ich hatte ihn für einen Mann gehalten , den so alltägliche Beweggründe bei der Wahl einer Gattin nicht bestimmen könnten ; aber je länger ich die Stellung und Erziehung der Personen betrachtete , desto weniger hielt ich mich gerechtfertigt , ihn oder Miß Ingram zu tadeln , weil sie in Uebereinstimmung mit Ideen und Grundsätzen handelten , die ihnen ohne Zweifel von Kindheit an waren eingeflößt worden . Ihre ganze Klasse hielt diese Grundsätze fest , und ohne Zweifel hatten sie Gründe , sie festzuhalten , die mir zu hoch waren . Wenn ich ein Herr wäre , “ meinte ich , „ würde ich mich nur mit einem Frauenzimmer vermählen , welches ich lieben könnte ; aber die einleuchtenden Vortheile für das Glück des Gatten , die dieser Plan gewährte , überzeugten mich , daß Gründe für die allgemeine Annahme derselben vorhanden sein müßten , womit ich gänzlich unbekannt sei ; sonst hielt ich mich überzeugt , müsse die ganze Welt handeln , wie ich zu handeln wünschte . In anderer Hinsicht , so wie in dieser , wurde ich sehr nachsichtig gegen meinen Herrn : ich vergaß alle seine Fehler , auf die ich sonst ein scharfes Auge gehabt Es war früher mein Bemühen gewesen , alle Seiten seines Charakters zu studiren : das Böse wie das Gute abzuwägen , und mir dann ein gerechtes Urtheil zu bilden . Jetzt sah ich keine Fehler . Der Sarkasmus , der mich anfangs zurückgeschreckt , die Härte , die mich empört hatte , glich nur einem ausgesuchten Gewürz an einem köstlichen Gericht : seine Gegenwart trat deutlich hervor , aber seine Abwesenheit würde das Ganze geschmacklos gemacht haben . Und was das unbestimmte Etwas betrifft — war es ein unheimlicher oder ein sorgenvoller , ein planvoller oder verzweifelnder Ausdruck — der sich dem sorgfältigen Beobachter von Zeit zu Zeit in seinem Auge zeigte , und wieder verschwand , ehe man die seltsame , nur halb erschlossene Tiefe ergründen konnte dieses Etwas , welches bebende Furcht in mir erregte , als wanderte ich unter vulkanischen Hügeln , als fühlte ich plötzlich den Boden erbeben , und sähe ihn sich öffnen- dieses Etwas sah ich noch zu Zeiten mit klopfendem Herzen , aber nicht mit gelähmten Nerven . Anstatt es zu meiden , verlangte es mich nur , es zu ergründen und ich hielt Miß Ingram für glücklich , weil sie einst im Stande sein werde , nach Muße in diesen Abgrund zu blicken , seine Geheimnisse zu erforschen und die Beschaffenheit derselben zu prüfen . Inzwischen , während ich nur an meinen Herrn und an seine künftige Gattin dachte nur sie sah , nur ihre Unterredung hörte , und nur ihre Bewegungen für wichtig hielt war die übrige Gesellschaft mit ihren eigenen besondern Interessen und Vergnügungen beschäftigt . Lady Lynn und Lady Ingram setzten ihre feierlichen Unterredungen fort , nickten einander mit ihren Turbanen zu und erhoben ihre vier Hände , um , gleich einem paar prächtiger Marionetten , durch ihre Geberden Erstaunen , Geheimniß oder Entsetzen auszudrücken , je nach dem Gegenstande , über den sich ihre Unterredung verbreitete . Die milde Mistreß Dent sprach mit der gutmüthigen Mistreß Eshton , und diese Beiden richteten zuweilen ein höfliches Wort oder ein freundliches Lächeln an mich . Sir George Lynn , Oberst Dent und Herr Eshton verhandelten Angelegenheiten der Politik , der Verwaltung oder der Justiz . Lord Ingram machte