Leben lang hab ' i ' mi g ' forchten , daß i ' den da krieg - und jetzt sag i ' richtig - von selber - ja . « » Par dépit , « dachte Edda , - » so geht es . « Sie hätte es als Demütigung empfunden , die Gastfreundschaft des Pankratius , mit dem sie immer auf Kriegsfuß gestanden , anzunehmen und blieb bei ihrem Berliner Plan . Kurz bevor sie reiste , erhielt sie einen Brief aus Amerika ; der war nicht , wie sie zuerst dachte , von ihrem Bruder , - es war Mr. Daniel Horatio Macpherson , der ihr schrieb . Vincenz hatte ihn aufgesucht , und er versprach , für ihn zu tun , was in seiner Macht lag ; vor allem aber - der Brief wand sich nicht eben geschickt um das , was er im Grunde sagen wollte , herum , - vor allem aber legte er sich ihr zu Füßen . Wann und wo immer sie über ihn verfügen wollte , - er wäre bereit . Nachdenklich hatte Edda gelesen . Sie rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf . Ihre im Grunde durchaus unsinnliche Natur , deren Neigungen in bloßer Gefallsucht gipfelten , - die vielleicht auch noch durch ihr dürftiges Eheleben stumpfer geworden war , - sträubte sich gegen die Wünsche des Amerikaners . Und so kam auch sie nach Berlin . Olga hatte sie gebeten , bei ihr zu wohnen , aber nachdem sie ihr kleines Logis besehen hatte , lehnte sie ab , weil da doch kein Platz war . Man mietete sie auf einem möblierten Zimmer ein . Jetzt hieß es , Brot für Edda zu finden . Die Geschwister gingen systematisch ans Werk . Man sandte ein gutverfaßtes Rundschreiben an alle Redaktionen , welche Modeberichte und Modebilder brachten , legte einige frühere Veröffentlichungen von Eddas Entwürfen bei und betonte diskret die Tatsache , daß es sich um die Witwe des jüngst verstorbenen großen Gelehrten handle . Neben mancher Ablehnung , - weil der Posten schon besetzt sei , - kam auch hier und da eine halbe Zusage . Die Dame wurde gebeten , sich um eine bestimmte Stunde in der Redaktion einzufinden . Da diese Stunde gewöhnlich am Vormittag lag , so war das Problem für Edda nicht leicht zu lösen . Sie lag in dem schlechten Bett der Berliner möblierten Stube , - oh , wie bereute sie , nicht wenigstens ihr Bett aus dem Schiffbruch gerettet zu haben ! - sie lag da , und die Sonne funkelte durch die Jalousienstäbe , ihre Strahlen brachen sich im Messingleuchter auf dem Nachttischchen ; aber Frau Edda umklammerte , halb schlafend , ihre kleine Uhr , öffnete ab und zu die wie zugeklebten Augenlider und warf einen Blick auf das Zifferblatt in ihrer krampfhaft geballten Hand . Endlich entwand sie sich , matt und gequält , dem Bett . Das tägliche Bad , die Übungen , das alles mußte entfallen . In dieser » Hetzjagd « war dazu keine Zeit . Sie sollte sich selbst frisieren , und es fiel ihr schwer und machte sie nervös . Trotzdem warf sie , wenn sie mit der Toilette fertig war , einen befriedigten Blick in den Spiegel , denn die schleppenden , schwarzen Kleider und der wallende Witwenschleier ließen sie noch schöner erscheinen . Ratlos , mit einem Gefühl des Unbehagens und der Ablehnung stand sie vor dem Phänomen : Berlin . Diese gräßlichen Entfernungen , dieser beängstigende Verkehr , diese nach ihren Begriffen geschmacklos gekleideten Frauen und vor allem die Hast , mit der hier jeder seinen Geschäften nachjagte , - das alles flößte ihr Widerwillen ein . Ach , wie sehnte sie sich nach Wien ! Nach dieser