siedenden Kessel dieser Atmosphäre packte mich der Frost , zwei , drei Sekunden lang hatte ich eine deutliche Wahrnehmung des Fiebers , das sonst rhythmisch in mir dahinflutete . Ha , jetzt kam die Geschichte zum Klappen , jetzt entlud sich aller aufgestapelter Haß , jetzt gab es Blut und Befreiung von dieser gefährlichen Gemeinsamkeit . Und nun - - - - - - und nun begann Slims Schritt auf dem Kies schwach und gewöhnlich zu werden . Es waren Dutzendschritte , die da herankamen , nicht Slims Kraftschritte . O über die Armseligkeit dieser Schritte ! Ich dachte an die Triumphe , die Slim mit seinem Gange gefeiert hatte , an meine knabenhafte Verzagtheit vor diesem machtvoll scheinenden , gleichmäßigen Tempo . Um es nur zu sagen , ich war kleinlich geworden in seiner erdrückenden Nähe und auf eine Bagatelle von Überlegenheit erpicht . Nun , Slim machte schlapp ; er büßte seine Haltung ein , als er unser ansichtig wurde , sein Zorn wurde zu einem Brei von Leidenschaft und versagte wie nasses Pulver . Er sank mit vertretenen Füßen in das Flußgeröll ein und sah uns wenig an . Slim pflegte in seiner Brutalität oder Gutmütigkeit gut auszusehen ; aber seine Symmetrie war verschoben , das Charakteristische seiner Haltung entwürdigt , wie er sich mit dem Flußgerölle abmühte , und nun sah er im Widerstreit seiner Empfindungen lächerlich aus . Ein Gedanke stieg in mir auf , ich blickte scharf auf seine Füße : Slim zitterte in den Knien ! Und so kam es denn , daß außer einem einzigen Worte Slims nichts gesprochen wurde . Nach dieser Demütigung Slims hätte man ein ehrliches Wort sprechen , das Übel abstellen und einander von mancher Last befreien können . Aber dies Wort kam keinem von uns dreien über die Lippen . Slims Gesicht bewegte sich beinahe schmerzhaft in Grimassen , er lachte aus Scham und Gott weiß was für Gefühlen , als er mit den Sandbänken im Flußbett kämpfte . Und angesichts dieses Lachens , das alles leugnete , wurden uns die braven und tapferen Worte , verstockt und elend wie wir waren , auf der Zunge dick . Unsere Gesichter verschieften sich gleich dem Slims , wurden unsymmetrisch wie unser Inneres . Ha , wir liebten und wir haßten einander , wir waren aufeinander angewiesen und waren doch unerträglich füreinander . Wir konnten einander nichts mitteilen , aber unsere Gedanken lagen offen wie geschlitzte Därme da . Wir platzten vor innerlichen Freisen , unsere Seelen waren wund und geschwollen und schon die Nähe der Fremden schmerzte . Im Höhepunkt dieser Erregtheit wollte ich schreien , bloß furchtbar und töricht herausschreien ; aber ich hielt mich am letzten Haar zurück , denn ich wäre daran gestorben . Ich hätte mich totgeschrien . Diese Krise , während der wir uns aufmerksam und mit leisen Spuren von Spannung beobachteten , dauerte nur Sekunden . Es waren Zeitmaße voll von einer ungeheuren langsamen Ödigkeit . Als diese epileptische Anwandlung sich abschwächte , nahm Slim mit deutlichen Anzeichen der Erschöpfung einen der umherliegenden Menagebeutel und stampfte brummend nach rechts davon . Da tat ich denn desgleichen und marschierte nach links ab . Ich war ihm mit dem Blicke gefolgt , wie er über den weißen Schotter paddelte . Nun wußte ich mich selbst darüber hinpflügend , fühlte den Schmerz und die Wärme am Knöchel und sah die grelle Fläche unter mir . Einmal blickte ich um , ich hatte ein peinliches Gefühl im Rücken verspürt . Es war alles in Ordnung . Niemand hatte ein Schießeisen in Händen . Im Verhältnis zu dem schweren Kies waren meine Beine zu zerbrechlich , zu leicht und zu massearm