Amy Eshton den Hof , Louise spielte und sang mit dem einen der Herren Lynn , und Maria Ingram hörte phlegmatisch die galanten Reden des andern an . Zuweilen stellten alle , wie verabredet , ihr Nebenspiel ein , um die Hauptpersonen zu beobachten und ihnen zuzuhören , denn Herr Rochester und Miß Ingram waren das Leben und die Seele der Gesellschaft . Wenn er eine Stunde aus dem Zimmer abwesend war , so schien die gute Laune seiner Gäste merklich abzunehmen , und sein Wiedererscheinen gab der Unterhaltung sogleich einen frischen und lebhaften Impuls . Dieser Mangel seines belebenden Einflusses machte sie besonders eines Tages bemerkbar , als ihn ein Geschäft nach Millcote gerufen , von wo man ihn erst spät zurück erwartete . Am Nachmittage regnete es , und ein Spaziergang , den sie die Gesellschaft vorgenommen , um ein Zigeunerlager zu sehen , welches auf einer Wiese jenseits Hay aufgeschlagen wurde , mußte folglich aufgeschoben werden . Einige von den Herren waren in die Pferdeställe gegangen , und die jüngern spielten mit den jüngern Damen Billard . Die Wittwen Ingram und Lynn suchten Trost bei einem ruhigen Kartenspiel . Blanca Ingram wies mit hochmüthiger Schweigsamkeit die Bemühungen der Mistreß Dent und Mistreß Eshton zurück , sie in eine Unterhaltung zu ziehen , sang einige sentimentale Arien zum Piano , holte sich dann einen Roman aus der Bibliothek , warf sich mit hochmüthiger Nachlässigkeit auf ein Sopha und bereitete sich vor , durch den Zauber der Dichtung die langweiligen Stunden der Abwesenheit zu täuschen . In dem Zimmer und im Hause war Alles still : nur von Zeit zu Zeit hörte man oben die Heiterkeit oder Billardspieler . Der Tag neigte sich zur Dämmerung und die Uhr hatte bereits das Zeichen gegeben , daß es Zeit sei , sich zur Tafel anzukleiden , als die kleine Adele , die neben mir im Fenster des Gesellschaftszimmers kniete , ausrief : „ Da kommt Herr Rochester zurück ! “ Ich sah mich um , und Miß Ingram fuhr von ihrem Sopha empor . Auch die Andern blickten von ihren Beschäftigungen auf , denn zu gleicher Zeit wurde das Rollen von Wagenrädern und der spritzende Hufschlag von Pferden auf dem nassen Kieswege hörbar . Eine Postchaise kam angefahren . „ Was mag ihm einfallen , daß er auf diese Weise nach Hause kommt ? “ sagte Miß Ingram . „ Er ritt Mesrour , als er abreiste , nicht wahr ? Und Pilot war bei ihm — was mag er mit den Thieren angefangen haben ? “ Während sie dies sagte , näherte sie sich mit ihrer großen Person und ihren weiten Kleidern dem Fenster so sehr , daß ich mich genöthigt sah , mich so weit zurückzulehnen , daß ich mir fast das Rückgrat brach . Bei ihrer Lebhaftigkeit bemerkte sie mich anfangs nicht , als dies aber geschah , verzog sie ihre Lippe und ging zu dem andern Fenster . Die Postchaise hielt an , der Kutscher klingelte und ein Herr in Reisekleidern stieg aus ; aber es war nicht Herr Rochester , es war ein großer , vornehm aussehender Mann — ein Fremder . „ Entsetzlich ! Du widerwärtiger Affe ! “ rief Mis Ingram Adele anredend . „ Wer stellte Dich auf ' s Fenster , um falsche Nachrichten zu geben ? “ Und sie warf mir einen zornigen Blick zu , als ob ich die Schuld habe . Man hörte im Vorsaale reden , und bald darauf trat der Fremde ein . Er verneigte sich gegen Lady Ingram , da er sie für die älteste der