eleganten Residenz , die Großstadt war und in der doch alles im behaglichen Tempo der Kleinstadt vor sich ging . Nach diesem Wien , wo man sich kannte , wo man sich zu bestimmter Stunde mit Sicherheit im Café traf , wo die Bezirke , in denen man » zu tun hatte « , so hübsch eng arrondiert waren , daß man sie bequem erreichte , - nach Wien , wo sie ihren Fiaker und ihr elegantes Heim besessen hatte . Es war ihr ganz schrecklich , sich durch das Gedränge der Berliner Hauptverkehrsstraßen zu Fuß durchzuwinden , oder gar die gefährliche Jagd auf einen Omnibus zu machen , auf den sie so schlecht hinaufspringen konnte , weil der Zugang nicht , wie sie es von Wien gewohnt , seitlich , sondern hinten war . Wie schwer war es , die nötige Beweglichkeit aufzubringen , um hier die Verkehrsmittel richtig zu benutzen , - wo sie doch ihre lange Schleppe zu halten , dabei ihre Pakete selbst zu tragen hatte . Sogar das Telephon war ihr hier , wo sie auf die öffentlichen Sprechstellen angewiesen war , ein Greuel . Sie fand sich in der Zelle beengt , wußte nicht , wohin sie den Schirm , das Täschchen , die Pakete legen und wie sie es vermeiden sollte , mit dem riesigen Hut , den sie auch in der Trauer trug , an allen Seiten anzustoßen . Es kamen ihr Tränen in die Augen , wenn sie sich erinnerte , wie sie zuhause telephoniert hatte , - an dem kleinen , maurischen Taburett , auf dem der Tischapparat stand , behaglich im Schaukelstuhl zurückgelehnt , oder im Bett , wohin ihr das Mädchen den Apparat mit der entsprechend langen Schnur bringen mußte . Oh , wie sie die Armut haßte und fürchtete ! Nein , Armut und Frau Edda , - das waren zwei Dinge , die nur das grausamste Schicksal zusammengepreßt hatte . Sie lehnte sich gegen diese neue , harte Armut mit der ganzen Revolution der Dame auf , - der Dame , wie sie als höchstes Zuchtprodukt europäischer Höflichkeit geworden war . Ihre tausend wirklichen Bedürfnisse , ihre physische Konstitution , ihre Rasse , ihr persönlicher Habitus konnten sich mit den Forderungen der Entbehrung und der Beschränkung nicht abfinden . Wenn sie sich auch , da sie ihre Lage ja genau überblickte , so weit einschränkte , als sie nur irgend konnte , so blieben doch eine Menge Bedürfnisse , denen sie , wie sie glaubte , überhaupt nicht ausweichen konnte , so zum Beispiel ihr ständiger Verbrauch an Toiletteartikeln , welcher regelmäßige Einkäufe in der Drogerie mit sich brachte . Auch konnte sie doch nicht anders , - wenn sie sich so elend fühlte , daß sie nicht mehr weiter konnte , - als eine Droschke heranrufen , oder ab und zu in ein Café gehen . Das » deutsche Essen « hatte sie anfangs , mit Ausrufen des Widerwillens , als minderwertig , geschmack- und reizlos abgelehnt . Sie behauptete , hier zum Hungern verurteilt zu sein . Nach und nach aber lernte sie die großen Restaurants kennen , die » Freßtempel « , wie sie sie nannte . Sie sah da , zu ihrem Staunen , eine Auswahl an Gerichten geboten , von der man in einem Wiener Restaurant keine Ahnung hatte . Sie wunderte sich über die kleinen Preise , mit denen diese Gerichte angeboten waren . Es wurde für sie eine Art von heimlichem Vergnügen , die Mahlzeiten , die sie ursprünglich bei ihrer Zimmerwirtin abonnieren wollte , in jenen Restaurants zu nehmen . Wenn sie durch das Vestibül eines solchen » Tempels « rauschte , kam das Behagen der früheren