Und der Herzog rief mit lauter Stimme : » Nachtigall ! « Der Lautner huschte durch ein niederes Türchen herein . » Ich reite zum Tiergarten und will zusehen , wie man die ungarischem Hirsche aus dem Käfig läßt . Freiheit ist erquicklich in jeder Form . Um zehn bestelle mir das Mahl bei den zwei schönen Wickerspacherinnen - « Da ging ' s wie Widerwille über das Gesicht des Herzogs . » Nein ! Zu diesen beiden mag ich nimmer hin Man soll sie beschenken . Reich ! Ich speise bei der roten Bärbel . Geh ! « Noch ehe Peter Nachtigall verschwunden war , kam der Kämmerer Wolfl mit einem der Söldner , die beim Donautor die Wache hatten . Der Söldner meldete , man hätte den Knecht des Berchtesgadnischen Herrn bei der Straubinger Straße im Wald gefunden , ohne Roß und ohne Kleider ; und der Knecht schwöre , die sechs Gewaffneten , die seinem Herrn seit dem Morgen hinter den Fersen jagten , wären Landshutsche Harnischreiter gewesen ; die hätten ihm Sattel und Hemd genommen und wären in argen Zorn geraten , weil sie bei ihm den Brief nicht gefunden , den sie hätten fangen sollen . » Fangen ? Einen Brief ? Warum ? « Herr Ludwig streckte sich . » Was für eine Botschaft mag es sein , die der zärtliche Vetter Landshut meinem Herzen ersparen wollte ? « Mit einem Handwink schickte er den Söldner fort . Dann klammerte er die Faust um den Arm des Kämmerers . » Hol mir diesen Berchtesgadner ! Und sitzt er noch im heißen Wasser , so lupf ihn nackicht heraus und bring ihn im Badmantel her zu mir ! « Wolfl Graumann sprang zur Türe . » Gleslin , paß auf ! « Herr Ludwig lachte . » Wir werden Großes von kleinen Läusen hören . Es juckt mich schon in allen Haaren . « Zwischen den Vorhängen der Türe erschien das Gesicht des Kämmerers . » Gnädigster Fürst , da kommt der Jungherr - « In einem kostbaren , weinrotfarbenen Hofkleide , das Gesicht noch glühend von der Dampfhitze des Bades , trat Lampert Someiner in die Stube und neigte sich vor dem Herzog . Herr Ludwig begrüßte den jungen Mann mit gewinnender Höflichkeit und schien dabei so guter Laune zu sein , als hätte ihm dieser Tag nur lachende Sonne gebracht . » Berchtesgaden ? Solcher Heimat darfst du dich rühmen , Jungherr ! Ist Rom das Herz der Welt und Paris ihr küssender Mund , so ist Berchtesgaden eines von ihren schönen Augen . Ein Name , der Sehnsucht in mir weckt . Ich sehe friedliche Menschen - « Dem Herzog entging der wehe Zug nicht , der sich um Lamperts Lippen schnitt . » Sehe stille Berge , sehe Gemsen springen und muß an röhrende Hirsche denken . Und Freund Pienzenauer ? Wie geht es ihm ? « Lampert wollte antworten . Seine Stimme erstickte in einem heiseren Laut . » Jungherr ! Bei diesem nassen Ritt scheint deine Stimme gelitten zu haben ? « » Schon früher , Herr ! « » So ? - Nun ? Was macht Herr Pienzenauer ? « » Mein Fürst hat schwere Sorgen . « » Die haben wir alle . Ein bißchen mehr , ein bißchen weniger , das macht bei Menschen keinen Unterschied . Sorge hin oder her , wir Menschen haben es immer noch am besten auf Erden . Stirbt der Mensch , so begräbt man ihn zuweilen ohne Kopf , doch immer mit der Haut . Das tut man bei Ochs und Esel nicht . Die müssen vor der letzten Ruhe das Leder lassen . Ich preise mich glücklich , ein Mensch zu sein . Und hoffe bei dir , mein lieber Jungherr , die gleiche Wertschätzung des Lebens zu finden . « Das tändelnde Geplauder schien auf Lampert wie eine Marter zu wirken . Herr Ludwig betrachtete ihn