daß die Dienstboten ihnen mit vielsagendem Lächeln nachsahen , und daß Giovannis Geist sich mehr und mehr zu verwirren schien . » Lavinia Norina , « murmelte er oft verstört vor sich hin , » Lavinia ist doch Bambinos Mutter ? ! « Keinen Abend ließ er vorübergehen , ohne die Schwelle der Marchesa zu küssen . Sie empfing Konrad schon längst in ihrem Atelier , statt im roten Saal . Ihre Seele erschloß sich ihm ; aber je tiefer der Einblick war , den sie ihm gewährte , desto unergründlicher erschien sie ihm , und desto sehnsüchtiger verlangte ihn danach , sich ganz in sie zu versenken . Einmal fand er sie in düsterem Schweigen versunken am Fenster stehen , kaum den umflorten Blick nach ihm wendend , als er eintrat . Schon wollte er die Türe wieder hinter sich zuziehen , als sie ihn anrief . » Bleiben Sie , « sagte sie , und in ihrer Stimme lag eine weiche Bitte , » bleiben Sie und helfen Sie mir , Gespenster zu bannen . « » Leiden Sie auch unter Gespenstern ? « frug er . » Gespenstern der Vergangenheit - ja ! Wer litte nicht unter ihnen ? ! « entgegnete sie . » Dort drüben - « und sie wies zum jenseitigen Ufer des Arno , » sprang einer ins Wasser um meinetwillen . « Dann schwieg sie , die dunklen Augen starr ins Weite gerichtet und ließ es geschehen , daß Konrad ihre schlaff herabhängende Rechte leise zwischen seine Hände nahm . » Vittorio Tendo « , fuhr sie schließlich fort , als spräche sie ins Leere , » war mein Spielkamerad und ich sein erstes Modell , dessen Kopf er überall hinzeichnete - auf die Fliesen im Hof , auf die Mauer der Straße , auf jeden Fetzen Papier . Er war es aber auch , der mich die Schönheit meiner Vaterstadt sehen lehrte , der mir zeigte , mit Stift und Farbe wiederzugeben , was ich sah . « Ihre Stimme wurde leise , die Lider senkten sich über die Pupillen , als schaue sie nun ganz in sich hinein . » Er liebte mich . Und ich - ließ es mir gefallen . Ich spielte . Nicht mit ihm , aber mit meinem eigenen Gefühl . Denn mich erfüllte zu jener Zeit verzehrende Sehnsucht , unnennbar , ohne Gegenstand , ohne Ziel . Als Vittorios Leidenschaft ihn zu stürmischen Bekenntnissen hinriß , empfand ich sie wohlig wie einen Mantel von rotem Samt auf meinem Körper . Doch als er dann meiner begehrte , warf ich dem Handwerkerssohn meine ganze Entrüstung ins Gesicht . Er sprang in den Arno . « Sie seufzte tief auf , ein müdes Lächeln umspielte flüchtig ihre Lippen . » Carlo würde nun spottend erzählen , daß dieser Selbstmordversuch am hellen Tage an der Uffiziengalerie vor sich ging , und einer der kleinen Dampfer gerade unten an der Treppe hielt , als das Wasser über seinem Kopfe zusammenschlug . Die Rettung war nicht schwer ; vielleicht selbstverständlich . Trotzdem : ich war aufs tiefste erschüttert . Viel mehr über das grausame wilde Tier , das ich plötzlich in mir entdeckt hatte , als über Vittorios Tat . Ich haßte ihn - haßte ihn leidenschaftlich , denn er hatte mich lächerlich gemacht , und wünschte doch nichts mehr , als ihm dienen zu können wie eine Magd , um seiner großen Liebe willen . Ein gut Teil meines kleinen mütterlichen Erbteils gab ich hin , um ihm die Reise ins Ausland zu ermöglichen - nicht aus Großmut , nicht weil ich ihn als Künstler fördern wollte , wie man rührend von mir erzählte , sondern weil ich seine Gegenwart nicht ertrug . « Sie