Wohllebigkeit über sie . Sie bestellte auserlesene , feine , kleine Gerichte , - es war ja alles so billig ! Dann staunte sie , wenn die Rechnung immerhin sechs bis sieben Mark betrug . Mit ihrer Suche nach einer Existenz hatte sie bis jetzt noch keinen Erfolg gehabt . Der Frühling sollte bald kommen . Edda war gewohnt , ihn im Süden zu erwarten . Sie war schon als Mädchen mit ihrer Mutter regelmäßig gereist . Sie hatte Italien , Dalmatien , die französische und die österreichische Riviera kennen gelernt . Ja einmal hatte sie eine Seereise gemacht , die sie bis nach Konstantinopel führte und hatte da mit den türkischen Frauen zusammen gebadet . Sie hatte erfahren , daß nichts ihrem geschwächten Körper so wohl tat , wie das Klima dieser südlichen Striche und vor allem die milden Bäder jener Meere . Und während sie jetzt den Vorfrühling in Berlin verbringen mußte , in der Hetzjagd nach Arbeit , im Gedränge der Armut , dachte sie , mit fast krankhafter Sehnsucht , an die flimmernde Luft von Fiesole und Capri , an die linden Wellen im Bosporus und im Seebad von Rimini . - - - Und trotzdem sie nicht die geringste Möglichkeit hatte , zu reisen , ließ sie sich von vielen Pensionen und Badeorten des Südens , die nun täglich in den großen Tagesblättern ihre Annoncen erscheinen ließen , Prospekte kommen . Gierig las sie diese verlockenden Schilderungen und stapelte alle diese Drucksachen sorgfältig auf , als dächte sie , sie vielleicht doch noch gebrauchen zu können . Sie klagte Olga und Stanislaus ihr Leid , und die beiden seufzten darüber . Aber was sollten sie ihr raten ? Olga versuchte , wenigstens ihre Antipathie gegen Berlin zu verscheuchen , indem sie sich Mühe gab , sie Berlin verstehen zu lehren . Sie führte sie in die Umgebung hinaus , an die Seen , in die frühlingshaften Wälder . Sie besuchte mit ihr Versammlungen und Veranstaltungen , in denen um neue Kulturforderungen leidenschaftlich gerungen wurde . Sie machte sie , an einem Abend in der Dämmerung , auf den einzigen Stimmungszauber aufmerksam , der über einem der stärksten Verkehrspunkte der Stadt lag : sie zeigte ihr den Potsdamer und Leipziger Platz zur Zeit , da die ersten Lichter entzündet wurden , mit seinen in weiter Runde aufgebauten Palästen , - wies sie hin , auf jene kolossalen , mit Ornamenten stilisierten Pfeilerfassaden des Domes einer modernen Gottheit , den Messel dahin gestellt hatte , - sie deutete hinüber auf das massige Gebäude des Potsdamer Bahnhofes mit seiner Flankierung der Vorort- , Ring- und Wannseebahn , ließ sie die lange Kette von Gartenorten ahnen , die sich von hier aus nach Südwesten zogen und dem Großberliner ermöglichten , draußen im Freien und doch auf der Höhe der Wohnungskultur sein Heim zu besitzen . Sie zeigte ihr das vergessene Stück Romantik , das da , mitten im Getöse des Potsdamer Platzes , lag , jene Mauern , hinter denen der flüchtige Passant sicherlich nicht das vermutete , was sie bargen , - den alten Dreifaltigkeitskirchhof , dieses verschonte Kirchengelände , das sich gegen profane Bebauung noch siegreich gewehrt hatte . In Edda aber drangen diese Reize nicht ein . Nur in einem Punkte interessierte sie Berlin : als Hochburg der Frauenbewegung . Ihre Bewunderung hatten jene Frauen , die um Unabhängigkeit kämpften . Und dieser Kampf erregte ihr zugleich auch Schauer . Arbeiten , - das wollten