sehr richtig , Mutter . Aber begreif ' doch : mich verletzt das . Nimmt mir so viel Záuber aus dem Leben fort - Sieh mal , ich glaube , da fühl ' ich mich eins mit tausend , tausend Männern : das sind zarte Dinge ! Wir wollen sie nicht so laut besprochen haben . Wir wollen , daß das unberührte Weib in scheuer Ahnung , in unbewußtem , heiligem Trieb - gehorchend der ewigen Stimme der Natur , zu uns kommt . - Wissend ? Nicht wissend ? - Das mag verborgen bleiben . - Ja , Mutter , in diesen Dingen wird immer und allezeit die Empfindung des einzelnen gegen das sich auflehnen , was der Verstand für gewisse Schichten als richtig zugibt . « - - Die Mutter konnte zu allen diesen Kämpfen nur bekümmert seufzen . - Das war ja eine schwächliche und unverbindliche Art , an den Strömungen teilzunehmen - - Sophie wußte es wohl . Und wie sie nun durch den frischen , nebelig leise durchdunsteten Morgen auf ihre Wohnung zuging , fühlte sie sich recht klein und unsicher . Sie wußte nicht , bei wem das Recht war ... Sicherlich auf beiden Seiten . Aber das sind ja immer die hilflosesten Fälle . Sie selbst , sie war keine Kämpferin und in nichts fanatisch als für das Glück ihrer Kinder . - Aber sie sah nun : auch da kommt der Augenblick , wo das Schicksal einem eine abwartende und machtlose Stellung anweist . - - Es lag in ihrer Natur das Bedürfnis , zu hoffen . Und so versuchte sie ihre Gedanken von dem Plakat abzulenken und ganz gesammelt auf die Ueberraschung des gestrigen Abends zu richten . Neue Rührung über das Vermächtnis des Freundes ergriff sie . Jetzt konnte Allert sich , mit diesem Geld und ihren Ersparnissen zusammengenommen , von dem ihm verächtlich gewordenen Teilhaber befreien . - Dies Wissen hieß für ihn : der Geliebten unbefangen gegenüberstehen . Aber wenn sie sich finden , dachte Sophie ganz eifrig , dann - ja dann braucht Allert mich nicht mehr , und ich kann bald - oh vielleicht schon nächstes Jahr - die Heimat wieder erwerben ... Marieluis wird es gar nicht anders wünschen . - Und sie sah sich schon mit Enkelkindern unter den Bäumen dahinschreiten , aus deren Rauschen die Namen der Vorfahren klangen , sah ihre frauliche Bestimmung erfüllt : als Vermittlerin und Fortzeugerin von Generationen der Vergangenheit und Zukunft die Hände hinzustrecken . So ging ihr der Tag vorüber - in einem Auf und Ab der Hoffnung - dieser ewig schwingenden Schaukel der Seele . Die Dämmerung des Abends sank hernieder , als Allert kam und sie holte . Und sie wanderten in gutem Gleichmaß des Schrittes dahin unter dem wundervollen Aufbau des königlichen Stadtbildes um das flutende Wasser . Schon glühten die rötlichen und bleichen Lichtpunkte der Laternen rings an den Uferstraßen durch das friedvolle Grau . Von diesem Grau ging solche feierliche Stille aus , trotz all dem Getön des Lebens ringsum . Und hoch über den Firsten der Dächer begann die Geisterschrift elektrischer Flämmchen aufzuzucken - huschend erschienen die Namen von Firmen und Waren - liefen gleich feurigen Tierchen ihre Zeile oder ihren Kreis entlang , verloschen , begannen sogleich von neuem ihr gespenstiges Schreiben vor dem Hintergrund des Abendhimmels , hoch über dem Treiben der Straßen , auf die hinaus die vom Zwange der Geschäfte befreite Menge strömte . Der Saal , wo der Vortrag stattfinden sollte , lag in einer der engen Straßen der Altstadt . Da keilte sich in das Gedränge von Geschäftshäusern und Speichern , von schmalen , immer mit Verkehr überlasteten Gassen ein Bau , der Festsäle