strich sich mit beiden Händen die vollen Scheitel aus der Stirn und sah Konrad mit einem Blick , der zugleich flehte und forschte , ins Gesicht : » Verstehen Sie das ? « » Wir haben Untiefen in uns , « antwortete er langsam , » die unser lebendiges Selbst zu verschlingen drohen , wenn - « » Wenn ? ! « wiederholte sie ; ihre Augen saugten sich förmlich fest an ihm . » Wenn - , « fuhr er fort , » wir nicht den großen Lebensinhalt finden , der alle Untiefen ausfüllt . « » Oder die große Sehnsucht , « unterbrach sie ihn lebhaft , » die uns auf weiten Flügeln über sie hinwegträgt . « Von da an erlaubte sie , was sie ihm bisher verwehrt hatte , daß Konrad ihr Zimmer täglich mit frischen Blumen füllte . » In unsrer materialistischen Zeit , « erklärte sie ihr Verhalten , » mißt man den Wert einer Gabe an ihrem Preis . Ich habe das nie verstanden . Ich würde kostbare Edelsteine von einem Fremden eher annehmen als Blumen . « Jetzt begannen die Rosen zu blühen . Ganze Stämmchen , übersät mit roten und gelben Knospen , blühten um ihren Stuhl , nickten ihr zu Häupten über dem Diwan . Die Madonnen mit ihren lieblichen Knaben wurden zu lauter Madonnen im Rosenhag . » Wie das Mutterproblem Sie beschäftigt , « sagte er , als er an einem regnerischen Nachmittag bei ihr saß und ein Skizzenbuch durchblätterte , das das Bild der Mutter aus allen Klassen des Volks stets variierte . Lange und forschend lag ihr jetzt ganz umschattetes Auge auf ihm . » Auch ich bin einmal Mutter gewesen , « kam es dann wie ein zitternder Hauch von ihren erblaßten Lippen . » O ! « rief er betroffen , ihre Hand zwischen die seinen pressend ; » ich wußte nicht ! Verzeihen Sie , daß ich so Wehes berührte . « Mit einem matten Lächeln erwiderte sie seinen Blick . » Ich habe nichts zu verzeihen , « sagte sie , » ich habe Ihre Bemerkung fast provoziert . Und es ist gut , wenn ich einmal auch davon rede . « Sie senkte den Kopf tief auf die Brust - » in meinem Leibe starb mein Kind ! « Ohne noch ein Wort miteinander zu wechseln , erwarteten sie zusammen das letzte Dämmern des Abends . Dann stand er auf . » Norina ! « sagte er ganz leise . Es war ihr , als lege eine zarte Hand einen sehr weichen Verband auf eine offene Wunde . In den nächsten Tagen schien sie krampfhaft jede Anknüpfung an ihr Geständnis unmöglich machen zu wollen . Mit fieberhaftem Eifer betrieb sie ihre Wanderungen und vermied es dabei , irgend etwas zu berühren , das eine Erinnerung daran hervorrufen könnte . Erst als ihr deutlich wurde , daß er sie darin unterstützte , kehrte ihre schöne Ruhe voll zurück . » Heute « , rief sie ihm entgegen , als er an einem klaren Maimorgen ins Zimmer trat , » heute wollen wir nach San Lorenzo . « Ein kaltes , blasses Licht herrschte in der Mediceerkapelle , als sie eintraten . Unwillkürlich überkam sie beide , die wohltuende Wärme hinter sich ließen , gleichzeitig ein Kälteschauer . » Alle Höhen sind eisig , « meinte er . Die Erinnerung an die Totenfahrt über die Berge packte ihn wieder . » Darum verstehen wir sie so schwer , die wir alle in der Tiefe wohnen , « ergänzte sie . Sie traten vor Lorenzos Grabmal . » Hier , sagten Sie einmal , seien die Rätsel des Lebens verborgen ? « frug er . Sie nickte nur , die Augen groß auf den ruhenden Giganten geheftet , der mit dem weiten Blick in die Ewigkeit selbst zu