waren sie . Es ging immer zäher und zäher , und als ich bei der großen schönblühenden Distel stand , die von der Robinsonade noch ersichtlich sein mußte , überkam mich die Sehnsucht . Mein Herz tat weh , ich liebte meine liebe alte Höhle mit dem wunderbaren Schatten , ich verlangte gierig nach van den Dusen , meinem weißen Freunde , nach Zana und den Indianern . Und da lag ich auch unter ihnen und war höchst peinlich berührt von der Anwesenheit eines anderen Weißen . Denn ich war erst gar nicht fortgewesen und legte das Gewehr , mit dem ich nachdenklich gespielt hatte , wieder an seine Stelle . Slim war ungefähr so weit , wie ich gerade in Gedanken gekommen war . Er hatte sich umgesehen . Er bog ein und verschwand von der Bildfläche . Was war die Grundstimmung dieses Strategems ? Ja , ich hatte aparte Pläne . Ich wollte mir eine Robinsonade auf eigene Faust gründen . Dort wollte ich leben und schlafen und arbeiten . Ich wollte jagen und mir mein Brot verdienen . Wie köstlich war es , des Morgens einsam zu erwachen , den ganzen Tag über sozusagen nur einmal statt dreimal auf der Welt zu sein , unbeobachtet und unverantwortlich für die Gedanken anderer , und mit der Aussicht , sich gehen lassen zu dürfen , wie man wollte ? Ach Gott , Einsamkeit ist die Gunst des Schicksals . Besser , laute nutzlose Rede führen und in die Luft singen , statt das Tiefste , das man zu sagen hätte , verschweigen zu müssen . Einsam die Elegie dieser Einsamkeit bis zur Neige genießen , im schönen Singsang der Unbegrenztheit des eigenen Ichs die Zeit verbringen zu können ! Ferne du , du selten gehaltenes Versprechen der Einsamkeit . Dich gedachte ich mit der geringen Distanz von fünfhundert Schritten zu erobern ! So hausten wir an Ort und Stelle , während unsere Gedanken sich um Slim drehten . Seine Abwesenheit hinterließ in unserem kleinen Haushalte eine klaffende Lücke . Wäre der Holländer nicht mit einem Schlage so seltsam geworden , so hätte ich gerne eine kleine Unterhaltung über dieses Thema angeknüpft . Es war nicht hübsch von ihm , daß er Slim auf diese Weise hinausgeekelt hatte . Alles in allem genommen war Slim doch ein kapitaler Mensch , ein seltenes und gelungenes Exemplar von einem Manne . Man konnte ihm gut sein . Wie kam der faule gedankenlose Holländer dazu , ihm das bißchen Lebensfreude , das man hier hatte , zu vergällen ? Schon hatte ich eine Apostrophe auf den Lippen und gedachte eine längere Rede zu entwickeln , ein Mordsstückchen Rhetorik , zu dem mir in meinem rastlosen Kopfe bereits die Worte und ein Arsenal von Gründen in ihnen eingefallen waren . Ich begann diplomatisch mit einer Fragestellung . » Was wohl Slim treibt ? « sagte ich . Da setzte sich van den Dusen auf und platzte in weinerlichem Tone heraus : » Fort ist er , in eine andere Höhle ist er hin . Nun sehen Sie wohl , Sie hätten ihn nicht derart vertreiben sollen . Sie haben natürlich unrecht mit Ihren Behauptungen . Sie sind kein metaphysischer Kopf , überlassen Sie das doch Slim ! Er ist nicht der Mann , der solchen Unsinn verträgt . Man könnte wirklich aus der Haut fahren bei Ihnen . « Ich stöhnte . » Mir ist todübel « , sagte ich statt aller Replik . » So ? « sagte er , » na ja , da haben wir ' s ja . Sie sind den Strapazen nicht gewachsen . Sie vertragen das tropische Klima einfach nicht . Nun ist die ganze Expedition durch Sie in Frage gestellt ! « Ich fiel todmatt zurück . An demselben Tage noch kam es über van den Dusen . Er konnte es nicht mehr länger ertragen . Er stand auf und begann nach links hin fortzulaufen , seine