gegenwärtigen Damen hielt . „ Es scheint , ich komme zu ungelegener Zeit , Madame , sagte er , da mein Freund , Herr Rochester , nicht zu Hause ist ; aber ich komme von einer sehr weiten Reise , und denke , bei meiner alten und vertrauten Bekanntschaft darf ich schon wagen , mich hier einzuführen , bis er zurückkehrt . Sein Benehmen war fein , sein Accent schien mir etwas ungewöhnlich , nicht ganz englisch , wenn auch nicht der eines Ausländers ; er mochte etwa mit Herrn Rochester in gleichem Alter sein — zwischen dreißig und vierzig . Seine Gesichtsfarbe war auffallend blaß : sonst war er , besonders auf den ersten Blick , ein schöner Mann . Bei näherer Beobachtung entdeckte man etwas in seinem Gesichte , was mißfiel , oder wenigstens nicht besonders angenehm war . Seine Züge waren regelmäßig , aber zu matt ; sein Auge war groß und wohlgebildet , aber das Leben , welches darin lag , war zahm und leer — wenigstens kam es mir so vor . Als zum Ankleiden geklingelt wurde , zerstreute sich die Gesellschaft , und ich sah ihn erst nach der Tafel wieder . Jetzt schien er ganz unbefangen zu sein , aber seine Physiognomie gefiel mir noch weniger als vorher , und sie schien mir zugleich unsicher und unbelebt . Sein Auge wanderte umher und hatte keine Bedeutung bei seinen Wanderungen : dies gab ihm einen seltsamen Ausdruck , wie ich nie gesehen zu haben mich erinnerte . Als ein schöner und nicht unliebenswürdiger Mann erschien er mir außerordentlich abstoßend : es war keine Kraft in jenem glatten Gesicht von ovaler Form ; keine Festigkeit in jener Adlernase und in jenem kleinen Kirschenmunde ; es lag kein Nachdenken auf der niedrigen ebenen Stirn ; kein Befehl in jenem leeren braunen Auge . Als ich in meinem gewöhnlichen Winkel saß und ihn bei dem Lichte der Kerzen auf dem Kam in ansah — denn er saß in einem Lehnsessel dicht am Feuer und rückte noch immer näher , als ob er Frost empfinde — verglich ich ihn mit Herrn Rochester . Ich bitte , den Vergleich zu entschuldigen , aber ich glaube , der Contrast könnte nicht größer sein zwischen einem glatten Gänserich und einem wilden Falken : zwischen einem sanften Schafe und dem rauhen Hunde mit lebhaften Augen , der es hütet . Er hatte von Herrn Rochester wie von einem alten Freunde gesprochen . Eine seltsame Freundschaft mußte die ihrige gewesen sein : ein auffallendes Beispiel von dem alten Sprichwort , daß die Gegensätze einander berühren . Zwei oder drei Herren saßen in seiner Nähe , und ich hörte von Zeit zu Zeit einzelne Sätze von ihrer Unterhaltung . Anfangs konnte ich nicht viel von dem verstehen , was ich hörte , denn ich wurde durch das Gespräch gestört , welches Louise Eshton und Maria Ingram mit einander führten . Diese sprachen von dem Fremden , Beide nannten ihn einen schönen Mann . Louise sagte , er sei ein liebenswürdiges Geschöpf und sie bete ihn an , und Maria bezeichnete seinen hübschen kleinen Mund und seine zierliche Nase als ihr Ideal des Reizenden . „ Und welch eine liebliche Stirn er hat ! “ rief Louise , „ so glatt und ohne jene düstern Unregelmäßigkeiten , die mir so sehr mißfallen — und dieses milde Auge und dieses Lächeln . “ Zu meiner großen Beruhigung rief Herr Heinrich Lynn sie jetzt zu der andern Seite des Zimmers , um etwas wegen des aufgeschobenen Ausfluges nach der Wiese bei Hay zu