mit Wohlgefallen . » Ich sehe , Freund Pienzenauer wollte mich ehren , als er für mich zum Botschaftsträger den Schmucksten aus seiner adeligen Jugend wählte . « » Herr , dieses Lob gebührt Eurer Hofkammer , aus der ich gekleidet wurde . « » Fein gesagt ! Bescheidenheit ist ein köstlich Ding . Manchmal überflüssig . Und ? Wie sagtest du , lieber Jungherr ? Freund Pienzenauer hätte Sorgen ? Drückt ihn die Last des Alters ? « » Nein , Herr ! Ein schweres Elend seines Landes . « Lampert wühlte aus dem reichen Kleide , das er trug , den Brief heraus , der in dünnes , verlötetes Silberblech eingeschlossen war . Per Herzog gab den Brief an Gleslin , der mit einer Schere die verlötete Kante abzuzwicken begann . Herr Ludwig plauderte freundlich weiter , obwohl seine Züge sich seltsam spannten . » Fürst Pienzenauer hat feste Schultern . Aber völlig spurlos werden auch an ihm die achtzehn Jahre nicht vorübergegangen sein , seit wir selbander nach Rom geritten , um Berchtesgaden durch des Heiligen Vaters Hilfe aus der Salzburger Pfandschaft herauszuschälen . Das waren schöne Tage ! Hinter den Bergen im Blau ! Er ein guter Priester , ich ein mißratener Prinz ! Er mußte meinetwegen sehr oft zur Beichte gehen . « Herr Ludwig lachte , während seine heiß funkelnden Augen an Gleslin hingen , der den Brief des heiligen Peter las . » Wir beide , dein prächtiger Fürst und ich , wir haben im ewigen Rom viel sterbliche Torheit getrieben . « Das frohe Lachen des Herzogs verstummte . » Gleslin ? « Er bohrte den Blick in das ernste Gesicht des Greises und riß ihm das Blatt aus den Händen . » Gib her ! « In Hast begann er zu lesen . Lampert wurde in diesem Schweigen von einer Erregung befallen , daß man an seinem Hals die Pulse pochen sah . Auch Gleslin , der keinen Blick vom Herzog wandte , schien von einer schweren Sorge bedrückt . Da legte Herr Ludwig enttäuscht das Blatt aus der Hand . » Was soll mir das ? Der heilige Zeno scheint dem heiligen Peter eine mißvergnügte Woche zu bereiten . Aber wenn zwei Heilige sich an den Haaren ziehen , soll sich ein irdischer Sünder nicht einmischen . Der Himmel ist allein verantwortlich für die Konduite seiner Benedeiten . Ja , ja , ja - daß der Reichenhaller den vorsichtigen Schläfer von Burghausen aufstöbern möchte , ist möglich . Aber was helfen mir Möglichkeiten ? Ich brauche , was sich mit Fäusten greifen läßt . « Der Herzog sah den Brief wieder an . Dann wandte er sich rasch an Lampert . » Wie war das heute ? Mit diesen Harnischreitern ? Die deinen Knecht aus dem Sattel rissen ? - Beruhige dein gutes Herz ! Dein Knecht ist schon gefunden . Ein bißchen Adam , aber sonst gesund ! - Sag mir ! Wie war das ? « Lampert erzählte mit jagenden Worten und führte an , was ihn am Ernst dieser Hetze hatte zweifeln lassen . » Strauchdiebe ? « Herr Ludwig schüttelte den Kopf . » Nein ! - Gleslin ? Was meinst du ? « Der Greis wollte antworten . Da erhoben die zwei Bärenfinder im Prunksaal draußen ein wütendes Gekläff . Der Herzog sagte lachend : » Die wittern , was für ihre Nase nicht lieblich ist . Was mag da kommen ? « Er ging zur Türe . Wolfl trat in die Stube , auf silbernem Teller ein gerolltes Blatt , das grau und zerknittert war . Flüsternd sprach er unter dem Lärm der Hunde zu seinem Herrn , der diese leise Meldung mit halblauten , abgerissenen Worten unterbrach : » Ein Bettelmönch ? - Staatsgeschäfte ? Mit mir ? - Was sagst du ? Verfolgt ? Der auch ? « Er