schauen scheint , während der Mund wie in einer Maske verschlossen liegt . » Und Sie - ahnen die Lösung ? « Sie schüttelte heftig den Kopf und schaute zu der Gefährtin des Giganten auf der anderen Seite des Sarkophags empor , die mit tief gesenktem Haupt , so daß das Antlitz ganz im Schatten liegt , vom Schlummer umfangen ist . » Ich sehe nur , daß jene dort , « sagte sie leise , » die sie die Nacht nennen , die vollen Brüste der Säugenden hat , und daß ihr wunderbarer Körper die Zeichen vieler Mutterwehen trägt ; und ihr tifer , tiefer Schlaf voll der unergründlichen Geheimnisse der Fruchtbarkeit ist . Alles , alles Leben , glaub ' ich , kommt aus der Tiefe des Schlafs , des Nichtwissens . Pero non mi destar , deh ! parla basso , würde sie sagen , wie ihr Meister , wenn einer sie wecken könnte . Und ich sehe , daß jener dort , ihr zur Seite , unter dessen Simsonfäusten dieses Heiligtum einstürzen müßte , erhöbe er sich , von aller Erkenntnis gesättigt ist und nicht sagen kann , was er sieht . « Schwatzende Menschen kamen , darunter ein Bebrillter , der zu dozieren begann . Norinas Finger , die fieberhaft glühten , umfaßten Konrads Hand und zogen ihn hinaus . » So bliebe alles Letzte , alles , wonach unsere heißeste Sehnsucht strebt , Geheimnis ? « sagte er , als sie draußen im engen Gange standen . Sie sah ihn an und erstaunte , wie bei der Frage seine Züge erschlafften . Und sie entgegnete langsam : » Ich weiß nichts von philosophischen Systemen , ich kenne keine andere Religion als die meine , mein Denken ist nur ein Fühlen , und so fühle ich auch nur , daß die Tiefe des Geheimnisses gerade seine Schönheit ist . Nur in Bildern und Symbolen nähern wir uns ihm . Das Warum war für Michelangelo eine dürre , durch dichte Finsternis tastende Gestalt , mit vielen Schlüsseln am Gürtel , von denen keiner in das Schloß paßt . « Sie gingen die breite Treppe hinab in die Krypta von San Lorenzo . Eine ungeheure , gedrungene Säule erhebt sich in ihrer Mitte , atlashaft . » Cosimo der Alte liegt hier begraben , « erklärte Norina , » der Vater des Vaterlandes . « » Der Vater des Vaterlandes - , « wiederholte Konrad gedankenvoll . » Er wollte kein anderes Grabmal , « sagte sie . » Aus ihm wuchs der florentinische Staat empor , er trug ihn , Schöpfer und Diener zugleich , « sprach Konrad wie zu sich selber redend weiter ; » er ist nur noch Asche in seiner Gruft , aber die Säule steht . Der Staat zerstäubte , aber sein Geist erfüllt eine Welt . « Als sie an diesem Tage nach Hause kamen , lag ein so heller Glanz auf ihren Gesichtern , daß die Dienstboten im Souterrain kichernd die Köpfe zusammensteckten und der alte Graf sich befriedigt die Hände rieb . Giovanni aber schlich Norina nach und pochte an ihrem Zimmer . Da stand er lange vor ihr , verlegen stotternd , mit einem flehenden Blick , den er auf ihre Züge heftete . Es bedurfte eines langen freundlichen Zuredens , ehe er ein paar zusammenhanglose Worte über die Lippen brachte . » Schon einmal blutete Giovanni für Monna Lavinia , « sagte er und verstummte minutenlang wieder . Plötzlich warf er sich , ihre Knie leidenschaftlich umklammernd , ihr zu Füßen und schrie : » Die Wolken streichen kalt um den Turm von Hochseß , und graue Fledermäuse flattern statt der Vögel , - die Fräuleins aber haben den bösen Blick - « Es