traurige , nunmehr stark ramponierte Gestalt zog wie ein gebrochenes Herz über den weißen Flußschotter . Wie ein gebrochenes Herz , jawohl , hing der gute Kerl über , die Kleider schlotterten an seinem abgemagerten Leibe und er schlingerte mit schwankenden Knien . Alles an ihm war Trübnis . Einmal sah er sich halb um , mit einem kurzen scheuen Ruck und rollte weiter . Da kämpfte ich einen wilden verzweifelten Kampf mit dem unschuldigen Gedanken , der tückisch an mich heranschlich , ein Monstrum von Gedanke , das ich nicht denken wollte , das aber glatt und geschwind sich gegen meine Vertuschungsversuche behauptete . Wieviel Schritte ? Dreihundert , innerhalb Treffsicherheit . Van den Dusen kam unangefochten fort . Erstarrt blickte ich ihm nach . Gleich mußte er meinem Gesichtskreis entschwinden . Da war er bei dem schönen blühenden Distelbund angelangt . Ich begann zu singen . Aus Schmerz oder aus Freude ? Ein hysterisches Ringen entspann sich in mir . Ich war einsam . Allein unter Indianern , ein einzelner Weißer , lag ich von Sonne und Fieber von außen und innen her gekocht am Ufer eines brasilianischen Flusses ! - Da wandte sich van den Dusen langsam um . Langsam kam er wieder zurück , dann schneller , bevor ich würde schießen können , heia , wie schnell , zuletzt aber verlangsamte er das Tempo , er setzte sich der Gefahr eigensinnig aus ! Wie weh mir sein Verdacht tat ! Sein Gesicht war zur Erde gekehrt ; Ja , sein glattes muskulöses Schauspielergesicht war von einem Dutzend kleiner Höcker und Wellen geteilt , es war vor physischem Schmerze zersprungen und spiegelte das Elend seiner Seele . Meine Seele aber empfing ihn im bräutlichen Schmucke . Wir werden zusammen dieses Wiedersehen feiern und einen ewigen Pakt der Freundschaft schließen . Wir lassen die Feuer unserer Menschlichkeit lodern , wir werden uns im Geiste schlicht und ohne Pathos umarmen , wie es einem Kameradenpaare geziemt . Slim aber wird als Festopfer serviert . Denn Slim trug an allem Schuld . Slims ungemütliche Art des Verkehrs hatte unsere Nerven imitiert und zu einer künstlichen überempfindlichen Funktion gebracht . Slim war ein Ketzer wider die Natur , ein Phantast , ein vollständig verdrehter Querkopf . Er verzauberte des Exempels wegen unsere Gehirne , er gebrauchte uns als Versuchskarnikel für telepathische Wirkungsgesetze . Ah , dieser Slim ! Man müßte ihm den Schädel einschlagen , just so einschlagen , daß sein überentwickeltes Gehirn mit der rohesten Wirklichkeit in Berührung käme . Charlie , der es fertig gebracht hatte , bis zum Horizonte dieser kleinen Welt zu marschieren , der leibhaftige fünfhundert Schritte hin und her zurückgelegt hatte , er war Slim möglicherweise doch gewachsen . Nicht wahr , Charlie , wir beide verstehen uns auf diesen Slim ? Die Methode Mister Slims ist uns ein offenes Geheimnis . Eines Tages jedoch muß die Rache kommen ! - Mein fiebernder Kopf war in festlicher Stimmung . Jetzt kam das große Verbrüderungsfest , jetzt endlich war die große historische Intrige fällig ! Mein Schädel brummte von marktschreierischen Gedanken . Van den Dusen war in der Sonne stehen geblieben . Er schien zu kämpfen . Plötzlich schloß er die Augen und bekam einen Schwindelanfall , bei dem er taumelte . Nun bildete er sich ein , es hätte ihn jemand angeschossen . Wie ein Schlafender stand er da und drohte umzustürzen . Oder er hatte Hemmungen , der Arme , und war sich selbst zuwider , weil er so schnöde hatte handeln und von mir fortgehen wollen . Er kämpfte sichtbar mit dem Ekel ; der Gedanke , daß er beinahe