und Vereinstheater und Geschäftsräume enthielt . Und im Vestibül drängte sich die Menge , trotzdem es noch früh war . Der Saal , oben von einer Galerie mit Logen umgeben , glänzte in der gleichen festlichen Helle wie bei den Konzerten berühmter Dirigenten - aber das Publikum zeigte eine andere Färbung . Es sah gewissermaßen dunkler aus . Denn die Abendkleider und der Prunk von lichter Seide und Chiffon und Schmuck fehlten ganz - die Damen hatten sich in Straßenkleidern eingefunden . Und daß diese Scharen von Frauen , zwischen denen man nur ganz wenige Männer sah , von einer wunderlichen Unausgeglichenheit der Erscheinung waren , bemerkte Allert sofort . Viele Gesichter erkannte er - viele Frauen in der strengen und gediegenen Unauffälligkeit ; in sehr kostbaren und sehr einfachen Schneiderkleidern saßen sie da oder standen in Gruppen und unterhielten sich . Und zwischen ihnen drängten sich weibliche Wesen in modischen , billigen Jacken mit flotten Hüten , darauf unechte Federn wogten ... Andere waren von bescheidener , sauberer Dürftigkeit der Kleidung , und sie saßen still und etwas duldend auf ihren Stühlen . Seine Mutter wurde im Vorbeigehen angeredet : » Auch aus Rücksicht auf Frau Senator Amster hier , gnädige Frau ? « Und : » Sind Sie nicht auch riesig gespannt ? Es kann sehr pikant werden . « Oder : » Na , gottlob , endlich haben wir mal Marya Möller hier , das wird uns weiterbringen . « Dann eine , ärgerlich : » Die Geschichte ist nicht richtig organisiert - man hat zu viel Freibillette verteilt - jetzt hab ' ich nur noch ganz hinten einen Platz bekommen . « Als sie ihre Plätze gefunden hatten , fragte Sophie : » Wollen wir die Amsterschen Damen im Vorstandszimmer begrüßen ? « » Nein , « sagte er kurz . Er hatte Marieluis schon gegrüßt - heute morgen - auf eine besondere Art - und das sollte sein eigenstes Geheimnis bleiben ... Er hatte ihr in der Frühe Veilchen geschickt - dunkle und dicht gedrängte Sträuße in einem Binsenkorb , den eine blaßblaue Schleife schmückte - und er dachte - daß diese Blumen , diese Farben vielleicht noch beredter zu ihr sprechen sollten als seine Worte , die er dazu schrieb : » Ich erfülle Ihren Wunsch , und heute abend bin ich in der Versammlung . Ich weiß es nicht , ob ich das Recht habe , Sie um etwas zu bitten . Hätte ich es , ich bäte Sie , mit aller Wärme und aller Kraft , deren mein Herz fähig ist : sprechen Sie nicht laut mit in der Oeffentlichkeit von diesen Dingen , die das Plakat nennt . Vielleicht sagen Sie wieder : Vorurteile ! Ja , und wenn ? ! Es gibt Vorurteile , in denen sich die Sorge um Erhabenes verbirgt . Ihr A. v. H. « Den ganzen Tag hatte er gewartet : vielleicht kommt ein Wort , ein Zeichen - Liebe , die trösten und beruhigen will , findet Worte und Zeichen . Aber es war alles stumm geblieben - ein Tag war es gewesen wie alle : er rann ab im hastigen Treiben der Geschäfte . Und nun saß er hier - mit trockenem Munde - vor Spannung wie gelähmt . Es war , als sei sein ganzes Wesen gebunden und erst der Ablauf der nächsten Stunde könne es wieder lösen . Wenn sie seiner Bitte willfahrte ! Was sagte sie ihm damit alles . Heißes Glücksgefühl wallte in ihm auf , wenn er sich das vorstellte . Oh , das sagte ihm : Ich will dein sein , und eine Gemeinsamkeit mit dir soll mir fortan die größten Aufgaben bringen - die nächsten - die heiligsten . Nun würde er es bald wissen , ob ihre Zartheit , ihr Geschmack , ihr keusches Empfinden , ihre Mädchenscheu vor ihm , gerade vor ihm , der