warf einen schnellen Blick auf Gleslin und fragte den Kämmerer laut : » Warum hast du ihn nicht hereingeführt ? « Eine leise Antwort . Und Herr Ludwig sagte lachend : » Wahrhaftig ? So schrecklich ist das ? Dann begreif ich die Hunde . Die lärmen ja wie toll . Geh , Wolfl , entführe den Schmutzfink ihrem Witterungsvermögen ! Meine Badstube bewahre vor ihm ! Schick ihn zu den Grobmägden in die Waschküche ! Da findet er Schmierseife , Bimsstein und etwas Humor dazu . « Als der Kämmerer die Stube verlassen hatte , beugte der Herzog seine Nase mit Vorsicht über das zerknüllte Röllchen . » Ja ! Das riecht sehr schlecht ! Aus dieser Botschaft quillt mir alle dunstende Schwäche der Menschheit entgegen . Wenn die Seele , die in diesem üblen Körper steckt , nicht besser riecht - « Mit achtsam zugreifenden Fingerspitzen entrollte er das graue Blatt . Draußen wurden die Hunde still . Dem Herzog , kaum er zu lesen begonnen hatte , fuhr das Blut in die Stirne . Seine Augen blitzten . Und mit einer Stimme , in der sich Zorn und Jubel mischten , schrie er ins Leere : » O du Laus du ! « Erschrocken trat Gleslin auf Lampert zu und flüsterte : » Ich bitt Euch , Jungherr , verlasset die Stube ! « Er legte den Arm um Lampert , ging mit ihm bis zur Türe , wandte sich und tat einen mühsamen Atemzug . » Gleslin ! « schrie der Herzog . » Lies das ! Lies , lies , lies ! Dieses stinkende Blatt ist drei von meinen Burgen wert ! Lies das ! Ich hab ihn ! Schlecht ist er immer gewesen . Jetzt ist er dumm . Das soll ihm den Hals brechen . « Der Greis hatte die lateinischen Zeilen des Franzikopus Weiß mit raschem Blick überflogen und stammelte : » Herr , laßt Euch warnen ! Das sieht der schlauesten von seinen Listen ähnlicher als einer Dummheit . « » Nein ! Was er da beginnt , liegt außerhalb seiner Schläue . Das kommt aus seiner Habgier . Die macht ihn blind . In Blindheit schwächt er sich . Ein großer Heerhauf unter seinem besten Hauptmann , Kammerbüchsen und Antwerke unter seinem besten Schießmeister - und das alles festgelegt auf Wochen hinaus ! Jetzt hab ich ihn . Jetzt schlag ich los . Trommle die Schreiber zusammen ! Die Briefe an die Meinen müssen fort , noch heut in der Nacht ! « » Herr , gnädigster Herr « , der Greis zitterte und hob die Hände , » ich beschwör Euch , Herr , geduldet Euren Zorn ! Mißtraut dieser Sache ! Er will Euch reizen , Euch überrumpeln . Ihr seid nur halb gerüstet . Das weiß er . Drum lockt er Euch . Kommt zur Besinnung , Herr ! Eure Macht ist ungenügend - « Heftig unterbrach der Herzog die stammelnden Worte des Greises : » Wahr ! Ich bin an Land der schwächste unter Bayerns Fürsten . Man hat meinen Vater und mich bei der Teilung brüderlich bestohlen um Städte und Burgen . Was verschlägt ' s ! An Gehirn bin ich der Reiche . Mein Witz wird ausreichen , um die Vettern nach meinem Willen zu meistern . Die zu München sind deutsche , redliche Biederleut . Also ungefährlich . Und den Landshuter Maulwurf , der mir den Boden untergraben will , zerstampf ich . « » Herr , Herr , wie dürfet Ihr vergessen , daß Ihr dem König geschworen habt , den Frieden zu wahren ? Soll Herr Sigismund Euch wieder den Vorwurf machen , daß Ihr vor bayrischen Stauden den deutschen Wald nicht seht ? « Dieses mahnende Wort hatte eine Wirkung , daß Gleslin erschrak und stumm wurde . » Wer ? Wer bricht den Frieden ? « schrie Herr Ludwig in einem Zorn , der sein Gesicht verzerrte . » Soll ich von meinem