da draußen irgendwo abseits von diesem Mittelpunkte des Daseins hätte hausen sollen , erschütterte ihn . War diese Robinsonade nicht doch das Liebste und Beste , das es für uns verlorene Weltenbummler noch auf Erden gab , und war es nicht ein Geschenk , in diesem Schatten zu liegen , den Gott oder Moki oder sonst ein anbetungswürdiger Geist gespendet hatte ? Van den Dusen trat nahe an mich heran . Ich suchte sein Gesicht zu erkennen . Es war eine zusammengeballte Hand , die Innenseite einer Faust , eine Hohlfaust ! Es war rot von der Sonne und wulstig und verkrampft . » Um Gottes willen , Mensch , haben Sie den Sonnenstich ? « Giftig schnüffelte er umher und nun , er öffnete den Mund , nun sollte die Liebeserklärung kommen . Er sagte : » Hier kann man nicht bleiben . Hier kann es kein Mensch aushalten . Sie sind ja krank . Sie haben einen schlechten Atem , ich rieche es bis hierher . Sie sollten eigentlich anderswohin . Es ist nicht auszuhalten neben Ihnen ! « Bei diesen Worten legte er sich drei Schritte von mir in den fettesten Schatten neben Zana und steckte das verbissene weinerliche Gesicht in die Arme . Ich bin tot , ich bin gestorben , addio . Der Holländer hat mich gemordet . Er hat mir sein Gift ins Herz getrieben und ich bin daran verreckt . Ich werde nie wieder aufkommen , ich bin nur ein namenloses Etwas , das keine Kraft mehr hat . Da fällt mir ein , dies ist riesig bedauerlich , denn ich werde das Buch , das ich über meine Erfahrungen vom Verkehr und der Wirkung von Mensch auf Mensch schreiben wollte , nie mehr schreiben . Ich hätte es » die Tropen « genannt ; nicht nur dem Milieu zuliebe und gleichsam der hypertrophischen und deutlichen Entfaltung aller menschlichen Beziehungen wegen , die hier rein und ungehemmt , tropisch sozusagen ins Kraut schießen ; nicht nur , weil das gesamte menschliche Gefühlsleben auf sein Vegetatives zurückgeführt ist : sondern aus Hinterlist , aus Spitzfindigkeit , weil alles Gegebene immer nur eine poetische Methode , ein Tropus ist , und weil mich dieses seltsame Gewächs reizt , das wie eine Vegetation von purem Stoff haushoch , elefantiasisartig anschießt , mir unter die Füße wächst und meinen Standpunkt hebt , und dessen Säfte doch immer wieder mein eigenes rollendes Blut sind und nichts Fremdes . Ha , wie ich dieses Buch geschrieben hätte , flott und fürstlich und überlegen und ohne die Sentimentalität jener Demütigungen , die es mir eingaben ! Jetzt ist es zu spät , mein Gehirn ist noch zärtlich wie ein indianischer Sommer , aber ohne Kraft . Ich bin tot und werde es nie schreiben ; tot wenigstens zum Bücherschreiben , denn meine Schmerzen haben mich weise gemacht und ich kann schweigen . Ich habe keine Aufmerksamkeit mehr dafür , verborgenen Zusammenhängen nachzuspüren , und menschliche Tiefen und geistreiche Falschheiten sind mir selbstverständlich geworden . Ich will ein einfaches Leben führen , ohne Einfälle und Beobachtungen , ohne Entdeckungen in Raum und Zeit , ohne europäisches Indianertum und Erotik . Ich pfeife auf alle Weiber unter der Sonne , wenn ich sie nicht haben und jeder dahergelaufene Duselkopf und Rohling sie gewinnen kann . Ich habe der wirklichen Tropensonne ins Gesicht gesehen und bemerkt , daß sie noch immer dieselbe ist wie daheim in meinen Knabenjahren . Ich verzichte daher auf sich drehende Maschinenhallen in Hochglut und kollerige Eisenstangen , ich verzichte aber auch auf meine eigene Erfahrung und ihre Bücher , auf jede Lebensbetätigung , die ein Surrogat für das Tropenleben in unserem Blute ist , und wähle eine