sie liebte , ob dies alles stärker war als ihr kämpferischer Fanatismus . Wenn es wäre - wenn es wäre ! Auf dem Podium in der Mitte vorn an der Rampe stand ein Rednerpult . Rechts und links davon schmale , grün verhangene Tische . Hinter jedem drei Stühle . Für die Schriftführer , Stenographinnen , Vorstandsdamen , vermutete Allert und war nur gespannt , ob dort auch die Senatorin Amster Platz nehmen werde . Aber nein . Da kam sie aus der Tür , die unten , neben dem Podium , aus den Zimmern der Vortragenden in den Saal führte . Rasch und herrisch schritt sie an der ersten Stuhlreihe entlang und nahm auf dem Stuhl an der Ecke des Mittelganges Platz . Da saß sie nun mit erhitztem Gesicht , in imperatorischer Haltung und versuchte ihre Nerven zu beruhigen . Sie hatte hinter den Kulissen mit der erst vor einer Stunde in Hamburg eingetroffenen Doktor Marya Möller einen Punkt der Uebereinkunft gesucht und nicht gefunden ! Sie sagte : » Es ist klüger , gerade für meinen Verein , maßvoll , ästhetisch in der Form und vorbereitend aufzutreten . « Doktor Marya Möller sagte : » Ich bin es unserer Sache schuldig , energisch , wahrhaftig und rücksichtslos zu sprechen , und was im Reichstage gerade über mancherlei Hamburger Einrichtungen gesagt wurde , werde ich ja wohl auch noch vorbringen dürfen . « Die Senatorin , durchaus gewohnt , als Befehlshaberin fast in jeder Lage und besonders in den ihren Verein angehenden Dingen aufzutreten , und von dem naiven Anspruch getragen , daß vor ihrer Ansicht Widerspruch zu verstummen habe , fühlte sich sehr gereizt . Schließlich hatte doch der Verein diese Vorträge finanziell unterstützt ! Und wenn dies Bewußtsein auch nur Nebenempfindung war : sie spielte mit . Am meisten aber : die Senatorin hatte sich zum Gesetz gemacht , den modernen Bestrebungen mit so viel gutem Geschmack als möglich zu dienen . Und diese Marya Möller sah nicht nach » gutem Geschmack « aus . Die Senatorin dachte still entsetzt : die hat ja was Anarchistisches ; obschon ihr die Sachkenntnis fehlte und sie noch nie einen lebendigen Anarchisten gesehen hatte ... Wenn sie auf dem Podium so losdonnerte wie im Künstlerzimmer ? Welcher Stoff für die Presse ! Das konnte doch fatal werden ! Wenn ihr Mann davon läse ! Wenn man ihn darauf anspräche ! Wenn er sagte , es sei von ihr taktlos gewesen , sich Schulter an Schulter mit Doktor Marya Möller in der Oeffentlichkeit zu zeigen ! Der Vorwurf der Taktlosigkeit aus dem Mund ihres Mannes ! Der bloße Gedanke machte sie nervös . Allert konnte ja nicht ahnen , was in ihr vorging . Er saß mit seiner Mutter in der dritten Reihe . Und er konnte schräg vor ihm das Gesicht der stolzen , klugen Frau im Profil sehen - es war heiß und rot - ein erstaunlicher Anblick . Nun öffnete sich droben die Tür , die aus dem » Künstlerzimmer « auf das Podium führte . Allerts Herz klopfte so , daß er in seinem Kopf ein Rauschen verspürte - Sturm schien ihn zu umbrausen . Drei weibliche Gestalten kamen zuerst - unscheinbare , sachliche Wesen . Sie setzten sich links vom Rednerpult und legten sich ihre Schreibstifte zurecht . Und dann drei andere Gestalten : die Vizepräsidentin , die Kassenführerin und die Schriftführerin des Vereins . Allert kannte sie alle drei - in ganz einfache , dunkle Kleider hatten sie sich gehüllt - er erriet auch , weshalb die Vizepräsidentin , die alte Frau Ramsburg mit ihrem milden Großmuttergesicht , ihrer Nichte Amster den Vorsitz für heute abgenommen und sich aufgeladen hatte . Wer war Frau