eignen Diener hören müssen , daß ich mein Wort nicht halte ? Und wenn es so wäre ? Mein Wort ist mein Wort . Ich richt es auf und brech es entzwei . Wie ' s mir beliebt . Aber so ist das nicht . Jetzt nicht . Er ist der Meineidige . « Der Herzog ging zum Erker und stand umgossen von der rotgewordenen Sonne , die schon sinken wollte . Unter den dunklen Tüchern zwitscherte ein Vogel , in dessen verhangenen Käfig ein Strahlensplitter dieses glühenden Lichtes fiel . Höhnend schrie Herr Ludwig über die Schulter : » Guck nur , guck ! Will den heiligen Peter in seinen gierigen Sack stecken und Salzburg in den Hintern zwicken . Ist das nicht Friedensbruch ? Kommt er da nicht in mein Gehege ? Bin ich nicht Patron und Stifter von Berchtesgaden ? Bin ich nicht verpflichtet , dem heiligen Peter nach Kräften beizuspringen ? Und Salzburg ? Mit dem ich verbündet bin ? Nun , Gleslin ? Warum redest du jetzt nicht von deiner berühmten deutschen Treue ? Jetzt will ich einmal ein Deutscher sein . Ich will . Und da sollst mich du nicht hindern . Und keiner ! « » Ach , Herr « , klagte der Greis , » wie soll man aufkommen wider Euch ? Ihr schreiet . Und da muß man schweigen , weil man den Kräften Eurer Lunge nicht gewachsen ist . « » Gut ! Schweige ! Das Ding bedarf keines Rates mehr . Gestern hat der Landshuter mit diesem Zug wider Berchtesgaden das Wort gebrochen , das er dem König gab . Wer gegen den heiligen Peter schlägt , trifft mich . Da wehr ich mich meiner Haut . Das ist mein Recht . Und für die Spitzfindigen wahre ich auch den Schein . Zu deiner Beruhigung . Den Esel von Burghausen mein ' ich . Drum mache ich den Anfang mit seinem Helfer Zollern lind schlage morgen los auf den Brandenburger Sack . « Herr Ludwig schritt vom Erker hinüber zum Tisch . Gleslin ging hinter ihm her und sagte : » Herr ! Wollt Ihr schon , nicht Besinnung zeigen , so seid in dieser mörderischen Stunde doch wenigstens bis zu nützlichem Maße abergläubisch ! Laßt den Zollern in Ruhe ! Den allgewaltigen Günstling des Königs und solch ein Kind des Glückes greift man nicht an . « Dieses ruhige Wort schien den Herzog stutzig zu machen . Aber da kam sein Lachen , jenes starke und frohe Lachen , mit dem er auf der Stechbahn loszurennen pflegte , um den Gegner wie in heiterem Spiel auf den Sand zu werfen . » Günstling ? Das mag stimmen , Gleslin ! Ein Kurfürst von Königs Gnaden . Aber ein Glückskind ? Mit leeren Taschen ? Im Purpur , dem die Knöpfe fehlen ? Nein , Gleslin ! Das geliebteste Kind des Glückes ist der Starke . Nun soll es sich weisen , bei wem die Kraft ist . Schweige ! Kein Wort mehr ! Bei meiner Ungnad ! Ich will ' s. Und was ich will , das tu ich . « Lachend legte Herr Ludwig seine zerschnittene Hand auf die Schulter des alten Mannes . » Sorge dich nicht ! Ich spüre in mir das Glück und die Gunst der Stunde . Den Vorteil und die Gelegenheit wittern , das ist die Eigenschaft aller wahren Kinder des Glücks . Es wäre möglich , Gleslin , daß in dieser Stunde , die du mörderisch nanntest , eine neue Kaiserkrone geschmiedet wird . « Der Herzog guckte lachend in der Stube herum . » Wo ist der Gadnische Jungherr ? « Er ging zur Türe . Gleslin nahm den weißen Kopf zwischen die zitternden Hände . » Weh uns ! Weh über unser schönes Land ! Ihr Herren , ach , ihr Herren , ihr traget einen Kretzen voll Elend um ! Über wen wird man ihn ausschütten ? « » Über den Schwächeren . « Herr Ludwig rief in den Prunksaal