ist vielfach Spiegelglas eingelassen , während sich zu Häupten der Eingangstür allerlei Zeichen des Freimaurerordens befinden und abermals ein Pesnesches Deckengemälde den Plafond bedeckt . Dasselbe zeigt die Ruhe beim Studieren ; ein Genius überreicht der sitzenden Minerva ein Buch , auf dessen Blättern man die Namen Horaz und Voltaire liest . Das Bild hat verhältnismäßig gelitten , und kann überhaupt mit der glänzenden Schöpfung desselben Meisters im Konzertsaale nicht verglichen werden . In der Mitte des Zimmers steht auf vergoldeten Rokokofüßen und etwa von der Größe moderner Damenschreibtische der Arbeitstisch des Prinzen . Seine Schreibplatte liegt schräg und kann aufgeklappt werden . Sie war ehedem mit rotem Samt überzogen , hat aber nicht nur die Farbe , sondern auch den ganzen Samtstoff längst verloren . Der Samt wird bekanntlich auf eine Ünterschicht von festem Zeug aufgetragen . Diese Unterschicht war 1853 , als ich Rheinsberg zum ersten Male besuchte , noch ziemlich intakt vorhanden . Seitdem aber haben sich die Dinge sehr zum Schlimmeren verändert . Nicht die Hälfte mehr existiert von diesem Unterzeug , und man kann deutlich sehen , wie die Federmesser , je nach der Charakteranlage der Besucher , mal größere , mal kleinere Karos herausgeschnitten haben . Ich liebe nicht die Kastellane , die einen durch ihren Diensteifer um die Möglichkeit eines ruhigen Genusses bringen , aber ebensowenig mag ich jenen das Wort reden , die voll mißverstandener Nachsicht ein Auge da zudrücken , wo sie es aufmachen sollten . Wir nehmen zögernd Abschied von diesem interessanten Zimmer , um uns nun den Zimmern des Prinzen Heinrich zuzuwenden . Sie liegen im ersten Stock des Korps des Logis und bilden eine ununterbrochene Reihenfolge . Den Anfang machen die sogenannten Prinz-Ferdinands-Zimmer , d.h. diejenigen , die Prinz Ferdinand zu bewohnen pflegte , wenn er bei seinem älteren Bruder , dem Prinzen Heinrich , zum Besuche war . Vielleicht auch residierte der erstgenannte Prinz in der Zeit von 1802 bis 1813 wenigstens zeitweilig hier und bewohnte dann diese Räume . Hinter diesen sogenannten Prinz-Ferdinands-Zimmern folgt der Konzertsaal ( nicht zu verwechseln mit dem Kronprinzlichen im linken Flügel ) , alsdann der sehr gut erhaltene Muschelsaal und endlich das Bibliothekzimmer . Neben diesem befindet sich das Schlaf- und Sterbezimmer des Prinzen Heinrich . Es ist ein großes , ziemlich dunkles Gemach , durch ein paar Säulen in zwei Hälften geteilt . In der dunkleren Hälfte , halb durch die Säulen verdeckt , steht das Sterbebett , ein stattlicher , mit schweren Seidenvorhängen reich ausgestatteter Bau . Derartige Staatsbetten , namentlich wenn alt geworden , machen in der Regel einen ängstlichen Eindruck und erfüllen uns mit Dank , nicht in ihnen schlafen zu müssen . Anders hier , weil sich nichts von Verschlossenheit zeigt , vielmehr alles frisch und farbig und voll beweglich lebensvoller Falten . – Um dieses Schlaf- und Sterbezimmer her gruppieren sich einige kleinere , die nur durch ihre Schildereien interessieren , meist Bilder in chinesischer Tusche von der Hand des Prinzen Heinrich selbst . Im großen und ganzen aber herrscht Mangel an guten Bildern , und nur einige wenige hat man dieser Stelle gelassen . Unter diesen sind zwei Bildnisse des jungen Grafen Bogislaw von Tauenzien und ein Porträt der ersten Königin Sophie Charlotte bei weitem die besten . Auch die Zimmer im Erdgeschoß sind nicht ohne Interesse . Bilder , Büsten , Ausschmückungsgegenstände , die sich teils noch aus der Zeit des Prinzen Heinrich her in diesen Zimmern befinden oder aber