Ramsburg ? Eine gutmütige , außerhalb ihres Familienkreises gänzlich unbekannte und neutrale Persönlichkeit . Der Sitzredakteur , dachte Allert in einem flüchtigen Blitz seines Humors . Er erkannte auch die Schriftführerin - eine Stellung , die die schöne Frau Julia ein paar Wochen bekleidet gehabt . Nun war es das älteste , beinahe vierzigjährige Fräulein Vierbrinck , eine Großcousine Dorys . Sie trug auch einen Kneifer und hatte auch Grübchen , aber kupferige Wangen und einen scharfen , eifervollen Blick hinter den Gläsern . Neben ihrem dunklen , glatt gescheitelten Haar sah man das blonde Haupt . Duftig und schön geordnet lag das Haar um Stirn und Schläfen - das edle Angesicht schien ein wenig bleich - doch kühl und klar der Ausdruck wie immer . In vielen Kleidern und Farben hatte Allert sie gesehen . Aber die behielt er nicht im Gedächtnis - die sah er nicht , wußte er nicht . Vor ihm stand sie immer in jenem blaßblauen Gewand mit den dunklen , starken Veilchensträußchen - die an der weißen , blühenden Pracht ihrer Schultern lagen . Er suchte ihren Blick zu erzwingen . Und nun sah sie ihn . Ihr Auge schien dunkler , größer zu werden . Sein Blick sprach zu ihr - beredt , eindringlich , seine Nasenflügel bebten . Oh , er hätte sein ganzes Ich in seinen Ausdruck legen mögen . Und er wartete auf ein Zeichen , daß sie ihn verstehe - eine Verheißung - eine Bejahung all der brennenden Bitten , die seine Blicke zu ihr hinübersandten . Und es war , als sei auch in ihren Augen ein besonderes Licht . Was strahlte es ihm zu ? Er verstand es nicht . War es der unbesiegbare Eigenwille , der mit stolzem Leuchten trotzte : ich tue , was mir richtig scheint ? Nun senkte sie die Lider . War es ihr unerträglich , die leidenschaftliche Bitte zu sehen , die auf seinem Gesicht geschrieben stand ? Dann eine große , allgemeine Bewegung - auch Marieluis wandte ihr Gesicht Doktor Marya Möller zu . Die trat rasch ein . Ganz und gar vertraut mit der Oeffentlichkeit - gewohnt , mit sachlichem Blicke vielen Hunderten von Gesichtern zu begegnen . Mittelgroß war sie , und zu einem kurzen , schwarzen Rock trug sie eine dunkle Weste , ein Flanellhemd mit Klappkragen und ein dunkles Jackett . Die Kleidung strebte offenbar männlichen Charakter an . Allert dachte : Gegenspiel zu den bunten Schuhen und weißen Flören der Frau Julia - zwei Sorten von Grenzüberschreitungen - welche war ihm fataler ? Er hatte keine Zeit , sich diese Frage eingehender vorzulegen . Denn Doktor Marya Möller erhob ihr scharfes Gesicht , das unter dem kurzverschnittenen , graumelierten Haar an einen Predigerkopf amerikanischer Art erinnerte . Diese Kopfbewegung hatte die gleiche Wirkung wie das Emporheben des Dirigentenstabes in der Hand eines berühmten Kapellmeisters : vollkommene Stille trat ein . Und dann hingen die vielen hundert Augenpaare eine Stunde lang gefesselt an diesem ausdrucksvollen Gesicht , und alle Ohren lauschten angestrengt , um nur ja keine Silbe von diesen kunstvoll vorgetragenen , hart dreinfahrenden , kühnen , auch die heikelsten Dinge offen nennenden Worten zu verlieren . Und die fanatischen , brennenden braunen Augen im Gesicht der Rednerin hatten eine hypnotische Macht - da war niemand im Saal , der nicht das Gefühl gehabt hätte : sie sieht mich an . Jedem wußte sie das Gefühl zu suggerieren , daß es schimpflich sein würde , in der Aufmerksamkeit nachzulassen . Welche Kraft war in diesem Weibe . - Allert hörte und erfaßte alles - das ganze Bild des Elends , der