die sie quälte , überflutete ihr Gesicht , um erschreckend schnell wieder der Blässe zu weichen . » Glaubst du , ich bin einer , der sich mit Gewesenem abfindet ? Jeder Mensch , Lenore , ist sich sein Glück schuldig und kann es erringen , wenn er dazu entschlossen ist . Erst , wenn er ' s versäumt hat , macht ihn das Schicksal zum Hund . « » Das ists eben , was ich nicht begreife , « sagte Lenore und blickte ihm mit heiterer Freiheit ins Gesicht . » Es drückt mir ja das Herz ab , dich so im Selbstbetrug und häßlichen Trotz zu wissen . Wir beide können doch nicht eine Schlechtigkeit begehen , Daniel , das ist doch ganz unmöglich , nicht wahr ? « Erregt beugte sich Daniel näher zu ihr hin . » Weißt du denn , wo ich stehe ? « fragte er , und die blauen Adern an seinen Schläfen schwollen an ; » ich will dir ' s sagen . Ich stehe auf einem morschen Brett über einem Abgrund . Rechts und links von demselbigen Abgrund sind lauter blutgierige Wölfe . Ich habe nur die Wahl , entweder in den Abgrund hineinzuspringen oder mich von den Wölfen zerreißen zu lassen . Wenn nun so ein Wesen durch die Lüfte herunterschwebt , so ein Flügelwesen wie du , und kann einen nach oben retten , gibts da ein Bedenken ? « Lenore verschränkte die Arme über der Brust und schloß die Augen halb . » Ach nein , Daniel , « sagte sie wie begütigend , » da übertreibst du wirklich . Da siehst du zu weiß und zu schwarz . Ein Flügelwesen , ich ? Wo wären Flügel an mir ? Und Wölfe ? All die unbedeutenden närrischen Leutchen - Wölfe ? Ach nein . Und blutgierig ! Geh doch zu ! « » Zertritt mir nicht mein Gefühl , Lenore ! « rief Daniel mit unterdrücktem Ton und leidenschaftlicher Wildheit ; » zertritt mir nicht mein Gefühl , denn sonst besitz ich nichts . So kannst du nicht denken , so nicht empfinden , so lau , so flau , so gemein . Oberstimme ! Oberstimme ! besinn dich doch ! Siehst du nicht , wie sie mir die Zähne weisen ? Hörst du nicht ihr Geheul bei Tag und Nacht ? Kannst du sie gut nennen oder mitleidig ? Oder sind sie willig , wenn einer kommt , um gut und groß zu sein ? Glaubst du an einen , an einen einzigen unter ihnen ? Haben sie nicht sogar deinen süßen Namen begeifert ? Ist ihnen etwas heilig von dem , was dir oder mir heilig ist ? Werden sie durch deine oder meine oder irgendeines Menschen Not um Millimetersbreite von der Stelle gerückt ? Klebt nicht an jedem ihrer Mäuler der Schlamm der Verleumdung ? Ist ihnen nicht dein Lachen ein Dorn im Auge ? Neiden sie mir nicht den bittern Bissen , um den ich mich schinde , und die Musik , die ihnen unbegreiflich ist und die sie hassen , weil sie ihnen unbegreiflich ist ? Müßt ich nicht Steine klopfen oder Latrinen säubern , wenn es nach ihrer Herzenslust ginge , weil sie mir mein Leben nicht verzeihen und das , was mein Leben ausmacht - ? Und das keine Wölfe ? Das keine Wölfe ? Sag mir , daß du vor ihnen Angst hast , sag mir , daß du sie nicht auf dich hetzen willst , aber sag mir nicht , daß du eine Schlechtigkeit begehst , wenn ich dich zu mir rufe , dich mit deinen Flügeln , und du kommst . « Seine Arme lagen , ausgestreckt nach ihr , auf der Platte des Küchentischs und bebten bis in die Fingerspitzen . » Die Schlechtigkeit , Daniel , « flüsterte Lenore , » die hat doch nichts mit denen zu tun , die begingen wir doch gegen die höhere Sitte , gegen unser inneres Gefühl