hinaus : » Jungherr Someiner ? « Lampert kam . » Es tut mir leid , mein lieber Jungherr , aber ich kann deiner beschädigten Kehle keine ausreichende Erholung vergönnen . Vor dem Morgen wirst du reiten müssen . Dein müder Gaul kann leer laufen . Ich gebe dir ein gutes Roß , Geld , Kleider , Waffen , was du brauchst . Der Wunsch deines Fürsten , der mich um Beistand bittet , ist erfüllt . « Eine heiße Blutwelle schoß in Lamperts Gesicht . Doch gleich erblaßte er wieder , als hätte ihm eine Sekunde des Denkens die jähe Freude in Sorge verwandelt . » Ich gebe dir dreißig von meinen Besten mit « , sagte der Herzog , » da kannst du schnurgerade auf guter Straße reiten , gleichviel durch wessen Land . Zehn sollst du zum Bischof von Chiemsee schicken , zehn zu meinem treuen Kaspar Törring . Die beiden sollen ausrücken und die Laus , die dem heiligen Peter auf den Pelz gekrochen , von hinten fassen . Und du - « Der Herzog setzte sich an den Tisch , warf in Hast einige Zeilen auf ein Blatt , unterschrieb mit großen Zügen : » Loys « - und machte jenen wunderlichen französischen Schnörkel drunter , der das Gespött seiner deutschen Vettern war . » Du reite mit dem Geleit , das dir bleibt , nach Salzburg ! Hier ist mein Auftrag . Salzburg wird deinem Fürsten Beistand leisten . « Lampert neigte sich . Als er wieder aufrecht stand , haftete sein ernster Blick an den Augen des Herzogs . » Eure Hoheit erfüllen die Bitte meiner Heimat « , sagte er mit entfärbten Lippen , » und ich muß Euch danken . Das muß ich , Herr ! Ich danke . Aber - « » Was aber ? « fragte der Herzog verblüfft . Er machte ein paar Schritte , und die rotvioletten Lichtstreifen , die durch den Erker hereinfielen , lagen wie lange , gerade Blutbäche um ihn her , durchschnitten von seinem großen Schatten . » Herr - « Lampen kämpfte . » Eine schmerzende Sorge bedrückt mich - « » Oh ? - Nun ! Rede ! Du machst mich neugierig , Jungherr ! « » Was da um eines nichtigen Anfangs willen aufsteigt über Land und Menschen meiner Heimat - Herr - das ist eine Wetterwolke , aus der es : Geißelschläge regnen wird . So , Herr , wie heute der Hagel über die Früchte von tausend Äckern fiel . « Erheitert lachte Herr Ludwig . » Mein lieber Jungherr Someiner ! Gedulde dich in deinem heldenhaften Erbarmen , bis du weißt , wer die Hiebe bekommen hat . « Er rief mit starker , ungeduldiger Stimme : » Wolfl ! « Der Kämmerer trat in die Stube . » Bringe diesen müden Jüngling zu einem guten Bett ! Fünf Stunden kann er schlafen . Alles Weitere hörst du noch . « Und zu Lampert , der bleich geworden war bis hinter den goldbetreßten Halsrand des roten Hofkleides , sagte der Herzog liebenswürdig : » Gott befohlen , Jungherr ! Es war mir eine Freude , dich kennenzulernen . Die Gelegenheit wird sich ergeben , daß wir uns wiedersehen , um tapfere Worte zu wechseln . Grüße mir das schöne Berchtesgaden ! « Während Lampert zur Türe ging , hörte er den alten Gleslin flüstern : » Herr ! Das war keine Stimme der Furcht . Das ist Herz und ehrlicher Mut gewesen . « Der Herzog lachte . » Ja , ja , ja , lieber Gleslin ! Du hast recht , ich weiß . Du bist ein großer Menschenkenner . Ich bin das Kind ! Aber Kinder wollen ihren Willen haben . Komm und schreib die Briefe an meine Hauptleute , an den Balthasar Muracher von Aichach , an den Frauenberger , an den Pfleger von Wasserburg - « Draußen im Prunksaal , ganz verloren , streichelte Lampert mit seiner zitternden Hand