verabreden . Ich war jetzt im Stande , meine Aufmerksamkeit auf die Gruppe am Kamin zu richten , und vernahm sogleich , daß der Fremde Mason heiße , erst eben in England angelangt sei und aus einem heißen Himmelsstriche komme . Dies war ohne Zweifel der Grund , daß sein Gesicht so blaß war , daß er so nahe am Feuer saß und im Hause einen Oberrock trug . Gleich darauf zeigten die Worte : Jamaika , Kingston und Spanish Town , daß er sich in Westindien aufgehalten ; und mit nicht geringer Ueberraschung erfuhr ich bald , daß er Herrn Rochester dort zuerst gesehen und mit ihm bekannt geworden . Er sprach von dem Widerwillen seines Freundes gegen die glühende Hitze , die Orkane und die Regenzeit in jener Region . Ich wußte , daß Herr Rochester weit gereist war : Mistreß Fairfax hatte es gesagt ; aber ich glaubte , seine Wanderungen hätten sich auf das Festland von Europa beschränkt , und bis jetzt hatte ich nie eine Anspielung vernommen , daß er noch entferntere Küsten besucht . Ich dachte über diese Dinge nach , als ein etwas unerwarteter Umstand meinen Gedankengang unterbrach . Wenn Jemand die Thür öffnete , so zitterte Herr Mason vor Kälte und bat , noch mehr Kohlen auf das Feuer zu legen , welche ausgebrannt war , obgleich die Kohlenglut noch heiß und roth schimmerte . Der Bediente , der die Kohlen hereinbracht , beugte sich beim Hinausgehen zu Herrn Eshtons Stuhl nieder und sagte etwas in leisem Tone zu ihm , wovon ich nur die Worte hörte : „ Altes Weib — sehr lästig . “ „ Sagt ihr , wir werden sie in den Block legen , wenn sie sich nicht fort macht , “ versetzte der Richter . „ Nein — halt ! “ fiel Oberst Dent ein . „ Schicken Sie sie nicht fort , Eshton , wir könnten den Umstand benutzen wir wollen erst die Damen fragen . “ Hierauf fuhr er laut fort : „ Meine Damen , Sie sprachen davon , nach Hay gehen und das Zigeunerlager zu besuchen ; Sam sagt , es ist eine alte Mutter Bunches in diesem Augenblick im Bedientenzimmer und besteht darauf , vor die hohen Herrschaften gelassen zu werden . Wäre es Ihnen vielleicht gefällig , sie zu sehen ? “ „ Gewiß , Oberst , werden Sie doch eine so gemeine Betrügerin nicht begünstigen wollen ? “ rief Lads Ingram . „ Schicken Sie sie doch auf jeden Fall gleich fort ! “ „ Aber ich kann sie nicht überreden , fortzugehen , Mp- lads , “ sagte der Bediente . „ Auch vermag es keiner von den anderen Dienern . Mistreß Fairfax ist jetzt bei ihr , und bittet sie , fortzugehen ; aber sie hat sich in einen Stuhl in Winkel des Kamins niedergesetzt , und sagt , es soll sie Niemand von der Stelle bringen , ehe sie Erlaubniß erhalten hat , hierher zu kommen . “ „ Was will sie denn ? “ fragte Mistreß Eshton . „ Den Herrschaften wahrsagen , “ sagt sie , Madame , „ und sie schwört , sie muß und will es . “ „ Wie sieht sie aus ? “ fragten die Misses Eshton in einem Athem . „ Ein sehr garstiges altes Geschöpfe , fast so schwarz wie ein Kochtopf . “ „ Ei , da ist sie eine wahre Zauberin ! “ rief Friedrich Lynn . „ Sie muß natürlich hereinkommen . “ „ Gewiß , “ versetzte sein Bruder ; „ es wäre sehr Schade , eine so gute Gelegenheit zur Unterhaltung vorüber gehen zu lassen . “ „ Was denkt Ihr , meine lieben Kinder , “ rief Lady Lynn . „ Ich kann zu einem solchen Verfahren unmöglich meine Zustimmung geben , “ fiel die Wittwe Ingram ein . „ Doch , Mama , Sie können und werden es , “ ließ sich Blanca ' s hochmüthige Stimme vernehmen , indem sie sich auf dem Stuhle am Piano umwendete , wo sie bis jetzt schweigend gesessen und , wie es schien , einige Musikalien angesehen hatte . „ Ich bin sehr neugierig , mir wahrsagen zu lassen , darum laßt die gute Dame hereinkommen , Sam . “ „ Liebste Blanca ! bedenke doch — “ „ Ich bedenke Alles , was Sie einwenden können , und muß meinen Willen haben , — schnell , Sam ! “ „ Ja — ja — ja ! “ riefen die jungen Herren und Damen . „ Laßt sie kommen — es wird einen vortrefflichen Spaß abgeben ! “ Der Bediente zauderte noch . „ Sie sieht sehr garstig und roh aus , “ sagte er . „ Geht ! “ rief Miß Ingram , und der Mann ging . Sogleich wurde die ganze Gesellschaft aufgeregt , und es verbreitete sich ein Lauffeuer von Scherzen , als Sam zurückkehrte . „ Sie will jetzt nicht kommen , “ sagte er . „ Sie sagt , es sei nicht ihre Sache , vor der gemeinen Heerde zu erscheinen , das sind ihre Worte . Ich müßte sie in ein besonderes Zimmer führen , und die , welche sie befragen wollten , müßten einzeln zu ihr kommen . “ „ Du siehst es jetzt , meine königliche Blanca , “ begann Lady Ingram , „ sie geht über die Grenzen hinaus . Lass Dir rathen , mein Engelsmädchen — und — “ „ Führt sie in die Bibliothek , “ fiel das Engelsmärchen ein : „ es ist auch nicht meine Sache , sie vor der gemeinen Heerde anzuhören ; ich will sie allein für mich haben . Ist das Bibliothekzimmer geheizt ? “ „ Ja , mein Fräulein — aber sie sieht wie eine Kesselflickerin aus . “ „ Laßt Euer Schwatzen , Dummkopf ! und thut , was ich befehle . “ Sam verschwand wieder , und die geheimnißvolle Aufregung und Erwartung steigerte sich wieder aufs Höchste . „ Sie ist jetzt bereit , “ sagte der Bediente , wieder eintretend . „ Sie wünscht zu wissen , wer sie zuerst besuchen wird . “ „ Ich denke , es ist besser , wenn ich sie vorher ansehe , ehe eine von den Damen zu ihr geht , “ sagte Obert Dent . „ Sagt ihr , Sam , es komme ein Herr . “ Sam ging und kehrte zurück . „ Sie sagt , Herr Oberst , sie will keinen Herrn ; Sie dürfen sich nicht bemühen , zu ihr zu kommen , und auch keine Damen , “ fügte er hinzu , mit Mühe ein Kichern unterdrückend , „ mit Ausnahme der jungen und ledigen . “ „ Beim Jupiter ! sie hat Geschmack , “ rief Heinrich Lynn . Miß Ingram stand feierlich auf . „ Ich will zuerst gehen , “ sagte sie in einem Tone , der für einen Anführer gepaßt hätte , der sich in die Bresche seiner Leute stellt . „ O meine Beste ! meine Theuerste ! verweile — bedenke ! “ rief ihre Mutter ; doch sie fegte in stattlichem Schweigen an ihr vorüber , ging durch die Thür , die , Oberst Dent offen hielt , und wir hörten sie in das Bibliothekzimmer treten . Eine verhältnißmäßige Stille erfolgte — Lady Ingram hielt dies für eine genügende Veranlassung , ihre Hände zu ringen , was sie auch folglich that . Miß Maria erklärte , sie ihres Theils werde es nie wagen . Amy und Louise Eshton flüsterten einander zu und sahen ein wenig erschrocken aus . Die Minuten vergingen sehr langsam , und man zählte fünfzehn , ehe die Thür der Bibliothek sich wieder öffnete . Miß Ingram kehrte durch den Bogen zu uns zurück . Sollte sie wohl lachen ? Sollte sie es als einen Scherz aufnehmen ? — Aller Augen waren mit lebhafter Neugierde