von Brauch und Ehre ... « » Falsch , « zischte er , » falsch . Das haben sie dir weisgemacht . Das haben sie Jahrhunderte und Jahrhunderte lang in dich und deine Mutter und deine Muttersmutter und deine Urmütter hineingepredigt . Falsch . Lüge . Alles Lüge . Mit dieser Lüge stützen sie ihre Macht , schützen sie ihre Organisation . Wahrheit dagegen ist , was das Herz erfüllt , was Freude schafft , was mich weiterbringt . Wahrheit ist , was die Natur gebietet , und der Gehorsam gegen die Natur . Wahrheit ist in deinen Sinnen , Mädchen , in deinen geknebelten Sinnen , in deinem Blut und in dem Ja , das dir deine Träume sagen . Freilich weiß ich nur zu gut , daß sie ihre Lüge brauchen , denn sie müssen organisiert sein , die Wölfe , sie müssen ein Rudel sein , denn sonst sind sie nichts . Ich aber hab nur meine Wahrheit ; auf meinem Brett über dem Abgrund nur meine Wahrheit . « » Deine Wahrheit , « sagte Lenore ; » deine . Das ist aber nicht meine . « » Nicht , Lenore ? Nicht deine ? Wozu spräch ich dann mit dir ? Und wenn alles andere Irrtum und Schwindel ist , davon bin ich überzeugt wie vom Licht meiner Augen , daß es deine ist . « » Du kannst dich doch nicht gegen die ganze Welt stellen , « brach es aus Lenores beengter Brust , » du bist doch auch drinnen in der Welt . « » Ja , gegen die Welt will ich mich stellen , « antwortete er , » eben dazu bin ich entschlossen . Ihre Münze zahl ich ihr zurück . So wie sie gegen mich steht , so steh ich gegen sie . Ich bin kein Verträgemacher , bin kein Händler , bin kein Bettler . Ich lebe nach meinem Gesetz . Ich muß , wo alle bloß sollen oder dürfen oder nicht dürfen . Wer das nicht faßt , mit dem hab ich nichts gemein . « Ihr graute vor der Vermessenheit seiner Worte , doch regte sich in ihr etwas wie Jubel und Stolz , und die Lust regte sich , für ihn zu sein , mit ihm zu sein . Bäumte er sich auf wider die Gewalt , die ihn vernichten mußte , so tat er es doch um ihretwillen , und so glaubte sie nicht das Recht zu haben , sich ihm zu entziehen . Was sie wunderlich beruhigte , zugleich schlaff machte und hinriß , war die Glut und die Unbeirrbarkeit seines Willens und seines Gefühls . Aber da begegneten sich ihre Blicke , und im Auge eines jeden war der Name Gertrud zu lesen . Gertrud stand ja lebendig zwischen ihnen ; alles , was sie gesprochen hatten , war von Gertrud ausgegangen , ging zu Gertrud zurück . Daß Daniel an die Lösung seiner Ehe nicht dachte , nicht denken konnte , das wußte Lenore . Ein Kind sollte kommen ; wie war es möglich , die Mutter zu verstoßen ? Wie war es möglich , bei der Dürftigkeit der Umstände , Mutter und Kind dem Elend preiszugeben ? Hierzu war Daniel nicht fähig , das wußte Lenore . Doch wußte sie auch , sie kannte ihre Schwester gut genug , um dies zu wissen , daß eine Trennung von Daniel so viel hieß , wie Gertrud töten . Sie wußte ferner , daß Daniel sich in seiner Ehe für unverbrüchlich gebunden hielt , nicht nur wegen seiner Kenntnis von Gertruds Charakter , sondern auch , weil in seiner Ehe mit Gertrud etwas enthalten war , unabhängig von Leidenschaften , Einsichten und Entschlüssen , etwas , das sogar im Haß noch fesselt und in der Verzweiflung kittet . Dies alles wußte sie . Und sie wußte , daß Daniel es wußte . Und wenn sie nun die einzig mögliche Folgerung aus seinen Worten und aus seiner Seelenverfassung