die Stirnen der beiden Hunde , die ihm ihre Köpfe hinstreckten . Man führte ihn zu einer hübschen Stube , in der ein Mahl bestellt und ein Bett gerichtet wurde . Mit seinem Arm war ' s besser seit dem heißen Bad . Aber seine Kehle schmerzte , immer mußte er husten . Als er allein war , stand er noch lang an dem kleinen Fenster und sah über Gewirr der spitzen Dächter , über Mauern und Basteien , über das bleiche der Donau und über Felder und Wälder hinaus in den sinkenden Abend . Die südliche Ferne , in der seine Heimat lag , war überhangen von einem Wuste finsteren Gewölks . In der dunkel gewordenen Stube warf er sich auf die Polster hin . Unter einem Wirbel schmerzender und sehnsüchtiger Gedanken drückte ihm die körperliche Erschöpfung einen bleiernen Schlaf auf die Lider . Während der ganzen Nacht ging über das kleine Fenster ein mattes , vom Mondschein gedämpftes Wetterleuchten des nach Süden gezogenen Gewitters . Um die dritte Morgenstunde ritt Lampert Someiner mit den dreißig Gepanzerten durch das Donautor . Der steife Moorle zottelte leer zwischen den schweigenden Reitern . Lampert saß auf einem guten Gaul , und über den eignen Kleidern , die wieder trocken waren , trug er als Botengabe des Herzogs eine feingeschmiedete , flämische Plattenrüstung , dazu einen Helm mit zwei Fasanenflügeln . In der dunstigen , vom Mondschein grünlich getönten Höhe funkelten noch die letzten müden Sterne . Gegen Osten und Süden standen dicke Wolkenwände , von den glühenden Streifen des Morgenrotes gesäumt und durchädert . Als hinter den Reitern das Rauschen der Donau versank , war in der grauen Morgenstille nur noch Lamperts bellender Husten , das Hufgeklapper der schweren Rosse und das taktmäßige Klirren des vielen Eisens . Bald näher , bald wieder ferner , sah man auf dem sanft gehügelten Gelände einzelne Reitet jagen , die zwischen dunklen Waldflecken auftauchten , sich schwarz vom hell werdenden Himmel abhoben und wieder verschwanden . Das waren Herzog Ludwigs Boten , die mit den Briefen zu seinen Städten und Burgen ritten und nach allen Richtungen die Funken des aufbrennenden Krieges trugen . 12 In der tobenden Gewitternacht , die über die Berge gekommen war , hatten die Menschen zu Berchtesgaden keinen Schlaf gefunden . Nicht , weil ruhelos der Regen prasselte und wütende Donnerschläge die Lüfte füllten . Die Frauen und Mädchen hatten beklemmende Träume hei wachen Augen . Viele von ihnen flüchteten trotz Regen und Finsternis zu versteckten Tälern oder kletterten bei Laternenschein zu entlegenen Almhütten hinauf , um sich zitternd im Bergheu dunkler Dachböden zu verkriechen . Außer den Alten , und Kranken blieben nur ein paar Lustige , die dem Schicksal trotzen wollten , und die von Sehnsucht erfüllten Häßlichen , die dem Feinde einen minder wählerischen Geschmack zutrauten , als ihn die Berchtesgadnischen Mannsleute bewiesen hatten . Es , blieben auch die tapferen Mütter , die kein Schmachgedanke von ihren hilflosen Kindern trennen konnte , und die braven Frauen , in denen das Pflichtgefühl stärker war als die Angst vor dem unausbleiblichen Feinde . Eine von diesen Frauen war die Amtmännin Someiner . Sie hatte in dieser Nacht sehr viel zu tun . Es blieb ihr keine Zeit , an den Feind zu denken . Und daß sie ihren Buben weit vom Schuß wußte - dieser Trost half ihr die Sorge tragen , die ihr die plötzliche Erkrankung ihres Mannes verursachte . Herr Someiner war seit dem verwichenen