diese alle . Sie begriff die Motive vollkommen . War man stark genug für den Kampf da draußen , - dann freilich brauchte man nicht irgendeinem Daniel Horatio gefällig zu sein ... Aber mit der großen Ehrlichkeit ihrer Natur gestand sie sich , daß es für sie nur einen Beruf gab : eben den , - gefällig zu sein , den Glanz ihrer Reize verschwenderisch leuchten zu lassen , und dafür entgegenzunehmen , was sie so reichlich an irdischen Gütern brauchte . Erst Berlin hatte ihr die Augen geöffnet , was es für sie bedeutete , von der Teilnahme am Getümmel der Straße befreit zu sein . Immer würde es Frauen geben , - so sagte sie sich , wenn sie , nachdenklich , von einer Versammlung jener anders Gearteten nachhause kam , - immer würde es Frauen geben , wie sie , beladen mit allen Schwächen und gerüstet mit allen Reizen des Geschlechtes , weder fähig noch geeignet , in robuster Arbeit verbraucht zu werden , sondern dazu da , - pour faire plaisir aux hommes , wie der Franzose es artig nannte ... Schon wenn sie in einer Droschke rollte , deren vier Räder sie über das Niveau der Straße hoben und sie durch das Chaos sicher zu ihrem Ziel dirigierten , - schon dann empfand fand sie diese starke Erleichterung , nicht mitten drinnen zu sein , - im Fußvolk . Und nach und nach , je mehr sie litt , - schien ihr kein Preis zu hoch , diesen Zustand zu erkaufen . - - - Eines Tages hatte sie sich wieder in einem Verlag vorzustellen . In der Gegend des Alexanderplatzes lag das Bureau . Es wurde ihr übel und schwindelig zumute , als sie durch das Volksgedränge dieses Riesenplatzes durchsteuerte . Das brauste und wogte um das kupferne Koloß der » Berolina « herum , - vor den breiten Fronten des Polizeipräsidiums und eines populären Kaufhauses - und war doch die Öde selbst . Endlich war sie bei der großen Querstraße , die sie suchte . Erst weit unten fand sie die Nummer . Erschöpft ging sie die dunkle Treppe eines alten Hauses hinauf und stand bald im Bureau . Ob der Herr , zu dem sie geführt worden war , der Chef oder nur ein Stellvertreter des Chefs war , wußte sie nicht . Es war ein Herr in dunklem Salonrock , mit langem , braunen Vollbart und etwas bleichem , gedunsenen Gesicht . Er schielte ein wenig , und seine Blicke bohrten sich , mit gekreuzten Strahlen , auf ihre Erscheinung . Er bot ihr einen Stuhl an ; sie dankte , blieb stehen und reichte ihm eine Mappe , die ihre Modezeichnungen enthielt ; während er darin blätterte , durchrieselte sie Entsetzen : die Hände , die in ihrer Mappe blätterten , waren Mißgeburten . Die linke Hand hatte vier Finger von abnormer Länge und Dicke , krallenartig gekrümmt , und einen verstümmelten Daumen ; von den Fingern der rechten Hand waren die mittelsten kürzer als die äußeren , und sie lag auf dem Papier der Mappe , wie ein groteskes Gewächs aus dem Meeresgrund . Und was das Schrecklichste war , - diese beiden entsetzlichen Hände waren überladen mit Ringen . Da war ein großer Siegelring , ein goldener Trauring , ein Doppelreifen mit Brillanten besetzt und noch andere . Ein krampfhaftes Gelächter wollte aus ihrer Kehle heraus , wenn sie sich erinnerte , daß auch sie einst viele Ringe anzustecken geliebt hatte . Der Herr hob den schwammigen Kopf , mit dem wallenden Bart , von der Mappe , und wieder zuckten die schielenden Blicke an ihr herum . » Sie sind die Witwe des Professors