verschönerungshalber seitdem ihren Weg aus dem oberen Stock ins untere genommen haben , fesseln hier den Beschauer . In einem dieser Räume befinden sich beispielsweise die Büsten des Marquis de la Roche-Aymon und seiner Gemahlin , daneben eine Büste des französischen Schauspielers Blainville . Der Marquis , auf den ich in einem späteren Kapitel zurückkomme , war nach Tauenziens Abgang Adjutant des Prinzen und nebenher eine Art General en Chef des prinzlichen Heeres , d.h. jener im Solde des Prinzen stehenden Leibhusarenschwadron , die in Rheinsberg ihre Garnison und im Schlosse den Dienst hatte . Der Schauspieler Blainville , ein besonderer Liebling des Prinzen , gab sich selbst den Tod , als es der Kabale seiner Genossen gelungen war , ihm momentan die Gunst seines Herrn zu entziehen . Der Prinz soll diesen Verlust nie verwunden haben . Ein größerer Saal neben jenem büstengeschmückten Zimmer macht den Eindruck einer gewissen Wohnlichkeit , vielleicht weil er ein paar Spezialitäten enthält , die uns , wie ein Vogelbauer oder ein Tisch voll Nippsachen , die wohltuende Nähe von Menschen auch dann noch empfinden lassen , wenn diese lange vom Schauplatze abgetreten sind . Zu diesen Spezialitäten zähle ich hier ein würfelförmiges Postament von dem Umfang eines großen Tabakskastens , das auf einem halb versteckten Ecktisch steht . Dieser Kasten muß bei bestimmter Gelegenheit als Untersatz für eine kostbare Blume gedient haben und von dem einen oder anderen seiner Verehrer dem Prinzen überreicht worden sein . Noch jetzt umschließt der Kasten einen Blumentopf , aber die Blumen selbst sind von Papier . Alle vier Wände des Kastens enthalten reizende Aquarellbildchen , zwei davon Schlachtenbilder en miniature , von denen das eine die Inschrift trägt : » Condé aux lignes de Fribourg « , das andere : » Henri à la bataille de Prague « . Die Verbindlichkeit ist sehr fein und die Parallele gut gezogen . » Condé aux lignes de Fribourg « ist vielleicht eine Kopie , wenigstens entsinne ich mich dunkel , im Louvre oder in den Sälen von Versailles etwas Verwandtes gesehen zu haben . Auf dem Frontbilde : » Henri à la bataille de Prague « erhebt der Prinz 55 eben den Degen , und den Kopf nach rechts hin zurückgewandt , um durch Wort und Blick die Nachfolgenden anzufeuern , führt er eine Grenadierkompanie zum Sturm . 4 4 Prinz Heinrich . Der Rheinsberger Park . Herr von Reitzenstein und der verschluckte Diamant . Der Freundschaftstempel . Das Theater im Grünen . Das Grabmal des Prinzen Außer den im vorigen Kapitel beschriebenen Zimmern des Kronprinzen und des Prinzen Heinrich enthält das Rheinsberger Schloß nichts , was der Erwähnung wert wäre . Wenn man wieder ins Freie tritt , um , über den Schloßhof hin , dem Park und dem See zuzuschreiten , so kann man die Frage nicht abwehren , wie kommt es , daß dieser kluge , geistvolle Prinz Heinrich , dieser Feldherr sans peur et sans reproche , dies von den nobelsten Empfindungen inspirierte Menschenherz , so wenig populär geworden ist . Man gehe in eine Dorfschule und mache die Probe . Jedes Taglöhnerkind wird den Zieten , den Seydlitz , den » Schwerin mit der Fahne « kennen , aber der Herr Lehrer selbst wird nur stotternd zu sagen wissen , wer denn eigentlich Prinz Heinrich gewesen sei . Selbst in Rheinsberg , das der Prinz ein halbes Jahrhundert lang bewohnt hat , ist er verhältnismäßig ein Fremder . Natürlich , man kennt ihn , aber man weiß wenig von ihm . Einige von den Alten entsinnen sich seiner , erzählen dies und das , aber die lebende Generation lernt Geschichte wie wir , d.h. liest lange Kapitel vom Kronprinzen