Mittag ein schwer Leidender . Das stand außer Zweifel . Er lag zu Bett , mit häufigen Unterbrechungen , und litt entsetzliche Qualen . Sei es , daß der ehrenfeste Ruppert sich eine rapid wirkende Erkühlung zugezogen hatte - sei es , daß ihm der ruhelose Gedanke an seine Amtsentsetzung gleich einem giftigen Wurm das Leben benagte oder daß ihm sein schlechtes , von siebzehn lebendigen Ochsen und vielen erschlagenen Menschen bedrücktes Gewissen die Eingeweide belastete - so oder so , er fühlte sich seinem letzten Stündlein erschreckend nahe gerückt . Kein Warmbier mit Muskatnuß , kein heißer Wein mit Zimtrinde wollte helfen . Immer wieder erneute sich das heimtückische Leiden . Den drohenden Tod vor Augen , wollte Herr Someiner mit dem Irdischen abschließen und sein Testament machen ; aber sein Leiden gewährte ihm die freie Minute nicht , die er zum Schreiben nötig hatte . Er kam der völligen Auflösung immer näher . Vom Abend bis zum Morgen , unter Blitz und Donner , lief Frau Marianne zwischen Krankenstube und Küche unermüdlich hin und her . Und in den kurzen Pausen , die ihr die Pflege des leidenden Gatten bewilligte , hatte sie notwendige Kriegsgeschäfte zu erledigen . Sie mußte , was an Geld , an Schmuck und Silber im Hause war , auf dem Dachboden verräumen oder an den undenkbarsten Plätzen vermauern . Die alte Magd , die der Amtmännin bei diesem Huschelwerke behilflich war , äußerte dunkle Ahnungen über das Findertalent der Kriegsleute , denen sie auch sonst noch himmelschreiende Dinge zutraute . Doch Frau Marianne fand die tapfere Antwort : » Soll nur einer kommen ! Dem schlag ich meinen Schurz ums Maul , daß ihm Hören und Sehen vergeht . « Die gleiche Arbeit , die von der Amtmännin auf dem Dachboden und sonstwo geleistet wurde , geschah während dieser Gewitternacht in allen Häusern von Berchtesgaden . Wer einen Knopf von Wert besaß , vergrub ihn . Auch im Stift waren viele Hände damit beschäftigt , die Pergamente und Kostbarkeiten , das silberne Tafelgeschirr und das bescheidene Quantum des nach den Rüstungen der letzten Wochen noch übrigen Bargeldes in Sicherheit zu bringen . Noch immer hofften die Chorherren , daß Fürst Pienzenauer in jeder nächsten Stunde mit der ersehnten Hilfe aus Salzburg heimkehren würde . Und als mit dem erwachenden Morgen das Gewitter sich ausgetobt hatte und ein schwerer Nebel das Tal bis zum Erdboden füllte , setzten die Herren neues Zutrauen auf dieses dicke Grau , bei dem auch eine feindliche Übermacht den Sturm nicht wagen konnte . Doch sie wollten sichergehen für alle Fälle . Als es zu dämmern anfing , knatterten sieben mit Nahrungsmitteln , Zelttüchern , Decken , Kissen und Kochgeschirr beladene Wagen zum Königssee hinauf . Dort war eine versteckte Waldschlucht mit einer großen Höhle , die man die Klostergrube nannte . Hier hatten sich auch bei früheren Kriegshändeln die flüchtenden Chorherren geborgen . Alle , die zum fürstpröpstlichen Hof des heiligen Peter gehörten , hatten Kenntnis von diesem Schlupf und wußten , wohin sie rennen mußten , wenn eine gefährliche Stunde schreien würde : » Menschenkind ! Jetzt spring ! « Gegen die neunte Morgenstunde fing von Westen her ein fester Wind zu blasen an und brachte die grauen Schwaden der Lüfte in jagende Bewegung . Und da hörte man von der Reichenhaller Gegend herüber ein dumpfes Murren , das ferne Stimmengebrüll der Hornaußin und der Landshuterin , die beim Hallturm mit der Anna