Diamant ? « Sie neigte den Kopf . Ohne die Blicke von ihr zu lassen , deutete er auf die Mappe . » Es sind da sehr talentvolle Sachen darunter , - Ihrer Anstellung wird nichts im Wege stehen , gnädige Frau . Welches Honorar beanspruchen Sie ? « Dabei saß er noch immer in seinem Sessel , während sie , in ihrer ganzen Höhe , blendend schön in der dunklen Umrahmung ihrer Trauerkleider , vor ihm stand . Sie sagte , sie wüßte nicht , welches Honorar angemessen sei , er möchte das doch selbst bestimmen . Der Herr erhob sich und reichte ihr die zugeklappte Mappe . » Ich werde Ihnen die Honorarvorschläge und die Arbeitsbedingungen , die Bureaustunden usw. in einem Briefe mitteilen lassen . Immerhin « , - seine etwas krächzende Stimme wurde glatter , - » hängt das doch auch sehr von Ihnen ab . « Er trat noch einen Schritt näher auf sie zu , - es wurde ihr bang und unheimlich zumute . Das düstere Berliner Zimmer war von einer einzigen Auerlampe erhellt , die an einem Wandarm über dem Schreibtisch hing und von einem grünen Papierschirm bedeckt war . Das Licht sammelte sich auf der Platte des Schreibtisches und hatte da die gräßlichen Hände beleuchtet . » Es hängt von Ihnen ab « , sagte der Herr , - trat noch näher auf die langsam Zurückweichende zu , und da , - da ereignete sich das Entsetzliche : er hob die Hand , - eine dieser beiden Mißgeburten , - er hob sie bis zur Höhe ihres Antlitzes - und fuhr ihr damit ins Gesicht . Ehe sie es verhindern konnte , war die Hand , die gräßliche , streichelnd an ihrer Wange herabgeglitten , und sie hörte die krächzende Stimme : » Es hängt von Ihnen ab . « - - - Sie floh die Treppe hinunter , warf sich in das nächste Automobil , das ihr begegnete , und raste ihrer Wohnung zu . Dort stürzte sie zum Waschtisch und rieb mit aller Kraft ihr Gesicht ab , während die Tränen ohnmächtigen Zornes aus ihren Augen schossen . - - Einige Tage später kam ein Brief - aus Amerika . Ein kindischer und unbeholfener Brief ; ein Brief , der davon sprach , daß unten , an der Côte d ' Azur , nahe von Beaulieu , eine Villa stehe , eine zumeist vereinsamte , aber ganz reizende und komplett möblierte Villa , und daß der Schreiber des Briefes der Glücklichste wäre , diese Villa dazu verwenden zu dürfen , ihr , - Mrs. Diamond , - einen bescheidenen Frühlingsaufenthalt zu bieten . Würde sie es dann gestatten und hätte sie nichts dagegen , so würde er , - Daniel Horatio , - sich irgendwo in der Nähe niederlassen und ebenfalls die Reize des südlichen Frühlings genießen . Wenn sie ihn Ärmsten nicht vergessen habe , - » if you have not forgotten poor me , « - dann möge sie ihm doch ein Kabeltelegramm senden , - ein Ja oder ein Nein . Sei es ein Ja , - » which would bring the happiest hour of my life , « - so würde sie umgehend weitere telegraphische Nachrichten von ihm erhalten . - - Bald darauf gab es in New York einen Glücklichen . - Frau Edda aber erhielt die angekündigte telegraphische Nachricht und , zehn Tage später , ein Reisebillett von Cook für den Luxuszug Berlin-Genua . Gleichzeitig überbrachte der Bote einer deutschen Großbank ein großes , versiegeltes Leinenkuvert , an dessen Kopf eine vierstellige Zahl prangte , - die nötigen Mittel für die Vorbereitungen zur Reise . Und so sagte sie dem grausamen Berlin und den Verwandten ihres verstorbenen Mannes Lebewohl . Sie besorgte noch schnell