Versuchungen , der moralischen Versumpfung in den Unterschichten rollte sie auf , das jedem denkenden Mann , der nicht blind und fühllos durch die sozialen Gärungen der Zeit schritt , wohlbekannt war . Vielen weiblichen Zuhörerinnen erzählte sie damit wohl ihnen bisher unbekannt Gebliebenes . Doktor Marya Möller kannte aber nur einen Schuldigen : den Mann ! Es gab für sie keine geschichtlichen Rückblicke , und sie schien nicht zu wissen , daß manche Krankheitserscheinungen , daß Verbrechen aus tollgewordenem Kraftüberschuß so alt waren wie das Menschengeschlecht , und so unabänderlich wie mißgeformte und abfaulende Blätter in der Fülle reich belaubter Wipfel . Sie schien auch gar nichts von wirtschaftlichen Evolutionen , vom Arbeitsmarkt , von der Einwirkung schlimmer Umwelt , vom ererbten Hang zum Liederlichen zu wissen . Der Mann war ihr die Ursache allen Uebels . Oder : durchaus wahrscheinlich : es lag in ihrem Vorsatz und heutigen Programm , alles nur von einer Seite zu beleuchten . Denn als unerhört zielbewußte , kluge Kämpferin wußte sie wohl , welche Gewalt solche Einseitigkeit gibt ; wie hell , wie grell , wie den Blick blendend sich die Dinge ausnehmen , wenn ein Scheinwerfer sie bestreicht . Allert hörte sachlich zu . Diese Einseitigkeit hatte etwas Imponierendes . Und diese Keulenschläge trafen oft genug auf den rechten Fleck ... Nur schade , daß gerade die Männer hier nicht zuhörten , die am meisten davon hätten betroffen sein müssen : der rohe , trunkene Kerl der abendlichen Gassen - der frühreife Bengel der Hinterhäuser - ja , diese hörten dem Vortrag von Doktor Marya Möller nicht zu . Und die vielen vornehmen Frauen in der strengen Eleganz unauffälliger Schneiderkleider - die hörten gewiß mit einem schaurigen , brennenden Interesse - so wie Kinder den Robinson Crusoe lesen - gespannt durch die für sie selbst nie erlebbaren Gefahren und Begebenheiten . - Und während Allert hörte , sah er zugleich . Er sah das schöne , blonde , geliebte Haupt . Für ihn trug sie kein düsteres Schwarz . Saß sie nicht da , von blaßblauer Seide umgleißt - mit dunklen lila Veilchen an den herrlichen Schultern - stolz und rein ? Ihre Augen hingen an der Rednerin - ihr Gesicht war bleich . Schien es ihm nur so ? Hob sie den Kopf auf eine besondere Art - wie kritischer Hochmut tut ? Oder war es die Geste der Erhobenheit - des Triumphes für diese Genossin im Kampfe ? Wenn er in ihre Seele hätte hineinblicken können ! Mit einem Male sah er wieder jene häßliche Szene - sah sie in der abendlich düsteren Straße , die der klebrige Nebel füllte , und er hörte wieder die grölende Stimme des Trunkenboldes , der sie bedrängte - Er fühlte einen bitteren Schmerz in sich aufsteigen . Mußte nicht auch sie daran denken - gerade jetzt ? Begriff sie wohl , daß dieses Mannweib da oben ganz andere Zwecke und Ziele hatte ? Daß da die Arbeit zur Hebung der Sittlichkeit nur das Mittel war , die Frau in die Front und in die Politik zu bringen ? Jetzt schloß die Rednerin , und ihre letzten Worte flammten über die atemlos Lauschenden hin wie eine Fackel über Gase - und züngelnd lohte die Begeisterung und der Jubel ihr zu . Besonders vielleicht jauchzten alle die Herzen , die vom Mann Uebles oder - gar nichts erfahren hatten ; und die allgemeine Schuld der Männer machte es so viel leichter , dem Mann entsagen zu müssen . Ja , eher könnte man wohl all die vielen spinnwebfeinen Hanffäden eines armdicken Schiffstaues auseinanderwirren als das , was sich hier verflicht