und Susanne musizierten . Die Berchtesgadner wußten , es stand eine erdrückende Übermacht vor den Grenzen des Ländleins . Je schneller die dumpfen Pulverstimmen in der Ferne bollerten , um so mehr begann sich das Gefühlter Unsicherheit zu einer ratlosen Verwirrung zu steigern . In den Höfen des Stiftes und in allen Gassen von Berchtesgaden gab ' s ein schreiendes Gerenne . Inmitten dieses angstvollen Aufruhrs spielte ein paradiesisches Idyll , von den häßlichen Dingen der Welt durch dichtgeschlossene Fensterläden geschieden . In der ebenerdigen Dampfkammer des Badhauses , Jessen obere Stockwerke den frummen Fräulein und Pfennigfrauen zur Wohnstatt angewiesen waren , nahmen zwei blessierte Helden während des Bades ihr reichliches Frühstück ein , der Chorherr Jettenrösch , mit einem Verband um den rechten Oberarm , und der junge Siegwart zu Hundswieben , mit verbundenem Haardach und einem knopfähnlichen Pflaster auf der Nasenspitze . Jeder von den beiden saß in einer hohen , langen , zwiebädrigen Holzkufe . Dem Jettenrösch saß in der Wanne das Fräulein Rusaley gegenüber , dem Hundswieben das Fräulein Aglaja . Zwischen Männlein und Weiblein war über die Kufe ein Brett gelegt und mit gesticktem Linnen bedeckt . Neben den Zinntellern , auf denen Obst und hartgekochte Eier aufgetragen waren , standen die mit Rotwein gefüllten Becher . In einer dritten Kufe saß einsam das Fräulein Gerilind und spielte mit flinken Hämmerchen auf einer Stahlzitter . Die frummen Fräulein trugen hohe , mit allerlei Glitzerschmuck gezierte Hauben , die das Haar züchtig verhüllten . Während man so das Frühstück verzehrte , wurde mit höfischer Zierlichkeit ein heiteres , neckendes Gespräch geführt . Und manchmal lachte Fräulein Aglaja oder Fräulein Rusaley mit hellen Stimmchen belustigt auf . Nur das einsame Fräulein Gerilind blieb ernst und widmete sich mit musikalischem Pflichtgefühl dem klingenden Stahlkonzert , obwohl von diesen feinzirpenden Tönen nicht viel zu vernehmen war . Denn die zwei großen kupfernen Dampfretorten , unter denen das Feuer in gemauerten Herden prasselte , ließen mit sausendem Geräusch die heißen , köstlich nach Latschenöl duftenden Dunstwolken , in die Kammer strömen . So verging den Badenden der halbe Vormittag in modischer Ergötzlichkeit . Bei dem sonnigen Frohsinn , der ihre weltentrückten Seelen erfüllte , bemerkten sie lange nicht , daß das Wasser , in dem sie saßen , bedenklich an angenehmer Temperatur verlor . Aber schließlich fühlten sie doch den wachsenden Entgang an Sitzwärme und läuteten der Bademagd . Diese Magd erschien nicht . Als jener angstvolle Aufruhr durch die Gassen von Berchtesgaden gesprungen war , hatte auch der erschrockene Bader mit seinen Leuten Reißaus genommen und völlig der in der Dunstkammer sitzenden Badgäste vergessen , die beim sausenden Gepfurr der Dampfretorten weder den versiegenden Buchsendonner in der Ferne vernommen hatten noch das wachsende Menschengeschrei der nahen Gasse zu hören vermochten . Aber jetzt , weil unter den Retorten das Feuer auszugehen drohte und der Dampf immer schwächer zischte , wurden die Arkadier im verkühlenden Wasser aufmerksam auf die rohen Stimmen der Außenwelt . Und plötzlich hörten sie ein verzweifeltes Geschrei , dazu den Hufschlag jagender Rosse auf dem Pflaster . Herr Jettenrösch , von böser Ahnung befallen , hüpfte aus der Kufe heraus und zerrte an einem Fenster die Läden auf . Über seinen Kopf weg fuhr