die wichtigsten Einkäufe - neue , helle Kleider , die die Witwentracht ablösen sollten - und Mantel und Mütze fürs Automobil ... Sie fuhr über München , und die Nacht im Schlafwagen des Luxuszuges war die erste , in der sie wieder fest und glücklich schlief . Am anderen Tag sauste sie über den Brenner , hinunter zur italienischen Grenze , und blickte befriedigt hinaus auf die Berge Tirols , die stellenweise noch von Schnee bedeckt waren , über denen sich aber ein klarer , verheißender Himmel spannte . Dann kam die große Grenze zwischen Winter und Frühling : der lange Tunnel vor Genua . Und als aus der runden Höhle des Berges der Luxuszug herausschoß , da war er auch schon mittendrin im goldensten Glanze . Strahlendes Wetter erwartete sie in Genua . Ein kleines Appartement , bestehend aus zwei Zimmern mit Bad , war im Palasthotel für sie reserviert . Die wenigen Tage , bevor das Schiff aus New York kam , verbrachte sie mit Einkäufen und mit Ausflügen in die Umgebung . Ganz glückselig genoß sie alles , was sie so schmerzlich entbehrt hatte . In großen Garben kaufte sie Blumen ein , Magnolien , Gardenien und Rosen und füllte damit alle Vasen ihrer Zimmer . Die Zeit wurde ihr gar nicht lang , während sie in alten Palästen herumstrich oder in der eleganten Viktoria des Hotels hinausfuhr nach Pegli oder nach Nervi . Als das Schiff ankam , wartete sie an der Landungsbrücke . Sie erkannte sofort , als der Ozeandampfer , mit auslaufenden Turbinen , in den Hafen einfuhr , die hagere Gestalt , die an Größe selbst die ihre überragte , mit dem langgezogenen , schmalen Kopf . Er lehnte an der Reling des Promenadendecks . Unter seiner Reisemütze zeigten sich die rötlichen Haare , und sein fast geschabt rasiertes , schmales Gesicht mit den wasserblauen , runden Augen schien ihr wie eine gute Erinnerung , die heute zu den ihr am meisten vertrauten gehörte . Mit Mister Macpherson wurde auch the Car und dessen Bedienung ausgeschifft . Mit breitem Grinsen , das über seinem schwarzen Gesicht aufging , wie der Mond über der dunklen Erde , verneigte sich Billie vor der neuen Herrin . - - Sie fuhren sofort von Genua weiter . Und als der Kraftwagen auf die Höhe der schönsten Straße der Welt , - der Corniche , - hinaufgesaust war , als sie unten , glatt und weit , in goldfunkelnder Bläue das Mittelmeer liegen sahen , während über ihnen die breiten Wipfel der Pinien rauschten , - da kam eine so helle Freude über Frau Edda , daß sie sich unwillkürlich dankbar , und glücklich , in den auf der Lehne ihres Sitzes breitliegenden , langen und knochigen Arm hineinbettete . Köstlich empfand sie den scharfen Anhauch der Luft , die sie sausend durchschnitten . Ihr Gesicht glühte , und eine wohlige Müdigkeit kam über sie . Daniel Horatio nahm mit der Linken aus der Tasche seines Mantels eine Automobilbrille , schob sie ihr , geschickt , auf die Nase und wagte es dabei , die Hand jenes Armes , in dem sie ruhte , sanft gegen ihre Schulter zu drücken . » Sleep , dear , - you will be tired . « Um sie vor dem scharfen Luftzug zu schützen , hob er die Hand dann von ihrer Schulter und hielt sie dicht vor ihre Wange . Und während sie ihr Gesicht mit Behagen an das weiche Wildleder seines Handschuhes schmiegte , verfiel sie tatsächlich in leichten Schlummer und hörte noch , im Halbschlaf , die Worte , die Daniel Horatio , indem er sein Gesicht