durchlief sie ein Zittern . » Sie können bei uns bleiben , Giovanni , « sagte sie , sich sanft aus seiner Umklammerung lösend . » Sie - Sie sagt Monna Lavinia zu dem Seiltänzer - Sie ? ! « Er erhob sich , sah Norina groß an , machte eine linkische Verbeugung und bat mit ganz veränderter ruhiger Stimme : » Verzeihung , Frau Marchesa ! « Dann ging er . Am Nachmittag kehrte Carlo Savelli zurück , schon von weitem durch seinen lachenden Mund verkündend , daß er seinem Ziele nahe sei . » Maud und ich sind einig , « erzählte er glückstrahlend , » in den nächsten Tagen wird Mister Vanrosendahl erwartet , und dann - « » Wirst du am Ziel deiner Wünsche sein , « unterbrach ihn Norina schroff , » und einen Schwiegervater haben , der deine Schulden bezahlt . « Carlos Augen blitzten . » Und unser Geschlecht vor dem Untergange retten , « entgegnete er , » das solltest du , die Stolze , nicht vergessen . « » Lieber untergehen , als sich mit solchem Blute mischen , « rief sie heftig . » Aber Frau Marchesa , « mischte sich Konrad begütigend ein , doch sie ließ ihn nicht weitersprechen . » Haben Sie vielleicht schon gesehen , was aus solchen Ehen entsteht ? « brauste sie auf . » Das Bauern-und Proletarier- und Protzenblut triumphiert über das unsere ! Die Kinder sind keine Italiener mehr , sondern Amerikaner . Und wenn sie es vielleicht im Aussehen nicht sind , so in den Lebensgewohnheiten , in der Gesinnung - « Sie ließ sich nicht beruhigen , am wenigsten dadurch , daß Konrad von der welthistorischen Notwendigkeit allmählicher Volkserneuerungen sprach . » Sehen Sie sich um bei uns , « sagte sie . » Wert hat allmählich nur noch , was sich kaufen läßt . Das erzieht unser ritterliches Volk zu Betrügern . Der Bauer lernte schon , sein armseliges Haus als einstige Mediceervilla anzupreisen , weil es dann teurer bezahlt wird , und jeder kleine Graf stammt mindestens von den Gonzagas ab , - das bringt ihm eine um ein paar Millionen schwerere Miß ein . « » Sie sind sehr hart , « meinte Konrad , er stimmte ihr innerlich zu , glaubte aber die Erregte beruhigen zu müssen . So hart , wie nur die tiefste Liebe machen kann , « entgegnete sie leise , um dann in steigender Leidenschaft fortzufahren : » Das sind noch verhältnismäßig kleine Fehler . Aber die Korruption des Amerikanismus - ich habe keine andere Bezeichnung für den Geist , der umgeht - greift um sich verderblicher als der schwarze Tod . Nicht nur die Campagna versumpft , zu einem Ödland wird der ganze Süden , denn der Edelmann jagt in der Stadt nach der guten Partie , und hat er sie erobert , so verlangt die fremde Frau , für die dieses Land nichts ist als ein Tummelplatz ihrer Vergnügungssucht , nur nach weiteren Amüsements ; und den Bauer zieht ' s in die Fabrik , wo er mehr verdient und die Kneipe näher hat , als auf der harten , schwarzen Scholle . So tauscht man gegen die ekelhafte , durch Millionen schmutziger Hände gegangene Münze die Liebe zum Vaterlande ein und schließlich auch - die Gesinnung . « Sie verstummte . » Und die Rettung ? « frug Konrad . » Vielleicht ein großes Unglück - etwas , das sich zwischen uns und der Fremde aufrichten müßte wie eine unübersteigliche Mauer , damit wir einmal ganz auf uns selber angewiesen sind , « sagte sie . Beide schwiegen gesenkten Hauptes . Dann sah sie auf mit einem weichen Lächeln . » Ich bin kein Politiker , kein Nationalökonom , « sagte sie mit einem bittenden Tonfall , als müsse sie sich entschuldigen , » nur eine Frau ! « » Nur eine Frau ! « wiederholte Konrad und zog ihre Hand ehrerbietig an die Lippen . Die Verlobung fand statt ; mit lautem Spektakel , - » wie das Narrenvorspiel zu einer Tragödie , « flüsterte Norina Konrad zu . Des alten Vanrosendahls wuchtige Schritte klangen das erstemal auf den Steinstufen des Palazzos . Er kam nicht mit der verlegenen Scheu des Nichtdazugehörigen , noch mit der Ehrerbietung des Emporkömmlings gegenüber dem alten Adel , sondern mit der Selbstverständlichkeit des Eroberers . Die kurze Gestalt , der Stiernacken , die niedrige Stirn , die breiten Hände mit den abgehackten Fingerkuppen , - alles deutete auf den Mann der harten Arbeit . Jede Sentimentalität lag ihm fern und ebenso seiner Tochter . Kein Tag verging ohne lärmende Feste im Hotel , im Palazzo , bei den künftigen Verwandten ; in der Zwischenzeit bestimmten Vater und Tochter kühl und geschäftsmäßig über die Räume des alten Hauses , ihren Umbau , ihre Einrichtung , als wären sie kraft des Geldes , das sie hineinsteckten , auch seine rechtmäßigen Besitzer . Es gehörte für Norina alle Verstellung und Selbstüberwindung dazu , um die Situation ertragen zu können . Immer häufiger und länger zog sie sich in ihre Räume zurück . Konrad fand sie einmal gegen ihre sonstige Gewohnheit untätig im Sessel zurückgelehnt mit rot umränderten Augen . » Sie haben geweint , Norina , « sagte er erschüttert . Müde neigte sie den Kopf . » Ich gebe mein Leben darum , Ihnen helfen zu können - « , seine Stimme bebte in unterdrückter Leidenschaft . Sie schien ihn zu überhören , denn sie sprang auf , ging zum Fenster und umfaßte mit einem langen Blick das Bild , das sich ihr bot : unter ihr der grüne Fluß , der in feierlicher Ruhe vom Ponte alle Grazie hinüberströmte zum Ponte Vecchio mit seinen phantastischen Häuschen , aus denen bis in die tiefe Nacht die vielen über fleißigen Goldarbeiterhänden glühenden Lämpchen leuchteten , und drüben die im Sommersonnenglanz flimmernde Silhouette der Stadt , mit dem schlanken Glockenturm von Santa Croce , dem zinnengekrönten des Palazzo Vecchio , den offenen Arkaden der Uffizien . Darüber die Wölbung des Himmels , tiefblau und doch durchscheinend , als müsse sich der ganze Weltenraum mit dem Auge durchdringen lassen . Es war wie ein Abschied . Aufschluchzend sank sie in den Stuhl zurück . » Ich ertrag es nicht , ertrag es nicht , « flüsterte sie zwischen den Zähnen , während ihre Hände krampfhaft an dem weißen Tüchlein zerrten , das naß von ihren Tränen war . » Sie treiben mich heraus ! Wo bleibt mir noch eine Heimat ? ! « Konrads Herz klopfte zum Zerspringen , er beugte sich über sie , denn er hätte laut nicht zu sprechen vermocht : » Ich - ich wüßte eine Heimat für Sie , Norina ! « Ihre Tränen versiegten im Augenblick ; sie richtete das bis in die Lippen erblaßte Antlitz zu ihm auf , ein : » O , nicht doch - nicht doch ! « mühsam hervorstoßend . Ihre Augen waren ganz erfüllt von Angst . Da zog er die Türe leise hinter sich zu und ging in sein Zimmer . Sein Zimmer ? ! dachte er bitter . Schon hatte Miß Maud die Möbel dafür gewählt . Ihr Schlafzimmer sollte es werden . Das neue Geschlecht der Savellis , blauäugig , mit derben