und wie einhellige Zustimmung aussieht , dachte Allert . Auf dem Programm war angezeigt : Nach dem Vortrag findet eine Debatte statt ; Anfragen werden erbeten und beantwortet . Deshalb blieb man sitzen . Eine Pause ... Die Begeisterung mußte erst abschwellen und sich vom Jubel und Beifallklatschen zum leisen Flüsterton mit der Nachbarin verebben . Das war sehr merkwürdig - gemahnte an das Zurücksinken einer künstlich aufgepeitschten Woge . Die Hüte neigten sich hin und her . Das Licht ließ Reflexe aufblitzen auf den Steinen von Hutnadeln und den Brillanten an Ohrläppchen . Dann stockte die Bewegung der vielen Köpfe . Und es wurde wieder still . Mitten in der Versammlung stand eine Dame auf . Sie fragte mit scharfer Stimme , laut und unbefangen , ob nicht in den Volksmädchenschulen für sexuelle Aufklärung gesorgt würde . Doktor Marya Möller gab einen kurzen Ueberblick , wie weit die bezüglichen Bemühungen Erfolg verhießen . So ging es weiter ... Da und dort in der Versammlung erhob sich ein Arm und eine gespreizte Hand , oder ein Zeigefinger - in Schulgewohnheit - meldete , daß man zu sprechen wünsche . Und mit großer Gewandtheit wußte die Frau vom Rednerpult aus jede der sich Meldenden nach und nach zu Worte kommen zu lassen . Die Stimmen fragten hell und keck , schüchtern und heiser - Doktor Marya Möller antwortete in nie versagender Autorität . Und Allert fühlte immerfort sein Herz pochen - rasch und hart - jeder Nerv in ihm war gespannt . Er dachte : Vieles ist vernünftig - das sind viele Wahrheiten . Ein Bruchteil von dem allem ist durchführbar und kann nützen ... Und doch ? ... Bin ich die Reaktion ? Es ist mir furchtbar ... Ich möchte allen diesen Frauen zurufen : Halt - besinnt Euch - geht Euch für das , was Ihr nützt , nichts anderes verloren , das vielleicht noch wichtiger ist ? ... Hab ' ich unrecht ? - Versteh ' ich die Zeit nicht ? - Ich , der Edelmann , der Kaufmann ward - das moderne Leben begreifend - bin ich die Reaktion ? Und ein Gefühl war in ihm , das er nicht niederringen konnte . Der feste Glaube : So denke nicht ich allein - so empfinden tausend , aber tausend Männer . - Sind wir Männer nicht vielfach die Benachteiligten - ist dies nicht alles Uebergang - und wir die Erleidenden ? Fabelhaft , was für ein fertiges sozialpolitisches Urteil all diese Frauen hatten - wie verwegen sie Dinge beim richtigen Namen nannten , von welchen ehedem die Frauen nur flüsterten . Oder die in einer gewissen naiven Unbefangenheit genommen wurden - wie auf dem Lande , wo das Natürliche weniger verhüllt ist . Warum verletzte es ihn hier so ? Etwa , weil man sich so wissenschaftlich und sozialpolitisch gebärdete ? Oder weil so viele vor aller Ohren laut davon sprachen ? Er wußte es nicht . Er dachte : wenn nur sie - sie - sie nicht mitspricht . Sein Blick hing an ihr . Die Minuten , die verrannen , ohne daß Marieluis ein Zeichen gab , hoben seine Hoffnungen . Wenn sie seiner Bitte , nicht mitzusprechen , nachgab ! Seligstes Geständnis durfte es ihm bedeuten . Sein ganzes Wesen war erschüttert von diesem Gedanken ... Nun hörte er die klangvolle Stimme der mannhaften Frau am Rednerpult ausrufen : » Ja , große Entwicklungen sind wie ein Adlerflug ... « Und er dachte : Aber die Adlerflügel werfen ihre Schatten auf das Gelände , über das sie wegfliegen - kann schon sein , daß manch einer sich gerade nur vom Schatten gestreift fühlt . Wie still seine Mutter neben ihm saß . Er ahnte : benommen und zweifelnd - hin und her gerissen . Auch