zog , so wußte sie auch , was er von ihr verlangte . Er verlangte von ihr , daß sie sich opfern solle . Darüber gab es keinen Zweifel mehr . Wie aber opfern ? In Heimlichkeit ? Konnte daraus ein Glück erwachsen ? Mit Gertruds Einverständnis ? Konnte Gertrud dies ertragen , selbst wenn sie großmütig war wie eine Heilige ? Wo gab es da einen Weg ? Wo drohte nicht Verwirrung , Angst und Untergang ? Sie beugte das Gesicht nieder und bedeckte es mit den Händen . Lange saß sie so . Über die Dächer draußen senkte sich die Dämmerung . Plötzlich richtete sie sich auf , streckte ihm die Hand hinüber , lächelte mit Tränen in den Augen und sagte mit einem letzten Versuch , dem Ungeheuren zu entgehen , mit einer wunschdurchflammten Eindringlichkeit und einer ergreifenden Schelmerei in der Stimme : » Brüderlein ... « Er schüttelte traurig den Kopf , nahm aber ihre Hand und hielt sie zart zwischen seinen beiden . Da verdunkelte sich ihr Gesicht wie eine Landschaft beim Anbruch der Nacht . Ihr abgewandter Blick sah die Bäume eines großen Gartens , sah ein häßliches , krankes Weib unter einer Hecke und sah zwei kleine Mädchen , die sich fürchteten und zukunftsbang in die untergehende Sonne schauten . Ein Geräusch ließ sie und Daniel zusammenfahren . Auf der Schwelle stand Philippine Schimmelweis . Ihre Augen glitzerten wie die Haut eines Reptils , das aus dem Sumpf emportaucht . Daniel ging in seine Wohnung hinunter . 10 Seit neun Jahren war der Rokokosaal im Auffenbergschen Haus festlichen Veranstaltungen jeder Art verschlossen gewesen . Es hatte eines langwierigen Briefwechsels zwischen dem Sekretär des in Rom weilenden Freiherrn und dem Sekretär der Freifrau bedurft , um die Erlaubnis zur Benützung des Saales von jenem zu erlangen . Die Entrüstung über das Nothafftsche Werk war allgemein . Die Leute aus der Gesellschaft wußten sich nicht zu fassen , und die als Liebhaber und auf Empfehlung Geladenen waren gleichfalls wenig erbaut . Das Hauptvergnügen hatte darin bestanden , den Komponisten dirigieren zu sehen . Der Anblick des zappelnden , hopsenden Gesellen hatte den Konsistorialrat Zöllner vor Lachlust beinahe zum Bersten gebracht . Der alte Graf Schlemm-Nottheim , der nicht nur eine Vorliebe für pornographische Literatur besaß , sondern auch jeden Nachmittag einen Viertelliter von Doktor Rosas Lebensbalsam trank , erklärte , das Unisono sämtlicher Schaubudeninstrumente auf dem Jahrmarkt sei eine musikalische Offenbarung gegen solche Katzenmusik ; der Oberlandesgerichtsrat Braun sprach unverhohlen von einer Verschwörung wider den guten Geschmack . Dies wurde in den Ecken ausgemacht . Um die Freifrau nicht zu beleidigen , spendeten alle ziemlich lebhaft Beifall . Dann vereinigten sich Zuhörer und Mitwirkende an einer riesigen Hufeisentafel zum Diner . Graf Schlemm-Nottheim war der Tischherr der Freifrau und erkundigte sich bei ihr nach den verschiedenen Persönlichkeiten der Kunstwelt . Er fragte , wer die interessant schwermütige Dame neben dem Major Bellmann sei ? Es sei die Frau des Komponisten . Die Frau ? gar nicht übel , diese Frau ; damit ließe sich leben , in der Tat . Und wer sei die dort , zwischen dem alten Herold und dem Franzosen ? ein entzückendes Geschöpfchen ; die habe ja Augen wie das ligurische Meer und Händchen wie eine Prinzessin . Das sei die Schwester der Frau . Die