Knochen , würde darin das Licht florentinischen Himmels erblicken . Die ganze öde Kahlheit des Raumes legte sich ihm erkältend aufs Herz . Dort stand sein Koffer - ob es nicht das beste wäre , gleich zu gehen ? Hochseß erwartete die leitende Hand des Herrn . Ihm grauste , wenn er an das Schloß seiner Väter dachte , wo niemand ihn empfangen würde als die grauen Fräuleins . Und er konnte nicht fort - konnte nicht ! Zu tief hatten Herz und Geist hier Wurzel geschlagen . Er mußte sie mit sich nehmen können , - auf diesen beiden starken Armen ! Sie unlöslich mit sich verbinden : Fiorenza - Norina ! Sie zur Mutter seiner Kinder machen : eines neuen Geschlechts der Hochseß , durchglüht von dem ewigen Lichte dieser Stadt . Ihre Abwehr war keine Ablehnung , nur Überraschung gewesen ! Ihre Angst nur ein Erschrecken ! Vielleicht auch ein Erschrecken darüber , daß die neue Heimat , die er ihr bot , mit einer Trennung von der alten gleichbedeutend war . Er lag die ganze Nacht wach , grübelnd , rechnend , bis er gegen Morgen mit einem Lächeln auf den Lippen einschlief . Sein Entschluß war gefaßt : Sie sollte die Heimat nicht verlieren . Er ging früh aus , ohne zu sagen , wohin , und erzählte bei Tisch , als wäre es die gleichgültigste Sache der Welt , daß er soeben den Palazzo Ritorni gekauft habe . Erstaunt ließ der alte Graf Messer und Gabel sinken , groß und dunkel ruhten Norinas Augen auf ihm , die kleine Maud dagegen , die eine Trennung von ihrem Carlo immer weniger aushielt und regelmäßig zum Lunch aus dem Hotel herübergelaufen kam , hörte nicht auf , zu lachen und zu kichern . » Ich bin nun doch einmal zur Hälfte Florentiner , « sagte Konrad ruhig , » und brauche darum eigenen Boden unter den Füßen . « Man besprach die Angelegenheit mit größtem Eifer . Nur Norina beteiligte sich nicht an der Unterhaltung . » Wir wollten morgen nach Montebuoni , Frau Marchesa , « redete Konrad sie an , als sie sich nach Tisch in der dunkelsten Ecke des roten Saales niedergelassen hatte . Sie überhörte seine Bemerkung . » Wie wird der alte Ritorni dieses letzte Opfer ertragen ? « frug sie , ganz in der Haltung einer Dame , einem völlig Fremden gegenüber . » Jedenfalls besser , als wenn er seinen Palazzo morgen den Gläubigern hätte überlassen müssen , « entgegnete Konrad verletzt und wandte sich ab . Sie sprachen an diesem Tage nicht mehr miteinander . Erst am Abend - Konrad wollte sich mit einer gemessenen Verbeugung eben verabschieden - streckte sie ihm die Hand entgegen und sagte mit offenem Blick : » Nicht wahr , wir gehen morgen nach Montebuoni ? « Statt aller Antwort drückte er einen langen Kuß auf ihre schmale Rechte und fühlte dabei , wie ihre Pulse klopften . Es war die zweite Nacht , in der Konrad nicht schlief . Er meinte sogar , noch nie so wach gewesen zu sein , denn Tageshelle lag auf dem Wege vor ihm . Immer wieder sah er nach den Sternen , ob auch keine Wolke sie verdeckte , und als der Morgen zu grauen begann , fürchtete er stets aufs neue , an der Bläue des Himmels zweifeln zu müssen . Und dann , als der erste Sonnenstrahl bis hinab in die dunkle Tiefe der Straße sprang , konnte er das Wunder kaum fassen . Über Nacht , so schien es ihm , hatte sich auch der Garten drüben verwandelt ; das Weiß runder Schneeballen wetteiferte mit dem fließenden Gelb des Goldregens , und