bescheidene und sinngemäße Existenz . Vielleicht habe ich bis zu diesem Augenblicke nicht daran gedacht , dieses sogenannte » Buch « zu schreiben . Aber meine Bekanntschaften mit Menschen , Dingen und Gedanken gehen im Galopp , sie rasen wie ein Kienspan in Sauerstoff und sind nach der ersten Sekunde seit je gewesen . Ich habe nicht die Ehrfurcht vorm Neuen und werde nur allzubald intim . Ein Buch , das mir in einem gesegneten Momente einfällt , habe ich nachträglich seit je geschrieben . Solche Momente sind während ihrer Passage uralt und ehrwürdig und wir sind einander nicht fremd . Ich habe kein Gedächtnis an Nichtgewesenes . Nichts kommt ja aus dem Menschen , das nicht schon irgendwie in ihm dagewesen wäre , und nichts ist für ihn da , das nicht in ihm da wäre . Was spreche ich da viel von den Tropen ? Der Wilde kennt sie nicht , nur der Nordländer , sie sind ihm ein Tropus für seine Glut und das verzehrende Fieber in seinen Nerven . Er erfindet sie , um sich ein Gleichnis zu setzen . Aber sie sind nicht vorhanden , sondern nur eine langweilige monotone Wachstumsbeziehung . Es ist überhaupt nichts da , als diese Wachstumsbeziehung . Was wir nicht mit Leidenschaft erfassen , gibt es nicht . Ich glaube nicht an ein Buch , das ich nicht als eine Notwendigkeit , als ein nicht zu ersetzendes Faktum angesehen hätte , und ich glaube nicht an Leser , in die ich nicht leidenschaftlich verliebt bin . Alles ist erst in der Leidenschaft und die ist ein Diktando unserer Eingeweide . Meine Schilddrüse ist mit Ihnen nicht einverstanden , Fräulein Leserin . Sie kennt Sie nicht , sie liebt Sie nicht ; sie leugnet , zu Ihnen in irgendwelchen näheren Beziehungen zu stehen . Ich kann also nichts tun und muß dieses Buch unterlassen . Ich bin über das Buch hinausgewachsen . Es ist immer eine schmutzige Sache , wenn einer Bücher schreibt , zumal aber solche über die Tropen . Denn die Tropen sind die Kinderschuhe der Menschheit . Wer sie ausgetreten hat , wäre reif und dichtete sie nicht . Die Tropen sind die Pubertät eines jungen Europäers . Aber das ist nun der Fluch , den wir aus unserer Herkunft mitgebracht haben : wir reifen eine Zeit und dann ist es aus , die Reife tritt zugleich mit dem Untergange ein . Nun , ich bin reif ; ich entsage Weib , Beruf und Buch . Welch herrliches Leben könnte ich mit diesem seelischen Reichtum an Entsagungen führen , wie könnte ich in Primitivitäten prassen und mir durch diese Mäßigung das Leben versüßen ? Aber da ich mich nun einmal entschlossen habe , tot zu sein , will ich es auch durchsetzen . Wie spät ist es ? Ist es Morgen oder Abend ? Fliegen die Störche zum Morgenspaziergang oder holen sie sich bereits die Abendration ? Jetzt nimmt die Sonne den höchsten Buschen des Urwaldes ins Maul und kaut mit roten Kiefern sich in ihn hinein . Es ist Abend und es ist Zeit . Ich , auf dem Gipfelpunkte meiner Einsicht angelangt , werde ein kleines Harakiri vollziehen . Störche mit roten Schnäbeln sind ein Zeichen ; rote Schnäbel sind Blutzeugen von des Menschen Herkunft , Sehnsucht und Hingang . Soll es eine Browningpistole oder ein Mauserrepetierstutzen sein ? Ich wähle den Stutzen - und schieße . Der Storch stand einige fünfzig Schritt vor mir im Flußsande und sondierte in den überwucherten Wasserlöchern am gegenüberliegenden Ufer . Er war auf den Schuß hin umgefallen , lag einige Sekunden wie tot da , bekam Zuckungen , als ich plötzlich in wilder Pein und mit energischer Reue in der Herzgrube auf ihn zulief , und erhob sich geduckt auf beide Beine . Du erbarmungswürdiger Mensch ! Nun