Schwester ? ei , der Kuckuck , eine prächtige Familie , der Unterstützung nicht unwürdig . Es wurden Trinksprüche ausgebracht . Der Fabrikant Ehrenreich ließ den Schöpfer der » Harzreise « leben ; der Graf die anwesenden Frauen . Peinliches Aufsehen erregte Herr Carovius . Er saß bei den Herren vom Gesangverein » Liedertafel « , die im Chor mitgesungen hatten , und sie schämten sich seiner . Denn er benahm sich ungeziemend . Es war ihm gelungen , einen Handschuh , den Lenore verloren hatte , unbemerkt aufzuheben und in seine Tasche zu stecken . Vielleicht war er deshalb von so geräuschvoller Lustigkeit . Er warf dem Fräulein Varini eine Krachmandel zu , die er vom Tafelaufsatz genommen hatte . Er ließ den feuchtseligen Blick über den Kristall-Lüster und die mit Goldleisten verzierten Wände schweifen und wurde nicht müde , den Glanz und den Reichtum des Hauses zu preisen , so , als ob er selbst zum Hause gehöre . Er hob das Weinglas und äußerte sich verzückt über Farbe und Blume des Getränks , so , als ob er die Weine des Hauses aus langer Erfahrung kenne . Da geschah es aber , daß er bei einer heftigen Bewegung seinen Teller umstülpte , und über seine weiße Weste floß ein Bach von braunem Bratensaft . Er verstummte . Er versank in sich selbst . Er tauchte die Serviette ins Wasser und rieb und rieb . Die Lakaien kicherten . Er schloß seinen Gehrock zu und glich einem Auslagefenster in tiefer Nacht . Noch ein anderes Phänomen bot sich den spöttischen Augen bei Lakaien . Sie bemerkten , daß der Kapellmeister Nothafft in bloßen Strümpfen an der Tafel saß . Die neuen Lackstiefel hatten ihn so unleidlich gedrückt , daß er kurzen Prozeß gemacht und sich ihrer während des Essens entledigt hatte . So standen sie herrenlos , einer rechts von seinen Füßen , einer links . Wenn die Lakaien vorübergingen , schauten sie unter den Stuhl und preßten grimmig die Lippen aufeinander , um nicht herauszuplatzen . Der grobe Verstoß gegen den Anstand blieb auch den Nachbarn nicht verborgen . Es wurde getuschelt und gelächelt , Achseln wurden gezuckt , Köpfe geschüttelt . Da sich nun Daniel beim allgemeinen Aufstehen von der Tafel gar keine Mühe gab , seine Stiefellosigkeit zu verschleiern , sondern die lackledernen Quälgeister ohne Rücksicht auf die erstaunten Zuschauer unbekümmert wieder an seinen Extremitäten befestigte , hatte er verspielt , hatte er gründlich verspielt . Die Kunde der außerordentlichen Begebenheit wurde in den nächsten Tagen , reizvoll ausgeschmückt , von Haus zu Haus weitererzählt , drang aus den hohen Regionen in die niedrigen und erregte Stürme von Gelächter . Niemand wußte etwas über die Symphonie zu sagen , dafür war jeder aufs genaueste mit den Einzelheiten der Lackstiefel-Episode bekannt . 11 Auf dem Heimweg ging Daniel mit Lenore . Gertrud folgte mit Monsieur Rivière in weitem Abstand , denn sie konnte nur sehr langsam gehen . » Wie war dir denn , Lenore ? « fragte Daniel , » war dir nicht wie bei einem Fest der Leichen ? « » Lieber , « murmelte sie . Und sie gingen weiter . Und als sie eine Weile schweigend gegangen waren , kamen sie unter einen engen Torweg . Da war es Lenore , als ertrüge sie Daniels stummes Fragen nicht mehr . Sie zog den seidenen Schal fester an ihre Wangen und flüsterte : » Laß mir Zeit . Dräng mich nicht . Laß mir Zeit . « » Ließ ich dir nicht Zeit , du