üppig blühende Zweige dunkelroter Rosen fielen furchtlos über die schwarze Mauer . Er rief Giovanni . » Wenn wir fort sind , - die Frau Marchesa und ich , « sagte er , » so besorge so viel an Rosen , als du bekommen kannst , mein guter Alter . Ihr Zimmer soll eine Laube sein , wenn sie heimkehrt . « » So viel der alte Giovanni bekommen kann ? « wiederholte der , als hätte er nicht recht verstanden . » Sieben Rosen fand ich , nur sieben Rosen , - schneeweiße . Die legt ' ich Monna Lavinia in die gefalteten Hände . Jetzt gibt es keine mehr . « Mitleidig streichelte ihm Konrad den armen Kopf . » Er hat heute seinen wirren Tag , « dachte er und ging selbst noch rasch zum Blumenhändler . Am frühen Nachmittag - die Luft bebte von der Glut , die sie erfüllte - fuhren sie fort . Sie kamen an der Certosa vorüber , wo die weißen Mönche in ihren Zellen wohnen , aus Erkerfenstern die strahlende Ferne betrachten und zwischen Mauern ihr eigenes kleines Gärtchen bestellen oder unter schattenden Kreuzgängen hin und wieder wandernd , schweigsam meditieren . » Warum es für die Mönchszeiten des Lebens , die jeder hat oder haben sollte , nicht überall solche Zufluchtsstätten gibt ? « sagte Konrad . Norina lächelte ihn an : » Nicht wahr ? ! Wie oft schon dachte ich ' s ! Für schwangere Frauen baut man schon stille Heime , wo sie ihr größtes Erlebnis in Ruhe erwarten können ; warum baut man keine für Männer , deren Geist großer Gedanken und Werke schwanger ist ? « » Wir - , « er stockte , dunkel errötend und verbesserte sich rasch : » Ich könnte in Hochseß einen kleinen Versuch der Art machen . « » Und « , fuhr sie fort , freudestrahlend , » im Palazzo Ritorni , wenn Sie fern sind ! « » Wir haben so oft Gedanken , die einander ergänzen , « meinte er , seine Hand ganz leise auf die ihre legend , die sie ihm nicht entzog . » Als wären wir eines Geistes , « sagte sie träumerisch . In Tavernuzzo , da , wo zwei Wege sich teilen - die breite , alte Römerstraße , die um den Monte del Diavola rechts herumführt , und der steile Steig , der geradeaus den Berg emporklimmt - verließen sie den Wagen . » Dort müssen wir hinauf , « sagte sie . » Wie gern und wie gut die Vorfahren steigen konnten ! « » Ohne das langsame bequeme Zickzack - immer gerade drauf los ! « antwortete er fröhlich , ihr den Arm reichend . » Eine deutsche Frau würde wohl Ihre Hilfe nicht annehmen ? « frug sie , den Schritt in rhythmischer Bewegung dem seinen anpassend . » Ich sah einmal eine Deutsche , die mit der stolzen Bemerkung selbst ist das Weib ihren Mantel einen solchen Berg in die Höhe schleppte . Der Italiener neben ihr schämte sich . « Dann schwiegen sie . Denn heiß stand die Sonne über ihnen . An den Mauern zu beiden Seiten des Weges liefen , glänzend wie Smaragden , grüne Eidechsen ; die Blätter der Olivenbäume dahinter waren fast weiß im Licht und standen ganz still in der Luft , als ob ihre Glut sie trüge . » Montebuoni , « sagte Norina , Atem schöpfend , als sie droben zwischen den eng aneinander gerückten Häusern standen . Sie bogen rechts ein paar Schritte höher , zur Kirche . » Hier « , fuhr sie fort , » soll die Burg gestanden haben . « Sie setzten sich auf die niedrige Estrade ; aus dem Tale empor leuchtete Florenz . » Dort unten liegt sie wieder , die schöne Frau , und badet sich in der Sonne ; - die