zu dem ihren neigte , zärtlich in ihr Ohr flüsterte : - » I am a gentleman and I am clean . « ... Achtes Kapitel Begegnungen » Wie konnt ich ahnen , Daß seine Bahnen , Sich einen sollten meinen Wegen ? ... « Rückert . Mit einer großen Aktenmappe unter dem Arm ging Stanislaus eines abends nach Schöneberg . Er hatte nun das Material für seine Untersuchung über die Stiefvaterfamilie beisammen . Nun ging er mit einem großen Stoß Notizen , die er , nach seiner neuen Gewohnheit , verarbeiten wollte , indem er daraus einen ersten , zusammenhängenden Entwurf diktierte . Und zu wem anders hätte er gehen sollen , wenn er diktieren wollte , - als zu Lore Wigolski ? ... Ein Lächeln ging licht über ihrem Gesicht auf , als sie ihm die Tür öffnete . Er fragte gleich nach Lörchen ! Aber die war mit ihrer Duenna auf Reisen , zu Besuch bei der Großmutter in Königsberg . Lore war allein zu Hause . » Wollen Sie nicht erst ein wenig von Ihrer Arbeit erzählen , bevor Sie Wort für Wort diktieren ? « fragte sie . Das frohe Lächeln hielt noch immer ihre Lippen geöffnet . » Gerne , gerne « , sagte er , preßte seine Aktenmappe gegen die Brust und dachte nach . Es war gegen Abend , und sie zündete die Petroleumlampe an , die , verhängt von einem gelben Schirm , mildes , gedämpftes Licht verbreitete . » Ich habe drei Gruppen von unehelichen Kindern gefunden , - verstehen Sie ! ... Da sind erstens solche , die bei Verwandten der Mutter , etwa in der Familie der Großeltern , untergebracht werden ; die Sterblichkeit , - und diese war der Maßstab meiner Untersuchung , - ist hier nicht viel anders , wie bei den ehelichen Kindern . « Sie saß lächelnd , horchend und nickte leise . » Dann sind solche , die zu fremden Familien in Pflege kommen , - und diese , « er zog die Stirn in Falten , » diese haben eine doppelt so große Sterblichkeit . « » Gibt es noch unglücklichere Würmer ? « fragte Lore . Er sah sie ernsthaft an . » Ja , Frau Lore , es gibt Kinder , die noch schlimmer daran sind , als solche , die zu fremden Familien in Pflege kommen . « » Das sind wohl die , die in Findel- und Waisenhäusern untergebracht werden ? « Er schüttelte den Kopf . » O nein , die sind verhältnismäßig sogar sehr gut dran . Wissen Sie - welche Kinder das schlimmste Loos haben ? « Und zaghaft , als habe er Angst , sie zu verwunden , - brachte er es heraus : » Das sind die Kinder - die allein unter der Fürsorge der Mutter aufwachsen ... aus ihren Reihen kommt das große Heer der ungelernten Arbeiter und der Kriminellen , - sie weisen die größte Sterblichkeit und die geringste Militärtauglichkeit auf . « » Wie kommt das ? « fragte Lore , und ihr Gesicht hatte einen bestürzten Ausdruck . » Das kommt daher , « sagte er erklärend , » daß es eine zu große Aufgabe für die Mutter ist , das Kind ohne jede Hilfe durchzubringen . Wenn sie fort muß , um zu erwerben , so bleibt das Kind natürlich allein ... außerdem ist es doch natürlich - daß - hm , hm , « er hüstelte verlegen , - » daß der Vater des Kindes - im Leben einer vereinsamten Frau - nicht der letzte - Geliebte bleibt ... da kommt sie denn , ehe sie sich ' s versieht ... von einer Hand in die andere ... und wenn sie nun auch wirtschaftlich keinen Boden unter den Füßen hat - so läßt es sich denken , daß sie nicht selten in immer tiefere Lebenslagen gedrückt wird . « Lores Gesicht glühte , dunkler Purpur