Friedrich und seinem Rheinsberger Aufenthalt , und hat sich daran gewöhnt , den Konzertsaal und das Studierzimmer als die alleinigen Sehenswürdigkeiten des Schlosses anzusehen . Die Zimmer des Prinzen Heinrich , Prinz Heinrich selbst , alles ist bloße Zugabe , Material für die Rumpelkammer . Das harte Los , das dem Prinzen bei Lebzeiten fiel , das Geschick » durch ein helleres Licht verdunkelt zu werden « , verfolgt ihn auch im Tode noch . An derselben Stelle , wo er durch fast zwei Menschenalter hin gelebt und geherrscht , geschaffen und gestiftet hat , ist er ein halb Vergessener , bloß weil der Stern seines Bruders vor ihm ebendaselbst geleuchtet . Und ein Teil dieses Mißgeschicks wird auch bleiben . Aber es ist andererseits nicht unwahrscheinlich , daß die nächsten fünfzig Jahre schon Verdienst und Klang des Namens mehr in Harmonie bringen werden . Um es mit einem Worte zu sagen : dem Prinzen hat der Dichter bis zu dieser Stunde gefehlt . Von dem Augenblick an , wo Lied , Erzählung , Schauspiel ihn unter ihre Gestalten aufnehmen werden , werden sich auch die Prinz-Heinrich-Zimmer im Rheinsberger Schlosse neu zu beleben anfangen , und die Kastellane der Zukunft werden zu berichten wissen , was in dieser und jener Fensternische geschah , wer den Blumenkasten übergab und unter welchem Kastanienbaum der Prinz seinen Tee trank und mit einem freudigen » oh soyez le bien venu « sich erhob , wenn Prinz Louis am Schloßtor hielt und lachend aus dem Sattel sprang . Historische Gestalten teilen nicht selten das Schicksal alter Statuen . Einzelne stehen durch ein Jahrtausend hin immer leuchtend und immer bewundert auf dem Postament ihres Ruhmes ; andere werden verschüttet oder in den Fluß geworfen . Aber endlich kommt der Moment ihrer Wiedererstehung , und nun erst – neben den glücklicheren neuaufgerichtet – erwächst der Nachwelt die Möglichkeit des Vergleichs . Es muß zugegeben werden ( und ich habe bereits in dem Kapitel » die Kirche zu Rheinsberg « darauf hingewiesen ) , daß etwas prononziert Französisches in Sitte , Gewöhnung , Ausdruck , sowie das geringe Maß jener kurbrandenburgischen Derbheit , die wir an Friedrich dem Großen , all seiner Voltaire-Schwärmerei zum Trotz , so deutlich erkennen und so sehr bewundern , der Volkstümlichkeit des Prinzen Heinrich immer hindernd im Wege stehen wird , es fehlt aber auch noch viel bis zu jenem bescheideneren Teile von Popularität , worauf er unbedingten Anspruch hat . Seine Repliken waren nicht im Stile des älteren Tauenzien , als dieser , unter Androhung , » daß man das Kind im Mutterleibe nicht schonen werde « aufgefordert wurde , Breslau zu übergeben ; aber wenn er in seinen Antworten auch nicht dem Richard Löwenherz glich , der mit seinem Schwert ein zolldickes Eisen zerhieb , so glich er doch dem Saladin , der mit seiner Halbmondklinge das in die Luft geworfene Seidentuch im Niederfallen durchschnitt . Nur selten war er derb , rauh nie . * Wir sind nun in den Park getreten . Er umzieht in weitem Halbkreise die linke Hälfte des Sees und geht am jenseitigen Ufer unmittelbar in die schönen Laubholzpartien des Boberowwaldes über . Der Park ist eine glückliche Mischung von französischem und englischem Geschmack , zum Teil planvoll und absichtlich dadurch , daß man die Le Notreschen Anlagen durch Partien im entgegengesetzten Geschmack erweiterte , zum Teil aber planlos und unabsichtlich dadurch , daß sich das zwang- und kunstvoll Gemachte wieder in die Natur hineinwuchs . Die ursprüngliche Anlage soll das Werk eines Herrn von Reitzenstein gewesen sein , der schließlich ( wie das zu geschehen pflegt ) in verleumderischer Weise beschuldigt wurde , die Kriegsabwesenheit des Prinzen zu seinem Vorteil benutzt und unredlich gewirtschaftet zu haben . Als er von dieser gegen ihn umgehenden Verleumdung und beinahe gleichzeitig auch von der nahe bevorstehenden Rückkehr des Prinzen hörte , gab er sich in den Tod » indem er einen Diamanten verschluckte « . So das Volk . Es liegt auf der Hand , daß hier der nach dem Abenteuerlichen haschende Sinn desselben eine komische Substituierung geschaffen hat . Ein verschluckter Diamant ist um nichts schädlicher als ein verschluckter Pflaumenkern , und so glaube ich denn bis auf weiteres annehmen zu dürfen , daß sich von R. ( wenn überhaupt ) einfach durch Blausäure , durch Essence d ' Amandes getötet hat , aus welch letzterem Worte , lediglich nach dem Gleichklang , ein Diamant geworden ist . Man passiert , abwechselnd dicht am See hin und mal wieder sich von ihm entfernend , die herkömmlichen Schaustücke solcher Parkanlage : Säulentempel , künstliche Ruinen , bemooste Steinbänke , Statuen ( darunter einige von großer Schönheit ) , und gelangt endlich bis an den sogenannten Freundschaftstempel , der bereits am jenseitigen Ufer des Sees , im Boberowwalde gelegen ist . In diesem Freundschaftstempel pflegte der Prinz zu speisen , wenn das Wetter eine Fahrt über den See zuließ . Es war ein kleiner Kuppelbau , auf dessen Hauptkuppel noch ein Kuppelchen saß ; über dem Eingang aber ein Frontispiz . Frontispiz und Kuppeln existieren nicht mehr ; sie drohten mit Einsturz und wurden abgetragen . Aber das Innere des » Tempels « ist noch wohlerhalten und besteht aus einem einzigen achteckigen Zimmer , um das sich , wie die Schale um die Mandel , ein etwas größerer achteckiger Außenbau legt . Genau so , wie man eine kleine Schachtel in eine größere stellt und beide mit einem gemeinschaftlichen Deckel überdeckt . In dem achteckigen Einsatz befinden sich vier türbreite Einschnitte ( die Türen selber fehlen ) und mit Hilfe dieser Einschnitte wird es möglich , die sechzehn Inschriften zu lesen , die seinerzeit der Innenwand des achteckigen Außenbaues , und zwar sehr wahrscheinlich vom Prinzen selber gegeben wurden . Sie sind abwechselnd zwei und vier Zeilen lang und beziehen sich auf das Glück der Freundschaft . Ich zitiere zwei derselben : Qui vit sans amité , ne sauroit être heureux , Quandi il auroit pour lui la fortune et les Dieux oder Pourquoi l ' amour est-il donc le poison Et l ' amitié le charme de la vie ? Cest que l ' amour est le fils de la folie Et l ' amitié fille de la raison . So sind sie alle . Kleine Niedlichkeiten ohne tiefere Bedeutung , und doch an dieser Stelle ebenso ansprechend , wie sie als Grab- und Kircheninschriften uns widerstrebend sind . Jetzt feiert die junge Welt ihr Möskefest hier , bei welcher Gelegenheit sicherlich alle philosophischen Betrachtungen über das Glück der Freundschaft unterbleiben , und die sich » anbahnenden Verhältnisse « durchaus zugunsten des ewig im Schwunge bleibenden » fils de la folie « entschieden werden . Ein Möskefest an dieser Stelle bedeutet eine nicht üble Kritik und Ironie . * Vom Freundschaftstempel aus schreiten wir in den eigentlichen Park zurück , machen dem wohlerhaltenen » Theater im Grünen « , das lebendige Hecken statt der Kulissen hat , unseren Besuch und gelangen danach in allerhand schmale Gänge , deren Windungen uns schließlich bis an das Grabmal des Prinzen Heinrich führen . Es besteht aus einer Pyramide von Backstein , um die sich ein schlichtes Eisengitter zieht . Der Prinz , in seinem Testamente , hatte die völlige Vermauerung dieser Pyramide