Zauberin , die meine rauhen Vorfahren glaubten erobern zu können , und die sie schließlich zu sich hinabzog , « sagte Konrad . » Sie kennen die Geschichte ? « frug Norina . » So recht nicht , « meinte er . Und sie begann im Ton der alten Chronik : » Im Jahre des Herrn 1135 stand hier die starke Feste von Montabuoni , den Cattani von Buondelmonti zugehörig , seit Urzeiten Herren des Landes , da die Burg unüberwindlich war und die große Straße der Römer an ihr vorüberführte . Die Florentiner aber , die unten am Flusse wohnten , wollten nicht länger die kriegerischen Nachbarn auf dem Berge dulden . Also sammelten sie viel wildes Kriegsvolk , stürmten die Festung , zerstörten ihre Mauern bis auf den Grund und zwangen die Ritter Cattani von Buondelmonti , zwischen den Bürgern zu wohnen . Sie taten desgleichen mit den anderen Bergfesten ringsumher , und die Gemeine von Florenz wuchs durch Gewalt . Aber der Tag war nicht ferne , wo sie für ihre Tat blutig zahlen mußte . Im Jahre des Herrn 1215 ritt Messer Buondelmonti , ein Nachkomme jenes Besiegten , auf weißem Zelter , angetan in silbergestickte Seide , aus seinem Palazzo , um eine Edle aus dem Hause Donati zu freien . Am Ponto Vecchio aber , da , wo die Statue des Kriegsgottes stand , die ein Heiligtum der heidnischen Florentiner gewesen war , überfielen ihn die Uberti , die Amedei und Gangalandi , denn er hatte eine ihres Geschlechts verführt . Sie rissen ihn vom Roß , daß sein Festgewand voll des Kotes wurde , und erstachen den Wehrlosen mit vielen Dolchen . Die Edlen und die Bürger aber , die den Buondelmonti verwandt , befreundet und untertan waren , rächten mit neuen Mordtaten seinen Tod . Also entstand um eines Weibes willen , wie weiland der Trojanische Krieg , der Kampf der Guelfen und Ghibellinen , und ein Meer von Blut überschwemmte die gute Stadt von Florenz . « Konrad hatte die Augen geschlossen , während Norina erzählte . » Ich wußte das alles , « flüsterte er , als sie schwieg ; » es lebte in mir wie mein Blut - oder ich hörte es , als meine Seele noch schlief . Alles um ein Weib ! « Er sah Norina an , wie sie dasaß , den großen , dunklen Blick suchend in die Ferne gerichtet , die vollen Lippen zusammengepreßt , die hohe Stirne ganz glatt und glänzend in der Sonne - so nah und so fern , so begehrt und so gefürchtet . » Alles um das Weib , « wiederholte er noch einmal . Sie gingen durch das Dorf in den jenseitigen schmalen Taleinschnitt hinab , durch den fröhlich plätschernd , wie ein schwatzendes Kind , die Greve fließt . Ein schwerer Duft von Akazien schlug ihnen entgegen . Über die Steinbrücke , die zu wuchtig für das Flüßchen schien , führte der Weg . Eine einsame Mühle , in der das Rad stille stand , lag am anderen Ufer . Auf der kleinen Wiese davor tummelten sich Kinder zwischen rosigen Schweinchen , und drüben , wo der Fußpfad zwischen Akazien und schwarzen Piniendächern weiterführte , kletterte eine Herde blökender Schafe den Berg hinauf . Es war , als gäbe es keine Stadt weit und breit , sondern nur friedliche Wildnis . Blumen in allen Farben blühten auf dem Rasenhang , um sie tanzten und buhlten hunderte bunter Schmetterlinge , ihre geflügelten Ebenbilder . Konrad griff nach einer großen weißen Calla , die wie erstaunt aus dem saftigen Gräsergrün in das Gewirr der Zweige emporsah . » Lassen Sie