auf sie gerichtet , und sie begegnete allen Augen mit zurückweisender Kälte : sie sah weder aufgeregt noch heiter aus , ging steif zu ihrem Sitze und nahm ihn schweigend ein . „ Nun , Blanca ? “ sagte Lord Ingram . „ Was sagte sie , Schwester ? “ Fragte Maria . „ Was dachten Sie ? Wie war es Ihnen ? Ist sie eine wirkliche Wahrsagerin ? “ fragten die Fräulein Eshton . „ Nun , nun , guten Leute , “ entgegnete Mis Ingram , „ dringen Sie nicht so heftig auf mich ein . Ihre Organe der Verwunderung und Leichtgläubigkeit werden leicht aufgeregt : nach der Wichtigkeit , die Sie Alle — meine gute Mama mit eingeschlossen — dieser Sache beilegen — scheinen Sie wirklich zu glauben , daß wir eine ächte Here im Hause haben , die mit dem alten Herrn in naher Verbindung steht . Ich habe eine herumziehende Zigeunermutter gesehen , die nach hergebrachter Weise die Wissenschaft des Wahrsagens aus den Linien der Hand bei mir angewendet , und mir gesagt hat , was solche Leute gewöhnlich Jagen . Meine Laune ist befriedigt , und nun glaube ich , wird Herr Eshton wohl thun , die Alte morgen früh in den Block legen zu lassen , wie er gedroht . Miß Ingram nahm ein Buch , lehnte sich in ihren Stuhl zurück , und weigerte sich , weiter zu sprechen . Ich beobachtete sie beinahe eine halbe Stunde : während dieser Zeit schlug sie nie ein Blatt um , ihr Gesicht wurde jeden Augenblick düsterer und unzufriedener , und zeigte immer deutlicher den mürrischen Ausdruck einer fehlgeschlagenen Erwartung . Sie hatte offenbar etwas nicht Vortheilhaftes gehört , und aus ihrer langen Schweigsamkeit und ihrem düstern Wesen schloß ich , daß sie ungeachtet ihrer verstellten Gleichgültigkeit eine ungehörige Wichtigkeit auf die erhaltenen Eröffnungen legte . Inzwischen erklärten Maria Ingram , Amy und Louise Eshton , sie wagten nicht , allein zu gehen , und doch wünschten sie Alle , die Wahrsagerin zu sehen . Es wurde also eine Unterhandlung eröffnet und Sam als Gesandter abgeschickt ; nach langem Hin- und Hergehen , wobei sich die Füße des besagten Sam sehr anstrengen mußten , wurde endlich der halsstarrigen Sybille mit großer Schwierigkeit die Erlaubniß abgerungen , daß ihr alle Drei zugleich aufwarten dürften . Ihr Besuch war nicht so still , wie der der Miß Ingram gewesen war : wir hörten ein hysterisches Lachen , und von Zeit zu Zeit einen leichten Schrei von der Bibliothek her , und nach Verlauf von zwanzig Minuten rissen sie die Thür auf und kamen durch den Vorsaal gelaufen , als hätte sie den Verstand verloren . „ Das geht nicht mit rechten Dingen zu ! “ riefen sie zugleich . „ Sie hat uns solche Dinge gesagt ! sie weiß Alles von uns ! “ Und sie sanken athemlos auf die Stühle nieder , welche die Herren eiligst herbeibrachten . Als man eine weitere Erklärung von , ihnen forderte , erzählten sie , die Alte hätte ihnen Dinge gesagt , die sie schon als kleine Kinder gethan und gesprochen , ihnen Bücher und Schmucksachen beschrieben , die sie zu Hause in ihren Boudoirs hätten , sowie Taschenbücher , die verschiedene Verwandte ihnen geschenkt . Sie behaupteten auch , sie habe selbst ihre Gedanken errathen , und Jeder den Namen der Person ins Ohr geflüstert , die sie am meisten auf der Welt liebe , und ihnen ihren innigsten Wunsch gesagt . Hier fielen die Herren mit lebhaften Bitten um weiter