teures Herz , ich hätte den jetzigen Augenblick nicht verdient , « antwortete er . » Ich kann nicht , ich kann nicht , « brach es verzweifelt aus ihr . Noch eine einzige Hoffnung hatte sie , einen letzten Schimmer von Hoffnung , und ihre ganze Seele drängte dorthin . Doch sie mußte schweigend handeln . Mit Gertrud in der Wohnstube stehend , gewahrte Daniel , daß die Maske der Zingarella mit Rosenzweigen bekränzt war . Unter den jungen Blättern leuchteten Blütenknospen hervor , die wie rote Laternchen um den weißen Gips hingen . » Wer hat das gemacht ? « fragte er . » Lenore war am Nachmittag da , sie hat es gemacht , « erwiderte Gertrud . Sein flammender Blick war auf die Maske geheftet , als Gertrud ihn umschlang und in der Fülle ihrer Empfindung ausrief : » Ach , Daniel , wie herrlich ist dein Werk , wie herrlich ! « » So ? Gefällt es dir ? Das freut mich , « entgegnete er trocken . » Die Menschen fassen es ja nicht , « fügte sie leise und errötend hinzu , » nur ich weiß es , nur ich , weil es mir gehört . « Am andern Tag legte er die Partitur der » Harzreise « samt allen Stimmen in eine große , alte Truhe und sperrte sie zu . Es war wie ein Begräbnis . 12 In den gewundenen und finstern Gäßchen hinter der Stadtmauer stehen die kleinen Häuser mit großen Nummern und farbigen Laternen . Sie sind von einem süßlich-fauligen Geruch erfüllt und aus mühsam aufgeschmückten morschen Rumpelkammern zusammengesetzt . Durch die geschlossenen Fensterläden dringt allnächtlich gellendes Gelächter , und den Eintretenden empfangen halbnackte Scheusale und nötigen ihn auf scheusälige , mit rotem Plüsch überzogene Sessel und Sofas . Der Bürger nennt diese Baracken Lasterhöhlen , und an die Bewohnerinnen mit den gedunsenen oder abgezehrten Körpern , den traurig oder trunken glotzenden Augen denkt er zwischen Freitag und Sonntag mit lustvollem Grauen . Dahin lenkte Herr Carovius seine Schritte . Weil es nur ein Schatten war , den er umarmte in Stunden , wo seine von allem Gift der Erde entzündete Phantasie einen Menschenleib beschworen hatte , ergrimmte er , ging hin und kaufte sich einen Menschenleib . Nachdem er in einem halben Dutzend dieser Häuser gewesen , jubelnd begrüßt und unter unflätigen Beschimpfungen entlassen worden war , fand er schließlich , was er suchte , ein Geschöpf , dessen Abgefeimtheit noch nicht verjährt war , das noch Menschenzüge hatte und dessen Gestalt und Wesen eine Erinnerung wachzuhalten vermochte , wenn man entschlossen war , zu sehen , was man sehen wollte , und zu vergessen , was man vergessen wollte . Sie hieß Lena . Holder Anklang an eine begehrte Wirklichkeit ! Er folgte ihr aus dem Kreis der Gefährtinnen in die elende Zelle zwischen Winkelstiege und Dachwinkel . Er klimperte mit Geld und gab seine Befehle . Die Nymphe mußte ein Straßenkleid antun , einen bescheidenen Hut auf den Kopf setzen und einen Schleier über das rohgeschminkte Gesicht ziehen . Hierauf näherte er sich ihr , redete sie höflich an und küßte ihr die Hand . Niemals hatte er sich gegen irgendeine Dame draußen in der Welt so fein und zurückhaltend benommen . Der Dirne ward es angst und sie lief davon . Sie bedurfte der Belehrung . Durch die Hüterin des Hauses ward ihr Belehrung zuteil . Denn Herr Carovius klimperte mit Geld . » Sie müssen Nachsicht haben , « sagte die Hüterin , » wir sind für so was