ihre Blicke heften sich an Marieluis und nur an sie . Ihm schien : noch blasser war die Geliebte geworden - in ihren Augen funkelte eine fremde , seltsame Energie - die der Hingegebenheit ? Die der Abkehr ? Oh , wenn er es wüßte ! Würde auch sie gleich ihre Hand erheben , um sich zum Wort zu melden ? Ihm schien - ja - sie bewegte schon die Finger - wie voll Ungeduld - zögerte noch - vielleicht , weil so viel andere Hände sich erhoben ... Würde er gleich das Schauspiel erleben , daß die geliebte , schöne Hand sich emporreckte ? ... Allert hörte nichts mehr von den Fragen und Antworten - all diese Stimmen waren leeres Geräusch geworden . Er sah nur noch . Er wartete . Er fühlte - an den nächsten Sekunden hing sein Schicksal . - - Zögerte sie , weil sie mit sich kämpfte ? Zögerte sie , weil die Raschheit der Anmeldungen zum Wort ihr die Lücke zum Einfallen nicht ließ ? Er griff nach der Hand seiner Mutter - Sophie schrak förmlich zusammen - fühlte auf der Stelle , ihrem Sohn war das Wesen aus den Fugen . Sie ahnte seine Spannung - teilte sie - spürte : sein Geschick war in der Schwebe . Ihre Nerven waren krank vor Ungeduld . Wenn doch dies ein Ende nähme - wenn man doch diese Sitzung schlösse - ehe - ja ehe Marieluis auch ihre Stimme erhob . Warum griff Marieluis noch nicht ein ? Warum ließ sie die Debatte sich weiter wälzen ? Diese mißtönige , gewagte Debatte . Wartete sie , um ein besonders starkes Wort , eine ihr gewichtigste Frage noch zuallerletzt hineinzuwerfen ? Was ging in ihr vor ? Aufrecht saß sie und sah zuweilen Doktor Marya Möller an und zuweilen ihre Mutter - es schien , als miede sie Allerts Blick . Und ihre Mutter , die Senatorin , erhitzt , nervös , mit einer Haltung , die beinahe etwas gewaltsam Stolzes hatte , hing mit ihren Blicken am Gesicht der Tochter . - Sie hatte keine Zeit gefunden , ehe sie zornig das Vorstandszimmer verließ , der Tochter zuzuraunen : Beteilige Dich um Gottes willen nicht an der Debatte ! Und nun zitterte sie in Erinnerung daran , daß sie noch auf der Herfahrt ermutigt hatte : Beteilige Dich nur jedenfalls an der Debatte ; es ist die beste Gelegenheit , mal zu versuchen , ob man öffentlich sprechen kann . Wie hatte sie auch ahnen können ... Ihr war ja gerade , als sei dies alles eine Karikatur dessen , was sie gedacht und gewollt . Und wie anders hörte sich das alles in der schrecklichen Oeffentlichkeit an ... Und immer sah sie ihren vornehmen , maßvollen Gatten ... Wenn sie sich vor dem blamiert fühlen müßte ! Wenn er ihr Vorwürfe machte ! - - Die Demütigung zerbräche ihr Leben . Sie wollte , sie mußte vor ihrem Manne die kluge , taktvolle , ungewöhnliche Frau bleiben . Die Atmosphäre der Hochachtung , in der sie lebten , hatte ihnen ja - unbewußt - das Glück der Herzen ersetzt . Sie fühlte : ging des Gatten Hochachtung in die Brüche , setzte sie sich seinem Tadel , seinem Lächeln aus , so würde sie aus aller Harmonie kommen . Und wie war das noch zu verhüten ... Die Oeffentlichkeit war ja plötzlich in ihr Dasein gekommen , hatte ihre Bestrebungen mit in den großen Strom der sogenannten Frauenbewegung gerissen . Wie noch vorbeugen ? ... Plötzlich zuckte ein sehr kluger Gedanke durch ihr Hirn : Ja , vorbeugen , indem man bekennt , so hatte ich ' s nicht gewollt . Diese Geister dacht ' ich nicht zu rufen . - Vorerst tat dieser kluge Gedanke noch weh . Aber er ließ sie nicht los . Wie bleiern die Minuten schlichen ! Hörten denn diese plumpen Fragen gar nicht auf ? Nun schleuderte wieder eine