war es also doch geschehen , nun hatte der Eigensinn meiner Phantasie doch recht behalten . Bei Gott , ich hatte es nicht gewollt , bei Gott und allem Familienschmerze schwöre ich , ich habe es nie gewollt ! Ich habe nie die Absicht gehabt , eine Storchenwitwe zu versorgen , dieweil ich ihr den Ernährer mordete , niemals habe ich im Ernste an das Vergnügen gedacht , meine Schießkunst an einem Storchenschnabel zu beweisen . Aber das ist es eben , mein Lieber . Du zielst auf eine Sache außer dir , auf einen schönen , roten Fetisch , auf ein rotes Ideal , und zuletzt hast du doch dich gemeint . Aber wenn du eines Tages den förmlichen Beschluß faßt , dir ein Leides anzutun , dann ist die Zerstreutheit dazu da , du irrst dich ein wenig und tust es deinem Nächsten . Deine Selbsthinrichtungen vollziehst du an einer Puppe - Mensch , du bist mir verdächtig , mir deucht , du bist ein unheilbarer Dichter . Exponierte Tode mit beschaulichem Weh und anderen fragwürdigen Begleiterscheinungen haben den Vorteil , daß sie die Energie stählen und die Lebenslust ein wenig aufpulvern . Jahrelang kannst du in der Schaukel deiner wogenden Gefühle liegen , abgedriftet im Auf und Nieder seelischer Gezeiten ; aber wenn du beschlossen hast , wie dir gebührt und besser wäre , mit dem Mühlstein um den Hals dich zu ersäufen , wo es am tiefsten ist , da erst schnellst du in die Höhe und bekommst Kurs . Siehe da , ist dir der Mühlstein , die steife Krause , nicht ein Rettungsgürtel gewesen ? Hast du dich nicht trügerischen Hoffnungen hingegeben über die Schwere deiner Missetaten , und hast du den Auftrieb deines Elends niemals unterschätzt , um nicht schwimmen zu müssen ? Wie schwach du dennoch bist in deiner Stärke . Es bedarf nur des Anstoßes , und du rollst unaufhörlich wie ein Satellit . Dein Gesetz ist die Trägheit . Zum Fixstern bist du zu dumm ; zu feige , um dich durch das fallen zu lassen , was du im Symbol Weltraum heißt . Hoiohoho , wie du springst , das Opfer deines Symbolismus zu beweinen ! Nichts ist köstlicher , als Reue über angetanes Leid . Nichts ist raffinierter als Humanität . Nichts ist praktischer , um das Leben zu steigern . Schieße einen Storch , und du kommst noch einmal zur Welt . Opfere nach gutem , altem Brauche , und der Satan fährt aus dir in die Säue , die du nun dichten mußt . Verschweine die Hölle , das ist Dichterhandwerk , du Liebling der Phantasie . Die Hölle ist der Schmerz . Wenn du ihn aber protegierst , wird er eine Altersversorgung . Und du und wir - ach , wir alle wollen trotzdem leben , obwohl wir zuviel Phantasie haben . Aus Phantasie vergessen wir den Schmerz , aus Phantasie fühlen wir ihn , aus Phantasie leugnen wir ihn . Aber er ist dennoch ! Was sitzt , Mensch , hier in diesem Augenblick vor dir ? Welche Unendlichkeit ? Der Schmerz - ein zerschossener Vogel ! Da stand er auf seinen schrägen zwei Röhren , die in der Mitte Auswüchse trugen , geschweißte Stellen , und benahm sich seltsam genug . Die Federn an seinem torpedoförmigen Leibe , der unter einem gewissen Winkel sichtbar wurde , waren wie eine große Krause aufgestülpt . Ha ! dachte ich , bist du nicht eigentlich selbst ein Fisch , du Fischverspeiser ? Willst du besser sein als ich ? Bin ich deinen Leidenschaften und deinen Askesen auf den Grund gekommen ? Ich habe doch mich in dir getroffen . Du verschmähst die üppige Tafel eines brasilianischen Djungles und hältst dich an die Lanzetten , die kleinen Torpedos , die reizvollen Elipsoide in der Zoologie , du hast einen persönlichen Geschmack und bleibst noch dort selbst