Raffiniertes nicht eingerichtet . « Er kam wieder . Lena war belehrt . Allmählich fand sie sich in ihre Rolle . » Offengestanden , « sagte er zu Lena , » ich habe keine Übung in den Künsten der Liebe . Ich war zu stolz , den Kotau vor dem berockten und bemiederten Idol zu machen . Weibchen ist Weibchen , Männchen ist Männchen . Da lügen sie denn einander vor , daß jedes Weibchen ein besonderes Weibchen , jedes Männchen ein besonderes Männchen sei . Stumpfsinn . « Die Dirne grinste . Er ging auf und ab ; der Raum erlaubte ihm nur drei Schritte nach jeder Seite . Er entsann sich des Ausdrucks , den Lenores Gesicht während der Aufführung der Symphonie gezeigt , und den er aus dem Hinterhalt gierig beobachtet hatte . Er geriet in Zorn . » Du wirst dir doch nicht einbilden , daß mit solchen dilettantischen Jämmerlichkeiten ein Fortschritt erzielt wird ? « keifte er . » Es ist der reine Hokuspokus . In der Kunst gibt es überhaupt keinen Fortschritt , so wenig wie es in der Bahn der Gestirne einen Fortschritt gibt . Hör mal zu ! « Und er brüllte das wuchtige Anfangsmotiv aus der Sonata quasi una fantasia von Mozart . » Da-dada-da-daddaa ! Ist darüber hinaus ein Fortschritt möglich ? Laß dich doch nicht beschwatzen , mein Engel . Sei aufrichtig gegen dich selbst . Er hat dich narkotisiert . In deinem arglosen Herzchen ist das unterste zu oberst gekehrt . Schau mich doch an ! Fürchtest du dich vor mir ? Ich tue für dich , was in meinen Kräften steht . Gib mir die Hand . Sprich mit mir . « Die Dirne mußte verlangend die Arme ausstrecken , und er nahm mit gravitätischer Umständlichkeit neben ihr Platz . Hierauf zog er die Nadel aus ihrem Hut , legte den Hut zärtlich beiseite , und sie mußte den Kopf an seine Schulter lehnen . Dann verfiel er in träumerisches Sinnen . 13 » Drah ' di , Madel , drah ' di , morgen kommt der Mahdi . « Diesen neuesten Gassenhauer plärrend , trat Philippine zu Gertrud in die Wohnstube . Daniel war nicht zu Hause . » Da hast , « sagte sie und warf eine Zwirnrolle auf den Tisch . Gertrud hatte dem Drängen des Mädchens nachgegeben und duzte sie und ließ sich von ihr duzen . » Weil wir doch eigentlich Verwandte sind , « hatte Philippine gemeint . Gertrud fürchtete sich vor Philippine , aber sie fand kein Mittel , ihre übertriebene Dienstwilligkeit abzuwehren . Was sie vor keinem Menschen empfand , das empfand sie bisweilen vor Philippine : Scham über ihren Zustand . In der Tat erblickte Philippine in Gertruds Schwangerschaft etwas Unanständiges und schaute stets auffällig in die Luft , wenn sie mit Gertrud redete . » Nein , was die Leut unverschämt sind , « begann Philippine , nachdem sie sich auf einen Stuhl gelümmelt hatte . » Da fragt mich der Kommis im Geschäft , ob der Daniel und die Lenore was miteinander haben . Eine Frechheit , gell ? Bin ihm aber schön übers Maul gefahren . « Die Nadel in Gertruds Fingern ruhte . Es war nicht das erstemal , daß sich Philippine solche Andeutungen erlaubte . Bald kam sie und raunte Gertrud zu , Daniel sei bei Lenore droben , bald äußerte sie in heuchlerischem Mitleidston , Lenore sehe so abgehärmt aus . Dann berichtete sie von dem und jenem , der dies und jenes gesagt habe . Dann machte sie sich wieder zum Verteidiger der guten Sitte und behauptete , man dürfe die Leute nicht vor den Kopf stoßen . Ihr drittes Wort war : die Leute . Sie selbst wisse ja ganz genau , was für ein tadelloser Charakter die Lenore sei und wie gern Daniel seine Frau habe , aber die Leute , die Leute ! Und man könne ja auch nicht jedem gleich die Augen auskratzen , der einen mit zweideutigen Fragen ärgere , da würde es wenig Augen mehr in der Stadt geben . Philippines Simpelfransen hatten eine ungewöhnliche Länge erreicht ; sie verdeckten die ganze Stirn und hingen bereits bis an die Wimpern . Infolgedessen hatte der Blick , mit dem sie Gertrud betrachtete , etwas über die Maßen Tückisches . So ganz sicher ist die ihrer Sache auch nicht mehr , fuhr es ihr durch den Kopf , und mit einer plumpen und sonderbar lasterhaften Bewegung ihrer Beine machte sie sich auf dem Stuhl breiter . » Ich glaub halt , der Daniel sollt vorsichtiger sein , « plauderte sie mit ihrer rasselnden Stimme ; » das stundenlange Beisammenstecken tut kein gut . Es tut kein gut , sag ich dir . Und immer auf der Lauer alle zwei , er nach ihr und sie nach ihm . Jetzt sollst es einmal wissen . Erwischt man sie , fahren sie auseinander wie Verbrecher . Seit sechs Wochen geht ' s so , jeden Tag und jeden Tag . Schickt sich das vielleicht ? Das brauchst du dir nicht gefallen zu lassen , Gertrud , « schloß sie mit einem übel aussehenden Versuch zu einer kokett schmollenden Miene . Dann schlug sie die Augen zu Boden und blickte unschuldig drein . Gertrud war es kalt um die Brust geworden . Ihr Vertrauen zu Daniel war unerschütterlich , aber die giftigen Reden benahmen ihr Klarheit und Ruhe . Schon daß es möglich war , so über Daniel und Lenore zu sprechen , und daß ihr die Worte fehlten , es zu verhindern , weil sie es von Anfang an mit der Gelassenheit ihres Vertrauens und der Verachtung gegen den Klatsch geduldet , bereitete ihr Schmerz . Wie schal hätte auch jeder Einwand geklungen , wie nichtig ein Verweis ! Konnte sie der böse redenden Zunge Einhalt tun mit dem Hinweis auf Daniels besondere Art ? Sollte er Rechenschaft ablegen vor einer Philippine ? Ein geringschätziges Lächeln glitt über ihr Gesicht . Und doch , warum das wehe Herz ? Kam es nun endlich , das Wissen um Liebesentbehrung ? Unwillkürlich fiel ihr Blick auf die Gipsmaske , die noch immer mit den längst verwelkten Rosenzweigen bekränzt war . Sie erhob sich und nahm das Blätterwerk herunter . Ihre Hand zitterte dabei , als begehe sie etwas Schlechtes . » Geh heim , Philippine , ich brauch nichts mehr , « sagte sie . » Oi , ' s is wahrhaftig spät , ich muß fort , « rief Philippine . » Mach dir nur ja keine Gedanken , Gertrud , « tröstete sie . » Und verklag mich nicht bei deinem Mann . Der ist imstand und macht einen Mordskrawall . Wenn du mich verklagst , dann gibt ' s ein Unglück , das sag ich dir . Ich bin halt eine rechte Gans , daß mir alles rausrutscht . Mein Maul hat kein ' Balken , drum kann ich ' s nit halten . Also , gut ' Nacht . « Sie strich mit komischer Behutsamkeit ihren Rock glatt und ging . Auf der Stiege plärrte sie wieder : » Drah ' di , Madel , drah ' di , morgen kommt der Mahdi . « 14 Als Daniel nach Hause kam , war es spät . Trotzdem setzte er sich in seinem Zimmer noch zur Lampe und las im Titan von Jean Paul . Nach einer Weile befreiten sich seine Gedanken von dem Buch und zogen ihre eigenen Wege . Er stand auf , ging zum Klavier , öffnete den Deckel und schlug leise einen Akkord an . Er lauschte mit geschlossenen Augen . Ihn dünkte , es rief ihn jemand . Die Nacht war schwül , die Stille unheimlich . Noch einmal den Akkord ; Glocken aus der Unterwelt . Und wenn sich die in ihrer Zartheit hinaufschwangen , durch grüngraue Nebel hinauf , und jeder Ton entsandte seine dienende Schar wie Funken , die aus einer Rakete stieben , und Gleichgeartete trafen aufeinander , und was fremd war , fiel zurück , und oben , ganz unerreichbar , berückend deutlich , doch fern wie eine Todesvision der Vollendung , die Melodie der Liebe , die Melodie von Lenore ... Ja , es rief ihn jemand ; aber aus welchem Winkel der Welt ? Sein Weib ? Die Ferne , die Düstere , die Wartende ? Er ließ den Klavierdeckel fallen , so daß das Echo des Geräuschs von der Kirchenmauer drüben durch das offene Fenster zurückkehrte . Er löschte die Lampe aus , betrat ohne Licht das Schlafzimmer und entkleidete sich beim Schein des Mondes . Der Rand des Vorhangs war mit schwarzen Mäandrinen geziert , und diese zeichneten sich auf dem Boden des Raumes ab ; gezackte Pfade und ziellos ; alle die vielen Linien bestanden im Grunde nur aus einer einzigen . Er lag im Bett , und sein Herz fing an zu klopfen . Plötzlich wußte er , ohne hingesehen zu haben , daß Gertrud nicht schlief , sondern so wie er nach oben , ins Leere , starrte . » Gertrud ! « rief er . Aus dem leisen Rascheln des Kissens schloß er , daß sie ihm das Gesicht zuwandte . » Hörst du mich ? « » Ja , Daniel . « » Du mußt mir raten ; du mußt mir helfen . Hilf mir und deiner Schwester , sonst weiß ich nicht , was geschieht . « Er hielt inne , um zu lauschen , doch es regte sich nichts . » Man kann aus Rücksicht lange schweigen , « fuhr er fort ; » schweigt man zu lang , so wird Lug und Trug daraus . Was soll aber die Offenheit , wenn man dem andern dadurch , nur um freie Bahn zu bekommen , das Messer in die Brust stößt ? Was hilfts , zu gestehen , wenn der andere nicht begreift ? Zwei verbluten schon ; und der dritte soll auch verbluten , bloß damit geredet ist ? Wird ohnehin zu viel geredet . Die Worte , die schauderhaften , schamlosen Worte , vor denen die unschuldige Nacht der Sinne vergeht ! Und muß man denn verbluten , wenn einem immer klarer und klarer wird : das , wogegen du dich aufbäumst , sind ja nicht die ewigen Gesetze , wie kann ich Zwerg den ewigen Gesetzen etwas anhaben ? Nein , es sind die gebrechlichen und wandelbaren Einrichtungen der Menschen - ? Hörst du mich , Gertrud ? « Ein Ja wie ein Vogelton aus weiter Ferne antwortete ihm . » Nun kann ich aber nimmer schweigen . Ohne dich geht der Weg nicht weiter . Ich will den Mund nicht voll nehmen , nicht von Leidenschaft und Nichtanderskönnen sprechen . Möglich , daß man immer noch anders kann , wenn man beizeiten anfängt . Aber wer die Zeit wüßte ! Und Leidenschaft ? Es gibt gar vielerlei von der Sorte . Jeder Schwengel nennt sein Gelüstchen so . Ich hatte von keiner was gespürt , an der ein Weib die Schuld getragen . Jetzt hats mich gepackt mit Haut und Haaren . Hab mir eingebildet , ich könnte mich und dich darüber wegbringen . Verlorene Müh . Es brennt , Gertrud , es verbrennt mich , ich bin nicht mehr da , wo ich bin , mein ganzer Mensch ist umgewandelt , und wenn nicht Rat geschafft wird , geh ich zugrund . « Eine Zeitlang blieb es totenstill ; dann begann er wieder . » Wie aber Rat