Stimme diese Worte in den Saal : » Könnte nicht eine Statistik versucht werden über die Zahl der Mädchen , die aus Mangel an sexueller Aufklärung fielen ? « Daran schloß sich eine weitere Debatte . Wenn Marieluis nun doch noch das Wort nähme ? Die Senatorin hatte eine jähe Erkenntnis : das ertrüge Allert nicht . Da saß er - vielleicht auch gespannt - vielleicht gar schon abgekühlt . Und sie vermochte ihre Begierde nicht zu bezwingen : rasch sah sie schräg zurück . Sie sah den Mann , sein vor Erregung scharfes und bleiches Gesicht . Die Blicke der beiden Mütter trafen sich , und beinahe - ja beinahe wäre das Ungeheuerliche geschehen : die Senatorin mußte ihre äußerste Selbstbeherrschung aufbringen , um einen nervösen Tränenausbruch niederzuzwingen . Und Marieluis saß da oben , in der beherrschten , verschlossenen Haltung , die ihrer Art gemäß war und die Erziehung ihr gefestigt hatte von Jugend an . Sie konnte der Mutter kein Zeichen geben - sie konnte nicht in ihre Blicke legen , was in ihr aufflammte . Vor Hunderten von Zuschauern saß sie ja , und jede Geste wäre ihr schon wie eine Mitteilung an die Oeffentlichkeit vorgekommen ; an diese furchtbare Oeffentlichkeit , die sich ihr zum erstenmal in ihrem Leben offenbarte . Und sie begriff , wie in ihrer grellen Helligkeit , in ihrer unwillkürlichen Schamlosigkeit , in ihrer krassen Genauigkeit , in ihrem unabgetönten Lärm sich alles ganz anders darstellte , als man es in stiller Wirksamkeit gedacht . Der Unterschied zwischen dem gelesenen oder vertraut gesprochenen Wort und dem fanatisch hinausgeschrienen ging ihr auf ... Mit Erstaunen hörte sie schon vorhin , daß dieses fremde , geschmacklose Mannweib sich gegen die Bitten und Ratschläge ihrer Mutter wendete - das hatte Marieluis noch nie gehört , daß jemand sich erlaubte , einer Ansicht ihrer Mutter in dieser Art zu trotzen - die schlechte Form verletzte sie . Sie dachte : vielleicht hat Doktor Marya Möller recht , aber sie müßte Mama nicht so niederschreien . Es war ja nur eine Aeußerlichkeit . Aber das stimmte die zitternde Erwartung auf den Vortrag so herab . Und tief in ihrem Herzen war ein heißer Wunsch gewesen ... Der würdige , ernste , sittlich erhebende , begeisternde Verlauf dieses Abends sollte den einen bekehren , ohne den sie sich doch keine Zukunft mehr denken konnte . Diese Stunden sollten ihn zu ihrem Mitarbeiter machen . Und aus dieser Hoffnung heraus hatte sie kein Wort auf seinen Veilchengruß und seine beschwörenden Zeilen geantwortet . Sie küßte die Veilchen , sie war glückselig mit den zarten kleinen Blumen , die von ihm kamen . Und sie hoffte . Und als sie ihn sah , drunten , zwischen den vielen , vielen Frauen er einer der wenigen Männer , da grüßte ihn ihr Auge , und ihre Blicke glänzten . Noch hoffte sie , trotzdem dies Vorspiel so beklemmend gewirkt hatte und all ihr Taktgefühl litt , weil eine Plumpe ihre stolze Mutter niederzankte . Dann begann der Vortrag , und die scharfen , starken Worte , in ihrem verwirrenden Durcheinander von gerechten Klagen und ungerechten Anklagen , schnitten wie Schwerter durch die Luft ... Und was das allerrätselhafteste war : Ansichten , Sätze , Ausdrücke , die sie selbst sich erworben , nachgesprochen , unbedenklich gebraucht hatte , nahmen einen ganz andern Sinn und Klang an , nun da alles aus dem Munde der fanatischen Frau wie durch Glut gegangen und umloht kam . Und all dies hörte auch er . Klang ihm nicht ihre Stimme aus den Reden dieser Frau ? Der Gedanke ließ Marieluis