war ihr bis unter die Haare gestiegen . Sie atmete schwer . Endlich sagte sie leise , flüsternd : - » Das ist dann freilich schlimm für die armen Kinder « ... » In der Tat , « sagte Stanislaus , » ich habe hier eine umfangreiche Statistik gemacht « , - - er zog einen Stoß Blätter aus der Aktenmappe , suchte darin und legte ein mit Ziffern beschriebens Blatt heraus . » Sehen Sie , ich habe hier statistische Aufzeichnungen , die noch mehrere Gruppen umfassen als die hauptsächlichsten , die ich Ihnen eben aufgezählt habe , - hier haben Sie zum Beispiel « , er deutete auf eine Ziffer , » die Gruppe der Kinder , deren Mutter stirbt . Das sind Vollwaisen . Sehen Sie hier deren Sterblichkeitsziffer , « - er fuhr mit dem Finger über das Papier , - » und hier jene andere , - die der Kinder , welche allein der Mutter überlassen bleiben . Sie sehen : Die Vollwaisen haben eine geringere Sterblichkeit , - als die der Mutter allein überlassenen Kinder . « Sie blickte schweigend auf die Ziffern . » Das ist schwer begreiflich « , sagte sie dann . » Die Mutter gilt doch als die beste Pflegerin des Kindes ; sie soll es doch auch nähren . « » Ja - wenn sie ihr Kind nährt und pflegt , ist das freilich das Beste ! Mutter und Kind sollen zusammen bleiben , - natürlich , - das ist das große Gebot ; aber - es muß außerdem noch einer da sein , der das Futter heranbringt für beide ... Freilich « , fügte er dann nachdenklich hinzu , » steht es nicht für alle Zeiten fest , daß das gerade der Vater tut ... Es könnte wohl so kommen , daß die Gesellschaft ihren großen Vorteil darin sieht , sich dieses kostbare Material zu retten und der Mutter mit dem Kinde direkt beizuspringen ... Aber die Mutter allein - die Schwangere , die kürzlich Entbundene , die Nährende , die oft zu keinem Beruf Vorgebildete , - die kann nur in seltenen Fällen für alles das aufkommen , was einem Kinde gebührt , damit es heil in die Höhe wachse . « Und mit sachlich ruhiger Stimme fuhr er fort : » Infolge unserer guten Waisenpflege ist für die ganz verwaisten Kinder tatsächlich besser gesorgt als für die meisten von denen , die eine verlassene Mutter hilflos durchs Leben schleppt . « Sie blickte traurig , hob dann langsam den Kopf und sah ihn voll an . » Da ist wohl mein armes Lörchen auch sehr schlimm dran ? « Er stutzte erschrocken , dann schüttelte er hastig den Kopf . » Aber Frau Lore - wie können Sie das alles - so persönlich nehmen ! Bei Ihnen liegt doch die Sache ganz anders . Hier , « er deutete auf die Akten - » hier diese Untersuchungen , die sind an der Masse der Halt- und Hilflosen gemacht ... Sie , Sie stehen doch ruhig und sicher , Ihrem Lörchen wird ein Heim und ein Halt nicht fehlen ; - freilich « , fügte er zaghaft hinzu , - » der Vater fehlt auch ihm , und das ist immerhin schlimm für ein Kind ; aber das kann ja auch sein , wenn die Mutter verwitwet . « Lore fuhr sich mit der Hand über die Stirn . » Sehen Sie , ich habe mir gerade im Gegenteil gedacht : die Kinder , die außerhalb jener - anerkannten Ehe geboren werden , welche doch oft aus allen möglichen Gründen , die mit - mit der freien Wahl zweier Menschen nichts zu schaffen haben , - geschlossen wird , - sehen Sie , - ich dachte mir , diese Außerehelichen , die so der freien Wahl ihr Leben verdanken , - gerade das ist eine besondere , - wie soll ich sagen - eine besondere ... «