du , wo du dich in deinen höchsteigenen Abbildern verzehrst . Du bist mir eine Maschine , die sich von ihren eigenen Bestandteilen nährt , in dir habe ich das Symbol aller Entwicklung und aller Lebenstechnik entdeckt . Dein Schnabel ist praktisch genommen ein Futteral für einen länglichen Fisch . Dein Hals hat sein individualisiertes Vorbild in einem Wurm , dein Rumpf aber hat einmal einem kecknasigen Eisfisch als Figur gedient . Deine dünnen Beine beziehst du von der Wasserspinne , die du so sehr liebst ; als ersten Gang ein halbes Dutzend vor Tische . Du gibst dich nach deinen Atavismen . Du wirfst keinen Blick auf die brasilianische Menukarte , die dir zur Verfügung steht , sondern trachtest , in Form zu bleiben , und wenn dein Verdauungshorizont auch keineswegs weit ist , so muß man ihm doch zugeben , daß er Rasse hat . In deine gastrischen Verhältnisse spielt das erotische Prinzip der Ähnlichkeit hinein , das wir schon kennen . Du hältst etwas auf erbliche Schönheit , sie allein steht dir zugleich zu Gemüte und zu Magen . Übrigens habe ich in dir einen Typus getroffen . Er pflegt , aus einem Mangel an Unternehmungsgeist und einem zu rassigen Appetite , die aufgelegte Speisekarte des Lebens beiseite zu schieben und hält sich an reine Formalitäten . Er akzeptiert nur Dinge und Geschöpfe , die ihm ähnlich sind , oder solche , die in ihm enmaschiniert wurden . Obwohl er selbst eine technische Fusion niedrigerer Organismen darstellt , ist er einer Weiterbildung nicht mehr fähig . Denn , merkt euch das alle , ihr Störche auf stolzem Einbein , mit den Aristokraten ist es heute vorbei . Sie haben ausgespielt , sie sind ein überlebter Typus . Denn nun ist die Reihe an den Grobrassigen , den Eroberern , den Kolonisatoren und Entwicklern mit dem schlechten Geschmacke und der Initiative des Hungers . Aus dem Chaos , aus dem Djungle werden neue Sattheiten herausgearbeitet . Gifte stellen sich als harmlos und nahrhaft heraus . Moräste erweisen sich als ergiebig . Aus Bohrlöchern brechen unterirdische Quellen , und die Dürste werden mehr von dem brenzlichen Beigeschmack des Vulkanischen , des Erdinnersten und Tiefen gestillt , denn vom kühlen Wasser . Die Formen hierfür sind vorläufig Nebensache ; sie kommen noch frühe genug . Denn all dies ist das Werk der Mischrassigen und Geschmacklosen , der Entwicklungsbedürftigen , der Formlosen , der kecken Abenteurer und losen Schnäbel . Sie greifen zu und haben das Leben . Sie nähren sich nicht nur vom Gebotenen , sondern auch vom Bietenden und werden von Speisekarten fett ; Programme sind ihr Salz ; denn es sind auch Dichter darunter , eine Art Dichter wenigstens mit sehr gesunder oder doch höchst gesunder Verdauung . Wenn sie Krämpfe haben und sich erbrechen , befinden sie sich eben erst am Gipfelpunkte ihrer Behaglichkeit . Vor den anderen heißt dieser Zustand Poesie , und alle gedeihen sie daran . Sie bilden und vereinigen sich zu ungeheuren Organisationen , großzügigen Kriegs- und Köpfmaschinen , bei denen der einzelne genau so verschluckt wird wie ehedem . Aber das tut nichts ; das Glück hat sich mitentwickelt . Mit den antiquierten und prüde eingehaltenen Formen , aus denen der Mensch besteht , wird kehraus gemacht . Es gibt weitaus entwickeltere Grade von Leid , keine kräftige Seele , die auf dem Höhepunkte ihrer Zeit ist , sollte sich vom Schreckgespenst eines leidenden Storchen in Entsetzen verwickeln lassen , was immer Faszinierendes daran sein mag . Kusch , Seele , von einem Menschen . Welches Schauspiel , ein vom Mitleide verlaustes Jägertemperament ! Habe Ehrfurcht vor dem Gesetze der höheren Kraft ! Das Tier ringelt den Hals und duckte ihn in den Kropf zurück , durch dessen Haut man den Puls pochen sah . Die blassen Lider waren herabgelassen , dahinter zuckten bläuliche Schatten ; es waren die Augäpfel . In den Winkeln stand eine dicke , schmutzige Zähre . Wehe , der Storch weinte ! Den Schnabel hielt er offen und spreizte ihn gegen den Himmel , wo die Störchin kreisend und mit entsetzt herabgebogenem Halse wie an einem Faden hing . Der Vogel unten bot ein Bild vollständiger Verlassenheit . Ein Streifschuß hatte den oberen Deckel des Schnabels lädiert , das Ende war abgesprengt . Diesen Span reckte er mit steinerner Geste zum Himmel . Als ich ganz nahe war und ihm einen Puff mit dem Gewehrkolben gab , begann er wie verrückt mit seinem Instrument zu knattern , aber es gab keinen Laut mehr . Diese Erregung wirkte schädlich . Er machte Schlingbewegungen und übergab sich . Bei dieser Gelegenheit wurde in seinem Schnabel ein kleines Fischlein sichtbar , es war eingeklemmt und schoß von Zeit zu Zeit Reflexe , es lag dort und bewegte sich wie eine kleine Mine von Leben . Diese explosiven Reize mochten unter andern Umständen einen trefflichen Kitzel ausmachen , eine Art motorischen Pfeffers . Jetzt waren sie aber überflüssig , das bewies die Haltung des Blessierten . Ich stellte schnell meine Diagnose . Heftige Kopfschmerzen , Gehirnerschütterung , vermutlich Irrsinn und Versagen des Sensoriums . Ich stupste den Vogel , als er bereits wieder mit seinem Spachtel stumm zum Himmel sang . Er bediente sich immerhin zweier Beine , er , der Dünne , hatte das aristokratische Dicketun in diesem ernsten Augenblicke aufgegeben . Solange meine Rippenstöße zart blieben , rührte er sich nicht ; erst auf eine heftigere Attacke hin reagierte er mechanisch nach dem Gesetze der Schwerkraft und verlegte seinen Standpunkt nach rückwärts . Durch sein gesträubtes Gefieder sah ich ihm unter einem Winkel bis auf die warzige Haut . Ich schoß ihm eine Kugel durch und durch . Er brach mit laffen Gliedern zusammen , nachdem er kurz nach dem ersten Chock versucht hatte , die Flügel zu spannen . In seiner Zerstreuung versuchte er den gewohnten Aufstieg , vergaß für den Bruchteil einer Sekunde aufs Sterben , gab aus Gedankenlosigkeit einer alten , lieben Gewohnheit nach . Aber in diesem Stückchen Sekunde mußte sich in ihm eine rapide Entwicklung vollziehen . Die Stadien seines Seelenlebens prasselten aneinander vorbei . Und unter dem Hochdruck dieser Schnelligkeit hatte er sich einmal umgedreht , war einmal kurz und rund um sein ganzes Storchendasein herumgekommen und zu Boden gestolpert . Sein zerspänter Schnabel stand noch immer voll ungeklapperter Klagelaute offen . Plötzlich hörte ich einen Laut , ein Geheimnis von einem Schrei , das Sigel einer menschlichen Stimme , wie ich es deutete . Als ich mich emporrichtete , geriet ich in die Flugbahn eines Dings , das von oben auf mich zukam . Es war die Störchin , die mit an den Busen geknallten Beinen ihren roten Schnabel nach mir dehnte . Schöne Geschichte das ! Ich zielte . Sie kam einige Schritt von ihrem Gatten zu liegen . Unter den Leichen kroch jetzt der Blutwurm hervor , es machte mir aber nicht wohl . Ich sah schnell weg . Meine Empfindlichkeit war krankhaft geworden . Kaum aber sah ich weg , juckte es mich , wieder hinzusehen . Im übrigen schien mein Fieber ausgetobt zu haben . Nach diesem Coup kam Leben in mich . Hungrig stürzte ich mich in den Djungle , mein ganzes Nervensystem war wie eine Vergrößerungslinie , die