Aufklärung über diese beiden letzten Punkte ein , doch wurde ihre Zudringlichkeit nur mit Erröthen , Ausrufungen , Zittern und Kichern erwidert . Die Matronen nahmen inzwischen ihre Riechfläschchen zur Hand und wehten mit ihren Fächern , indem sie wiederholt das Bedauern aussprachen , daß man ihre Warnung nicht zur rechten Zeit benutzt habe ; die ältern Herren lachten und die jüngern drangen den aufgeregten Schönen ihre Dienste auf . In der Mitte des Tumultes , und während meine Auge und Ohren mit der Scene vor mir beschäftigt waren , hörte ich Jemand dicht neben mir „ hm ! “ sagen : ich wendete mich um und erblickte Sam . „ Entschuldigen Sie , Miß , die Zigeunerin sagt , es sei noch eine andere ledige junge Dame im Zimmer , die noch nicht bei ihr gewesen , und sie schwört , sie will nicht eher gehen , als bis sie Alle gesehen . Ich glaubte , Sie müßten es sein , denn es ist sonst keine da . Was soll ich ihr sagen ? „ O ! ich will auf jeden Fall gehen , “ antwortete ich und war froh über die unerwartete Gelegenheit , meine seht aufgeregte Neugierde zu befriedigen . Ich schlich mich unbeachtet aus dem Zimmer , denn die Gesellschaft hatte sich um das eben zurückgekehrte zitternde Kleeblatt versammelt und machte die Thür leise hinter mir zu . „ Wenn Sie wollen , Miß , “ sagte Sam , „ so warte ich im Vorsaale auf Sie , und wenn sie Sie erschreckt , dürfen Sie nur rufen , und ich komme herein . “ „ Nein , Sam , kehren Sie nur in die Küche zurück : ich fürchte mich nicht im Geringsten . “ So war es auch ; aber ich war sehr aufgeregt und empfand ein lebhaftes Interesse . Viertes Kapitel . Das Bibliothekzimmer erschien still genug , als ich eintrat , und die Sybille — wenn es eine Sybille war — saß gemächlich in einem Lehnsessel in der Ecke des Kamins . Sie trug einen rothen Mantel und einen schwarzen Zigeunerhut mit breitem Rande , der mit einem gestreiften Tuche unter ihrem Kinn zugebunden war . Ein erloschenes Licht stand auf dem Tische ; sie neigte sich über das Feuer und schien bei dem Schimmer desselben in einem kleinen schwarzen Buche zu lesen , welches einem Gebetbuche glich : sie murmelte die Worte bei sich selber , während sie las , wie die meisten alten Frauen zu thun pflegen . Sie stellte ihre Beschäftigung noch nicht gleich nach meinem Eintritte ein , und schien erst einen Satz beenden zu wollen . Ich stand auf dem Fußteppich und wärmte meine Hände , die ein wenig kalt geworden waren , da ich im Gesellschafts- zimmer so weit vom Feuer gesessen . Ich fühlte mich so ruhig und gefaßt , wie nur je in meinem Leben , und es lag auch Nichts in dem Aeußern der Zigeunerin , was meine Ruhe hätte stören können . Sie machte ihr Buch zu und blickte langsam auf : der Rand ihres Hutes beschattete theilweise ihr Gesicht , doch konnte ich sehen , als sie es erhob , daß es ein fremdes und seltsames war . Es sah ganz braun und schwarz aus . Verwirrtes Haar trat borstenähnlich unter einem weißen Bande hervor , welches sich unter ihrem Kinn befand , und sich halb über ihre Wangen oder sich mehr über ihre Kinnbacken erstreckte . Ihr Auge richtete sich sogleich mit kühnem und geradem Blick auf mich . „ Nun , und ich soll Ihnen wahrsagen ? “ sagte sie mit einer Stimme , ebenso entschieden wie ihr Blick , und ebenso rauh wie ihre Züge . „ Es liegt mir Nichts daran , Mutter ; thut , wie ihr wollt , aber ich muß Euch vorhersagen , daß ich keinen Glauben daran habe . “ „ Das gleicht Ihrer Kühnheit : ich erwartete es von Ihnen , und hörte es an Ihrem Schritte , als Sie über die Schwelle gingen . “ „ Wirklich ? Da müßt Ihr ein feines Ohr haben . “ „ Das habe ich , und ein feines Auge und ein feines Gehirn dazu . “ „ Ihr bedürft Alles dessen bei Euerm Geschäft . “ „ Ja , besonders wenn ich mit Personen zu thun habe , wie Sie sind . Warum zittern Sie nicht ? “ „ Es friert mich nicht . “ „ Warum werden Sie nicht blass ? “ „ Ich bin nicht krank . “ „ Warum befragen Sie nicht meine Kunst ? “ „ Ich bin nicht thöricht . “ Die Alte verbarg ein Lachen unter ihrem Hut und ihrer Binde ; dann zog sie eine kurze schwarze Pfeife hervor , zündete sie an und begann zu rauchen . Nachdem sie eine Weile in dieser Stellung geblieben , richtete sie ihren gebeugten Körper auf , nahm die Pfeife aus ihren Lippen , sah fest ins Feuer und sagte sehr bedächtig : „ Sie empfinden Frost , Sie sind krank und sind thöricht . “ „ Beweiset es , “ entgegnete ich . „ Das will ich in wenigen Worten . Sie empfinden Frost , weil Sie allein sind und keine Berührung das Feuer herausschlägt , welches in Ihnen ist . Sie sind krank , weil die besten Gefühle , die höchsten und süßesten , die dem Menschen gegeben sind , sich von Ihnen fern halten . Sie sind thöricht , weil Sie , Sie mögen leiden , wie Sie wollen , es durch Winken nicht bewegen werden , sich zu nähern ; auch wollen Sie ihm um keinen Schritt entgegengehen , wo es Ihrer wartet . Sie erhob ihre kurze schwarze Pfeife wieder zu ihren Lippen und rauchte kräftig . „ Ihr könntet das fast zu einer Jeden sagen , die , wie Ihr wißt , als einsame Untergebene in einem großen Hause lebt . “ „ Ich könnte es fast zu Jeder sager ; doch würde es auch von Jeder wahr sein ? “ „ In meiner Lage . “ „ Ja , gerade in Ihrer Lage ; aber finden Sie mir eine Andere , die gerade in derselben Lage ist , wie Sie . “ „ Es würde leicht sein , Tausende zu finden . “ „ Sie würden kaum eine einzige finden . Wenn Sie es nur wüsten : Sie sind in einer eigenthümlichen Lage , dem Glück sehr nahe ; ja , es liegt in Ihrem Bereich . Die Materialien sind alle vorbereitet ; es fehlt nur eine Bewegung , um sie zu verbinden . Der Zufall legte sie etwas welt auseinander : man lasse sie nur einmal sich nähern , und es wird Segen daraus erfolgen . “ „ Ich verstehe mich nicht auf Räthsel , und konnte in meinem Leben keins errathen . “ „ Wenn Sie wollen , das ich deutlicher reden soll , so zeigen Sie mir Ihre Hand . “ „ Aber ich muss sie mit Silber kreuzen , vermuthe ich . “ „ Gewiss . “ Ich gab ihr einen Schilling , und sie schob ihn in einen alten Strumpfsocken , den sie aus der Tasche zog . Als sie ihn wieder zugebunden und eingesteckt hatte , sagte sie mir , ich solle ihr meine Hand reichen . Ich that es . Sie neigte sich mit ihrem Gesichte über die Hand und betrachtete sie genau , ohne sie jedoch zu berühren . „ Sie ist zu klein , “ sagte sie . „ Ich kann Nichts ans einer solchen Hand herauslesen , die fast ohne Linien ist . Ur was ist auch eine Hand ? Das Schicksal steht nicht darin geschrieben . “ „ Ich glaube es Euch , “ sagte ich . „ Nein , fuhr sie fort , „ es liegt im Gesichte : auf der Stirn , um die Augen , in den Augen selbst , in den