angeordnet ; man ging aber von dieser Anordnung ab und ließ einen Eingang offen . Im Jahre 1853 sah ich noch deutlich den großen Zinksarg stehen , auf dem ein rostiger Helm lag . Seitdem ist ein brutaler Versuch gemacht worden , eben diesen Sarg , in dem man Schätze vermutete , zu berauben , was nun , nachträglich noch , zur Erfüllung der Testamentsanordnung , will also sagen zur Vermauerung der Pyramide geführt hat . Wo früher der Eingang war , befindet sich jetzt eine große Steintafel mit der von Prinz Heinrich selbst verfaßten Grabschrift . Sie lautet : Jetté par sa naissance dans ce tourbillon de vaine funée Que le vulgaire appelle Gloire et grandeur , Mais dont le sage connoit le néant ; En proie à tous les maux de l ' humanité ; Tourmenté par les passions des autres , Agité par les siennes ; Souvent exposé à la calomnie ; En butte à l ' injustice ; Et accablé même par la perte De parens chéris , D ' amis sûrs et fidèles ; Mais aussi , souvent consolé par l ' amitié ; Heureux dans le recueillement de ses pensées , Plus heureux Quand ses services purent être utiles à la patrie Ou à l ' humanité souffrante : Tel est l ' abrégé de la vie de FRÉDÉRIC-HENRI-LOUIS , Fils de Frédéric-Guillaume , roi de Prusse , Et de Sophie-Dorothée , Fille de George Ier . roi de la Grande-Bretagne . Passant , Souviens-toi que la perfection n ' est point sur la terre . Si je n ' ai pu être le meilleur des hommes , Je ne suis point au nombre des méchans ; L ' éloge ou le blâme Ne touchent plus celui Qui repose dans l ' éternité ; Mais la douce espérance Embellit les derniers momens De celui qui remplit ses devoirs ; Elle m ' accompagne en mourant , Né le 18. janvier 1726 . Décédé le 3. août 1802 . So dachte , so schrieb man damals . Die » naissance « war ein Spiel des Zufalls , und man war es müde , » über Sklaven zu herrschen « . Aus dieser Welt der Freiheitsphrase sind wir heraus , aber , Gott sei Dank , dem Wesen der Freiheit sind wir nähergekommen . 5 5 Der große Obelisk in Rheinsberg und seine Inschriften Vielleicht die größte Sehenswürdigkeit Rheinsbergs ist der Obelisk , der sich , gegenüber dem Schlosse , am jenseitigen Seeufer auf einem zwischen dem Park und dem Boberowwalde gelegenen Hügel erhebt . Er wurde zu Anfang der neunziger Jahre vom Prinzen Heinrich » dem Andenken seines Bruders August Wilhelm « errichtet und trägt an seiner Vorderfront das vortrefflich ausgeführte Reliefporträt eben dieses Prinzen und darunter die Worte : A l ' eternelle memoire d ' Auguste Guillaume Prince de Prusse , second fils du roi Frédéric Guillaume . * Aber nicht dem Prinzen allein ist das Monument errichtet , vielmehr den preußischen Helden des Siebenjährigen Krieges überhaupt , allen jenen , die , wie eine zweite Inschrift ausspricht , » durch ihre Tapferkeit und Einsicht verdient haben , daß man sich ihrer auf immer erinnere . « Da nun solcher preußischer Helden in jener Ruhmeszeit unzweifelhaft sehr viele waren , so lag es dem Prinzen ob , unter den vielen eine Wahl zu treffen . Diese Wahl geschah , und achtundzwanzig wurden schließlich der Ehre teilhaftig , ihre Namen auf dem Rheinsberger Obelisken genannt zu sehen . Jeder Name steht in einem Medaillon und ist von einer kurzen , in französischer Sprache abgefaßten Charakteristik begleitet . Nachstehend gebe ich dieselben in Übersetzung . Vorderfront Marschall von Keith . Mit der größten Biederkeit vereinigte er die ausgebreitetsten und gründlichsten Kenntnisse . In Rußland , während des Krieges gegen die Türken , erwarb er sich einen wohlverdienten Ruhm , welchen er im preußischen Dienste bestätigte . Das Bedauern